20. Juni 2012

Wer hat Angst vorm weißen Mann? – Razzia gegen die „Unsterblichen“

Martin Lichtmesz

Spiegel Online berichtete gestern von einer Großrazzia gegen eine Gruppe rechtsradikaler Aktivisten, die sich "die Unsterblichen" nennen. Diese spuken seit ihrem Debüt in der Walpurgisnacht 2011 deutschlandweit, vor allem aber im Raum Brandenburg herum,  und haben eine ungewöhnliche Bildsprache entwickelt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Mit weißen Masken, die aus Carpenters "Halloween" stammen könnten, schwarzen Kapuzen und brennenden Fackeln organisieren sie gespenstische, vorzugsweise nächtliche Demonstrationen und warnen vor dem bevorstehenden "Volkstod" der Deutschen. Dieser Gegenentwurf zu den vorzugsweise von linken Gruppen (wie "Occupy" oder "Anonymous") benutzten Guy-Fawkes-Masken ist in seiner Symbolik freilich etwas zwiespältig.

Denn die "Unsterblichen" wollen, wie der Name schon sagt, nicht nur auf die inhärente Morbidität des herrschenden politischen Systems und der Gesellschaft aufmerksam machen, sie wollen auch gleichzeitig das "unsterbliche" deutsche Volk verkörpern, sozusagen für die mahnenden Ahnen sprechen, die uns daran erinnern, daß derjenige "unsterblich" ist, "der in seinen Kindern und Kindeskindern weiterlebt." Das geht in der Symbolwirkung womöglich eher nach hinten los: man hat das Bild eines Widerstandes geschaffen, in dem der Deutsche nur mehr als anonymes Gespenst, als todgeweihtes oder untotes Bleichgesicht auftritt.

Dazu kommt, daß der Effekt dieser Aufmärsche außerhalb der einschlägigen Milieus wohl ähnlich ausfallen wird, wie bei den verunglückten "Todesstrafe für Kinderschänder"-Demos: Otto Normalbürger, der ja aufgeweckt werden soll, gruselt sich dann wohl eher vor den fackeltragenden Gespensternazis als vor dem Volkstod. Taktisch ungeschickt ist auch die Polemik gegen die "Demokraten", die kaum auf fruchtbaren Boden fallen wird ("Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde", so Moeller van den Bruck). Andererseits kann man diese Form des Aktionismus auch als Reaktion auf die Dämonisierung der Szene verstehen: der "Nazi" wird schließlich in den Medien ohnehin schon als eine Mischung aus Vampir, Werwolf, Alien und Bundesaussätziger dargestellt. Warum also nicht gleich eine Spukgestalt spielen?

Dieses Vexierbild könnte man noch weiter spinnen: Für die Linke ist bekanntlich eher der "weiße" als der "schwarze" Mann der Dämon schlechthin, den es aus der Weltgeschichte auszutreiben gilt. Nur für die Linke? Wollen wir hier nicht unbemerkt lassen, daß ein Henryk M. Broder sich offen über das Verschwinden ("Volkstod") des "weißen" Europas (gab es denn je ein anderes?) freuen darf, ohne daß sich irgendeine löchrige Socke darum schert oder ihm böse Absichten unterstellt.

Die umgekehrte Wertung dieses Umwandlungsprozesses ruft dagegen die "Ghostbusters" des Staates auf den Plan, und vermutlich ist sie an sich schon ausreichend, um Maßnahmen zu rechtfertigen, denn wenn man sich die Berichte über die Razzien durchliest, fragt man sich, warum gerade diese Gruppe so intensiv unter Druck gesetzt und kriminalisiert wird. An den unangemeldeten ("illegalen") Demos allein kann es ja wohl nicht liegen. Was haben die Hausdurchsuchungen, die seit Monaten durchgeführt werden, denn zutage gefördert? Überraschenderweise Fackeln und Masken, und das firmiert dann in den Medien als "Beweismaterial". "Beweis" wofür? Daß der Betreffende an einer Demonstration teilgenommen hat? Ist das nun schon kriminell? Es geht hier offenbar vor allem um den Einschüchterungseffekt auf die Teilnehmer.

Das Innenministerium hat unterdessen im Gefolge der Razzien die maßgeblich an der Organisation der "Unsterblichen" beteiligte "Widerstandsbewegung in Südbrandenburg" verboten. Die Begründung, wie sie auf dem NPD-Groupie-Portal "Endstation Rechts" nachzulesen ist, fällt eher schwammig aus:

Die Aktivitäten der Vereinigung würden „sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung“ richten. Zweck und Tätigkeit des Vereins liefen außerdem den Strafgesetzen zuwider, heißt es in der entsprechenden Verbotsverfügung.

Da hätte man schon gern mehr darüber gewußt, was mit diesem "Gedanken der Völkerverständigung" gemeint ist, und welche "Strafgesetze" hier genau in Betracht gezogen werden.  Aber es ging den Behörden ohnehin nicht in erster Linie um die Vereinigung an sich - es ging darum, die Demonstrationen zu unterbinden, deren Kernbotschaft man offenbar nicht verbreitet sehen will.

Überhaupt scheint die Polizei momentan mächtig viel mit den Bösewichtern im Land zu tun zu haben. Razzien werden zur Zeit auch bei der Rockerbande Hell's Angels (siehe dazu Baal Müller in der aktuellen JF) verstärkt durchgeführt. Hier geht es offenbar vor allem um kriminelle Aktivitäten mit medientauglich-pittoresken Protagonisten. Ein Bekannter meinte mir gegenüber sarkastisch, daß sich die türkischen, kurdischen und sonstigen Banden nun freuen dürfen, daß der einzige überwiegend aus "Eingeborenen" zusammengesetzte Konkurrent, den sie noch haben, aus dem Weg geräumt werde.
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Das ist freilich nichts gegen die vermutlichen Oberbuhmänner des Jahres, die ebenfalls Gespenstern nicht unähnlichen, weil in Bettlaken eingehüllten "Salafisten". Auch diese bekamen nun eine massive Polizeirazzia zu spüren, und auch hier wurde eine Vereinigung (in Solingen) vom Innenministerium verboten - alles natürlich ganz hochdramatisch, und vermutlich sind wir nochmal in letzter Sekunde vor der Errichtung des Scharia-Staates errettet worden. Dem ging eine wochenlange mediale Kampagne voraus, deren Ubiquität allein schon zur Skepsis einladen sollte.

Nun mögen mich manche Leute, die es nötig haben, als "islamophob" einsortieren, aber Pierre Vogel und seine folkloristische Entourage machen mir noch am allerwenigsten Sorgen, und meinetwegen können sie soviele Korane verteilen, wie sie wollen (eigentlich gar keine schlechte Idee). Es ging in den letzten Wochen wohl nicht wenigen kritischen Zuschauern wie etwa dieser spekulationsfreudigen Bloggerin, die mutmaßt, daß hier ein "Sündenbock" und eine "künstliche Sau" geschaffen wurde, um das Dorf bei Laune zu halten und von den Kernproblemen abzulenken. In der Tat wußte bis vor kurzem noch kaum jemand, was "Salafisten" sind, obgleich Pierre Vogel bereits eine gewisse Semi-Prominenz in den Medien erlangt hatte. Nun sind sie plötzlich in aller Munde, mit der praktischen Folge, daß man, wie etwa in dieser ARD-Reportage, Wörter wie "Muslime", "Islam" oder "Islamisten" gar nicht mehr fallen lassen muß.

Und so erfahren wir, daß die Salafisten den Koran "wörtlich auslegen", nicht aber, daß dies in islamischen Ländern die Norm ist, und daß es andere Auslegungen des Korans eigentlich gar nicht gibt und diese angesichts seiner recht eindeutigen Anweisungen auch kaum möglich sind. Wir bekommen vermittelt, daß es ein paar böse Extremisten gibt, die das multikulturelle Idyll stören, nicht aber, daß es ein Dschihad-System gibt, das den Kontext bildet, vor dessen Hintergrund man sie betrachten und verstehen muß.

Aus dieser Perspektive sind die deutschen Salafisten einfach zu dämlich, um zu begreifen, daß sie sich mit ihrer revolutionären und rabiatislamischen Ungeduld nur Steine in einen Weg legen, der ihnen nach dem jetzigen Stand der Dinge ohnehin bestens bereitet und so angenehm wie möglich gemacht wird. Der in der islamischen Welt höchst einflußreiche ägyptische Prediger Amr Khaled hat seinen Glaubensbrüdern schon wiederholt gesagt, daß sie den Krummsäbel ruhig stecken lassen und sich stattdessen in ihren Gastländern anständig und konform verhalten sollen, denn der demographische Zug würde sie ohnehin früher oder später ans Ziel bringen.

Die Salafisten-Panik ist vor allem eine weitere Episode aus dem Genre der "Skandalokratie", die Felix Menzel in der aktuellen Druckausgabe der Sezession beschreibt.  Diese habe unter anderem die Aufgabe, die "eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit" zu verdrängen und zu diesem Zwecke eine "Debattenverhinderungskultur" zu schaffen.  So erregt man sich statt über den demographischen Niedergang lieber über Frauenquoten, als ging es um Kopf und Kragen, inszeniert einen Hype um "einzelne Beispiele gelungener Integration", ohne die weniger hoffnungsfroh stimmende Gesamtsituation zu betrachten, veranstaltet eine wohlfeile Hetzjagd auf Christian Wulff, statt über "die Führungskrise des Staates zu sprechen".

Auch die jüngsten dramatischen Razzien gegen die aktuellen "Staatsfeinde", ob "Unsterbliche" oder "Salafisten", sind eine Art von Management des Status quo, und haben letztlich keine andere Funktion, als den Blick auf tieferliegende Probleme zu vernebeln.
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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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