Sezession
26. Juli 2012

Identitäre Notizen zur Beschneidungsfrage

Martin Lichtmesz

Was das Reizthema des Sommerlochs, die religiöse Beschneidung, betrifft, so fallen mir dazu ein paar anekdotische Referenzen und ein paar grundsätzliche Dinge ein. Ich bin in dieser Frage tendenziell auf der Seite von Martin Böcker, bevorzuge aber einen anderen Ton.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Zuerst die Anekdoten: In einer späten und schon etwas ausgelassenen Runde fragte ich einen israelischen, mit Damen sehr aktiven Bekannten, ob die Abwesenheit eines Präputiums ihm irgendwelche Vor- oder Nachteile in der Anwendung des betreffenden Körperteils einbrächte. Er verneinte dies, bemerkte aber, daß er es eben nicht anders kenne, und sich darum auch niemals Gedanken darüber mache.  Ich sagte, daß ich in dieser Hinsicht schon aus ästhetischen Gründen froh sei, kein Jude zu sein. Er antwortete, daß es ihm genau umgekehrt ginge: ein unbeschnittenes membrum virile fände er häßlich und abstoßend. Ich wage nun zu behaupten, daß dies eine durchaus repräsentative Meinung war.

Die zweite Anekdote habe ich auf diesem Blog schon einmal ausführlicher geschildert.  Eine junge Berlinerin war durch die Konversion ihrer Schwester zum Islam in nachhaltiges Grübeln über die deutsche Identität und die Natur des Islams geraten. Konvertitentypisch hatte sich die Schwester, die einen Kurden geheiratet hatte, zur Fanatikerin entwickelt, die nach und nach die Brücken zur eigenen Familie abbrach.

Besonders aber hatte die junge Frau der Anblick ihrer beiden kleinen Neffen nach der Beschneidung schockiert, die in islamischen Gemeinschaften traditionell wesentlich später erfolgt als beim Judentum. Diese konnten vor Schmerzen tagelang nur mit gespreizten Beinen herumlaufen, ihre Hosen waren immer wieder blutbefleckt. Dieser Anblick sei erbärmlich gewesen.  Ihre Skepsis gegenüber dem Islam schlug nun in offene Abscheu und Ablehnung um.  Auch diese Reaktion ist wohl durchaus repräsentativ für Deutsche, die mit gewissen islamischen Sitten konfrontiert werden.

So vermute ich, daß es kein Zufall ist, daß die Beschneidungsfrage am Fall einer moslemischen Familie hochgekocht ist, und damit einen wunden und ungeklärten Punkt in der liberalen Ordnung der BRD offen gelegt hat. De facto war die Beschneidung "immer schon" unvereinbar mit dem im GG verankerten Recht auf körperliche Unversehrtheit; es ist lediglich bisher niemand auf die Idee gekommen, die Betroffenen, also in erster Linie die Juden, damit zu belangen. Das hat wohl den Grund, daß die Ausübung der jüdischen Religion den öffentlichen Frieden nicht stört und sich recht geräuschlos in das liberale System fügt, wie ja auch ein Beschnittener auf der Straße niemandem auffällt oder erkennbar ist. Die wachsenden sozialen und politischen Schwierigkeiten, die hingegen die Anwesenheit und Ausdehnung des Neu-Imports Islam in Deutschland bereitet, stehen auf einem anderen Blatt, und diese beginnen bereits jetzt, das System erheblich zu belasten.

Ein weiterer Punkt (und hier stimme ich Martin Böcker zu) ist, daß das Kölner Urteil tatsächlich einen prinzipiell religionsfeindlichen Beigeschmack hat. In der Urteilsbegründung heißt es:

Die in der Beschneidung zur religiösen Erziehung liegende Verletzung der körperlichen Unversehrtheit ist, wenn sie denn erforderlich sein sollte, jedenfalls unangemessen. Das folgt aus der Wertung des § 1631 Abs. 2 Satz 1 BGB. Zudem wird der Körper des Kindes durch die Beschneidung dauerhaft und irreparabel verändert. Diese Veränderung läuft dem Interesse des Kindes später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können zuwider. Umgekehrt wird das Erziehungsrecht der Eltern nicht unzumutbar beeinträchtigt, wenn sie gehalten sind abzuwarten, ob sich der Knabe später, wenn er mündig ist, selbst für die Beschneidung als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam entscheidet.

Nun ist die Vorstellung, daß Eltern abwarten sollten, bis Kinder "selbst über ihre Religionszugehörigkeit entscheiden" eine strukturell liberale, irreligiöse Idee, der ein spezifisches Konzept vom Selbstbestimmungsrecht des Individuums zugrundeliegt. Es gibt aber vom Buschmänneranimismus bis zur römisch-katholischen Kirche keine Religion und keine sie tragende Gemeinschaft, die auf dieser Art von freiem Auswahlrecht aufbauen könnte. Eine Religion ist ja keine Ware, kein Auto, das man sich nach Gusto beim Händler aussucht, sobald man volljährig ist und den Führerschein hat. Alle Religionen leben von der kontinuierlichen Überlieferungs- und Erziehungstradition ihrer Glaubensgemeinschaften. Wer hier die Axt ansetzt, erwischt die Wurzel. In diesem Punkt ist auch der theologischen Fraktion der Blauen Narzisse recht zu geben,ebenso wie dem österreichischen Kardinal Schönborn.

Das Kölner Gericht formulierte weiterhin:

Der Veranlassung der Beschneidung durch die Eltern soll auch keine rechtfertigende Wirkung zukommen, da dem Recht der Eltern auf religiöse Kindererziehung in Abwägung zum Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und auf Selbstbestimmung kein Vorrang zukomme, so dass mit der Einwilligung in die Beschneidung ein Widerspruch zum Kindeswohl festzustellen sei. Gleichwohl soll der gegen das Kindeswohl verstoßende und nicht entschuldigte Vorgang sozial unauffällig, allgemein gebilligt und geschichtlich üblich und daher dem formellen Strafbarkeitsverdikt entzogen sein.

Nach richtiger Auffassung kommt der Sozialadäquanz neben dem Erfordernis tatbestandspezifischer Verhaltensmissbilligung keine selbstständige Bedeutung zu. Die Sozialadäquanz eines Verhaltens ist vielmehr lediglich die Kehrseite dessen, dass ein rechtliches Missbilligungsurteil nicht gefällt werden kann.

Die Frage, ob ein Vorgang "sozial unauffällig, allgemein gebilligt und geschichtlich üblich" sei, läuft letztlich darauf hinaus, ob man die Ungleichen ungleich oder gleich behandeln soll.  Die im Grätschschritt und mit Blutflecken an den Hosen herumlaufenden Neffen der jungen Berlinerin sind im mehrheitlich deutschen Kindergarten "sozial auffällig", im kurdischen Kindergarten, in den sie vorsorglich von den Eltern gesteckt wurden, nicht. Der Vorgang wird in einer islamischen Gemeinschaft "allgemein gebilligt", in einer nur gemischten schon nicht mehr. "Geschichtlich üblich" sind die Praktiken des Islams in Deutschland nicht; wohl aber ist seit Jahrhunderten üblich, daß in Deutschland lebende Juden beschneiden, und daß dies geduldet wird, wie auch sonst überall auf der Welt.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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