Als Jürg Altwegg Armin Mohler lobte (Fundstücke 13)

Der Begriff der "Vergangenheitsbewältigung" klingt heute bereits ein wenig angestaubt. Er wird nur mehr ebenso selten benutzt wie "multikulturelle Gesellschaft".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Was die­se Schlag­wör­ter bezeich­nen, gehört aller­dings wei­ter­hin zum täg­lich Brot des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Lebens, und ihr Ver­schwin­den aus dem all­ge­mein gebräuch­li­chen Voka­bu­lar ist eher ein Indiz dafür, daß ihre Pra­xis zur chro­ni­schen Selbst­ver­ständ­lich­keit gewor­den ist.

“Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung”, die in der Regel pri­mär die “Bewäl­ti­gung” der “NS-Ver­gan­gen­heit” meint, wird auch im “Machtergreifungs”-Jubiläumsjahr 2013 wie­der eif­rig betrie­ben wer­den. Einer der wich­tigs­ten Vor­den­ker der “neu­en Rech­ten”, Armin Moh­ler hat die­sem The­men­kom­plex zwi­schen 1968 und 1991 gleich drei Bücher gewid­met. Sei­ne Kri­tik­punk­te sind bis heu­te aktu­ell:  was als “Auf­ar­bei­tung des 3. Reichs” und ähn­li­ches eti­ket­tiert wird, dient meis­tens der poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sie­rung, Mora­li­sie­rung und Sakra­li­sie­rung, als Mit­tel der Sinn­stif­tung eben­so wie der Erpres­sung, der Mani­pu­la­ti­on und Selbstlegitimation.

Der his­to­ri­sche Kon­text wird dabei zumeist unvoll­stän­dig, ein­sei­tig und par­tei­isch gezeich­net, wäh­rend stren­ge Sprach­re­ge­lun­gen dafür sor­gen, daß alter­na­ti­ve Nar­ra­ti­ve und Deu­tun­gen nicht nur gezielt mar­gi­na­li­siert, son­dern gera­de­zu geäch­tet wer­den. Damit wird eine wah­re His­to­ri­sie­rung gezielt blo­ckiert. Moh­ler hat all dies bereits in den spä­ten Sech­zi­ger Jah­ren mus­ter­gül­tig auf den Punkt gebracht. Damals konn­te er kaum ahnen, daß sich der von ihm kri­ti­sier­te Kom­plex in eine Dau­er­schlei­fe ver­wan­deln wür­de, die auch noch sie­ben Jahr­zehn­te nach Kriegs­en­de, nach dem Tod fast sämt­li­cher akti­ver Betei­lig­ter, mit gespens­ti­scher Hart­nä­ckig­keit in Gang gehal­ten wird.

Das hat mit dem nicht zu unter­schät­zen­den Unter­hal­tungs­wert der Sache eben­so zu tun, wie mit ihrer unge­bro­che­nen poli­ti­schen Ver­wert­bar­keit. Eine Aus­stel­lung im Deut­schen His­to­ri­schen Muse­um in Ber­lin etwa zum Jahr 1933ff läuft unter dem bezie­hungs­rei­chen Titel “Zer­stör­te Viel­falt”.  Und die in ihrem Image ange­schla­ge­nen öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­sen­der ver­su­chen zur Zeit mit allen Mit­teln, das unmu­tig gewor­de­ne Flim­mer­kis­ten­vieh von der Not­wen­dig­keit ihrer Exis­tenz und der GEZ-Gebüh­ren zu über­zeu­gen. Wie immer, wenn gar nichts mehr geht, wird der All­round-Joker, der brau­ne Peter gezuckt:

Der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk in Deutsch­land ist ein unab­hän­gi­ges und zuver­läs­si­ges Medi­um für alle Men­schen. Ent­stan­den als Gegen­ent­wurf zu den Pro­pa­gan­da­me­di­en im Natio­nal­so­zia­lis­mus, berich­tet er unab­hän­gig und stützt Demo­kra­tie und moder­ne Gesell­schaft. Er garan­tiert einen frei­en Zugang zu Infor­ma­tio­nen und bie­tet Raum für gesell­schaft­li­che Debatten.

Man ahnt, wie groß die Ver­zweif­lung beim ARD/ZDF sein muß. Die Har­fe “Demo­kra­tie und Mei­nungs­viel­falt”, gespielt von all jenen, die dafür sor­gen, daß das Gegen­teil ver­wirk­licht wird, klingt schief und ver­stimmt, und es ist kein Wun­der, wenn zuneh­mend weni­ger Men­schen für ihre eige­ne Indok­tri­na­ti­on bezah­len wollen.

Nun aber zum Fund­stück des Tages. Auf Wiki­pe­dia ist es heu­te dank der dort eisern wachen­den Auf­pas­ser eine stei­ni­ge Mis­si­on, in dem Ein­trag zu Armin Moh­ler Arti­kel aus von ihm beein­fluß­ten Orga­nen wie der Jun­gen Frei­heit oder der Sezes­si­on zu ver­lin­ken, mit­hin also von jenen Autoren, die am bes­ten über den Mann und sein Werk Bescheid wuß­ten. Der ste­reo­typ vor­ge­brach­te “Grund”: die­se Zeit­schrif­ten sei­en als Out­si­der des Medi­en­be­triebs nicht “repu­ta­bel”, mit­hin zitier­un­wür­dig, womit die Fra­ge der Deu­tungs­ho­heit mal wie­der geklärt und unlieb­sa­mer Infor­ma­ti­ons­fluß abge­blockt wäre. Ich habe aber nun etwas “Über-Repu­ta­bles” zu die­sem The­ma entdeckt.
Über Umwe­ge sind letz­te Res­te des Moh­ler-Nach­las­ses in mei­ner Biblio­thek gestran­det, dar­un­ter ein Sam­mel­band der FAZ mit Buch­re­zen­sio­nen aus dem Jahr 1982. Dar­in fin­det sich eine aus­führ­li­che Bespre­chung der zwei­ten Fas­sung von Moh­lers Buch “Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung oder Wie man den Krieg noch­mals ver­liert” aus der Feder sei­nes Schwei­zer Lands­man­nes Jürg Alt­wegg (FAZ, 14. Janu­ar 1982). Erschie­nen ist es 1980 im kon­ser­va­ti­ven Sinus-Ver­lag, der unter ande­ren auch har­te Bro­cken von Hans-Diet­rich San­der, Hans-Joa­chim Arndt, Gün­ther Rohr­mo­ser und Klaus Hor­nung herausgab.

Karl­heinz Weiß­mann, ehe­ma­li­ger Autor und lang­jäh­ri­ger Augur der ex-kon­ser­va­ti­ven “alten Tan­te” aus Frank­furt, bezeich­ne­te Alt­wegg auf die­sem Blog ein­mal als “Kon­for­mis­ten”, “Nazi­rie­cher”, “Links­li­be­ra­len der übli­chen Sor­te” und “Vete­ran im Kampf gegen ‘rechts’ ”. Das von Alt­wegg rezen­sier­te Buch Moh­lers spitzt die eher bedäch­tig for­mu­lier­te ers­te Fas­sung pole­misch zu, for­mu­liert angriffs­lus­tig-zupa­ckend, gibt sich unver­hoh­len natio­nal-per­spek­ti­visch und ent­hält – beson­ders sho­cking für den heu­ti­gen Leser – zusätz­lich eine unge­rühr­te Vor­stel­lung har­ter geschichts­re­vi­sio­nis­ti­scher Autoren und The­sen, die kurz zuvor in Frank­reich in einem ultra­lin­ken Ver­lag publi­ziert wurden.

Wäh­rend sich dar­auf heu­te mit Sicher­heit jeder belie­bi­ge Rezen­sent reflex­ar­tig, mit Schaum vor dem Mund, stür­zen wür­de, erwähnt Alt­wegg die­ses für ihn offen­bar unwich­ti­ge Detail nicht ein­mal. Moh­ler wird als unbe­que­mer Par­tei­gän­ger einer “Neu­en Rech­ten” vor­ge­stellt, aber nicht dif­fa­miert: er gehö­re zu den “anre­gen­den wie anstö­ßi­gen poli­ti­schen Schrift­stel­lern deut­scher Spra­che”. Der Ton der Aus­ein­an­der­set­zung ist durch­weg sach­lich, respekt­voll, ja wohl­wol­lend, wenn der Rezen­sent man­che The­sen Moh­lers refer­riert, etwa zur Ein­sei­tig­keit der Opfer­auf­rech­nun­gen, zum “Kon­for­mis­mus der Wohl­stands­ge­sell­schaft” und zur “mora­li­schen Pose des Sie­gers” als “Mit­tel, mit dem poli­ti­sche Zwe­cke ver­folgt wer­den”. Sei­ne Kri­tik sei über wei­te Stre­cken “bestechend” und “über­zeu­gend”.

Wo ihm Moh­ler zu weit geht, etwa in der man­geln­den Unter­schei­dung zwi­schen “per­ver­tier­ten” und legi­ti­men For­men der “geschicht­li­chen Aus­ar­bei­tung”, ver­sucht Alt­wegg, des­sen Hal­tung von innen her­aus zu verstehen:

Die man­geln­de Distan­zie­rung kann aus Moh­lers Wei­ge­rung, demü­tig zu Kreu­ze zu krie­chen, durch­aus ver­stan­den wer­den. Sein pes­si­mis­ti­sches Men­schen­bild – “es gibt Zonen im Men­schen, die dem mora­li­schen Kom­man­do ent­zo­gen sind” – durch­drun­gen von Gedan­ken­gut, das die Mög­lich­keit des Fort­schritts ausschließt.

Die Bespre­chung endet mit einer aus­drück­li­chen Lese­emp­feh­lung – denn an die­sem Autor käme man nicht so leicht vorbei:

Wer immer von der Not­wen­dig­keit und der Mach­bar­keit his­to­ri­scher Auf­klä­rung wie Bewäl­ti­gung über­zeugt ist, wird sich mit Armin Moh­lers in Form von The­sen for­mu­lier­ten Ideen aus­ein­an­der­set­zen, sich sei­nen kri­ti­schen Posi­tio­nen stel­len müs­sen. Eine größt­mög­li­che Ver­brei­tung und die ver­tief­te öffent­li­che Dis­kus­si­on ist ihnen zu wünschen.

Drei­ßig Jah­re spä­ter hat sich viel geän­dert, und man traut sei­nen Augen kaum, wenn man sol­che Sät­ze liest. Immer­hin erin­nern sie dar­an, daß die Din­ge in die­sem Land auch schon mal deut­lich zum Bes­se­ren stan­den, was “Mei­nungs­viel­falt” und “Raum für gesell­schaft­li­che Debat­ten” betrifft.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (6)

ene

6. Februar 2013 10:18

Lieber Herr Lichtmesz,

Sie erwähnen eine Ausstellung unter dem Titel "Zerstörte Vielfalt" in diesem Jahr hier in Berlin.
In der Tat handelt es sich um insgesamt an die 500 Veranstaltungen! Quasi der gesamte Ausstellungsbetrieb in diesem Jahr ist um dieses Thema herum geordnet. Ein Blick in das Radioprogramm (bin Radiohörer) zeigt mir, daß auch dieses Medium angeschlossen ist.
Die Vergangenheit wird immer präsenter...

Kurt Schumacher

6. Februar 2013 12:17

Einer der Gründe für den allgemeinen Linksruck ist das Ende des Kalten Krieges. Von 1949 - 1989 brauchte Amerika die Antikommunisten, und mit ihrer NS-Vergangenheit konnte man sie alle gut erpressen. Beispiel Gehlen (nicht der Philosoph, sondern der Geheimdienstler). In den "konservativen" Zeitungen der Bundesrepublik war es ganz normal, daß dort antikommunistische Töne angeschlagen wurden. Nach 1989 fiel das weg, und plötzlich waren alle "irgendwie links" (Augstein junior). Wenn man zum Beispiel eine beliebige Ausgabe der Springer-"Welt" von 1983 mit der von 2013 vergleicht, reibt man sich die Augen.

Kurt Schumacher

6. Februar 2013 12:33

P.S. Das bedeutet aber auch, daß Armin Mohler (oder jeder beliebige andere) gar nicht selbst "nach rechts" rücken mußte. Sondern da die offizielle Tendenz spätestens seit 1989 "alternativlos" (wie Frau Merkel sagt) dem befohlenen "Linksruck" folgt, kann man selbst bei seiner Meinung bleiben und rückt ganz automatisch immer weiter "nach rechts". Eine Frage der verschobenen Perspektive. Schlecht, wenn man eine ehrliche Haut ist, aber das Paradies für alle rückgratlosen Opportunisten und Wendehälse, die sich widerstandslos jeder neu befohlenen Wendung anpassen.

Rumpelstilzchen

6. Februar 2013 13:51

Fundstücke sind immer etwas Aufregendes.
Es fragt sich nur, ob sie die Bedeutung der Himmelsscheibe von Nebra haben, oder eher die einer schönen Muschel am Strand, von der man bei weiterem Spaziergang etwas ent-täuscht feststellt, dass es massenhaft ähnliche gibt.
"Überreputable" Fundstücke, die einer Entmoralisierung und Entsakralisierung dienen, gibt es durchaus.
"There is no business like Shoa-Business"(Abba Eban) zähle ich dazu.
Aber es gibt noch ein reputableres:
"Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes. Die Gerechtigkeit kommt nur dem Gerechten zugute und die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen" Altes Testament, Ez 18,19.

Oh, zerstörte Einfalt.
Die richtige Gesinnung ist kein Ersatz für rechte Verantwortung.

Inselbauer

6. Februar 2013 15:26

Solche Fundstücke machen mich traurig, es sind Gespräche zwischen Toten. Bronnen hat die schlimmsten Rezensionen zu seinen "rechten" Büchern ausgeschnitten, in die eigenen Exemplare gelegt und mit forschen Dialogen beschriftet: "Das ist natürlich im gegenteiligen Sinn zu verstehen, Tucholsky!", darauf: "Bronnen, Sie charakterloser Lümmel" usw. Ehrlich gesagt überstehe ich solche herrlichen Funde nicht unter einem Liter Roten. Das Schlimmste, was mir je passiert ist, war das Buch "Dreimal Österreich" von Kurt Schuschnigg; es trug die Widmung "Für Herrn Doktor Prähauser, es lebe Österreich! Wien, 7.3. 1938". Leider war drin auch ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1988 mit einem Leitartikel von Hans Rauscher (...)

M.L.: Say no more. Mein aufrichtiges Beileid.

Karolus

6. Februar 2013 21:17

@Rumpelstilzchen

Haben Sie Dank für das Zitat aus dem AT! Es war mir unbekannt, hängt jetzt aber auf einer Karteikarte notiert vor meinen Augen an der Wand.

Sie erlauben eine kleine Korrketur? Meines Erachtens muss es "O zerstörte Einfalt." heißen.

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