6. Februar 2013

Als Jürg Altwegg Armin Mohler lobte (Fundstücke 13)

Martin Lichtmesz / 6 Kommentare

UnskannkeenerDer Begriff der "Vergangenheitsbewältigung" klingt heute bereits ein wenig angestaubt. Er wird nur mehr ebenso selten benutzt wie "multikulturelle Gesellschaft". Was diese Schlagwörter bezeichnen, gehört allerdings weiterhin zum täglich Brot des bundesrepublikanischen Lebens, und ihr Verschwinden aus dem allgemein gebräuchlichen Vokabular ist eher ein Indiz dafür, daß ihre Praxis zur chronischen Selbstverständlichkeit geworden ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

"Vergangenheitsbewältigung", die in der Regel primär die "Bewältigung" der "NS-Vergangenheit" meint, wird auch im "Machtergreifungs"-Jubiläumsjahr 2013 wieder eifrig betrieben werden. Einer der wichtigsten Vordenker der "neuen Rechten", Armin Mohler hat diesem Themenkomplex zwischen 1968 und 1991 gleich drei Bücher gewidmet. Seine Kritikpunkte sind bis heute aktuell:  was als "Aufarbeitung des 3. Reichs" und ähnliches etikettiert wird, dient meistens der politischen Instrumentalisierung, Moralisierung und Sakralisierung, als Mittel der Sinnstiftung ebenso wie der Erpressung, der Manipulation und Selbstlegitimation.

Der historische Kontext wird dabei zumeist unvollständig, einseitig und parteiisch gezeichnet, während strenge Sprachregelungen dafür sorgen, daß alternative Narrative und Deutungen nicht nur gezielt marginalisiert, sondern geradezu geächtet werden. Damit wird eine wahre Historisierung gezielt blockiert. Mohler hat all dies bereits in den späten Sechziger Jahren mustergültig auf den Punkt gebracht. Damals konnte er kaum ahnen, daß sich der von ihm kritisierte Komplex in eine Dauerschleife verwandeln würde, die auch noch sieben Jahrzehnte nach Kriegsende, nach dem Tod fast sämtlicher aktiver Beteiligter, mit gespenstischer Hartnäckigkeit in Gang gehalten wird.

Das hat mit dem nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert der Sache ebenso zu tun, wie mit ihrer ungebrochenen politischen Verwertbarkeit. Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin etwa zum Jahr 1933ff läuft unter dem beziehungsreichen Titel "Zerstörte Vielfalt".  Und die in ihrem Image angeschlagenen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender versuchen zur Zeit mit allen Mitteln, das unmutig gewordene Flimmerkistenvieh von der Notwendigkeit ihrer Existenz und der GEZ-Gebühren zu überzeugen. Wie immer, wenn gar nichts mehr geht, wird der Allround-Joker, der braune Peter gezuckt:

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist ein unabhängiges und zuverlässiges Medium für alle Menschen. Entstanden als Gegenentwurf zu den Propagandamedien im Nationalsozialismus, berichtet er unabhängig und stützt Demokratie und moderne Gesellschaft. Er garantiert einen freien Zugang zu Informationen und bietet Raum für gesellschaftliche Debatten.

Man ahnt, wie groß die Verzweiflung beim ARD/ZDF sein muß. Die Harfe "Demokratie und Meinungsvielfalt", gespielt von all jenen, die dafür sorgen, daß das Gegenteil verwirklicht wird, klingt schief und verstimmt, und es ist kein Wunder, wenn zunehmend weniger Menschen für ihre eigene Indoktrination bezahlen wollen.

Nun aber zum Fundstück des Tages. Auf Wikipedia ist es heute dank der dort eisern wachenden Aufpasser eine steinige Mission, in dem Eintrag zu Armin Mohler Artikel aus von ihm beeinflußten Organen wie der Jungen Freiheit oder der Sezession zu verlinken, mithin also von jenen Autoren, die am besten über den Mann und sein Werk Bescheid wußten. Der stereotyp vorgebrachte "Grund": diese Zeitschriften seien als Outsider des Medienbetriebs nicht "reputabel", mithin zitierunwürdig, womit die Frage der Deutungshoheit mal wieder geklärt und unliebsamer Informationsfluß abgeblockt wäre. Ich habe aber nun etwas "Über-Reputables" zu diesem Thema entdeckt.
Über Umwege sind letzte Reste des Mohler-Nachlasses in meiner Bibliothek gestrandet, darunter ein Sammelband der FAZ mit Buchrezensionen aus dem Jahr 1982. Darin findet sich eine ausführliche Besprechung der zweiten Fassung von Mohlers Buch "Vergangenheitsbewältigung oder Wie man den Krieg nochmals verliert" aus der Feder seines Schweizer Landsmannes Jürg Altwegg (FAZ, 14. Januar 1982). Erschienen ist es 1980 im konservativen Sinus-Verlag, der unter anderen auch harte Brocken von Hans-Dietrich Sander, Hans-Joachim Arndt, Günther Rohrmoser und Klaus Hornung herausgab.

Karlheinz Weißmann, ehemaliger Autor und langjähriger Augur der ex-konservativen "alten Tante" aus Frankfurt, bezeichnete Altwegg auf diesem Blog einmal als "Konformisten", "Naziriecher", "Linksliberalen der üblichen Sorte" und "Veteran im Kampf gegen 'rechts'". Das von Altwegg rezensierte Buch Mohlers spitzt die eher bedächtig formulierte erste Fassung polemisch zu, formuliert angriffslustig-zupackend, gibt sich unverhohlen national-perspektivisch und enthält - besonders shocking für den heutigen Leser - zusätzlich eine ungerührte Vorstellung harter geschichtsrevisionistischer Autoren und Thesen, die kurz zuvor in Frankreich in einem ultralinken Verlag publiziert wurden.

Während sich darauf heute mit Sicherheit jeder beliebige Rezensent reflexartig, mit Schaum vor dem Mund, stürzen würde, erwähnt Altwegg dieses für ihn offenbar unwichtige Detail nicht einmal. Mohler wird als unbequemer Parteigänger einer "Neuen Rechten" vorgestellt, aber nicht diffamiert: er gehöre zu den "anregenden wie anstößigen politischen Schriftstellern deutscher Sprache". Der Ton der Auseinandersetzung ist durchweg sachlich, respektvoll, ja wohlwollend, wenn der Rezensent manche Thesen Mohlers referriert, etwa zur Einseitigkeit der Opferaufrechnungen, zum "Konformismus der Wohlstandsgesellschaft" und zur "moralischen Pose des Siegers" als "Mittel, mit dem politische Zwecke verfolgt werden". Seine Kritik sei über weite Strecken "bestechend" und "überzeugend".

Wo ihm Mohler zu weit geht, etwa in der mangelnden Unterscheidung zwischen "pervertierten" und legitimen Formen der "geschichtlichen Ausarbeitung", versucht Altwegg, dessen Haltung von innen heraus zu verstehen:

Die mangelnde Distanzierung kann aus Mohlers Weigerung, demütig zu Kreuze zu kriechen, durchaus verstanden werden. Sein pessimistisches Menschenbild - "es gibt Zonen im Menschen, die dem moralischen Kommando entzogen sind" - durchdrungen von Gedankengut, das die Möglichkeit des Fortschritts ausschließt.

Die Besprechung endet mit einer ausdrücklichen Leseempfehlung - denn an diesem Autor käme man nicht so leicht vorbei:

Wer immer von der Notwendigkeit und der Machbarkeit historischer Aufklärung wie Bewältigung überzeugt ist, wird sich mit Armin Mohlers in Form von Thesen formulierten Ideen auseinandersetzen, sich seinen kritischen Positionen stellen müssen. Eine größtmögliche Verbreitung und die vertiefte öffentliche Diskussion ist ihnen zu wünschen.

Dreißig Jahre später hat sich viel geändert, und man traut seinen Augen kaum, wenn man solche Sätze liest. Immerhin erinnern sie daran, daß die Dinge in diesem Land auch schon mal deutlich zum Besseren standen, was "Meinungsvielfalt" und "Raum für gesellschaftliche Debatten" betrifft.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (6)

ene
6. Februar 2013 10:18

Lieber Herr Lichtmesz,

Sie erwähnen eine Ausstellung unter dem Titel "Zerstörte Vielfalt" in diesem Jahr hier in Berlin.
In der Tat handelt es sich um insgesamt an die 500 Veranstaltungen! Quasi der gesamte Ausstellungsbetrieb in diesem Jahr ist um dieses Thema herum geordnet. Ein Blick in das Radioprogramm (bin Radiohörer) zeigt mir, daß auch dieses Medium angeschlossen ist.
Die Vergangenheit wird immer präsenter...

Kurt Schumacher
6. Februar 2013 12:17

Einer der Gründe für den allgemeinen Linksruck ist das Ende des Kalten Krieges. Von 1949 - 1989 brauchte Amerika die Antikommunisten, und mit ihrer NS-Vergangenheit konnte man sie alle gut erpressen. Beispiel Gehlen (nicht der Philosoph, sondern der Geheimdienstler). In den "konservativen" Zeitungen der Bundesrepublik war es ganz normal, daß dort antikommunistische Töne angeschlagen wurden. Nach 1989 fiel das weg, und plötzlich waren alle "irgendwie links" (Augstein junior). Wenn man zum Beispiel eine beliebige Ausgabe der Springer-"Welt" von 1983 mit der von 2013 vergleicht, reibt man sich die Augen.

Kurt Schumacher
6. Februar 2013 12:33

P.S. Das bedeutet aber auch, daß Armin Mohler (oder jeder beliebige andere) gar nicht selbst "nach rechts" rücken mußte. Sondern da die offizielle Tendenz spätestens seit 1989 "alternativlos" (wie Frau Merkel sagt) dem befohlenen "Linksruck" folgt, kann man selbst bei seiner Meinung bleiben und rückt ganz automatisch immer weiter "nach rechts". Eine Frage der verschobenen Perspektive. Schlecht, wenn man eine ehrliche Haut ist, aber das Paradies für alle rückgratlosen Opportunisten und Wendehälse, die sich widerstandslos jeder neu befohlenen Wendung anpassen.

Rumpelstilzchen
6. Februar 2013 13:51

Fundstücke sind immer etwas Aufregendes.
Es fragt sich nur, ob sie die Bedeutung der Himmelsscheibe von Nebra haben, oder eher die einer schönen Muschel am Strand, von der man bei weiterem Spaziergang etwas ent-täuscht feststellt, dass es massenhaft ähnliche gibt.
"Überreputable" Fundstücke, die einer Entmoralisierung und Entsakralisierung dienen, gibt es durchaus.
"There is no business like Shoa-Business"(Abba Eban) zähle ich dazu.
Aber es gibt noch ein reputableres:
"Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes. Die Gerechtigkeit kommt nur dem Gerechten zugute und die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen" Altes Testament, Ez 18,19.

Oh, zerstörte Einfalt.
Die richtige Gesinnung ist kein Ersatz für rechte Verantwortung.

Inselbauer
6. Februar 2013 15:26

Solche Fundstücke machen mich traurig, es sind Gespräche zwischen Toten. Bronnen hat die schlimmsten Rezensionen zu seinen "rechten" Büchern ausgeschnitten, in die eigenen Exemplare gelegt und mit forschen Dialogen beschriftet: "Das ist natürlich im gegenteiligen Sinn zu verstehen, Tucholsky!", darauf: "Bronnen, Sie charakterloser Lümmel" usw. Ehrlich gesagt überstehe ich solche herrlichen Funde nicht unter einem Liter Roten. Das Schlimmste, was mir je passiert ist, war das Buch "Dreimal Österreich" von Kurt Schuschnigg; es trug die Widmung "Für Herrn Doktor Prähauser, es lebe Österreich! Wien, 7.3. 1938". Leider war drin auch ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1988 mit einem Leitartikel von Hans Rauscher (...)

M.L.: Say no more. Mein aufrichtiges Beileid.

Karolus
6. Februar 2013 21:17

@Rumpelstilzchen

Haben Sie Dank für das Zitat aus dem AT! Es war mir unbekannt, hängt jetzt aber auf einer Karteikarte notiert vor meinen Augen an der Wand.

Sie erlauben eine kleine Korrketur? Meines Erachtens muss es "O zerstörte Einfalt." heißen.

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