Sezession
30. März 2013

Robert Bresson – Der katholische Avantgardist

Martin Lichtmesz

Bresson1Vor ein paar Wochen habe ich auf diesem Blog auf den Film "Der Teufel, möglicherweise" (1977) von Robert Bresson verwiesen. Wie es der Zufall will, zeigte das Filmmuseum Wien diesen März eine komplette Werkschau der Filme des schwierigen Meisters.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

"Schwierig" ist Bresson gleich in mehrfacher Hinsicht: zum einen hat er im Alleingang, nahezu gänzlich ohne äußere Einflüsse, eine eigene und bisweilen sonderbare Filmästhetik entworfen, die dem Zuschauer viel Konzentration und Offenheit abverlangt. Er war überzeugt, daß der Film, in dem er die (erst zu schaffende!) Zukunft der Kunst schlechthin erblickte, sich restlos vom Theater emanzipieren und eine eigenständige Sprache und Ausdrucksform erschaffen müsse. Der Weg dorthin führte für ihn über konsequente Reduktion der üblichen filmischen Ausdrucksmittel: der "schönen Bilder", der expressiven Lichtsetzung und Kamerabewegung, der Musikuntermalung, vor allem aber des Schauspiels, das Bresson von aller Theatralik und Dramatik zu reinigen suchte.

Letzteres ist für jemanden, der zum ersten Mal einen Film von Bresson sieht, vielleicht die größte Hürde: seine Laiendarsteller, von ihm bezeichnenderweise "Modelle" genannt, "sagen" ihre Sätze eher, als sie zu "spielen"; ihre Gesten und Körperhaltungen wirken bewußt abgezirkelt, einstudiert, steif, manchmal geradezu mechanisch. Dominik Graf schrieb einmal, sie "gehen wie an einer Schnur gezogen aus dem Bild" und betreten ebenso das nächste. Ihre Mienen sind meistens "neutral" und emotionslos.  Dieser (wenn man so will) inszenatorische "Tick", verstärkte sich im Laufe der Jahre, von Film zu Film, bis zu einem Grad äußerster Abstraktion.

Der Grund für diese "idiosynkratische" Vorgehensweise ist dunkel und im Ergebnis zuweilen zwiespältig: zum einen lehnte Bresson jegliche Form der Psychologisierung ab, zum anderen wollte er, daß die Menschen, die er als "Modelle" wählte (darunter unvergeßliche Gesichter und vor allem elfenhafte junge Frauen von einer eigentümlich "vergeistigten" Anmut), nicht als sich verstellende "Schauspieler", sondern durch das strenge Korsett der Schauspielführung als sie selbst wahrgenommen werden, ebenso wie Tiere, Gegenstände, und Geräusche, auf deren Präsenz und Authentizität der Regisseur besonderen Wert legte. Bresson wollte die Seele der Dinge der Welt, "an ihrem Ort", sinnlich (oder auch über-sinnlich) spürbar machen. Gerade deshalb sind seine Filme paradoxerweise weit entfernt von dem, was man gemeinhin unter filmischem "Realismus" oder "Naturalismus" versteht.

Sie zielen darauf ab, unseren eingerosteten und klischierten Blick auf die Dinge aufzubrechen und zu erneuern, sie wieder geheimnisvoll und fremdartig erscheinen zu lassen, und dies mit überraschend (und trügerisch) einfachen Mitteln. Dabei gelangen ihm sublime, oft erschütternd schöne Szenen, deren Wirkung tatsächlich "genuin" filmisch ist und kaum in Worte gefaßt werden kann. Es ist ein bißchen wie mit dem alten Witz: "Writing about music is like dancing about poetry."

Dabei kann man kaum sagen, daß die Abstraktion und die lakonisch-verkürzte Erzählweise seine Filme "klarer" und "einfacher" gemacht hätte, wie etwa bei seinem Quasi-Schüler Aki Kaurismäki. Im Gegenteil: besonders in seinen späten Filmen wirkt so manches mysteriös und kryptisch, und erschließt sich - wenn überhaupt! - erst bei wiederholtem Ansehen, und auch dann eher über das Gefühl als den Intellekt.

Bresson selbst war ein überaus rätselhafter und einzelgängerischer Mensch. Über sein Leben abseits seiner vergleichsweise wenigen Filme (13 Spielfilme in 40 Jahren) gibt es nur spärliche Informationen. Lange Zeit war nicht einmal sein genaues Geburtsdatum bekannt. Man weiß, daß er zunächst Malerei studierte und sich dieser Kunst zeitlebens verbunden fühlte. Zum Kino kam er relativ spät. Seinen letzten Film drehte er 1983, danach zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und starb 1999 im Alter von 98 Jahren.

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Procès de Jeanne d'Arc (1962), Au hasard Balthazar (1966)


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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