Sezession
26. März 2013

Französischer Blätterwald (3) – Alain Soral und das „Imperium“

Benedikt Kaiser

Das Imperium verstehenEs kommt auch in Frankreich nicht alle Tage vor, daß ein Autor, der radikaleren Geistesströmungen zugeordnet wird, mehr als 40.000 Exemplare eines einzigen Buches verkauft. Bei Alain Soral, Wanderer zwischen den ideologischen Welten, ist dies der Fall. Dieser französische Soziologe (Jg. 1958) legte bis zu seinem persönlichen Bestseller eine Reise durch politische Formationen hin.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) verließ er in Richtung des Front National (FN), in der Hoffnung, dort eine zeitgemäße Synthese aus sozialer und nationaler Frage voranbringen zu können. Nach Ränkeschmiederein über die Vergabe eines aussichtsreichen Listenplatzes zu einer anstehenden Wahl trat er aus der Partei Le Pens aus. Er näherte sich in migrantischen Milieus der französischen Hauptstadt schiitischen und zionismuskritischen bis offen israelfeindlichen Gruppen an. Dies gipfelte in seiner Kandidatur für die „Antizionistische Liste“, deren Wahlresultate – bis auf einzelne Achtungserfolge in der Banlieu der Hauptstadt – im Promillebereich blieben.

Hernach gründete er die linksnational-republikanische Gruppe „Egalité et Réconciliation“ („Gleichheit und Versöhnung“), an deren Spitze er bis heute aktiv ist und die außergewöhnlich stark auf seine Person zugeschnitten ist. Außerdem ist er verantwortlich für „KontreKulture“, einen Versandhandel mit Verlagssparte. Comprendre l’Empire („Das Imperium verstehen“) erschien 2011 aber nicht dort, sondern bei den Éditions Blanche. Vor wenigen Wochen wurde es neu aufgelegt. In diesem Werk, von dem Soral selbst sagt, er hätte es ebensogut „Soziologie der Lüge“ nennen können, weil die Herrschaft der Lüge grassiere, klagt Soral die Herrschaft des Westens, des Geldes und der Banken – was alles miteinander korreliere und das Imperium ergibt – an.

Der Autor steigt mit einer umfassenden Abhandlung über die Geschichte der Freimaurerei in Frankreich ein, die als „Gegenkirche“ den Siegeszug des liberalen Bourgeois erst ermöglicht habe. Daß viele Leichen und politische Weichenstellungen diesen Weg zum heutigen Imperium pflastern, führt Soral in einem detaillierten, allzu detaillierten historischen Rückblick aus. Nach einem Drittel des Großessays stellt Soral aber klar, was seiner Meinung nach heute der einzige übriggebliebene und relevante Faktor gegen die ausufernde Herrschaft des Marktes ist: der Islam und seine Finanzethik. Die katholische Welt hat sich überlebt, der Kommunismus ist untergegangen, was bleibt, sei die islamische Finanzpolitik, die sowohl den „Usura“ verbiete als auch die Verpflichtung des Eigentums auf das Wohl der Allgemeinheit betone. Hier wäre interessant gewesen, zu erfahren, ob Soral dies auch als grundlegende Alternative für Europa versteht – doch er widmet sich seinem großen Gegner und dessen Ideen.

War die Stütze des Ancien régime das Duo Adel–Klerus, so kontrolliere heute ein neues Tandem die öffentliche Meinung: das Zweigespann aus Politiker und Intellektuellem. Indem gemeinschaftlich an der Abschaffung tradierter Bindungen und realexistierender Demokratie als Volksherrschaft gearbeitet werde, entfremde sich diese Klasse von den Menschen; sie diene nunmehr pflichtbewußt – unterstützt durch massenmediale Propaganda – der Errichtung einer „Neuen Weltordnung“ (NWO). Diese baut, so Soral, auf den modernen Demokratien auf, deren konstituierende Wesensmerkmale wiederum volksferner Parlamentarismus und Markthörigkeit seien.

Gegen dieses „profane Imperium“ bringt Soral ihm imponierende Geistesgrößen in Stellung: die Traditionalisten Julius Evola und René Guénon, den Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon, den revolutionären Syndikalisten Georges Sorel. Allein, diese sind tot. Was tun, heute, in Frankreich, in Europa?


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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