17. Juli 2013

Schreibtisch, Garten, Alltag (XIX): Defaitismus?

von Götz Kubitschek / 2 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez55Lustlose Hühner im Gehege, die Eier werden knapp. Hitze und Trockenheit seit Wochen, verbrannte Erde, kaum ein Gedeihen. Wieso also sollte das Geflügel weitermachen, wieso, wenn eine Besserung der Lage nicht in Sicht ist? Laßt sie in ihren Staubkuhlen sitzen, treibt sie nicht hoch, es ist egal. --- Aber dann, hinter ein paar alten Zaunpfählen, das Gelege. So ist es immer,  irgendwo wird weitergearbeitet, während man siniert und alle Straßen in schwarze Verwesung münden läßt.

Die Druckausgabe der Sezession erscheint alle zwei Monate, und ein Arbeiten in diesem Rhythmus schreibt uns vor, daß alles Aktuelle in seiner sogleich kommentierbaren Aktualität keinen Eingang in unsere Zeitschrift findet. Dies wiederum bedeutet, daß das "Sedimentierte" (also: bereits Abgelagerte) unser Thema ist:

Was finden wir ab- und niedergesunken vor, wenn der aufgewirbelte Staub sich gelegt hat? Das heißt weiter: Die Energie, die jemand aus der Tageshektik und dem journalistischen oder politischen "am Ball bleiben" ziehen kann, ist nicht die Quelle der Sezession. Das Abgelagerte ist weniger aufregend als das Aufgewirbelte, und vor allem ist es meist nur eine weitere dünne Schicht auf jenen dünnen Schichten, die sich einst für den finalen Wirbel hielten.

Die Druckausgabe ist also auf diese Weise zun lesen. Sie ist der Ausdruck rechter Gelassenheit und Lebensnähe, ist rechter Realismus in bestem Sinne. Daraus Defaitismus oder eine große Versöhnung mit den Umständen abzuleiten, ist falsch. Wir kennen jene Defaitisten, deren manisch-depressives Auf und Ab mitreisend und niederdrückend ist, je nach Abendlektüre oder Vormittagsimpuls.

Wer so lebt und schreibt wie wir, muß sich fremd fühlen dürfen, ab und an, vor allem, weil er weiß, daß zur selben Zeit in der Druckerei das neue Heft fertiggestellt wird - mithin der neue Baustein zur Festigung des konservativen, rechten Fundaments. Defaitismus? Nein, nur die Suche nach dem unerschütterlichsten Antrieb für die Wortfindung und Formgebung der nächsten 50 Hefte. Seelen-Geologie, Humus-Bildung.

Sezession - diese Kunst der expressiven Loslösung, diese Hege und Pflege einer ebenso desillusionierten Wahrnehmungshaltung wie einer jähen Erruption  - das ist viel näher dran an der eigentlichen Situation unserer Zeit.

Die 55. Ausgabe hält Grundsätzliches von Karlheinz Weißmann, Manfred Kleine-Hartlage, Siegfried Gerlich, Günter Scholdt, Martin Lichtmesz und anderen bereit. Ellen Kositza hat sich mit den Mitford-Schwestern beschäftigt, von denen die eine neben Hitler saß, während die andere einem Kommunisten in den Spanischen Bürgerkrieg folgte, die dritte adlig  und die vierte den englischen Faschistenführer Mosley heiratete.

Abonnenten können am Dienstag mit dem Heft rechnen, Einzelbestellungen bearbeiten wir ab Freitag. Das Inhaltsverzeichnis ist hier abgelegt, dort kann auch bestellt werden.

 

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (2)

karlmartell
17. Juli 2013 18:43
Das Abgelagerte hat jenen unverwechselbaren haut goût, den Kenner schätzen.
Der Übergang zur Verwesung ist mitunter fliessend und dann wird es ungesund. So oder so.
Der richtige Zeitpunkt ist das Maß aller Dinge.
waldgänger aus Schwaben
17. Juli 2013 21:28
Defaitismus? Nein!

Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.