19. September 2013

Tod eines Kritikers: Der Reichs-Ranicker macht Platz

von Götz Kubitschek / 29 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

vorbeiIch bin beileibe nicht der erste, der das vermeldet. Aber ich gehöre zu den raren Stimmen, die in dem Ende dieser Ära die Chance für den Aufgang einer anderen Gestimmtheit sehen. Diese andere Gestimmtheit könnte sich niederschlagen in der Wiederentdeckung jener Autoren, die der in den vergangenen Jahrzehnten wirkmächtigste Kritiker deutscher Zunge, Marcel Reich-Ranicki, zerdrückt hat. Allen voran: Gerd Gaiser.

Über diesen Gerd Gaiser habe ich einmal ein Autorenportrait geschrieben, er hat mit Die sterbende Jagd einen Fliegerroman verfaßt, in dem Aussichtslosigkeit und Pflichterfüllung in eine seltsame Gleichgültigkeit führen. Magisch im Ton sind die Erzählungen Gib acht in Domokosch oder Der Mensch, den ich erlegt hatte, und diese Texte hatten Gaiser zu einer führenden Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur gemacht - bis Walter Jens und dann vor allem Reich-Ranicki auf den Plan traten, um diesen konservativen Autor zu erledigen.
Nun genügten Analysen und Kritiken noch nicht, um Gaiser als Gallionsfigur in Frage zu stellen, man mußte eine andere Gallionsfigur vorschlagen,

bekannte Reich-Ranicki nach getaner Tat, und so habe er
das seinige getan, um mitzuwirken bei der Schaffung einer anderen Gallionsfigur, die, ich will es offen sagen, ohne dem Verstorbenen ein Unrecht anzutun, nur eine Notlösung war. Ich meine Heinrich Böll.

Das ist, pardon, war typischer Reich-Radetzky-Ton: der Strippenzieher, der Überblicksleser, der Kritik-Stratege, der Leute warf oder hob, und der selbst diejenigen, die er hob, noch schnell vor Publikum demütigte. Dies ist übrigens nur ein Kennzeichen der Überheblichkeit von Kritikern bei gleichzeitigem Minderwertigkeitskomplex: Zum Autor hats halt nicht gereicht, obwohl man alles besser weiß ...

Das Reich-Ranicki einer der Erfinder des Kritikers als einer selbständigen Figur des Literaturbetriebs im Zeitalter der Massenmedien sei, hat Helmut Böttiger in seinem Buch über die Geschichte der Gruppe 47 herausgearbeitet. Ich habe dieses Buch in der 55. Sezession rezensiert und dabei über Reich-Ranicki geschrieben:
Weil letzterer noch besser als die anderen den medialen Unterhaltungswert der situativen Kritik begreift, wird er später  den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb erfinden, in dem die jungen Autoren nur noch den Hintergrund bilden für den Auftritt einer sich produzierenden Jury.

Zu ergänzen wäre, daß sich das in dem ganz auf Reich-Ranicki zugeschnittenen literarischen Quartett noch steigerte und seine massenkompatible Ausmendelung in Dieter Bohlens verbalen und psychischen Vernichtungsorgien gegenüber seinen vorher geladenen Jedermann-Stars findet.


Reich-Ranicki hatte Unterhaltungswert, also Publikum, also Marktwert. Aber nicht nur deswegen war er sakrosankt: Es ist die Mischung aus jüdischer Herkunft, Holocaust-Schicksal, deutschem Schuldkomplex, hohem Wiedererkennungswert der Stimme und fehlendem Gegner, die ihn zur Kritik-Instanz in Deutschland machte, vor allem, nachdem seine konservativen Kontrahenten Friedrich Sieburg, Hans Egon Holthusen und Curt Hohoff verstummt waren. Und so konnte er 1964 folgendes äußern:
Und gern möchte ich wissen, was ein Mann wie Gerd Gaiser auf der Zuhörertribüne des Auschwitz-Prozesses fühlen und denken würde. Das meine ich ganz ohne Ironie und Bosheit. Er hat damals mitgemacht, seither viele Bücher verfaßt, die aber, meiner Ansicht nach, fast immer von demselben Geist zeugen. Ist es denkbar, daß er sich tatsächlich nicht geändert hat? Ich möchte es doch nicht glauben.

Gaiser war danach fertig, erledigt, er, der Jagdflieger und Verfasser eines nationalsozialistisch angehauchten Gedichtbändchens (1941), der damals von nichts wußte, dennoch teuer für seine Vergangenheit bezahlte und dann 1968ff mitansehen mußte, wie auch seine Studenten (er lehrte Kunstgeschichte) Plakate jener Mao, Ho Chi Min und Lenin durch die Straßen trugen, von deren millionenfachem Mord man alles jederzeit wissen konnte.

Auch über Reich-Ranicki kann man mehr wissen, als alle wissen wollen. Ronald Gläser hat das 2009 für das Magazin eigentümlich frei zusammengefaßt, hier nachzulesen. Kann man - auch vor diesem Hintergrund - Gerd Gaiser rehabilitieren? Die Erbin seiner Buch-Rechte ist vernagelt, sonst wäre in der edition nordost längst Die sterbende Jagd angekündigt. Es gibt derlei Veröffentlichungsverhinderungsstrategien, angesichts derer man Lust auf Samisdat-Methoden bekommt ...

Für heute bloß: Der Reich-Radetzky-Marsch erklingt nicht mehr, es ist Platz für andere Töne. Und: Wer ein bißchen mehr erfahren will über die Zerstörung der deutschen Literatur nach dem Kriege, der kann zur Literatur aus der Schuldkolonie greifen, die Thorsten Hinz verfaßt hat. Von diesem 20. kaplaken-Bändchen sind gerade mal noch zwölf Exemplare zu haben. Eine 2. Auflage wird es nicht geben.

Zuallerletzt -  Michael Klonovskys Notiz zum Ereignis, datiert vom 19. September, also heute:
Er sei "das Gesicht der deutschen Literatur" gewesen, schreibt die "Welt" in einem Anfall von nekrologischer Pathosbesoffenheit über Marcel Reich-Ranicki. Aber nicht doch, er war, indem bei seiner Art, Literatur aufzunehmen, der Allerwerteste das Gehirn dominierte, allenfalls ihr Gesäß.

 

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (29)

Kiki
20. September 2013 00:19
Vor allem war er faules Fleisch vom faulen Fleische der Bundesrepublik; ein würdiger Repräsentant eines staatlich-kulturellen Gebildes, welches völlig von Kreaturen wie den Dodererschen HausmeisterInnen beherrscht, dominiert und geprägt wird.

Jemand wie der jüngst Verstorbene wäre in den großen Zeiten und Zentren der deutschen Kunst und Kultur wie zB im Wien der Jahrhundertwende allenfalls Tellerwäscher oder Eckensteher geworden, bei etwas Anstrengung vielleicht noch Schmierant; mehr wäre weder ihm noch allen anderen BlindgängerInnen der Butzelrepublik unter lebensechten Bedingungen gar nicht möglich gewesen.

Herr Klonovsky hat - wie so - oft recht, wobei man den Vergleich mit dem Hintern für die ganze Legion des derzeitigen "Eliten"personals hierzulande ziehen dürfte.



"Die sterbende Jagd" gibt es wenigstens antiquarisch und immer wieder auf kirchlichen Bücherflohmärkten, wenn das GemeindereferntIn schwungvoll den alten Mist aus der Pfarreibibliothek aussondert. Dort liegt Gerd Gaiser dann in der 50-Centkiste neben Bergengruen, Schneider, Hünermann und wartet auf brave Seelen, die ihn und die anderen bergen, weitergeben oder im heimischen Keller aufbewahren - für bessere Zeiten.
eulenfurz
20. September 2013 00:40
Aber wenigstens war das feinste Unterhaltungskritik: Daumen hoch, Daumen runter, und wenn das Publikum brüllt, dann doch wieder Daumen hoch. Er hinterläßt eine gähnende Leere und eine Unmenge an Biographien über sich und seine Meisterkunst. Schade, daß jetzt ein anderer Selbstdarsteller Amt und Würden übernehmen muß.
Rucki
20. September 2013 08:07
"Schade, daß jetzt ein anderer Selbstdarsteller Amt und Würden übernehmen muß."

...und der wird bestimmt nicht besser sein.

Immerhin hat M.R.R. zuletzt mal, publikumswirksam wie immer, einen Fernsehpreis abgelehnt. Die blöden Gesichter von Gottschalk und Co waren schon sehenwert.
Martin
20. September 2013 10:07
Der Mann war Jahrgang 1920, einer der Schicksalsjahrgänge, die alle in irgendeiner Form etwas von der Katastrophe um den WK II abbekommen haben und dabei gleichzeitig zu jung waren, um alles besser zu wissen ... diesen Jahrgängen ist, egal auf welcher Seite sie standen, nicht mit unseren heutigen Maßstäben zu begegnen. Gleichzeitig hatte er ein Alter erreicht, in dem man den Menschen auch eher nur noch zuhören sollte, wenn sie etwas zu sagen haben, als über sie zu urteilen, die Zeit für Urteile und Gefechte persönlicher Art war in den 50er, 60er und 70er Jahren, evtl. auch noch in den 80er Jahren (wir wissen alle, welche Seite diese Gefechte verloren hat), aber sie ist mittlerweile vorbei (was eine rein historische Betrachtung in den kommenden Jahren selbstredend nicht verbietet). M.R.R. ist gerade erst gestorben. Es ist nicht der Moment, zum nachtreten.

Und Gerd Gaiser hat seine Bücher auch trotz M.R.R., dessen damaliger Einfluss aus heutiger Sicht meiner Meinung nach überschätzt wird, weiterhin ganz gut verkaufen können und starb gut versorgt, bevor er mitbekommen konnte, dass er in Vergessenheit geraten konnte. Die "Nazi-Keule" war in der Vergangenheit noch lange nicht so hart und existenzgefährdend, wie sie in den letzten 20 Jahren geworden ist.

Übrigens: Der von M.R.R. als Gegentypus zu Gaiser ins Feld gestellte Böll teilt das Schicksal, des in Vergessenheit Geratens, doch auch seit einigen Jahren ... (allenfalls das Buch um die verlorene Ehre Katharina Blums wird immer wieder mal hervorgekramt - aber sonst?).
Marcus Junge
20. September 2013 10:20
Wieso schreibt eigentlich niemand etwas zu seiner Vergangenheit als polnischer Geheimdienstoffizier, in den polnischen Todeslagern für die Ostdeutschen, direkt nach Kriegsende? Selbst seine Kritiker schreiben nur bezüglich seiner literarischen Tätigkeit.
Inselbauer
20. September 2013 10:31
Mich hat, ehrlich gesagt, bei den Kritiken dieses Mannes immer ein gewisser Ekel ergriffen. Er hat zahllose schlechte Bücher in den Himmel gehoben und sich wie ein kleiner König aufgeführt. Der kleine Reich. Nil nisi bene.
Kim Laurenz
20. September 2013 12:18
De mortuis nil nisi bene.

Auch wenn inhaltlich durchaus einiges in Zukunft zurecht zu rücken sein wird, ist es dies doch ein Gebot der Selbstachtung.
Stil-Blüte
20. September 2013 13:54
@ Inselbauer
eher Abscheu

@Kiki
Ja, 'MRR ist gerade erst gestorben. Es ist nicht der Moment nachzutreten. Dann aber zügig ran an das Quellenstudium.

Für Interessierte: Amazon bietet noch Grainer an. Ran an die Bouletten und ordern. Auf dem 'Zwischentag' vielleicht nebenher ein Büchertisch zum Büchertausch von nicht mehr erreichbarer Lektüre?
Ein Fremder aus Elea
20. September 2013 14:13
Naja, und trotzdem hatte er die beste Literatursendung im deutschen Fernsehen.

Ich jedenfalls fand ihn besser als Elke Heidenreich.

Und mittlerweile dominiert Dieter Bohlen die Bewerbung von Kulturgütern.

Karasek war Napola, immerhin. Also so ganz einseitig war Ranicki da auch nicht. Nun ja, ich bin lange nach 1960 geboren und entsprechend wenig von Gaisers und Bölls Phase geprägt.
Michael Kanther
20. September 2013 14:37
Beim Lesen der Kommentare geht mir auf, dass ich nicht so viel über M.R.R. wusste, wie ich dachte. Geheimdienstoffizier "in den polnischen Todeslagern für die Ostdeutschen"? Dem muss ich mal nachgehen. Aber es bleibt doch erstaunlich, dass jemand, der die Hölle des Warschauer Ghettos erlebte und in der Shoah Eltern und Geschwister verlor, sich soviel Sympathie für Deutschland bewahren konnte. Ich habe von ihm nie etwas beleidigendes über den deutschen Geist, die deutsche Kultur gelesen oder gehört. Nun, vielleicht ist auch da meiner Aufmerksamkeit etwas entgangen. Reich-Ranicki hatte Maßstäbe für literarische Qualität - was wohl niemand bestreiten wird -, wenn er auch, wie jeder Kritiker, nicht gegen Fehlurteile gefeit war (wie es im Fall Gaiser gewesen sein mag). Den Kotau vor Säulenheiligen der alten Bundesrepublik wie Grass hat er jedenfalls verweigert, und die spektakuläre Zurückweisung des Vulgär-Fernsehpreises sollte man ihm auch zugute halten.
Couperinist
20. September 2013 18:59
Ich kann mich Michael Kanther nur anschließen. Man muss MRR vor dem Hintergrund seiner persönlichen Geschichte sehen. Jeder sollte sich mal kurz überlegen, ob er es schaffen würde, dieses Volk nicht abgrundtief zu hassen, für das was es ihm angetan hätte, wäre er in seiner Position.
nino
20. September 2013 20:54
@Couperinist

Dann muss man sich auch überlegen, ob man denn im Land gerade eben dieses Volkes leben will, das man so abgrundtief hasst. Aus Liebe zu diesem Volk kann es ja nich gewesen sein. Aus Liebe zur Literatur? Kann man den "Ausfluss" von etwas verhasstem wirklich lieben? Was wollte er also in Deutschland? Den Deutschen schaden? Wenn ja, braucht man Verständnis für den Feind?
Franz Schmidt
20. September 2013 21:08
In John Sacks "Auge in Auge" wird MRR am Rande erwähnt. Bis heute ist ungeklärt, inwieweit er zumindest an den "Wochenendparties" in den polnischen Lagern in Oberschlesien kurz nach dem Krieg teilgenommen hat oder aktiv beteiligt war. Dort wurden die Deutschen auf unglaubliche Art und Weise zur Belustigung gefoltert und ermordet.

Was mir auch fehlt, sind die Vorwürfe, daß er als kommunistischer Agent (Mitglied des polnischen Geheimdienstes) in London antikommunistische Polen ans Messer geliefert haben soll. Soweit ich mich erinnere, hat dies ein englischer Major, der nach Australien ausgewandert ist, in einem mir nicht bekannten Buch behauptet.

MRR war auf jeden Fall eine dubiose Figur und kein Freund der Deutschen, sondern ein gefährlicher Zersetzer.

Vielleicht kann hier jemand mehr darüber berichten.
Sänger
20. September 2013 21:13
Was hat "das Volk" "ihm" denn angetan?
Und sollten die Vorwürfe gegen ihn stimmen: Sollte nicht "das Volk" statt dessen "ihn" "abgrundtief hassen"?

Wer die Beurteilung Gaisers für ein Fehlurteil aus versehen hält, sollte vielleicht mal kalt duschen. Manchmal hilft das, um klarer zu sehen. Aber die natürlichen Abwehrkräfte sind wahrscheinlich für alle Zeiten perdu.
Irrlicht
20. September 2013 23:59
@Michael Kanther, Couperinist
Bei den von Ihnen angespochenen Themen gibt es eben einen grundsätzlichen, unversöhnbaren und dialektisch nicht aufhebbaren Widerspruch, der in plakativer Weise in Armin Mohlers "Notizen aus dem Interregnum" und Salcia Landmanns Antwort darauf zum Ausdruck kam.
mike
21. September 2013 02:10
Zu dem Thema Gaiser und der Verfügbarkeit seiner Werke sei nur kurz angemerkt, auf der Plattform eines ganz großen Onlinebuchhändlers gibt es die Werke gebraucht ab 2 Cent zu erwerben. Bis es zu neuen Auflagen kommen mag, hat ja ein jeer die Chance auch dort fündig zu werden, ohne die Flohmarkte und Antiquariate zu durchsuchen
eulenfurz
21. September 2013 02:18
Ohne sich mit dem Literaturpapst näher beschäftigt zu haben, stolperte ich mal über ein Interview, indem er auf die Frage, daß er die später hochgelobte Grass’sche Blechtrommel doch Jahre vorher verrissen hatte, antwortete: „Die Leute waren so hingerissen davon, dass ich es mir noch mal angesehen und festgestellt habe, da ist schon etwas dran.

Wie bitte?

Und soeben stolpere ich über Georg Kreislers Persiflage auf den Musikkritiker, und darin heißt es doch tatsächlich: „Ich geh in Konzerte und Opern hinein und höre den Unsinn dort an, den Leuten gefällt‘s und ich komm zu dem Schluß, an Musik ist vielleicht etwas dran.

Keine Groteske ist grotesk genug, daß sie nicht wahr wäre!
Inselbauer
21. September 2013 10:14
@ Sänger

Auch nach der täglichen kalten Dusche gefallen mir die Texte von Gaiser noch immer recht gut. Wenn man an dir Unmengen Morast denkt, die der Reich toll fand, hebt sich das auf jeden Fall wohltuend davon ab.
"Qualitätsunterschiede" in der Literatur der normalsterblichen Autoren werden drastisch überschätzt. Ob das jetzt 12 oder 15 cm literarische Potenz sind, ist doch für die kultivierte Leserin egal. Da kommt es auf das "gewisse Etwas", also die Ideologie, die Biologie und Übereinstimmungen beim Milieu an.
Ihnen, Sänger, möchte ich als kalte Dusche folgendes empfehlen: Lesen Sie bei Amazon Leseproben pädophiler Erlebnisliteratur, dann unmittelbar darauf zwei Texte vom letzten Bachmannpreis und wieder sofort darauf ein paar Seiten von Wolfgang Koeppen, der dem Reich so gut gefallen hat. Merken Sie was? Auf die inneren Werte kommt es an, sonst alles die gleiche Soße.
Martin Lichtmesz
21. September 2013 16:25
Klonovsky hat seinen Beitrag inzwischen etwas modifiziert und erweitert...


19. September 2013

Er sei "das Gesicht der deutschen Literatur" gewesen, schreibt die "Welt" in einem Anfall von nekrologischer Pathosbesoffenheit über Marcel Reich-Ranicki. Aber nicht doch, er war allenfalls ihr Gesäß. Gelesen hat er ja nun wirklich viel.

Die FAZ druckte als doppelseitigen Nachruf ein Best of seiner Einfältigkeiten und Eseleien: "Ähnlich wie Marcel Proust macht auch Nabokov süchtig"; "Vielleicht verdankt die Prosa Thomas Bernhards ihre Suggestivität auch ihrer Monotonie"; "Was immer die Epik des Philip Roth bedrohen mag – das Gespenst der Abstraktion ist es nicht"; "Nie hat er (Max Frisch) ... anschaulicher und anregender geschrieben". Und der Königssatz: "Er weiß: Erzählen heißt auswählen. Und er wählt souverän aus." Reich-Ranicki-Kritiken sind Modulbaukästen mit nahezu beliebig austauschbaren Teilen. Nie war er originell. Kein Satz von ihm besitzt literarische Qualität. Er liebte die Literatur, aber sie wies ihn zurück. Das Kompensationsgelärme, das er veranstaltete, gilt den Illiteraten als Literaturkritik. Er war ein Gaudi-Bursch, der den Leuten das gute Gefühl gab, wenn sie ein Buch nicht verstünden, läge das immer am Buch.

Das "Gemüt eines Dreschflegels" bescheinigte ihm Eckhard Henscheid, weil er im Jargon eines Bauernverbandsfunktionärs über ganze Literaturjahrgänge zu urteilen sich anmaßte. Der Keritiker hat damit Schule gemacht, sein Geist lebt unter anderem fort bei den kriterienfrei herumkrakeelenden Buchbeurteilern auf amazon und in der Jury des Dieter Bohlen. In gewissem Sinne muss auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher als sein Zögling gelten, was er im Nachruf eindrucksvoll unter Beweis stellt. Bereits die Überschrift "Ein sehr großer Mann" lässt Subtilitäten sui generis ahnen, und so folgt denn alsbald die epochale Feststellung, Reich-Ranicki sei "der große Kritiker in der Geschichte der deutschen Literatur und der größte unter seinen Zeitgenossen und Nachgeborenen" gewesen. Der Größte unter den Nachgeborenen, dergleichen Flachsinn verzapfte noch nicht einmal die kommunistische Propaganda. Schirrmacher weiter: "Natürlich würden ihn Superlative in diesem Nachruf nicht stören: der Größte, Wichtigste, Witzigste, Gefährlichste – und der Witz ist ja, das würde auch alles stimmen." Während der Superlativ des am stärksten auf den Kopf Gefallenen wiederum nur dem Herrn Schirrmacher zusteht.

Gleichwohl möge der Größte, der Große, der sehr Große und jedenfalls der Lauteste in Frieden ruhen.
Ein Fremder aus Elea
21. September 2013 17:43
Ist doch irgendwo lächerlich zu erwarten, daß die Besatzungsmächte ein Interesse daran hatten, daß der deutsche Kulturbetrieb Bücher hervorbringt, welche die öffentliche Diskussion auf die Frage: "Und was machen wir jetzt?" brächte.

Ranicki ist nach Deutschland gekommen, weil er hier Karriere machen konnte. Ganz einfache Geschichte. Ich fand seine Buchtipps ganz in Ordnung und bin ihm für seine Präsentationen dankbar. Und wenn man ihn, vielleicht nicht zu Unrecht, für in mancherlei Hinsicht erbärmlich halten sollte, erbärmlich eitel, zum Beispiel, sollte ihn das als gefährlichen Feind disqualifizieren.

Mir völlig unverständlich ist die Erwartung von Fairness von einem Kritiker. Selbstverständlich sind Kritiker nicht fair. Wäre ein Kritiker fair, würde er vielleicht zwei Mal gelesen oder gehört werden und dann wollte niemand mehr was von seinem langweiligen Kram wissen.

Ein Kritiker muß ein Arschloch sein. Das ist Berufsvoraussetzung. Es gibt ja viele von ihnen, das gleicht sich aus.
waldgänger aus Schwaben
21. September 2013 19:27
Auf focus.de war das letzte Interview mit MRR.

Letztes Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki„Das Alter ist fürchterlich. Es raubt einem alles“



Ein erschütterndes Zeugnis der Hoffnungslosigkeit und Verbitterung.


Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertigwerden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend.
...
Nein. Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken. Marx nannte Religion Opium fürs Volk.
...
Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis er uns schließlich ganz auslöscht.



Das Buch Hiob, eines der zentralen Werke der Weltliteraur, endet mit den Worten:

Dann starb Hiob, hochbetagt und satt an Lebenstagen.
RolandFr
21. September 2013 22:52
Habe soeben Gaisers "Die sterbende Jagd" billig für 1,99€ plus Porto bei ebay gekauft.
Vielen Dank für die Buchempfehlung.
ene
22. September 2013 10:50
Ich kann im Grunde überhaupt nicht verstehen, inwieweit ein Kritiker, der im Fernsehen auftritt und dort plakativ über Bücher spricht (oder palavert), für einen erwachsenen lesenden Menschen Bedeutung haben kann.

Wenn man jung ist, sucht man Orientierung, das ist denkbar. Aber dann findet doch jeder seinen Weg und seine Autoren allein. Man zieht seine eigenen Kreise, von da nach dort, man findet Querverbindungen, man macht Entdeckungen...es gibt Bücher, die man schon immer mal lesen wollte... allenfalls gibt es Freunde und Bekannte, auf die man "hört"...

Jeder wirkliche Leser ist mit "seinem" Buch allein.
Martin
22. September 2013 10:59
Die Diskussion und die meisten der darin vorgebrachten Argumente ist zu diesem Zeitpunkt einer Rechten doch ziemlich unwürdig ... spart Euch das doch bitte für einen der kommenden Todestage auf, bis dahin wird man mehr und belastbareres wissen.

Aber kaum das ein Mensch Tod ist, so los zu ledern - das ist doch eher eine typisch linke Tour ... mich stößt das ab ...
OJ
22. September 2013 11:48
Hier ebenso. Habe schon Fernau durch diese Seite entdeckt und freue mich nun auf ein weiteres Erlebnis.
Zadok Allen
22. September 2013 13:17
Ich möchte noch auf einen anderen Gesichtspunkt hinweisen: Reich-Ranicki war eine der letzten in der Öffentlichkeit präsenten Gestalten, die vor dem Einsetzen der immer noch sich beschleunigenden Bildungs-Implosion in den 1960er Jahren sozialisiert worden sind.

Bei aller berechtigten Kritik an den dunklen Punkten seiner Biographie und seiner für gebildete, reflektierte Leute freilich doch recht leicht durchschaubaren ideologischen Urteilsgründe in einigen Fällen sollte man doch nicht aus den Augen verlieren, daß er als Absolvent des klassischen deutschen Gymnasiums einen Kanon verinnerlicht hatte.

Er war - um ein häßliches Wort zu gebrauchen - durchaus ein "Multiplikator" der deutschen Kultur und Literatur, selbst wenn er subjektiv das Gegenteil beabsichtigt haben sollte. Die entscheidende Frage ist daher: was kommt denn nach ihm?

Oft habe ich in letzter Zeit den Eindruck, daß sich um die Kreise der Hiesigen eine große Blase gebildet hat. Man schlägt Schlachten, die längst geschlagen sind und diskutiert mit schärfster acies mentis über hochkomplexe Sachfragen der Kultur- und Geistesgeschichte, während draußen im Lande die nackte, analphabetische Barbarei Bacchanale feiert. Es kommt immer nur Nacht und mehr Nacht.
Rumpelstilzchen
22. September 2013 14:08
Hab' ihn früher öfters im Café Christine am Dornbusch gesehen. Sehr amüsant. Eine Institution.
Dass er den "Tod des Iwan Iljitsch als bestes Buch über das Sterben bezeichnet , gefällt mir. Das letzte Interview im Focus hat mich sehr berührt. Kein christlicher Trost. Nirgends.
Am Donnerstag ist die Beerdigung. Haltet Euch noch etwas zurück.
Schalom.
Michael Schlenger
26. September 2013 01:44
Kann mir jemand erklären, worin der literarische Wert oder der Erkenntniswert von Gerd Gaisers „Die sterbende Jagd“ liegt?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Als Sprössling einer alten Beamten- und Offiziersfamilie interessiere mich sehr für das Geschehen in den beiden großen Kriegen, die unsere Nation verstümmelt haben. Auch die konkreten technischen Aspekte der Panzerwaffe oder der Jagdfliegerei sind mir keineswegs fremd. Gern bekenne ich auch, dass mich die Leistungen der damaligen Ingenieure, Facharbeiter und Frontsoldaten faszinieren, übrigens unabhängig davon, auf welcher Seite sie tätig waren.

Aber literarischer Wert entsteht nicht bereits dadurch, auf das ohne Zweifel ungeheuer intensive Erleben und die Schicksale von Kriegsteilnehmern aufmerksam zu machen. Man muss dazu auch schriftstellerisch begabt sein. Gaiser ist es im Unterschied zu einem Ernst Jünger nach meiner Ansicht nicht in ausreichendem Maß.

Gaisers Stil ist hypertroph und undiszipliniert. Gewollt hohe, geradezu archaische Form mischt sich bei ihm mit plattem Landser- bzw. Fliegerjargon.

Und: Was will er uns eigentlich sagen? Dass die Piloten der Reichsverteidigung auf verlorenem Posten gekämpft haben und unsere Anerkennung verdienen, ist trivial. Eine neue Ilias entsteht nicht dadurch, dass man den Mut und Kampfeswillen gegenüber einem logistisch überlegenen Gegner mittels eines gesucht entlegenen Vokabulars und gewollt archaisierende Satzbildung thematisiert.

Mir scheint, als wolle man dem verstorbenen Kritiker aus seiner Ablehnung Gaisers einen zusätzlichen Strick drehen. Den braucht er gar nicht, es gibt offenbar genügend Gründe, ihn in einiger Hinsicht für einen problematischen Charakter zu halten. Ein eminent gebildeter und geistreicher Kopf war er dennoch, auch wenn seine Vita aus Sicht der hier brillierenden Tugendhelden möglicherweise den einen oder anderen Schatten aufweist.

De mortuis nil nisi bene – Das heißt nicht, über Verstorbene nur Gutes zu sagen, sondern das, was man sagt, gut zu sagen. Das fängt bei der Überschrift an....
Inselbauer
28. September 2013 23:04
Das Problem heisst Berlin-Wilmersdorf. Reich ist in Wilmersdorf aufgewachsen, und er war Jude. Seine Eltern waren wenige Jahre zuvor aus Polen gekommen, ihre Muttersprache war nicht Deutsch. Ich lasse mir gern von einem solchen Menschen die deutsche Sprache erklären (siehe Karl Kraus, der sicher tiefer verwurzelt war in der deutschen Sprache), aber nicht die deutschen Erzählungen und nicht die deutsche Lyrik. Selbst ein Genie wie Kraus hat in diesen Bereichen entweder total versagt oder selbst eingestanden, dass er nichts zu sahen hat.
Ich meine das nicht unbedingt völkisch. Wer keine Beziehung zur deutschen Provinz, zum einem deutschen Dialekt hat, und wer es im Gymnasium zu Wilmersdorf gelernt hat, kann mir auf der allerhöchsten Ebene gestohlen bleiben. Das Hohe, wie bei Kraus, hat Reich sowieso nicht zustande gebracht.

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