Finsterworld von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht

Das Ehepaar Christian Kracht (Drehbuch) und Frauke Finsterwalder (Drehbuch und Regie) hat einen Finsterworld betitelten Film gedreht,...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

der die­ser Tage in den deut­schen Kinos ange­lau­fen ist.  Sämt­li­che Leit­me­di­en haben Bericht erstat­tet. „Fins­ter­world hät­te eine zer­set­zen­de, skan­da­lö­se Far­ce über die­ses  ´häss­li­che Scheiß­deutsch­land´ wer­den können.

Statt des­sen ist der Film von Frau­ke Fins­ter­wal­der und Chris­ti­an Kracht poli­tisch abso­lut kor­rekt und furcht­bar lang­wei­lig.“ So sieht man es bei der Süd­deut­schen Zei­tung und mut­maßt, Kracht „hat­te offen­sicht­lich kei­ne Lust mehr, erneut in die rech­te Ecke gedrängt zu werden.“

Wie war das noch mal, und war­um, daß Chris­ti­an Kracht damals zur Divi­si­on Antai­os stieß?  Bes­ser: gesto­ßen wur­de, wie fast all sei­ne Kame­ra­den und Kame­ra­din­nen? Es war jeden­falls vor 2012 gewe­sen. Damals hat­te Krachts – bis­lang jüngs­ter – Roman Impe­ri­um feuil­le­to­nis­ti­sche Beiß­re­fle­xe ausgelöst.

Jenes Buch (Sez 47, 2012), so wur­de Kracht damals an pro­mi­nen­ter Stel­le nach­ge­sagt, „zei­ge vor allem die Nähe des Autors zu rech­tem Gedan­ken­gut.“ Gre­gor Diez hat­te Kracht damals im Spie­gel vor­ge­wor­fen, daß sein Buch „durch­drun­gen“ sei von „einer ras­sis­ti­schen Weltsicht“.

Aus einem 2011 publi­zier­ten email-Wech­sel mit David Woo­dard, einem ame­ri­ka­ni­schen Kom­po­nis­ten „mit einem sehr vaga­bun­die­ren­den Kopf, der offen ist für rechts­ra­di­ka­le Gedan­ken und Hel­den“ (Diez), schloß der Spie­gel­schrei­ber damals, daß Kracht ein teuf­li­sches Spiel treibe:

Was also will Chris­ti­an Kracht? Er ist, ganz ein­fach, der Tür­ste­her der rech­ten Gedan­ken. An sei­nem Bei­spiel kann man sehen, wie anti­mo­der­nes, demo­kra­tie­feind­li­ches, tota­li­tä­res Den­ken sei­nen Weg fin­det hin­ein in den Mainstream.

Dies alles ahn­ten die Feld­her­ren der Divi­si­on Antai­os nicht, als sie zu deut­lich frü­he­rem Zeit­punkt Kracht rekru­tiert hat­ten. Kracht war blond, eher klein, und Schwei­zer, das genügte.

Man hat­te sein Roman­de­büt Faser­land (1995) gele­sen, für wahr & gut befun­den, ein paar mal ver­schenkt, spä­ter den Roman 1979, noch bes­ser, noch öfter ver­schenkt. 2004 bis 2006 hat­te Kracht das Maga­zin Der Freund her­aus­ge­ge­ben, man war eini­ge Male dar­über ein­ge­schlum­mert. In Sezes­si­on 35 (2010) hat­te es ein freund­li­ches klei­nes Kracht-Por­trät gegeben.

Muß man sich nun die­sen fins­ter­wäl­de­ri­schen Kracht-Film anschau­en, der die „deut­sche Tugend der Ver­knif­fen­heit“ (taz) the­ma­ti­siert? Der „auf hal­ber Stre­cke zwi­schen Kla­mauk und Dra­ma ste­cken­bleibt“ (Tages­spie­gel)? Der sei­ne Wut und Wucht „selbst­zer­stö­re­risch gegen die geheu­chel­te Idyl­le des typi­schen Hei­mat­films“ (i‑ref.de) rich­tet und „auch von Ein­sam­keit“ han­delt und davon „wie Men­schen ihre Neu­ro­sen pfle­gen?“ Ein „Anti-Hei­mat­film“? (Deutsch­land­ra­dio) Der „eine Spur zu gedie­gen“ (taz) ist? Gar „lie­be­voll und poetisch?“

All die­se Film­be­spre­chun­gen hät­ten mich bei­na­he davon abge­hal­ten, mir Fins­ter­world anzu­schau­en. Selbst­zer­stö­re­ri­scher Kla­mauk und gedie­ge­ner Anti-Hei­mat­film – och, Kracht wäre im Zwei­fel auch dies zuzutrauen.

Aber: trau, schau wem! Ijo­ma Man­gold hat­te in der Zeit Kracht ein paar ganz gut geziel­te Fra­gen zum Film gestellt, die der Schrift­stel­ler in sei­ner ihm typi­schen Art sehr aus­wei­chend beantwortete:

Kracht: Deu­tun­gen sind jedem frei­ge­stellt, aber es ist ja gar nichts intendiert.

ZEIT: Nichts ist intendiert?

Kracht: Nichts.

ZEIT: Das ist ja fast schon ein Mys­te­ri­um: Der Autor inten­diert nichts, und der Leser denkt sich alles.

Kracht: (Pau­se) Das sind dann eben die Deu­tun­gen sekun­dä­rer Intel­li­genz, nach Geor­ge Steiner.

Also gut, es gibt immer­hin „Deut­ba­res“ im Film. Heißt: anschauen.

Und, was Wun­der, ich habe einen völ­lig ande­ren Film gese­hen als alle ande­ren Kri­ti­ker. Einen radi­kal anderen!

Es kom­men – in Epi­so­den­strän­gen, die nach und nach ver­knüpft wer­den – vor: Zunächst ein Mann, der in einer Wald­hüt­te haust und sich einen Raben gezähmt hat. Eine Pri­vat­schul­klas­se, uni­for­miert, Leis­tungs­kurs Geschich­te, die zu einem KZ-Besuch auf­bricht. Dar­un­ter zwei fie­se Salon­fa­schis­ten („Rea­dy for the KZ-Besuch?“), die den Gedenk­tru­bel und den arti­gen Leh­rer Nickel ver­spot­ten („Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger sind doch eigent­lich eine Erfin­dung der Eng­län­der?“) und zwei melan­cho­li­sche, unmo­dern wir­ken­de Musterschüler.

Des wei­te­ren: Ein alt­lin­kes Hedo­nis­ten­ehe­paar, das einen Miet­wa­gen für die Rei­se von Paris nach Deutsch­land buchen will, aber bit­te nicht in einem „Nazi-Auto“, also kei­nen Por­sche, BWM oder Mercedes.

Dane­ben ein mit­tel­al­tes kin­der­lo­ses Pär­chen, sie Film­stu­den­tin, er Poli­zist und ein heim­li­cher Fur­ry, sie frus­triert und ego­zen­trisch. Und, als wei­te­re Paa­rung: der Fuß­pfle­ger Clau­de und sei­ne Lieb­lings­pa­ti­en­tin, eine alte Dame.

Eine Zusam­men­fas­sung der Film­hand­lung spa­re ich mir, man fin­det das leicht im Netz. Ich möch­te hier nur auf jene Din­ge ein­ge­hen, die mir wun­der­sam sym­bo­lisch erschie­nen und die ich in kei­ner ande­ren Film­kri­tik gefun­den habe.

Um bei der „zen­trals­ten Sze­ne“ (Kracht) zu beginnen:

Die bra­ve Schü­le­rin, Nata­lie, groß­be­brillt, mit „Durch­blick“ also, ist im Allein­gang bei den Kre­ma­to­ri­um­s­öfen im KZ. Mit tas­ten­den Fin­gern erforscht sie die Mate­rie, riecht dar­an, schaut nach, ob even­tu­ell noch Ver­bren­nungs­res­te an ihren Fin­gern hän­gen geblie­ben sind. Sie will sich die Sache noch genau­er anse­hen, öff­net die Klap­pe, schaut in den Ofen. So ist das natür­lich nicht gedacht. Ein KZ ist ja kein inter­ak­ti­ves Erfah­rungs­feld! Da wird das Mäd­chen von hin­ten gepackt und in den Ver­bren­nungs­ofen gescho­ben, die Klap­pe wird ver­schlos­sen. Schreie ertö­nen und wer­den , viel spä­ter, zu einem Wimmern.

Bern­hard Schütz, der im Film den rei­chen Alt­lin­ken spielt, sag­te in einem rund­um dümm­li­chen Inter­view mit focus-online über die­se Sze­ne: „Die Hexe wird in den Ofen gescho­ben“. Was gröbs­ter Quatsch ist, denn das Mäd­chen hat im Film defi­ni­tiv kei­ne „Hexen“-Funktion. Die Ofen­sze­ne endet mit der Befrei­ung des Mäd­chens, die zugleich eine Besie­gung ist. Das Mäd­chen kehrt als eine ande­re aus dem Ofen wieder.

Nata­lie geht davon aus, daß der bie­de­re Leh­rer Nickel (ulki­ger­wei­se getauft nach Krachts engem Kom­pa­gnon und Der Freund-Mit­her­aus­ge­ber Eck­art Nickel) sie, womög­lich in Ver­ge­wal­ti­gungs­ab­sicht, in den Ofen bug­siert hat, und nicht die bei­den anfa­schi­sier­ten Schnö­sel, die es tat­säch­lich waren.

Die „zen­trals­te Sze­ne“ endet damit, daß das Mäd­chen dahockt und wim­mert: „Ich kann es nicht glau­ben, ich kann es nicht glau­ben“, wäh­rend es von oben don­nert: „Du m u ß t es glauben.“

Fort­an, die letz­te Film­sze­ne zeigt es, wird Nata­lie zu den „Bösen“ halten.

Inter­es­sant ist auch Nata­lies Lek­tü­re im Rei­se­bus, der Comic „Ghost World“, der zuletzt auf dem KZ-Boden liegt und vom Wind zer­fled­dert wird. Ghost­world lief vor über zehn Jah­ren im Kino, ein (her­vor­ra­gen­der) Film über die Außen­sei­te­rin Enid, die an ihrem ultra­li­be­ra­len Vater ver­zwei­felt und die sich ansons­ten von Kon­sum­idio­ten umge­ben sieht. Enid fliegt aus ihrer Kunst­aka­de­mie, weil (in völ­li­ger Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on) ein von ihr auf­ge­häng­tes Bild als ras­sis­ti­sche und anti­se­mi­ti­sche Aus­sa­ge gewer­tet wird. Auch der Mann, von dem sie das Bild, eine Rekla­me­ta­fel, gelie­hen hat, ver­liert dadurch sei­ne Arbeit.

Kracht sagt, der Film – sei­ner und Fins­ter­wal­des – gehe der Fra­ge nach, wie man schuld­los schul­dig wer­den könne.

Leh­rer Nickel for­dert nach sei­ner Füh­rung – bevor er als mut­maß­li­cher Miß­brauch­stä­ter inhaf­tiert wird – die Schü­ler ein­dring­lich auf, nun mit ihm über ihre Gedan­ken zu reden: Das sei so wich­tig! Wäh­rend Nickels län­ge­rer Rede sehen wir hin­ter sei­nem Kopf als Groß­pan­ora­ma nur eine in didak­tisch-päd­ago­gi­scher Absicht ange­fer­tig­te Schau­ta­fel, schwarz-weiß. Die Schü­ler schar­ren mit den Füßen und schweigen.

Zum Mann in der Wald­hüt­te: Der ist nicht irgend­ein tier­lie­ber Wald­schrat, den die Film­kri­ti­ker gese­hen haben. Er ist der Wald­gän­ger im Jün­ger­schen Sin­ne. Sein Wald ist traum­haft schön. Er ist licht­durch­flu­tet. Der gan­ze Film gleißt in hel­lem Licht. Hier, im Wald, gibt es einen schö­nen Wech­sel von Licht und Schatten.

Daß der Wald­gän­ger sich einen Raben hält, will ich nicht über­stra­pa­zie­ren, der Rabe ist ja genu­in ein dank­ba­res Sym­bol­tier, man darf an den Ger­ma­nen­gott Odin den­ken oder an König Artus. Ich habe beson­ders an Edgar All­an Poes The Raven den­ken müs­sen. Dort steht der Rabe sinn­bild­lich für eine trau­ern­de und nie enden­de Erin­ne­rung. Wem könn­te die trau­ern­de Erin­ne­rung der Krachtschen/Finsterwaldnerschen Wald­gän­gers gel­ten? Deutsch­land etwa? Bei Poe hört der trau­ernd zurück­ge­zo­gen Leben­de nur ein Pochen, bevor der Rabe ins Zim­mer fliegt.

Let my heart be still a moment and this mys­te­ry explore; -

‘Tis the wind and not­hing more!’

“Never, never­mo­re” lau­ten die nach­hal­len­den hoff­nungs­lo­sen Wor­te in Poes Gedicht.

Der Film Fins­ter­world ist nun ein­ge­rahmt von Cat Ste­vens´ hüb­schem Lied „The Wind“,  des­sen Refrain auf „never, never, never!“ geht. Es wird zum Film­be­ginn und zum Ende in Gän­ze abge­spielt.  Zufall? Oder Deu­tung „sekun­dä­rer Intelligenz“?

In einer Sze­ne gegen Fil­men­de fin­det der Wald­gän­ger sei­ne ver­bor­ge­ne Hüt­te völ­lig ver­wüs­tet vor. Die Ein­rich­tung liegt in Fet­zen ver­streut. Der Rabe ist tot. Ein höh­ni­sches Graf­fi­ti wur­de auf die Zim­mer­wand gesprüht. Wer flüch­tig schaut, liest HAHAHA! Wer die ent­schei­den­de Mil­li­se­kun­de wahr­nimmt, liest: AHAHAH! Die Initia­len sind bekannt. AH ist der, der einem alles ver­saut hat, auch und gera­de das Schö­ne, Wah­re & Gute.

Sze­nen­wech­sel. Mus­ter­schü­ler Domi­nik – der Alt­mo­di­sche – hat sich vor Errei­chen des KZ abge­setzt aus dem Rei­se­bus. Er streift durch die Land­schaft und fin­det einen Gesprächs­part­ner, dem er sei­nen Kum­mer über die ver­blö­de­te Erwach­se­nen­welt mit­teilt: einen Hirsch­kä­fer. Wes­sen Lieb­lings­tier war das noch mal? Nein, es war nicht H., es war J., natürlich.

Domi­nik wird dann zufäl­lig von dem alt­lin­ken Rei­chen­paar auf­ge­grif­fen, von dem man­cher Kino­kri­ti­ker mein­te, Kracht und Fins­ter­wal­der hät­ten sich in die­se Rol­len hin­ein­ge­schrie­ben. Die (Harfouch/Schütz) has­sen die­ses Land näm­lich abgrund­tief, und man­cher meint, auch unse­re Dreh­buch­au­toren täten dies. (Schließ­lich leben Kracht und Fins­ter­wal­der beharr­lich außer Landes.)

Die bei­den Anti­deut­schen im Film haben von der Auto­ver­mie­tung einen Cadil­lac gestellt bekom­men,  wunsch­ge­mäß ein Nicht­na­zi­au­to also. Man sieht die sich schnell dre­hen­den Auto­rei­fen und erkennt in dem Cadil­lac-Fel­gen­mus­ter deut­lich, wenn auch nur für den Bruch­teil einer Sekun­de, ein bizar­res Zei­chen: das Hakenkreuz.

Drin­nen, im Kokon des Fahr­ge­häu­ses, läs­tert das Paar gemüt­lich über die­ses beschis­sen häß­li­che Land. Domi­nik trägt sei­ne Theo­rie dazu bei. Die Häß­lich­keit in allem sei Absicht. Weil: Im Drit­ten Reich sei ja irgend­wie alles recht schön gewe­sen, bis auf die Ver­bre­chen. Sogar die Fahne!

Und weil man nicht wol­le, daß „sich das wie­der­holt“, habe man dafür gesorgt, daß heu­te alles ein­fach häß­lich sei. Schwarz­rot­gelb, und so wei­ter. Domi­nik wird die Fahrt nicht überleben.

Abschlie­ßend mei­ne beschei­de­ne Inter­pre­ta­ti­on der Paa­rung Fuß­pfle­ger Claude/ alte Dame. Clau­de ist ein Guter, ein nai­ver Mensch. Er mag die Alte wirk­lich. Er liebt sie sogar. Kracht selbst hat in der Zeit dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die Tätig­keit des Horn­haut­ab­ras­pelns als meta­phy­si­scher Akt zu ver­ste­hen sei.

In dem Film geht es um Schich­ten, die abge­tra­gen wer­den und somit deku­vriert. Aber was ist die The­ma­tik? Es heißt ein­mal in dem Film, man schmie­re die kaputt gebomb­ten deut­schen Städ­te mit Beton voll. Die­se ein­ge­trock­ne­ten Schmier­schich­ten abzu­ho­beln, dar­um geht es. Im Film gibt es den Fuß­pfle­ger Clau­de, der sei­ne klei­ne Fuß­schleif­ma­schi­ne ansetzt und das alles frei­reibt, die­se Horn­haut­schich­ten. Clau­de ist gewis­ser­ma­ßen mein Avatar.

Für mich, in mei­ner Inter­pre­ta­ti­on, steht die alte Dame für Deutsch­land, die­se olle, dem Tode geweih­te Nati­on. Die Alte  wird von ihren eige­nen Kin­dern (es ist  zufäl­lig das Hedo­nis­ten­paar mit dem Cadil­lac) geh­aßt,  ihr Enkel igno­riert sie. Dabei hät­te sie viel zu berich­ten! Ihr Mann war im Krieg und konn­te hin­ter­her sei­ne Hän­de nicht mehr gebrau­chen. Viel­leicht ist des­halb alles ver­fal­len und verwachsen.

Clau­de immer­hin, der Mann mit dem halb wol­ki­gen, halb an ein WC erin­nern­den Namen, die­ser halb ver­rück­te Mensch, küm­mert sich um die Alte. Er sam­melt die Hobel­spä­ne ihrer Füße ein und ver­backt sie als klei­ne unsicht­ba­re  Zutat zu Plätzchen.

Könn­te das Teil einer Kracht­schen Poe­to­lo­gie sein? Sachen in Mini­mal­do­sis ein­streu­en in einen umfas­sen­de­ren Kon­text, Sachen, die pur frag­los als anstö­ßig gel­ten müßten?

Clau­de sagt ein­mal zu der Alten: Nachts kann ich nicht schla­fen, weil ich an dich den­ken muß. Das darf man wohl als Anklang an die berühm­tes­ten Zei­len aus Hein­rich Hei­nes Win­ter­mär­chen ver­ste­hen: Denk ich an Deutsch­land in der Nacht/ dann bin ich um den Schlaf gebracht. Hei­ne war kein Vater­lands­ver­rä­ter, das ist die NS-Deu­tung. Er litt als exi­lier­ter Patri­ot an sei­nem Land.

Im Schrei­ben fal­len mir noch drei, vier wei­te­re Detail­in­ter­pre­ta­tio­nen sekun­dä­rer Intel­li­genz ein, die man zum Film anbrin­gen könn­te. Fins­ter­world ist eines die­ser Wer­ke, die noch lan­ge nach dem Anschau­en weiterarbeiten.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (43)

Herzog

22. Oktober 2013 04:39

Sehr geehrte Frau Kositza,

vielen Dank für diese schöne, einfühlsame, gedankenreiche, meditative Interpretation.

eulenfurz

22. Oktober 2013 07:44

Hirschkäfer, rotierende Felgen, mit Hahaha besprühte Wände - sowas bietet wohl stets die Steilvorlage für Verschwörungstheoretiker. Schlimm nur, daß man hier den dafür zuständigen Organen wie publikative und endstation-rächts zuvorgekommen ist, das gibt dort wieder Abzüge in der Alimentierung.

Was will ich mit einem Film, bei dem ich Kripo spielen und nach Effekten suchen muß? Oder soll das Enttarnen vermeintlicher Spitzbübeleien und Spitzfindigkeiten den Diezens und Sezessionisten lediglich dazu dienen, sich auf Kosten der Brauntönung eines bekannteren Literaten/Filmemachers ins Gespräch zu bringen?

Kositza: Wenn wir am Germanistischen Institut an der Uni "Kripo gespielt" haben, dann wurde das immer "Interpretation" genannt. Ich halte Kracht im übrigen keineswegs- genausowenig wie Jünger - für "braungetönt". (Genausowenig wie das Division-Antaios-Plakat Brauntöne aufweist.) Den Filmfaschos und demjenigen, der die Herberge des Waldgängers zerstörte und die AHAHAH-Unterschrift hinterließ, gilt auch ganz gewiß nicht Sympathie der Filmemacher.

Johannes Schüller

22. Oktober 2013 09:00

Sehr interessante Deutung.

War selbst bei der Vorstellung von Finsterworld in Dresden im Programmkino Ost dabei:

https://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/item/4186-deutscher-horror

Kracht hat sich dort, was die Interpretation betrifft, recht bedeckt gehalten. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass er sich um politisch unbequeme und geschichtsphilosophische Auslegungen seiner Bücher prinzipiell herumwindet - auch wenn die ihm natürlich klar sein sollten.

Darauf, dass die alte Dame Deutschland symbolisiert, bin ich noch nicht gekommen. Ist aber insofern interessant, da Kracht im Interview in der FAS vor einer Woche selbst sagte, er könne sich am ehesten mit dem sie liebenden Fußpfleger Claude identifizieren. Das würde schon viel sagen...

Mir kam eher der Einsiedler als Personifizierung des verlorenen, in der Finsterworld zubetonierten Deutschlands vor. Dafür könnte auch der Rabe als (verletzter) Göttervogel stehen. Die tragische Qualität von Finsterworld liegt ja auch darin, dass ausgerechnet mit ihm ein - unschuldiger - Idealist Dominik erschießt, der ebenso vor Neudeutschland flieht. Vielleicht gibt es bei Kracht und Finsterwalder diesen Verfallsprozeß auch gar nicht, aber es ist doch schon recht bezeichnend, wie die Familie der Sandbergs von Generation zu Generation abgebrühter und zynischer wird. Da steckt mehr dahinter als ein dramaturgischer Kniff.

Sehr interessant ist auch das (bisher knappe) Filmwerk von Krachts Frau Frauke Finsterwalder, die ja aus dem Dokumentarfilm kommt. Sie hat einen Film über ein gescheitertes Pyramidenprojekt in Sachsen-Anhalt gedreht. Bei Dessau sollte "die erste Völker, Kulturen und Religionen verbindende, international vermarktete Grab– und Erinnerungsstätte" entstehen. Und Finsterwalder zeigt, wie sich die Dorfbewohner Schritt für Schritt von diesem Wahnsinn entfernen... So harmlos, wie das Feuilleton Kracht mit dem jüngsten Film machen will, scheint er mir dann doch nicht.

Th.R.

22. Oktober 2013 11:20

Was verwundert, ist, dass die Feuilletonisten der Systemmedien die vielen Andeutungen in diesem Film nicht gesehen oder nicht erkannt haben. Oder es vielleicht nicht wollten. Die letzte Aburteilung Krachts, wegen dessen `Imperium´, ist bekanntlich nicht so glimpflich für die etablierte Feuilletonistenzunft ausgegangen, und man hat daher wohl Angst, sich jetzt aufs Neue die Zunge damit zu verbrennen, Kracht gegenüber das `N-Word´ auszusprechen.

Zu Hoffen ist, dass der eine oder andere System-Schreiber sich den Film erneut anschaut, und dann genauer hinguckt. Denn dass Kracht hier eine Botschaft rüberbringen will, die im Grunde eine Anklage und Abrechnung mit den in der BRD herrschenden geistigen Zuständen ist, darüber kann man doch nicht kalt so einfach hinwegsehen. Und es ist schon wieder regelrecht bösartig, so zu tun, dass ` Finsterworld´ bloß ein `Anti-Heimatfilm´ sei (Was natürlich für den Fall richtig wäre, dass jemand die BRD als seine Heimat begreift. Nun, wer d a s nötig hat...)

Andererseits muß auch die Möglichkeit nüchtern in Betracht gezogen werden, dass diesen System-Feuilletonisten schlicht das innere Sensorium fehlt, bestimmten Symbolen und Andeutungen überhaupt noch gewahr zu werden. Diese Auftragsschreiber des Systems sind schließlich auf
völlig andere Ansichten eingestellt und ausgerichtet, woraus dann wohl auch eine Art innere Verkümmerung der Wahrnehmungsorgane resultiert. Deswegen auch diese Unfähigkeit, bestimmte Dinge überhaupt nicht mehr sehen zu können, - die wir hingegen klar und deutlich sehen!

Wie immer dem auch sei. Der Film scheint vielversprechend zu sein, wenn man so liest, welche Details Kracht da alles hineingebastelt hat.

Berthold Lauterbach

22. Oktober 2013 11:22

Finsterworld ist ein bitterböser Film voll überraschender Wendungen und mitnichten linkes Kino. Worüber sich meine linksliberal angehauchten Sitznachbarn dabei so trefflich amüsiert haben könnten, bleibt schleierhaft - und beweist einmal mehr das hintergründige Geschick der Filmemacher.

Bundschuh

22. Oktober 2013 11:58

Es gibt einen Film aus 2002 mit dem Titel "VOM HIRSCHKÄFER ZUM HAKENKREUZ", der u. a. Dokumentarfilme von vor 1945 collagiert. Da Frau ke Finsterwalder aus der Dokumentarfilmecke kommt, wird Sie den Film kennen und zitieren. Der Jüngerbezug mag aber außerdem beabsichtigt sein.

Martin

22. Oktober 2013 12:20

Der Film läuft natürlich nicht in den Provinzkinos meiner Region. Ich könnte mir stattdessen "00 Schneider" oder "Drecksau" anschauen, was ich aber nicht tun werde ...

Wenn der Film "Finsterworld" aber nur ansatzweise so öde ist, wie der Roman "Imperium" (what the h... soll bitteschön daran N. gewesen sein?), dann warte ich nicht einmal auf die DVD-Ausgabe ...

Ich erinnere mich aber gerne an Krachts Reiseberichte, die in "Der gelbe Beleistift" veröffentlicht wurden und an "Faserland", das Buch für die Generation Barbour-Jacke ...

Martin Lichtmesz

22. Oktober 2013 12:54

Was mich an der SZ-Kritik stutzig gemacht hat: einerseits hat der Rezensent bemosert, daß "Finsterworld" das "Scheißdeutschland" nicht in den Boden stampft, andererseits, daß er zu "politisch korrekt" sei und K. diesmal nicht den "Kryptorechten" spielen wolle (das ist natürlich von Seiten der SZ besonders gemein geheuchelt)... eine solche Schiefheit verweist wohl auf einen erheblichen Verständniskonflikt seitens des Rezensenten.

Inselbauer

22. Oktober 2013 13:25

Dieser Kracht hat mich immer ein wenig an Arnolt Bronnen erinnert, und zwar an dessen Phase, als er nach dem Krieg versucht hat, mit Eichenlaub am Kragen den Bolschewiken zu geben. Leider hat Kracht nicht den Mut, radikal schlechte Texte zu veröffentlichen, und im vorliegenden Filmfall wird wohl auch noch die Vernunft der Ehefrau dazwischen gekommen sein. Ich würde ihn in die Pflicht nehmen, und versuchen, ihm ein paar minderwertige nationale Prosastücke für eine Veröffentlichung abzuknöpfen.
Die Besprechung finde ich auch sehr gut, vorwärts Frau Kositza, gegen die Literaturfremde der Rechten, gegen die alles beherrschende populärwissenschaftliche Ästhetik in diesem virtuellen Milieu!

Nils Wegner

22. Oktober 2013 13:29

@ Bundschuh: Dabei aber bitte nicht vergessen, daß es sich bei "Vom Hirschkäfer..." um einen fürchterlichen, sich krampfhaft experimentell und innovativ gebenden Volkspädagogik-Streifen handelt, der auch mit Konditionierung zu arbeiten versucht. Siehe etwa die Einblendung von Ameisen und sich kringelnden Maden, wenn "unbequeme" Personen zu Wort kommen; ebenso die inszenatorische Mystifizierung eines Berufsdenunzianten wie A. Schobert selig.

Ich sehe da eher weniger Anknüpfungspunkte und hoffe auch, daß es sie nicht gibt.

Bootsmann

22. Oktober 2013 13:38

Der Film ist gut, zweiffellos. Aber man sollte vermeiden, sich Krachts verkrachtes Gestammel dazu anzuhören oder zu lesen. Das ist nicht interpretierbar, sondern einfach nur peinlich … Das mit der Schokolade haben sie eben drauf, die Schweizer …

Armand

22. Oktober 2013 13:46

Der SZ-Rezensent offenbart in folgendem Satz seinen geistigen Horizont:

"Finsterworld" hätte eine zersetzende, skandalöse Farce über ein nationalistisch-narzisstisches Deutschland sein können.

Allem Anschein nach sollte und wollte der Film gerade dies eben nicht sein. Also kann ich diesen Vorwurf nur dann an die Macher von "Finsterworld" richten, wenn ich den Film nicht verstanden habe. Rezensenten, die Adjektive wie "nationalistisch-narzisstisch" benutzen, sind derart ironiefrei, dass sie ohne weiteres ein Teil des von ihnen zerrissenen Films sein könnten. Ein linkes Dilemma...

Albert

22. Oktober 2013 16:17

Frau Kositza, Ihre Deutung und die Assoziationsketten beeindrucken mich, und bestimmt hat der Film eine Menge Tiefgang. Richtig neugierig hat mich das aber nicht gemacht.

Traurig für unsere Filmszene finde ich es schon, daß man dererlei Hirn- und Assoziationsakrobatik betreiben muss, um mal einen etwas anderen Film zu sehen.

Kositza: Sie können den Film getrost auch ohne jede Akrobatik ansehen und werden dabei deutlich über Mittelmaß unterhalten. (Das restliche Kinopublikum war sehr amüsiert.)

OG d.R.

22. Oktober 2013 22:34

Der KZ-Spruch ist eine Provokation, die sitzt. Weniger gut, die elendig langen Mono- und Dialoge von psychopathischen Charakteren und sexuellen Anspielungen und Entgleisungen. Davon haben wir in der Realität schon mehr als genug, so daß sie weder Provokations- noch Unterhaltungseffekt beim geneigten Filmschauer hervorrufen können.

Insgesamt wirkt der Streifen auch nicht viel besser als der unsägliche Improvisationsschrott „00 Schneider“.

Derzeit also besser mit Klassikern beschäftigen!

Deutsches Kino verpasst man hier sowieso nicht, denn Kracht und Finsterwald sind kosmopolitische Weltbürger, die in Nordamerika zur Schule gingen und zwischen ihren florentinischen und ostafrikanischen Residenzen herumsausen mit Zwischenstops in Deutschland um ihre Filme und Bücher zu verkaufen.

Irrlicht

22. Oktober 2013 23:25

Das Graffito HAHAHA! nimmt natürlich Bezug auf den tiefschürfenden, jedes wichtige Ereignisse begleitenden Ausspruch "HAHA" von Backenbuckel, den hundsköpfigen Pavian in Alfred Jarrys Roman "Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll". Und die Kritik? Ist Kositza selbst besessen vom Bestreben, NS-Bezüge auszubreiten - nicht ohne die obligatorische Portion Abscheu -, eine deformation professionnelle bundesrepublikanischer Germanistik, oder ist es eine Persiflage auf ebenjenes Verhalten, dessen sich SZ&Co diesmal enthielten?

Kositza Sie zerknirschen mich... Natürlich war es völlig absurd von mir, "NS-Bezüge" auszubreiten - ausgerechnet bei einem Film, der zu beträchtlichen Teilen im KZ spielt...

OJ

22. Oktober 2013 23:57

Die Deutung der alten Dame als "Deutschland", dessen Wucherwuchs (Hornhaut=betonverschmierte Großstädte) von einem Liebhaber (Claude=Kracht) abgetragen wird (u.a. so ja auch in Faserland, ich erinnere nur an die grandiose "Neckarauen"-Sentenz), besticht!

Das "HAHAHA" erinnert mich eher an die sinnlose Zerstörungswut der Moderne, die der "Nichtkonsument Einsiedler" als Strafe erleiden muss. Insofern hätte da auch "#YOLO" stehen können.

Kositza:Ja, aber es steht eben AHAHAHA da, nicht HAHAHA und nicht YOLO.

Gustav Grambauer

23. Oktober 2013 00:58

@Herrn Lichtmesz

Mir fällt seit etwa einem Jahr auf, daß das sich Teile des Juste Milieu zunehmend (nicht: politakorrekt, nicht: politinkorrekt sondern) betont politantikorrekt geben, dies wurde mir neulich erst wieder mit dem Aufmerksam-Werden auf Somuncu im Zusammenhang mit Lucke bei Will deutlich, ich erspare den geschätzten Lesern eine Verknüpfung zu dessen Kabarett-Nummern.

Diese Tendenz der immer höheren Blüte des Sophismus paßt zugleich sehr zum ebenfalls beobachtbaren Ausufern der Dekonstruktions-Manie, die letztlich alles auffressen wird (wie eben die Revolution ihre Kinder ...). Ich gehe dabei im Prinzip von vorsätzlichem Handeln aus, auch wenn bisweilen einmal ein Text klüger sein sollte als der ihn verfassende Praktikant, das Unterbewußtsein ist schließlich auch ein Bewußtein.

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Auch in diesem Interview

https://www.youtube.com/watch?v=iaQluzv4p9Y

gibt es - für mich - eine "zentrale Szene", bei 2 : 36, an der Frau Finsterwalder sich bemüht, die Zeichnung der Charaktere als "liebevoll und nicht von oben herab" hinzustellen, "sich sozusagen mit denen auf eine Ebene begebend".

Mit genau der Masche haben uns schon so einige einseifen wollen: von Heinrich Heine über Thomas Mann bis z. B. Marcel Reich-Rainicki.

Ich werde den Film sicher NICHT anschauen.

- G. G.

Luise Werner

23. Oktober 2013 07:05

Ich habe den Film noch nicht gesehen. Frau Kositzas Bewertung macht nun zusätzlich neugierig, nachdem ich schon durch das lokale Kinomagazin aufmerksam wurde. Dort erhielt der Film eine sehr gute Kritik. Er wird dort unter der sporadischen Rubrik "Kino-Extrem" besprochen, was mich zunächst abschreckt. Ich zitiere mal zwei Passagen: "... man bleibt lange sprachlos nach Finsterwalders Spielfilmdebut, das so wunderschön, so klug, so radikal und meisterhaft von unserem Land erzählt und mit spielerischer Leichtigkeit alle Schubladen ignoriert, in die man es gerne stecken möchte. ... ... Und darum geht es; um die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken in einer Welt, die erstarrt ist in Statussymbolen, Regeln und Zwängen ...".
Das klingt, gottlob, nicht nach der Sehnsucht des Rezensenten nach einer "zersetzenden und skandalösen Farce". Vielmehr fühlt er sich an Peter Weirs "Picknick am Valentinstag" erinnert und bemerkt, dass dies ein Meisterwerk ist, "dem FINSTERWORLD in seiner makabren Schönheit in nichts nachsteht."

ene

23. Oktober 2013 09:47

Was das oben von G.G. eingestellte Interview betrifft, so kann ich immerhin sagen: wie Frau Harfouch sich da in dem Sitz räkelt, mit ihrer Sonnenbrille spielt, das ganze schnöselige Gehabe und Getue - ist für mich bei weitem interessanter als alles, was die Regisseurin sagte. (Es ist ja gerade zu erschütternd, mit welcher Schlichtheit und welchem vorgestanztem Vokabular sich Künstler so darstellen. Meine Güte!).

Kositza: Kann den Film nicht sehen, unsere magere Netzverbindung erlaubt nur Standbilder. Bei C. Harfouch habe ich generell den Eindruck, daß sie vielleicht deshalb eine so gute Schauspielerin ist, weil sie sich stets selbst spielt, sie wird, zumal in ihren Filmwerken, ja immer für die gleichen Typen besetzt.

Ihr Filmpartner scheint von ähnlichem Kaliber zu sein. Auf Focus online fragten sie ihn, ob er (im Film ist er der Vater des seelisch vernachlässigten Salonfaschos) glaubt, daß Eltern für ihre Kinder verantwortlich seien.

Schütz: Ich bin ein großer Anhänger von dem Modell Burkina Faso, wo die Kinder innerhalb des Dorfes sozusagen adoptiert werden. Sie werden dann zum Beispiel vom Onkel erzogen. Das ist ein ganz gutes Prinzip, weil das eigene Fleisch und Blut ja oft der Ursprung allen Übels ist.

Ein Fremder aus Elea

23. Oktober 2013 09:51

Also da bin ich mir nicht so sicher, was Heine war. Nett find ich es nicht gerade, wie er den Franzosen Deutschland dargestellt hat. Geradezu unerträgliche Mysti- und Horrifizierung. Ganz das Gegenteil Krachts, wie ich Ihre Filmkritik verstehe, nicht mit der Absicht eine Finsterworld abzutragen, sondern mit der, eine aufzubauen.

Nun, Absicht, im engeren Sinne, war's wohl nicht, den Franzosen gefällt das halt, auch so mancher Russe hat sich daraus eine Existenz in Paris gezimmert, und Heine war nur flexibel genug, dem französischen Wunsch nach romantischen Schauermärchen zu entsprechen.

Vermißt hat Heine wahrscheinlich nur seine Mutter.

Irrlicht

23. Oktober 2013 09:52

@Kositza
Wenn das Feuilleton des Mainstreams einmal nicht der Versuchung erliegt, die Thematik des KZ-Besuchs samt Verbrennungsofenerfahrung obsessiv zu überdehnen und überall im Film Hakenkreuze und andere NS-Symbolik zu wittern, muss dafür natürlich die Sezession einspringen. Dem Kommentar war zu entnehmen, worauf ich mich mit dem Ausdruck "NS-Bezüge" bezog.

Kositza: Das Hakenkreuz war die einzige "andere NS-Symbolik", und die hab nicht ich "gewittert", darauf hat Kracht selbst hingewiesen, eine tolle Stelle übrigens im Zeit-Interview:

strong>Kracht:Man sieht im Film eine Nahaufnahme dieses Cadillac-Symbols auf der Radnabe. Und wenn man genau hinschaut, erscheint da ein Hakenkreuz. Das war in keinster Weise intendiert – das erschien einfach. Bei bestimmten Drehzahlen eines Rades entsteht also offenbar die optische Täuschung eines Hakenkreuzes aus einem Cadillac-Zeichen. Das wäre ja fatal, wenn man das in der Nachbearbeitung reingetrickst hätte, da würde einen die Firma Cadillac, die einem freundlicherweise auch noch dieses Auto zur Verfügung gestellt hat, in Grund und Boden verklagen. Aber das Tentakelwesen hat nun einmal entschieden, dass innerhalb dieses Films, in dem es um genau diese Dinge geht, genau das passiert. Das ist absolut nicht intendiert, es ist Zauberei. Der Schnittmeister rief an und sagte: Ihr müsst mal kommen, das ist ja absurd, was machen wir jetzt? Damit will ich sagen: So entstehen Inhalt und Aussage. Aus der ludischen Metaphysik.

ZEIT: Sie nennen das metaphysisch? Man könnte auch von reiner Kontingenz reden.

Kracht: Nein, das ist Gott. Gott sagt: Dies geschieht

Carsten

23. Oktober 2013 10:28

Sehr interessante Aspekte in Ihrer Interpretation.

Ich füge noch einen hinzu: Wenn die alte Dame (großartig: Margit Carstensen!) Deutschland ist, dann wäre die Sache mit den Hornhaut-Keksen nach dem Nosoden-Prinzip ein Heilungsversuch.

Kositza: Sehr guter Gedanke!

Wie auch immer, aber welch himmelweiter Unterschied zwischen Ihren Gedanken und dem blamablen Geschreibsel der Volkserzieherpresse.

Gustav Grambauer

23. Oktober 2013 11:24

@Carsten

Ich kann`s mir nicht verkneifen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Fußwaschung

Die Frau Finsterwalder kriegt anfallsartige Lachkrämpfe wenn sie das liest.

- G. G.

Kositza: Darf man mitlachen? Ich hab den Witz nicht verstanden.

Gold Eagle

23. Oktober 2013 12:13

Es gibt zwei Arten von deutschen Filmen: Til Schweiger-Schuh-des Manitu-Blödl-Kömmödien und Filme, in denen es um die Hornhaus alter oder die schwarzen Lover fetter Frauen geht. Ich frage mich immer, warum sich Menschen so etwas antun. Diese Filme werden in der Regel ohnehin nur für die Filmförderung und die Kritiker gemacht. Von der Wirkung her sind sie völlig irrelevant - besonders, weil man die Botschaften anschließend erst einmal dechiffrieren muss.

Ich endecke gerade die 70er und 80er Jahre wieder und stelle fest, wieviele gute Abenteuerfilme und Serien damals noch in Deutschland gedreht wurden. Für den Seewolf mit Raimund Harmsdorf schenke ich Euch das gesamte deutsche Kino der letzten 10 Jahre!

Ach ja, dieses Jahr kommt noch der Kleine Hobbit 2. Da gibt es Mythos, Heroismus und eine große Geschichte vom Kampf Gut gegen Böse, die ein Millionen Publikum erreicht- und das ganz ohne deutsche Befindlichkeiten. Das ist dann auch "metapolitisch" relevant.

Kositza: Das mit dem Sich-antun ist natürlich eine große Frage. Man muß sich auch nicht dicke "Romane" antun, man kann statt zu Thomas Mann, Proust oder J.M. Coetzee auch zu ein paar Abenteuerromanen greifen. Die sind dann garantiert nicht "nur für die Kritiker" gemacht. Finsterworld mag mit ihrem Seewolf nicht mithalten können, ein besonders abartiger Film ist es dennoch nicht.

Gustav Grambauer

23. Oktober 2013 14:19

Liebe Frau Kositza, sehr geehrter Carsten,

es handelt sich nicht um einen Witz. Mein Einwand zielt auch keineswegs auf das Mysterium der Fußwaschung und auch nicht auf die Nosoden-Lehre der Naturheilkunde. Ich wollte zum Ausdruck bringen, daß dieser Streifen m. E. von Ihnen und einigen anderen ganz offensichtlich überinterpretiert und viel ernster genommen wird als er gemeint ist und vor allem: als er es seiner moralischen Stoßrichtung nach verdient hätte.

In dieser Haltung hat mich übrigens nicht unmaßgeblich das, Entschuldigung bitte, geradezu klischeehaft wohlstandsverwahrloste, egomanische Geschnatter der Frau Finsterwalder im oben verknüpften Interview bestärkt. Wenn sich hinter so viel Oberflächlichkeit ein blutendes Herz nur seine Tarnung sucht, dann ist allerdings ebenfalls alles zu spät.

Übrigens habe ich nichts gegen die Brillanz oder sogar Genialität z. B. eines Heine gesagt, so wie der Film - ebenfalls schon aus dem Vorfilm ganz offensichtlich - unbenommen seine stilistische Größe hat. Aber darum geht es mir nicht, in der derzeitigen Situation unserer Nation kann ich es mir nicht leisten, mich davon über den Nachtreter-Habitus aus dem Schutz des Juste Milieu hinweg blenden zu lassen.

- G. G.

G.W.

23. Oktober 2013 14:55

Sehr richtig Goldadler,

es fehlt an den guten "Mittelklasse" und Genre Filmen in Deutschland, welche bei Erfolg auch einmal identitäts- bzw. bilderstifend wirken könnten. Immer nur Arthouse (mit auch sehr schwankender Qualität) und totaler Schund kann es halt auch nicht sein.

Über subversiv rechte/konservatie/faschistische in Hollywoodfilmen und Serien ist in der deutschen Blogsphäre immer eher wenig zu lesen, wenn man vom Einzelkämpfer Lichtmesz absieht. Da muss man schon zu den Amerikanern gehen.

Batman als Protofaschisten, Watchmen als rechte Abrechnung mit dem Utopismus der Gutmenschen, Elysium als SciFi-Parabel über die Einwanderung aus der driten Welt und den Tod der weißen Zivilisation? Ähnliche Inhalte in Musik, Computerspiele und Comics?
Wenige Worte werden darüber verloren.

Zum Hobbit auch einmal, dass sein Zentrales Thema über Heimat, das Recht auf eine solche und der nötige Kampf um seine Rückeroberung von der ganzen konservativen Szene quasi nicht gesehen wurde und keine Verbindungen zum deutschen Vertreibungstraume gezogen wurden, nun das überrascht mich doch.

Ein weiteres interessantes Thema ist ja immer noch die Beliebtheit von Fantasythemen im allgemeinen, welche im Kern ja immer (indo-) germanischen Ursprungs sind und eine Sehnsucht nach traditionellen Werten und Formen verkörpert. Daran müsste doch zumindest metapolitisch angeschloßen werden.

PS: Der Seebär steht jetzt offiziel auf meiner Zu-erledigen-Liste.
Eine weitere zu empfehlende themenverwandte Kurzserie neueren Datums ist sicher "Der Untergang der Laconia" von 2011. Aber nur in der BBC Schnittfassung!!!

Carsten

23. Oktober 2013 15:19

an Gold Eagle:

Ja, die 70er waren großartig! Der Seewolf war toll und auch Der Kurier des Zaren! Ich habe auch Auf Achse mit Manfred Krug geliebt. Im Grunde ist das 20. Jahrhundert 1979 zuende gegangen.

Franz Schmidt

23. Oktober 2013 18:10

Das erinnert mich alles daran, wie das Buch "Sieben Reiter" von Jean Raspail beim Leser ankommt. Die meisten, die ich kenne, können mit dem Buch ohne "Hilfestellung" nicht viel anfangen. Ist die "Hilfestellung", z.B. in Form der bei der Sezession oder Amazon zu findenden Interpretationsvorschläge überhaupt zutreffend?

Einer hat mir gesagt, es wäre Unsinn, irgendwas "Rechtes" hinein zu interpretieren. Ein anderer hat mich gefragt, welchen Nutzen das Buch habe.

Ich frage mich, womit beschäftigen wir uns eigentlich? Sind wir schon zu abgedreht, um uns mit Offensichtlichem, Greifbarem, abzugeben?

Warum z.B. versucht man krampfhaft bei Nichtrechten was Rechtes zu finden, während man die qualitativ hochstehenden echten Rechten ignoriert? Wie kann es sein, daß man z.B. Raspails "Sieben Reiter'" und sein "Heerlager" hochjubelt, aber JF-Autor Derek Turners viel besseres "Sea Changes" völlig ignoriert?

Sollten wir uns nicht primär auf die eigenen Leute konzentrieren, die nicht kryptisch und vielseitig interpretationsfähig schreiben?

Die Analyse von Frau Kositza zum Film finde ich trotzdem bemerkenswert gut.

Kositza Lieber Franz Schmidt, auf Anhieb hätte ich nur einen Tip an Ihren Bekannten parat, der dem "Nutzen dieses Buchs" fragt: Wer Nutzen sucht, sollte (gute) Romane generell meiden und zu Sachbüchern greifen, am besten gleich zu Ratgebern!

Kreuzweis

23. Oktober 2013 19:51

Ein wunderbare Filminterpretation, Frau Kositza, Dank dafür!

"Kositza: Kann den Film nicht sehen, unsere magere Netzverbindung erlaubt nur Standbilder."

Auch ich habe eine magere Netzverbindung, ev. sogar langsamer als Sie. Bei Youtube-Filmen kann man sich mit "convert2mp3.net" (z.B.) schön behelfen. Sie geben dort die URL des Youtube-Filmchens ein, wählen MP4 als gewünschtes Format und können es dann in aller Ruhe herunterladen und danach ansehen ...

Kositza: Danke!

Martin Lichtmesz

23. Oktober 2013 20:40

Warum z.B. versucht man krampfhaft bei Nichtrechten was Rechtes zu finden, während man die qualitativ hochstehenden echten Rechten ignoriert? Wie kann es sein, daß man z.B. Raspails „Sieben Reiter‘“ und sein „Heerlager“ hochjubelt, aber JF-Autor Derek Turners viel besseres „Sea Changes“ völlig ignoriert?

Absoluter Totalblödsinn, schon vom puren politischen Gehalt ist "Heerlager der Heiligen" den "Sea Changes" haushoch überlegen. Von der literarischen Erfindungskraft und Meisterschaft ganz zu schweigen. Ansonsten: so, wie es Kositza sagt.

Martin

23. Oktober 2013 21:27

@G.W.

auch wenn es jetzt vom Thema abgeht, aber ich finde schon, dass der "Bühnenbildner" der "Herr der Ringe"- Film-Trilogie mit hoher Wahrscheinlichkeit vermutlich mal im Völkerschlachtsdenkmal zu Leipzig war ... (Auch die Szene mit dem Ruf "Ihr Völker des Westens ..." im dritten Teil - Autobahn!)

"300" ist aus meiner subjektiven Sicht NS-Pur ...

so, jetzt aber genug "Off-Topic" von mir ... daher zum eigentlichen Thema:

In der SZ-Rezession fiel das (Tot-)Schlagwort "artifiziell" und ich muss sagen - Film hab ich ja noch nicht gesehen - das trifft auf die Kracht´schen Werke wie "Imperium" oder auch "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" schon irgendwie zu ...

Franz Schmidt

23. Oktober 2013 21:36

@ Martin Lichtmesz

Gestatten Sie mir, Ihnen - bei allem Respekt vor Raspail - zu widersprechen: Raspail hat in seinem Heerlager Zugeständnisse an die PC gemacht. Für ihn ist Europa (...) nur eine Art Idee. Warum ist er eigentlich gegen die Invasion? Weil es zuviele auf einmal sind? Oder warum sonst? War da nicht auch der Schwarze, der Europa verteidigen wollte? Was für ein Europa soll da verteidigt werden?

"Sea Changes" ist vom politischen Gehalt besser: Es ist aktueller und basiert nicht auf einer unrealistischen Fiktion. Man kann alles selbst leichter nachvollziehen: Die Gründe der illegalen Einwanderer, ihren Weg, ihre Unterstützer, ihre konservativen Gegner, die Rolle des Staates, die Medien, die Gründe für das Scheitern von Gegenmaßnahmen.

Hätte Raspail ein aktuelles Buch geschrieben, würde mein Urteil vielleicht anders ausfallen. Es ist 40 Jahre alt!

Wieso sollte Raspails Buch literarisch besser sein? Das kann ich nicht erkennen. Phantasie ist nicht schlecht, doch die meisterhafte Abbildung der Realität in literarischer Form hat Turner besser geschafft.

Inselbauer

23. Oktober 2013 22:47

Wenn man euch so bei der literarischen Debatte zuhört, kommt einem das kalte Grausen. Da soll einer gefälligst weniger Interpretationsmöglichkeiten zulassen beim Schreiben, der nächste fordert rechte Inhalte, ein dritter hat ein Qualitätsgefühl und eine formale Bildung, die einem Andreas Temme zur Ehre gereichen würden (der schrieb in der Pubertät aus mein Kampf ab; das war rechte Literatur). Kubitschek sollte mit der Populärwissenschaft Schluss machen und die neurechte Jugend zum literarischen Proseminar vergattern. So wie es im Moment läuft mit der literarischen Kultur kann es nicht weitergehen. Jeder dahergelaufene Antifaschist mit seinem Heinrich Böll kann sich da überlegen fühlen.

FFlecken

24. Oktober 2013 00:19

@ Franz Schmidt

Jean Raspail ist mit seinem Menschenbild, sowie als katholischer Traditionalist und Monarchist, zweifelsohne der politischen Rechten zuzurechnen. Vita, zahlreiche Aussagen und Werke sprechen zudem für sich. Glaube viel mehr muß man dazu nicht sagen.

Daß Personen Ihres Umfeldes ernsthaft nach dem rechten/konservativen Gehalt des hervorragenden Romans ,,Sieben Reiter...`` fragen, muß ich erstmal sacken lassen... Zum Begriff des Nutzen in diesem Kontext ist ja schon entsprechend zutreffend Stellung genommen worden.

Europa als Idee muß man bei Raspail wohl relativ sehen- er sieht wohl letztendlich am Grund von fast allem eine ,,Idee``. Aber dies würde sicher zu weit führen. Dies korrespondiert bei ihm ja durchaus mit einer abenteuerlichen Leidenschaft für die Völker (gerade die, die noch Völker sind und/oder vom Aussterben bedorht sind) und ihre Eigenarten. Als Europäer natürlich - gerade wenn es ums Ganze geht - in besonderem Maße für jene unseres Kontinents und das französische Volk.
Einige Schwarze als Verteidiger Europas im ,,Heerlager der Heiligen`` können wohl kaum, bei Kenntnisnahme des knallharten, durchgehend existentiellen Inhalts, als PC-Zugeständnis gelesen werden. Eher als Absage an einen übersteigerten und lebensfeindlichen Biologismus. Bei allen Unterschieden von Ethnien und Völkern - das Leben ist kein Zoo.

Ein Roman lebt meines Erachtens wesentlich von dem was zwischen den Zeilen steht, da ist eine komplette ,,Nachvollziehbarkeit``, samt Handlungsanleitung für sonstwas und sonstwen, keine Kategorie. Solange die Sprache des Autors nicht unzumutbar selbstverliebt und abstrakt ist, was bei Raspail nun wirklich nicht der Fall ist.

Nils Wegner

24. Oktober 2013 00:52

Augenrollenderweise: Wer meint, ein Anrecht darauf zu haben, "taugliche" Bücher qua Rezension und Querverweis mundgerecht serviert zu bekommen, anstatt selbst nach Perlen zu tauchen, der sollte vielleicht in stillen Stunden – soweit vorhanden – über sein Verhältnis zur Außenwelt nachdenken.

Das hier ist ein Netztagebuch jeweils rein subjektiv schreibender Autoren, und nicht H-Soz-u-Kult (weder wissenschaftlich, noch belletristisch) für Rechtsprosa-Trüffelschweine. Meine Fresse.

antihunkebunk

24. Oktober 2013 01:00

Bin ohnehin Ihr Verehrer, Frau Kositza, erst recht nach dieser Ihrer Interpretation.

Aber b i t t e, bezeichnen Sie n i c h t als NS-Deutung, was Heine mit seinen "Nachtgedanken " 1843 gemeint, wirklich gemeint, hat:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wieder finden.

Der NS war wirklich später als dieser Heimat-(Deutschland-)Liebe-Patriotismus des Paris-Exilanten auf der Freies-Geleit-Reise (immerhin!) durch die deutschen Restaurationskleinstaaten zu seiner in Hamburg sterbenden Mutter, die ihn in Wirklichkeit um den Schlaf brachte!

Kositza: Es berührt mich nun seltsam, daß Sie davon ausgehen, ich hätte gewisse Daten, wenigstens grob nach Jahrhunderten geordnet, nicht im Kopf. Ich habe geschrieben, es sei eine NS-Deutung gewesen, Heine als Vaterlandsverräter zu beschimpfen. Zu Ihrem besseren Verständnis meiner Worte füge ich hier "posthum" ein!

Martin Lichtmesz

24. Oktober 2013 01:24

@ Franz Schmidt

Entschuldigen Sie bitte mein offenes Französisch, aber was Sie da schreiben, ist nach wie vor blanker und uninformierter Unsinn, so unsinnig, daß es mich geradezu verblüfft, so etwas von einem Leser dieser Seiten zu hören. Und wie gesagt, jemand, der nicht versteht, warum ein Buch wie die "Sieben Reiter" in einem rechten Verlag erscheint, hat wohl auch eine Menge anderer Dinge nicht begriffen.

Franz Schmidt

24. Oktober 2013 07:30

@ Martin Lichtmesz

Möge sich der Leser ein eigenes Bild von Derek Turners "Sea Changes" machen. Die folgende Rezension eines Schriftsteller-Kollegen kann dabei hilfreich sein:

https://alternativeright.com/altright-archive/main/blogs/zeitgeist/sea-changes-1

M.L.: Danke, aber zufälligerweise habe ich den Roman tatsächlich gelesen, und nicht bloß irgendwelche Rezensionen überflogen, anhand welcher sich "der Leser" ein "Bild machen" kann. Es ist ein sehr gelungenes Buch, reicht aber bei weitem nicht an den Klassiker Raspails heran.

Stil-Blüte

24. Oktober 2013 22:16

Die meisten Zuschauer saßen im kleinen Saal nach dem Abspann noch etliche Zeit schweigsam da und starrten auf die schwarze Bildfläche.

Wenn ich meinen Augen trauen darf, waren die Buchstaben auf der Hüttenwand b e i d e s , Verschmelzung von HAHAHA als Hohngelächter der Hölle und Initialien AHAHAHA. Auch wäre ein Bezug zu Volksliedern denkbar.

Aufgefallen ist mir: Alle (außer die beiden Idealisten) rauchen bzw werden zum Rauchen animiert. Verführung und Rebellion zugleich in einer Zeit des Rauchverbots, also wiederum doppeldeutig.

Ich kann Ellen Kositza nur zustimmen: Der Film hat es in sich und ist auch ohne Reflexion über metaphorische Hinter- und Abgründe ein Gewinn! Ich werde ihn weiterempfehlen, und danke auch Ihnen, Frau Kositza für die Empfehlung.

Jens

26. Oktober 2013 17:04

Danke für die sehr interessante Rezension. Den Film würde ich mir ggf. sogar auf DVD zulegen. Mag sein, dass bei Kracht zuweilen alles und nichts hineininterpretiert werden kann, aber Ihre Deutungen, Frau Kositza, ergeben ein für mich sehr stimmiges Bild und sind angesichts der genannten "sekundären Intelligenz" absolut legitim, insbesondere wenn der Autor schweigt oder nur andeutet. Ein Mindestmaß an hermeneutischem Spielraum sollte bei guter Literatur selbstverständlich sein und dass Kracht das begrüßt, ist doch mehr als offenkundig. Im Zweifel scheint mir bei ihm definitiv das zu gelten, was (ich glaube) Kubitschek mal sagte, nämlich dass Kracht wohl kein Rechter, aber auch definitiv kein Linker sei.

Hildegard

27. Oktober 2013 11:57

Völlig ahnungslos und unbedarft haben wir uns gestern den als Komödie bezeichneten "Finsterworld" angeschaut und sogar unsere Kinder (10, 15, 16) mit ins Kino genommen; Christian Kracht und seine bisherigen Werke waren mir und meinem Mann bis dahin kein Begriff. Und so haben wir den Film auf uns wirken lassen und anschließend Assoziationen zusammengetragen, denn alle hat der Film irgendwie betroffen gemacht. Dabei erwiesen sich die Gedanken und Vorstellungen der Kinder wie immer erfrischend natürlich, rein, unverbraucht und - weise. Das können Sie, liebe Frau Kositza, bestimmt bestätigen.
Herausgekommen ist ein Bild der Welt, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen fasziniert und irritiert: Die Welt an sich ist weder gut noch böse, sondern mitunter sehr schön (der Wald, das Licht, die Felder). Die Menschen lassen mittels fehlgeleiteter Vernunft Ignoranz, Ungerechtigkeit, Egoismus, Abgestumpftheit und damit das Böse entstehen. Die konkreten politischen Hintergründe spielen dabei eine untergeordnete Rolle, denn sie sind vielfältig und wiederholbar.
Für mich zentral war die Frage Claudes nach einem Gott und der Antwort Frau Sandbergs, sie wünsche sich, dass es einen gebe. Diese Aussage enthebt den Film aller Diesseitigkeit, macht ihn transzendental und damit offen für diejenige Interpretation, die einem erlaubt, sich den zentralen Fragen des Lebens intellektuell kunstvoll zu entziehen, oder mit der man sich ihnen im freien Fall stellt und dabei riskiert, dass man alles verliert: sowohl den Glauben an die Existenz eines allmächtigen Gottes als auch an das Gute im Menschen.
Die alte Frau, gerne auch symbolisch für Deutschland, hat sich in Demut und Geduld ihrer Vergangenheit ausgesetzt. Ignoriert, gemieden und vereinsamt ist sie jedoch die Einzige, die obschon totgeglaubt, "geläutert" und selbstbestimmt ein neues Leben beginnen wird. Insofern ist "Finsterworld" doch gar nicht so finster...

drieu

28. Oktober 2013 21:31

Bei Kracht muss man scharf zwischen Werk und Person trennen. Das gilt auch für seine Frau. Gut erinnere ich mich, wie die beiden sich für die "Große Pyramide" ins Zeug legten - der skurrilen Grundsteinlegung wohnte ich als Zeuge bei. Wenig später war diese Pyramide auf einmal "ganz schrecklich"...
Und die Sache mit seinem ollen Tempo-Kollegen Diez: geschenkt. Kracht verfügt über Zugänge zu den wichtigsten Medien - davon kann unsereiner nur träumen. (Man beachte hierzu den Wikipedia-Eintrag zum gleichnamigen Vater.)

Überliest man also geflissentlich die mitunter saublöden Auslassungen der Macher zum Film (bei denen man mit gutem Willen Ironie vermuten darf), kann der Film tatsächlich so wie von Kositza interpretiert werden. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, daß sie recht hat. Kracht ist ein oft gelangweilter, schnösliger, unterhaltsamer und zwielichtiger Babour-Rechter (kein Brauner!) - immerhin etwas, in dieser BRD.

Stil-Blüte

2. November 2013 20:25

Als literarisches 'Vorbild' fällt mir Musils 'Zögling Törles' noch ein.

Als Krachts persönlicher Hintergrund die Demütigungen, die er von Robusteren an englischen Elite-Internaten erfahren mußte. Ist es nicht seltsam, daß die sadistischen Prinzipien dort nicht nur geduldet, sondern von Generation zu Generation weitergegeben und gefördert werden und weitgehend ein Tabu zu sein scheinen? Jedenfalls habe ich über die Grausamkeiten der Zöglinge (Ältere gegen Jüngere, Stärkere gegen Schwächere, Höhere gegen Niedere) rein zufällig erfahren und von Kracht in einem Interview (ich habe es nicht mehr gefunden) bestätigt gefunden.

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