Sezession
21. Oktober 2013

Finsterworld von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht

Ellen Kositza / 43 Kommentare

licht und schattenDas Ehepaar Christian Kracht (Drehbuch) und Frauke Finsterwalder (Drehbuch und Regie) hat einen Finsterworld betitelten Film gedreht, der dieser Tage in den deutschen Kinos angelaufen ist.  Sämtliche Leitmedien haben Bericht erstattet. „Finsterworld hätte eine zersetzende, skandalöse Farce über dieses  ´hässliche Scheißdeutschland´ werden können.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Statt dessen ist der Film von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht politisch absolut korrekt und furchtbar langweilig.“ So sieht man es bei der Süddeutschen Zeitung und mutmaßt, Kracht „hatte offensichtlich keine Lust mehr, erneut in die rechte Ecke gedrängt zu werden.“

Wie war das noch mal, und warum, daß Christian Kracht damals zur Division Antaios stieß?  Besser: gestoßen wurde, wie fast all seine Kameraden und Kameradinnen? Es war jedenfalls vor 2012 gewesen. Damals hatte Krachts – bislang jüngster - Roman Imperium feuilletonistische Beißreflexe ausgelöst.

Jenes Buch (Sez 47, 2012), so wurde Kracht damals an prominenter Stelle nachgesagt, „zeige vor allem die Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut.“ Gregor Diez hatte Kracht damals im Spiegel vorgeworfen, daß sein Buch „durchdrungen“ sei von „einer rassistischen Weltsicht“.

Aus einem 2011 publizierten email-Wechsel mit David Woodard, einem amerikanischen Komponisten „mit einem sehr vagabundierenden Kopf, der offen ist für rechtsradikale Gedanken und Helden“ (Diez), schloß der Spiegelschreiber damals, daß Kracht ein teuflisches Spiel treibe:

Was also will Christian Kracht? Er ist, ganz einfach, der Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.

Dies alles ahnten die Feldherren der Division Antaios nicht, als sie zu deutlich früherem Zeitpunkt Kracht rekrutiert hatten. Kracht war blond, eher klein, und Schweizer, das genügte.

Man hatte sein Romandebüt Faserland (1995) gelesen, für wahr & gut befunden, ein paar mal verschenkt, später den Roman 1979, noch besser, noch öfter verschenkt. 2004 bis 2006 hatte Kracht das Magazin Der Freund herausgegeben, man war einige Male darüber eingeschlummert. In Sezession 35 (2010) hatte es ein freundliches kleines Kracht-Porträt gegeben.

Muß man sich nun diesen finsterwälderischen Kracht-Film anschauen, der die „deutsche Tugend der Verkniffenheit“ (taz) thematisiert? Der „auf halber Strecke zwischen Klamauk und Drama steckenbleibt“ (Tagesspiegel)? Der seine Wut und Wucht „selbstzerstörerisch gegen die geheuchelte Idylle des typischen Heimatfilms“ (i-ref.de) richtet und „auch von Einsamkeit“ handelt und davon „wie Menschen ihre Neurosen pflegen?“ Ein „Anti-Heimatfilm“? (Deutschlandradio) Der „eine Spur zu gediegen“ (taz) ist? Gar „liebevoll und poetisch?“

All diese Filmbesprechungen hätten mich beinahe davon abgehalten, mir Finsterworld anzuschauen. Selbstzerstörerischer Klamauk und gediegener Anti-Heimatfilm - och, Kracht wäre im Zweifel auch dies zuzutrauen.

Aber: trau, schau wem! Ijoma Mangold hatte in der Zeit Kracht ein paar ganz gut gezielte Fragen zum Film gestellt, die der Schriftsteller in seiner ihm typischen Art sehr ausweichend beantwortete:

Kracht: Deutungen sind jedem freigestellt, aber es ist ja gar nichts intendiert.

ZEIT: Nichts ist intendiert?

Kracht: Nichts.

ZEIT: Das ist ja fast schon ein Mysterium: Der Autor intendiert nichts, und der Leser denkt sich alles.

Kracht: (Pause) Das sind dann eben die Deutungen sekundärer Intelligenz, nach George Steiner.

Also gut, es gibt immerhin „Deutbares“ im Film. Heißt: anschauen.

Und, was Wunder, ich habe einen völlig anderen Film gesehen als alle anderen Kritiker. Einen radikal anderen!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (43)

Herzog
22. Oktober 2013 04:39

Sehr geehrte Frau Kositza,

vielen Dank für diese schöne, einfühlsame, gedankenreiche, meditative Interpretation.

eulenfurz
22. Oktober 2013 07:44

Hirschkäfer, rotierende Felgen, mit Hahaha besprühte Wände - sowas bietet wohl stets die Steilvorlage für Verschwörungstheoretiker. Schlimm nur, daß man hier den dafür zuständigen Organen wie publikative und endstation-rächts zuvorgekommen ist, das gibt dort wieder Abzüge in der Alimentierung.

Was will ich mit einem Film, bei dem ich Kripo spielen und nach Effekten suchen muß? Oder soll das Enttarnen vermeintlicher Spitzbübeleien und Spitzfindigkeiten den Diezens und Sezessionisten lediglich dazu dienen, sich auf Kosten der Brauntönung eines bekannteren Literaten/Filmemachers ins Gespräch zu bringen?

Kositza: Wenn wir am Germanistischen Institut an der Uni "Kripo gespielt" haben, dann wurde das immer "Interpretation" genannt. Ich halte Kracht im übrigen keineswegs- genausowenig wie Jünger - für "braungetönt". (Genausowenig wie das Division-Antaios-Plakat Brauntöne aufweist.) Den Filmfaschos und demjenigen, der die Herberge des Waldgängers zerstörte und die AHAHAH-Unterschrift hinterließ, gilt auch ganz gewiß nicht Sympathie der Filmemacher.

Johannes Schüller
22. Oktober 2013 09:00

Sehr interessante Deutung.

War selbst bei der Vorstellung von Finsterworld in Dresden im Programmkino Ost dabei:

https://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/item/4186-deutscher-horror

Kracht hat sich dort, was die Interpretation betrifft, recht bedeckt gehalten. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass er sich um politisch unbequeme und geschichtsphilosophische Auslegungen seiner Bücher prinzipiell herumwindet - auch wenn die ihm natürlich klar sein sollten.

Darauf, dass die alte Dame Deutschland symbolisiert, bin ich noch nicht gekommen. Ist aber insofern interessant, da Kracht im Interview in der FAS vor einer Woche selbst sagte, er könne sich am ehesten mit dem sie liebenden Fußpfleger Claude identifizieren. Das würde schon viel sagen...

Mir kam eher der Einsiedler als Personifizierung des verlorenen, in der Finsterworld zubetonierten Deutschlands vor. Dafür könnte auch der Rabe als (verletzter) Göttervogel stehen. Die tragische Qualität von Finsterworld liegt ja auch darin, dass ausgerechnet mit ihm ein - unschuldiger - Idealist Dominik erschießt, der ebenso vor Neudeutschland flieht. Vielleicht gibt es bei Kracht und Finsterwalder diesen Verfallsprozeß auch gar nicht, aber es ist doch schon recht bezeichnend, wie die Familie der Sandbergs von Generation zu Generation abgebrühter und zynischer wird. Da steckt mehr dahinter als ein dramaturgischer Kniff.

Sehr interessant ist auch das (bisher knappe) Filmwerk von Krachts Frau Frauke Finsterwalder, die ja aus dem Dokumentarfilm kommt. Sie hat einen Film über ein gescheitertes Pyramidenprojekt in Sachsen-Anhalt gedreht. Bei Dessau sollte "die erste Völker, Kulturen und Religionen verbindende, international vermarktete Grab– und Erinnerungsstätte" entstehen. Und Finsterwalder zeigt, wie sich die Dorfbewohner Schritt für Schritt von diesem Wahnsinn entfernen... So harmlos, wie das Feuilleton Kracht mit dem jüngsten Film machen will, scheint er mir dann doch nicht.

Th.R.
22. Oktober 2013 11:20

Was verwundert, ist, dass die Feuilletonisten der Systemmedien die vielen Andeutungen in diesem Film nicht gesehen oder nicht erkannt haben. Oder es vielleicht nicht wollten. Die letzte Aburteilung Krachts, wegen dessen `Imperium´, ist bekanntlich nicht so glimpflich für die etablierte Feuilletonistenzunft ausgegangen, und man hat daher wohl Angst, sich jetzt aufs Neue die Zunge damit zu verbrennen, Kracht gegenüber das `N-Word´ auszusprechen.

Zu Hoffen ist, dass der eine oder andere System-Schreiber sich den Film erneut anschaut, und dann genauer hinguckt. Denn dass Kracht hier eine Botschaft rüberbringen will, die im Grunde eine Anklage und Abrechnung mit den in der BRD herrschenden geistigen Zuständen ist, darüber kann man doch nicht kalt so einfach hinwegsehen. Und es ist schon wieder regelrecht bösartig, so zu tun, dass ` Finsterworld´ bloß ein `Anti-Heimatfilm´ sei (Was natürlich für den Fall richtig wäre, dass jemand die BRD als seine Heimat begreift. Nun, wer d a s nötig hat...)

Andererseits muß auch die Möglichkeit nüchtern in Betracht gezogen werden, dass diesen System-Feuilletonisten schlicht das innere Sensorium fehlt, bestimmten Symbolen und Andeutungen überhaupt noch gewahr zu werden. Diese Auftragsschreiber des Systems sind schließlich auf
völlig andere Ansichten eingestellt und ausgerichtet, woraus dann wohl auch eine Art innere Verkümmerung der Wahrnehmungsorgane resultiert. Deswegen auch diese Unfähigkeit, bestimmte Dinge überhaupt nicht mehr sehen zu können, - die wir hingegen klar und deutlich sehen!

Wie immer dem auch sei. Der Film scheint vielversprechend zu sein, wenn man so liest, welche Details Kracht da alles hineingebastelt hat.

Berthold Lauterbach
22. Oktober 2013 11:22

Finsterworld ist ein bitterböser Film voll überraschender Wendungen und mitnichten linkes Kino. Worüber sich meine linksliberal angehauchten Sitznachbarn dabei so trefflich amüsiert haben könnten, bleibt schleierhaft - und beweist einmal mehr das hintergründige Geschick der Filmemacher.

Bundschuh
22. Oktober 2013 11:58

Es gibt einen Film aus 2002 mit dem Titel "VOM HIRSCHKÄFER ZUM HAKENKREUZ", der u. a. Dokumentarfilme von vor 1945 collagiert. Da Frau ke Finsterwalder aus der Dokumentarfilmecke kommt, wird Sie den Film kennen und zitieren. Der Jüngerbezug mag aber außerdem beabsichtigt sein.

Martin
22. Oktober 2013 12:20

Der Film läuft natürlich nicht in den Provinzkinos meiner Region. Ich könnte mir stattdessen "00 Schneider" oder "Drecksau" anschauen, was ich aber nicht tun werde ...

Wenn der Film "Finsterworld" aber nur ansatzweise so öde ist, wie der Roman "Imperium" (what the h... soll bitteschön daran N. gewesen sein?), dann warte ich nicht einmal auf die DVD-Ausgabe ...

Ich erinnere mich aber gerne an Krachts Reiseberichte, die in "Der gelbe Beleistift" veröffentlicht wurden und an "Faserland", das Buch für die Generation Barbour-Jacke ...

Martin Lichtmesz
22. Oktober 2013 12:54

Was mich an der SZ-Kritik stutzig gemacht hat: einerseits hat der Rezensent bemosert, daß "Finsterworld" das "Scheißdeutschland" nicht in den Boden stampft, andererseits, daß er zu "politisch korrekt" sei und K. diesmal nicht den "Kryptorechten" spielen wolle (das ist natürlich von Seiten der SZ besonders gemein geheuchelt)... eine solche Schiefheit verweist wohl auf einen erheblichen Verständniskonflikt seitens des Rezensenten.

Inselbauer
22. Oktober 2013 13:25

Dieser Kracht hat mich immer ein wenig an Arnolt Bronnen erinnert, und zwar an dessen Phase, als er nach dem Krieg versucht hat, mit Eichenlaub am Kragen den Bolschewiken zu geben. Leider hat Kracht nicht den Mut, radikal schlechte Texte zu veröffentlichen, und im vorliegenden Filmfall wird wohl auch noch die Vernunft der Ehefrau dazwischen gekommen sein. Ich würde ihn in die Pflicht nehmen, und versuchen, ihm ein paar minderwertige nationale Prosastücke für eine Veröffentlichung abzuknöpfen.
Die Besprechung finde ich auch sehr gut, vorwärts Frau Kositza, gegen die Literaturfremde der Rechten, gegen die alles beherrschende populärwissenschaftliche Ästhetik in diesem virtuellen Milieu!

Nils Wegner
22. Oktober 2013 13:29

@ Bundschuh: Dabei aber bitte nicht vergessen, daß es sich bei "Vom Hirschkäfer..." um einen fürchterlichen, sich krampfhaft experimentell und innovativ gebenden Volkspädagogik-Streifen handelt, der auch mit Konditionierung zu arbeiten versucht. Siehe etwa die Einblendung von Ameisen und sich kringelnden Maden, wenn "unbequeme" Personen zu Wort kommen; ebenso die inszenatorische Mystifizierung eines Berufsdenunzianten wie A. Schobert selig.

Ich sehe da eher weniger Anknüpfungspunkte und hoffe auch, daß es sie nicht gibt.

Bootsmann
22. Oktober 2013 13:38

Der Film ist gut, zweiffellos. Aber man sollte vermeiden, sich Krachts verkrachtes Gestammel dazu anzuhören oder zu lesen. Das ist nicht interpretierbar, sondern einfach nur peinlich … Das mit der Schokolade haben sie eben drauf, die Schweizer …

Armand
22. Oktober 2013 13:46

Der SZ-Rezensent offenbart in folgendem Satz seinen geistigen Horizont:

"Finsterworld" hätte eine zersetzende, skandalöse Farce über ein nationalistisch-narzisstisches Deutschland sein können.

Allem Anschein nach sollte und wollte der Film gerade dies eben nicht sein. Also kann ich diesen Vorwurf nur dann an die Macher von "Finsterworld" richten, wenn ich den Film nicht verstanden habe. Rezensenten, die Adjektive wie "nationalistisch-narzisstisch" benutzen, sind derart ironiefrei, dass sie ohne weiteres ein Teil des von ihnen zerrissenen Films sein könnten. Ein linkes Dilemma...

Albert
22. Oktober 2013 16:17

Frau Kositza, Ihre Deutung und die Assoziationsketten beeindrucken mich, und bestimmt hat der Film eine Menge Tiefgang. Richtig neugierig hat mich das aber nicht gemacht.

Traurig für unsere Filmszene finde ich es schon, daß man dererlei Hirn- und Assoziationsakrobatik betreiben muss, um mal einen etwas anderen Film zu sehen.

Kositza: Sie können den Film getrost auch ohne jede Akrobatik ansehen und werden dabei deutlich über Mittelmaß unterhalten. (Das restliche Kinopublikum war sehr amüsiert.)

OG d.R.
22. Oktober 2013 22:34

Der KZ-Spruch ist eine Provokation, die sitzt. Weniger gut, die elendig langen Mono- und Dialoge von psychopathischen Charakteren und sexuellen Anspielungen und Entgleisungen. Davon haben wir in der Realität schon mehr als genug, so daß sie weder Provokations- noch Unterhaltungseffekt beim geneigten Filmschauer hervorrufen können.

Insgesamt wirkt der Streifen auch nicht viel besser als der unsägliche Improvisationsschrott „00 Schneider“.

Derzeit also besser mit Klassikern beschäftigen!

Deutsches Kino verpasst man hier sowieso nicht, denn Kracht und Finsterwald sind kosmopolitische Weltbürger, die in Nordamerika zur Schule gingen und zwischen ihren florentinischen und ostafrikanischen Residenzen herumsausen mit Zwischenstops in Deutschland um ihre Filme und Bücher zu verkaufen.

Irrlicht
22. Oktober 2013 23:25

Das Graffito HAHAHA! nimmt natürlich Bezug auf den tiefschürfenden, jedes wichtige Ereignisse begleitenden Ausspruch "HAHA" von Backenbuckel, den hundsköpfigen Pavian in Alfred Jarrys Roman "Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll". Und die Kritik? Ist Kositza selbst besessen vom Bestreben, NS-Bezüge auszubreiten - nicht ohne die obligatorische Portion Abscheu -, eine deformation professionnelle bundesrepublikanischer Germanistik, oder ist es eine Persiflage auf ebenjenes Verhalten, dessen sich SZ&Co diesmal enthielten?

Kositza Sie zerknirschen mich... Natürlich war es völlig absurd von mir, "NS-Bezüge" auszubreiten - ausgerechnet bei einem Film, der zu beträchtlichen Teilen im KZ spielt...

OJ
22. Oktober 2013 23:57

Die Deutung der alten Dame als "Deutschland", dessen Wucherwuchs (Hornhaut=betonverschmierte Großstädte) von einem Liebhaber (Claude=Kracht) abgetragen wird (u.a. so ja auch in Faserland, ich erinnere nur an die grandiose "Neckarauen"-Sentenz), besticht!

Das "HAHAHA" erinnert mich eher an die sinnlose Zerstörungswut der Moderne, die der "Nichtkonsument Einsiedler" als Strafe erleiden muss. Insofern hätte da auch "#YOLO" stehen können.

Kositza:Ja, aber es steht eben AHAHAHA da, nicht HAHAHA und nicht YOLO.

Gustav Grambauer
23. Oktober 2013 00:58

@Herrn Lichtmesz

Mir fällt seit etwa einem Jahr auf, daß das sich Teile des Juste Milieu zunehmend (nicht: politakorrekt, nicht: politinkorrekt sondern) betont politantikorrekt geben, dies wurde mir neulich erst wieder mit dem Aufmerksam-Werden auf Somuncu im Zusammenhang mit Lucke bei Will deutlich, ich erspare den geschätzten Lesern eine Verknüpfung zu dessen Kabarett-Nummern.

Diese Tendenz der immer höheren Blüte des Sophismus paßt zugleich sehr zum ebenfalls beobachtbaren Ausufern der Dekonstruktions-Manie, die letztlich alles auffressen wird (wie eben die Revolution ihre Kinder ...). Ich gehe dabei im Prinzip von vorsätzlichem Handeln aus, auch wenn bisweilen einmal ein Text klüger sein sollte als der ihn verfassende Praktikant, das Unterbewußtsein ist schließlich auch ein Bewußtein.

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Auch in diesem Interview

https://www.youtube.com/watch?v=iaQluzv4p9Y

gibt es - für mich - eine "zentrale Szene", bei 2 : 36, an der Frau Finsterwalder sich bemüht, die Zeichnung der Charaktere als "liebevoll und nicht von oben herab" hinzustellen, "sich sozusagen mit denen auf eine Ebene begebend".

Mit genau der Masche haben uns schon so einige einseifen wollen: von Heinrich Heine über Thomas Mann bis z. B. Marcel Reich-Rainicki.

Ich werde den Film sicher NICHT anschauen.

- G. G.

Luise Werner
23. Oktober 2013 07:05

Ich habe den Film noch nicht gesehen. Frau Kositzas Bewertung macht nun zusätzlich neugierig, nachdem ich schon durch das lokale Kinomagazin aufmerksam wurde. Dort erhielt der Film eine sehr gute Kritik. Er wird dort unter der sporadischen Rubrik "Kino-Extrem" besprochen, was mich zunächst abschreckt. Ich zitiere mal zwei Passagen: "... man bleibt lange sprachlos nach Finsterwalders Spielfilmdebut, das so wunderschön, so klug, so radikal und meisterhaft von unserem Land erzählt und mit spielerischer Leichtigkeit alle Schubladen ignoriert, in die man es gerne stecken möchte. ... ... Und darum geht es; um die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken in einer Welt, die erstarrt ist in Statussymbolen, Regeln und Zwängen ...".
Das klingt, gottlob, nicht nach der Sehnsucht des Rezensenten nach einer "zersetzenden und skandalösen Farce". Vielmehr fühlt er sich an Peter Weirs "Picknick am Valentinstag" erinnert und bemerkt, dass dies ein Meisterwerk ist, "dem FINSTERWORLD in seiner makabren Schönheit in nichts nachsteht."

ene
23. Oktober 2013 09:47

Was das oben von G.G. eingestellte Interview betrifft, so kann ich immerhin sagen: wie Frau Harfouch sich da in dem Sitz räkelt, mit ihrer Sonnenbrille spielt, das ganze schnöselige Gehabe und Getue - ist für mich bei weitem interessanter als alles, was die Regisseurin sagte. (Es ist ja gerade zu erschütternd, mit welcher Schlichtheit und welchem vorgestanztem Vokabular sich Künstler so darstellen. Meine Güte!).

Kositza: Kann den Film nicht sehen, unsere magere Netzverbindung erlaubt nur Standbilder. Bei C. Harfouch habe ich generell den Eindruck, daß sie vielleicht deshalb eine so gute Schauspielerin ist, weil sie sich stets selbst spielt, sie wird, zumal in ihren Filmwerken, ja immer für die gleichen Typen besetzt.

Ihr Filmpartner scheint von ähnlichem Kaliber zu sein. Auf Focus online fragten sie ihn, ob er (im Film ist er der Vater des seelisch vernachlässigten Salonfaschos) glaubt, daß Eltern für ihre Kinder verantwortlich seien.

Schütz: Ich bin ein großer Anhänger von dem Modell Burkina Faso, wo die Kinder innerhalb des Dorfes sozusagen adoptiert werden. Sie werden dann zum Beispiel vom Onkel erzogen. Das ist ein ganz gutes Prinzip, weil das eigene Fleisch und Blut ja oft der Ursprung allen Übels ist.

Ein Fremder aus Elea
23. Oktober 2013 09:51

Also da bin ich mir nicht so sicher, was Heine war. Nett find ich es nicht gerade, wie er den Franzosen Deutschland dargestellt hat. Geradezu unerträgliche Mysti- und Horrifizierung. Ganz das Gegenteil Krachts, wie ich Ihre Filmkritik verstehe, nicht mit der Absicht eine Finsterworld abzutragen, sondern mit der, eine aufzubauen.

Nun, Absicht, im engeren Sinne, war's wohl nicht, den Franzosen gefällt das halt, auch so mancher Russe hat sich daraus eine Existenz in Paris gezimmert, und Heine war nur flexibel genug, dem französischen Wunsch nach romantischen Schauermärchen zu entsprechen.

Vermißt hat Heine wahrscheinlich nur seine Mutter.

Irrlicht
23. Oktober 2013 09:52

@Kositza
Wenn das Feuilleton des Mainstreams einmal nicht der Versuchung erliegt, die Thematik des KZ-Besuchs samt Verbrennungsofenerfahrung obsessiv zu überdehnen und überall im Film Hakenkreuze und andere NS-Symbolik zu wittern, muss dafür natürlich die Sezession einspringen. Dem Kommentar war zu entnehmen, worauf ich mich mit dem Ausdruck "NS-Bezüge" bezog.

Kositza: Das Hakenkreuz war die einzige "andere NS-Symbolik", und die hab nicht ich "gewittert", darauf hat Kracht selbst hingewiesen, eine tolle Stelle übrigens im Zeit-Interview:

strong>Kracht:Man sieht im Film eine Nahaufnahme dieses Cadillac-Symbols auf der Radnabe. Und wenn man genau hinschaut, erscheint da ein Hakenkreuz. Das war in keinster Weise intendiert – das erschien einfach. Bei bestimmten Drehzahlen eines Rades entsteht also offenbar die optische Täuschung eines Hakenkreuzes aus einem Cadillac-Zeichen. Das wäre ja fatal, wenn man das in der Nachbearbeitung reingetrickst hätte, da würde einen die Firma Cadillac, die einem freundlicherweise auch noch dieses Auto zur Verfügung gestellt hat, in Grund und Boden verklagen. Aber das Tentakelwesen hat nun einmal entschieden, dass innerhalb dieses Films, in dem es um genau diese Dinge geht, genau das passiert. Das ist absolut nicht intendiert, es ist Zauberei. Der Schnittmeister rief an und sagte: Ihr müsst mal kommen, das ist ja absurd, was machen wir jetzt? Damit will ich sagen: So entstehen Inhalt und Aussage. Aus der ludischen Metaphysik.

ZEIT: Sie nennen das metaphysisch? Man könnte auch von reiner Kontingenz reden.

Kracht: Nein, das ist Gott. Gott sagt: Dies geschieht

Carsten
23. Oktober 2013 10:28

Sehr interessante Aspekte in Ihrer Interpretation.

Ich füge noch einen hinzu: Wenn die alte Dame (großartig: Margit Carstensen!) Deutschland ist, dann wäre die Sache mit den Hornhaut-Keksen nach dem Nosoden-Prinzip ein Heilungsversuch.

Kositza: Sehr guter Gedanke!

Wie auch immer, aber welch himmelweiter Unterschied zwischen Ihren Gedanken und dem blamablen Geschreibsel der Volkserzieherpresse.

Gustav Grambauer
23. Oktober 2013 11:24

@Carsten

Ich kann`s mir nicht verkneifen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Fußwaschung

Die Frau Finsterwalder kriegt anfallsartige Lachkrämpfe wenn sie das liest.

- G. G.

Kositza: Darf man mitlachen? Ich hab den Witz nicht verstanden.

Gold Eagle
23. Oktober 2013 12:13

Es gibt zwei Arten von deutschen Filmen: Til Schweiger-Schuh-des Manitu-Blödl-Kömmödien und Filme, in denen es um die Hornhaus alter oder die schwarzen Lover fetter Frauen geht. Ich frage mich immer, warum sich Menschen so etwas antun. Diese Filme werden in der Regel ohnehin nur für die Filmförderung und die Kritiker gemacht. Von der Wirkung her sind sie völlig irrelevant - besonders, weil man die Botschaften anschließend erst einmal dechiffrieren muss.

Ich endecke gerade die 70er und 80er Jahre wieder und stelle fest, wieviele gute Abenteuerfilme und Serien damals noch in Deutschland gedreht wurden. Für den Seewolf mit Raimund Harmsdorf schenke ich Euch das gesamte deutsche Kino der letzten 10 Jahre!

Ach ja, dieses Jahr kommt noch der Kleine Hobbit 2. Da gibt es Mythos, Heroismus und eine große Geschichte vom Kampf Gut gegen Böse, die ein Millionen Publikum erreicht- und das ganz ohne deutsche Befindlichkeiten. Das ist dann auch "metapolitisch" relevant.

Kositza: Das mit dem Sich-antun ist natürlich eine große Frage. Man muß sich auch nicht dicke "Romane" antun, man kann statt zu Thomas Mann, Proust oder J.M. Coetzee auch zu ein paar Abenteuerromanen greifen. Die sind dann garantiert nicht "nur für die Kritiker" gemacht. Finsterworld mag mit ihrem Seewolf nicht mithalten können, ein besonders abartiger Film ist es dennoch nicht.

Gustav Grambauer
23. Oktober 2013 14:19

Liebe Frau Kositza, sehr geehrter Carsten,

es handelt sich nicht um einen Witz. Mein Einwand zielt auch keineswegs auf das Mysterium der Fußwaschung und auch nicht auf die Nosoden-Lehre der Naturheilkunde. Ich wollte zum Ausdruck bringen, daß dieser Streifen m. E. von Ihnen und einigen anderen ganz offensichtlich überinterpretiert und viel ernster genommen wird als er gemeint ist und vor allem: als er es seiner moralischen Stoßrichtung nach verdient hätte.

In dieser Haltung hat mich übrigens nicht unmaßgeblich das, Entschuldigung bitte, geradezu klischeehaft wohlstandsverwahrloste, egomanische Geschnatter der Frau Finsterwalder im oben verknüpften Interview bestärkt. Wenn sich hinter so viel Oberflächlichkeit ein blutendes Herz nur seine Tarnung sucht, dann ist allerdings ebenfalls alles zu spät.

Übrigens habe ich nichts gegen die Brillanz oder sogar Genialität z. B. eines Heine gesagt, so wie der Film - ebenfalls schon aus dem Vorfilm ganz offensichtlich - unbenommen seine stilistische Größe hat. Aber darum geht es mir nicht, in der derzeitigen Situation unserer Nation kann ich es mir nicht leisten, mich davon über den Nachtreter-Habitus aus dem Schutz des Juste Milieu hinweg blenden zu lassen.

- G. G.

G.W.
23. Oktober 2013 14:55

Sehr richtig Goldadler,

es fehlt an den guten "Mittelklasse" und Genre Filmen in Deutschland, welche bei Erfolg auch einmal identitäts- bzw. bilderstifend wirken könnten. Immer nur Arthouse (mit auch sehr schwankender Qualität) und totaler Schund kann es halt auch nicht sein.

Über subversiv rechte/konservatie/faschistische in Hollywoodfilmen und Serien ist in der deutschen Blogsphäre immer eher wenig zu lesen, wenn man vom Einzelkämpfer Lichtmesz absieht. Da muss man schon zu den Amerikanern gehen.

Batman als Protofaschisten, Watchmen als rechte Abrechnung mit dem Utopismus der Gutmenschen, Elysium als SciFi-Parabel über die Einwanderung aus der driten Welt und den Tod der weißen Zivilisation? Ähnliche Inhalte in Musik, Computerspiele und Comics?
Wenige Worte werden darüber verloren.

Zum Hobbit auch einmal, dass sein Zentrales Thema über Heimat, das Recht auf eine solche und der nötige Kampf um seine Rückeroberung von der ganzen konservativen Szene quasi nicht gesehen wurde und keine Verbindungen zum deutschen Vertreibungstraume gezogen wurden, nun das überrascht mich doch.

Ein weiteres interessantes Thema ist ja immer noch die Beliebtheit von Fantasythemen im allgemeinen, welche im Kern ja immer (indo-) germanischen Ursprungs sind und eine Sehnsucht nach traditionellen Werten und Formen verkörpert. Daran müsste doch zumindest metapolitisch angeschloßen werden.

PS: Der Seebär steht jetzt offiziel auf meiner Zu-erledigen-Liste.
Eine weitere zu empfehlende themenverwandte Kurzserie neueren Datums ist sicher "Der Untergang der Laconia" von 2011. Aber nur in der BBC Schnittfassung!!!

Carsten
23. Oktober 2013 15:19

an Gold Eagle:

Ja, die 70er waren großartig! Der Seewolf war toll und auch Der Kurier des Zaren! Ich habe auch Auf Achse mit Manfred Krug geliebt. Im Grunde ist das 20. Jahrhundert 1979 zuende gegangen.

Franz Schmidt
23. Oktober 2013 18:10

Das erinnert mich alles daran, wie das Buch "Sieben Reiter" von Jean Raspail beim Leser ankommt. Die meisten, die ich kenne, können mit dem Buch ohne "Hilfestellung" nicht viel anfangen. Ist die "Hilfestellung", z.B. in Form der bei der Sezession oder Amazon zu findenden Interpretationsvorschläge überhaupt zutreffend?

Einer hat mir gesagt, es wäre Unsinn, irgendwas "Rechtes" hinein zu interpretieren. Ein anderer hat mich gefragt, welchen Nutzen das Buch habe.

Ich frage mich, womit beschäftigen wir uns eigentlich? Sind wir schon zu abgedreht, um uns mit Offensichtlichem, Greifbarem, abzugeben?

Warum z.B. versucht man krampfhaft bei Nichtrechten was Rechtes zu finden, während man die qualitativ hochstehenden echten Rechten ignoriert? Wie kann es sein, daß man z.B. Raspails "Sieben Reiter'" und sein "Heerlager" hochjubelt, aber JF-Autor Derek Turners viel besseres "Sea Changes" völlig ignoriert?

Sollten wir uns nicht primär auf die eigenen Leute konzentrieren, die nicht kryptisch und vielseitig interpretationsfähig schreiben?

Die Analyse von Frau Kositza zum Film finde ich trotzdem bemerkenswert gut.

Kositza Lieber Franz Schmidt, auf Anhieb hätte ich nur einen Tip an Ihren Bekannten parat, der dem "Nutzen dieses Buchs" fragt: Wer Nutzen sucht, sollte (gute) Romane generell meiden und zu Sachbüchern greifen, am besten gleich zu Ratgebern!

Kreuzweis
23. Oktober 2013 19:51

Ein wunderbare Filminterpretation, Frau Kositza, Dank dafür!

"Kositza: Kann den Film nicht sehen, unsere magere Netzverbindung erlaubt nur Standbilder."

Auch ich habe eine magere Netzverbindung, ev. sogar langsamer als Sie. Bei Youtube-Filmen kann man sich mit "convert2mp3.net" (z.B.) schön behelfen. Sie geben dort die URL des Youtube-Filmchens ein, wählen MP4 als gewünschtes Format und können es dann in aller Ruhe herunterladen und danach ansehen ...

Kositza: Danke!

Martin Lichtmesz
23. Oktober 2013 20:40

Warum z.B. versucht man krampfhaft bei Nichtrechten was Rechtes zu finden, während man die qualitativ hochstehenden echten Rechten ignoriert? Wie kann es sein, daß man z.B. Raspails „Sieben Reiter‘“ und sein „Heerlager“ hochjubelt, aber JF-Autor Derek Turners viel besseres „Sea Changes“ völlig ignoriert?

Absoluter Totalblödsinn, schon vom puren politischen Gehalt ist "Heerlager der Heiligen" den "Sea Changes" haushoch überlegen. Von der literarischen Erfindungskraft und Meisterschaft ganz zu schweigen. Ansonsten: so, wie es Kositza sagt.

Martin
23. Oktober 2013 21:27

@G.W.

auch wenn es jetzt vom Thema abgeht, aber ich finde schon, dass der "Bühnenbildner" der "Herr der Ringe"- Film-Trilogie mit hoher Wahrscheinlichkeit vermutlich mal im Völkerschlachtsdenkmal zu Leipzig war ... (Auch die Szene mit dem Ruf "Ihr Völker des Westens ..." im dritten Teil - Autobahn!)

"300" ist aus meiner subjektiven Sicht NS-Pur ...

so, jetzt aber genug "Off-Topic" von mir ... daher zum eigentlichen Thema:

In der SZ-Rezession fiel das (Tot-)Schlagwort "artifiziell" und ich muss sagen - Film hab ich ja noch nicht gesehen - das trifft auf die Kracht´schen Werke wie "Imperium" oder auch "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" schon irgendwie zu ...

Franz Schmidt
23. Oktober 2013 21:36

@ Martin Lichtmesz

Gestatten Sie mir, Ihnen - bei allem Respekt vor Raspail - zu widersprechen: Raspail hat in seinem Heerlager Zugeständnisse an die PC gemacht. Für ihn ist Europa (...) nur eine Art Idee. Warum ist er eigentlich gegen die Invasion? Weil es zuviele auf einmal sind? Oder warum sonst? War da nicht auch der Schwarze, der Europa verteidigen wollte? Was für ein Europa soll da verteidigt werden?

"Sea Changes" ist vom politischen Gehalt besser: Es ist aktueller und basiert nicht auf einer unrealistischen Fiktion. Man kann alles selbst leichter nachvollziehen: Die Gründe der illegalen Einwanderer, ihren Weg, ihre Unterstützer, ihre konservativen Gegner, die Rolle des Staates, die Medien, die Gründe für das Scheitern von Gegenmaßnahmen.

Hätte Raspail ein aktuelles Buch geschrieben, würde mein Urteil vielleicht anders ausfallen. Es ist 40 Jahre alt!

Wieso sollte Raspails Buch literarisch besser sein? Das kann ich nicht erkennen. Phantasie ist nicht schlecht, doch die meisterhafte Abbildung der Realität in literarischer Form hat Turner besser geschafft.

Inselbauer
23. Oktober 2013 22:47

Wenn man euch so bei der literarischen Debatte zuhört, kommt einem das kalte Grausen. Da soll einer gefälligst weniger Interpretationsmöglichkeiten zulassen beim Schreiben, der nächste fordert rechte Inhalte, ein dritter hat ein Qualitätsgefühl und eine formale Bildung, die einem Andreas Temme zur Ehre gereichen würden (der schrieb in der Pubertät aus mein Kampf ab; das war rechte Literatur). Kubitschek sollte mit der Populärwissenschaft Schluss machen und die neurechte Jugend zum literarischen Proseminar vergattern. So wie es im Moment läuft mit der literarischen Kultur kann es nicht weitergehen. Jeder dahergelaufene Antifaschist mit seinem Heinrich Böll kann sich da überlegen fühlen.

FFlecken
24. Oktober 2013 00:19

@ Franz Schmidt

Jean Raspail ist mit seinem Menschenbild, sowie als katholischer Traditionalist und Monarchist, zweifelsohne der politischen Rechten zuzurechnen. Vita, zahlreiche Aussagen und Werke sprechen zudem für sich. Glaube viel mehr muß man dazu nicht sagen.

Daß Personen Ihres Umfeldes ernsthaft nach dem rechten/konservativen Gehalt des hervorragenden Romans ,,Sieben Reiter...`` fragen, muß ich erstmal sacken lassen... Zum Begriff des Nutzen in diesem Kontext ist ja schon entsprechend zutreffend Stellung genommen worden.

Europa als Idee muß man bei Raspail wohl relativ sehen- er sieht wohl letztendlich am Grund von fast allem eine ,,Idee``. Aber dies würde sicher zu weit führen. Dies korrespondiert bei ihm ja durchaus mit einer abenteuerlichen Leidenschaft für die Völker (gerade die, die noch Völker sind und/oder vom Aussterben bedorht sind) und ihre Eigenarten. Als Europäer natürlich - gerade wenn es ums Ganze geht - in besonderem Maße für jene unseres Kontinents und das französische Volk.
Einige Schwarze als Verteidiger Europas im ,,Heerlager der Heiligen`` können wohl kaum, bei Kenntnisnahme des knallharten, durchgehend existentiellen Inhalts, als PC-Zugeständnis gelesen werden. Eher als Absage an einen übersteigerten und lebensfeindlichen Biologismus. Bei allen Unterschieden von Ethnien und Völkern - das Leben ist kein Zoo.

Ein Roman lebt meines Erachtens wesentlich von dem was zwischen den Zeilen steht, da ist eine komplette ,,Nachvollziehbarkeit``, samt Handlungsanleitung für sonstwas und sonstwen, keine Kategorie. Solange die Sprache des Autors nicht unzumutbar selbstverliebt und abstrakt ist, was bei Raspail nun wirklich nicht der Fall ist.

Nils Wegner
24. Oktober 2013 00:52

Augenrollenderweise: Wer meint, ein Anrecht darauf zu haben, "taugliche" Bücher qua Rezension und Querverweis mundgerecht serviert zu bekommen, anstatt selbst nach Perlen zu tauchen, der sollte vielleicht in stillen Stunden – soweit vorhanden – über sein Verhältnis zur Außenwelt nachdenken.

Das hier ist ein Netztagebuch jeweils rein subjektiv schreibender Autoren, und nicht H-Soz-u-Kult (weder wissenschaftlich, noch belletristisch) für Rechtsprosa-Trüffelschweine. Meine Fresse.

antihunkebunk
24. Oktober 2013 01:00

Bin ohnehin Ihr Verehrer, Frau Kositza, erst recht nach dieser Ihrer Interpretation.

Aber b i t t e, bezeichnen Sie n i c h t als NS-Deutung, was Heine mit seinen "Nachtgedanken " 1843 gemeint, wirklich gemeint, hat:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wieder finden.

Der NS war wirklich später als dieser Heimat-(Deutschland-)Liebe-Patriotismus des Paris-Exilanten auf der Freies-Geleit-Reise (immerhin!) durch die deutschen Restaurationskleinstaaten zu seiner in Hamburg sterbenden Mutter, die ihn in Wirklichkeit um den Schlaf brachte!

Kositza: Es berührt mich nun seltsam, daß Sie davon ausgehen, ich hätte gewisse Daten, wenigstens grob nach Jahrhunderten geordnet, nicht im Kopf. Ich habe geschrieben, es sei eine NS-Deutung gewesen, Heine als Vaterlandsverräter zu beschimpfen. Zu Ihrem besseren Verständnis meiner Worte füge ich hier "posthum" ein!

Martin Lichtmesz
24. Oktober 2013 01:24

@ Franz Schmidt

Entschuldigen Sie bitte mein offenes Französisch, aber was Sie da schreiben, ist nach wie vor blanker und uninformierter Unsinn, so unsinnig, daß es mich geradezu verblüfft, so etwas von einem Leser dieser Seiten zu hören. Und wie gesagt, jemand, der nicht versteht, warum ein Buch wie die "Sieben Reiter" in einem rechten Verlag erscheint, hat wohl auch eine Menge anderer Dinge nicht begriffen.

Franz Schmidt
24. Oktober 2013 07:30

@ Martin Lichtmesz

Möge sich der Leser ein eigenes Bild von Derek Turners "Sea Changes" machen. Die folgende Rezension eines Schriftsteller-Kollegen kann dabei hilfreich sein:

https://alternativeright.com/altright-archive/main/blogs/zeitgeist/sea-changes-1

M.L.: Danke, aber zufälligerweise habe ich den Roman tatsächlich gelesen, und nicht bloß irgendwelche Rezensionen überflogen, anhand welcher sich "der Leser" ein "Bild machen" kann. Es ist ein sehr gelungenes Buch, reicht aber bei weitem nicht an den Klassiker Raspails heran.

Stil-Blüte
24. Oktober 2013 22:16

Die meisten Zuschauer saßen im kleinen Saal nach dem Abspann noch etliche Zeit schweigsam da und starrten auf die schwarze Bildfläche.

Wenn ich meinen Augen trauen darf, waren die Buchstaben auf der Hüttenwand b e i d e s , Verschmelzung von HAHAHA als Hohngelächter der Hölle und Initialien AHAHAHA. Auch wäre ein Bezug zu Volksliedern denkbar.

Aufgefallen ist mir: Alle (außer die beiden Idealisten) rauchen bzw werden zum Rauchen animiert. Verführung und Rebellion zugleich in einer Zeit des Rauchverbots, also wiederum doppeldeutig.

Ich kann Ellen Kositza nur zustimmen: Der Film hat es in sich und ist auch ohne Reflexion über metaphorische Hinter- und Abgründe ein Gewinn! Ich werde ihn weiterempfehlen, und danke auch Ihnen, Frau Kositza für die Empfehlung.

Jens
26. Oktober 2013 17:04

Danke für die sehr interessante Rezension. Den Film würde ich mir ggf. sogar auf DVD zulegen. Mag sein, dass bei Kracht zuweilen alles und nichts hineininterpretiert werden kann, aber Ihre Deutungen, Frau Kositza, ergeben ein für mich sehr stimmiges Bild und sind angesichts der genannten "sekundären Intelligenz" absolut legitim, insbesondere wenn der Autor schweigt oder nur andeutet. Ein Mindestmaß an hermeneutischem Spielraum sollte bei guter Literatur selbstverständlich sein und dass Kracht das begrüßt, ist doch mehr als offenkundig. Im Zweifel scheint mir bei ihm definitiv das zu gelten, was (ich glaube) Kubitschek mal sagte, nämlich dass Kracht wohl kein Rechter, aber auch definitiv kein Linker sei.

Hildegard
27. Oktober 2013 11:57

Völlig ahnungslos und unbedarft haben wir uns gestern den als Komödie bezeichneten "Finsterworld" angeschaut und sogar unsere Kinder (10, 15, 16) mit ins Kino genommen; Christian Kracht und seine bisherigen Werke waren mir und meinem Mann bis dahin kein Begriff. Und so haben wir den Film auf uns wirken lassen und anschließend Assoziationen zusammengetragen, denn alle hat der Film irgendwie betroffen gemacht. Dabei erwiesen sich die Gedanken und Vorstellungen der Kinder wie immer erfrischend natürlich, rein, unverbraucht und - weise. Das können Sie, liebe Frau Kositza, bestimmt bestätigen.
Herausgekommen ist ein Bild der Welt, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen fasziniert und irritiert: Die Welt an sich ist weder gut noch böse, sondern mitunter sehr schön (der Wald, das Licht, die Felder). Die Menschen lassen mittels fehlgeleiteter Vernunft Ignoranz, Ungerechtigkeit, Egoismus, Abgestumpftheit und damit das Böse entstehen. Die konkreten politischen Hintergründe spielen dabei eine untergeordnete Rolle, denn sie sind vielfältig und wiederholbar.
Für mich zentral war die Frage Claudes nach einem Gott und der Antwort Frau Sandbergs, sie wünsche sich, dass es einen gebe. Diese Aussage enthebt den Film aller Diesseitigkeit, macht ihn transzendental und damit offen für diejenige Interpretation, die einem erlaubt, sich den zentralen Fragen des Lebens intellektuell kunstvoll zu entziehen, oder mit der man sich ihnen im freien Fall stellt und dabei riskiert, dass man alles verliert: sowohl den Glauben an die Existenz eines allmächtigen Gottes als auch an das Gute im Menschen.
Die alte Frau, gerne auch symbolisch für Deutschland, hat sich in Demut und Geduld ihrer Vergangenheit ausgesetzt. Ignoriert, gemieden und vereinsamt ist sie jedoch die Einzige, die obschon totgeglaubt, "geläutert" und selbstbestimmt ein neues Leben beginnen wird. Insofern ist "Finsterworld" doch gar nicht so finster...

drieu
28. Oktober 2013 21:31

Bei Kracht muss man scharf zwischen Werk und Person trennen. Das gilt auch für seine Frau. Gut erinnere ich mich, wie die beiden sich für die "Große Pyramide" ins Zeug legten - der skurrilen Grundsteinlegung wohnte ich als Zeuge bei. Wenig später war diese Pyramide auf einmal "ganz schrecklich"...
Und die Sache mit seinem ollen Tempo-Kollegen Diez: geschenkt. Kracht verfügt über Zugänge zu den wichtigsten Medien - davon kann unsereiner nur träumen. (Man beachte hierzu den Wikipedia-Eintrag zum gleichnamigen Vater.)

Überliest man also geflissentlich die mitunter saublöden Auslassungen der Macher zum Film (bei denen man mit gutem Willen Ironie vermuten darf), kann der Film tatsächlich so wie von Kositza interpretiert werden. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, daß sie recht hat. Kracht ist ein oft gelangweilter, schnösliger, unterhaltsamer und zwielichtiger Babour-Rechter (kein Brauner!) - immerhin etwas, in dieser BRD.

Stil-Blüte
2. November 2013 20:25

Als literarisches 'Vorbild' fällt mir Musils 'Zögling Törles' noch ein.

Als Krachts persönlicher Hintergrund die Demütigungen, die er von Robusteren an englischen Elite-Internaten erfahren mußte. Ist es nicht seltsam, daß die sadistischen Prinzipien dort nicht nur geduldet, sondern von Generation zu Generation weitergegeben und gefördert werden und weitgehend ein Tabu zu sein scheinen? Jedenfalls habe ich über die Grausamkeiten der Zöglinge (Ältere gegen Jüngere, Stärkere gegen Schwächere, Höhere gegen Niedere) rein zufällig erfahren und von Kracht in einem Interview (ich habe es nicht mehr gefunden) bestätigt gefunden.

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