Der schmale Grat

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

Es ist nicht schwer, in dem Beitrag »Wir selbst, das Wesentliche und das Magnetische« von Götz Kubitschek (Sezession 52) die Fortsetzung eines Versuchs zu erkennen, ein irrationales Moment zu etablieren. Soweit es sich dabei um ein persönliches Bedürfnis handelt, bedarf es keiner Gegenworte. Da sich dieses Bedürfnis aber als der Weisheit letzter Schluß präsentiert, folgend einige Einwände von meiner Seite.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Das Bedürf­nis nach dem Irra­tio­na­len (oder auch dem Wun­der­ba­ren, das in der Lage ist, die graue Wirk­lich­keit in eine Erleb­nis­welt zu ver­wan­deln) ist zunächst nichts Unge­wöhn­li­ches und tritt vor­wie­gend in Zei­ten auf, die etwas zu ruhig zu sein schei­nen (1944 wird die­ses Bedürf­nis in Deutsch­land wohl weni­ger aus­ge­prägt gewe­sen sein als 2012). Erschwe­rend kommt hin­zu, daß sich hin­ter der ruhi­gen Fas­sa­de oft die­sel­ben Pro­ble­me ver­ber­gen, um die sonst offen gekämpft wird. Es ist also der sprich­wört­li­che Mehl­tau, um den es geht. Er soll durch ein Fanal oder die per­ma­nen­te Stö­rung der Ruhe besei­tigt werden.

Im Hin­ter­grund steht dabei die Über­le­gung, daß sich eine Idee nur durch­set­zen wird, wenn sich jemand fin­det, der alles dafür ris­kiert, also ent­we­der sein Leben oder sei­nen guten Ruf. Nun geht es hier aber um kei­ne Idee, es sei denn, man gesteht der ewi­gen Unru­he einen ideen­haf­ten Cha­rak­ter zu, und schon gar nicht um eine poli­ti­sche Idee, denn, so wird behaup­tet, das Poli­ti­sche sei ja tot, son­dern um eine per­sön­li­che Lebens­ein­stel­lung. Die kann man haben oder auch nicht. Jeden­falls steht der Erleb­nis­cha­rak­ter und nicht die Idee im Vordergrund.

Das wird nicht zuletzt an den Bei­spie­len, den Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen, deut­lich, die Kubit­schek anführt: den Wan­der­vo­gel, der sich tot­soff, den Feld­we­bel, der als Söld­ner in Kroa­ti­en fiel, und – nament­lich – den Wie­ner Künst­ler Chris­ti­an Böhm-Ermol­li, der sich mit drei­ßig Jah­ren das Leben nahm. Die­se drei Typen, so unter­schied­lich ihre Lebens­ge­schich­ten auch sein mögen, ver­eint zumin­dest ihr früh­zei­ti­ges Ende, das sie offen­bar selbst gesucht, voll­zo­gen oder zumin­dest in Kauf genom­men haben. Der ers­te Impuls ist da nicht sel­ten – ins­be­son­de­re bei jün­ge­ren Leu­ten, die sich lang­wei­len – Bewun­de­rung. Der eine woll­te kein Kapi­tal aus sei­nem Kön­nen schla­gen, der nächs­te zog die Gefahr der Sicher­heit vor und der letz­te form­te sei­nen Tod zum Zei­chen gegen die­se Zeit.

In die­se Rei­he paßt auch Otto Wei­nin­ger, der sich mit 23 Jah­ren im Ster­be­zim­mer von Beet­ho­ven das Leben nahm. Was er damit erreicht hat, ist, daß sein Buch Geschlecht und Cha­rak­ter, das gro­tes­ke Aus­deu­tun­gen des Ver­hält­nis­ses von Mann und Frau ent­hält, bis heu­te als wahr ange­se­hen wird, weil der Autor mit sei­nem Leben für sei­ne Theo­rie ein­stand, sie gleich­sam besie­gelt hat. Doch wofür ste­hen die­se Schick­sa­le, die ihrem Tod irgend­ei­nen Sinn zu geben such­ten? Für eine Ent­schei­dung gegen Sub­stanz­lo­sig­keit, für das gro­ße Lei­den an der Zeit, oder sind sie nicht ein­fach – so patho­lo­gi­sche Ursa­chen aus­zu­schlie­ßen sind – ihrem eige­nen Nihi­lis­mus zum Opfer gefal­len? Es mag auf den ers­ten Blick para­dox erschei­nen, aber letz­te­res trifft zu: »Gegen­po­le bezüg­lich der Art der Erleb­nis­se, die zum Bewußt­sein der Sub­stanz­lo­sig­keit füh­ren und in dem Sinn der Selbst­ver­nich­tung zusam­men­kom­men, sind der Erleb­nis­rei­che und der Erleb­nis­ar­me. Der Rei­che fin­det, Echt­heit und Wesen suchend, vor der Fül­le der Scha­len nir­gends einen Kern. Aus Fül­le bei tiefs­tem Sub­stanz­be­dürf­nis, von dem aus jene Fül­le als nich­tig gese­hen wird, aus die­sem Gegen­satz ent­springt der Selbst­mord.« Der Erleb­nis­ar­me »führt sein gan­zes Leben einen gewalt­sa­men Kampf um Sub­stanz«. Sein Leben fin­det »im Tod für ›eine Sache‹« ein Ende, »wenn die Situa­ti­on eine ›Pflicht‹ her­an­bringt« (Karl Jas­pers: Psy­cho­lo­gie der Welt­an­schau­un­gen, 1919).

Ger­hard Nebel ist einem sol­chen Men­schen 1944 auf dem ita­lie­ni­schen Kriegs­schau­platz begeg­net und berei­chert die Dia­gno­se noch um den Aspekt der Tat: »Ihn ent­zückt der hal­len­de Glo­cken­ton, wenn man mit dem Ham­mer der Tat gegen das Erz des Todes schlägt.« Der alko­ho­li­sier­te Wan­der­vo­gel und der deut­sche Söld­ner in Kroa­ti­en sind damit sicher­lich aus­rei­chend beschrie­ben. Auch Böhm-Ermol­li dürf­te dem Typus des Erleb­nis­rei­chen ange­hört haben. Bei ihm kommt die ziel­lo­se Sinn­su­che hin­zu, die fak­tisch eben­so Aus­druck des Nihi­lis­mus ist. »Von der Phi­lo­so­phie ver­langt die­ser Mensch nicht Klä­rung, nicht Ein­sicht, nicht kla­res, kal­tes Betrach­ten, son­dern etwas Posi­ti­ves, eine Welt­an­schau­ung, die Wie­der­her­stel­lung der ver­lo­re­nen Sub­stanz, die Auf­fül­lung der nihi­lis­ti­schen See­le.« (Karl Jaspers)

Von hier aus ist es zu dem Text von Hans Zeh­rer, »Die eigent­li­che Not unse­rer Zeit«, kein wei­ter Schritt. Laut Kubit­schek unter­nimmt Zeh­rer dar­in »den nicht eben simp­len Ver­such, den wesent­li­chen Men­schen vom unwe­sent­li­chen zu unter­schei­den«. War­um das wich­tig ist, wird auch gesagt: »Das Unkon­kre­te stört, aber gera­de das Andeu­ten­de, das Rau­nen­de weckt die Ver­mu­tung, einer Sache von Bedeu­tung auf der Spur zu sein.«

Kubit­schek sieht die­ses Unkon­kre­te nicht zuletzt in der heik­len Situa­ti­on begrün­det, in der sich Zeh­rer befand, als er den Text im Febru­ar 1933 publi­zier­te. Aller­dings hält man der »Robust­heit« der Natio­nal­so­zia­lis­ten und ihre Gleich­schal­tung etwas viel zugu­te, wenn man der Mei­nung ist, daß sie bereits nach weni­gen Tagen tabu­la rasa gemacht hät­ten. Noch hat­ten die Kon­ser­va­ti­ven Schon­frist. Jün­ger schrieb im Mai 1933 im Deut­schen Volks­tum einen Auf­satz mit dem Titel »Unter­gang oder neue Ord­nung?«, wobei allein das Fra­ge­zei­chen Pro­ble­me hät­te auf­wer­fen müs­sen; Ernst Nie­kischs Wider­stand wur­de erst im Dezem­ber 1934 ver­bo­ten, und Zeh­rer wur­de von sei­nem eige­nen Zieh­sohn, Gisel­her Wir­sing, ver­drängt, der voll auf die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Linie schwenk­te. Zeh­rer nahm sich auf Sylt eine Aus­zeit, trenn­te sich von sei­ner bereits im Exil leben­den jüdi­schen Ehe­frau und lei­te­te schließ­lich den Ger­hard Stal­ling Verlag.

Doch selbst wenn man das außer acht läßt, bleibt das Unkon­kre­te ein Pro­blem. Ich bin kein Freund der For­mel vom »Jar­gon der Eigent­lich­keit« (Ador­no), weil sie zu pau­schal jedes grund­sätz­li­che Den­ken, das sich nicht mit den Äußer­lich­kei­ten begnügt, als Geschwätz abtut. Wenn man aber den Text von Zeh­rer liest, wird man den Ein­druck nicht los, daß man es hier genau mit die­sem Jar­gon zu tun hat. Das rührt nicht zuletzt von der von Kubit­schek als Exis­ten­tia­lis­mus (den es erst seit Sart­re gibt) bezeich­ne­ten Denk­art Zeh­rers. Was es damals gab, war die Exis­tenz­phi­lo­so­phie. Unter die­sem Begriff ver­such­te man, so gegen­sätz­li­che Auf­fas­sun­gen wie die von Hei­deg­ger und Jas­pers zu sub­su­mie­ren, die sich, zumin­dest zum dama­li­gen Zeit­punkt, dadurch aus­zeich­ne­ten, den Men­schen wie­der in den Mit­tel­punkt der Phi­lo­so­phie zu stel­len (und nicht die Erkennt­nis­theo­rie, wie bis dahin üblich). Es gibt noch ande­re Tex­te Zeh­rers aus die­ser Zeit, mit denen sich bele­gen läßt, daß er eini­ges davon gele­sen und vor allem aus Karl Jas­pers’ Die geis­ti­ge Situa­ti­on der Zeit (1931) sei­nen exis­ten­ti­el­len Nek­tar geso­gen hat. Ein Blick in Jas­pers’ Buch macht deut­lich, wo die Unter­schie­de liegen.

Jas­pers schreibt: »Ich ver­ra­te die eige­ne Mög­lich­keit, sobald ich aus dem Anders­wer­den der Zustän­de erst erwar­te, was ich aus mir sein kann. Ich wei­che aus, wenn ich auf ein Ande­res lege, was an mir lie­gen könn­te; wäh­rend die­ses Ande­re nur gedeiht, wenn ich selbst wer­de, wie ich sein soll.« Zeh­rer ver­legt sich dage­gen auf All­ge­mein­hei­ten, indem er die direk­te Anspra­che, die den Spre­cher als ers­tes meint, in eine Ankla­ge der Zeit­ge­nos­sen umfor­mu­liert. Das mag auf den ers­ten Blick nicht ent­schei­dend sein, wird es aber dann, wenn man den Text ernst nimmt. Dann wird deut­lich, daß bei einem so ent­schei­den­den The­ma wie der »Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit« nicht auf den ande­ren gezeigt wer­den kann, ohne sich nicht auch selbst zu mei­nen. Da das bei Kubit­schek meis­tens nicht der Fall ist, bleibt der Grund der Bezug­nah­me auf den rau­nen­den Text Zeh­rers unklar. Nicht umsonst stell­te Moh­ler fest: »Beschäf­tigt man sich heu­te aus Abstand mit dem Tat-Kreis von 1931–1933, so bleibt all das damals Pro­du­zier­te doch auch für den Wohl­wol­len­den etwas papie­ren, und man begreift die Auf­re­gung nicht mehr recht, wel­che es in jenen Jah­ren provozierte.«

Aber um Auf­re­gung soll es ja gehen, wenn sich Kubit­schek gegen ein angeb­li­ches Pro­gramm für Leu­te, die »aus­ge­sorgt haben, für letzt­lich doch Zufrie­de­ne, für Antriebs­schwa­che, Nai­ve« rich­tet. Die­se dage­gen­ge­stell­te Auf­re­gung soll »magne­tisch machen«. Im klei­nen Kreis der Sek­te oder der ein­zu­schwö­ren­den Gemein­schaft mag das sei­ne Wir­kung nicht ver­feh­len. Sonst sieht das aber grund­sätz­lich anders aus. Die­ses Bild von Füh­rer und Gefolg­schaft (gegen die see­len­lo­se Mani­pu­la­ti­on durch drit­te Kräf­te) ist als his­to­ri­sche Remi­nis­zenz bestechend, hat aber mit der Wirk­lich­keit, selbst der unmit­tel­ba­ren, nicht das gerings­te zu tun. Wer nicht weiß, wie ein­fach Men­schen zu mani­pu­lie­ren sind, hat sei­nen eige­nen Text nicht ver­stan­den. Er ist das bes­te Bei­spiel für eine Mani­pu­la­ti­on. Es sug­ge­riert gegen jedes bes­se­re Wis­sen, daß das Abnor­ma­le das Ech­te, Eigent­li­che, Magne­ti­sche sei. Dabei spe­ku­liert er auf einen Effekt, den man Sehn­sucht nennt. Sehn­sucht nach dem ent­schei­den­den Mann, der ent­schei­den­den Tat. Das funk­tio­niert ein­mal, zwei­mal und viel­leicht auch drei­mal (und bei Leu­ten, die sich beson­ders gut im Gegen­wär­ti­gen ein­ge­rich­tet haben, funk­tio­niert das viel­leicht auch immer), aber irgend­wann müs­sen die Kar­ten auf den Tisch. Und wenn da nichts wei­ter ist als eine Ges­te, weil zu hoch gereizt wur­de, dann hat man verloren.

Daß es die­sen »magne­ti­schen« Effekt über­haupt gibt, hat mit der ewi­gen Suche nach dem Eigent­li­chen zu tun, das jeder ger­ne fin­den wür­de. Daß sich hin­ter der Fas­sa­de der All­täg­lich­keit ein ech­ter, ursprüng­li­cher, eigent­li­cher Mensch ver­birgt, ist eine nicht sel­te­ne Auf­fas­sung. Nietz­sche hing ihr eben­so an, wie der Ernst Jün­ger der Zwi­schen­kriegs­zeit. Und auch die Kom­mu­nis­ten glau­ben dar­an, eben­so wie die Natio­nal­so­zia­lis­ten oder die Liber­tä­ren. Durch Kapi­tal, Juden oder den Staat wer­de ver­hin­dert, daß der Mensch so ist, wie er eigent­lich sein müß­te. »Nur das geschicht­li­che Bewußt­sein, daß der Mensch weder sei­ne Häu­te abschä­len und sich fin­den kann, wie er an sich ist (wor­über Nietz­sche ver­rückt wur­de), noch eine Gesell­schaft machen (sowe­nig als eine Reli­gi­on), kann über die­se Stand­punk­te hin­aus­füh­ren.« (Wil­helm Dilthey)

Der Mensch ist als Mensch nicht eigent­lich, weil er nicht wie das Tier in sich ruht, son­dern als Sub­jekt immer auf ein Objekt bezo­gen ist. Das erken­nen­de Sub­jekt fin­det kei­ne Iden­ti­tät mit dem erkann­ten Objekt, wir sind mit der »Seu­che der Erkennt­nis« (Gott­fried Benn) geschla­gen. Die­ser Pro­zeß läßt sich sowohl beim ein­zel­nen Men­schen als auch der his­to­ri­schen Ent­wick­lung, von der natur­my­thi­schen Zeit zum tech­ni­schen Zeit­al­ter der Mas­sen, nach­wei­sen. Die gro­ßen Geis­ter waren sich, bei aller Har­mo­nie­sucht und allem Uni­ver­sa­lis­mus, doch immer einig, daß die­se Spal­tung exis­tiert und daß gera­de dar­in die Tra­gik unse­rer Exis­tenz liegt. Die Auf­he­bung der Spal­tung ist mög­lich – in der Mys­tik, in Rausch­zu­stän­den. Aber: Der »eigent­li­che Mensch« – das ist wie die Suche nach dem edlen Wil­den –, es gibt ihn nicht, es gab ihn nicht und es wird ihn nicht geben.

Das von Kubit­schek benann­te Dilem­ma, daß das wah­re Ein­zel­ne das fal­sche Gan­ze stützt, besteht aber durch­aus. Man könn­te es, in guter Tra­di­ti­on, auch eine Anti­no­mie nen­nen, die nicht hin­ter­geh­bar ist. Das hat sei­nen guten Grund, weil eine his­to­ri­sche Schick­sals­ge­mein­schaft wie die Deut­schen sonst unmög­lich wäre. Kubit­schek will sich mit einem Sprung aus die­ser Anti­no­mie befrei­en. Das läuft dann, jeden­falls in dem beschrie­be­nen Fall (für den er Zeh­rer nicht als Zeu­gen benen­nen kann), auf eine per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on hin­aus, die der 68er Revol­te nicht unähn­lich ist. Was dabei über­se­hen wird, ist fol­gen­des: Wenn wir davon reden, daß wir Kon­ser­va­ti­ve oder Rech­te sind, so bleibt doch in einer Welt, von der wir wis­sen, daß wir sie nicht nach Gut­dün­ken ein­rich­ten kön­nen, vor allem eine Auf­ga­be: zu ver­hin­dern, daß sie im Cha­os versinkt.

Des­we­gen sehe ich zum Weg des Auf­hal­tens, des Bewah­rens kei­ne ernst­haf­te Alter­na­ti­ve, zumin­dest ist die »magne­ti­sche« kei­ne. Das Gefühl, wel­ches hier zum Aus­druck kommt, ins­be­son­de­re weil das Poli­ti­sche tot sein soll, ist eben Nihi­lis­mus und damit Belie­big­keit. Der eine geht, um den Kick zu spü­ren, Fall­schirm­sprin­gen, und der ande­re pflegt dann halt das Radi­ka­le. Dabei ist alles, was ist, dem Cha­os abge­trotzt, es besteht nicht selbst­ver­ständ­lich, son­dern muß im Leben gehal­ten wer­den. Wer das über­sieht, pre­digt Anar­chie, die er für sein eige­nes Leben ablehnt. Aber er kann nicht davon aus­ge­hen, daß sich sei­ne hei­le Welt allein gegen das Cha­os behaup­ten kann. Wir sind alle Teil eines Gan­zen, ob wir wol­len oder nicht. Der Weg des Auf­hal­tens kann der tra­gi­schen Situa­ti­on, um den Erhalt des Gan­zen wil­len eben auch schäd­li­che Din­ge zu erhal­ten, nicht ent­flie­hen. Nur, das kann die ewi­ge Revol­te, bei grö­ße­rem Scha­den, ebensowenig.

Es ist ver­hält­nis­mä­ßig leicht, eine Ord­nung zu zer­stö­ren, aber um so schwe­rer, eine neue, trag­fä­hi­ge zu errich­ten. Der jugend­li­che Impuls, die elter­li­che Welt als Mas­ke zu ent­lar­ven und so zum Eigent­li­chen zu gelan­gen, hat sein Recht in die­sen Gren­zen. Sie wird irgend­wann zu dem Punkt kom­men müs­sen, Ord­nung zu stif­ten. Damit ist nicht die neue Ord­nung oder die eigent­li­che Ord­nung gemeint, son­dern nur der Aspekt, das Unge­füg­te, das immer ent­steht, zu fügen. Aller­dings wer­den wir dabei nicht ver­ges­sen dür­fen, daß Kant die Errich­tung einer gerech­ten Ord­nung, ins­be­son­de­re einer gerech­ten Herr­schaft, als die schwers­te unter allen Auf­ga­ben des Men­schen sah und ihre voll­kom­me­ne Lösung als unmög­lich bezeich­net hat. Weil: »aus so krum­mem Hol­ze, als wor­aus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gera­des gezim­mert wer­den«. Damit wer­den wir uns anfreun­den müs­sen, ohne daß wir des­halb die Zim­me­rei aufgeben.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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