Sezession
20. Juli 2015

„Das Heerlager der Heiligen“ ist da!

Gastbeitrag

Cover_heerlager-der-heiligen56053dcae9d6b_720x600Endlich ist es soweit: Ab morgen wird bei "Das Heerlager der Heiligen" ausgeliefert, (fast) pünktlich zum 90. Geburtstag von Jean Raspail. In den vergangenen Wochen hat der Übersetzer Martin Lichtmesz bereits auf die Neuausgabe dieses unter Kennern legendären, prophetischen Romans neugierig gemacht (siehe hier und hier). Zur Feier des Tages bringen wir einen "Teaser" aus dem 6. Kapitel. Bestellmöglichkeit ab sofort hier.

***

»Mitleid!« sagte der Konsul. »Immer dieses erbärmliche, widerliche, hassenswerte Mitleid! Ich weiß, Sie nennen es Nächstenliebe, Solidarität, Weltgewissen und so weiter. Aber wenn ich Sie anschaue, sehe ich in jedem von Ihnen nur Selbstverachtung und Verachtung dessen, wofür Sie stehen. Vor allem, was soll das überhaupt heißen? Und wohin soll es führen? Bedenken Sie doch die Konsequenzen Ihres allzu willfährigen Mitleids! Das ist doch geradezu kriminell! Nur ein Wahnsinniger oder ein Verzweifelter kann so blind sein wie Sie!«

Mit verbundener Stirn sah sich der Konsul in seinem Büro einem Dutzend Personen gegenüber, die auf ihren Holzstühlen aufgereiht saßen wie Apostelfiguren auf der Fassade einer Kirche. Sie hatten alle dieselbe weiße Hautfarbe, dieselben schmalen Gesichter und dieselbe schlichte Kleidung – Shorts oder Leinenhosen, khakifarbene Hemden und Sandalen. Vor allem aber war in ihren Augen jenes gewisse, tiefe Flackern zu sehen, wie man es von Propheten, Schwärmern, Weltverbesserern, Fanatikern, Märtyrern, besessenen Verbrechern und halluzinierenden Visionären kennt, oder ganz einfach von all jenen, die ihr Bewußtsein gespalten haben, weil sie sich in ihrer eigenen Haut nicht wohl fühlen. Unter ihnen befand sich auch ein Bischof. Er unterschied sich jedoch in keiner Weise von dem Missionsarzt oder von dem säkularen Idealisten an seiner Seite. Auch der atheistische Philosoph und der abtrünnige katholische Schriftsteller, der zum Buddhismus übergetreten war, gehörten zum selben Typus. Die beiden letzteren waren die geistigen Köpfe der kleinen Gruppe. Sie alle schwiegen.

»Sie sind zu weit gegangen«, sagte der Konsul, »und Sie taten es mit Absicht, weil Sie konsequent Ihren Überzeugungen folgen. Wissen Sie, wie viele Kinder des Ganges Sie bislang nach Belgien geschickt haben? Ich spreche nicht einmal von Europa als Gesamtheit, wo einzelne nüchtern denkende Länder ihre Grenzen schon viel früher als wir dichtgemacht haben. Vierzigtausend in fünf Jahren! Dabei konnten Sie auf die zermürbten Seelen unserer braven Landsleute zählen, denen Sie systematisch alle möglichen Gewissensbisse eingetrichtert haben, um die christliche Nächstenliebe für Ihre seltsamen Zwecke zu mißbrauchen. Vor allem in unseren blühenden bürgerlichen Mittelschichten haben Sie erniedrigende Komplexe gezüchtet. Vierzigtausend! Etwa soviel wie die französischen Kanadier Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie haben im Herzen unserer weißen Welt ein flächendeckendes Rassenproblem geschaffen, das uns alle zerstören wird. Und das ist offenbar Ihr Ziel. Keiner von Ihnen besitzt noch den Stolz seiner weißen Haut und weiß, was sie bedeutet.«
»Weder Stolz, noch überhaupt ein Bewußtsein dafür«, bemerkte eine der Statuen. »Das ist der Preis für die Gleichheit unter den Menschen. Wir werden ihn bezahlen.«
»Übrigens ist dies alles schon überholt«, fuhr der Konsul fort. »Es geht längst nicht mehr um Adoptionen, ob verboten oder nicht. Ich habe mit meinen europäischen Kollegen hier im Land telefoniert. Auch sie werden wie ich von schweigenden Menschenmassen belagert, die auf irgend etwas warten. Und sie haben nicht einmal Dekrete aushängen wie wir. Die Briten zum Beispiel haben ihre Visen stets nur tröpfchenweise verteilt. Und trotzdem wird auch ihre Botschaft von Zehntausenden Menschen belagert. Überall in der Stadt, wo eine europäische Fahne weht, hat sich eine Menge versammelt, ohne ersichtlichen Grund. Und das ist erst der Anfang. Man hat mir gemeldet, daß im Hinterland ganze Dörfer auf den Straßen nach Kalkutta unterwegs sind.«
»Richtig«, sagte eine Statue, deren Gesicht ein dichter blonder Bart zierte. »Viele sind aus Dörfern, die von uns betreut werden.«
»Dann sagen Sie mir doch bitte, was diese Leute von uns wollen! Was suchen sie? Auf was warten sie?«
»Offen gesagt, wir wissen es auch nicht.«
»Haben Sie wenigstens eine Ahnung?«
»Vielleicht.«
Ein merkwürdiges Lächeln huschte über die Lippen der bärtigen Statue. War er der Bischof? Oder der konvertierte
Schriftsteller? »Sie haben doch nicht etwa selbst …?« Der Konsul brach die Frage ab und deutete seinen Verdacht nur an. »Nein! Unmöglich! So weit würden Sie nicht gehen!«
»Das stimmt«, sagte eine dritte Statue (diesmal war es wohl der Bischof), »ich selbst wäre nicht so weit gegangen.«
»Sie haben also die Kontrolle verloren?«
»Sieht ganz so aus. In der Tat passieren gerade Dinge von außergewöhnlicher Bedeutung. Die Volksmenge hat davon
nur eine vage Vorstellung, ohne wirklich zu begreifen, was sich da zusammenbraut. Darf ich dazu eine Hypothese vorbringen? An die Stelle der vereinzelten Adoptionen, die so viele dieser armen Leute mit Hoffnung erfüllt haben, ist eine noch unglaublichere, geradezu irrsinnige Hoffnung getreten. Nämlich die auf eine Generaladoption aller. Es braucht von hier aus nicht mehr viel, um eine unaufhaltsame Dynamik in Gang zu setzen.«


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