Sezession
6. Juni 2009

Die „rechte Pest“ (Normalismus 5)

Gastbeitrag

von Adolph Przybyszewski

"Braune Ratten" heißt ein Titel der Punk-Band Speichelbroiss aus der schönen Oberpfalz. Er zielt auf die gleiche Klientel, die Franz Müntefering aus dem herben Sauerland als Vorsitzender der einstigen Volkspartei SPD heute ansprach - "die rechte Pest, die in Europa beginnt, sich wieder breitzumachen" und, so die Netzausgabe der Welt ohne Ironie, "mit Macht" bekämpft werden müsse:

Die Ratten / Sie kommen / Und sie sind überall / Aus ihren / Braunen Kellern / Bringen sie dich dann zu Fall / Durch Werbung und Plakate / Schleichen sie sich ein / Der Lug und Trug aus ihren Mündern / Zieht Dich da mit rein / Als erstes wird das Schwein gemästet / Dann sticht man es ab / Danach kommt der Aderlass / Und der auch nicht zu knapp.

Aus dem Geist dieses wortgewandten Antifa-Punk ist nicht nur die jüngere sozialdemokratische Redenkultur; auch der Sound bei den Christdemokraten hat bisweilen etwas Punkiges, schrie doch bekanntlich Fritz Schramma anläßlich des überwiegend bürgerlichen Protests gegen die Errichtung einer Zentralmoschee in Köln, die Kritiker seiner Politik seien eine "braune Soße, die in die Toilette gehöre", und hätten sich mit einer "verfaulten Clique des Eurofaschismus" verschworen. Ein anderer deutschsprachiger Oberbürgermeister, ein Sozialdemokrat in Aachen, "brüllte" im November 2008 bei einem Aufmarsch von rund dreitausend Leuten gegen knapp hundert schwer belehrbare National-Sozialisten "ins Mikro", so die Aachener Zeitung, der "beste Schutz gegen diese rechte Krankheit" sei "Zivilcourage".

Man braucht nun kein ausgefuchster Ideologiekritiker zu sein, um zu bemerken, daß hier Vertreter von bundesdeutschen Regierungsparteien und ihre kulturellen Repräsentanten den Schädlings- und Seuchendiskurs unseligen Angedenkens bedienen, schamlos auf jenes "Wörterbuch des Unmenschen" zurückgreifen, in dem Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm Süskind in der Nachkriegszeit das einschlägige Vokabular der National-Sozialisten dokumentiert hatten. Funktionäre einer herrschenden Klasse verfallen in eine Rhetorik, die sie selbst als Vertreter einer von Verschwörung bedrohten, eingekreisten Gemeinschaft ausweist und diese stets im "unerbittlichen Kampf um Sein oder Nichtsein" sieht, wie es im protonormalistischen Jargon der späten 1930er Jahre hieß. Das ist gewiß nichts Neues; ein recht(s) resignierter westdeutscher Freund hat solche semantischen Operationen des ewigen deutschen Untertanen schon vor rund fünfzehn Jahren mit dem Spruch kommentiert: "Vom Nazi zum Demokrazi".

Der in der BRD dominierende flexible Normalismus mit seiner "maximalen Expandierung der Normalitäts-Zone" (Jürgen Link) hat keine Probleme damit, etwa die Punk-Subkultur in ihrer diffus "antifaschistischen" Ausrichung wie die zitierte Gruppe Speichelbroiss in sein System zu integrieren. Auch die sogenannten Grünen verschwanden "aus den Verfassungsschutzberichten, nachdem sie in die Exekutive, in die politische Elite kooptiert wurden", wie der Soziologe Manfred Lauermann 2005 in einem lesenswerten Aufsatz über den gewalttätigen Rechtsradikalismus als "kriminelle Subkultur" geschrieben hat. Dieselbe flexibel-normalistische Integration kann seit längerer Zeit schon hinsichtlich der mehrfach umbenannten SED beobachtet werden. Nur beim "Rechtsextremismus", dessen begriffliche Bestimmung allein der Deutungsmacht von BRD-Behörden und Massenmedien obliegt, scheint der flexible Normalismus nicht zu greifen.

Manfred Lauermann zog daraus zwei mögliche Folgerungen: Entweder verliere die in der BRD so erfolgreiche normalistische Strategie hier - und insbesondere auf dem Gebiet der vormaligen DDR - an Geltung, oder aber "der Rechtsextremismus rührt an ein Tabu der Mitte, wogegen nur strikte Exklusion als Abwehrzauber zu helfen scheint". Lauermann sieht im Abklopfen der normalistischen Diskurse durch "rechtsradikale" Jugendliche ein Phänomen der Krisenverarbeitung in der BRD als Transfergesellschaft, das sich mit den Positionen etwa der NPD und ähnlichen institutionalisierten politischen Entwürfen nur vorübergehend überschneidet. Von einer relevanten rechtsradikalen Politik als "sozialer Bewegung" könne man in der BRD, so Lauermann vor vier Jahren, noch nicht sprechen. Sein Fazit in bezug auf die - seiner Ansicht nach - nur scheinbar politische rechtsradikale Subkultur geht von einer fortgesetzten Dominanz des flexiblen Normalismus aus:

Die ideologische Gewalt der Zivilreligion [...], der Begleiterin des Normalismus, sollte nicht unterschätzt werden. Jugendliche haben ihr auf Dauer nichts entgegenzusetzen. Wie nur ein geringer Teil der 'kriminellen Subkultur' die Karriere eines professionellen Verbrechers einschlagen wird, wie die körperliche Gewaltbereitschaft sich im Altern verflüchtigt und in body-building oder (erlaubten) Sex sich kanalisiert, so wird die Zivilreligion die widerspenstigen Momente der aufgesetzten rechtsradikalen Ideologie zerfressen und in sich aufheben. Keine Ideologie, demzufolge besonders nicht die rechtsradikale, die immer in die Mitte strebt und von dieser magisch angezogen wird, ist isoliert und kann auf Dauer vom Etablierten-Diskurs ferngehalten werden.

Für die Perspektive der jugendlichen Klientel mag das eine auch heute noch zutreffende Einschätzung sein; für die zunehmende Dichte jener protonormalistischen Rhetorik aus dem "Wörterbuch des Unmenschen" bei den bundesdeutschen Demokrazis reicht diese Erklärung allerdings nicht hin. Die Lage scheint sich doch grundlegend zu ändern und der flexible Normalismus an harte Grenzen zu stoßen.


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