Die “rechte Pest” (Normalismus 5)

von Adolph Przybyszewski

"Braune Ratten" heißt ein Titel der Punk-Band Speichelbroiss aus der schönen Oberpfalz. Er zielt auf die gleiche Klientel, die Franz Müntefering aus dem herben Sauerland als Vorsitzender der einstigen Volkspartei SPD heute ansprach - "die rechte Pest, die in Europa beginnt, sich wieder breitzumachen" und, so die Netzausgabe der Welt ohne Ironie, "mit Macht" bekämpft werden müsse:

 Gastbeitrag

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Die Rat­ten / Sie kom­men / Und sie sind über­all / Aus ihren / Brau­nen Kel­lern / Brin­gen sie dich dann zu Fall / Durch Wer­bung und Pla­ka­te / Schlei­chen sie sich ein / Der Lug und Trug aus ihren Mün­dern / Zieht Dich da mit rein / Als ers­tes wird das Schwein gemäs­tet / Dann sticht man es ab / Danach kommt der Ader­lass / Und der auch nicht zu knapp.

Aus dem Geist die­ses wort­ge­wand­ten Anti­fa-Punk ist nicht nur die jün­ge­re sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Reden­kul­tur; auch der Sound bei den Christ­de­mo­kra­ten hat bis­wei­len etwas Pun­ki­ges, schrie doch bekannt­lich Fritz Schram­ma anläß­lich des über­wie­gend bür­ger­li­chen Pro­tests gegen die Errich­tung einer Zen­tral­mo­schee in Köln, die Kri­ti­ker sei­ner Poli­tik sei­en eine “brau­ne Soße, die in die Toi­let­te gehö­re”, und hät­ten sich mit einer “ver­faul­ten Cli­que des Euro­fa­schis­mus” ver­schwo­ren. Ein ande­rer deutsch­spra­chi­ger Ober­bür­ger­meis­ter, ein Sozi­al­de­mo­krat in Aachen, “brüll­te” im Novem­ber 2008 bei einem Auf­marsch von rund drei­tau­send Leu­ten gegen knapp hun­dert schwer belehr­ba­re Natio­nal-Sozia­lis­ten “ins Mikro”, so die Aache­ner Zei­tung, der “bes­te Schutz gegen die­se rech­te Krank­heit” sei “Zivil­cou­ra­ge”.

Man braucht nun kein aus­ge­fuchs­ter Ideo­lo­gie­kri­ti­ker zu sein, um zu bemer­ken, daß hier Ver­tre­ter von bun­des­deut­schen Regie­rungs­par­tei­en und ihre kul­tu­rel­len Reprä­sen­tan­ten den Schäd­lings- und Seu­chen­dis­kurs unse­li­gen Ange­den­kens bedie­nen, scham­los auf jenes “Wör­ter­buch des Unmen­schen” zurück­grei­fen, in dem Dolf Stern­ber­ger, Ger­hard Storz und Wil­helm Süs­kind in der Nach­kriegs­zeit das ein­schlä­gi­ge Voka­bu­lar der Natio­nal-Sozia­lis­ten doku­men­tiert hat­ten. Funk­tio­nä­re einer herr­schen­den Klas­se ver­fal­len in eine Rhe­to­rik, die sie selbst als Ver­tre­ter einer von Ver­schwö­rung bedroh­ten, ein­ge­kreis­ten Gemein­schaft aus­weist und die­se stets im “uner­bitt­li­chen Kampf um Sein oder Nicht­sein” sieht, wie es im pro­to­nor­ma­lis­ti­schen Jar­gon der spä­ten 1930er Jah­re hieß. Das ist gewiß nichts Neu­es; ein recht(s) resi­gnier­ter west­deut­scher Freund hat sol­che seman­ti­schen Ope­ra­tio­nen des ewi­gen deut­schen Unter­ta­nen schon vor rund fünf­zehn Jah­ren mit dem Spruch kom­men­tiert: “Vom Nazi zum Demokrazi”.

Der in der BRD domi­nie­ren­de fle­xi­ble Nor­ma­lis­mus mit sei­ner “maxi­ma­len Expan­die­rung der Nor­ma­li­täts-Zone” (Jür­gen Link) hat kei­ne Pro­ble­me damit, etwa die Punk-Sub­kul­tur in ihrer dif­fus “anti­fa­schis­ti­schen” Aus­ri­ch­ung wie die zitier­te Grup­pe Spei­chel­broiss in sein Sys­tem zu inte­grie­ren. Auch die soge­nann­ten Grü­nen ver­schwan­den “aus den Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten, nach­dem sie in die Exe­ku­ti­ve, in die poli­ti­sche Eli­te koop­tiert wur­den”, wie der Sozio­lo­ge Man­fred Lau­er­mann 2005 in einem lesens­wer­ten Auf­satz über den gewalt­tä­ti­gen Rechts­ra­di­ka­lis­mus als “kri­mi­nel­le Sub­kul­tur” geschrie­ben hat. Die­sel­be fle­xi­bel-nor­ma­lis­ti­sche Inte­gra­ti­on kann seit län­ge­rer Zeit schon hin­sicht­lich der mehr­fach umbe­nann­ten SED beob­ach­tet wer­den. Nur beim “Rechts­ex­tre­mis­mus”, des­sen begriff­li­che Bestim­mung allein der Deu­tungs­macht von BRD-Behör­den und Mas­sen­me­di­en obliegt, scheint der fle­xi­ble Nor­ma­lis­mus nicht zu greifen.

Man­fred Lau­er­mann zog dar­aus zwei mög­li­che Fol­ge­run­gen: Ent­we­der ver­lie­re die in der BRD so erfolg­rei­che nor­ma­lis­ti­sche Stra­te­gie hier – und ins­be­son­de­re auf dem Gebiet der vor­ma­li­gen DDR – an Gel­tung, oder aber “der Rechts­ex­tre­mis­mus rührt an ein Tabu der Mit­te, woge­gen nur strik­te Exklu­si­on als Abwehr­zau­ber zu hel­fen scheint”. Lau­er­mann sieht im Abklop­fen der nor­ma­lis­ti­schen Dis­kur­se durch “rechts­ra­di­ka­le” Jugend­li­che ein Phä­no­men der Kri­sen­ver­ar­bei­tung in der BRD als Trans­fer­ge­sell­schaft, das sich mit den Posi­tio­nen etwa der NPD und ähn­li­chen insti­tu­tio­na­li­sier­ten poli­ti­schen Ent­wür­fen nur vor­über­ge­hend über­schnei­det. Von einer rele­van­ten rechts­ra­di­ka­len Poli­tik als “sozia­ler Bewe­gung” kön­ne man in der BRD, so Lau­er­mann vor vier Jah­ren, noch nicht spre­chen. Sein Fazit in bezug auf die – sei­ner Ansicht nach – nur schein­bar poli­ti­sche rechts­ra­di­ka­le Sub­kul­tur geht von einer fort­ge­setz­ten Domi­nanz des fle­xi­blen Nor­ma­lis­mus aus:

Die ideo­lo­gi­sche Gewalt der Zivil­re­li­gi­on […], der Beglei­te­rin des Nor­ma­lis­mus, soll­te nicht unter­schätzt wer­den. Jugend­li­che haben ihr auf Dau­er nichts ent­ge­gen­zu­set­zen. Wie nur ein gerin­ger Teil der ‘kri­mi­nel­len Sub­kul­tur’ die Kar­rie­re eines pro­fes­sio­nel­len Ver­bre­chers ein­schla­gen wird, wie die kör­per­li­che Gewalt­be­reit­schaft sich im Altern ver­flüch­tigt und in body-buil­ding oder (erlaub­ten) Sex sich kana­li­siert, so wird die Zivil­re­li­gi­on die wider­spens­ti­gen Momen­te der auf­ge­setz­ten rechts­ra­di­ka­len Ideo­lo­gie zer­fres­sen und in sich auf­he­ben. Kei­ne Ideo­lo­gie, dem­zu­fol­ge beson­ders nicht die rechts­ra­di­ka­le, die immer in die Mit­te strebt und von die­ser magisch ange­zo­gen wird, ist iso­liert und kann auf Dau­er vom Eta­blier­ten-Dis­kurs fern­ge­hal­ten werden.

Für die Per­spek­ti­ve der jugend­li­chen Kli­en­tel mag das eine auch heu­te noch zutref­fen­de Ein­schät­zung sein; für die zuneh­men­de Dich­te jener pro­to­nor­ma­lis­ti­schen Rhe­to­rik aus dem “Wör­ter­buch des Unmen­schen” bei den bun­des­deut­schen Demo­kra­zis reicht die­se Erklä­rung aller­dings nicht hin. Die Lage scheint sich doch grund­le­gend zu ändern und der fle­xi­ble Nor­ma­lis­mus an har­te Gren­zen zu stoßen.

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