Sezession
12. Dezember 2016

Wachstumskritik (XII): Not macht erfinderisch

Felix Menzel / 2 Kommentare

Es war die pure Not! Als vor über 300 Jahren die Erzvorkommen nachließen, mußten sich viele Bergleute eine Zweitbeschäftigung suchen, um über die Runden zu kommen. In mühsamer Heimarbeit entstanden so die ersten Holzfiguren, die sich schon ab Ende des 18. Jahrhunderts weltweit verkaufen ließen. Trotzdem blieben die meisten erzgebirgischen Volkskünstler lange bettelarm, so z.B. Auguste Müller (1847–1930), die wohl heute mit ihren Werken einige Millionen verdienen könnte.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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„Not macht erfinderisch.“ Dieses Sprichwort zieht sich wie ein roter Faden sowohl durch die deutsche Wirtschafts- als auch Kulturgeschichte. Wer an nichts leidet, der hat auch nichts zu sagen. Und wer keinen existentiellen Mangel zu beheben hat, der schaut sich auch nicht um, wie er die Vielfalt seiner Umwelt für sich nutzen könnte.

Die Entstehung von „Innovationen“ wird heute dagegen gänzlich anders geschildert: Da geht es darum, daß der Staat jungen Leuten Vertrauen und Geld schenkt, damit diese ergebnisoffen forschen können.

Genau so wurde schließlich auch schon die Dampfmaschine erfunden, und bei allen wesentlichen Innovationen des Industriellen Zeitalters fungierte der Staat als mutiger Investor, da keine Privatperson so risikofreudig war, das dafür benötigte Kapital zu geben. Im Optimalfall geht das natürlich immer so weiter mit Künstlicher Intelligenz, Robotern, selbstfahrenden Autos und erneuerbaren Energien.

Arbeitsplätze fallen dadurch zwar ständig weg, aber zum einen werden sich schon neue, im Sinne der Wirtschaftsleistung produktivere ergeben, und zum anderen kann uns das aus deutscher Sicht aufgrund der Überalterung auch relativ egal sein. Selbst Thilo Sarrazin zeigt sich da in seinem letzten Buch Wunschdenken sehr zuversichtlich:

Wenn es in Deutschland gelingt, die Produktivität der menschlichen Arbeit weiterhin Jahr für Jahr um 1 bis 2 Prozent zu steigern, dann ist die Geburtenarmut zuallerletzt ein Wohlstandsproblem. […] Eine weit größere Bedrohung für den künftigen Wohlstand wäre es, wenn die durchschnittliche kognitive Kompetenz in Deutschland künftig zurückgeht beziehungsweise der Abstand zur internationalen Spitzengruppe weiter wächst.

Was ist aber nun, wenn dieser Masterplan permanenter Innovation und ständiger Produktivitätssteigerung pro Person nicht aufgehen sollte, wofür ja ziemlich vieles spricht? Schließlich hat es das, was Sarrazin hier so selbstverständlich und vermeintlich harmlos erwähnt, welthistorisch bisher einzig und allein im 20. Jahrhundert gegeben (siehe dazu diese Tabelle).


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (2)

Winston Smith 78699
12. Dezember 2016 11:54

Praktisch erfindungsreiches, aber existenziell visionsloses Werkeln kann auch eine harmlose Daseinsform sein, auf welche die Strippenzieher uns Insassen des Menschenzoos einstampfen wollen, und wenn gar wenn durch Erzeugung von materiellen Notständen. Es geht dabei nicht nur um Technik oder gar Phronesis, obwohl gerade diese fachidiotische Einstellung ja auch in konservativeren Ecken des Bildungswesens beworben worden ist: der Deutsche durfte noch Erfinder sein und dazu noch die tollsten Rechnungen erlernen, aber nach den Enden nicht mehr fragen, so wie parallel dazu sein altphilologisches Gegenstück noch für Festschriften irrelevant herumweltschmerzen konnte. Für dieses Halbdasein auf hohem Leistungsniveau hat Poensgen hier im "Meta-Pragmatisten" Sinn ein Beispiel gefunden - es wird uns nicht retten; an dieser Stelle im Labyrinth waren wir schon mal: https://einwanderungskritik.de/masseneinwanderung-ja-aber-irgendwie-besser/

Unke
12. Dezember 2016 15:04

Juchhu, wieder ein Artikel zur "Wachstumskritik"
Eines muss man dem Autor ja lassen, er macht unverdrossen weiter. Erinnert an die Bewohnerinnnen linker Filterblasen :-D
.
Die heutige -im Vergleich zum 19. Jahrhundert- eher lahme Innovationsfreude ist nicht der Tatsache geschuldet dass es nichts mehr zu erfinden gäbe. Es ist das (keynesianische) Wirtschaftssystem, das das Ende der Fahnenstange erreicht hat. War in den 1950er Jahren die Wirkung von 1 Kreditdollar 1 Dollar in der realen Wirtschaft, ist heute das Ergebnis 10:1.
Finis. Geschlossen wegen Überschuldung!
(Gibt übrigens eine gute Übersichtspräsentation davon im Netz; vom Ex-Chefhändler von Soros, Druckenmiller.)

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