Sezession
5. Januar 2017

Wachstumskritik (XII): Not macht erfinderisch

Felix Menzel

raeucherfrauVermutlich schauen sich die wenigsten Besucher das Spielzeugmuseum im sächsischen Seiffen unter wirtschaftshistorischen Gesichtspunkten an. Aber es lohnt sich, diesen Blickwinkel einmal einzunehmen. Denn wie kamen die Menschen im Erzgebirge eigentlich auf die Idee, Nußknacker, Schwibbögen, „Raachermannl“, Bergmänner und Engel zu schnitzen bzw. zu drechseln?

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Es war die pure Not! Als vor über 300 Jahren die Erzvorkommen nachließen, mußten sich viele Bergleute eine Zweitbeschäftigung suchen, um über die Runden zu kommen. In mühsamer Heimarbeit entstanden so die ersten Holzfiguren, die sich schon ab Ende des 18. Jahrhunderts weltweit verkaufen ließen. Trotzdem blieben die meisten erzgebirgischen Volkskünstler lange bettelarm, so z.B. Auguste Müller (1847-1930), die wohl heute mit ihren Werken einige Millionen verdienen könnte.

„Not macht erfinderisch.“ Dieses Sprichwort zieht sich wie ein roter Faden sowohl durch die deutsche Wirtschafts- als auch Kulturgeschichte. Wer an nichts leidet, der hat auch nichts zu sagen. Und wer keinen existentiellen Mangel zu beheben hat, der schaut sich auch nicht um, wie er die Vielfalt seiner Umwelt für sich nutzen könnte.

Die Entstehung von „Innovationen“ wird heute dagegen gänzlich anders geschildert: Da geht es darum, daß der Staat jungen Leuten Vertrauen und Geld schenkt, damit diese ergebnisoffen forschen können. Genau so wurde schließlich auch schon die Dampfmaschine erfunden und bei allen wesentlichen Innovationen des Industriellen Zeitalters fungierte der Staat als mutiger Investor, da keine Privatperson so risikofreudig war, um das dafür benötigte Kapital zu geben.

Im Optimalfall geht das natürlich immer so weiter mit Künstlicher Intelligenz, Robotern, selbstfahrenden Autos und erneuerbaren Energien. Arbeitsplätze fallen dadurch zwar ständig weg, aber zum einen werden sich schon neue, im Sinne der Wirtschaftsleistung produktivere ergeben, und zum anderen kann uns das aus deutscher Sicht aufgrund der Überalterung auch relativ egal sein. Selbst Thilo Sarrazin zeigt sich da in seinem letzten Buch Wunschdenken sehr zuversichtlich:

Wenn es in Deutschland gelingt, die Produktivität der menschlichen Arbeit weiterhin Jahr für Jahr um 1 bis 2 Prozent zu steigern, dann ist die Geburtenarmut zuallerletzt ein Wohlstandsproblem. (…) Eine weit größere Bedrohung für den künftigen Wohlstand wäre es, wenn die durchschnittliche kognitive Kompetenz in Deutschland künftig zurückgeht beziehungsweise der Abstand zur internationalen Spitzengruppe weiter wächst.

Was ist aber nun, wenn dieser Masterplan permanenter Innovation und ständiger Produktivitätssteigerung pro Person nicht aufgehen sollte, wofür ja ziemlich vieles spricht? Schließlich hat es das, was Sarrazin hier so selbstverständlich und vermeintlich harmlos erwähnt, welthistorisch bisher einzig und allein im 20. Jahrhundert gegeben (siehe dazu diese Tabelle).


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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