3. April 2017

Günter Scholdt, Ijoma Mangold & Jack Donovan: Eine Replik

Martin Lichtmesz / 31 Kommentare

 Der strategische Teil seiner Kritik lautet so:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Denn diese Präsentation bestätigt scheinbar für eine ohnehin meist übelgesinnte Öffentlichkeit Negativklischees über das IfS respektive die konservativ-rechtsalternative Szene generell. Genauer: Sie erleichtert ungewollt ein absichtliches oder unbewußt feindliches Fehlverständnis, man sympathisiere mit testosterongesteuerten, durch Nietzsche-Parolen stimulierten Haudraufs.

Auch (völlig wertneutral) taktisch scheinen mir Gewaltbekenntnisse oder -euphorien angesichts der Kräfteverhältnisse im Lande und einer tendenziell linkspolitisierten Justiz verfehlt und höchstens tauglich zur kurzfristigen seelische Kompensation.

Ich muß bei allem Respekt vor Herrn Dr. Scholdt, den ich außerordentlich schätze, sagen, daß ich diesen Einwand aus mehreren Gründen nicht nachvollziehen kann, ja entschieden zurückweisen muß. Ich sehe nicht ein, warum wir irgendeine Rücksicht darauf nehmen sollen, was eine in der Tat "meist übelgesinnte" und eher bewußt als unbewußt feindliche Öffentlichkeit " über unsere Arbeit denkt. Ob mit oder ohne Donovan im Programm, ich kann auf der Seite dieser Übelgesinnten ohnehin keinerlei Willen zur Fairneß oder zur ehrlichen inhaltlichen Auseinandersetzung erkennen, sondern eben nur eine üble Gesinnung.

Das hat teils mit kognitiver Überforderung, teils mit Faulheit und Unredlichkeit, teils mit schlichter Böswilligkeit zu tun. Alles, was wir sagen und schreiben wird durch einen - mitunter bizarr kreativen - Interpretationsfilter geleitet, um sicherzustellen, daß die Buhmänner und Pappkameraden auf ihren Plätzen bleiben. Daß unsere Positionen Feindseligkeit und Widerspruch hervorrufen, insbesondere bei jenen, die von uns kritisiert werden, versteht sich dabei freilich von selbst und ist natürlich legitim. Es ist allerdings auffällig und aufschlußreich, daß wir selten für das kritisiert werden, was wir tatsächlich sagen und vertreten, sondern vielmehr für das, was man uns unterstellt zu sagen und zu vertreten. Ich möchte einmal eine ernsthafte Kritik der Neuen Rechten lesen, die sich nicht in Alarmismus, Dämonisierung und im rituellen Abwatschen von zum Teil komisch absurden Strohmännern erschöpft.

Ein aktuelles Beispiel ist Ijoma Mangolds Rezension des neuen Buches des deutschen Meisters Volker Weiß über die "Neue Rechte" (dessen Titel schon so dumm ist, daß es wehtut) aus der Zeit  13/2017. Mangold ist ein gutes Beispiel für die intellektuelle Unredlichkeit, von der ich oben sprach. Nachdem er sich via Weiß ein "genaueres Bild von den weltanschaulichen Prämissen und ideengeschichtlichen Herkünften der rechtsautoritären Bewegungen der Gegenwart" gemacht hat, rühmt er dessen Meisterwerk als "glänzende Dekonstruktion der Neuen Rechten mit ihren eigenen Mitteln". Da er aber alles, was er über die Neue Rechte weiß, aus Weiß' Buch entnimmt und offenbar die Originalquellen kaum gelesen hat, kann er solch ein Urteil gar nicht ernsthaft fällen; er kann nur Beifall klatschen, wie gekonnt doch dieser Weiß seine Strohmänner zerlegt. Das führt dann zu Sätzen voll unfreiwilliger Komik wie diesem hier:

 Universalismus gilt der Rechten als Täuschungsbegriff, mit dem der globalistische Westen Putins Abendland zu unterdrücken versucht.

Auf einem ähnlichen Niveau liegt dieser Satz:

Der »absolute« Feind der Neuen Rechten, die Identität an Räume koppelt, ist der Universalismus. 

Schön, daß ich das auch einmal erfahre. Ich für meinen Teil - und ich bin ja wohl mit angesprochen, da ich von Mangold und Weiß zitiert werde - kann sagen, daß für mich der Universalismus keineswegs ein "absoluter" Feind ist. Wenn ich irgendwas von Carl Schmitt gelernt habe, dann dies, daß es "absolute" Feinde nicht gibt, beziehungsweise, daß die Idee der "absoluten" Feindschaft auf dem Mist des Universalismus gewachsen ist, den wir ja kritisieren. Bejahen würde ich allerdings, daß viele, die der Neuen Rechten nahestehen, im Universalismus (oder konkreter im universalistischen westlichen Liberalismus) den "Hauptfeind" sehen (so drückt es auch Alain de Benoist aus), während der Islam eher ein (ebenfalls universalistischer) Sekundärfeind ist, beschworen durch die Verfehlungen des westlichen Liberalismus, der sich im Zustand der Auto-Erosion befindet und den Westen in einen paradoxen Suizid treibt.

All diese einschlägigen Autoren begehen immer wieder den Fehler, anzunehmen, die (sogenannte) Neue Rechte sei ein ideologisch monolithischer Block, den man auf ein paar Formeln und Gleichungen herunterrechnen könne. Demgegenüber ist es immer wieder wichtig, den vitalen Binnenpluralismus des rechten Lagers zu betonen. Was die Universalismus-Kritik angeht, so kann man ein leidenschaftlicher Purist sein wie Martin Sellner (siehe hier, hier und hier), oder die Dinge eher so sehen wie ich: für mich gibt es Universalismus nur im Plural, und Universalismen unterliegen wie alle anderen Ideen einem historischen Wandel. In meinem Buch "Kann nur ein Gott uns retten?" habe ich betont, daß das universalistische Pathos und der universalistische Anspruch essentieller Bestandteil des "Abendlandes" waren und sind - im Guten wie im Schlechten, und heute eher im Schlechten.

Nun zeigt sich auch Mangold etwas peinlich berührt von Weiß' allzu penetrantem pädagogischen Furor. Sein Buch sei "in seiner ersten Hälfte in einem Ton der Betulichkeit geschrieben, der selbst Betschwestern zum Wahnsinn treiben würde." Weiß schreibt im in diesem Genre üblichen Dauermodus der "Entlarvung", was typisch ist für Autoren, die an Selbstüberschätzung leiden. Dabei hat mich diese Bemerkung Mangolds besonders amüsiert:

 

Extremes Symptom dieser Gouvernantenhaftigkeit ist Weiß’ Gebrauch der Anführungszeichen.

 

Das ist genau das, was ich seit Jahr und Tag die "Politik der Anführungsstriche" nenne, etwa hier, wo ich von einem "unter Linken weitverbreiteten Typus" sprach, der

... die Rede des Gegners schon dann für inhaltlich erledigt hält, wenn er sie rein "sprachlich" dekonstruiert, was sich meistens darin erschöpft, alle Formulierungen und Gedanken, die einem nicht passen, in Anführungsstriche zu setzen oder suggestiv zu glossieren. Man spielt also "Ich sehe etwas, was du nicht siehst", wobei die Linke heute in der Regel die Rolle der drei Tempelaffen einnimmt. Freilich, alles hängt davon ab, was man sehen kann und will und was nicht.

Weiß gehört zu jener Sorte, die sich manisch an der Neuen Rechten abarbeiten, dabei aber ständig versichern müssen, wie substanzlos und "dürftig" ihre Begriffe, Argumente und Positionen doch seien. Eine derartige Überemphase bei gleichzeitig obsessivem Interesse ist natürlich verdächtig. Womöglich kämpt da jemand heftig gegen eine unwiderstehliche Faszination an. Nach Mangold ist Weiß' Buch sozusagen das "Reefer Madness" der Anti-rechts-Literatur:

Und wirklich klingt er wie eine Gouvernante, die in einem pädagogischen Dilemma steckt: Sie klärt über Marihuana auf, indem sie ausführt, wie lächerlich dieser Stoff sei, substanzlos, im Grunde nur heiße Luft. Zugleich aber warnt sie davor, dass Marihuana eine Einstiegsdroge sei, oft genügten ein paar Züge, schon sei man auf der schiefen Bahn. Zum Schluss – das lehre die Geschichte – ende alles beim Heroin.

 

Um nun auf Jack Donovan zurückzukommen - auch er wird von Mangold (wohl via Weiß) als Kronzeuge für die Verruchtheit der Neuen Rechten zitiert:

 

Ganz bei sich ist die Neue Rechte erst dort, wo sie die Evidenz der Gewalt und die Triebe der Völker verherrlicht. Das tut sie zuletzt unverblümt – wie in dem Buch "Der Weg der Männer" des US-Amerikaners Jack Donovan, dessen deutsche Ausgabe in Kubitscheks Verlag Antaios erschienen ist: »Die Natur ist eben ungerecht«, heißt es dort zur Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter.

 

Der erste Satz ist eine typisch unbelegte Unterstellung im "Entlarvungsmodus", mit dem einzigen Zweck, die Neue Rechte besonders sinister aussehen zu lassen. Daß Donovan von unserem Publikum teilweise durchaus kontrovers und kritisch aufgenommen wurde, kann man leicht unseren Kommentarspalten entnehmen. Was die "Triebe der Völker" sein sollen, ist mir nicht ganz klar, aber vermutlich meint Mangold hier den natürlichen Drang zur Selbstbehauptung. Daß die "Natur eben ungerecht" sei, bezieht sich im Kontext des Zitates darauf, daß die biologische Reproduktionslast, Elterninvestition und physische Konstitution der Geschlechter eben ungleich verteilt sind, nicht aber auf die rechtliche Frage der Gleichberechtigung (nur Frauen können schwanger werden, und sind darum von Natur aus in einem verwundbareren Zustand als Männer).

 

Mangold fährt fort:

 

Was zählt, ist der ewige Kampf im Ausnahmezustand, nicht die Domestizierung der bestialischen Natur des Menschen durch Institutionen. Dies markiert die klare Grenze zwischen Konservativen und Rechten.

 

Damit "entlarvt" er sich selbst dahingehend, daß er offenbar weder das Buch von Donovan noch irgendeine andere Schrift des Verlags Antaios oder des Instituts für Staatspolitik gelesen hat. "Der Weg der Männer" ist keineswegs eine blinde Apologie des "ewigen Kampfes im Ausnahmezustand", sondern einer agonalen Lebenshaltung, was nicht dasselbe ist; und die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit "der Domestizierung der bestialischen Natur des Menschen durch Institutionen" zieht sich durch seine Seiten wie ein roter Faden, wobei Donovans wesentliche Frage ist, wann die Grenze zur - frei nach Konrad Lorenz - "Verhausschweinung" ("Die Lage des Haustiers zieht die des Schlachttiers nach." -Ernst Jünger) und der Domestikation des Mannes zum konsumierenden, staatsabhängigen, materialistischen, hedonistischen, thymosbefreiten und leicht kontrollierbaren "letzten Menschen" überschritten ist.

Abgesehen davon, daß Donovans Buch alles andere als eine kanonische Schrift ist, ist die "Domestizierung der bestialischen Natur des Menschen durch Institutionen" für die Neue Rechte in Wahrheit genauso wie für den Konservatismus schlechthin (zu dessen Familie sie selbstverständlich gehört) ein zentrales Thema. Nichts offenbart Mangolds Ignoranz mehr als dieses Urteil. Armin Mohler, einer der prägendsten Vordenker der Neuen Rechten, war ein dezidierter Gehlenianer, und nicht ohne Grund war eines der allerersten Bücher im Verlag Antaios (2000) eine Monographie über Arnold Gehlen aus der Feder von Karlheinz Weißmann. Ich würde Mangold empfehlen, doch einmal einen Blick in diverse Bücher unseres Verlages zu werfen (Günter Scholdts "Das konservative Prinzip", Weißmanns "Das konservative Minimum", Kaltenbrunners "Erziehung für den Ernstfall", Devlins "Sex-Macht-Utopie", Kleine-Hartlages "Die liberale Gesellschaft und ihr Ende", etc. etc.), um zu erkennen, daß die Neue Rechte keineswegs der Entfesselung der Triebe und dem permanenten Ausnahmezustand oder gar dem Abbau der Institutionen das Wort redet - ganz im Gegenteil (wozu habe ich auf diesem Blog Stanley Kubrick als Kryptokonservativen abgefeiert? Weil er genau um diese Dinge wußte!). Wenn er die Rolle des feinen Konservativen spielen will, muß er sich einen anderen Schurken suchen, von dem er sich dann glanzvoll abheben kann.

 

Ich weiß nicht, ob ich damit nun Mangolds Inkompetenz, Ahnungslosigkeit, Faulheit oder Böswilligkeit "entlarvt" habe. Tatsache ist, daß offenbar auch ein als besonders seriös und "konservativ" geltender Feuilletonist Deutschlands weniger an der Wahrheit als am Theaterspielen in eigener Sache interessiert ist, mit der Neuen Rechten (bzw. dem gleichnamigen Popanz) als Krokodil, das man zum passenden Zeitpunkt auftreten läßt. Ich will ihm nun aber einstweilen nichts unterstellen, und lade ihn ein, sich auf die "schiefe Bahn" zu begeben und von unserem bösen verbotenen "Marihuana" zu kosten, und zwar ohne Weiß'schen Gouvernantenfilter.

 

Damit will ich auch den Bogen zurück zu Günter Scholdts "Manöverkritik" schlagen:  daß Mangold den bösen Herrn Donovan in den Cocktail gemixt hat, ist, wie man in Wien sagt, eigentlich "aa scho wuascht".  Unsere Feinde sind bekanntlich sehr produktiv im Finden und Imaginieren von Haaren in der Suppe, die sie notwendig haben, um sich selbst zu legitimieren. Wo kämen sie hin, wenn ihre Feindbilder nicht das wären, was sie glauben wollen, daß sie sind? In Reinform konzentriert kann man das bei unseren Freunden von der Antifa studieren, die wohl vor Wonne ejakuliert haben, als sie erfuhren, daß Schnellroda eine Akademie zum Thema, schauder, "Gewalt" veranstaltet. Hier sind Auszüge aus einem Aufruf, der unter dem Hashtag #sr1702 durch die sozialen Netzwerke der Linksextremen ging (gespeichert von unserer Leserin Monika L.):

 

Die selbsternannten Staatspolitiker*innen und pseudo-intellektuellen Rechten wollen sich dieses Mal mit dem Thema „Gewalt“ auseinandersetzen. Was erst einmal grundsätzlich sinnvoll erscheint, ist für uns aber Grund genug für Protest gegen die dort zu erwartenden Menschenfeindlichkeit. Denn es ist zu erwarten, dass sich die anwesenden Vertreter*innen der „Neuen Rechten“ eben nicht mit ihren ohne Zweifel existierenden Gewaltproblemen auseinandersetzen werden: Die Kubitschek-Jugend unter dem Label der „Identitären“ wird sich nicht fragen, warum ihre Gruppe beispielsweise in Halle aus gewaltbereiten Neonazis besteht oder ob es klug oder sonderlich gewaltfrei ist, politische Gegner*innen zu bedrohen und zu bedrängen, wie sie es tun. Auch werden sich diejenigen, die in ihrem fanatischen Hass auf alles angeblich Fremde geschlossene Grenzen und Ausweisung der vermeintlich „Kulturfremden“ fordern, keine Gedanken über die Gewalt dahinter machen. Ähnlich sieht es bei denjenigen aus, die Feminismus sowieso, aber auch jede Form von Gleichstellung für eine „Kastration“ des Mannes und für krankhaftes Aufbegehren gegen „die Natur“ halten. Niemand wird sich die Frage stellen, wie gewalttätig strukturelle Diskriminierung ist.

Nein, die Menschen, die sich Mitte Februar in Schnellroda treffen, werden von all der Gewalt, die sie auf die Gesellschaft loslassen, nichts wissen wollen. Sie werden sie ignorieren und sich als Opfer präsentieren oder sie als notwendiges Übel zur Zurichtung der Welt begreifen. Sie werden sich selbst und ihrem Volk die Erlaubnis erteilen, zu diskriminieren, zu hetzen und letztendlich zu töten, um sich vor den Dämonen der Moderne zu verteidigen. Sie sehen den „weißen Mann“ und die ihm untergeordnete Frau bedroht von Geflüchteten, die Familie bedroht von versuchter Gleichberechtigung und die deutsche Nation bedroht von der fehlenden Möglichkeit nicht jedem menschenfeindlichen, ausgrenzenden und hasserfüllten Impuls sofort nachzugeben. Dass sich diese ideologischen und praktischen Gewalttäter der Neuen Rechten am Ende für friedlich halten, obwohl sie nur danach streben, den Volkszorn gegen alle Schwachen und an einer besseren Welt Interessierten, aufzuhetzen, ist am Ende nur Spott.

Dieses skurrile dämonologische Fundstück muß ich wohl nicht weiter kommentieren; er spricht deutlich für sich und läßt einen tiefen Einblick in das bizarre Weltbild und die "diffusen Ängste" (har) dieser Leutchen zu. Die als werwolfartigen Buhmänner gezeichneten "Neuen Rechten" dienen hier als Projektionsfläche für eine delirierende linke Masturbationsphantasie, die offenbar vor allem dem Zweck dient, der Antifamobilisierung und -gewalt ein gutes Gewissen zu geben. Indes ist der prinzipielle Unterschied zu Mangold resp. Weiß nur graduell.

 

 Der Aufruf kommt übrigens ganz ohne Erwähnung von Donovan aus. Vor Ort war das dann anders. Hinter einem Schutzwall aus Polizeiwägen quakte (ich glaube) Juliane Nagel geschlagene fünfzehn Minuten Donovans Sündenregister ins Megaphon, das sie sich offenbar in der Nacht zuvor zusammengegugelt hatte. Als ich Donovan sagte, daß er zum Hauptschurken des Tages erkoren wurde, lachte er laut auf und genoß den Zirkus, der in der Tat zu einer Sternstunde von Antifantendusseligkeit geriet.

Ich für meinen Teil war sehr froh, Donovan als schillernden und recht ungewöhnlichen Gast auf der Akademie zu haben. Das Spannweite unserer Diskussion wurde durch seinen Auftritt ungemein erweitert. Ich bin seit eh und je dafür, das allzu Trockene und Akademische mit einem Schuß "romantischem Dünger" (Kubitschek) aufzulockern und fruchtbar zu machen. Persönlich erschien mir Donovan als zugänglicher und vernünftiger Mensch mit viel Sinn für schwarzen Humor, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt, in der Tat mehr ein Künstlertyp als alles andere. Als ihm Martin Sellner in meiner Anwesenheit das Prinzip der Gewaltlosigkeit der Identitären Bewegung erläuterte, erklärte er seine vollkommene  Zustimmung. Trotz seiner genußvoll martialischen Selbstinszenierung ist Donovan keineswegs ein "testosterongesteuerter, durch Nietzsche-Parolen stimulierter Haudrauf", wie Günter Scholdt formulierte. Das zeigt, wenn man genau hinhört, nicht nur seine Rede, die im Grunde wenig anders als der Vortrag Marc Jongens ein Plädoyer für "Thymostraining" war, sondern auch sein berüchtiger (und großartiger) Essay "Violence is Golden" (abgedruckt in Sezession 76) und erst recht sein Buch "Der Weg der Männer", das ich übersetzt und herausgegeben habe. 

Damit wäre ich am zweiten, inhaltlichen Punkt von Scholdts Kritik angelangt. Ich will hier auf seine einzelnen Punkte nicht im Detail eingehen. Sie sind weitgehend berechtigt und nachvollziehbar, aber mir scheint, daß Scholdt hier vieles mißverstanden hat, etwa Donovans pathosgesättigten, nietzscheanischen Appell, eine "Herrenmoral" zu kultivieren. Das bedeutet bei ihm vor allem: Ermutigung zur Selbstermächtigung, Selbstverantwortung, Unabhängigkeit, Arbeit an der Entwicklung der in "Weg der Männer" genannten "männlichen Tugenden" Kraft, Mut, Kompetenz und Ehre, Abschütteln alles Kleinkarierten und insbesondere all der Erbärmlichkeiten und Zumutungen der "politischen Korrektheit", die man mit Fug und Recht als manipulative, ressentimentgetriebene "Sklavenmoral" bezeichnen kann. Donovans Ideal ähnelt stark jenem Dominique Venners, der ihm lediglich eine etwas aristokratischere Fassung gab.

Immerhin räumt Scholdt selbst ein, daß Donovan Dinge anspricht, die unabweisbar sind:

Donovans Text in der Sezession 76 / Februar 2017 enthält übrigens eine durchaus stringente Beweisführung, die sich jederzeit nachvollziehen läßt. Verdeutlicht er doch – was unsere Sentimentalinskis so gerne vergessen oder vergessen machen wollen –, daß Gewalt immer herrscht und wir sie nur allzu gern verbal verstecken. Er mißbilligt zurecht das öffentliche Geschwätz darüber und die jeweiligen interessengelenkten Umdefinierungen.

In der Tat, und ich glaube, daß unsere zivilisationsverwöhnten, illusorischen, eskapistischen, grundlagenvergessenen, schlafwandelnden sich allzu sicher glaubenden Zeitgenossen mit ihrer „infantilen Wirklichkeitsverweigerung“ (Rüdiger Safranski) besonders hart geschüttelt werden müssen, um aufzuwachen, und zu erkennen, daß "der Mensch des Menschen Wolf" ist (Thomas Hobbes), daß das "Paradies unter dem Schatten der Schwerter und unter den Füßen der Mütter" liegt (Mohammed, zitiert von Nietzsche) und daß "die zivilisierten Völker der Barbarei so nahe wie das bestgeschliffene Eisen dem Rost" sind (Rivarol). Und auch Ernst Jüngers Waldgänger weiß, daß die Freiheit ein souveränes Verhältnis zur Gewalt voraussetzt:

Lange Zeiten der Ruhe begünstigen gewisse optische Täuschungen. Zu ihnen gehört die Annahme, daß sich die Unverletzbarkeit der Wohnung auf die Verfassung gründe, durch sie gesichert sei. In Wirklichkeit gründet sie sich auf den Familienvater, der, von seinen Söhnen begleitet, mit der Axt in der Tür erscheint.  Nur wird diese Wahrheit nicht immer sichtbar und soll auch keinen Einwand gegen Verfassungen abgeben.  Es gilt das alte Wort: »Der Mann steht für den Eid, nicht aber der Eid für den Mann.« (Hier eine Besprechung dieses Jahrhundertessays von Donovan.)

 

Warum kam ich auf die Idee, gerade "Weg der Männer" bei Antaios herauszubringen? Was gefiel mir daran? Nach den Übersetzungen von Jean Raspail und Renaud Camus hatte ich Lust auf stilistisch und inhaltlich ganz andere Kost. Donovans Schaffen verfolge ich etwa seit 2010, und habe ihn stets als orginellen und interessanten Kopf wahrgenommen, alles andere als ein wandelndes Klischee oder "Negativklischee". Eine zeitlang habe ich mich auch sehr für die amerikanische "Manosphere" interessiert, die sich teilweise mit der Altright überschneidet, und für die Blogger unterschiedlicher Qualität wie Heartiste, Quintus Curtius, Roosh, Matt Forney, Davis Aurini oder Mike Cernovich stehen. Hinzu kommt, daß ich großes Vergnügen an amerikanischer Self-Help- und How-to-Literatur habe, deren Spannweite für mich von Napoleon Hill über Leil Lowndes bis Anton LaVey reicht (ich arbeite übrigens gerade, zusammen mit Caroline Sommerfeld, an einem Buch aus diesem Genre). Auch Donovans Buch, das mir durch seine Ehrlichkeit und seinen Pragmatismus gefiel, gehört für mich, zumindest am Rande, als entfernter Verwandter, in diesen Kontext.

Mit "Der Weg der Männer" ergeht es einem wohl ähnlich wie mit Chuck Palahniuks geistesverwandten Roman "Fight Club" (und seiner Verfilmung aus dem Jahr 1999): entweder man spürt sofort eine unmittelbare Resonanz und Verbindung,  ist elektrisiert, weiß, "worum es geht", oder eben nicht.  Manche Leser haben daran kritisiert, daß es nicht an das Niveau anderer Antaios-Publikationen heranreicht, fanden es zu trivial und zuwenig "intellektuell". Ich selbst bin bekanntlich kein Freund dieser Art von Dünkel.

Donovan selbst erhebt auch keinerlei Ansprüche dieser Art. Im Vorwort schreibt er:

 Ich habe es in einer relativ einfachen Sprache verfaßt. Auch Männer, die wie ich aus der Arbeiterklasse stammen, sollen es mit Leichtigkeit und Vergnügen lesen können. Ich bin kein Akademiker.

Angesichts von Donovans äußerem Erscheinungsbild mag der eher bescheidene und bedächtige Duktus des Buches überraschen. Das Pathos ist sorgsam dosiert, und im Gegensatz zu anderen Autoren, die in der "Manosphere" gelesen werden, hält er sein Ego deutlich zurück. Im Vorwort zur ersten Ausgabe (2012) des Buches schrieb er, er intendiere damit "keine Werbung für meine eigene Männlichkeit". Er will sich keineswegs als leuchtendes Vorbild hinstellen, wie etwa dieser nicht unsympathische rechte "Douchebag" aus Schweden.

 Henning Lindhoff schrieb in eigentümlich frei:

Es ist ein Buch, das anfangs begeistert, aufgrund seiner schlichten aber kraftvollen Botschaft: „Mehr Bande wagen!“ Es ist aber auch ein Buch, das mit zunehmender Lesedauer verärgert, aufgrund seiner kraftvollen, aber letzten Endes zu schlichten Botschaft. 

Nun wäre mir dieses Buchprojekt nicht so am Herzen gelegen, wenn ich nicht durchaus anderer Meinung wäre. Mich hat es vielmehr von Anfang bis zum Ende begeistert, und ich finde es keineswegs so "schlicht", wie es manchem auf den ersten Blick erscheinen mag. Ganz im Gegenteil: Donovans literarische, historische, wissenschaftliche und popkulturelle Referenzen sind von einer stupenden Bandbreite und fügen sich in ein ebenso originelles wie schlüssiges Gesamtbild mit einer starken Suggestivkraft. Man spürt in jeder Zeile: Hier hat sich einer eine Frage gestellt, die ihn leidenschaftlich bewegt. Es ist amüsant und flott geschrieben, voll kluger Einsichten und sarkastischem Trotz, aufmunternd, optimistisch und inspirierend, und ich glaube, daß es vielen Männern aus der Seele spricht (so ging es jedenfalls mir), und ihnen helfen kann, über sich selbst und ihre innersten Beweggründe Klarheit zu gewinnen. Und ich denke auch, daß dieses Buch viel Wertvolles für junge identitäre Aktivisten enthält. Die Identitäre Bewegung ist eben auch eine "Bande", eine Wald-"Gang", und als solche kann sie wohl am besten funktionieren.

Das Programm von Antaios ist so reichhaltig wie nie zuvor, und das halte ich für eine großartige Entwicklung. "Der Weg der Männer" ist nur eine Stimme in diesem Chor, die mir persönlich viel bedeutet ist. Darum, lieber Günter Scholdt, machen Sie sich an diesem Punkt keine allzu großen Sorgen oder strategischen Gedanken: "Haters gonna hate", wie die IBster wissen. Freuen wir uns lieber über die geistigen Freiheiten, die uns unser publizistisches Piratenschiff ermöglicht!


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (31)

ALD
3. April 2017 11:17

Lieber Herr Lichtmesz, vielen Dank auch Ihnen für diesen wieder mal großartigen Text! Sowohl Günther Scholdt's Kritik als auch ihre Würdigung der Donovan'schen Arbeit zeigen das intellektuelle Niveau, die stete Bereitschaft sich mit kontrahierenden Standpunkten auseinanderzusetzen und ernsthafte Diskurse innerhalb der eigenen Reihen zu führen im neurechten Spektrum.

Ich hatte die Kritik des Herrn Scholdt aus der Perspektive heraus verstanden, daß die patriotischen bzw. neurechten Gesellschaftslager ihre Heterogenität und intellektuelle Überlegenheit auch der breiten Mitte der Gesellschaft werden vermitteln müssen, - um durch zumindest teilweiser Erlangung der Zustimmung und Unterstützung der Vernunftsdeutschen jeglicher politischer Färbung die erforderliche Wirksamkeit der konkreten politischen Anliegen zu entfalten - und daß der Habitus eines Herrn Donovan in diesem Sinne eher undienlich erscheint. Daß der vernunftbegabte, wohlerzogene, deutsche Bildungsbürger, der einem Kubitschek, Lichtmesz, Kaiser usw. wohl mit Interesse zuzuhören bereit wäre, eben durch die Präsenz eines Donovan eher abgeschreckt werden könnte.

Albert
3. April 2017 12:14

Über den Mangold-Artikel bin ich vorgestern auch gestolpert und fand ihn enttäuschend, da Mangold doch schon deutlich klügere Sachen geschrieben hat. Treffend war allerdings seine Kritik am Buch von Volker Weiß, und witzig sein Verweis darauf, daß Weiß & Co. wohl kaum die Heidegger-Gesamtausgabe studiert haben dürften, um den Sezessionisten das Zitieren von Heidegger'schen "Versatzstücken" vorzuwerfen.

Ich habe den Eindruck, daß den Herrn Mangold schlicht die Denkfaulheit oder der Zeitmangel plagt, sich tatsächlich mit der NR zu beschäftigen, obwohl Interesse offensichtlich da ist. Jan Fleischhauer hatte kürzlich auf SpON geschrieben, daß die Neue Rechte momentan "der heißeste Scheiß" im Block sei; von den Linken komme einfach nix mehr, womit man sich intellektuell beschäftigen mag.

Scholdt hat aber schon recht, daß muskelbepackte Machos wie Donovan bei denkfaulen Zeitgeist-Amöben just alle roten Knöpfchen drücken und somit letztlich diskursverhindernd sind. Der "Herrschaft des Verdachts" entkommen wir einfach nicht.

Martin Lichtmesz
3. April 2017 13:09

@Albert

Mit denkfaulen Zeitgeist-Amöben lohnt sich ohnehin kein Diskurs!

Martin Lichtmesz
3. April 2017 13:14

In der Tat, Mangold hat zumindest bemerkt, wie durchsichtig Weiß' Strategien sind, und er macht sich darüber lustig:

 

 

Da setzt seine Behütungspädagogik ein: Wo sich die Neue Rechte intellektuell gibt, »verbrämt« sie ihre wahren Absichten nur »intellektuell«, wo sie sich bei Heidegger bedient, sind es »philosophische Versatzstücke« – als würde unsereins den Namen Heidegger ausschließlich in den Mund nehmen, wenn wir uns aufs Gesamtwerk beziehen. Weiß ist in Sorge, der Leser könne sich blenden lassen. Zum Beispiel von der »aristokratischen Haltung«, mit der sich die Neue Rechte von den Neonazis abzusetzen versuche, dabei sei diese Haltung »nichts als Pose«. Über öffentliche Aktionen der Identitären Bewegung schreibt er: »Die Kulisse ihrer Inszenierung wird sorgfältig gewählt, die Aktivisten tragen viele große Fahnen mit sich, was den Eindruck von mehr Masse vermittelt. Ihre Parolen und Embleme sollen attraktiv wirken und stets wiedererkannt werden.« Soso, ihre Parolen sollen attraktiv wirken – gut, dass wir gewarnt wurden. Wir würden die Identitäre Bewegung (IB) sonst für hip halten: »Insgesamt ist der avantgardistische Touch der IB aufgesetzt und bleibt auf das Werbematerial beschränkt.« Vermutlich wäre die IB für Weiß erst dann avantgardistisch, wenn sie statt identitär universalistisch wäre!

 

 

 

Martin Lichtmesz
3. April 2017 13:21

In der Tat, Mangold macht sich über Weiß' durchsichtige Strategien lustig, das ist das Beste an seiner Rezi:

Da setzt seine Behütungspädagogik ein: Wo sich die Neue Rechte intellektuell gibt, »verbrämt« sie ihre wahren Absichten nur »intellektuell«, wo sie sich bei Heidegger bedient, sind es »philosophische Versatzstücke« – als würde unsereins den Namen Heidegger ausschließlich in den Mund nehmen, wenn wir uns aufs Gesamtwerk beziehen. Weiß ist in Sorge, der Leser könne sich blenden lassen. Zum Beispiel von der »aristokratischen Haltung«, mit der sich die Neue Rechte von den Neonazis abzusetzen versuche, dabei sei diese Haltung »nichts als Pose«. Über öffentliche Aktionen der Identitären Bewegung schreibt er: »Die Kulisse ihrer Inszenierung wird sorgfältig gewählt, die Aktivisten tragen viele große Fahnen mit sich, was den Eindruck von mehr Masse vermittelt. Ihre Parolen und Embleme sollen attraktiv wirken und stets wiedererkannt werden.« Soso, ihre Parolen sollen attraktiv wirken – gut, dass wir gewarnt wurden. Wir würden die Identitäre Bewegung (IB) sonst für hip halten: »Insgesamt ist der avantgardistische Touch der IB aufgesetzt und bleibt auf das Werbematerial beschränkt.« Vermutlich wäre die IB für Weiß erst dann avantgardistisch, wenn sie statt identitär universalistisch wäre!

Monika L.
3. April 2017 13:30

Unsere Altvorderen hatten keinerlei Probleme damit, ihr Eigenes auch militärisch zu verteidigen. Heute besteht nicht einmal mehr der Wille, das Eigene wenigstens geistig zu verteidigen. Wie etwa noch bei Petrus Venerabilis, 1122 Abt von Cluny. Von dem es auf der dortigen Schautafel heißt: "Ihm sind Wortgefechte lieber als der Kampf und er lässt den Koran übersetzen, um besser gegen den Islam vorgehen zu können."

https://www2.hu-berlin.de/sppedia/index.php5/Integration_und_Desintegration:Beitrag_3/Die_Konstruktion_des_Anderen

Das waren noch Wortgefechte. Im Mittelalter.

Wir Heutigen führen nicht mal mehr Wortgefechte, sondern Scheingefechte. Dazu zähle ich Günter Scholdts ' Manöverkritik' und Lichtmesz' Replik. Mangolds Rezension und Volker Weiß' Konstrukt. Mangold kenne ich nur als Gemüse . Wer ist Volker Weiß ? 

Ehrlich gesagt, verstehe ich auch nicht das Faible für Donovan oder die amerikanische " Manosphäre".  Die europäischen Jungmänner und Jungfrauen stehen vor weit aus größeren Herausforderungen als die amerikanischen. Der Schlüsseltext ist für die Europäische Situation m. E. Sieferles Text DEUTSCHLAND SCHLARAFFENLAND. Auf dem Weg in eine multitribale Gesellschaft sind einheimische 'Jugendgangs' sicher eine Möglichkeit. Ich bin froh um dem Identitären Widerstand. Aber:

Der europäische Familienvater erscheint nicht mehr von seinen Söhnen begleitet mit der Axt vor der Tür. Entweder hat er keine oder zuwenige Söhne. Oder die Söhne studieren im Ausland. Während Afrika und der Nahe Osten seine Söhne als Platzhalter nach Europa, insbesonder Deutschland schickt. Und das den Steuerzahler Milliarden kostet. Der stärkste Einwanderungsdruck lastet auf Europa. Hier versagen alle Diskussionen über einen ethischen Universlismus. Das ' Abstraktum Menschheit hat eine reale Gestalt angenommen' ( Sieferle) . Die Utopie der totalen materiellen Gleichheit bildet den Attraktionspunkt der menschlichen Existenz. ( Sieferle) . Dann doch lieber ein ABGANG MIT STIL. Aber nicht wie in dem neuen Amifilm, wo eine Rentnergang durch Banküberfall die karge Rente aufbessert. Sondern mit europäischem Stil. Wie bei Raspail etwa. 

M.L.: Die Black Pill des Tages!

Urwinkel
3. April 2017 13:47

Donovan würde den Diskutanten die Frage stellen, mit welchem Unsinn (Weiß) sie sich abgeben und danach im Zweifel aufs Maul hauen. Stünde nicht eine allgemeine Sprachbarriere dazwischen. Bei ihm stehen die Leute schlange an, um tätowiert zu werden. Wenn man in solch einer einstündigen Sitzung lange zusammensitzt ergibt sich viel Gesprächsstoff der keiner Akademie in inhaltlicher Qualität in irgendwas nachsteht.

Monika L.
3. April 2017 14:37

@ML Nix Black pill ! No pill !

Aber beim WEG DER MÄNNER in relativ einfacher Sprache denke ich eher an den Villanderer Sturmhaufen:

https://www.schuetzen-villanders.com/de/das-letzte-augebot/index.php

Und natürlich nicht an eine Entleibung, auch nicht in einer Kathedrale.

Der Gehenkte
3. April 2017 15:05

Nils Wegner hatte im letzten Strang angemerkt: „Der Titel von Essay und Vortrag ist eigentlich bloß ein Wortspiel mit der englischen Fassung des Sprichworts »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«.“

Statt „Schweigen“ nun „Gewalt“ einzusetzen ist ein Kategorienfehler. Hätte Donovan „die Tat“, „das Handeln“ – „acting“, „doing“ o.ä. – eingesetzt, wäre diese Diskussion - die es glücklicherweise gibt - gar nicht entstanden, denn eine breite Einhelligkeit wäre anzunehmen gewesen.

M.L.: Silence - Violence, das ist das Wortspiel.

„Gewalt“ ist eine Triggervokabel, die bewußt provozieren und kitzeln will.

M.L.: So what?

Ich halte es für durchaus relevant, sich darüber Gedanken zu machen, wie das auch bei Unverständigen verstanden werden kann. Dabei geht es gar nicht um die erklärten Gegner – deren hinterfotzige Herangehensweise zu entlarven ist allzu einfach –, sondern um die Vielen, die um eine Position ringen und die bei der Neuen Rechten Stoff finden, um persönliche Entscheidungen zu treffen. Diese Menschen sind oft noch voller Ideologieversatzstücke, können noch getriggert werden … wenn wir sie mit Vokabeln versorgen, die das Erwartungsbild „Rechtsradikalismus“ erfüllen, werden wir sie nicht gewinnen können.

Sofern Metapolitik Politik ist, sollte man lernen auch taktisch zu denken. Oder man entscheidet sich für die Sekte – ist auch legitim –, lehrt die reine Lehre und nimmt aber in Kauf, daß man auf offiziellen Wegen einflußlos bleiben wird. Gut fürs Seelenheil, wenig ergiebig für das erste Leben …

M.L.: Diesen Humbug mit der "reinen Lehre" vs. "taktische Anpassung" hatten wir hier schon x-mal. Was soll denn bittte diese "reine Lehre" sein?

Martin Lichtmesz
3. April 2017 15:31

Ich ehre den vernunftbegabten, wohlerzogenen, deutschen Bildungsbürger, allein schon deshalb, weil er eine aussterbende Spezies ist, aber er sollte sich selbst nicht für das Maß aller Dinge halten, und seine Furcht vor handfesteren Realitäten mit Dünkel ruhigstellen.

Albert
3. April 2017 15:41

Das Nervigste an Weiß & Co. ist der ständige Versuch, uns eine Doppelgesichtigkeit andichten zu wollen - so, als würden wir versuchen, die Öffentlichkeit unserer Harmlosigkeit zu versichern, aber anders sprechen, wenn wir "unter uns" wären. Manche unter uns machen sich dann vorbeugend harm- und wehrlos, wie GK im letzten Sezessions-Geleitwort schrieb. Das ist ermüdend und führt dazu, daß einige (wie das "Studienzentrum Weikersheim") letztlich bedeutungslos werden und verschwinden. 

Was die "Sezession" für mich so wertvoll macht, ist die Konsequenz ihrer Gedankenführung abseits von politischer Verwendbarkeit. Schwierig und doppelbödig wird es nur dann, wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, daß die "Sezession" in die Politik hineingreift (siehe Pogge oder Höcke).

Passend zum Thema und gerade entdeckt:

"Der Zwischenrufer ist Martin Lichtmesz, Autor der rechtsextremen Zeitschrift „Sezession“.

https://www.freitag.de/autoren/wwalkie/die-haeutungen-der-schlange

Der Gehenkte
3. April 2017 15:59

Die "reine Lehre" war eine ironische Überspitzung - darauf kam es mir nicht an. Wichtig ist der Punkt in der Mitte: wie will man überzeugen, wenn man nicht lernt, die Sprache zu sprechen, die jene Menschen beherrschen, die überzeugt werden könnten, die vielleicht auch erst einen Sprachkurs brauchen?

Will man das überhaupt? Wenn nicht, dann doch wohl nur aus der Überzeugung heraus, die "reine Lehre" gefunden, das entscheidende Wort bereits gesprochen zu haben.

Die Frage oder der Humbug nach Fundi oder Realo ist eine in Bewegung - sie stellt sich immer wieder neu und wird daher an jeder Wegscheide auch neu verhandelt werden müssen, so mühsam und nervig das sein kann.

M.L.: Ich verstehe das Problem nicht. Wir sind ein Verlag, der eine Bandbreite an interessanten und provokativen Büchern herausbringt, die man nirgendwo sonst findet, fertig.

Monika L.
3. April 2017 16:45

"Wenn Hayali also " einen unvoreingenommenen Dialog über politische Grenzen hinweg " fordert, liegt sie richtig. Götz Kubitschek und sein Zirkel haben sich aus diesem selbst herausgeschossen. Die "Junge Freiheit" hingegen findet womöglich gerade in diesen hinein. So schreibt Dieter Stein im aktuellen Editorial seiner Zeitung: ' Vielleicht bewegt sich ja doch etwas. Verlassen wir alle unsere Echokammern, in denen wir uns manchmal nur noch selbst bestätigen. Der politischen Kultur täte es gut. In den von mir beschriebenen Grenzen kann ich diesem Aufruf zustimmen."

Liane Bednarz, dort:

https://uebermedien.de/14079/warum-es-richtig-war-von-dunja-hayali-mit-der-jungen-freiheit-zu-reden/

M.L.: Da sind wir aber traurig, daß wir uns aus der Eunuchenrunde ausgeschlossen haben und keine substanzlosen Gespräche mit Dunja Hayali führen!

Lustig, wer da alles über die Rechten schreibt.

M.L.: Munter versuchen sich die Würmchen in den Apfel zu bohren...;)

Und bald schreibt Frau Bednarz dann auch, warum Günter Scholdt sich von Martin Lichtmesz distanziert. Dabei ist Herr Lichtmesz nicht doppelgesichtig. Nein, er will endlich mit Frau Bednarz einen unvoreingenommenen Dialog führen. Und endlich auch seine Echokammer verlassen.

M.L.: (((Harhar!)))

Frau Bednarz aber, kein " Freund des Ich-Journalismus" ( von mir !)  kann ihre Echokammer aber (noch) nicht verlassen. Und der unvoreingenommene Dialog zwischen Caroline und Carolin steht auch noch aus. ))))))))

M.L.: Wir harren immer noch ihrer Antwort!

deutscheridentitärer
3. April 2017 17:36

Ich wünschte, es gäbe mal eine ähnliche Auseinandersetzung mit diesem Herrn Zorn, der gerade ein auf die Neue Rechte zielendes Buch herausgebracht hat.

M.L.: Das ist ein Job für Masochisten.

Hartwig aus LG8
3. April 2017 17:40

@ Der Gehenkte

Wie wollen Sie überzeugen, wenn Sie "die Menschen dort abholen, wo sie sind"? Meine Erfahrung: Mich haben in den vergangenen Jahrzehnten meist diejenigen bewegt, die es verstanden, mich zu brüskieren; diejenigen, die unverrückbar standen; diejenigen die Gedanken dachten, die ich nicht denken konnte; die Vokablen benutzten, vor denen ich scheute.

Das waren nicht durchgängig Sympathen; das war nicht immer angenehm. (und meine Bewegung führte auch nicht zwangsläufig immer auf diese jenigen zu).

Mit "mich bewegt" meine ich einen langen Wandel nach dahin, wo ich jetzt stehe. 

"Es ist ein großer Unterschied, den Weg nur zu kennen, oder ihn wirklich zu beschreiten."  (so ähnlich aus Matrix).  In diesem Kontext: Es ist nicht Ihr Wort, was Überzeugungskraft hat, sondern Sie selbst  -  wenn denn ...

Zu Donovan: Habe gerade eben seinen "Weg der Männer" ausgelesen. Nicht sensationell, nichts wirklich neues. Flüssig geschrieben. Er überzeugt. Seine Worte gehen konform mit seiner Erscheinung.  Der Weg der Bande - kein Weg, den ich mit Konsequenz gehen kann. Aber ein Weg, den ich auch nicht ignorieren kann. Es gibt erste Versuche ...

Schneekette
3. April 2017 18:30

Das mag ja alles sein. Aber eine brutale Gesellschaft, d.h. die Brutalität des Alltags; die notwendige Brutalität einer bindungslosen Gesellschaft ist doch in Wahrheit genau das, was wir haben. Die Auflösung des Zugehörigkeitsverbandes, die Gesellschaft ohne Nationalstaat ist gerade brutal. Das ist doch genau das, was wir nicht wollen. Insofern ist es tatsächlich neben dieser grundsätzlichen Überlegung sehr wohl eine legitime Überlegung, ob eine schonungslose Bejahung von Hackordnung als natürliche Ordnung uns unwählbar unsympathisch macht! Zurecht unsympathisch machen würde.

M.L.: Und wo meinen Sie, eine "eine schonungslose Bejahung von Hackordnung als natürliche Ordnung" zu finden?

Schneekette
3. April 2017 19:52

@M.L.

Längst nicht durchgehend hier, im Gegenteil. Aber bei Libertären, beispielsweise. Und dass es eine vulgärdarvinistische Fraktion als Minderheit im rechten Lager gibt, ist nicht zu leugnen.

P.S.

Warum verschwindet eigentlich die Gliederung in Absätze bei manchen Beiträgen? Ich könnte eine redaktionelle Bearbeitung ja verstehen, wenn ein Text vollkommen überlang und zerrissen wirkt, aber dass reiner Blocksatz herauskommt erschwert die Leserlichkeit doch deutlich.

D'Annunzio
3. April 2017 21:54

Donovans Buch war für mich eine große Enttäuschung. Er erinnert mich immer an einen überdimensionalen Pfadfinder, dessen Rezepte vielleicht in den USA funktionieren, aber nicht im europäischen Hier und Jetzt. Bestenfalls ein weiterer Beitrag zur Soziologie der Postmoderne.

Solution
3. April 2017 21:54

Danke, Herr Lichtmesz, für diesen zutreffenden Artikel.

Auch ich habe bei bisher ca. 10 verschenkten Büchern von Donovan eigentlich nur zwei verschiedene Reaktionen erlebt: Begeisterte Zustimmung oder entsetzte Ablehnung. Die Ablehnung war aus meiner Sicht überwiegend irrational. Da gab es sogar jemanden, der das Buch gar nicht erst lesen wollte, weil er die USA generell und grundsätzlich ablehne ("Alles, was von dort kommt, ist Schrott").

Vergessen wir nicht, daß Donovan in den USA lebt. Es gibt nun einmal gravierende Unterschiede zu Europa und zu Deutschland. Dennoch ist das Grundproblem gleich: Wir müssen uns auf neue Art organisieren, wir müssen unabhängiger werden. Und wir müssen uns darauf einstellen, daß wir den tribalistischen Invasorengesellschaften in Europa etwas Gleichwertiges entgegenstellen müssen. Spätestens dann, wenn die staatlichen Strukturen uns nicht mehr schützen können.

Das Wort "Gang" ist letztlich eine Art Sammelbegriff für verschiedenartigste Zusammenschlüsse. Wir sollten damit genauso experimentieren, wie es die Amis tun. Vielleicht finden wir eigene, vielleicht auch ähnliche Formen, wie die Freunde von Donovan.

So mag ein Stammtisch oder ein Diskussionsforum im Internet ein Anfang sein. Für die kommenden harten Zeiten braucht man aber Leute um sich, die da sind, wenn es von irgendwoher knallt und die dann zusammenstehen und sich effizient zu wehren gelernt haben. 

ALD
3. April 2017 22:07

Wohl wahr, wohl wahr. Indessen: niemand sollte sich für das Maß aller Dinge halten. Auch oder vor allem erst dann nicht, wenn er das Maß der Zeit tatsächlich bestimmt und sich auch im klaren darüber ist. Mich überzeugen Sie ohenhin vollends, dazu bedarf es auch keinerlei Sentimentalitäten. Ihre Ratio und die nüchterne Freude an ihrem Stil reichen da schon aus. Und als Kenner außereuropäischer Begebenheiten kann ich nur zustimmen, daß es sich bei den Beanstandungen ganz objektiv betrachtet um Lappailen handelt. Ob dieser Luxus des Objektivismus das Gebot der Stunde ist, möchte ich jedoch bezweifeln, denn der vernunftbegabte, wohlerzogene, deutsche Bildungsbürger ist zwar auf der Liste der "bedrohten Arten", aber NOCH so verbreitet und wirkungsvoll, daß er den Lauf der Dinge zu bestimmen vermag. Es lohnt sich m.E. durchaus seinem i.d.R. eher zarten Gemüth wohlwollend gesinnt zu sein und seiner Kraft der Vernunft zur Entfaltung zu verhelfen.

Johann
3. April 2017 23:53

Beim Verweis auf den "Golden One" musste ich lachen. Ich verfolge dessen Videos schon seit Längerem und in der Tat, unsympathisch wirkt er nicht.

Der Feinsinnige
4. April 2017 02:50

Es überrascht sicher wenig, wenn ich als überzeugter Teilnehmer dieses Blogs erkläre, diesen Blog und den zugehörigen Antaios-Verlag wegen der Qualität seiner Texte und der hier gepflegten Diskussionskultur hoch zu schätzen. Das gilt – unabhängig davon, daß ich dem Einwurf von Prof. Scholdt nach wie vor, wie schon im dem Artikel Prof. Scholdts folgenden Strang, inhaltlich zustimme -, ganz ausdrücklich auch für obigen Artikel sowie die gesamte hierzu geführte Diskussion.

@ Der Gehenkte:

Sofern Metapolitik Politik ist, sollte man lernen auch taktisch zu denken. Oder man entscheidet sich für die Sekte – ist auch legitim –, lehrt die reine Lehre und nimmt aber in Kauf, daß man auf offiziellen Wegen einflußlos bleiben wird. Gut fürs Seelenheil, wenig ergiebig für das erste Leben …

@ Martin Lichtmesz:

„M.L.: Diesen Humbug mit der "reinen Lehre" vs. "taktische Anpassung" hatten wir hier schon x-mal. Was soll denn bitte diese "reine Lehre" sein?“

Hier erlaube ich mir doch, Ihnen, sehr geehrter Herr Lichtmesz, vorsichtig, aber doch bestimmt zu widersprechen, auch auf die Gefahr des nächsten vernichtenden Einwurfs Ihrerseits:

Die Gedanken von @ Der Gehenkte (für die das obige Zitat nur beispielhaft steht) als „Humbug“ abzuqualifizieren, ist meines Erachtens unangemessen, selbst wenn hier schon x-fach über diese Thematik diskutiert wurde. Es ist doch letztlich immer wieder dieselbe Frage, wie sie sich z.B. auch bei der Dresdner Rede Björn Höckes gestellt hat, eine Frage, über die immer wieder gestritten werden kann und sollte:

Wie will und kann man möglichst viele potentiell für die eigene Position offene Menschen (nicht die Übelgesinnten, die sind ohnehin nicht zu erreichen und daher irrelevant) ansprechen, um etwas zu bewegen? Das sollte doch angesichts der Lage unseres Landes und unseres Kontinents das vorrangige Ziel sein (oder irre ich bereits in dieser Zielvorstellung?). Funktioniert das durch das ungestüme Rütteln an den größten Tabus der deutschen (oder im weitesten Sinne „westlichen“) Gegenwart (hier: am Gewaltbegriff?). Oder funktioniert es nicht viel eher, wenn man nicht mit dem Kopf gerade gegen die nun einmal existierenden dicksten Wände anrennt (und sei es nur in Wortspielen wie "Violence is Golden") und dadurch viele Gutwillige (nicht Übelgesinnte, die sind irrelevant) eher abstößt als anzieht?

M.L.: Das sind legitime Überlegungen, aber ich verstehe nicht, was das alles mit einer ominösen "reinen Lehre" zu tun haben soll. Ich weiß nicht, was mir Leute damit sagen wollen, wenn sie mit diesem unsinnigen Ausdruck um sich werfen. Da bringen wohl einige Dinge wie Purismus, Taktik, Leisetreterei usw. durcheinander.

Unabhängig davon werden meine Überzeugungen und Wertungen ab und zu – so auch hier – auch von  Sympathie- und Stilfragen beeinflußt (damit stehe ich sicher nicht allein). Der Stil Donovans in Auftreten und Aussage ist und bleibt mir insgesamt doch ziemlich fremd – und auch insoweit liegt mir die Kritik Prof. Scholdts näher.

Martin Lichtmesz
4. April 2017 07:00

Es mag auch sein, daß Leute wie Mangold möglicherweise klarer denken, als sie schreiben dürfen, wollen, und daß sie andernfalls unter Druck geraten...

Martin Lichtmesz
4. April 2017 08:40

Linke reden heuchlerisch und moralisierend über Gewalt, und haben gleichzeitig geringe Hemmungen, sie anzuwenden; auf uns sollte genau das Gegenteil zutreffen.

Leser_01
4. April 2017 10:40

Mir hat der Vortrag von Jack Donovan sehr gut gefallen. Ich kann die Kritik nicht verstehen. Die theoretische Abhandlung von Gewalt ist in meinen Augen nur begrenzt zielführend. Ich bin kein Intellektueller und deshalb bevorzuge  ich die Meinung und das Wissen eines Praktikers. (Noch besser wären Leute von Spezialeinheiten)

Wer etwas über Gewalt lernen will sollte in einem MMA Gym anfangen und nicht alte Bücher darüber lesen. Die alten Bücher ergeben auch erst dann wirklich Sinn wenn man praktische Erfahrung hat.

Ich persönlich glaube auch, dass das Buch sehr gut zeigt wie verwundbar wir sind. Wir haben unsere Sicherheit an andere Organisation ausgelagert. Wir müssen unsere Sicherheit wieder selbst in die Hand nehmen.(Legaler Waffenbesitz)

Der Gehenkte
4. April 2017 13:00

@M.L.: Das sind legitime Überlegungen, aber ich verstehe nicht, was das alles mit einer ominösen "reinen Lehre" zu tun haben soll. Ich weiß nicht, was mir Leute damit sagen wollen, wenn sie mit diesem unsinnigen Ausdruck um sich werfen. Da bringen wohl einige Dinge wie Purismus, Taktik, Leisetreterei usw. durcheinander.

Ich sag's noch mal: der Begriff der "reinen Lehre" war eine ironische Überspitzung, und - da er hier offensichtlich in die kommunikative Sackgasse führt - ein Fehler, unglücklich gewählt. Man hätte ihn, mit ein bißchen Willen, auch als "Klartext" entziffern können oder dergleichen. Ich bin da selber im Zwiespalt, weil das offene, ehrliche Reden natürlich seine Vorteile und Bedeutung hat. Das Problem ist ja uralt. Wir geben Kant alle recht, aber keiner handelt danach, weil Absolutheit, Purismus immer ein Schuß ins eigene Knie ist, letztlich zur Selbstvernichtung führt.

Hier kam dieser Widerspruch nur erneut hoch: Einerseits wird auf Pluralität eingeschworen, intrinsische Pluralität - man verbreite verschiedene Meinungen innerhalb eines Spektrums -, andererseits wird immer wieder mit Vokabeln, Bildern, Metaphern gespielt, die den Zugang zur pluralen Gesellschaft verbauen: extrinische Berührungshemnisse. Da helfen auch verbale Beteuerungen nichts (wir wollen reden, mit allen), wenn die subkutanen Signale einen anderen Eindruck verleihen. Weshalb sonst bringt Sellner den "Narrensaum" und die "Kantenschere" ins Spiel?

Immer wieder wird hier die Differenz zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik verdeutlicht und dabei übersehen, wie stark der Gesinnungszwang in den eigenen Reihen oft ist. Wie auch gerne nach außen ausgeteilt wird, aber wenn man selber unter Beschuß steht, schnell sensibel reagiert wird.

Ist aber hier nicht zu lösen, also belassen wir es dabei.

Utz
4. April 2017 15:55

Martin Lichtmesz schreibt:

"Linke reden heuchlerisch und moralisierend über Gewalt, und haben gleichzeitig geringe Hemmungen, sie anzuwenden; auf uns sollte genau das Gegenteil zutreffen."

Diesem Satz kann ich nur 100 % zustimmen.

Dennoch mache ich mir meine Gedanken, wenn "Der Feinsinnige schreibt:

"Wie will und kann man möglichst viele potentiell für die eigene Position offene Menschen ... ansprechen, um etwas zu bewegen? Das sollte doch angesichts der Lage unseres Landes und unseres Kontinents das vorrangige Ziel sein .... Funktioniert das durch das ungestüme Rütteln an den größten Tabus der deutschen ... Gegenwart .... Oder funktioniert es nicht viel eher, wenn man nicht mit dem Kopf gerade gegen die nun einmal existierenden dicksten Wände anrennt ... und dadurch viele Gutwillige ... eher abstößt als anzieht?"

Ich erinnere an die Geschichte über Mühlhausen, in einem anderen Thema, wo Monika L. schreibt:

 "Im Falle Mühlhausen handelt es sich allerdings nicht mehr um zu meidende Parallelwelten, sondern die ganze Stadt ist eine andere Welt. Hier erscheint der Islam jung, chic und ( scheinbar ?) modern. Das alte einheimische Leben wirkt dagegen museal und hoffnungslos veraltet. Das ist eine irritierende und schockierende Erfahrung. Hier hat die andere Welt bereits ' gewonnen'."

Um "in" zu sein, chic, modern, muß man anscheinend nicht durch Besonnenheit überzeugen, muß man nicht aufpassen, daß man nicht etwa durch mangelnde politische Korrektheit Leute verschreckt und die eigene Anschlußfähigkeit verliert. Das versucht man uns nur einzureden. Um zu überzeugen müssen andere Parameter stimmen. Im Extremfall, z.B. Französische Revolution kann sogar eine äußerst gewalttätige Bewegung eine riesengroße Zustimmung erfahren.

Wir müssen der Frage nachgehen, was eine Bewegung erfolgreich macht, was dazu führt, daß sie wächst. Unabdingbar erscheint mir, daß sie viel Jugend in ihrer Anhängerschaft haben muß.

Wahrig
4. April 2017 16:46

Mich würde ja interessieren, ob die Diskussion über Herrn Donovans Ansichten auch so stattgefunden hätte/stattfinden würde, wäre er kein vikingerspielender US-Amerikaner mit augenscheinlich großer Begeisterung für die Muckibude, sonder ein...sagen wir (natürlich in Ehren) ergrauter Franzose vom Schlage derer die noch bei 30 Grad in Jacket und Fliege anzutreffen sind.

Caroline Sommerfeld
4. April 2017 17:32

@der Gehenkte: "andererseits wird immer wieder mit Vokabeln, Bildern, Metaphern gespielt, die den Zugang zur pluralen Gesellschaft verbauen: extrinische Berührungshemnisse. Da helfen auch verbale Beteuerungen nichts (wir wollen reden, mit allen), wenn die subkutanen Signale einen anderen Eindruck verleihen".

Die "plurale Gesellschaft" ist (etwa so wie "Freiheit" und "Demokratie") diskursiv besetztes Gelände. Da wollen wir eh nicht hin (beziehungsweise: der Versuch, koalitionsfähig zu werden, gelingt nur einem gewissen Teil von "uns", auch eine Art "Kantenschere" ...).

Wo wir hinwollen, ist das, was Rüdiger Safranski schlicht so ausdrückte: "Wo es links gibt, muß es auch rechts geben". Und zu "rechts" gehören nun einmal diese "Vokabeln, Bilder und Metaphern", die die selbstbezüglich geschlossenen "pluralen" Gemüter abschrecken.

Wer also mit uns reden will, muß eine innere Hürde überwinden (nicht bloß die wiederum rekursiven ewigen Nazi-Hirnfilme). Das kommunikativ Merkwürdige an dieser Hürde ist allerdings: sie schließt aus, um einzuschließen. Sie schließt die nur allzuleicht Guten aus, die Pluralismuschulterklopfer und Dialogpharisäer vom Schlage Carolin Emcke, schließt aber gerade diejenigen ein, die gemerkt haben, daß zur Kommunikation immer zwei Seiten gehören: links/rechts, gut/böse, offen/geschlossen, kriegerisch/friedliebend. Die, die das kapiert haben, werden reden. Sie müssen ja nicht gleich freudestrahlend die Negativpole stürmen und rechts, böse, geschlossen und kriegerisch werden.

Hartwig aus LG8
4. April 2017 22:14

Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube das nicht! Martin Sellner im Hangar7 (sinngemäß): Ich wünsche mir einen offenen Dialog über Fragen wie Einwanderung, u.s.w.  ... [Subtext: ... an dem die Rechte als Gleicher unter Gleichen teilnimmt]. Es wird nicht dazu kommen. Entweder die Rechte übernimmt die Macht und sieht sich bitterer Feindschaft gegenüber --- kein Dialog. Siehe USA. Oder man wird in der Opposition bekämpft, siehe AfD-Parteitag in Köln, wo der "berechtigte Volkszorn" schon Wochen vorher geschürt wird. Wie gesagt, ich wünschte, es wäre anders. Ist's aber nicht.

silberzunge
6. April 2017 19:50

Ich zitierte Kardinal Marx aus der Hochzeit der Nächstenliebe: "Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt". Es ist hypothetisch, sich über die Bejahung oder Verneinung von Gewalt auszusprechen, sie ist in einer Qualität und Quantität real geworden, dass es einem sprichwörtlich das Heu raushaut.

In Österreich wird gerade eine Verschärfung des Strafrechts diskutiert, nach der u.a. die Gruppenbelästigungen (Köln, ...) erstmals als solche bestraft werden: es sei "ein anderes Bedrohungsbild, wenn zwei oder mehrere Männer Frauen belästigen", auf dieses neue Phänomen müsse man reagieren, sagt der Justizminister heute.  Grenzen zu und abschieben natürlich nicht. Das wäre dann wohl zu gewalttätig.

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