Sezession
3. April 2017

Günter Scholdt, Ijoma Mangold & Jack Donovan: Eine Replik

Martin Lichtmesz / 31 Kommentare

 Der strategische Teil seiner Kritik lautet so:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Denn diese Präsentation bestätigt scheinbar für eine ohnehin meist übelgesinnte Öffentlichkeit Negativklischees über das IfS respektive die konservativ-rechtsalternative Szene generell. Genauer: Sie erleichtert ungewollt ein absichtliches oder unbewußt feindliches Fehlverständnis, man sympathisiere mit testosterongesteuerten, durch Nietzsche-Parolen stimulierten Haudraufs.

Auch (völlig wertneutral) taktisch scheinen mir Gewaltbekenntnisse oder -euphorien angesichts der Kräfteverhältnisse im Lande und einer tendenziell linkspolitisierten Justiz verfehlt und höchstens tauglich zur kurzfristigen seelische Kompensation.

Ich muß bei allem Respekt vor Herrn Dr. Scholdt, den ich außerordentlich schätze, sagen, daß ich diesen Einwand aus mehreren Gründen nicht nachvollziehen kann, ja entschieden zurückweisen muß. Ich sehe nicht ein, warum wir irgendeine Rücksicht darauf nehmen sollen, was eine in der Tat "meist übelgesinnte" und eher bewußt als unbewußt feindliche Öffentlichkeit " über unsere Arbeit denkt. Ob mit oder ohne Donovan im Programm, ich kann auf der Seite dieser Übelgesinnten ohnehin keinerlei Willen zur Fairneß oder zur ehrlichen inhaltlichen Auseinandersetzung erkennen, sondern eben nur eine üble Gesinnung.

Das hat teils mit kognitiver Überforderung, teils mit Faulheit und Unredlichkeit, teils mit schlichter Böswilligkeit zu tun. Alles, was wir sagen und schreiben wird durch einen - mitunter bizarr kreativen - Interpretationsfilter geleitet, um sicherzustellen, daß die Buhmänner und Pappkameraden auf ihren Plätzen bleiben. Daß unsere Positionen Feindseligkeit und Widerspruch hervorrufen, insbesondere bei jenen, die von uns kritisiert werden, versteht sich dabei freilich von selbst und ist natürlich legitim. Es ist allerdings auffällig und aufschlußreich, daß wir selten für das kritisiert werden, was wir tatsächlich sagen und vertreten, sondern vielmehr für das, was man uns unterstellt zu sagen und zu vertreten. Ich möchte einmal eine ernsthafte Kritik der Neuen Rechten lesen, die sich nicht in Alarmismus, Dämonisierung und im rituellen Abwatschen von zum Teil komisch absurden Strohmännern erschöpft.

Ein aktuelles Beispiel ist Ijoma Mangolds Rezension des neuen Buches des deutschen Meisters Volker Weiß über die "Neue Rechte" (dessen Titel schon so dumm ist, daß es wehtut) aus der Zeit  13/2017. Mangold ist ein gutes Beispiel für die intellektuelle Unredlichkeit, von der ich oben sprach. Nachdem er sich via Weiß ein "genaueres Bild von den weltanschaulichen Prämissen und ideengeschichtlichen Herkünften der rechtsautoritären Bewegungen der Gegenwart" gemacht hat, rühmt er dessen Meisterwerk als "glänzende Dekonstruktion der Neuen Rechten mit ihren eigenen Mitteln". Da er aber alles, was er über die Neue Rechte weiß, aus Weiß' Buch entnimmt und offenbar die Originalquellen kaum gelesen hat, kann er solch ein Urteil gar nicht ernsthaft fällen; er kann nur Beifall klatschen, wie gekonnt doch dieser Weiß seine Strohmänner zerlegt. Das führt dann zu Sätzen voll unfreiwilliger Komik wie diesem hier:

 Universalismus gilt der Rechten als Täuschungsbegriff, mit dem der globalistische Westen Putins Abendland zu unterdrücken versucht.

Auf einem ähnlichen Niveau liegt dieser Satz:

Der »absolute« Feind der Neuen Rechten, die Identität an Räume koppelt, ist der Universalismus. 

Schön, daß ich das auch einmal erfahre. Ich für meinen Teil - und ich bin ja wohl mit angesprochen, da ich von Mangold und Weiß zitiert werde - kann sagen, daß für mich der Universalismus keineswegs ein "absoluter" Feind ist. Wenn ich irgendwas von Carl Schmitt gelernt habe, dann dies, daß es "absolute" Feinde nicht gibt, beziehungsweise, daß die Idee der "absoluten" Feindschaft auf dem Mist des Universalismus gewachsen ist, den wir ja kritisieren. Bejahen würde ich allerdings, daß viele, die der Neuen Rechten nahestehen, im Universalismus (oder konkreter im universalistischen westlichen Liberalismus) den "Hauptfeind" sehen (so drückt es auch Alain de Benoist aus), während der Islam eher ein (ebenfalls universalistischer) Sekundärfeind ist, beschworen durch die Verfehlungen des westlichen Liberalismus, der sich im Zustand der Auto-Erosion befindet und den Westen in einen paradoxen Suizid treibt.

All diese einschlägigen Autoren begehen immer wieder den Fehler, anzunehmen, die (sogenannte) Neue Rechte sei ein ideologisch monolithischer Block, den man auf ein paar Formeln und Gleichungen herunterrechnen könne. Demgegenüber ist es immer wieder wichtig, den vitalen Binnenpluralismus des rechten Lagers zu betonen. Was die Universalismus-Kritik angeht, so kann man ein leidenschaftlicher Purist sein wie Martin Sellner (siehe hier, hier und hier), oder die Dinge eher so sehen wie ich: für mich gibt es Universalismus nur im Plural, und Universalismen unterliegen wie alle anderen Ideen einem historischen Wandel. In meinem Buch "Kann nur ein Gott uns retten?" habe ich betont, daß das universalistische Pathos und der universalistische Anspruch essentieller Bestandteil des "Abendlandes" waren und sind - im Guten wie im Schlechten, und heute eher im Schlechten.

Nun zeigt sich auch Mangold etwas peinlich berührt von Weiß' allzu penetrantem pädagogischen Furor. Sein Buch sei "in seiner ersten Hälfte in einem Ton der Betulichkeit geschrieben, der selbst Betschwestern zum Wahnsinn treiben würde." Weiß schreibt im in diesem Genre üblichen Dauermodus der "Entlarvung", was typisch ist für Autoren, die an Selbstüberschätzung leiden. Dabei hat mich diese Bemerkung Mangolds besonders amüsiert:

 

Extremes Symptom dieser Gouvernantenhaftigkeit ist Weiß’ Gebrauch der Anführungszeichen.

 

Das ist genau das, was ich seit Jahr und Tag die "Politik der Anführungsstriche" nenne, etwa hier, wo ich von einem "unter Linken weitverbreiteten Typus" sprach, der

... die Rede des Gegners schon dann für inhaltlich erledigt hält, wenn er sie rein "sprachlich" dekonstruiert, was sich meistens darin erschöpft, alle Formulierungen und Gedanken, die einem nicht passen, in Anführungsstriche zu setzen oder suggestiv zu glossieren. Man spielt also "Ich sehe etwas, was du nicht siehst", wobei die Linke heute in der Regel die Rolle der drei Tempelaffen einnimmt. Freilich, alles hängt davon ab, was man sehen kann und will und was nicht.

Weiß gehört zu jener Sorte, die sich manisch an der Neuen Rechten abarbeiten, dabei aber ständig versichern müssen, wie substanzlos und "dürftig" ihre Begriffe, Argumente und Positionen doch seien. Eine derartige Überemphase bei gleichzeitig obsessivem Interesse ist natürlich verdächtig. Womöglich kämpt da jemand heftig gegen eine unwiderstehliche Faszination an. Nach Mangold ist Weiß' Buch sozusagen das "Reefer Madness" der Anti-rechts-Literatur:

Und wirklich klingt er wie eine Gouvernante, die in einem pädagogischen Dilemma steckt: Sie klärt über Marihuana auf, indem sie ausführt, wie lächerlich dieser Stoff sei, substanzlos, im Grunde nur heiße Luft. Zugleich aber warnt sie davor, dass Marihuana eine Einstiegsdroge sei, oft genügten ein paar Züge, schon sei man auf der schiefen Bahn. Zum Schluss – das lehre die Geschichte – ende alles beim Heroin.

 


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (31)

ALD
3. April 2017 11:17

Lieber Herr Lichtmesz, vielen Dank auch Ihnen für diesen wieder mal großartigen Text! Sowohl Günther Scholdt's Kritik als auch ihre Würdigung der Donovan'schen Arbeit zeigen das intellektuelle Niveau, die stete Bereitschaft sich mit kontrahierenden Standpunkten auseinanderzusetzen und ernsthafte Diskurse innerhalb der eigenen Reihen zu führen im neurechten Spektrum.

Ich hatte die Kritik des Herrn Scholdt aus der Perspektive heraus verstanden, daß die patriotischen bzw. neurechten Gesellschaftslager ihre Heterogenität und intellektuelle Überlegenheit auch der breiten Mitte der Gesellschaft werden vermitteln müssen, - um durch zumindest teilweiser Erlangung der Zustimmung und Unterstützung der Vernunftsdeutschen jeglicher politischer Färbung die erforderliche Wirksamkeit der konkreten politischen Anliegen zu entfalten - und daß der Habitus eines Herrn Donovan in diesem Sinne eher undienlich erscheint. Daß der vernunftbegabte, wohlerzogene, deutsche Bildungsbürger, der einem Kubitschek, Lichtmesz, Kaiser usw. wohl mit Interesse zuzuhören bereit wäre, eben durch die Präsenz eines Donovan eher abgeschreckt werden könnte.

Albert
3. April 2017 12:14

Über den Mangold-Artikel bin ich vorgestern auch gestolpert und fand ihn enttäuschend, da Mangold doch schon deutlich klügere Sachen geschrieben hat. Treffend war allerdings seine Kritik am Buch von Volker Weiß, und witzig sein Verweis darauf, daß Weiß & Co. wohl kaum die Heidegger-Gesamtausgabe studiert haben dürften, um den Sezessionisten das Zitieren von Heidegger'schen "Versatzstücken" vorzuwerfen.

Ich habe den Eindruck, daß den Herrn Mangold schlicht die Denkfaulheit oder der Zeitmangel plagt, sich tatsächlich mit der NR zu beschäftigen, obwohl Interesse offensichtlich da ist. Jan Fleischhauer hatte kürzlich auf SpON geschrieben, daß die Neue Rechte momentan "der heißeste Scheiß" im Block sei; von den Linken komme einfach nix mehr, womit man sich intellektuell beschäftigen mag.

Scholdt hat aber schon recht, daß muskelbepackte Machos wie Donovan bei denkfaulen Zeitgeist-Amöben just alle roten Knöpfchen drücken und somit letztlich diskursverhindernd sind. Der "Herrschaft des Verdachts" entkommen wir einfach nicht.

Martin Lichtmesz
3. April 2017 13:09

@Albert

Mit denkfaulen Zeitgeist-Amöben lohnt sich ohnehin kein Diskurs!

Martin Lichtmesz
3. April 2017 13:14

In der Tat, Mangold hat zumindest bemerkt, wie durchsichtig Weiß' Strategien sind, und er macht sich darüber lustig:

 

 

Da setzt seine Behütungspädagogik ein: Wo sich die Neue Rechte intellektuell gibt, »verbrämt« sie ihre wahren Absichten nur »intellektuell«, wo sie sich bei Heidegger bedient, sind es »philosophische Versatzstücke« – als würde unsereins den Namen Heidegger ausschließlich in den Mund nehmen, wenn wir uns aufs Gesamtwerk beziehen. Weiß ist in Sorge, der Leser könne sich blenden lassen. Zum Beispiel von der »aristokratischen Haltung«, mit der sich die Neue Rechte von den Neonazis abzusetzen versuche, dabei sei diese Haltung »nichts als Pose«. Über öffentliche Aktionen der Identitären Bewegung schreibt er: »Die Kulisse ihrer Inszenierung wird sorgfältig gewählt, die Aktivisten tragen viele große Fahnen mit sich, was den Eindruck von mehr Masse vermittelt. Ihre Parolen und Embleme sollen attraktiv wirken und stets wiedererkannt werden.« Soso, ihre Parolen sollen attraktiv wirken – gut, dass wir gewarnt wurden. Wir würden die Identitäre Bewegung (IB) sonst für hip halten: »Insgesamt ist der avantgardistische Touch der IB aufgesetzt und bleibt auf das Werbematerial beschränkt.« Vermutlich wäre die IB für Weiß erst dann avantgardistisch, wenn sie statt identitär universalistisch wäre!

 

 

 

Martin Lichtmesz
3. April 2017 13:21

In der Tat, Mangold macht sich über Weiß' durchsichtige Strategien lustig, das ist das Beste an seiner Rezi:

Da setzt seine Behütungspädagogik ein: Wo sich die Neue Rechte intellektuell gibt, »verbrämt« sie ihre wahren Absichten nur »intellektuell«, wo sie sich bei Heidegger bedient, sind es »philosophische Versatzstücke« – als würde unsereins den Namen Heidegger ausschließlich in den Mund nehmen, wenn wir uns aufs Gesamtwerk beziehen. Weiß ist in Sorge, der Leser könne sich blenden lassen. Zum Beispiel von der »aristokratischen Haltung«, mit der sich die Neue Rechte von den Neonazis abzusetzen versuche, dabei sei diese Haltung »nichts als Pose«. Über öffentliche Aktionen der Identitären Bewegung schreibt er: »Die Kulisse ihrer Inszenierung wird sorgfältig gewählt, die Aktivisten tragen viele große Fahnen mit sich, was den Eindruck von mehr Masse vermittelt. Ihre Parolen und Embleme sollen attraktiv wirken und stets wiedererkannt werden.« Soso, ihre Parolen sollen attraktiv wirken – gut, dass wir gewarnt wurden. Wir würden die Identitäre Bewegung (IB) sonst für hip halten: »Insgesamt ist der avantgardistische Touch der IB aufgesetzt und bleibt auf das Werbematerial beschränkt.« Vermutlich wäre die IB für Weiß erst dann avantgardistisch, wenn sie statt identitär universalistisch wäre!

Monika L.
3. April 2017 13:30

Unsere Altvorderen hatten keinerlei Probleme damit, ihr Eigenes auch militärisch zu verteidigen. Heute besteht nicht einmal mehr der Wille, das Eigene wenigstens geistig zu verteidigen. Wie etwa noch bei Petrus Venerabilis, 1122 Abt von Cluny. Von dem es auf der dortigen Schautafel heißt: "Ihm sind Wortgefechte lieber als der Kampf und er lässt den Koran übersetzen, um besser gegen den Islam vorgehen zu können."

https://www2.hu-berlin.de/sppedia/index.php5/Integration_und_Desintegration:Beitrag_3/Die_Konstruktion_des_Anderen

Das waren noch Wortgefechte. Im Mittelalter.

Wir Heutigen führen nicht mal mehr Wortgefechte, sondern Scheingefechte. Dazu zähle ich Günter Scholdts ' Manöverkritik' und Lichtmesz' Replik. Mangolds Rezension und Volker Weiß' Konstrukt. Mangold kenne ich nur als Gemüse . Wer ist Volker Weiß ? 

Ehrlich gesagt, verstehe ich auch nicht das Faible für Donovan oder die amerikanische " Manosphäre".  Die europäischen Jungmänner und Jungfrauen stehen vor weit aus größeren Herausforderungen als die amerikanischen. Der Schlüsseltext ist für die Europäische Situation m. E. Sieferles Text DEUTSCHLAND SCHLARAFFENLAND. Auf dem Weg in eine multitribale Gesellschaft sind einheimische 'Jugendgangs' sicher eine Möglichkeit. Ich bin froh um dem Identitären Widerstand. Aber:

Der europäische Familienvater erscheint nicht mehr von seinen Söhnen begleitet mit der Axt vor der Tür. Entweder hat er keine oder zuwenige Söhne. Oder die Söhne studieren im Ausland. Während Afrika und der Nahe Osten seine Söhne als Platzhalter nach Europa, insbesonder Deutschland schickt. Und das den Steuerzahler Milliarden kostet. Der stärkste Einwanderungsdruck lastet auf Europa. Hier versagen alle Diskussionen über einen ethischen Universlismus. Das ' Abstraktum Menschheit hat eine reale Gestalt angenommen' ( Sieferle) . Die Utopie der totalen materiellen Gleichheit bildet den Attraktionspunkt der menschlichen Existenz. ( Sieferle) . Dann doch lieber ein ABGANG MIT STIL. Aber nicht wie in dem neuen Amifilm, wo eine Rentnergang durch Banküberfall die karge Rente aufbessert. Sondern mit europäischem Stil. Wie bei Raspail etwa. 

M.L.: Die Black Pill des Tages!

Urwinkel
3. April 2017 13:47

Donovan würde den Diskutanten die Frage stellen, mit welchem Unsinn (Weiß) sie sich abgeben und danach im Zweifel aufs Maul hauen. Stünde nicht eine allgemeine Sprachbarriere dazwischen. Bei ihm stehen die Leute schlange an, um tätowiert zu werden. Wenn man in solch einer einstündigen Sitzung lange zusammensitzt ergibt sich viel Gesprächsstoff der keiner Akademie in inhaltlicher Qualität in irgendwas nachsteht.

Monika L.
3. April 2017 14:37

@ML Nix Black pill ! No pill !

Aber beim WEG DER MÄNNER in relativ einfacher Sprache denke ich eher an den Villanderer Sturmhaufen:

http://www.schuetzen-villanders.com/de/das-letzte-augebot/index.php

Und natürlich nicht an eine Entleibung, auch nicht in einer Kathedrale.

Der Gehenkte
3. April 2017 15:05

Nils Wegner hatte im letzten Strang angemerkt: „Der Titel von Essay und Vortrag ist eigentlich bloß ein Wortspiel mit der englischen Fassung des Sprichworts »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«.“

Statt „Schweigen“ nun „Gewalt“ einzusetzen ist ein Kategorienfehler. Hätte Donovan „die Tat“, „das Handeln“ – „acting“, „doing“ o.ä. – eingesetzt, wäre diese Diskussion - die es glücklicherweise gibt - gar nicht entstanden, denn eine breite Einhelligkeit wäre anzunehmen gewesen.

M.L.: Silence - Violence, das ist das Wortspiel.

„Gewalt“ ist eine Triggervokabel, die bewußt provozieren und kitzeln will.

M.L.: So what?

Ich halte es für durchaus relevant, sich darüber Gedanken zu machen, wie das auch bei Unverständigen verstanden werden kann. Dabei geht es gar nicht um die erklärten Gegner – deren hinterfotzige Herangehensweise zu entlarven ist allzu einfach –, sondern um die Vielen, die um eine Position ringen und die bei der Neuen Rechten Stoff finden, um persönliche Entscheidungen zu treffen. Diese Menschen sind oft noch voller Ideologieversatzstücke, können noch getriggert werden … wenn wir sie mit Vokabeln versorgen, die das Erwartungsbild „Rechtsradikalismus“ erfüllen, werden wir sie nicht gewinnen können.

Sofern Metapolitik Politik ist, sollte man lernen auch taktisch zu denken. Oder man entscheidet sich für die Sekte – ist auch legitim –, lehrt die reine Lehre und nimmt aber in Kauf, daß man auf offiziellen Wegen einflußlos bleiben wird. Gut fürs Seelenheil, wenig ergiebig für das erste Leben …

M.L.: Diesen Humbug mit der "reinen Lehre" vs. "taktische Anpassung" hatten wir hier schon x-mal. Was soll denn bittte diese "reine Lehre" sein?

Martin Lichtmesz
3. April 2017 15:31

Ich ehre den vernunftbegabten, wohlerzogenen, deutschen Bildungsbürger, allein schon deshalb, weil er eine aussterbende Spezies ist, aber er sollte sich selbst nicht für das Maß aller Dinge halten, und seine Furcht vor handfesteren Realitäten mit Dünkel ruhigstellen.

Albert
3. April 2017 15:41

Das Nervigste an Weiß & Co. ist der ständige Versuch, uns eine Doppelgesichtigkeit andichten zu wollen - so, als würden wir versuchen, die Öffentlichkeit unserer Harmlosigkeit zu versichern, aber anders sprechen, wenn wir "unter uns" wären. Manche unter uns machen sich dann vorbeugend harm- und wehrlos, wie GK im letzten Sezessions-Geleitwort schrieb. Das ist ermüdend und führt dazu, daß einige (wie das "Studienzentrum Weikersheim") letztlich bedeutungslos werden und verschwinden. 

Was die "Sezession" für mich so wertvoll macht, ist die Konsequenz ihrer Gedankenführung abseits von politischer Verwendbarkeit. Schwierig und doppelbödig wird es nur dann, wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, daß die "Sezession" in die Politik hineingreift (siehe Pogge oder Höcke).

Passend zum Thema und gerade entdeckt:

"Der Zwischenrufer ist Martin Lichtmesz, Autor der rechtsextremen Zeitschrift „Sezession“.

https://www.freitag.de/autoren/wwalkie/die-haeutungen-der-schlange

Der Gehenkte
3. April 2017 15:59

Die "reine Lehre" war eine ironische Überspitzung - darauf kam es mir nicht an. Wichtig ist der Punkt in der Mitte: wie will man überzeugen, wenn man nicht lernt, die Sprache zu sprechen, die jene Menschen beherrschen, die überzeugt werden könnten, die vielleicht auch erst einen Sprachkurs brauchen?

Will man das überhaupt? Wenn nicht, dann doch wohl nur aus der Überzeugung heraus, die "reine Lehre" gefunden, das entscheidende Wort bereits gesprochen zu haben.

Die Frage oder der Humbug nach Fundi oder Realo ist eine in Bewegung - sie stellt sich immer wieder neu und wird daher an jeder Wegscheide auch neu verhandelt werden müssen, so mühsam und nervig das sein kann.

M.L.: Ich verstehe das Problem nicht. Wir sind ein Verlag, der eine Bandbreite an interessanten und provokativen Büchern herausbringt, die man nirgendwo sonst findet, fertig.

Monika L.
3. April 2017 16:45

"Wenn Hayali also " einen unvoreingenommenen Dialog über politische Grenzen hinweg " fordert, liegt sie richtig. Götz Kubitschek und sein Zirkel haben sich aus diesem selbst herausgeschossen. Die "Junge Freiheit" hingegen findet womöglich gerade in diesen hinein. So schreibt Dieter Stein im aktuellen Editorial seiner Zeitung: ' Vielleicht bewegt sich ja doch etwas. Verlassen wir alle unsere Echokammern, in denen wir uns manchmal nur noch selbst bestätigen. Der politischen Kultur täte es gut. In den von mir beschriebenen Grenzen kann ich diesem Aufruf zustimmen."

Liane Bednarz, dort:

http://uebermedien.de/14079/warum-es-richtig-war-von-dunja-hayali-mit-der-jungen-freiheit-zu-reden/

M.L.: Da sind wir aber traurig, daß wir uns aus der Eunuchenrunde ausgeschlossen haben und keine substanzlosen Gespräche mit Dunja Hayali führen!

Lustig, wer da alles über die Rechten schreibt.

M.L.: Munter versuchen sich die Würmchen in den Apfel zu bohren...;)

Und bald schreibt Frau Bednarz dann auch, warum Günter Scholdt sich von Martin Lichtmesz distanziert. Dabei ist Herr Lichtmesz nicht doppelgesichtig. Nein, er will endlich mit Frau Bednarz einen unvoreingenommenen Dialog führen. Und endlich auch seine Echokammer verlassen.

M.L.: (((Harhar!)))

Frau Bednarz aber, kein " Freund des Ich-Journalismus" ( von mir !)  kann ihre Echokammer aber (noch) nicht verlassen. Und der unvoreingenommene Dialog zwischen Caroline und Carolin steht auch noch aus. ))))))))

M.L.: Wir harren immer noch ihrer Antwort!

deutscheridentitärer
3. April 2017 17:36

Ich wünschte, es gäbe mal eine ähnliche Auseinandersetzung mit diesem Herrn Zorn, der gerade ein auf die Neue Rechte zielendes Buch herausgebracht hat.

M.L.: Das ist ein Job für Masochisten.

Hartwig aus LG8
3. April 2017 17:40

@ Der Gehenkte

Wie wollen Sie überzeugen, wenn Sie "die Menschen dort abholen, wo sie sind"? Meine Erfahrung: Mich haben in den vergangenen Jahrzehnten meist diejenigen bewegt, die es verstanden, mich zu brüskieren; diejenigen, die unverrückbar standen; diejenigen die Gedanken dachten, die ich nicht denken konnte; die Vokablen benutzten, vor denen ich scheute.

Das waren nicht durchgängig Sympathen; das war nicht immer angenehm. (und meine Bewegung führte auch nicht zwangsläufig immer auf diese jenigen zu).

Mit "mich bewegt" meine ich einen langen Wandel nach dahin, wo ich jetzt stehe. 

"Es ist ein großer Unterschied, den Weg nur zu kennen, oder ihn wirklich zu beschreiten."  (so ähnlich aus Matrix).  In diesem Kontext: Es ist nicht Ihr Wort, was Überzeugungskraft hat, sondern Sie selbst  -  wenn denn ...

Zu Donovan: Habe gerade eben seinen "Weg der Männer" ausgelesen. Nicht sensationell, nichts wirklich neues. Flüssig geschrieben. Er überzeugt. Seine Worte gehen konform mit seiner Erscheinung.  Der Weg der Bande - kein Weg, den ich mit Konsequenz gehen kann. Aber ein Weg, den ich auch nicht ignorieren kann. Es gibt erste Versuche ...

Schneekette
3. April 2017 18:30

Das mag ja alles sein. Aber eine brutale Gesellschaft, d.h. die Brutalität des Alltags; die notwendige Brutalität einer bindungslosen Gesellschaft ist doch in Wahrheit genau das, was wir haben. Die Auflösung des Zugehörigkeitsverbandes, die Gesellschaft ohne Nationalstaat ist gerade brutal. Das ist doch genau das, was wir nicht wollen. Insofern ist es tatsächlich neben dieser grundsätzlichen Überlegung sehr wohl eine legitime Überlegung, ob eine schonungslose Bejahung von Hackordnung als natürliche Ordnung uns unwählbar unsympathisch macht! Zurecht unsympathisch machen würde.

M.L.: Und wo meinen Sie, eine "eine schonungslose Bejahung von Hackordnung als natürliche Ordnung" zu finden?

Schneekette
3. April 2017 19:52

@M.L.

Längst nicht durchgehend hier, im Gegenteil. Aber bei Libertären, beispielsweise. Und dass es eine vulgärdarvinistische Fraktion als Minderheit im rechten Lager gibt, ist nicht zu leugnen.

P.S.

Warum verschwindet eigentlich die Gliederung in Absätze bei manchen Beiträgen? Ich könnte eine redaktionelle Bearbeitung ja verstehen, wenn ein Text vollkommen überlang und zerrissen wirkt, aber dass reiner Blocksatz herauskommt erschwert die Leserlichkeit doch deutlich.

D'Annunzio
3. April 2017 21:54

Donovans Buch war für mich eine große Enttäuschung. Er erinnert mich immer an einen überdimensionalen Pfadfinder, dessen Rezepte vielleicht in den USA funktionieren, aber nicht im europäischen Hier und Jetzt. Bestenfalls ein weiterer Beitrag zur Soziologie der Postmoderne.

Solution
3. April 2017 21:54

Danke, Herr Lichtmesz, für diesen zutreffenden Artikel.

Auch ich habe bei bisher ca. 10 verschenkten Büchern von Donovan eigentlich nur zwei verschiedene Reaktionen erlebt: Begeisterte Zustimmung oder entsetzte Ablehnung. Die Ablehnung war aus meiner Sicht überwiegend irrational. Da gab es sogar jemanden, der das Buch gar nicht erst lesen wollte, weil er die USA generell und grundsätzlich ablehne ("Alles, was von dort kommt, ist Schrott").

Vergessen wir nicht, daß Donovan in den USA lebt. Es gibt nun einmal gravierende Unterschiede zu Europa und zu Deutschland. Dennoch ist das Grundproblem gleich: Wir müssen uns auf neue Art organisieren, wir müssen unabhängiger werden. Und wir müssen uns darauf einstellen, daß wir den tribalistischen Invasorengesellschaften in Europa etwas Gleichwertiges entgegenstellen müssen. Spätestens dann, wenn die staatlichen Strukturen uns nicht mehr schützen können.

Das Wort "Gang" ist letztlich eine Art Sammelbegriff für verschiedenartigste Zusammenschlüsse. Wir sollten damit genauso experimentieren, wie es die Amis tun. Vielleicht finden wir eigene, vielleicht auch ähnliche Formen, wie die Freunde von Donovan.

So mag ein Stammtisch oder ein Diskussionsforum im Internet ein Anfang sein. Für die kommenden harten Zeiten braucht man aber Leute um sich, die da sind, wenn es von irgendwoher knallt und die dann zusammenstehen und sich effizient zu wehren gelernt haben. 

ALD
3. April 2017 22:07

Wohl wahr, wohl wahr. Indessen: niemand sollte sich für das Maß aller Dinge halten. Auch oder vor allem erst dann nicht, wenn er das Maß der Zeit tatsächlich bestimmt und sich auch im klaren darüber ist. Mich überzeugen Sie ohenhin vollends, dazu bedarf es auch keinerlei Sentimentalitäten. Ihre Ratio und die nüchterne Freude an ihrem Stil reichen da schon aus. Und als Kenner außereuropäischer Begebenheiten kann ich nur zustimmen, daß es sich bei den Beanstandungen ganz objektiv betrachtet um Lappailen handelt. Ob dieser Luxus des Objektivismus das Gebot der Stunde ist, möchte ich jedoch bezweifeln, denn der vernunftbegabte, wohlerzogene, deutsche Bildungsbürger ist zwar auf der Liste der "bedrohten Arten", aber NOCH so verbreitet und wirkungsvoll, daß er den Lauf der Dinge zu bestimmen vermag. Es lohnt sich m.E. durchaus seinem i.d.R. eher zarten Gemüth wohlwollend gesinnt zu sein und seiner Kraft der Vernunft zur Entfaltung zu verhelfen.

Johann
3. April 2017 23:53

Beim Verweis auf den "Golden One" musste ich lachen. Ich verfolge dessen Videos schon seit Längerem und in der Tat, unsympathisch wirkt er nicht.

Der Feinsinnige
4. April 2017 02:50

Es überrascht sicher wenig, wenn ich als überzeugter Teilnehmer dieses Blogs erkläre, diesen Blog und den zugehörigen Antaios-Verlag wegen der Qualität seiner Texte und der hier gepflegten Diskussionskultur hoch zu schätzen. Das gilt – unabhängig davon, daß ich dem Einwurf von Prof. Scholdt nach wie vor, wie schon im dem Artikel Prof. Scholdts folgenden Strang, inhaltlich zustimme -, ganz ausdrücklich auch für obigen Artikel sowie die gesamte hierzu geführte Diskussion.

@ Der Gehenkte:

Sofern Metapolitik Politik ist, sollte man lernen auch taktisch zu denken. Oder man entscheidet sich für die Sekte – ist auch legitim –, lehrt die reine Lehre und nimmt aber in Kauf, daß man auf offiziellen Wegen einflußlos bleiben wird. Gut fürs Seelenheil, wenig ergiebig für das erste Leben …

@ Martin Lichtmesz:

„M.L.: Diesen Humbug mit der "reinen Lehre" vs. "taktische Anpassung" hatten wir hier schon x-mal. Was soll denn bitte diese "reine Lehre" sein?“

Hier erlaube ich mir doch, Ihnen, sehr geehrter Herr Lichtmesz, vorsichtig, aber doch bestimmt zu widersprechen, auch auf die Gefahr des nächsten vernichtenden Einwurfs Ihrerseits:

Die Gedanken von @ Der Gehenkte (für die das obige Zitat nur beispielhaft steht) als „Humbug“ abzuqualifizieren, ist meines Erachtens unangemessen, selbst wenn hier schon x-fach über diese Thematik diskutiert wurde. Es ist doch letztlich immer wieder dieselbe Frage, wie sie sich z.B. auch bei der Dresdner Rede Björn Höckes gestellt hat, eine Frage, über die immer wieder gestritten werden kann und sollte:

Wie will und kann man möglichst viele potentiell für die eigene Position offene Menschen (nicht die Übelgesinnten, die sind ohnehin nicht zu erreichen und daher irrelevant) ansprechen, um etwas zu bewegen? Das sollte doch angesichts der Lage unseres Landes und unseres Kontinents das vorrangige Ziel sein (oder irre ich bereits in dieser Zielvorstellung?). Funktioniert das durch das ungestüme Rütteln an den größten Tabus der deutschen (oder im weitesten Sinne „westlichen“) Gegenwart (hier: am Gewaltbegriff?). Oder funktioniert es nicht viel eher, wenn man nicht mit dem Kopf gerade gegen die nun einmal existierenden dicksten Wände anrennt (und sei es nur in Wortspielen wie "Violence is Golden") und dadurch viele Gutwillige (nicht Übelgesinnte, die sind irrelevant) eher abstößt als anzieht?

M.L.: Das sind legitime Überlegungen, aber ich verstehe nicht, was das alles mit einer ominösen "reinen Lehre" zu tun haben soll. Ich weiß nicht, was mir Leute damit sagen wollen, wenn sie mit diesem unsinnigen Ausdruck um sich werfen. Da bringen wohl einige Dinge wie Purismus, Taktik, Leisetreterei usw. durcheinander.

Unabhängig davon werden meine Überzeugungen und Wertungen ab und zu – so auch hier – auch von  Sympathie- und Stilfragen beeinflußt (damit stehe ich sicher nicht allein). Der Stil Donovans in Auftreten und Aussage ist und bleibt mir insgesamt doch ziemlich fremd – und auch insoweit liegt mir die Kritik Prof. Scholdts näher.

Martin Lichtmesz
4. April 2017 07:00

Es mag auch sein, daß Leute wie Mangold möglicherweise klarer denken, als sie schreiben dürfen, wollen, und daß sie andernfalls unter Druck geraten...

Martin Lichtmesz
4. April 2017 08:40

Linke reden heuchlerisch und moralisierend über Gewalt, und haben gleichzeitig geringe Hemmungen, sie anzuwenden; auf uns sollte genau das Gegenteil zutreffen.

Leser_01
4. April 2017 10:40

Mir hat der Vortrag von Jack Donovan sehr gut gefallen. Ich kann die Kritik nicht verstehen. Die theoretische Abhandlung von Gewalt ist in meinen Augen nur begrenzt zielführend. Ich bin kein Intellektueller und deshalb bevorzuge  ich die Meinung und das Wissen eines Praktikers. (Noch besser wären Leute von Spezialeinheiten)

Wer etwas über Gewalt lernen will sollte in einem MMA Gym anfangen und nicht alte Bücher darüber lesen. Die alten Bücher ergeben auch erst dann wirklich Sinn wenn man praktische Erfahrung hat.

Ich persönlich glaube auch, dass das Buch sehr gut zeigt wie verwundbar wir sind. Wir haben unsere Sicherheit an andere Organisation ausgelagert. Wir müssen unsere Sicherheit wieder selbst in die Hand nehmen.(Legaler Waffenbesitz)

Der Gehenkte
4. April 2017 13:00

@M.L.: Das sind legitime Überlegungen, aber ich verstehe nicht, was das alles mit einer ominösen "reinen Lehre" zu tun haben soll. Ich weiß nicht, was mir Leute damit sagen wollen, wenn sie mit diesem unsinnigen Ausdruck um sich werfen. Da bringen wohl einige Dinge wie Purismus, Taktik, Leisetreterei usw. durcheinander.

Ich sag's noch mal: der Begriff der "reinen Lehre" war eine ironische Überspitzung, und - da er hier offensichtlich in die kommunikative Sackgasse führt - ein Fehler, unglücklich gewählt. Man hätte ihn, mit ein bißchen Willen, auch als "Klartext" entziffern können oder dergleichen. Ich bin da selber im Zwiespalt, weil das offene, ehrliche Reden natürlich seine Vorteile und Bedeutung hat. Das Problem ist ja uralt. Wir geben Kant alle recht, aber keiner handelt danach, weil Absolutheit, Purismus immer ein Schuß ins eigene Knie ist, letztlich zur Selbstvernichtung führt.

Hier kam dieser Widerspruch nur erneut hoch: Einerseits wird auf Pluralität eingeschworen, intrinsische Pluralität - man verbreite verschiedene Meinungen innerhalb eines Spektrums -, andererseits wird immer wieder mit Vokabeln, Bildern, Metaphern gespielt, die den Zugang zur pluralen Gesellschaft verbauen: extrinische Berührungshemnisse. Da helfen auch verbale Beteuerungen nichts (wir wollen reden, mit allen), wenn die subkutanen Signale einen anderen Eindruck verleihen. Weshalb sonst bringt Sellner den "Narrensaum" und die "Kantenschere" ins Spiel?

Immer wieder wird hier die Differenz zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik verdeutlicht und dabei übersehen, wie stark der Gesinnungszwang in den eigenen Reihen oft ist. Wie auch gerne nach außen ausgeteilt wird, aber wenn man selber unter Beschuß steht, schnell sensibel reagiert wird.

Ist aber hier nicht zu lösen, also belassen wir es dabei.

Utz
4. April 2017 15:55

Martin Lichtmesz schreibt:

"Linke reden heuchlerisch und moralisierend über Gewalt, und haben gleichzeitig geringe Hemmungen, sie anzuwenden; auf uns sollte genau das Gegenteil zutreffen."

Diesem Satz kann ich nur 100 % zustimmen.

Dennoch mache ich mir meine Gedanken, wenn "Der Feinsinnige schreibt:

"Wie will und kann man möglichst viele potentiell für die eigene Position offene Menschen ... ansprechen, um etwas zu bewegen? Das sollte doch angesichts der Lage unseres Landes und unseres Kontinents das vorrangige Ziel sein .... Funktioniert das durch das ungestüme Rütteln an den größten Tabus der deutschen ... Gegenwart .... Oder funktioniert es nicht viel eher, wenn man nicht mit dem Kopf gerade gegen die nun einmal existierenden dicksten Wände anrennt ... und dadurch viele Gutwillige ... eher abstößt als anzieht?"

Ich erinnere an die Geschichte über Mühlhausen, in einem anderen Thema, wo Monika L. schreibt:

 "Im Falle Mühlhausen handelt es sich allerdings nicht mehr um zu meidende Parallelwelten, sondern die ganze Stadt ist eine andere Welt. Hier erscheint der Islam jung, chic und ( scheinbar ?) modern. Das alte einheimische Leben wirkt dagegen museal und hoffnungslos veraltet. Das ist eine irritierende und schockierende Erfahrung. Hier hat die andere Welt bereits ' gewonnen'."

Um "in" zu sein, chic, modern, muß man anscheinend nicht durch Besonnenheit überzeugen, muß man nicht aufpassen, daß man nicht etwa durch mangelnde politische Korrektheit Leute verschreckt und die eigene Anschlußfähigkeit verliert. Das versucht man uns nur einzureden. Um zu überzeugen müssen andere Parameter stimmen. Im Extremfall, z.B. Französische Revolution kann sogar eine äußerst gewalttätige Bewegung eine riesengroße Zustimmung erfahren.

Wir müssen der Frage nachgehen, was eine Bewegung erfolgreich macht, was dazu führt, daß sie wächst. Unabdingbar erscheint mir, daß sie viel Jugend in ihrer Anhängerschaft haben muß.

Wahrig
4. April 2017 16:46

Mich würde ja interessieren, ob die Diskussion über Herrn Donovans Ansichten auch so stattgefunden hätte/stattfinden würde, wäre er kein vikingerspielender US-Amerikaner mit augenscheinlich großer Begeisterung für die Muckibude, sonder ein...sagen wir (natürlich in Ehren) ergrauter Franzose vom Schlage derer die noch bei 30 Grad in Jacket und Fliege anzutreffen sind.

Caroline Sommerfeld
4. April 2017 17:32

@der Gehenkte: "andererseits wird immer wieder mit Vokabeln, Bildern, Metaphern gespielt, die den Zugang zur pluralen Gesellschaft verbauen: extrinische Berührungshemnisse. Da helfen auch verbale Beteuerungen nichts (wir wollen reden, mit allen), wenn die subkutanen Signale einen anderen Eindruck verleihen".

Die "plurale Gesellschaft" ist (etwa so wie "Freiheit" und "Demokratie") diskursiv besetztes Gelände. Da wollen wir eh nicht hin (beziehungsweise: der Versuch, koalitionsfähig zu werden, gelingt nur einem gewissen Teil von "uns", auch eine Art "Kantenschere" ...).

Wo wir hinwollen, ist das, was Rüdiger Safranski schlicht so ausdrückte: "Wo es links gibt, muß es auch rechts geben". Und zu "rechts" gehören nun einmal diese "Vokabeln, Bilder und Metaphern", die die selbstbezüglich geschlossenen "pluralen" Gemüter abschrecken.

Wer also mit uns reden will, muß eine innere Hürde überwinden (nicht bloß die wiederum rekursiven ewigen Nazi-Hirnfilme). Das kommunikativ Merkwürdige an dieser Hürde ist allerdings: sie schließt aus, um einzuschließen. Sie schließt die nur allzuleicht Guten aus, die Pluralismuschulterklopfer und Dialogpharisäer vom Schlage Carolin Emcke, schließt aber gerade diejenigen ein, die gemerkt haben, daß zur Kommunikation immer zwei Seiten gehören: links/rechts, gut/böse, offen/geschlossen, kriegerisch/friedliebend. Die, die das kapiert haben, werden reden. Sie müssen ja nicht gleich freudestrahlend die Negativpole stürmen und rechts, böse, geschlossen und kriegerisch werden.

Hartwig aus LG8
4. April 2017 22:14

Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube das nicht! Martin Sellner im Hangar7 (sinngemäß): Ich wünsche mir einen offenen Dialog über Fragen wie Einwanderung, u.s.w.  ... [Subtext: ... an dem die Rechte als Gleicher unter Gleichen teilnimmt]. Es wird nicht dazu kommen. Entweder die Rechte übernimmt die Macht und sieht sich bitterer Feindschaft gegenüber --- kein Dialog. Siehe USA. Oder man wird in der Opposition bekämpft, siehe AfD-Parteitag in Köln, wo der "berechtigte Volkszorn" schon Wochen vorher geschürt wird. Wie gesagt, ich wünschte, es wäre anders. Ist's aber nicht.

silberzunge
6. April 2017 19:50

Ich zitierte Kardinal Marx aus der Hochzeit der Nächstenliebe: "Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt". Es ist hypothetisch, sich über die Bejahung oder Verneinung von Gewalt auszusprechen, sie ist in einer Qualität und Quantität real geworden, dass es einem sprichwörtlich das Heu raushaut.

In Österreich wird gerade eine Verschärfung des Strafrechts diskutiert, nach der u.a. die Gruppenbelästigungen (Köln, ...) erstmals als solche bestraft werden: es sei "ein anderes Bedrohungsbild, wenn zwei oder mehrere Männer Frauen belästigen", auf dieses neue Phänomen müsse man reagieren, sagt der Justizminister heute.  Grenzen zu und abschieben natürlich nicht. Das wäre dann wohl zu gewalttätig.

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