14. Juni 2017

Der Skandal Sieferle - die wichtigsten FAQ

von Götz Kubitschek / 33 Kommentare

Apple macht das so (von denen hab ich einen Laptop), das Adlon macht das so (war ich mit Ellen, Isi und Tuvia schon mal drin), wir machen das jetzt auch so: FAQ zum Skandal um "Finis Germania":

1. Wer ist Rolf Peter Sieferle?

Rolf Peter Sieferle wurde 1949 in Stuttgart geboren. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie und promovierte 1977 über den Revolutionsbegriff bei Marx. Seine Habilitation erfolgte 1984 in Neuerer Geschichte. Ab 1991 war Sieferle außerplanmäßiger Professor an der Universität Mannheim, seit 2000 ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Sankt Gallen. Sein Werk Der unterirdische Wald (1982) gilt als Standardwerk über die Durchsetzung des Energieträgers Steinkohle und die Auswirkungen, die dieser Vorgang auf alle gesellschaftlichen Bereiche hatte. Seine Wendung von der »Rodung der unterirdischen Wälder« wurde zur Metapher für die Ausbeutung jedweder Ressource und für ein Leben auf Pump.

Auch die weiteren Werke Sieferles zeugen von einer stupenden Gelehrsamkeit und Durchdringungstiefe: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart (1984); Die Krise der menschlichen Natur. Zur Geschichte eines Konzepts (1989); Epochenwechsel – Die Deutschen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts (1994); Die konservative Revolution (1995); Rückblick auf die Natur: Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt (1997); Karl Marx zur Einführung (2007); Das Migrationsproblem, 2017.

Rolf Peter Sieferle hat sich im September 2016 in Heidelberg das Leben genommen.

Mehr zur Person erfahren Leser im Eintrag, den Karlheinz Weißmann zu Sieferle für Band 3 (Vordenker) des Staatspolitischen Handbuchs verfaßt hat. Weißmann ist auch der Verfasser des Eintrags "Epochenwechsel", der in den 2. Band (Schlüsselwerke) des Handbuchs aufgenommen wurde. Das gesamte Staatspolitische Handbuch (5 Bände) kann man hier einsehen und bestellen. Und ein Autorenporträt über Sieferle findet sich hier.

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2. Warum ist Finis Germania bei Antaios erschienen?

Die Rechte an Rolf Peter Sieferles Gesamtwerk liegen beim Verlag Manuscriptum. Darin enthalten sind auch jene drei Arbeiten, die Sieferle für eine Veröffentlichung posthum vorgesehen und vorbereitet hatte. Das Migrationsproblem ist als 1. Band in der "Werkreihe Tumult" erschienen, die wiederum bei Manuscriptum ihren Platz hat. Auf Wunsch der Witwe und eines langjährigen engen Freundes erscheint Finis Germania als Lizenzausgabe bei Antaios. Man kann das Buch hier bestellen.

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3. Warum heißt das Buch nicht "Finis Germaniae"?

Wir hatten zunächst stillschweigend den Titel "Finis Germaniae" gesetzt, weil wir von einem Schreibfehler ausgingen. Wir wurden aber von Raimund T. Kolb, der auch das Nachwort beisteuerte, eines Besseren belehrt: Sieferle wollte den grammatisch deutbaren Titel Finis Germania ausdrücklich so und nicht anders. Erklärungen von einem Lateiner aus unserem Kommentarbereich:

Für 'Finis Germania' gibt es nur zwei plausible Lesarten: Entweder man liest 'finis' als Verbform (2. Person Singular) und 'Germania' als Vokativ und erhält: 'Du gehst unter (endest) Deutschland!', oder man betrachtet 'finis' als Substantiv ('Germania' bleibt in jedem Falle Vokativ) und gelangt so zu: 'Das/dein Ende (der/dein Untergang), Deutschland!' (wie gesagt, im antiken Latein wurden keine Satzzeichen verwendet).

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4. Warum machen sich Rezensenten und Twitterer über dieses grammatische Rätsel lustig?

Man kann mit basalen Lateinkenntnissen Bildung heucheln. Es ist wohl so, daß jeder, der das "ae" vermißt, zugleich denkt, er sei der erste, dem das auffiele. Und daß wir zugleich infam und doof und irrelevant seien (aber sooo interessant, daß jeder über uns schreibt), ist die Leier seit Monaten.

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5. Wie kam es zum Skandal um Sieferles Buch? Gab es einen Auslöser?

Der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel plazierte Finis Germania auf der Sachbücher-Empfehlungsliste "Juni", die parallel von der Süddeutschen Zeitung und vom NDR veröffentlicht wird. Er kumulierte dabei seine Punkte. Dieser Vorgang ist ausdrücklich dafür vorgesehen, auch sogenannte "Exoten" einmal mit einem Platz in der Liste zu würdigen. In den vergangenen Jahren geschah derlei sicher dutzende Male. Finis Germania erreichte Platz 9.

Dies allein hätte noch kein Erdbeben ausgelöst, denn die Liste ist nicht populär. Uns persönlich bekannte Autoren, die sich dort wiederfanden, berichteten von winzigen Verkaufswölbungen, die eine Plazierung nach sich zog.

Also mußte ein uns nahestehendes PR-Genie die "Plazierung" mit einer Reihe Wörter von der Sorte skandalisieren, die im deutschen Feuilleton die Sirene in Gang setzen. Seither rutscht ein Feuerwehrmann nach dem anderen die Stange hinunter, um auszurücken und - Fahrenheit 451 gilt als Blaupause - Bücher zu verbrennen.

Wir nennen diesen Trick, mit dem PR-Mann Andreas Speit durch Alarm auf etwas hinwies, das ohne ihn kein Schwein interessiert hätte, den Streisand-Effekt, hoffen aber, daß sich zumindest auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation in den Ausmaßen von 1250 der Begriff "Speit-Effekt" durchsetzen wird.

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6. Sind seit Speit weitere Artikel erschienen?

Ja, von Karlheinz Weißmann (hier), Felix Krautkrämer (hier), Martin Lichtmesz (hier), Jan-Andres Schulze (hier) und Michael Klonovsky (hier, unter dem Datum vom 12. und 13. Juni).

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7. Der Literaturkritiker der Süddeutschen Zeitung, Gustav Seibt, hat sich gleich drei Mal über Sieferle geäußert, ebenfalls nur positiv. Wie kommt das?

Seibt hat im Oktober und im Dezember vergangenen Jahres einen Nachruf auf Sieferle und eine Spekulation um dessen geistige Quintessenz verfaßt, hier und hier nachzulesen. Wir lesen im Dezembertext folgende Schlußsätze:

Wenn die Menschheit weiterleben will, muss sie zu einem neuen Normalzustand zurückfinden - das wurde zum beherrschenden Lebensmotiv Sieferles. Der Eindruck, den die letzten Notate erwecken können, es sei ihm vor allem um Deutschland oder die westliche Industriegesellschaft gegangen, dürfte einseitig sein. Die treuen Leser dieses großen Autors warten nun auf sein letztes Werk.

Das ist das Pathos des Überblicksmenschen und des treuen Lesers, und Seibt ist in der Selbstwahrnehmung beides zugleich. Vorgestern meldete er sich im Deutschlandfunk-Interview dann erneut zu Wort (sinnentstellende Kürzungen durch uns):

Also ich hab nichts gegen provokante Formulierungen und gegen auch konsensstörende Äußerungen, (...) Und das ist dann (...) einfach eine Provokation, das ist dann, würde ich sagen, eine Störung des öffentlichen Gesprächs, (...) weil das natürlich in die Hände von Leuten fällt, die (...) theoriebildend zu denken imstande sind. Das kann dann sehr schnell zu Schlagworten werden.

Das ist genial formuliert, denn es macht aus Sieferle einen verunsichernden, aufstörenden, theoriebildenden Autor. Brutale Lektüre - nichts verkauft sich besser!

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8. Wie verkauft sich Finis Germania?

Wir erhalten derzeit rund 250 Bestellungen pro Stunde. Man kann die Zahl hier auf 251 erhöhen.

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9. Bezahlen Sie Seibt und Speit?

Nein. Solche Kapazitäten arbeiten pour le roi de Prusse, um es auf gut Latein zu sagen. Wir lassen ihnen dafür alle Freiheiten, auch wenn wir die Pirouetten nicht immer gleich verstehen. Seibt sagte im Deutschlandfunk:

Der Verleger dieses Buches ist ja der Antaios-Verlag, und das ist nun diese Gruppe um Götz Kubitschek in Schnellroda. Das sind Leute, die also wirklich Feinde unserer Verfassung und unserer Demokratie sind, die einfach auf der Suche nach kulturellem Kapital sind. Deren Programm ist eigentlich, sie wollen provozieren, um dadurch den Diskurs zu verändern, also das nennen die Metapolitik.

Seibt zeigt mit solchen Äußerungen, auf welch hohem Niveau er arbeitet: Nur mit solchen Nebelkerzen bleibt er auf Tuchfühlung mit dem Mainstream, diesem breiten Fluß aus trübem Wasser, seichten Stellen und im Wind flatternden Fähnchen.

Seibt, der mit seinen beiden Sieferle-Artikeln sozusagen im Kahn den stillen Wassern nachruderte, tut nun so, als sähe er plötzlich einen Strudel. Mit mächtigen Kraulbewegungen geht es zurück zum Ufer, Gustavs Arme arbeiten, er war nie in diesem Kahn, er steht mit beiden Beinen auf der festen Erde des Grundgesetzes. Der Kahn: Das sind immer die andern.

Genial.

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10. Wie erlebt Sieferles Witwe die Unterstellungen?

Sie ist empört über die geistige Enge des Feuilletons, und sie hat zu den offensichtlichen Falschaussagen Jan Grossarths in der FAZ einen Leserbrief geschrieben, der heute erschien und den wir hier dokumentieren:

Ein wenig mehr Rücksicht

Zum Artikel „Am Ende rechts“ (F.A.Z. vom 12. Mai): Ich bin empört und entsetzt über das Bild, das Jan Grossarth von meinem verstorbenen Mann Rolf Peter Sieferle zeichnet. Mit sachlichen Unrichtigkeiten, Unterstellungen und Übertreibungen wird das Bild eines Mannes gezeichnet, der aufgrund von multiplen „Krebserkrankungen“ und einer drohenden Erblindung gegen Ende seines Lebens verbittert in die rechte Ecke abdriftet und „giftige, rechtsradikale Bücher“ schreibt. Bereits in dem Buch „Epochenwechsel“
in den neunziger Jahren hat mein Mann eine nationalkonservative Position bezogen und warnend auf die Unvereinbarkeit von Massenimmigration und Sozialstaat hingewiesen. Stattdessen konstruiert Grossarth eine für seine „Freunde“ unverständliche politischeWandlung und führt diese küchenpsychologisch und übergriffig auf vermeintliche Kindheitstraumata zurück. Das Bild eines „Molotow-Cocktail werfenden“, „narzisstisch gekränkten“ Autors könnte falscher nicht sein. Mein Mann war ein äußerst liebenswerter, uneitler und bescheidener Mensch. Einen Bruch in der Vita meines Mannes kann nur erkennen, wer hier aus  denunziatorischer Absicht schreibt und/oder erheblich von seinem Sujet überfordert ist. Ein wenig mehr Redlichkeit im Umgang
auch mit dem politischen Gegner sollte man erwarten dürfen.
REGINA SIEFERLE, HEIDELBERG

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 11. Gibt es den vom Feuilleton kolportierten Bruch im Werk Sieferles? War er altersradikal?

Nein, Rolf Peter Sieferle war nicht altersradikal oder verbittert, Frau Sieferle deutet das in ihrem Leserbrief bereits an. Um ihn zu ergänzen, dokumentiere ich, was sie mir zur Entstehungsgeschichte der 30 Texte, die Finis Germania bilden, schrieb:

Finis Germania ist kein "Alterswerk, sondern in der St. Gallener Zeit in den 90iger Jahren parallel zu der Überarbeitung von "Epochenwechsel" geschrieben worden. Peter hatte ja damals nicht viel Zeit für ein größeres Werk, aber er mußte schreiben, so wie andere atmen. Natürlich war er sich der Brisanz seiner Gedanken bewußt. Je öfter ich in dem Büchlein lese, desto mehr spürt man die Kraft und Wahrheit der Analyse.

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12. Kann man die Aufregung des Feuilletons erklären?

Die Art der Reaktion zeugt von Unsicherheit, mangelnder Souveränität und dem Verlust von Maßstäben. Wer souverän ist, stört sich nicht an einem Exoten von rechts, der neben 500 anderen Sachbüchern aus den letzten Jahren seine Platzierung erhielt. Wer indes Angst vor geistiger Impfung oder wahlweise Ansteckung hat, packt die Hygienebürste aus.

Freunde: Es werden noch sehr viele, sehr verruchte, sehr unhygienische Bücher erscheinen in den kommenden Jahren. Ihr werdet aus dem Feudeln nicht mehr herauskommen.

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13. Manche Leute sagen, der Verlag Antaios sei ein blöder Verlag.

Es gibt da einen schönen Satz von Gottfrid Benn, er lautet:
 
Mich persönlich berühren Angriffe dieser Art seit langem nicht mehr. Über mich können sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen.
 
So halten auch wir das. Jede Entgegnung nämlich würde uns als Vertuschungsversuch oder Lüge ausgelegt, und daher genügt es, wenn sich die anderen ohne unsere Beteiligung ihren Spekulationen über den Gehalt unserer Bücher hingeben.

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14. Gibt es bereits filmische Adaptionen?

Ja, eine im Kanal Schnellroda und eine von der Computerzeitschrift Chip. Beide sind grossarthig. 

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (33)

Hartwig aus LG8
14. Juni 2017 18:01

FAQ : Ok, kann man machen.

Hauptsache ich lese hier nicht irgendwann: "Was wir über ... wissen, und was wir nicht wissen." Wäre der nächste, oder zumindest übernächste Schritt. ;-)

Und vielleicht war ich ja der Zweihunderteinundfünfzigste. Ich wollt' zwar nicht, aber bei dem Hype ... und @Monika L., die der Erstausgabe des Büchleins schon bibliophiles Potential zugesteht ...

Monika L.
14. Juni 2017 18:38

Köstlich, grossarthig, fast perfekt die FAQ ( FAQ, das mußte ich nachschlagen, da nur Schwachlateiner). Aber etwas haben Sie vergessen, Herr Kubitschek. Bei Don Alphonso war am 13. Juni 2017 unter dem Titel " Das Werk der Kirchenväter und Sieferles Beitrag im Internet" folgendes zu lesen:

"Aus Gründen des  Nichtbeikubitschekkaufenwollens bin ich an einem Gebrauchtexemplar interessiert". 14. Juni 10.09

Dem Mann müßte doch geholfen werden können. Es kann doch nicht angehen, daß Journalisten über ein Büchlein schreiben müssen, das sie nicht kaufen wollen! Da könnte der "Teufel" Kubitschek doch seinen Beitrag leisten. Ein nett verpacktes Büchlein mit einem leckeren Ziegenkäse als Beilage, wäre das nicht die Lösung? Das NICHTBEIKUBITSCHEKKAUFENWOLLEN kann als Substantiv oder Vokativ verwendet werden. Ist in jedem Fall ein Gütesiegel.

Leo Lobauer
14. Juni 2017 19:39

Ich habe Sieferles Buch mit großen Gewinn vor zwei Wochen in Palma gelesen. Selber bedauere ich daher auch, dass er selbst nun nicht mehr zu dem stalinistischen Konformitätsdruck Stellung nehmen kann, den die "Hetzmeute" unserer Meinungsvorbeter gerade unter Offenbarwerdung ihrer Hassfratze verbreitet: Was hätte Sieferle selbst über sich, also die "Causa Sieferle" zu sagen gehabt? Hätte er sich sich selbst von sich selbst distanziert? Oder hat er vielleicht alles gebotene in weiser Vorausahnung bereits gesagt? In Finis Germania findet sich auf Seite 15 ein tiefenscharfer Satz in diese Richtung wie folgt: "Wenn das Schicksalhafte auf das Niveau des allzumenschlichen Alltags gebracht wird, kann man sich einbilden, es bewältigt zu haben."

Der_Jürgen
14. Juni 2017 19:43

Ich bin im Moment an einer Übersetzung, die ich möglichst rasch erledigen sollte, aber die Sache mit Sieferle nimmt mich so mit, dass ich stündlich bei Sezession vorbeisehe, ob da was Neues steht.

Dieser ganz offensichtlich hochintegre, hochintelligente und hochgebildete Mann - dem irgendwelche geistig unterbelichteten Mainstream-Blödiane unterstellten, den lateinischen Genitiv nicht vom Nominativ unterscheiden zu können - würde sich, oder sagen wir optimistisch wird sich, freuen, dass er nach seinem Tod noch etwas für Deutschland bewirken kann.

Kubitschek und Kositza sei herzlich dafür gedankt, dass sie so viel für die Verbreitung seiner letzten Schrift taten und tun. Dass dadurch auch etwas Money Money, wie man auf Neudeutsch sagt, in die Schatzkammer des grausen Karpatenschlosses im dunkelsten Winkel Dunkeldeutschlands fliesst, sei ihnen gegönnt. Auch Idealisten leben ja nicht von der Luft allein. 

AlbertZ
14. Juni 2017 20:36

Die Computerzeitschrift CHIP war lange Zeit die beste Computerzeitschrift.

Dann gab es eine zweite.

Ostens Sohn
14. Juni 2017 21:18

Ich habe auch auf die Verlinkung zu CHIP geklickt. Ist der Beitrag dort eigentlich Satire? Es muss so sein - anders kann es doch nicht sein? 

Stil-Blüte
14. Juni 2017 21:46

FAQ? FAQ! Gut so!

Mehr noch sagte mir zu, was als 'sinnstiftender Mythos' benannt wird, ein Mythos, der zu Sieferle, legitimiert durch seinen Freitod und sein Erbe, passen würde: Geheimnis, Gleichnis; Stiftung.

Einen Sieferle-Preis auszuloben, wäre wohl zu früh oder gar Sakrileg? 

silberzunge
14. Juni 2017 21:58

Dass Seibt mit seinem peinlichen Geschwätz eine von ihm kritisierte These Sieferles stützt, ist ihm nicht klar. Mich wundert eh schon lange nichts mehr.

Lachen musste ich, als ich bei Klonovsky las:

"Auf Platz 3 landete Dieter Borchmeyers achtbar-fleißige Collation "Was ist deutsch?" Ein "Atlas der Umweltmigration" auf Platz vier stellte sogleich wieder Kontinuität her und gab auf Borchmeyers Frage die gültige Antwort: Deutsch ist, in der Schraubzwinge zwischen den Agenten des offenen Europa und den Umweltmigranten eingequetscht so lange gegen den Populismus zu kämpfen, bis eintritt, was das versehentlich auf Platz neun gelandete Buch beschreibt"

Simplicius Teutsch
14. Juni 2017 22:31

 Ich würde den Titel "Finis Germania" noch etwas schärfer ins Deutsche übersetzen, nicht nur als traurigen Seufzer, sondern wie wenn ein Arzt seinem besonderen Patienten, den er selber mehr als andere geschätzt, gebraucht und geliebt hat, die schlimme und doch unausweichliche Diagnose ohne noch lange herumzureden kurz und bündig Auge in Auge mitteilt, - dass er ihm nicht mehr helfen kann und alle Hoffnung vergebens ist:

 "Du stirbst, Deutschland"

 "Finis Germania"

(Verb 2. Pers. Sing. + Nomen im Vokativ)

... Danach geht der Arzt selber auf den Dachboden und hängt sich auf.

(Ellen Kositza: "Wundern Sie sich nicht über den fehlenden Genitiv, denken Sie drüber nach.")

Hartwig aus LG8
14. Juni 2017 22:38

Ich hätte Interesse am Algorithmus der Bestsellerliste von Amazon. Zwischen Sieferles "Finis Germania" auf Eins und Sieferles "Migrationsproblem" auf Drei liegt "Klimperklein, Näh-Ideen für Kinder" auf Zwei. Gefolgt vom BGB und allerlei Ratgebern. Tatsächlich reine Verkaufszahlen???? Für mich ein Paralleluniversum !!! - was sich durchaus auch auf die Plazierung der Sieferle-Bücher bezieht. Sperrige, politische Sachbücher eines Unprominenten auf Eins und Drei ???

F. Donandt
14. Juni 2017 22:54

Ich weise nochmal daraufhin: "finis germania" können auch beides Substantive im Nominativ sein, die Bedeutung lautete dann "Deutschland als Ziel".

Auch ein "est" könnte ergänzt werden, dass die Lateiner gerne mal wegließen: "Das Ende ist Deutschland" oder "Deutschland ist das Ziel".

Wunderbare FAQ! Humor auf der Rechten. Wird auch Zeit.

Maiordomus
14. Juni 2017 23:06

Nachdem ich endlich alle drei bei Antaios bestellten Bücher von Sieferle gelesen habe, kommt mir bei essayistischer Brillanz und aphoristischer Verkürzung, im Erfolg jedoch wegen der Kürze erklärbar, "Finis Germania" wegen der Kompression und dem endzeitlichen Ton so vor,  nicht zuletzt angesichts des eher schwachen, zu wenig erläuternden Nachworts von Raimund Th. Kolb, dass man erst richtig von diesem Opus erst dann in der Tiefe profitieren kann und es angemessen einschätzen, wenn man die politologisch ungeheuer starke Studie "Das Migrationsproblem - Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung" (2017) mit Kritik an 5 herkömmlichen Narrativen zur Rechtfertigung der Masseneinwanderung ebenso studiert hat wie das hochbedeutende Werk von Sieferle "Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt", Suhrkampf 1990, das tief aus dem 18. und 19. Jahrhundert ausholt, bei Malthus, Adam Smith, Franz von Baader, Karl Marx und Jeremias Gotthelf, welcher die Armut als den "wahren Türk" bezeichnete usw. Einzig zu beanstanden hätte ich, dass bei der reichhaltigen Literaturverarbeitung bei Sieferle die demografischen Analysen von Wilhelm Röpke aus "Jenseits von Angebot und Nachfrage" (1958) nicht gesichtet wurde und auch nicht, dass bereits Papst Pius XII. eine Ahnung vom Problem schwante, wobei jedoch Knaus-Ogino als Lösung längst nicht genügte. Sicher bleibt, dass die Einschätzung der feuilletonistischen Nichtsleser blosse Nachbetereien innerhalb der Meute sind und dabei weitestgehend auf die Ausführungen Sieferles im "Auschwitz"-Kapitel zurückgehen dürften, wo er verbotenerweise ein gutes Wort für den wohl bereits meistenteils vergessenen weil erledigten  Bundestagspräsidenten Jenninger einlegt und im übrigen betr. die mythologische und zivilreligiöse Seite von Auschwitz, bei dem er nur die völlig irrationalen Rezeptionsmomente in Frage stellt, nichts Neues sagt und nichts, was kritische Betrachter, keineswegs herkömmliche "Auschwitz-Leugner", nicht schon längst mindestens ebenso deutlich  gesagt haben. Das Kapitel bleibt  keineswegs die Hauptsache des Büchleins, in welchem im letzten Kapitel noch von "Ernst Jünger als Erzieher" die Rede ist, ohne dass dies durch entsprechend gekennzeichnete Zitate oder Erörterungen der phänomenologischen Erkenntnistheorie Jüngers klar gemacht würde. Es scheint zu befürchten, dass wahrscheinlich ein nicht kleiner Teil der zwar erfreulich zahlreichen Besteller des verleumdeten Büchleins im Einzelfall überfordert werden dürfte, so wie natürlich die meisten der überschätzten Feuilletonisten überfordert waren. Ein Zeilenkommentar, der die wichtigsten Anspielungen und Hintergründe erläutert, wäre mutmasslich durchaus notwendig gewesen.

Wer für konkrete politische Arbeit von Sieferle nachhaltiger profitieren will, sollte das in der Werkreihe "Tumult" erschienene "Migrationsproblem" nicht nur lesen, sondern studieren. Wer in Sieferle den Rang eines erstklassigen analytischen Akademikers sehen will, mindestens gleich gut wie irgendein deutschsprachiger Professor der letzten 20 bis 30 Jahre, auf "Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt" zurückgreifen. "Finis Germania", schon wegen der läppisch ignoranten Mobbing-Kritik lesenswert und teilweise brillant geschrieben, ist meines Erachtens der Versuch eines Ansetzens zu einer Fichteschen Rede an die deutsche Nation, ohne allerdings dabei die entsprechende Kraft und Dynamik aufzubringen, ein Buch, dessen Schicksal gleichzeitig traurig macht und ermutigt, so wie das Vermächtnis des Autors überhaupt. Es muss nicht jeder zu den 10 grössten Geistern gehören, wiewohl diejenigen, die vielleicht zu den entsprechenden Themen von Sieferle noch besser geschrieben haben, mutmasslich an den Fingern abzuzählen sind. Im Einzelfall hat Sieferle Bestandteile der deutschen und westlichen Zivilisationskrise dann und wann in einer Klarheit auf den Punkt gebracht, die für mich als täglichen Bücherleser zu bis jetzt nicht gekannten Erhellungen führte. Ich würde nun aber nicht behaupten, dass seine Ausführungen zum deutsch-jüdischen Verhältnis das thematisch Beste wären, was er zu liefern hatte, wiewohl die Unterstellung des Antisemitismus nichts als dumm ist und eine blosse Totschlagwaffe, dabei ist der Autor ja schon seit dem 17. September vorigen Jahres angeblich wie Ikarus in das Meer gestürzt, wie Raimund Kolb zum Schluss des Nachwortes ausführt.

marodeur
14. Juni 2017 23:06

Man kann heute nichts falsch machen, wenn man sich an den üblichen "Qualitätseinstufungen" orientiert. Völkisch, krude oder rechtsextrem stehen stellvertredend für interessant, unkonventionell und unterhaltsam. Es ist im Grunde wie immer: Wenn ein Autor etwas auf sich hält, dann sollten dessen Schriften bei Bücherverbrennungen eine Rolle spielen. Vielleicht führt man den sinnfreien Schmähbegriff "völkisch" irgendwann mit ähnlichem Stolz wie "entartete Kunst".

Unterthier
14. Juni 2017 23:19

Wenn ich mir vorstelle,  daß nun jeder Neukunde auch die Werbung für das Verlagsangebot miterhält... Gibt man bei YouTube "Osmanen Germania" könnten sich alle Vermutungen bezüglich der Grammatik des Buchtitels klären.

calculus
15. Juni 2017 08:10

Auch von Herrn Sellner gibt es nun eine eloquente Wortmeldung zum Thema. Auch er scheint der durch den Mitforisten @EJuLpz im parallelen Strang angedeuteten Interpretation (Wissen sie’s oder wissen sie es nicht?) durchaus zugeneigt:

Eine Wende kündigt sich an im deutschsprachigen Raum. Sie kommt dort und von dort, wo man es kaum erwartet hätte. ... daß ich in ihm [dem Text https://sezession.de/57278/das-neurechte-waeldchen] wagte, einige Intelektuelle oder Konservative zu benennen, die ich als dem neuen patriotischen Lager nahestehend oder ihm wohlwollend gegenüberstehend betrachte, wie "Tichys Einblick" usw., die Zeitschrift "Cicero", aber auch viel andere Blogs und Leute ... die vielen U-Boote, die an den verschiedensten und auch interessantesten Positionen, wo die lieben Linken, die das Video auch sehen, sie überhaupt nicht vermuten, sind, aber noch weiter reden, noch weiter schreiben, weiter tun, wie man es von ihnen erwartet, weil es für sie noch keine Alternative gibt, die sich aber sehnen würden danach, endlich sagen zu können, was sie denken, und mit dieser Heuchelei, diesem Lügen, diesem Gelaber, diesem Phrasengedresche, und diesem so tun, als ob, so tun, als ob, Multikulti noch funktionieren würde, als ob Intergation funktioniert hätte, als ob diese ganze "bunte Republik" eine Zukunft hätte, die Schnauze und die Nase richtig voll haben. Und einer davon, der die Schnauze voll hatte, war Sieferle, um den es in diesem Video gehen soll.  ... dazu hatte er [Sieferle] einen Verbündeten, der diesen pothumen Ideenschmuggel aus dem neurechten Wäldchen in den Bunker der PC, dieser Entlarvung des Meinungstotalitarismus, möglich gemacht hat. Dieser Mann ist Johannes Salzwedel. Er ist einer dieser U-Boote, dieser Leute, die in dieser Zwingburg, dem Bunker der PC, hnter diesem antifaschistischen Schutzwall sitzen, aber ganz genau wissen, daß sie hier im Falschen leben. Und er ist, von diesen vielen, einer der wenigen, nämlich einer, der es wagt, einen Akt des Widerstands zu setzen. Das hat er getan. Der Germanist, Spiegelredakteur hat es gewagt, in seiner Funktion als Jurymitglied ... dieses "Finis Germania" auf Platz 9 ... zu plazieren.

Aber auch Herr Sellner vermeidet es schließlich, darauf einzugehen, was das Büchlein tatsächlich so brisant macht:

Ich rede ganz bewußt noch nicht über den Inhalt des Buches, ja, es geht einfach um die Empörung.

Das ist alles, was er zum Inhalt verlautbart, und das trifft es ja meiner bescheidenen Meinung nach nun überhaupt nicht. Ergänzen möchte ich deshalb wenigstens, daß ich darin eine volle Breitseite gegen den Grundungsmythos (offenbar von Josef "Joschka" Fischer geprägt) der "bunten Republik" sehe.

Nicht zuletzt die Lektüre des Büchleins hatte mich seinerzeit recht niedegeschlagen gemacht, was sich in einem "defätistischen" Kommentar niedergeschlagen hatte. Zu der Zeit konnte ich nicht ahnen, was für eine Bombe noch hochgehen würde. Zwischenzeitlich, noch vor dem Hochgehen der Bombe, habe ich mir ein paar T-Shirts bei Phalanx-Europa bestellt und fahre nun so bekleidet durch die große "bunte" Stadt. So kann es einem passieren, daß, wenn man am Hauptbahnhof der großen "bunten" Stadt aus dem Zug aussteigt, man von den Einsteigenden mit "g**les T-Shirt" begrüßt wird.

E.
15. Juni 2017 08:26

"(...) die nicht ungefährlich ist, vor allem, weil das natürlich in die Hände von Leuten fällt, die gar nicht theoriebildend zu denken imstande sind."

Dieses von Herrn Kubitschek unter Nr. 7 verlinkte Deutschlandunk-Interview mt dem Literaturkritiker sollte man sich unbedingt abspeichern und ausdrucken, um es für die Nachwelt zu bewahren. Es zeigt, mit welcher Anmaßung, Herablassung und Kälte zu Beginn des 21. Jahrhunderts gerne "meinungsführend"-sein wollende Journalisten über Andersdenkende oder auch nur Neugierige richteten. Es zeigt auch, was diese Journalisten vom gemeinen Publikum so halten.

Dagegen ist ein anderer Satz der Interview-führenden Redakteurin von geradezu rührender Einfalt:

[Vorredner: "Ein Buch allerdings, das es in diesem Monat auf Platz neun der Liste geschafft hat, das sorgt bei vielen für Aufregung und Ärger."]

Redakteurin: "Kann ich schon jetzt ein bisschen verstehen, auch wenn ich´s selbst noch nicht gelesen habe, aber ich habe viel drüber gelesen. (...) Da mag ich persönlich - ehrlich gesagt - gar nicht anfangen zu lesen." 

Das ist wahre Geistesarbeit öffentlichrechtlich alimentierter Redakteure: man liest keine Bücher mehr, die eigene Positionen in Frage stellen und zum eigenen Nachdenken anregen könnten, man liest lieber "viel" "über" diese Bücher. Diese Bücher selbst "anfangen zu lesen", ach nö, lieber nicht. 

Zum Lachen, wenn es nicht so armselig wäre. 

Der_Jürgen
15. Juni 2017 10:37

Der Wirbel um Sieferles ketzerisches Buch  hat neben vielen anderen Vorteilen auch den, dass es dazu beiträgt, Differenzen im rechten Lager zu glätten. Ich habe mir bei PI - wo man ja bekanntlich gewisse Dinge, die Sieferle schreibt, aus politischer Korrektheit verabscheut - die Leserkommentare zum betreffenden Artikel zu Gemüte geführt, und war sehr erfreut über die durchwegs positiven Reaktionen. Zahlreiche Foristen kündigten an, das Buch gleich zu bestellen. Und wer ein Antaios-Buch bestellt, wird ja zwangsläufig auch auf andere aufmerksam gemacht.

Trotz mancher pessimistischer Phasen bin ich im allgemeinen Optimist geblieben; ich glaube, dass Europa (genauer West- und Nordeuropa, der Osten überlebt sowieso) noch zu retten sind, obgleich die Fakten äusserlich dagegen sprechen. Woher der rettende Funke kommen wird, weiss ich so wenig wie alle anderen von uns, aber Sieferle und sein Buch lassen klar erkennen, wie wenig es braucht, bis der Feind in panischer Angst Eigentore schiesst und damit viele zuvor noch Schwankende in unser Lager treibt. Die sich unvermeidlich verschlechternde Wirtschaftslage - Sozialstaat und Masseneinwanderung passen nun einmal nicht zusammen, wie Sieferle ausführlich begründete - wird das ihre tun. Dass der Weg zur Befreiung steinig sein wird, unterliegt keinem Zweifel.

"Es werden noch sehr, sehr viele verruchte Bücher herauskommen", verheisst Kubitschek in seinem Artikel.

Maiordomus
15. Juni 2017 10:50

Ich danke der "Rennleitung", dass mein Vorentwurf einer würdigenden Kritik an Sieferle nach einigem Leerschlucken doch noch geschaltet wurde, bin auch dankbar für das wohl hohe Niveau der Beiträge zur Sache und zumal zum allgemeinen Echo. Es bleibt dabei, dass man, um als professionell wirkender Kritiker über Sieferle mitreden will, aber auch als politischer Berater von Freud und Feind, natürlich mehrere seiner Bücher gelesen haben muss, ansonsten verliert man sich in unqualifiziertem Geplapper. Und was selbst auch die Luxusdebatte betrifft über die Frage, ob Sieferle zu den zehn besten deutschen Gelehrten seiner Zeit gehört habe oder nicht, so bleibt es dabei, dass selbst die gelehrtesten und berühmtesten Köpfe Deutschlands, die sogenannten Gross-Denker mit den ganz grossen Namen, im Hinblick auf die von Sieferle angesprochenen Fragen und Probleme nunmal ein vergleichbares Hintergrundwissen, historisch, empirisch, analytisch, nicht nachweisen können.  Natürlich ist weder alles, was Sieferle ausführt, besonders neu noch müsste man ihm im Einzelfall immer recht geben, und erst recht wächst dort, wo er Thesen formuliert hat, nachher kein Gras mehr. Es genügt die Feststellung, dass man, ohne das Vermächtnis Sieferles, den Anspruch nicht erheben kann, auf der Höhe des heutigen Diskurses über Demografie und Migration zu stehen. Selber mache ich mir aber den Vorwurf, mich nicht schon damals, als Sieferle noch Professor in St. Gallen war, für seine Forschungen und seine Publikationen interessiert zu haben.

 

@ Die grundsätzliche Weigerung, etwas wissen zu wollen, der "Entschluss zum Nichtwissenwollen" (Nietzsche), muss nicht bloss herkömmliche Denkfaulheit, Konformität und Herdenverhalten sein, wie in Zeiten des Totalitarismus an öffentlich-rechtlichen und staatlich gelenkten Mediensanstalten üblich. Gemäss Eric Voegelin spiegelt sich darin der esoterische und gnostische Charakter der modernen Ideologien und Sozialreligionen. "Gib diese Frage auf", findet sich schon als Maxime beim jungen Marx - es ist übrigens die Frage nach dem Schöpfer des Universums - wohingegen Nietzsche dann - wie längst vor ihm Hegel - in die Gnosis zurückfällt, wenn er es für den Willen zur Macht für "unfruchtbar" hält, dies und jenes auch noch wissen zu wollen, womit der "Entschluss zum Nichtwissenwollen" gerechtfertigt wird. Bei Freud ist es längst und schon vor Popper, der diesen Vorwurf deutlich erhoben hat, nachher Hansjörg Hemminger, dass er sich für die mögliche Falschheit seiner Theorie nicht interessierte. Solche gnostischen Frageverbote finden sich auch bei zum Irrationalismus neigenden rechten Theoretikern und erst recht bei Religionen. Es ist klar, dass, zum Beispiel, wenn ein historisches Ereignis zur "Shoah" verkärt ist, damit auch das Ende des rationalen Diskurses erklärt wird. Hier trifft Sieferle sinngemäss eher ins Schwarze, als wenn er in den Deutschen so etwas wie neuen Juden sieht. Derzeit neigen indes vor allem Muslime dazu, bei mir mal zum Beispiel ein als ungenügend eingeschätzter schwacher und fauler Schüler, sich bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit als die "neuen Juden" zu sehen. Man sollte, damit muss man kein Philosemit sein noch was vom Schuldkult halten, die Juden wirklich endlich mal Juden sein lassen.  

 

Utz
15. Juni 2017 12:01

@ Der Gehenkte

Danke für für die Links.

Götz Kubitschek wird sich freuen, von seinem bisher unbekannten Bruder Rolf Kubitschek zu erfahren (die Interviewerin wirft zwar ihrem Gegenüber vor, er sei nicht rechtzeitig alarmiert gewesen, weil ja Finis Germania im Antaiosverlag herauskam, kannte ihn aber bis dato wohl selbst nicht, sonst hätte sie Kubitscheks Vornamen gewußt).

Dank an Maiordomus für den Hinweis auf Sieferles "Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt". Hab das aber bei Antaios nicht gefunden. Gibt es das nicht mehr?

Maiordomus
15. Juni 2017 12:50

PS. Freudscher Verschreiber: Es muss natürlich oben heissen "mitreden zu wollen" sowie  "Freund und Feind", nicht "Freud und Feind. Die Texte von Sieferles zumal früheren Büchern haben einen hohen Beratungswert, konkret am meisten "Das Migrationsproblem - Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung", eine These notabene, die man auch in der älteren neoliberalen und damals noch nicht durch den Globalisierunsvirus korrumpierten Literatur nachlesen kann. von Röpke bis Milton Friedman. @ Utz. Suchen Sie allenfalls Sieferles hochbedeutendes Suhrkamp-Buch von 1990 über www.abebooks.de antiquarisch aufzutreiben, ich selber habe es durch den Antaios-Versand gerade noch erhalten.  Beeindruckend fand ich bei "Beeindruckend fand ich bei "Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt", dass Sieferle auch die konservative und frühökologische Literatur des 19. Jahrhunderts kennt. Marx wird von jedem Soziologentrottel zitiert, was jedoch keineswegs für den in wesentlichen nicht weniger und sogar noch früher kundigen bayrischen Bergbauingenieur und Philosophen Franz von Baader (1765 - 1841) keineswegs gilt, der schon 1835 eine bahnbrechende Abhandlung über die "Proletairs" schrieb, auch als bedeutender Kritiker absolutistischer und etatistischer Regierungsformen gelten kann, überdies den Absolutismus der römisch-katholischen Kirche längst vor den Altkatholiken gründlicher und besser kritisiert hat, mit hohem Verständnis für die orthodoxe Welt und für Russland.

Detlef Neustadt
15. Juni 2017 14:11

Heute Post von Antaios erhalten, mit der abschließenden Frage, ob ich Amazon inzwischen boykottieren würde. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich mein letztes Buch dort geordert hätte. "Finis Germania" dort zu bestellen, um es auf Platz 1 zu halten, wäre allerdings eine Schote für sich. ( Nee, nee; tue ich aber nicht!)

EJuLpz
15. Juni 2017 15:18

Wie wir wissen, wandern am Grunde der Moldau die Steine. Wie wäre es denn, wenn Antaios anläßlich des einjährigen Jubiläums im Juni 2018 einen Band vorlegte, in dem die ganze Geschichte um „Finis Germania“ fein säuberlich dokumentiert, möglichst ohne jegliche Polemik, der Medienforschung zur Verfügung gestellt würde? Bereits jetzt finden sich im Netz allerorten zahlreiche Beiträge, die über wohlfeile Akklamationen weit hinausgehen bzw. mit solchen nichts zu tun haben, indem sie nämlich textkritisch argumentieren und dabei nun nicht gleich alles aus Sieferles Büchlein zur Weisheit letztem Schluß erklären. Und dies durchaus oft auf einem Niveau, das den Desavouierern die Schamröte ins Gesicht steigen lassen sollte. -- Also sprach Ernst Jünger im Jahre 1982, als er den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhielt: "Auch die Inquisition ist säkularisiert. Wie einst der konfessionellen, spürt sie heute der politischen Abweichung nach. Dem Zeitalter des Anstreichers ist das Zeitalter der Anbräuner gefolgt." -- Aber auch die „Anröter“ sind mir manchmal nicht geheuer; Johannes Agnoli‘s „Die Transformation der Demokratie“ von 1968 (ja, 1968!, -- Entschuldigung, ich habe „Jehova“ gerufen ...) ist ein nach wie vor erhellender Text. -- Mögen die Steine weiter wandern.

EJuLpz
15. Juni 2017 15:59

Kleiner Nachsatz zum meinem Kommentar von 15:18 Uhr: Zu Wehlers (sagen wir vorsichtig: verunglücktem) fünften und letzten Band seiner „Gesellschaftsgeschichte“ gaben Bahners und Cammann einen  Band heraus: „Die Debatte um Hans-Ulrich Wehlers ‚Deutsche Gesellschaftsgeschichte‘“ (Frankfurter Allgemeine Lesesaal, C. H. Beck, 2009). Wahrscheinlich hatte ich das im Hinterkopf. Also: Titel abwandeln, schnell Titelschutz beantragen und ans Werk im Antaios-Lesesaal!

Benedikt Kaiser
15. Juni 2017 16:21

@Utz: "Dank an Maiordomus für den Hinweis auf Sieferles "Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt". Hab das aber bei Antaios nicht gefunden. Gibt es das nicht mehr?"

Antaios hatte die Restauflage von Suhrkamp erworben; auch diese ist aber seit einigen Wochen restlos vergriffen.

Maiordomus
15. Juni 2017 18:40

@Kaiser/Utz. Es bleibt also nichts anderes übrig, als auf die Antiquariate zu setzen.

Der Feinsinnige
15. Juni 2017 20:42

Meines Erachtens wieder ein sehr guter Artikel mit vielen wichtigen Informationen und Querverweisen. Aus meiner persönlichen Sicht am wichtigsten ist allerdings die Antwort auf Frage 11: Daß Sieferle „Finis Germania“ nicht erst kurz vor seinem Tod bzw. in den Jahren 2014 ff., sondern bereits in den 1990er Jahren schrieb, läßt den Text und den Autor Sieferle gleich noch hellsichtiger erscheinen (und zwar unabhängig davon, daß Th. Kolb im Nachwort mitteilt, Sieferle habe eine letzte Änderung am Text noch im April 2015 vorgenommen), als dies ohne die Kenntnis dieser Entstehungszeit bereits der Fall war.

Da ich die Entstehungszeit eines Textes nicht nur in diesem speziellen Fall für außerordentlich wesentlich halte, drängt sich mir aber nun doch die Frage auf, die hoffentlich beantwortet werden kann: Gilt die Entstehungszeit „90er Jahre“ für alle in dem Buch enthaltenen Texte oder ausschließlich für den buchtitelgebenden ersten Teil?

@ EjuLpz:

Ein phantastischer Vorschlag, einen Band mit der „Finis Germania“-Debatte herauszubringen, wie es sie weiland z.B. über den „Historikerstreit“, die „Walser-Bubis-Debatte“ und bei anderen Gelegenheiten gab. Ich schließe mich an und hoffe, die Idee fällt bei Antaios auf fruchtbaren Boden.

@ calculus:

Tolle Idee mit dem T-Shirt. Seit einigen Jahren versuche ich, mich und andere mit ähnlichen Experimente zu erfreuen: Lesen der JF oder der Sezession in öffentlichen Verkehrsmitteln (zugegeben nicht gerade in U-Bahnen von Multikulti-Großstädten) oder Cafés und Restaurants, so daß die Titelseite gut sichtbar ist. Bei der JF waren schon die einen oder anderen interessierten bis strafenden Blicke feststellbar, die Sezession ist dagegen wohl immer noch zu unbekannt.

Cacatum non est pictum
15. Juni 2017 20:49

@Utz

Dank an Maiordomus für den Hinweis auf Sieferles "Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt". Hab das aber bei Antaios nicht gefunden. Gibt es das nicht mehr?

Über meine Antiquariats-Suchmaschine habe ich ein einziges Gebrauchtexemplar bei booklooker.de entdeckt, allerdings für den stolzen Preis von 42 Euro zuzüglich Versandkosten:

https://www.booklooker.de/app/result.php?isbn=9783518580707&sortOrder=preis_total&ref=208970&affmt=2&affmn=1

Utz
16. Juni 2017 08:07

Cacatum non est pictum

Danke.

Hatte die Seite inzwischen auch gefunden. Das ist der Grund, weshalb es mittlerweile statt zwei Büchern nur noch eines gibt :).

Paracelsus
16. Juni 2017 17:01

Der mediale und paramediale Umgang mit dem Werk Sieferles ist für mich erneut Anlass, darüber nachzudenken, ob und wie eine Entfesselung des Gedankenbildungsprozesses in der Gesellschaft möglich ist.

Im Abschnitt „Das Schicksal hat einen Namen“ (Finis Germania, S.12 ff.) kritisiert Sieferle S. 14, dass man am Beispiel der DDR-Aufarbeitung der 1990er Jahre ein historisches Geschehen „mit Begriffen der Privatmoral“ erfassen wollte. – Daran anknüpfend fällt mir auf, dass es nicht ausreicht, das Thema Ehrlichkeit von Medienschaffenden und Historikern (Grossarth, Speit, Gogos, Seibt,  uva. ) privatmoralisch zu behandeln. Es stimmt, wenn Sellner immer wieder die Heuchelei anspricht usw., aber der jüngste Werdegang von J. Saltzwedel zeigt doch, dass Abweichler einfach aussortiert werden. Der Beispiele sind ja wahrlich genügend vorhanden, Eva Hermann, M. Mattusek….; und das Porträt von R. Camus durch M. Gogos (im Film „Unter Fremden“) bringt es ja auf den Punkt: Camus ist ok, super vernetzt innerhalb der Künstlerszene, solange er nicht sein Denken in eine Richtung lenkte, die sanktioniert wird. Dann ist selbst der im Umgang feine Herr ein Menschenfeind.

Also, die Medien sind streng hierarchisch geordnet, ein Einzelner wie Gogos könnte gar nicht anders als dämonisierend berichten, weil das innerhalb seines Arbeitsbereiches so gefordert ist. (Frauke Petry wusste (via youtube) zu berichten, dass in den Anfängen der AfD ein MDR-Beitrag nicht gesendet wurde, weil er, wenn ich mich recht erinnerte, die AfD-Ortsgruppe Leipzig „nicht braun genug“ darstellte…

In den Medien haben wir also Kompetenzzentren für Gesprächsunterdrückung, Gedankenaustauschverhinderung, gedankliche Massenangleichung usw., und es ist an sich müßig, mit den „Marionetten“ dieser Einrichtungen zu diskutieren. Ein Soldat muss gehorchen, ein Journalist hat gewiss seinen Spielraum, doch gibt es klar abgegrenzte gedankliche „No go areas“, die zu betreten den Ausschluss bedeuten würde. M. Gogos`Film „Unter Fremden“ ist noch einmal ein Paradebeispiel dafür, wie man mit vorgefertigter ideologischer Schablone Erkenntnis zu verhindern vesucht. Ich behaupte, selbst wenn Gogos ganz anders denken würde, in einem Film im deutschen TV hätte er das nicht bringen können.

Was fehlt, ist also ein genügend großes, alternatives Medium, eine Tageszeitung, ein TV-Kanal, ja möglicherweise eine Nachrichtenagentur, wo freier Gedankenaustausch, ja gern auch Gedankenkampf möglich ist. Wo wirklich sach- und faktenorientiert berichtet, wo den Dingen auf den Grund gegangen wird.

Es reicht nicht, privatmoralisch an die real existierenden Journalisten zu appellieren, doch bitte sachgerechter zu berichten. Es braucht eine Medieninitiative, die dafür alle die sammelt, die die Notwendigkeit eines freien Gedankenaustausches für die Gesellschaft dringlich empfinden. Es braucht unabhängige Strukturen, damit sich der einzelne journalistisch Begabte, darin freischwimmen kann.

Wo ist der Treffpunkt geistigen Kapitals, dass es sich für solch ein Projekt vereinigen kann?  Die geistigen Kapazitäten sind doch vorhanden. Mir jedenfalls fallen viele Namen ein. Wann bündelt man die Kräfte?

Nemo Obligatur
18. Juni 2017 00:14

FAQs gelesen. Gelacht.

rautenklause
18. Juni 2017 15:32

Ad Nr. 3 & 4:

Als lesendem alten Rechten fällt mir in diesem Zusammenhang die sich vor 23 Jahren abgespielt habende verschärfte Variante eines anderen lateinischen Übersetzungsstreites ein: Menschen über 40 (und Herr Wegner ) erinnern sich vielleicht an die legendäre lateinische Fußnote 74 von Robert Hepps Aufsatz in der Gedenkschrift für Hellmut Diwald. Die Debatte um die  Mehrdeutigkeit der Übersetzung (und die daraus zu ziehenden Schlüsse) des von Hepp gewählten Ausdrucks „veram fabulam esse nego“ ging bis vor den BGH und endete mit der Einziehung von beim Verlag lagernden Restexemplaren nebst Druckplatten und Folien und deren Übereignung an die reinigenden Flammen der Müllverbrennungsanlage. Insofern kann dem Sieferlebändchen ja noch eine erhellende Zukunft bevorstehen ….

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