Thor v. Waldstein über »Macht und Öffentlichkeit«

Die 18. IfS-Sommerakademie zur "Parteienherrschaft" ist seit eineinhalb Wochen vorbei. Nun endlich ist der erste Vortrag online – ein Paukenschlag von Dr. Dr. Thor v. Waldstein!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Wie schon v. Wald­steins ful­mi­nan­ter Fest­vor­trag auf dem II. Staats­po­li­ti­schen Kon­greß 2015 über »Meta­po­li­tik und Par­tei­po­li­tik« (hier nach­zu­le­sen), so bil­de­ten auch dies­mal sei­ne The­sen zur öffent­li­chen Mei­nung ein Kern­re­fe­rat der Schnell­ro­da­er Bil­dungs­ar­beit. Nicht zuletzt des­halb, weil die Aka­de­mie am Wochen­en­de vor der mit Span­nung erwar­te­ten Bun­des­tags­wahl statt­fand, kam dem Ver­hält­nis zwi­schen Macht, Medi­en und Kon­su­men­ten in Vor­trä­gen und Gesprä­chen beson­de­re Bedeu­tung zu.

Gera­de vor dem Hin­ter­grund des unmit­tel­bar vor der Wahl noch ein­mal inten­si­vier­ten media­len Sperr­feu­ers gegen die AfD zeich­ne­te v. Wald­steins Reka­pi­tu­la­ti­on ins­be­son­de­re der medi­en­kri­ti­schen Geis­tes­ge­schich­te exakt den selbst­re­fe­ren­ti­el­len Con­nex zwi­schen Pro­du­zen­ten, Mul­ti­pli­ka­to­ren und Nutz­nie­ßern einer “öffent­li­chen Mei­nung” nach, die wenig mehr dar­stellt als ein Instru­ment zur Len­kung des bür­ger­li­chen (Wähler-)Stimmungspotentials.

Auf der ande­ren Sei­te die­ser Glei­chung steht dem­nach ein ver­än­der­ter Grund­cha­rak­ter eben die­ses demo­kra­ti­schen Staats­bür­gers, der sich vom gemein­schaft­lich inter­es­sier­ten und enga­gier­ten Citoy­en nach neu­zeit­lich-auf­klä­re­ri­schem Ide­al zum wesent­lich am Sys­tem para­si­tie­ren­den poli­ti­schen Ver­brau­cher gewan­delt habe. Die­ser wol­le nicht mehr vom Staat im Aus­tausch gegen sei­ne Loya­li­tät und finan­zi­el­le Dul­dung ledig­lich beschützt und ansons­ten in Frie­den gelas­sen wer­den, son­dern schie­le viel­mehr auf eine mög­lichst umfas­sen­de gesell­schaft­li­che Ver­sor­gung, gege­be­nen­falls durch Umverteilung.

Die­se Geis­tes­hal­tung aber zeugt von einem und per­p­etu­iert einen grund­le­gen­den, gesell­schafts­im­ma­nen­ten Neid und Arg­wohn: Wo alles und jeder auf Teu­fel komm raus nicht nur vor dem Gesetz, son­dern in allen Lebens­be­rei­chen gleich sein soll, da wird eif­rig nach den­je­ni­gen gefahn­det, die aus dem gro­ßen grau­en Mit­tel­maß her­aus­ste­chen. So ist ein fai­rer Wett­be­werb der unter­schied­li­chen frei­en Mei­nun­gen unter­ein­an­der gar nicht mög­lich (womit auch die “Ent­schul­di­gung” des all­zu unkri­ti­schen Medi­en­kon­sums vom Tisch ist); viel­mehr kann die dog­ma­ti­sche öffent­li­che Mei­nung wei­test­ge­hend kon­kur­renz- und mühe­los ihren Herr­schafts­an­spruch durchsetzen.

So wird das (poli­ti­sche) Mei­nungs­feld zu einer blo­ßen Bran­che, die sich ver­hält­nis­mä­ßig leicht zen­tral bewirt­schaf­ten läßt – ganz nach den The­sen des Pio­niers auf die­sem Feld, Wal­ter Lipp­mann, des­sen demo­kra­tie- und medi­en­kri­ti­sches Stan­dard­werk Die öffent­li­che Mei­nung (EA Lon­don 1922) bis heu­te akut geblie­ben ist. Zen­tra­le Len­kung durch mit der Poli­tik eng ver­bun­de­ne Infor­ma­ti­ons­noden (Gate­kee­per), ver­in­ner­lich­ter sozia­ler Druck auf und durch den ein­zel­nen sowie die Eta­blie­rung einer fes­ten Begren­zung des Sag­ba­ren (Over­ton win­dow) einer Mei­nungs­len­kung, durch die der Durch­schnitts­bür­ger das glaubt, von dem er glaubt, daß alle es glauben.

Thor v. Wald­stein schält gründ­lich und scho­nungs­los her­aus, wie und wes­halb der polit­me­dia­le Kom­plex die Reprä­sen­ta­ti­on und Umset­zung des Wil­lens frei­er und eigen­ver­ant­wort­li­cher Staats­bür­ger unter­mi­niert und sein eige­nes Fort­be­stehen an den Fut­ter­trö­gen der Macht absi­chert. Ihm ist eine sich aus vie­len Quel­len spei­sen­de Ana­ly­se gelun­gen, die nicht bloß bereits vor­han­de­ne dif­fu­se Vor­ur­tei­le bestä­tigt, son­dern viel wei­ter in die Tie­fe geht, Lust auf eine eige­ne nähe­re Beschäf­ti­gung mit dem The­ma macht – und vor allem auch zum Hin­ter­fra­gen des eige­nen media­len Kon­sum­ver­hal­tens ein­lädt, was viel­leicht der wich­tigs­te Teil­aspekt ist.

Anschau­en lohnt sich – eine mög­lichst wei­te Ver­brei­tung ist aus­drück­lich erwünscht!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (11)

Ruewald

28. September 2017 13:25

In dem Zusammenhang sei auf die folgende durch die Schweizer Institution, «Swiss Propaganda Research», veröffentlichte umfangreiche Studie hingewiesen:  «Die Propaganda-Matrix: Wie der CFR (=Council of Foreign Relations) den geostrategischen Informationsfluss kontrolliert». https://swprs.org/die-propaganda-matrix/ Diese Studie müsste Pflichtlektüre in allen um Realitätsbewusstsein bemühten Foren, Bürgerrunden und Studienseminaren sein. Gut belegt und mit Netz-Graphiken legt die Studie dar, wie nicht nur deutsche Medien ins Netzwerk des CFR eingebunden wurden und sind, sondern auch NGOs, Denkfabriken und Experten, Militär, Geheimdienste, Regierungen, Hollywood, das Friedensnobelpreiskommitee, PR-Büros, Nachrichtenagenturen, Medieneigner und Chefredakteure und einzelne Journalisten, etc. Das Netzwerk des Councils kann von einer verdeckten Operation (z.B. Op. Gladio) bis hin zur medialen Bericht­erstattung eine ganze Ereigniskette dirigieren und so eine künstliche Realität erschaffen, mit der sich die Öffentlich­keit nahezu beliebig lenken lässt. Die Nachrichtendienste dienen als Propaganda-Multiplikatoren. Besonders subtil ist die Strategie der "seriösen Medien": Seriöser Journalismus bildet überhaupt erst die Grundlage für die Glaubwürdigkeit der traditionellen Medien, auf deren Basis dann gezielt und wirkungsvoll geopolitische (und andere) Propaganda lanciert werden kann. Denn der arglose Leser und Zuschauer hat kaum eine Chance, zwischen zwei ehrlichen Beiträgen die geschickte Manipulation zu erkennen oder auch nur zu erahnen. Dadurch erhellt sich vielleicht das Paradoxon, daß überdurchschnittlich hoher IQ (bei akademisch Ausgebildeten) erschreckend wenig mit "politischer Zurechnungsfähigkeit" korreliert. Die "gebildeten" Leser halten z.B. die Zeit , die FAZ, etc. für "seriöse" zuverlässige Informationsquellen, ohne die subtile Manipulation zu merken.

Nautilus

28. September 2017 20:33

Vielen Dank für diese hervorragende Rede. Besser kann man es nicht mehr auf den Punkt bringen. Wie immer genial.

Ralf Beez Ofw d. R.

28. September 2017 21:51

Werter Ruewald

Herzlichsten Dank und ein aufrichtiges Vergelt´s Gott in allerdeutlichst verschärfter Form für Ihren Hinweis, über den ich mich sehr gefreut habe, im wahrsten Sinne des Wortes ein kleines Juwel, daß möglichst weit verbreitet werden muß ! MkuvG !

Ein gebürtiger Hesse

28. September 2017 22:15

Wunderbarer Vortrag. Sechs von fünf Punkten. Wenn man von Waldstein zuhört, ist es automatisch so, als würde man in seinen besten Anzug schlüpfen, so wie früher die Leute am Sonntag, und innerlich echte Form und Haltung gewinnen. Das ist ein kostbares Moment, für das ich ihm dankbar bin.

Der_Jürgen

29. September 2017 01:17

VIelen Dank für die Vernetzung dieses Referats. Thor von Waldstein muss ein hervorragender Anwalt sein. Er argumentiert so logisch und überzeugend, dass es praktisch unmöglich ist, irgendwelche Schwachstellen in seiner Beweiskette zu finden.

Stil-Blüte

29. September 2017 14:21

Hervorragend! In jeder Hinsicht! Stilsicher! Wie gekonnt er jeden deutschen Rahmen-Satz vom Anfang bis zum Punkt so in der Schwebe zu halten vermag, dass Mitdenken auch dann ermöglicht, wenn die Materie dem Kopf weniger zugänglich ist. Wahrlich, ein großer Kopf.

@ Ruewald

Und Sie setzen noch eins drauf. Nirgendwo so kundig, so präzise, so umfassend darüber gelesen, was die imperiale Herrschaft, ja Diktatur der USA mit sich bringt.  

Neffe Mannheims

29. September 2017 17:02

Genialer Mann.

Jürg_Jenatsch

30. September 2017 17:20

Ein exzellenter Mann, der es verdient hätte, in einem besseren Deutschland den Posten eines Justizministers wahrzunehmen. Einer seiner besten Vorträge. Glückwunsch.

Gerhard Vierfuß

1. Oktober 2017 01:22

Anders als bei seinem früheren Vortrag in Schnellroda zum Thema Metapolitik kann ich dieses Mal nicht umhin, in den Chor der Lobpreiser einzustimmen: eine wirklich ausgezeichnete Analyse des Geflechts von Öffentlichkeit und Macht in der modernen Massendemokratie, ein Augenöffner für alle, die immer noch an die Herrschaftsfreiheit des öffentlichen Raums glauben. Thor von Waldstein ist in gewissem Sinn unser Pendant zu Rainer Mausfeld, der aus linker Perspektive ebenfalls die Machtverhältnisse im öffentlichen Raum schonungslos bloßlegt (z.B. hier: https://www.youtube.com/watch?v=es9BUfdQCqk&ytbChannel=KenFM). Einen Mann wie Waldstein als Mitstreiter auf unserer Seite zu haben, kann gar nicht zu hoch bewertet werden.

Ruewald

1. Oktober 2017 01:43

@Ralf Beez Ofw d. R. ,  @Stilblüte  - Danke für die Reaktion. Hier hat man es etwas schwer, bei dem exklusiven Kreis der dominierenden Sezession-Diskutanten Resonanz zu bekommen, wenn man nicht regelmäßig teilnimmt. Die Studie ist übrigens hervorragend referenziert. Jeder Beleg ist blau unterlegt und verlinkt direkt auf den entsprechenden Artikel im Web oder eine Pdf-Datei. Beispiele sind weitere Studien der Swiss Propaganda Research, wie z.B. https://swprs.org/der-propaganda-schluessel/ https://swprs.org/der-propaganda-multiplikator/ oder z..B. der direkte Link auf einen Abschnitt aus dem wichtigen Buch von Noam Chomsky et al.: Manufacturing Consent : https://chomsky.info/consent01/ Hier assoziiert man sofort die Politik der sogenannten "Flüchtlingskrise": mit welch raffinierten Mitteln in der Bevölkerung  "Zustimmung fabriziert" wird. Mit instrumentellem Moralismus - wie ich es nenne - wurde erfolgreich an die Hilfsbereitschaft appelliert, um eine Masseneinwanderung moralisch zu "legitimieren", die aber letzlich ein wesentlicher Teil der Durchsetzung der Neuen Weltordnung ist.

Der Feinsinnige

1. Oktober 2017 02:07

Höchst eindrucksvoll! Es ist wirklich begrüßenswert, daß Vorträge der Veranstaltungen in Schnellroda ins Netz gestellt werden. Ich war zunächst etwas weniger motiviert zum Abhören wegen der Länge des Vortrages und weil mir als langjährigem Leser von JF, Sezession etc. die Problematik grundsätzlich nicht fremd ist, dachte, ich lese besser nach Veröffentlichung den Text – aber es hat sich jede Minute des Zuhörens gelohnt! Und: Ich gehe davon aus, daß es immer auch Leser dieses Blocks gibt, die zufällig oder neu hier sind, und auch und gerade diesen Lesern sei der Vortrag ernstlich ans Herz gelegt. Man sieht, hört und liest hinterher die „etablierten“ Medien anders, kritischer und begreift plötzlich viele Zusammenhänge, die man vorher allenfalls vage erahnen konnte, ohne sie wirklich zu verstehen. Der gedruckte und erweiterte Text, dessen Erscheinen in der „Kaplaken“-Reihe der Vortragende angekündigt hat, wird ein absolutes Muß sein. Der Vortrag zeigt, welcher Mammutaufgabe gerade das IfS, die Sezession und Antaios sich verschrieben haben. Aber er zeigt dem informierten Zuhörer auch (Stichworte „mißliebige Zeitschrift“, „Graswurzeljournalismus“) wieviel heute schon erreicht worden ist an oppositioneller Gegenöffentlichkeit im Bereich der virtuellen, aber auch gedruckten Medien (JF, Sezession, eigentümlich frei, Blaue Narzisse, Zuerst, Compact, Tichys Einblick, Cato, um nur einige zu nennen). Eine einzige leise kritische Anmerkung meinerseits: Thor von Waldstein spricht die meiste Zeit in seiner harschen Kritik pauschal von (allen) „Journalisten“, fügt dann an der einen oder anderen Stelle immerhin ein „die meisten“ oder ein „mit sehr wenigen Ausnahmen“ hinzu. Ich bin der Überzeugung, daß es mehr Ausnahmen gibt, als der Vortrag zuzugestehen scheint (sicher am wenigsten in den besonders wirkmächtigen ö.-r. Medien), teils offen, teils auch (noch) still. Gerade die noch stillen Ausnahmen, die vielleicht gar nicht so selten sind, werden eine wichtige Rolle spielen, wenn der von Thor von Waldstein prognostizierte „Schweigemauerfall“ tatsächlich eintritt. Der Kampf um die noch stehende Mauer des Schweigens ist jedenfalls längst voll entbrannt.

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