Sezession
28. September 2017

Thor v. Waldstein über »Macht und Öffentlichkeit«

Nils Wegner / 11 Kommentare

Die 18. IfS-Sommerakademie zur "Parteienherrschaft" ist seit eineinhalb Wochen vorbei. Nun endlich ist der erste Vortrag online – ein Paukenschlag von Dr. Dr. Thor v. Waldstein!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Wie schon v. Waldsteins fulminanter Festvortrag auf dem II. Staatspolitischen Kongreß 2015 über »Metapolitik und Parteipolitik« (hier nachzulesen), so bildeten auch diesmal seine Thesen zur öffentlichen Meinung ein Kernreferat der Schnellrodaer Bildungsarbeit. Nicht zuletzt deshalb, weil die Akademie am Wochenende vor der mit Spannung erwarteten Bundestagswahl stattfand, kam dem Verhältnis zwischen Macht, Medien und Konsumenten in Vorträgen und Gesprächen besondere Bedeutung zu.

Gerade vor dem Hintergrund des unmittelbar vor der Wahl noch einmal intensivierten medialen Sperrfeuers gegen die AfD zeichnete v. Waldsteins Rekapitulation insbesondere der medienkritischen Geistesgeschichte exakt den selbstreferentiellen Connex zwischen Produzenten, Multiplikatoren und Nutznießern einer "öffentlichen Meinung" nach, die wenig mehr darstellt als ein Instrument zur Lenkung des bürgerlichen (Wähler-)Stimmungspotentials.

Auf der anderen Seite dieser Gleichung steht demnach ein veränderter Grundcharakter eben dieses demokratischen Staatsbürgers, der sich vom gemeinschaftlich interessierten und engagierten Citoyen nach neuzeitlich-aufklärerischem Ideal zum wesentlich am System parasitierenden politischen Verbraucher gewandelt habe. Dieser wolle nicht mehr vom Staat im Austausch gegen seine Loyalität und finanzielle Duldung lediglich beschützt und ansonsten in Frieden gelassen werden, sondern schiele vielmehr auf eine möglichst umfassende gesellschaftliche Versorgung, gegebenenfalls durch Umverteilung.

Diese Geisteshaltung aber zeugt von einem und perpetuiert einen grundlegenden, gesellschaftsimmanenten Neid und Argwohn: Wo alles und jeder auf Teufel komm raus nicht nur vor dem Gesetz, sondern in allen Lebensbereichen gleich sein soll, da wird eifrig nach denjenigen gefahndet, die aus dem großen grauen Mittelmaß herausstechen. So ist ein fairer Wettbewerb der unterschiedlichen freien Meinungen untereinander gar nicht möglich (womit auch die "Entschuldigung" des allzu unkritischen Medienkonsums vom Tisch ist); vielmehr kann die dogmatische öffentliche Meinung weitestgehend konkurrenz- und mühelos ihren Herrschaftsanspruch durchsetzen.

So wird das (politische) Meinungsfeld zu einer bloßen Branche, die sich verhältnismäßig leicht zentral bewirtschaften läßt – ganz nach den Thesen des Pioniers auf diesem Feld, Walter Lippmann, dessen demokratie- und medienkritisches Standardwerk Die öffentliche Meinung (EA London 1922) bis heute akut geblieben ist. Zentrale Lenkung durch mit der Politik eng verbundene Informationsnoden (Gatekeeper), verinnerlichter sozialer Druck auf und durch den einzelnen sowie die Etablierung einer festen Begrenzung des Sagbaren (Overton window) einer Meinungslenkung, durch die der Durchschnittsbürger das glaubt, von dem er glaubt, daß alle es glauben.

Thor v. Waldstein schält gründlich und schonungslos heraus, wie und weshalb der politmediale Komplex die Repräsentation und Umsetzung des Willens freier und eigenverantwortlicher Staatsbürger unterminiert und sein eigenes Fortbestehen an den Futtertrögen der Macht absichert. Ihm ist eine sich aus vielen Quellen speisende Analyse gelungen, die nicht bloß bereits vorhandene diffuse Vorurteile bestätigt, sondern viel weiter in die Tiefe geht, Lust auf eine eigene nähere Beschäftigung mit dem Thema macht – und vor allem auch zum Hinterfragen des eigenen medialen Konsumverhaltens einlädt, was vielleicht der wichtigste Teilaspekt ist.

Anschauen lohnt sich – eine möglichst weite Verbreitung ist ausdrücklich erwünscht!


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (11)

Ruewald
28. September 2017 13:25

In dem Zusammenhang sei auf die folgende durch die Schweizer Institution, «Swiss Propaganda Research», veröffentlichte umfangreiche Studie hingewiesen:  «Die Propaganda-Matrix: Wie der CFR (=Council of Foreign Relations) den geostrategischen Informationsfluss kontrolliert». https://swprs.org/die-propaganda-matrix/ Diese Studie müsste Pflichtlektüre in allen um Realitätsbewusstsein bemühten Foren, Bürgerrunden und Studienseminaren sein. Gut belegt und mit Netz-Graphiken legt die Studie dar, wie nicht nur deutsche Medien ins Netzwerk des CFR eingebunden wurden und sind, sondern auch NGOs, Denkfabriken und Experten, Militär, Geheimdienste, Regierungen, Hollywood, das Friedensnobelpreiskommitee, PR-Büros, Nachrichtenagenturen, Medieneigner und Chefredakteure und einzelne Journalisten, etc. Das Netzwerk des Councils kann von einer verdeckten Operation (z.B. Op. Gladio) bis hin zur medialen Bericht­erstattung eine ganze Ereigniskette dirigieren und so eine künstliche Realität erschaffen, mit der sich die Öffentlich­keit nahezu beliebig lenken lässt. Die Nachrichtendienste dienen als Propaganda-Multiplikatoren. Besonders subtil ist die Strategie der "seriösen Medien": Seriöser Journalismus bildet überhaupt erst die Grundlage für die Glaubwürdigkeit der traditionellen Medien, auf deren Basis dann gezielt und wirkungsvoll geopolitische (und andere) Propaganda lanciert werden kann. Denn der arglose Leser und Zuschauer hat kaum eine Chance, zwischen zwei ehrlichen Beiträgen die geschickte Manipulation zu erkennen oder auch nur zu erahnen. Dadurch erhellt sich vielleicht das Paradoxon, daß überdurchschnittlich hoher IQ (bei akademisch Ausgebildeten) erschreckend wenig mit "politischer Zurechnungsfähigkeit" korreliert. Die "gebildeten" Leser halten z.B. die Zeit , die FAZ, etc. für "seriöse" zuverlässige Informationsquellen, ohne die subtile Manipulation zu merken.

Nautilus
28. September 2017 20:33

Vielen Dank für diese hervorragende Rede. Besser kann man es nicht mehr auf den Punkt bringen. Wie immer genial.

Ralf Beez Ofw d. R.
28. September 2017 21:51

Werter Ruewald

Herzlichsten Dank und ein aufrichtiges Vergelt´s Gott in allerdeutlichst verschärfter Form für Ihren Hinweis, über den ich mich sehr gefreut habe, im wahrsten Sinne des Wortes ein kleines Juwel, daß möglichst weit verbreitet werden muß ! MkuvG !

Ein gebürtiger Hesse
28. September 2017 22:15

Wunderbarer Vortrag. Sechs von fünf Punkten. Wenn man von Waldstein zuhört, ist es automatisch so, als würde man in seinen besten Anzug schlüpfen, so wie früher die Leute am Sonntag, und innerlich echte Form und Haltung gewinnen. Das ist ein kostbares Moment, für das ich ihm dankbar bin.

Der_Jürgen
29. September 2017 01:17

VIelen Dank für die Vernetzung dieses Referats. Thor von Waldstein muss ein hervorragender Anwalt sein. Er argumentiert so logisch und überzeugend, dass es praktisch unmöglich ist, irgendwelche Schwachstellen in seiner Beweiskette zu finden.

Stil-Blüte
29. September 2017 14:21

Hervorragend! In jeder Hinsicht! Stilsicher! Wie gekonnt er jeden deutschen Rahmen-Satz vom Anfang bis zum Punkt so in der Schwebe zu halten vermag, dass Mitdenken auch dann ermöglicht, wenn die Materie dem Kopf weniger zugänglich ist. Wahrlich, ein großer Kopf.

@ Ruewald

Und Sie setzen noch eins drauf. Nirgendwo so kundig, so präzise, so umfassend darüber gelesen, was die imperiale Herrschaft, ja Diktatur der USA mit sich bringt.  

Neffe Mannheims
29. September 2017 17:02

Genialer Mann.

Jürg_Jenatsch
30. September 2017 17:20

Ein exzellenter Mann, der es verdient hätte, in einem besseren Deutschland den Posten eines Justizministers wahrzunehmen. Einer seiner besten Vorträge. Glückwunsch.

Gerhard Vierfuß
1. Oktober 2017 01:22

Anders als bei seinem früheren Vortrag in Schnellroda zum Thema Metapolitik kann ich dieses Mal nicht umhin, in den Chor der Lobpreiser einzustimmen: eine wirklich ausgezeichnete Analyse des Geflechts von Öffentlichkeit und Macht in der modernen Massendemokratie, ein Augenöffner für alle, die immer noch an die Herrschaftsfreiheit des öffentlichen Raums glauben. Thor von Waldstein ist in gewissem Sinn unser Pendant zu Rainer Mausfeld, der aus linker Perspektive ebenfalls die Machtverhältnisse im öffentlichen Raum schonungslos bloßlegt (z.B. hier: https://www.youtube.com/watch?v=es9BUfdQCqk&ytbChannel=KenFM). Einen Mann wie Waldstein als Mitstreiter auf unserer Seite zu haben, kann gar nicht zu hoch bewertet werden.

Ruewald
1. Oktober 2017 01:43

@Ralf Beez Ofw d. R. ,  @Stilblüte  - Danke für die Reaktion. Hier hat man es etwas schwer, bei dem exklusiven Kreis der dominierenden Sezession-Diskutanten Resonanz zu bekommen, wenn man nicht regelmäßig teilnimmt. Die Studie ist übrigens hervorragend referenziert. Jeder Beleg ist blau unterlegt und verlinkt direkt auf den entsprechenden Artikel im Web oder eine Pdf-Datei. Beispiele sind weitere Studien der Swiss Propaganda Research, wie z.B. https://swprs.org/der-propaganda-schluessel/ https://swprs.org/der-propaganda-multiplikator/ oder z..B. der direkte Link auf einen Abschnitt aus dem wichtigen Buch von Noam Chomsky et al.: Manufacturing Consent : https://chomsky.info/consent01/ Hier assoziiert man sofort die Politik der sogenannten "Flüchtlingskrise": mit welch raffinierten Mitteln in der Bevölkerung  "Zustimmung fabriziert" wird. Mit instrumentellem Moralismus - wie ich es nenne - wurde erfolgreich an die Hilfsbereitschaft appelliert, um eine Masseneinwanderung moralisch zu "legitimieren", die aber letzlich ein wesentlicher Teil der Durchsetzung der Neuen Weltordnung ist.

Der Feinsinnige
1. Oktober 2017 02:07

Höchst eindrucksvoll! Es ist wirklich begrüßenswert, daß Vorträge der Veranstaltungen in Schnellroda ins Netz gestellt werden. Ich war zunächst etwas weniger motiviert zum Abhören wegen der Länge des Vortrages und weil mir als langjährigem Leser von JF, Sezession etc. die Problematik grundsätzlich nicht fremd ist, dachte, ich lese besser nach Veröffentlichung den Text – aber es hat sich jede Minute des Zuhörens gelohnt! Und: Ich gehe davon aus, daß es immer auch Leser dieses Blocks gibt, die zufällig oder neu hier sind, und auch und gerade diesen Lesern sei der Vortrag ernstlich ans Herz gelegt. Man sieht, hört und liest hinterher die „etablierten“ Medien anders, kritischer und begreift plötzlich viele Zusammenhänge, die man vorher allenfalls vage erahnen konnte, ohne sie wirklich zu verstehen. Der gedruckte und erweiterte Text, dessen Erscheinen in der „Kaplaken“-Reihe der Vortragende angekündigt hat, wird ein absolutes Muß sein. Der Vortrag zeigt, welcher Mammutaufgabe gerade das IfS, die Sezession und Antaios sich verschrieben haben. Aber er zeigt dem informierten Zuhörer auch (Stichworte „mißliebige Zeitschrift“, „Graswurzeljournalismus“) wieviel heute schon erreicht worden ist an oppositioneller Gegenöffentlichkeit im Bereich der virtuellen, aber auch gedruckten Medien (JF, Sezession, eigentümlich frei, Blaue Narzisse, Zuerst, Compact, Tichys Einblick, Cato, um nur einige zu nennen). Eine einzige leise kritische Anmerkung meinerseits: Thor von Waldstein spricht die meiste Zeit in seiner harschen Kritik pauschal von (allen) „Journalisten“, fügt dann an der einen oder anderen Stelle immerhin ein „die meisten“ oder ein „mit sehr wenigen Ausnahmen“ hinzu. Ich bin der Überzeugung, daß es mehr Ausnahmen gibt, als der Vortrag zuzugestehen scheint (sicher am wenigsten in den besonders wirkmächtigen ö.-r. Medien), teils offen, teils auch (noch) still. Gerade die noch stillen Ausnahmen, die vielleicht gar nicht so selten sind, werden eine wichtige Rolle spielen, wenn der von Thor von Waldstein prognostizierte „Schweigemauerfall“ tatsächlich eintritt. Der Kampf um die noch stehende Mauer des Schweigens ist jedenfalls längst voll entbrannt.

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