Sezession
25. Oktober 2017

Mit Nicht-Rechten reden: Ich seh was, was du nicht siehst

Martin Lichtmesz / 22 Kommentare

Die Welt hat die Buchmessenschlager "Mit Linken leben" und "Mit Rechten reden" per Zitateauswahl in einen fiktiven Dialog treten lassen. An der Gegenüberstellung kann man gut ablesen, welche Rolle der Hype um das letztere Buch für das Narrativ der Mainstreampresse spielt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Zunächst möchte ich bezweifeln, daß sowohl das eine als auch das andere Buch bislang wirklich gründlich gelesen wurde. Lob und Kritik, wie sie etwa von Ijoma Mangold geäußert wurden, sind gleichermaßen oberflächlich und scheinen sich mehr an diskurspolitischen Aufträgen und Schablonen zu orientieren.

Mangold gibt vor, sich über den so weit und so hoch springenden "homerischen Witz" (was auch immer damit gemeint ist) von MRR schlappgelacht zu haben, aber ich kaufe ihm nicht ab, daß er tatsächlich aus diesem "als Sachbuch getarnten Mindfuck" (taz) so schlau geworden ist, wie er tut. Zumal das Buch, wie Götz Kubitschek schrieb (und wie Per Leo uns im mündlichen Gespräch bestätigte), "derart vollgestopft" ist "mit Anspielungen selbst auf entlegene Texte und atmosphärische Schnipsel aus unserem Kosmos, daß wohl nur wir selbst in der Lage sind, das alles zu entschlüsseln".

Trotz des Untertitels handelt es sich bei MRR um alles andere als um einen "Leitfaden"; es ist eher ein quasi-experimenteller Knäuelsalat, über dessen Gelingen die Autoren wohl selbst Zweifel beschlichen haben, sehen Sie sich doch veranlaßt, den insgesamt ziemlich kurios und uneinheitlich geratenen literarischen Basiliskenkentaur mit etwas verdächtig exponiertem Selbstbewußtsein zu rechtfertigen:

Ob man es dann Literatur, Mythos, Parabel oder Fiktion nennt, ist in diesem Fall nebensächlich. Wichtig ist, dass sich jeder Leser seinen eigenen Reim darauf machen muss. Sollten diese Stellen für Sie dennoch rätselhaft bleiben, ist das nicht schlimm, den Rest des Buches kann man auch ohne sie verstehen. Aber vertrauen Sie uns: Wir haben uns etwas dabei gedacht. Und vor allem wissen wir, dass es Leser gibt, die sich einen Reim darauf machen können.

Die eklatanteste Schwäche des Buches liegt auf der Hand: Es wurde verfaßt, bevor einer der Autoren wirklich mit "Rechten" geredet hat, insbesondere jene Rechten, die in diesem Buch ständig implizit wie explizit präsent sind, nämlich wir Sezessionisten und Schnellrodianer (ich lasse hier meine Twitterscharmützel mit Daniel-Pascal Zorns Internetpersona außer acht, die kaum als "Gespräche" bezeichnet werden können). Kubitschek bemerkt treffend:

Sie reden nicht mit uns, sondern mit unseren Büchern, vor allem mit unserem Gesprächsband Tristesse Droite [M.L.: also ein Buch, in dem Rechte mit Rechte reden] , der in zwei Auflagen erschien und Kultstatus errang. Man kann also nicht recht behaupten, daß in diesem neuesten unter den Annährungsbüchern bloß über uns geredet würde – es ist eher ein Zu-uns-Sprechen, eine Art Monolog von dreien, die auf ihrem Vorstoß ins Herz der Finsternis Dinge erlebt und Erfahrungen gemacht haben, mit denen sie nun fertigwerden müssen.

Auch mein Eindruck war, daß die Autoren (ich vermute aufgrund des schillernden literarischen Stils, der weit entfernt ist von den zähflüssigen Texten, die Zorn und Steinbeis veröffentlicht haben, daß der Löwenanteil, nomen est omen, Per Leo gehört) in diesem Buch eher damit beschäftigt waren, ihre eigenen Gehirnwindungen auszuwickeln und auszustellen. Sobald "wir" von "ihnen" direkt angesprochen werden, schalten sie auf einen zumeist arroganten und herablassenden Ton um, den man als Angesprochener tierisch nervig empfinden kann, besonders, wenn man mit Befindlichkeiten zugelabert wird, die einen nichts angehen. Ich als dezidiert "Rechter" (womit ich es allen Schubladenfreunden ja ziemlich leicht mache) und Sezessionist habe mich kaum angesprochen gefühlt; zu offensichtlich war es, daß sich hier jemand an seinen eigenen Mißverständnissen und Bataillonen von Pappkameraden abarbeitet. Umso kurioser (und dreister) erschienen mir dabei Sätze wie diese:

Es ist und bleibt ja bis auf Weiteres so, dass wir euch deutlich weniger brauchen als ihr uns.

"Uns"? Wen meinen die Autoren damit? In wessen Namen sprechen sie hier? Als "Linke" wollen sie ja nicht abgestempelt werden, als "Nicht-Rechte", wie sie sich selbst nennen, siedeln sie sich selbst in einem vagen Bereich an, den sie selbst kaum definieren können, der aber "Linke" inkludiert (und, wie sie es ironisch nennen, »Grundgesetzfans« oder »freiheitlich-demokratische Edelmenschen"). Ich weiß jedoch ehrlich gesagt nicht, wen oder was sie meinen, wenn sie sagen (obwohl ich das theoretisch ja müßte, da ich angeblich so "besessen" bin):

Wenn Rechte reden, dann  haben sie dabei uns Nicht-Rechte, unsere Reaktionen und unsere Antworten, fest im Blick. Sie sind sogar geradezu besessen von uns. Sie müssen, um als Rechte zu existieren, gegen uns reden.

Wird nicht umgekehrt eher ein Schuh daraus? Erleben wir heute nicht einen gesellschaftlichen Konsens, wonach "die Rechten" oder was man gerade so nennt, immer irgendwie "die Anderen" sind, die nicht dazugehören, nicht reindürfen oder ausgestossen werden müssen, die Aliens und Störenfriede "mit Haß und Kälte im Herzen" (schnüff), die angeblich "unsere Demokratie" zerstören wollen? Kommen die Helldeutschen ohne den Satan der Dunkeldeutschen aus? Haben die Autoren bedacht, daß "rechts" selten eine Eigen-, häufiger eine Fremdzuschreibung ist?

Steht dazu nicht im Widerspruch, daß "Linke" als unkontroverser Teil des Systems gelten, selbst wenn die  (teilweise staatssubventionierten) Rabauken der Antifa manchmal gescholten werden, wenn sie zu sehr über die Stränge schlagen? Wie ist das mit dem der Links-Rechts-Dichotomie zugrundeliegenden Schema Links-Mitte-Rechts vereinbar? Haben wir nicht eine Republik, die sich dezidiert, fundamental, ritualistisch als "anti-rechts" betrachtet und inszeniert? Sind unsere "Konservativen" (vulgo: Rechte, das kann man drehen und wenden, wie man will) nicht schon längst links aufgeweichte und zahnlos gemachte Teile eines Kartells, das keine echte Opposition mehr zulassen will?

Da kann ich den Autoren einen ihrer vielen projektiven Sätze zurückgeben: "Wir hätten im Grunde auch nichts gegen Nicht-Rechte. Wenn sie uns nicht andauernd sagen würden, was uns antreibt und wer wir sind", und zwar meistens nach Vorgaben der Linken (wie MRR am laufenden Band bestätigt; am bedeutendsten die Übernahme des linken Mythos des rechten "Opfermythos"). Sie geben ihren Linksdrall (und damit den Linksdrall dessen, was sie "Nicht-Rechte" nennen) selbst zu:

... wenn die Linke leidet, leiden wir mit. Nur weil wir uns anderen Zielen verschrieben haben, ist uns ihr Projekt ja nicht egal. Wie könnte es uns egal sein, wenn Menschen Not leiden? Wenn Arbeitskraft ausgebeutet wird? Wenn Angehörige bestimmter Schichten oder Religionen, Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe, Frauen oder Homosexuelle diskriminiert werden? Die Ziele der Linken waren immer schon wichtig, so wie ihr Hang zur Selbstgerechtigkeit immer schon fatal war. Wir sind nicht-linke Humanisten und nicht-linke Dialektiker. Darum liegt uns die Linke am Herzen.

Das alte Laster der der Liberalen (verzeiht, aber da paßt ihr "Nicht-Rechten" am besten hinein): "Pas d'ennemis à gauche!" Nun aber dieser Konsens: Ist er nicht in Wahrheit eine (durchaus wirkmächtige) Fiktion, die die Indifferenten, sich "in der Mitte" wähnenden oder Unwissenden vor sich hertreibt, ein Instrument der sozialen und politischen Kontrolle, das vorrangig von den linksliberalen und (nicht nur nicht- sondern dezidiert anti-rechten) Massenmedien und ihren Tonangebern und Hohepriestern erzeugt wird, die für sich reklamieren, die "öffentliche Meinung" , ja das "Wir" der "Demokratie" zu repräsentieren? Nun, dann kann man beobachten, daß sich immer mehr Menschen nicht mehr von diesem medial simulierten "Wir" der "Nichtrechten" repräsentiert fühlen.

Wir haben diese Fragen im ersten Teil von MLL jedenfalls wesentlich detaillierter und komplexer beantwortet als MRR und gehen keineswegs von einer einfachen Dichotomie "Rechte" (kleine Gruppe von spinnerten Sprachspielprovokateuren) vs. Gesamtheit der "Nicht-Rechten" (Rest der Welt) aus, aber das konnten die Autoren ja nicht wissen.

Wenn sie aber, was eher dem Sound von MRR entspricht, in ihrem eigenen Namen sprechen, als Leo(-Steinbeis-Zorn), und man diesen obigen Satz wörtlich nimmt, dann paßt es erst recht nicht: Da quatschen mich als rechten Adressaten drei Typen an, die beanspruchen, für die Gesamtheit der "Nicht-Rechten" zu sprechen, die ein ganzes Buch über ihre um uns kreisenden Obssessionen geschrieben haben, und die mir bis zur Verlagsankündigung (im Frühjahr) des Meisterwerks kaum bekannt waren.

Leo kannte ich flüchtig durch eine Buchrezension Ellen Kositzas, Steinbeis durch ein ein, zwei Artikel über die "Neue Rechte" (in dem total nicht-linke Sätze stehen wie "Sellner ist ein weißer Hetero-Mann voller Angst"), und Zorn ebenfalls nur, weil er sich über uns geäußert hatte, sich dabei als großer "demokratischer" Wegweiser aus der Krise der "deutschen Diskussionskultur" empfiehlt und irgendwann angefangen hatte, mit mir herumzuzwitschern. Mit anderen Worten, ich würde mich mit allen dreien gar nicht erst beschäftigen, wenn sie sich nicht mit "uns" beschäftigen würden. Ja, der Name, den sie sich geben, ist eine bloße Negation des unseren: "Nicht-Rechte". Wer braucht also wen so "dringend"?


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (22)

Franz Bettinger
26. Oktober 2017 08:51

Wenn das Begriffspaar Rechts / Links überflüssig wäre, existierte es nicht. Was wäre falsch daran, so wie man die Norm über die Zahl definieren kann, Links und Rechts über die Gleichheit zu definieren bzw. deren Gegenteil? Das Bejahen oder Negieren von Gleichheit der einzelnen Menschen, Geschlechter, Völker und Rassen ist der Schlüssel zum Verständnis. Links ist das Negieren von Unterschieden und das Streben nach Gleichheit (Gleichmacherei). Rechts das Gegenteil. Rechts ist das Erkennen und Anerkennen von Unterschieden. Links glaubt, niemand sei im Grunde echt für sich verantwortlich, alles sei unverschuldet und entweder genetisch oder Umwelt-bedingt. Rechts bestreitet das. Rechts glaubt, es gäbe immer auch eine Mit-Verantwortung für das eigene Schicksal, und der Nützliche (Fleißige, Begabte) sollte Vorteile (z.B. mehr Geld) aus seinem Leistungs-Plus erzielen dürfen. Rechts anerkennt das Leistungs-Prinzips und hat nichts gegen Leistungs-Eliten. Links strebt nach einem leistungslosen (Grund-) Einkommen. Was ist an meiner Definition ungenügend?

Ich finde, eine humane Gesellschaft sollte, sofern sie sich es leisten kann, zwischen den Polen Links und Rechts einen Kompromiss herstellen. Zur Zeit ist das Pendel aus der Verankerung geflogen. Ekelhaft die exorbitanten Manager-Gehälter und Boni. Ekelhaft auch, dass Manager und Politiker sich in der Regel verlustfrei und straflos aus der Verantwortung stehlen können. Nicht weniger abstoßend finde ich das Immer-Enger-Flechten der sozialen Hängematten und erst recht die Forderung nach Solidarität mit dem ganzen Globus.

Ich habe nichts dagegen, als Rechter bezeichnet zu werden. Ich nenne mich selber so, nachdem ich definiert habe, was das ist, ein Rechter. Er anerkennt Unterschiede. Nicht mehr und nicht weniger, basta. Dennoch frage ich mich, wer die echten Nazis zu Rechten gestempelt hat, denn nach ihrer eigenen Einschätzung waren sie das nicht. (Dazu gibt es viele Quellen und Zitate.) Ich vermute, die DDR-Bonzen steckten dahinter. Die mussten sich irgendwie vom S und vom A in der NSDAP abgrenzen. Die DDR war es auch, die aus demselben Grund den Nazis das Attribut faschistisch angehängt hat, um vom Linken und Sozialistischen der NSDAP abzulenken. Zeuge und Quelle: Marcel Reich-Ranicki. Die Länder, die das Wort "Links" groß auf den Fahnen stehen hatten, waren nicht die bunten, weltoffenen, sondern die, die sich am meisten nach innen und außen verschlossen hatten: die UDSSR, DDR, Nord-Korea, China, Kuba, Albanien... .

Franz Bettinger
26. Oktober 2017 09:07

Die hirnlosen Neuen Linken begegnen gerade ihrem schlimmsten Traum, dem intelligenten Neuen Rechten, der die historischen Nazis ablehnt, die soziale Schräglage inklusive der Manager-Boni, TTIP und der Auswüchse im Super- und Finanz-Kapitalismus korrigieren will; der gegen die scheinheiligen Kriege der NATO und gegen deutschen Waffen-Exporte ist; der die Sanktionen gegen Russland und Syrien beendet sehen will. Das sind alles urlinke Positionen, und die haben mit dem Klischee des bösen Rechten nicht die Bohne zu tun. Ich bin gespannt, wie lange die Linken noch das Spiel spielen wollen, ihre Köpfe gegen die Wand der harten Wirklichkeit zu rammen.

A. Kovács
26. Oktober 2017 09:25

Verehrter Herr Lichtmesz, Ihre sorgfältigen Argumentationen sind verlorene Liebesmüh.

ML: Weil Sie nicht nachgedacht haben, ehe Sie gepostet haben, und nicht kapieren, für wen ich hier argumentiere.

„Nimm mich ernst, nimm mich ernst!“ Die Linke nimmt nicht ernst. Wir sind in Deutschland über das Stadium des Miteinander-Reden-Könnens schon längst hinaus, und die Rechten sind nicht schuld daran. Auf dem Markt, der Arbeit, im Zug, im Restaurant erleben Freunde und ich nur Niederbrüllen und Gewaltandrohung, wenn die Sprache auf die bekannten Probleme kommt. Bestenfalls rennen die Linken davon wie vor Aussätzigen. Bei denen, die solchen „Disputen“ still zuhören, kann man eventuell hoffen, dass sie sich ihr Teil denken. Doch ist es unfassbar, wie stark auch Leute, die sich für konservativ halten, von linken Gedanken durchsetzt sind.

ML: Steht alles in "Mit Linken leben".

Es bleibt, sich von keiner Zeitgeistigkeit anstecken zu lassen, das Bewußtsein möglichst vieler Leute durch ständige Wiederholung einfacher Wahrheiten zu schärfen und zu hoffen, dass die ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse sich weiterhin so verschlechtern, dass eine Krisis eintritt. Es muss Deutschland noch viel schlechter gehen. Das Sein wird nach dem alten Marx das Bewußtsein am ehesten verändern. Solange die Rente und der Urlaub auf Malle einigermaßen sicher sind, passiert gar nichts. Unsereins kann nur wie das Salz der Erde wirken.

H. M. Richter
26. Oktober 2017 10:33

"Die eklatanteste Schwäche des Buches [Mit Rechten reden; H.M.R.] liegt auf der Hand: Es wurde verfaßt, bevor einer der Autoren wirklich mit "Rechten" geredet hat, insbesondere jenen Rechten, die in diesem Buch ständig implizit wie explizit präsent sind, nämlich wir Sezessionisten und Schnellrodianer."" [M. L.]

Der zulässige Vergleich mit hypothetisch angenommenen Schriften wie "Mit Motorrädern fahren", "Mit Kindern spielen" oder "Mit Buntstiften malen", deren Verfasser zuvor nicht die im jeweiligen Titel angeführten Handlungen ausgeführt haben, zeigt überaus deutlich, daß es sich hierbei wohl doch um weit mehr handelt als lediglich um eine "Schwäche" ... Auch erinnert es - vermeintlich entfernt, doch letztlich gefährlich nah - an Sätze wie "Mit Klassenfeinden braucht man gar nicht erst zu diskutieren, denn schließlich weiß man nur zu genau genau, was die wollen";                              Sätze, welche in einer verhängnisvollen Traditionslinie liegen, die gerade in Sibylle Bergs Aufruf "Die Zeit des Redens ist vorbei" mündete.

deutscheridentitärer
26. Oktober 2017 11:00

Vielen Dank Herr Lichtmesz für diesen Artikel, darauf warte ich seit längerem! Ich sehe diese ganze Entwicklung seit der Buchmesse positiv. Zum einen haben diejenigen, die uns nicht aus dem Diskurs schließen wollen, durch die Ereignisse dort wie auch eben durch MRR eine sichtbarere Präsenz erlangt. Zum anderen ist der Teil, der uns aus dem Diskurs ausschließen will, gezwungen worden, dieses Vorhaben öffentlich zu explizieren und hat die Bruchlinie mit dem diskurswilligen Teil verstärkt.

Zorn und Co. meinen, uns in einem Diskurs argumentativ stellen zu können - verständlich, wenn man wie Zorn die Kunst des Argumentierens zu einem wesentlichen Teil seiner Forschungen gemacht hat und auch ansonsten sehr umfassend gebildet ist. Ich bin aber zuversichtlich, dass Lichtmesz und Co. auch vor einem Zorn bestehen können, und der obige Artikel bestätigt mich darin.

Ich würde es begrüßen, die Autoren von MRR nun beim Wort zu nehmen und mit Ihnen in einen direkten, öffentlichen Austausch zu treten - eventuell kann man ihnen für ihre Replik ja sogar diese Seite zur Verfügung stellen. Das würde vielleicht das Narrativ unterminieren, dass wir an einem Diskurs nicht oder nur unter unfairen Bedingungen bereit wären, unterminieren.

Preußischblau
26. Oktober 2017 12:10

die sybille ist ein faules früchtchen, ein dummes ist sie nicht. vielleicht hat sie  beide bücher gelesen, nun schwant auch  ihr, dass die partie auf geistiger ebene nicht mehr zu gewinnen ist , also fordert sie, dass das brett vom tisch gefegt und der spieler gelyncht wird.

ob sich zorn & co eine niederlage eingestehen könnten?

Corax
26. Oktober 2017 12:25

Das sogenannte linke Denken der heutigen Tage, und um manchen doch noch existenten rechten (will sagen: richtigen) Linken nicht zu beleidigen, sag ich lieber: das heutige selbsternannt linke Denken der heutigen Denkfaulen (denn auch „Denken“ ist zu viel gesagt, aber ich unterlasse es hier, eine passendere Bezeichnung für diese Mentalzuckungen zu finden), erscheint mir so abgeschmackt und abgestanden, so dröge und langweilig, so vermieft und verfault, und insgesamt so jämmerlich und therapiebedürftig (wobei ich für mein Teil nicht bereit bin, hier als Therapeut einzuspringen ), dass ich seit langem nichts mehr lese, was von dieser Seite in die Welt hineinlaboriert und -lamentiert, immer aber hineingemüllt wird. Ich habe viele Jahre große Mengen dieses Mülls rezipiert also in mich hineingeschaufelt, und mir in der Folge daran einen Ekel geholt. Denn genauso wie irgendeine unverdauliche Biomasse einem Organismus nicht gut bekommt, da es keine verwertbaren Nahrungselemente enthält und nur den Verdauungstrakt traktiert, so traktieren auch irgendwelche Wortmassen mit fehlenden inneren und äußeren Bezügen, bei denen es sich naturgemäß nur um willkürlich mit dem Besen der Mode zusammengekehrten Wortkram handelt, Seele und Geist des damit Zugetexteten, da sich aus dem verbalen Unrat keinerlei Sinn destillieren lässt. Der Dreck bleibt mir daher weg. Nur in homöopathischen Dosen „rezipiere“ ich da noch das eine oder andere, so wie ein Arzt Stuhlproben untersucht. insgesamt aber lasse ihn achtlos in der Gosse liegen, wo er hingehört. Da können sich die sich selber „Linke“ Nennenden gern drin suhlen und sich mit dem herumliegenden Wortabfall vollstopfen, meinetwegen bis sie sich irgendwann daran zu Tode kotzen.

Der_Jürgen
26. Oktober 2017 13:06

Ein echter Lichtmesz; messerscharf analysiert, elegant formuliert. Ich wollte "Mit Rechten reden" eigentlich kaufen, werde aber nach der Lektüre dieses Textes davon Abstand nehmen, weil ich mein Geld besser verwenden kann.

Es mag ja keine sonderlich neue Erkenntnis sein, aber man darf es ruhig noch einmal sagen: Der Dialog mit der Gegenseite ist so unmöglich wie ein Gespräch zwischen einem Zulu und einem Eskimo, von denen jeder nur seine eigene Sprache versteht. Ich habe das in früheren Zeiten, als ich noch mit  Linken zu debattieren versuchte (ich spreche hier von westlichen Linken, denn mit einem russischen Kommunisten kann man sehr wohl fruchtbar diskutieren, zumal man in vielen wichtigen Fragen ohnehin mit ihm einig ist), immer wieder bemerkt; heute probiere ich das nur noch sehr selten und sehe meine damalige Erfahrung stets bestätigt. Wir reden aneinander vorbei.

Wir wollen nicht, dass unser Volk von Orientalen und Afrikanern verdrängt wird; die Linken antworten darauf mit dem Vorwurf des "Rassismus" und der "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit". Reagieren wir hierauf mit der Frage, ob die Indianer, die sich gegen ihre Verdrängung durch weisse Siedler wehrten, denn auch Rassisten gewesen seien und einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gehuldigt hätten, stehen sie da wie der berühmte Ochse vor dem Berg und brechen entweder das Gespräch ab oder kommen mit dem nächsten leeren Schlagwort.

Es tut mir  manchmal leid um Denker wie Lichtmesz, Kubitschek und die anderen, die sich hier zu Wort melden. Sie möchten sich gerne mit Gegnern messen, die in der gleichen Liga spielen wie sie, so wie sich Bayern München lieber mit Borussia Dortmund misst als mit der Reservemannschaft der Sportfreunde Hinterkaffigen, aber sie finden keine. Achilles hält Ausschau nach einem Hektor, der ihm im Waffengang entgegentritt, aber anstellte eines Hektor findet er einen Thersites.

marodeur
26. Oktober 2017 13:17

@A. Kovács: "Wir sind in Deutschland über das Stadium des Miteinander-Reden-Könnens schon längst hinaus, und die Rechten sind nicht schuld daran."

Ich fürchte, Sie haben Recht. Frau Berg drückt mit ihrem Gewaltaufruf nur aus, was in weiten Teilen der Bevölkerung bereits Konsens ist. Im persönlichen Umfeld musste ich feststellen, dass die üblichen "Framings" bereits in Fleisch und Blut übergegangen sind. Insbesondere die Themen "Mimikri/Entlarvung" und die unsägliche Opferverschwörung haben mittlerweile fast alle drauf. Gewaltaktionen oder Ausgrenzungsstrategien werden von vielen gutiert. Zweifel werden routiniert abgewehrt. Man habe ja aus der Geschichte gelernt, dass Gewalt gegen Despoten eine Lösung ist. Jetzt wäre die Chance da, "Babyhitler zu töten" (Titanic). Sicher überspitzt, aber eine schöne Kurzfassung des politischen Klimas.

Trotzdem muss der Dialogversuch fortgesetzt werden, denn die Sache steht gut für uns. Die Schweigespirale ist geknackt. Gerade unpolitische Menschen sind angwidert von den übliche Phrasen und Gewaltexzessen. Dieser schweigende Dritte ist unser Publikum. "Mit Linken reden" ähnelt ja leider eher einer Prüfung der Selbstbeherrschung. Letzteres reicht aber aktuell, um Verbündete zu gewinnen.

Gustav Grambauer
26. Oktober 2017 13:32

"Wenn die Verlagerung ihres Identitätsproblems für uns - die anderen - nicht so problematische Konsequenzen hätte, könnte man sich ausschütten vor Lachen oder Tränen des Mitleids vergießen über erwachsene Menschen, die sich statt in der Welt im Widerspruch zu ihr eingerichtet haben."

Wer denkt da nicht an das von Kierkegaard entliehene Dictum, mit dem mit dem sich Karl Marx als Spruch im Poesiealbum seiner Tochter eingetragen hat, "An allem ist zu zweifeln", oder an das Rosa-Luxemburgsche "Trotz alledem und alledem!".  Leo & Co. schütten sich also vor Lachen aus oder vergießen Tränen des Mitleids über / für Karl Marx und Rosa Luxemburg & Co. oder wie jetzt?!

"Har", ist das mal wieder selbstentlarvend, und entweder die haben`s nicht mal gemerkt oder die sind bei Alice Miller auf der Couch und arbeiten sich bewußt im Drama-Modus des begabten Kindes an ihrer Elterngeneration ab (wofür sie uns nur instrumentalisieren wollen, und allein dafür verdienten sie eine gehörige Abfertigung).

Obiger Satz ist ja sogar noch selbstentlarvender als der Lemmini-Satz par excellence:

"Das, liebe nicht-rechte Leser, ist unser Problem mit den Rechten. Nicht weil sie irgendwelchen Ideen anhängen, die vielleicht ein bisschen skandalös klingen mögen, aber tatsächlich nur schlicht und undurchdacht, jedenfalls nie im Leben mehrheitsfähig sind."

"Wer sich in einer kranken Welt für gesund hält, kann nur selber krank sein" usw. - das war noch bis vor kurzer Zeit genuin linkes Credo, ergo das Credo - sozusagen oder vielleicht auch 1:1 - der Eltern von Leo & Co. Es ist noch nicht lange her, da drehten sich nahezu die ganze Philosophie und fast alle Genres der Literatur, Filmkunst usw., weit über Sartre hinaus, um nichts anders als um den "Grundkonflikt von Individuum und Gesellschaft". Dieselben Protagonisten haben damals die Stalinisten im Ostblock angegriffen, weil bei denen dieser Grundkonflikt bis zum 17. Juni `53 offiziell-staatsdoktrinär als gelöst galt. (Prononciert wurde dieser Grundkonflikt damals auch als "Konflikt von Geist und Macht" bezeichnet, Johannes R. Becher hat dessen angebliche Lösung in an die griechische Antike angelehnten Elegien und Hymnen abgefeiert, wobei er selber genau daran zerbrochen ist.) Vom 17. Juni an haben sogar die allermeisten staatstragenden Stalinisten diesen Grundkonflikt unentwegt thematisiert, unentwegt ihre Finger in der Wunde gebohrt, damit praktisch nahezu alle Intellektuellen.

Gegenläufig kam mit der Hegemonie der Babyboomer von der "Weltgesundheitsorganisation" (schon diese Bezeichnung per se ist ein Lacher, "Klein-Mäxchen-Will-Die-Ganze-Welt-Gesund-Machen") ausgehend die Public-Health-Afterreligion auf, in der "Sozialgesundheit" erneut und auf eine etwas andere, etwas weniger kybernetische Masche als bei den Stalinisten zum Popanz erhoben wurde, und deren neuer Totalitarismus ("Gesundheitsdiktatur") bisher noch von den wenigsten gesehen wird. Damit sind wir im globalen Maßstab wieder sozusagen im Ostblock vor dem 17. Juni angelangt: die "Gesellschaft" wird offiziell als gesund erklärt, wenn du noch irgendein Problem hast, dann bist Du adaptionsgestört. Die ersten Stimmen regen sich von der Esoterik-, Positiv-Denkens- und Advaita-Szene ausgehend, die dir sagen, daß deine "Störungen" eine Zumutung für die "Umwelt" sind und daß du eine moralische Pflicht hast, "sozio-gesund" zu sein so wie alle anderen (ergo ein guter Einkommenssteuerbürger zur Abführung der Tribute). Es liegt nur an dir - heute noch irgendein "Problem" zu haben oder gar "sich im Widerspruch zur Welt eingerichtet zu haben" wie es Leo & Co. ausdrücken gilt als "narrow-sentimented", aber es gibt Medikamente und immer wirksamere Medikamente. Die Formel, zu der die Organisationspsychologie diesen Totalitarismus hat gerinnen lassen und die heute jeden Weltgesellschaftsjünger zur Verzückung bringt, lautet: "Don`t be part of the problem - be part of the solution".

Jeder muß für sich selber wissen, ob er sich nicht zu fein, zu aristokratisch ist, sich für diese Farce herzugeben. Aber die sollen gefälligst nicht versuchen, uns ihre Farce aufzunötigen, was leider mit ziemlichem massen- und gruppendynamischem - sowie hypermoralisch unterfüttertem - Druck geschieht. Für meinen Teil studiere ich nur gern wie ein Arvicolinae-Forscher, zu welchen metaphilosophischen 180-Grad-Wendehalsungen die Lemminge innerhalb von zwei Generationen so fähig sind.

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"... den ich auf die Formel Neoliberalismus + Kulturmarxismus bringen würde."

Meine noch etwas knackigere Formel,  die sich für mich sehr bewährt hat, hab` sie schon oft hier genannt, lautet Liberalbolschewismus. (Deshalb, lieber Martin, nehme auch ich gern Deinen Topos "Leo & Co." auf.) Der klarste und eindringlichste Nachweis des zugrundeliegenden Phänomens ist auf historischer Ebene zu finden, und zwar in der (Ex-)UdSSR der Jahre 1985 bis 1999 ausgehend von Gorbatschows Perestroika, dabei wiederum mit dem weiteren Verlauf der Biographien der Komsomol-Nomenklatura.

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"Schaut her, der Herr Philosoph ist ein Salonlinker, sollte das heißen, und ich bin ein Ritter des Volkes." / "Warum wir nicht die Mehrheit des Volkes vertreten"

Aufgabe für Leo & Co.: bei Google "maschke + vulgär-rousseauistisch" eingeben. Dürfte hier bei Sezession nur noch ein Abwinker sein.

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Oh, Martin,  ich bewundere Dich in Deiner Unermüdlichkeit, immer wieder in die "tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus" reinzugehen.

- G. G.

Herr K.
26. Oktober 2017 15:29

Mein Applaus für die Metapher des Minenfeldes, eine exzellente Beschreibung. Für die Rechte geht es jetzt vor allem darum jene Minen absichtlich in aufsteigender Reihenfolge explodieren zu lassen und die Linke in ihrer Ohnmacht zurückzulassen. Angriffe wie in Halle beschreiben letztlich nur deren neurotische Ausweglosigkeit nicht funktionaler Lösungen.

Aber: man muss nicht JEDE Mine zum explodieren bringen. Auch für uns gilt die Grenze des guten Geschmacks.

Hartwig aus LG8
26. Oktober 2017 15:48

Rechts ist eine Befähigung, Links ist ein Bestreben. Rechts ist Über-Leben, Links ist Besser-Leben. Rechts ist Acker und Saat, Links ist Dünger und Pflug. Rechts ist Lebenskraft. Links ist Lebensglück.

Es gab mal eine Zeit, da war das mein (vor- oder gar unpolitisches) Verständnis von Rechts und Links; beides mit Berechtigung, oft zusammenhängend, manches kaum zu trennen. Das Zweite auf dem Ersten fußend, somit immer sekundär, aber der menschlichen Natur eigen.  Und beides naturgemäß immer im gegenseitigen Kampf um die knappen Ressourcen.

Einem ernstzunehmenden Linken ist zu entgegnen, dass sein linkes Handeln und Tun zwingend rechtes Handeln und Tun voraussetzt (heute vor allem das unserer Vorfahren).  Wer das nicht anerkennt, ist wohl perse ein schwieriger Gesprächspartner für einen Rechten. Aber das aktuelle Ausmaß an Wirklichkeitsverleugnung lässt Debatten mit Linken bzw. den Karikaturen ihrer selbst, eigentlich kaum zu.

Selbstdenker
26. Oktober 2017 15:59

das schlimme an der ganzen Sache ist ja, wie kommt man an einen politischen Gegner ran, der die Diskussion fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Ich habe es vor langer Zeit öfters probiert, dass Ergebnis war gleich Null. Ich bin kein Intellektueller, und suchte daher das Gespräch mit dem sog. "normalen Linken" Das Ende vom Lied waren die üblichen Phrasen vom Nazi. Wenn einem die Dummheit bei einem Gespräch begegnet, dann weis man das man bei einem linken gelandet ist. Feigheit und Dummheit das sind die Merkmale diese Leute.

GeS
26. Oktober 2017 16:08

Der_Jürgen:

Ich würde MRR trotzdem eine Chance geben. Es enthält sicher grobe Mängel und einen teils nervigen Ton (es ist deutlich nicht aus einer Feder), ist aber originell und teilweise sogar brilliant geschrieben. Statt Verärgerung habe ich fast nur Amüsement empfunden. Insbesondere die Traumsequenzen, die ja auch Martin Lichtmesz gefallen, sind lesenswert. Politisch-kulturell finde ich es auch interessant.  Was wohl ein Psychologe in die  mantrahaften Selbstetikettierung als "Nicht-Rechte" interpretieren würde? Letztlich ist es doch schön, dass "Nicht-Rechte" feststellen und sogar öffentlich anerkennen, dass ihre eigenen "Verbündeten" auf der Linken diskursunfähige Schwachköpfe sind und dass die neue Rechte den Vorteil hat offen diskutieren zu können, während die "Linke" nur Kopf-in-den-Sand (oder Steinewerfen) spielen kann. MRR kann man über Antaios beziehen und Rechte bekennen, dass sie das Buch teilweise sogar gerne gelesen haben. Welcher linke oder "nichtrechte" Buchhandel würde sich das mit MLL trauen? Darauf kann die Rechte aufbauen, stolz und selbstbewusst.

Gustav
26. Oktober 2017 16:15

Im Gefolge der französischen Revolution kehrte der Weltanschauungshaß wieder. Seitdem gilt das Wort Lagardes: »Wir leben mitten im Bürgerkrieg. .... Er ist ein Kampf der Geister.« (Paul de Lagarde, Deutsche Schriften, 1884, AS. 176). Als sich im April 1995 Konservative in einem öffentlichen Appell dagegen verwahrten, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu bejubeln, reagierte ein Zentralratsvorsitzender einer einflußreichen Kultusgemeinde nach Formulierung Eckhard Fuhrs mit einem »politisch-moralischen Overkill« und »erklärte den geistigen Bürgerkrieg,« (Eckhard Fuhr, Überwunden, nicht befreit, in: FAZ, 11.04.1995, S. 1 [Leitkommentar]) indem er Konservative als »Nazis minus Völkermord« hinstellte. Aber nicht nur Vertreter handfester Interessen laufen im moralischen Kettenhemd herum. Alle Feindschaft erreicht als normative Feindschaft »ihren Siedepunkt in Religionskriegen und in Bürgerkriegen mit ihren juristischen, moralischen und ideologischen Verfemungen, d.h. in der Verabsolutierung des eigenen Rechts und der damit verbundenen Kriminalisierung des Gegners, der nicht mehr als Mensch anerkannt wird, sondern der als Störer, Schädling oder letztes Hindernis des Weltfriedens beseitigt werden soll.« (Carl Schmitt, Die geschichtliche Struktur des Gegensatzes von Ost und West, 1955, in: Staat, Großraum, Nomos, S. 522).

Normativistisch inspirierte Gesellschaftstheoretiker haben es sich darum auch nie verkneifen können, ihre Wahrheit mit staatlichen Mitteln dem Volke einzupflanzen. Fichte forderte ein staatliches Erziehungswesen mit nationalistischer Moral: Ganz im Stile des 18. Jahrhunderts und seines Erziehungsoptimismus solle die Freiheit »so eng als immer möglich beschränkt« und »alle Regungen unter eine einförmige Regel« gebracht und »immerwährender Aufsicht« unterstellt werden. (Vgl. Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, 1807-1808, 8. Rede, S. 138). Heutige Sozialtechniker finden hier eine gewaltige Spielwiese vor, schon unseren Kindergartenkindern ihre Betroffenheitsneurosen aufzupfropfen. Wie Pilze schießen die Mahnmale einer Moral als Geßlerhüte aus dem Boden, vor denen wir uns pflichtschuldigst zu verneigen haben. Dagegen wandte sich Schopenhauer unverändert aktuell: »Einige deutsche Philosophaster dieses feilen Zeitalters möchten den Staat verdrehn zu einer Moralitäts-, Erziehungs- und Erbauungs-Anstalt: wobei im Hintergrunde der jesuitische Zweck lauert, die persönliche Freiheit und individuelle Entwicklung des Einzelnen aufzuheben, um ihn zum bloßen Rade einer Chinesischen Staats- und Religions-Maschine zu machen. .... Dies aber ist der Weg, auf welchem man weiland zu Inquisitionen, [Ketzerverbrennungen] und Religionskriegen gelangt ist.« (Arthur Schopenhauer, D , 1841, § 17, S. 242).“ (Klaus Kunze, Mut zur Freiheit - Ruf zur Ordnung, 1995, S. 131).

S. J.
26. Oktober 2017 18:36

Der Artikel, aber auch die Kommentare hier sind ein Lesegenuss (vermutlich nur für Rechte). Nun, der Prozess des Urteilens hat eigentlich immer mit einem kränkenden Gefälle zu tun. Im harmlosesten Fall beurteilt auf einer weitgehend sachlichen Ebene eine dafür qualifizierte, kompetente Person etwas oder jemanden nach Kriterien der inhaltlich-formalen Stimmigkeit (eine Lehrkraft bspw. eine Schüler- oder Examensarbeit). Und selbst da gibt es regelmäßig Konflikte. Kompliziert wird es bei per se subjektiven Einstellungen zu mehr oder weniger offenen, heiß umstrittenen Fragestellungen (Politik). Da man es hier gewissermaßen mit Dichotomien zu tun hat, drückt sich das beschriebene Gefälle stets in bewusst vollzogenen Auf- und Abwertungen aus. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, in solchen erregt diskutierten Fragen überzeugen zu wollen oder es zu können. Man äußert sich und belässt es dabei. Es ist vertane Liebesmüh.    

Linkerhand
26. Oktober 2017 19:31

Die Frankfurter Buchmesse hatte in den letzten Jahren den Charme einer Neueröffnung eines Friedhofs. Nun kamen 2017 zeitgleich zwei politische Bücher auf den Markt und sorgten für einigermaßen Furor. Ein Literaturkritiker in der Zeit tat dazu seine Meinung kund. Die Rezension von MLL war aber so oberflächlich und allgemein gehalten, daß sofort der Verdacht aufkam, der Kritiker kann unmöglich dieses Buch gelesen haben. Ijoma Mangold orientierte sich hier nur an Gemeinplätze und den üblichen Satz- oder Worthülsen, die immer wieder als Geschütz gegen rechte(s) Literatur (Gedankengut) verwendet werden. Das erste was mir bei beiden Büchern aufgefallen ist, waren die "falschen" Titel, die womöglich nur gewählt wurden um die Alliteration aufrecht zu erhalten. MLL behandelt eher das Thema: mit Linken reden und MRR: mit Rechten leben. Das war ja auch der stärkste Vorwurf an Zorn, Leo und Steinbeis, eben nicht mit Rechten zu reden, sondern über sie und ihre Bücher zu schreiben, ergo irgendwie mit dem rechten Ärgernis zu leben, aber eben auch mit allen Mitteln den (öffentlichen) Dialog zu verweigern. Bei MLL liegt meines Erachtens das Hauptaugenmerk auf einer schlagfertigen Argumentation um linke Tricksereien a là Gaslighting und Co. zu begegnen, also mit ihnen zu reden. Meine Vorkommentatoren haben schon mit einigem Recht darauf verwiesen, daß mit Linken nicht zu reden sei. Das mag auf öffentliche Veranstaltungen per Ausladung etc. so sein, aber reden kann man eben auch anders. Facebook, Twitter, aber auch die Sezession und der Antaios Verlag "redet" mit den stillen Mitlesern von links. Die besseren Argumente zu haben und diese öffentlichkeitswirksam eloquent zu verbreiten, geht auch ohne Dialog.

Vielleicht ist das Rechte und das Linke wie die beiden Ufer eines gemeinsamen Flußes; ein Gesellschafts- und Geschichtsfluß, der unaufhaltsam seinem Ende ins Meer der Zeit entgegen strömt. Mal ist der Fluß breit und ruhig und die beiden Ufer können sich nicht sehen, dann wieder schmal, tief und rasend, mit Stromschnellen und gefährlichen Klippen, die Ufer aufgepeitscht vom tosendem Wasser. Wir gehen gefährlichen Zeiten entgegen.

Linkerhand
26. Oktober 2017 19:38

P.S. Ich mache mir erstmal eine Tasse grünen Tee, so wie es "Die Alte vom Berg" empfiehlt.

John Haase
26. Oktober 2017 19:53

Irgendwie liest sich jedes Zitat aus MRR so gezwungen von oben herab. Liegt das an der Auswahl oder ist das ganze Buch so geschrieben? Man kennt diesen Typus ja aus dem Privatleben. Unterscheidet sich in nichts vom Mainstream. Der Mainstream sagt: „Du bist dumm und Nazi.“ Der Witzbold sagt: „Du bist dumm und Nazi, höhö.“ Man fragt sich bei diesen Leuten immer, wo sie ihr hohes Ross herhaben. 

@ H.M. Richter

Ich stimme Ihren Vergleichen zu. „Die eklatanteste Schwäche des Hochhauses liegt auf der Hand:  es wurde vergessen, das Fundament zu errichten.“

Martin Lichtmesz
26. Oktober 2017 22:43

Sich selbst "Nicht-Rechte" nennen -> Schreiben: "Es ist und bleibt ja bis auf Weiteres so, dass wir euch deutlich weniger brauchen als ihr uns."

 
ede
27. Oktober 2017 02:49

Wahre Dinge sind wie umgekehrt : Lao Tse

Der Kern ist die Frage nach Schönheit oder wieviel Wahrheit kann man aushalten. Konkret, wer hat die schöneren Frauen. Da ist doch der Begriff "Nichtrechter" schon mal eine putzige Ranganmeldung, schnöder Linker ist nicht mehr ganz das Wahre.

Also, Herr Lichtmesz, glänzende Vorstellungen, sowohl im obigen Beitrag als auch in der Show mit Eilenzwerger. Das wird schon. Und wenn nicht hatten wir ne Menge Spaß. Gruß & Dank

Cacatum non est pictum
27. Oktober 2017 04:10

@A. Kovacs

Verehrter Herr Lichtmesz, Ihre sorgfältigen Argumentationen sind verlorene Liebesmüh. „Nimm mich ernst, nimm mich ernst!“ Die Linke nimmt nicht ernst. Wir sind in Deutschland über das Stadium des Miteinander-Reden-Könnens schon längst hinaus, und die Rechten sind nicht schuld daran.

Das mußte mal ausgesprochen werden. Dieses ständige In-den-Dialog-Treten-Wollen mit der Gegenseite müffelt nach Anbiederung. Sie wollen nicht reden, versteht Ihr das nicht? Heult nicht rum, wenn sie Euer Diskussionsangebot zum zigtausendsten Mal ausschlagen. Verkündet laut, was Ihr zu sagen habt, aber schert Euch nicht um das Echo. Es ist ein reines Machtspiel, und in Machtfragen ist die Linke traditionell äußerst versiert.

Um das zu illustrieren, darf ich aus einem Dialog in dem Buch "Alice hinter den Spiegeln" zitieren:

"Ich verstehe nicht, was Sie mit 'Glocke' meinen", sagte Alice.

Goggelmoggel lächelte verächtlich. "Wie sollst du auch - ich muß es dir doch zuerst sagen. Ich meinte: 'Wenn das kein einmalig schlagender Beweis ist!'"

"Aber 'Glocke' heißt doch gar nicht ein 'einmalig schlagender Beweis'", wandte Alice ein.

"Wenn ich ein Wort gebrauche", sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, "dann heißt es genau, was ich für richtig halte - nicht mehr und nicht weniger."

"Es fragt sich nur", sagte Alice, "ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann."

"Es fragt sich nur", sagte Goggelmoggel, "wer der Stärkere ist, weiter nichts."

 

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