17. November 2017

Szene-Kaleidoskop XX: Leipzig, Lügnerin, Leviten

von Nils Wegner / 7 Kommentare

Antaios' Buchmessentriumph in Frankfurt hat die "Szene" nachhaltig verstört. Aber trotz vieler Vorlagen diesmal nur mäßig viel Hohn.

Eine besondere Stilblüte just von gestern stellt der Bericht des Tagesspiegel dar, in dem Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, seine projektierten Anstrengungen im Kampf gegen Rechts vorstellen darf.

Zille steht unter Druck, soll doch auf gar keinen Fall noch einmal zugelassen werden, daß "Rechte eine Buchmesse zum Ziel ihrer Provokationen wählen" – was allein schon wieder zeigt, wie sehr sich diese Leute zu wichtig nehmen, ist doch eine Buchmesse nur ein Ort der Provokation unter vielen.

In jedem Fall ist klar, daß auch Zille den grundsätzlich volkspädagogischen Auftrag des bundesrepublikanischen Kultur- und Literaturbetriebs verinnerlicht hat:

Eine perfekte Lösung für das Problem gibt es nicht. Was in der Gesellschaft virulent ist, kann eine Buchmesse aufzeigen, aber nicht endgültig lösen.

Zur "Lösung" läßt sich dann ja immer noch Genossin Kahane mit ihrer Stiftung aus dem Hut zaubern, denkt man sich spontan... Und selbstverständlich wird man nicht enttäuscht!

Eigene Erfahrungen hatte er bereits im Frühjahr sammeln können - kontrovers diskutiert worden war damals vor allem über den Stand des rechten "Compact"-Verlages. Nun wird ein Sicherheitskonzept in Kooperation mit Polizei und Staatsschutz entwickelt, zugleich stimmt sich die Leipziger Messe eng ab mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Buchmesse in Frankfurt. Sie holt sich auch Rat von Experten, die die rechtsextreme Szene intensiv beobachten. [...] Der Buchmesse-Direktor kündigt "eine ganze Reihe" von Veranstaltungen an, die sich um politische Themen wie Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz und eine offene Gesellschaft drehen. Kooperationen gibt es dabei mit der Robert-Bosch-Stiftung und dem Auswärtigen Amt, erstmals wird es auch ein Veranstaltungsformat speziell für Jugendliche mit der Bundeszentrale für politische Bildung geben.

Die üblichen Verdächtigen stecken also wieder die Köpfe zusammen und raunen, und das Geld fließt seinen gewohnten Weg wie die sprichwörtliche Moldau. Nihil novi sub sole, auch nicht in Leipzig. Im Frühjahr waren Benedikt Kaiser und ich übrigens in Leipzig vor Ort, und der Besuch bei den Kollegen von COMPACT zeigte: Auf der sicheren Seite ist man als nicht nur zu PR-Zwecken kontroverser Verlag nur, wenn man sich um private Sicherheitsleute kümmert; dann herrscht wirklich Grabesruhe von Seiten der ach so engagierten Vielfalt-Demokraten, und alle Veranstaltungen können friedlich und ertragreich vonstatten gehen.

Als regelrechter Treppenwitz nimmt sich indes das Detail aus, das just Christoph Links vom gleichnamigen Verlag die Buchmessenleitungen zu mehr Gelassenheit auffordert: Das ist die Haltung von jemandem, der selbstbewußt und dementsprechend ruhig ist, während Sprechpuppen wie Juergen Boos und Oliver Zille samt Klüngel offenkundig wissen, daß ihre Sache auf tönernen Füßen ruht.

Man darf jedenfalls gespannt sein, und alle Interessenten sollten sich bereits jetzt den Termin der Leipziger Buchmesse vormerken (15.–18. März 2018). Wer weiß? Vielleicht mietet Antaios diesmal einfach eine ganze Halle? Lassen Sie sich überraschen – Herrn Zille und seinen "Experten" wird auch nichts anderes übrigbleiben.

Ellen Kositza hat in der Zwischenzeit viele neue Bücher zur Hand genommen und unter anderem eines der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen für empfehlenswert befunden: Die Lügnerin ist der dritte Roman der preisgekrönten Schriftstellerin und kommt auf den deutschen Buchmarkt, während sich ihr Debüt bereits in den Vorbereitungen zur Verfilmung durch die BBC befindet.

Dabei geht es vor allem um die auch hierzulande für nicht wenige elementare Frage: Wie lebt es sich auf Dauer in einem mühevoll aufgerichteten, bequemen Reich der Lüge, wenn die Wahrheit erfahrungsgemäß doch immer wieder am Ende obsiegt?

Am Wochenende fand denn auch die zweite Herbstakademie von Freiheitlichem Akademikerverband und Institut für Staatspolitik statt; einmal mehr eine sehr schöne Veranstaltung, die die erfolgreiche deutsch-österreichische Zusammenarbeit bezeugt. Berichtet wurde hier und hier; für das nächste Mal wäre eine noch zahlreichere Teilnahme aus dem süddeutschen Raum sehr erfreulich!

Vorgetragen hat dort auch Dr. Dr. Thor v. Waldstein, und zwar eine aktualisierte Fassung seiner vielbeachteten Analyse von Macht und Öffentlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Lage in Österreich. Und wie das Leben so spielt: Fast zeitgleich ist eine neue IfS-Studie aus seiner Feder erschienen – Wer schützt die Verfassung vor Karlsruhe?

Das paßt natürlich wie die Faust aufs Auge in Zeiten, in denen sich das Bundesverfassungsgericht nun auch der Selbstbestimmungsrechte sexuell undefinierter Neugeborener annehmen zu müssen meint. Die Karlsruher Urteile liegen trotz fortwährender "letzter Hoffnungen" des konservativen Lagers ganz auf Linie der herrschenden Politik mit ihrer Auflösung aller identitären Strukturen – Ehe, Familie, Volk und so fort.

So werden die mit zeitgeistigen Ideologemen aufgeblähten Rechte des Einzelnen künstlich gegen die Rechte der Gemeinschaft in Stellung gebracht. Letztendliches Resultat: die Auflösung aller Institutionen und überindividuellen Bindungen. Dieses Vorgehen ist aber weder mit Entstehungsgeschichte und Geist des Grundgesetzes noch mit der bisherigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in Einklang zu bringen.

Thor v. Waldstein legt – wie bereits in seiner vorangegangenen Studie »Wir Deutsche sind das Volk« – den Finger in die Wunde des strukturellen Schadens einer politisierten Justiz, die einem Gesellschaftsexperiment mit völlig unklarem Ausgang den Weg ebnet.

Und daß jeder, der von diesem Gesellschaftsexperiment auch räumlichen Abstand nimmt, ein ganz schlimmer Finger ist – darüber hat uns dankbarerweise gerade erst wieder das ZDF-Auslandsjournal belehrt, in einem Beitrag mit dem Titel »Unterschlupf in Ungarn«.

Da wird vor allem gegen Viktor Orbán ins Feld geritten, weil der doch tatsächlich die Frechheit besaß, unsere levantinischen und subsaharischen "Goldstücke" als unechte Flüchtlinge zu bezeichnen – während all jene, die in West- und Mitteleuropa unter liberaler politischer Repression leiden, als »wahre Flüchtlinge« in Ungarn willkommen seien.

Zum Beleg fokussiert das Damenpaar vom Bevölkerungschen Beobachter den Schweden Daniel Friberg, seines Zeichens Leiter des Arktos-Verlags. Nun kenne ich den ein bißchen besser als das ZDF; Friberg ist mitnichten »in Schweden vorbestraft wegen Körperverletzung und Volksverhetzung«, sondern wurde lediglich aufgrund einer Publikation über Ausländerkriminalität wegen "Rassismus" angezeigt und vor Gericht freigesprochen.

Im übrigen sagte er mir, daß die Presseleute sich ihm gegenüber bei den Dreharbeiten als freie Journalisten ausgegeben hätten, die an einer Dokumentation über die AltRight arbeiteten.

Das sind dann übrigens diejenigen versuchsweisen Meinungsbildner, die bei Twitter und Maischberger am Ende wieder darüber jammern, wie man nur von "Staatsfunk" reden und ihnen Unaufrichtigkeit vorwerfen könne. Sei’s drum, der Bericht ist ziemlich gute Werbung – und beweist nur einmal mehr, daß der politmediale Komplex im digitalen #Neuland noch immer nicht begriffen hat, wie das Internet funktioniert. Nur weiter so!

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (7)

S.J.
17. November 2017 21:53

Ich muss etwas mehr schreiben. Zunächst ist es nötig, auf die Vorgänge an der Universität Leipzig einzugehen. Die Angelegenheit erinnert mich an Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“; wer ihn noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt tun. Bislang ist nämlich jeder Irrsinn, der die amerikanische Gesellschaft geritten hat, auch nach Deutschland geholt worden, so wie die politische Korrektheit. Im Roman wird erzählt, wie der Literaturprofessor Coleman Silk in der immergrünen Blütezeit der Political Correctness und der Clinton-Affäre gefeuert wird (Zitat: „In Amerika war es der Sommer, in dem der Brechreiz zurückkehrte“), weil er eine harmlose, alltägliche Bemerkung über ihm in jeder Hinsicht unbekannte, permanent fehlende Studenten macht. Er wird in der Folge mit dem groß aufgeblähten Vorwurf des Rassismus konfrontiert – die beiden Studenten sind Schwarze - und die amerikanische „Lust am Brandmarken“ tobt sich aus. Nun erleben wir das ganz real in Deutschland, so real, dass jüngst der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, der WELT gegenüber äußerte, das Klima der politischen Korrektheit sei an den Hochschulen so bedrückend geworden, dass er die Freiheit der Forschung und Lehre bedroht sehe. Der Vorfall in der Universität Leipzig zeigt eines: Linke Studenten blockieren eine Vorlesung, stellen sich hinter das Rednerpult mit der Körperhaltung internationaler Geistesgrößen, meinen über die Beschäftigung und Zusammensetzung des Lehrpersonals entscheiden zu können, fordern auf, die Vorlesungen von Prof. Dr. Dr. Rauscher zu boykottieren und stattdessen Lerngruppen zu bilden (als ob das eine rechtlich anerkannte Qualifikation darstellte, die der SDS Leipzig selbst erteilen könnte), geben Inhalte vor, wollen den Ruf eines Wissenschaftlers noch vor jedem Gerichtsurteil schädigen, lachen und grölen in einem Hörsaal. Das soll die neue Elite sein? Wenn unsere Gesellschaft Vorfälle wie in der Universität Leipzig zulässt, statt diese Störer wegen ihrer Anmaßungen zu exmatrikulieren, dann verdient sie es, von genau diesen Leuten an der Nase herumgeführt zu werden. Dann gilt das Zitat aus Roths Roman: „Warum sind wir eigentlich so verrückt?“

Die Berichterstattung über Ungarn im Öffentlich-Rechtlichen ist für jeden, der das Land, die Sprache und die Kultur kennt, ein Ärgernis. Sie geht zulasten eines Landes, das gastfreundlich und patriotisch zugleich ist; penibel darauf bedacht, die eigenen Traditionen zu leben und sie zu erhalten. Im Öffentlich-Rechtlichen hat man dafür scheinbar wenig Verständnis und gerät beim Gedanken, dass die politische Korrektheit im ungarischen Alltag, besonders jenseits der großen touristischen Zentren, tatsächlich eine wohltuend unbedeutende Rolle spielt, in journalistische Wallung.

Der Feinsinnige
18. November 2017 01:29

Wieder ein lesenswerter Artikel, der zahlreiche interessante Informationen und Links zu unterschiedlichen diskussionswürdigen Inhalten vereint. Dafür zunächst meinen Dank!

Diesmal erscheint es mir jedoch notwendig, ausführlich und auch kritisch auf den Absatz über den schwedischen Verleger Daniel Friberg und den verlinkten ZDF-Beitrag einzugehen sowie auf den Satz aus dem obigen Artikel: „...der Bericht ist ziemlich gute Werbung“.

Vorweg möchte ich feststellen, daß die Sezession und der Verlag Antaios für mich hohe Glaubwürdigkeit und mein volles Vertrauen erworben haben. Meine intellektuelle Verbundenheit als Leser und Kunde reicht bis zur Anfangszeit des Verlages und der Zeitschrift zurück. Ich selbst ordne mich damals wie heute als von Grund auf konservativ bzw. nationalkonservativ ein, fühle mich durch Politiker wie Dregger und Strauß politisch sozialisiert, bin seit 1992 regelmäßiger JF-Leser und habe jetzt mit der AFD endlich eine neue politische Heimat gefunden, ohne das Gefühl zu haben, meine Grundüberzeugungen fundamental verändert zu haben. Die intellektuelle Strömung um den Verlag Antaios und dessen Protagonisten sind für mich ein wesentlicher Grund dafür, insbesondere der IB von Grund auf positiv gegenüberzustehen und die staatsoffizielle Lesart („rechtsextrem“ oder „verfassungsfeindlich“) für absurd zu halten. Auch die gängige „Nazi-Keule“ prallt an mir inzwischen in aller Regel völlig wirkungslos ab. Vorausgeschickt sei zudem, daß mir bewußt ist, daß „Distanzeritis“ auf diesem Block bei vielen schlecht angesehen ist. Leider funktioniert das Leben privat wie politisch aber nicht ohne Grundsätze, die automatisch auch zu Distanzen und Distanzierungen führen.

Jetzt zum eigentlichen Thema: Weder Daniel Friberg, noch der Arktos-Verlag noch Richard Spencer waren mir bislang ein Begriff, auch wenn ich mich erinnere, den Artikel über den eindrucksvollen „Identitär Idé V“-Kongreß bereits einmal gelesen zu haben. Angesichts des ZDF-Berichtes berücksichtige ich, daß man Berichte aus den ö.r. Sendern mit Vorsicht betrachten muß, aber z.T. sprechen Bild und Ton doch auch für sich allein. Dort wird u.a. folgendes berichtet (ab ca. Minute 3.30): „In dem von Richard Spencer gegründeten Polit-Institut feierte man Trumps Wahlsieg so:“

(Redner:) „Hail Trump, hail our people, hail victory.“

Daraufhin springen zahlreiche Zuhörer offenbar begeistert auf, einige heben den rechten Arm, eine Geste, die auch zuvor unter den Demonstranten auf der Straße einmal im Film festgehalten worden ist.

Aufgrund meines über viele Jahre aufgebauten Vertrauens zu Sezession und Antaios, das ich oben dargelegt habe, muß ich angesichts des obigen Artikels davon ausgehen, daß es sich zumindest bei Daniel Friberg nicht um einen „Nazi“ (also in m.E. korrekter enger Definition: Anhänger des Nationalsozialismus) handelt, sondern um einen Rechten bzw. Rechtsintellektuellen, auf welchen dieser denunziatorische Vorwurf (wie heutzutage meistens, wenn er erhoben wird) nicht zutrifft.

[...]

Ich sehe den ZDF-Bericht, insbesondere die darin zu sehenden Bilder aus den USA, nach alldem nicht als „ziemlich gute Werbung“, sondern als das krasse Gegenteil an, eine Art GAU, und wäre dankbar für fundierte Stellungnahmen. Vielleicht bin ich ja nur nicht hinreichend informiert. Gegenüber Armhebern und „Hail“-Rednern empfinde ich jedenfalls nicht nur Distanz und Ablehnung, sondern auch Zorn. Solche Leute und solche Szenen schaden der dringend notwendigen politischen Wende, für die Antaios und so viele andere arbeiten, mehr, als sich manch einer offenbar vorstellen kann. Hier scheint konsequente Distanz dringend geboten. Wie genau diese definiert bzw. umgesetzt werden sollte, wäre jede Diskussion wert.

Wegner:

Ich kürze den umfangreichen Fassungslosigkeitsteil des Kommentars mal ab. Daß Ihnen Friberg, Arktos und Spencer bislang nicht bekannt waren, kann ich leider nicht ändern; die mittlerweile sicher rund 50 Artikel des Kollegen Lichtmesz und meiner Wenigkeit zum hochkomplexen Thema AltRight aus den letzten vier, fünf Jahren nachzulesen, könnte eine Menge zur Beruhigung ihres "Zorns" beitragen.

Das erwähnte "Hailgate"-Affärchen, ohne das nicht ohne Grund gerade in Deutschland keiner der inzwischen recht zahlreichen Berichte über die AltRight auskommt, wurde im übrigen in Sezession 77 gesondert thematisiert. Dazu nur soviel: Bei öffentlichen Veranstaltungen wie den Konferenzen des National Policy Institute kann kein Redner etwas für sein Publikum (von dem sich in diesem Fall Einzelpersonen ohnehin im Nachgang als Provokateure herausstellten), auch wenn sich Spencer im Abschluß der Veranstaltung nach eigener Darstellung zu einem gewissen Überschwang hat hinreißen lassen.

Ansonsten gilt auch hier wieder, erst einmal die tatsächliche Lage außerhalb der deutschen öffentlich-rechtlichen Medien oder der von Ihnen zweimal zitierten ZEIT zu prüfen (was eigentlich selbstverständlich sein sollte), ehe man eine "konsequente Distanz" zum dringend gebotenen Diskussionsgegenstand ausruft.

Wäre die Naziriecherei irgendwo berechtigt, würden gewiß weder Roger Scruton noch Guillaume Faye noch Alain de Benoist oder selbst Alexander Dugin bei Arktos veröffentlichen, noch etwa ein Paul Gottfried (auch wenn der mittlerweile sauer ist, daß Spencer ihm sein Mem "gestohlen" hat) oder ein Jack Donovan (der sich als Anarch inzwischen vom White nationalism als über sein tribalistisches Modell hinausgreifender Ideologie distanziert hat) mit Spencer zusammengearbeitet haben.

Im an Spencers Institut angeschlossenen Verlag wird übrigens Anfang 2018 endlich die englische Übersetzung von Armin Mohlers Konservativer Revolution erscheinen – auch nicht gerade das typische "Nazi"-Buch, auf dessen US-Vorwort ich für meinen Teil schon sehr gespannt bin.

Der Feinsinnige
18. November 2017 12:17

Zunächst vielen Dank für die ausführliche Antwort, sehr geehrter Herr Wegner.

Es ist richtig, daß mein Interesse das Thema AltRight bislang eher ausgespart hat (Deutschland und Europa liegen mir näher) und daß ich das vielleicht ändern sollte. Insoweit muß ich Ihren Vorwurf, vor einem Ruf nach Distanz sich besser vorher zu informieren, akzeptieren. Ich habe jetzt Ihren Artikel in Sezession 77 mit Interesse zur Kenntnis genommen und sehe, daß ich mit meiner spontanen Reaktion nicht allein stehe. Zudem bin ich schon in meiner (leider um wichtige Argumentationsteile gekürzten) Stellungnahme durchaus davon ausgegangen, daß die AltRight heterogen und mehr und anderes ist, als der in den Filmsequenzen zu sehende Ausschnitt.

Mir geht es jedoch um die verheerende Wirkung solcher (bei der deutschen neuen Rechten sicher undenkbaren) Vorkommnisse und Bilder, welche der medialen Diffamierung Steilvorlagen liefern. Gerade aufgrund meiner durchaus geringen Kenntnisse bezüglich der AltRight sehe ich meine Reaktion als prototypisch an für zahlreiche andere, der neuen Rechten gegenüber interessierte, potentiell gutwillige bis neutrale Zeitgenossen. Mir geht es darum, als sich der neuen Rechten intellekuell nahestehend Empfindender positiv zu wirken, auch die hoffentlich immer hinzustoßenden Neuleser berücksichtigend.

Im Kern geht es doch um ein nicht einfach zu lösendes Spannungsverhältnis zwischen folgenden Positionen:

„Eine Belastung für die Sache der Rechten sind auch all jene, die … glauben, irgendeine „abscheuliche und lächerliche Maskerade“ aus dem „Secondhandshop der Unheilsgeschichte (Botho Strauß) abziehen zu müssen. … Linke werden Sie immer wieder nötigen, sich für die Worte und Taten all dieser faulen Äpfel zu rechtfertigen. Lassen Sie sich auf keinen Fall auf dieses Spiel ein: Sie sind nur für Ihre eigenen Worte und Taten verantwortlich, und zu denen sollten Sie stehen, so gut Sie können.“ (Lichtmesz/Sommerfeld, Mit Linken leben, S. 305 und 306).

„Distanz zu den dunklen Seite der Rechten … ist dagegen eine notwendige Hygiene (nicht zu verwechseln mit dem linken „Hygienefimmel“).“ (Lichtmesz/Sommerfeld, Mit Linken leben, S. 322.).

Ich habe Ihren Artikel in Sezession 77 inzwischen gelesen und erkenne Ihre Position, die sich wohl an der ersten eben zitierten Passage aus MLL orientieren dürfte, selbstverständlich an. Trotzdem bleibt auch der zweite von mir zitierte Satz zu bedenken. Auch wenn das Thema dieser Diskussion sicher uralt ist, ist das Nachdenken darüber meines Erachtens nach wie vor wichtig.

Wegner:

Klar, kann man machen, muß man aber nicht. Ich sehe da auch kein Spannungsverhältnis: Niemand zwingt einen, sich mit etwas zu verbrüdern, das man unappetitlich findet. "Distanz" ist aber etwas ganz anderes als "Distanzierung"; zu letzterer finden Sie im zitierten Buch sicher unter dem Stichwort Virtue signalling etwas. Und wenn's schon um eine Auswahl der neckischsten Zitate geht, dann bleibe ich lieber bei Maschke:

»Dieses Land kämpft darum, seine eigenen Interessen nicht mehr formulieren zu dürfen. Der Widerstand dagegen könnte sich ausweiten und intelligenter werden, wobei ich allerdings mit Blick auf das verfügbare Potential skeptisch bin. Deshalb müssen schon die Ansätze rasiert werden. Und deshalb wird man denen auch ganz anders auf‘s Haupt schlagen als den 68ern. Und ich werde mich deshalb auch nicht abgrenzen. Nicht weil es keine Unterschiede gebe, sondern weil die falschen Leute dazu auffordern und man das außerdem nicht vor den Ohren des gemeinsamen Feindes tut.« (JF-Interview, 2000; Fehler im Original)

Ich bin auch nicht der Meinung, daß ein paar Hampelmänner (oder, wie man drüben sagt, "LARPer", ob nun staatlich bezahlt oder nicht), die meinen, 2017 einen auf 1933 machen zu müssen, mehr als ein müdes Abwinken wert sind – wer sich auf das feindliche Guilt-by-association-Spielchen einläßt, der kann nicht gewinnen. Hat im "Hailgate"-Fall ja auch besser funktioniert, sich nicht auf irgendwelche Abbitten einzulassen; die Sache ist mittlerweile ein Jahr her und hat (bis auf den wohl in alle Ewigkeit medial abgenudelten Filmausschnitt) keine größeren Schäden angerichtet.

In diesem Sinne nur eine kleine Anregung (mal ohne Berücksichtigung des justitiablen Faktors): Wenn Sie auf eine öffentliche, von wem auch immer organisierte und von der JF beworbene Veranstaltung gehen, bei der AfD-Politiker x spricht, und während der Rede Person y im Publikum irgend etwas aus dem reichhaltigen Reservoir der historisch "belasteten" Sprüche, Gesten und sonstnichtwas sagt oder tut – springen Sie dann sofort auf, rennen raus, kündigen noch am gleichen Abend Ihr JF-Abo, treten aus der AfD aus und bestreiten in der Folge, jemals dort gewesen, JF-Leser gewesen oder AfD gewählt zu haben? Oder regen hinterher mindestens einen Mitgliederparteitag an, um eine offizielle Beschlußfassung zum Umgang der Bundespartei mit Person y auszuarbeiten?

Ich erlaube mir die Mutmaßung: wohl eher nicht.

Amüsant genug, daß unlängst erst in der Übersee-"Szene" zu vernehmen war, daß NS-LARPer sich wohl kaum mit Mein Kampf beschäftigt haben dürften, weil es ihnen ansonsten peinlich sein müßte, so herumzulaufen. Generell ist die Diskussion über "Optisches" seit den Demonstrationen in Charlottesville und Shelbyville ein großer Diskussionsgegenstand gewesen; es gibt dort wie hier (partielle) Pragmatiker und Ultraorthodoxe, von den im ZDF-Beitrag gezeigten Leuten gehört ganz sicher keiner zu den letzteren. Es bringt niemanden voran, sich auf diese offiziösen Denkfallen einzulassen, nicht mal aus dem Denken heraus: "Was wird mein Umfeld (oder sonstwer) denken, wenn er das sieht?!"

Wahrheitssucher
18. November 2017 13:47

@ Der Feinsinnige

Gestatten Sie, daß ich Sie auf einen Widerspruch in Ihren Ausführungen aufmerksam mache: Sie schreiben, daß die gängige "Nazi-Keule" inzwischen ziemlich wirkungslos an Ihnen abpralle, zeigen sich aber auf der anderen Seite überaus betroffen angesichts der geschilderten Bekundungen.

Vielleicht etwas zu viel der "Feinsinnigkeit"? (wenn Sie mir auch dieses Wortspiel gestatten)

Im übrigen bin ich der Meinung, daß wir uns die schöne Grundbedeutung dieses Wortes in seiner deutschen Entsprechung nicht nehmen lassen sollten...

Der Feinsinnige
18. November 2017 18:11

@Wahrheitssucher:

Der meines Erachtens nur scheinbare Widerspruch in meiner Reaktion, den Sie feststellen, erscheint aufgrund der redaktionellen Kürzungen so kraß. Ich versuche, es möglichst kurz und mit anderen Worten zusammenzufassen, in der Hoffnung, daß nicht wieder gekürzt wird:

Es handelt sich um unterschiedliche Sachverhalte: Während die sog. „Nazi-Keule“ in den allermeisten Fällen ohne jeden tatsächlichen Anknüpfungspunkt ausgepackt wird und daher offensichtlich ins Leere geht, sehe ich hier das Problem, daß die Keulenschwinger – aufgrund der im Video von einigen praktizierten „abscheulichen und lächerlichen Maskerade“ aus dem „Secondhandshop der Unheilsgeschichte“ (um nochmals, wie oben, Botho Strauß nach MLL, S. 305, zu zitieren) – hier recht schlüssig den Eindruck vermitteln können, doch einen solchen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben, unabhängig davon, ob dieser nun als tatsächlich existent oder nur als falscher, ggf. von Provokateuren verursachter, Anschein zu bewerten ist.

@Wegner:

Auch Ihre zweite ausführliche Antwort und Ihre geradezu stoisch anmutende Sichtweise nehme ich dankend und nachdenklich zur Kenntnis. Ich kann nur hoffen, daß Sie recht behalten.

Franz Bettinger
18. November 2017 22:19

Man liest auf SiN heute und immer wieder über die nötige "Distanz zu den dunklen Seiten der Rechten." Entschuldigung, das sind Sätze, da geht mir der Hut hoch. Weder wird definiert, was "die Rechten" sind (die Girondisten? die Fronde? der Ku-Klux-Klan? die historischen linken Nazis? die Kapitalisten? die Altright?), noch wird geklärt, was deren "dunkle Seiten" waren oder gewesen sein sollen, nach dem Motto "Das weiß ja jeder."

@ Cacatum hat am 13.11.17 um 00:31 unter 'Die Verewigung der Vergangenheit' sehr treffend (und zuvor unter Verweis auf die erfundenen abgehakten belgischen Kinderhände in WW1) dargelegt, wieso solche Andeutungen unfair sind. Ich zitiere @ Cacatum: "Sie wissen, dass eine öffentliche Diskussion hierüber (FB: z.B. Kriegsverbrechen, Holocaust) bei empfindlicher Strafe verboten ist. Warum erheben Sie dann Ihren Säbel gegen einen Kontrahenten, dem allenfalls ein stumpfes Brotmesser zur Verfügung steht?"

Klar, ist mit so "dunklen Themen" aktuell kein Blumentopf zu gewinnen ist. Vielleicht sollten wir sie deshalb meiden. Das ist aber schwierig, weil der politische Gegner, das Zensur-Gesetz auf seiner Seite, immer wieder mit dem Säbel zuschlägt, d.h. für ihn risikolos mit Totschlag-Wörtern um sich wirft, als wären es Erdnüsse. Ich weiß da auch keinen Rat.

Lotta Vorbeck
19. November 2017 14:00

@Franz Bettinger - 18. November 2017 - 10:19PM

"Man liest auf SiN heute und immer wieder über die nötige "Distanz zu den dunklen Seiten der Rechten." Entschuldigung, das sind Sätze, da geht mir der Hut hoch. Weder wird definiert, was "die Rechten" sind (die Girondisten? die Fronde? der Ku-Klux-Klan? die historischen linken Nazis? die Kapitalisten? die Altright?), noch wird geklärt, was deren "dunkle Seiten" waren oder gewesen sein sollen, nach dem Motto "Das weiß ja jeder.""

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Zitat Wegner aus dem vorhergehenden Eintrag vom 18.11.2017 - 12:17 PM:

Klar, kann man machen, muß man aber nicht. Ich sehe da auch kein Spannungsverhältnis: Niemand zwingt einen, sich mit etwas zu verbrüdern, das man unappetitlich findet. "Distanz" ist aber etwas ganz anderes als "Distanzierung"; zu letzterer finden Sie im zitierten Buch sicher unter dem Stichwort Virtue signalling etwas.

Leute die meinen, sich immer wieder zwanghaft von irgendetwas distanzieren zu müssen, demonstrieren damit höchst anschaulich, wie sehr sie im klebrigen Gespinst der GEZ-Zwangsgebührenstaatsfunk-Lückenpresse-Edelmenschenmatrix gefangen sind.

Wie Herr Wegner bereits schrieb: Niemand muß sich das, was ihm persönlich aus diesem oder jenem Grunde nicht behagt 1:1 zu eigen machen, kann den ihm geboten erscheinenden Abstand dazu wahren, ohne sich vor den wie Windgeneratoren überall in der Gegend herumstehenden BRD-Gesslerhüten untertänigst im Staube zu wälzen.

Siehe auch:

"Herrschaftsinstrument Tagesschau: Über „Die Macht um Acht“"

Volker Bräutigam und Uli Gellermann zu Gast bei Jasmin Kosubek

veröffentlicht von RTdeutsch am 16.11.2017

„Die Macht um Acht“, so heißt das Buch von Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer und dem ehemaligen Tagesschau-Redakteur Volker Bräutigam. Es geht um den „Faktor Tagesschau“ und wie die Nachrichtensendung um 20 Uhr als meinungsführendes Medium den Ton angibt. „Mit Pluralismus will man den gemeinen Tagesschau-Zuschauer nicht verunsichern,“ schreibt Gellermann und geht hart ins Gericht mit der Schau um Acht. Wie sich die „Tageschau“ entwickelt hat und ob es denn früher mal anders war, erläutert Bräutigam im Gespräch. Zudem wird die heikle Frage diskutiert: „Ist es nun Staatsfunk oder nicht?“

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