Sezession
6. März 2018

»Sea Changes«: Derek Turner im Gespräch

Nils Wegner / 7 Kommentare

»Sea Changes«: Derek Turner im Gespräch

Der in Dublin geborene Schriftsteller Derek Turner hat bereits 2012 mit Sea Changes seinen Debütroman vorgelegt.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Er hat darin die drei Jahre später mit voller Wucht hereinbrechende Flüchtlingsflut detailliert vorgezeichnet. Älteren Semestern mag der in England lebende Ire noch aus diversen – auch deutschen – konservativen Zeitschriften bekannt sein. Wir sprachen mit Turner über sein Buch, das vor wenigen Tagen im Jungeuropa Verlag erschien, sein Leben und seine Politik; wer regelmäßige Neuigkeiten wünscht, kann sich auf seiner Netzpräsenz umsehen.

Sezession: In seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe hat einer der Wortführer der amerikanischen AltRight, Ihr US-Verleger Richard Spencer, Sea Changes als »prophetisch« bezeichnet und darauf hingewiesen, daß das Buch »entstand, noch bevor die sogenannte ›Flüchtlingskrise‹ von 2015/16 den politischen Diskurs dramatisch veränderte, noch bevor sie zum Prüfstein für die europäische Rechte und das Phänomen Donald Trump wurde und noch bevor sie die deutsche Nation von Grund auf veränderte«.

Tatsächlich läßt Ihre sorgfältige Beschreibung der verborgenen Wege, auf denen sogenannte "Flüchtlinge" aus Afrika und Nahost nach Europa hineingeschwemmt werden, den Leser mit Erstaunen zurück. Wie haben Sie diese Routen und Abläufe seinerzeit ausforschen können, als sie noch nicht öffentlich gemacht worden waren, und was hat Sie überhaupt dazu bewogen, sich in Ihrem Debütroman ausgerechnet mit diesem pikanten Thema auseinanderzusetzen?

Turner: Für mich lag immer auf der Hand, daß die Einwanderung etwas extrem Bedeutungsvolles ist – weit mehr noch als die meisten wirtschaftlichen oder politischen Fragen! Was weniger auf der Hand liegt, ist, warum das nicht jedem klar ist! Ökonomien, Parteien und gesellschaftliche Verhältnisse kommen und gehen, aber nationale Gemeinschaften bleiben – wenn man sie läßt.

Menschliche Populationen und lokale Kulturen unterscheiden sich als Daseinsgruppen klar voneinander – und praktische Politik zielt zwangsläufig auf Daseinsgruppen. (Individuen unterscheiden sich natürlich ebenfalls voneinander, aber in anderer Weise und anderem Ausmaß.) Jedenfalls habe ich schon sehr früh begonnen, Presseartikel und Bücher zu lesen, die sich mit Einwanderung, Multikulturalismus und Rassenfragen im allgemeinen beschäftigten.

Ziemlich häufig enthielten die Artikel aufregende und pikante Details darüber, wie genau illegale Einwanderer reisen. Ich mußte diesem Hintergrundwissen also nur ein gewisses Maß an Vorstellungskraft beigeben, um die Odyssee des Ibrahim Nassouf glaubhaft darzustellen.

Während es in den Mainstreammedien eine Menge solcher Artikel gab, wurden die weiteren Auswirkungen und die Bedeutung dieser Massenbewegung für die Aufnahmeländer entweder ignoriert oder vage für gänzlich positiv erklärt. Texte darüber, wie Illegale in die lustig benamste "Festung Europa" gelangten, sympathisierten ausnahmslos mit den Neuankömmlingen.

Natürlich muß man Mitgefühl mit denjenigen haben, die vor Elend und Krieg fliehen (wie wir es auch tun würden) – aber der moralische Zeigefinger dieser Artikel war einfältig und – zumindest für mich – abstoßend süßlich.

Es wurde so gut wie kein Gedanke daran verschwendet, wie sich die Wirtsbevölkerung in alten, kleinen Ländern, die nie um Einwanderung gebeten hatte, angesichts der langfristigen Auswirkungen auf ihre mühsam erkämpften, fein austarierten lokalen Kulturen fühlen mußte.

Die Vorstellung, daß Vielfalt irgendwie das Gleiche wie Stärke sei, wurde endlos und beinahe bis zum Stumpfsinn wiederholt; sie war viel eher ein Mantra als eine überprüfbare oder gar diskutable Behauptung. Ihre Wahrhaftigkeit anzuzweifeln, bedeutete, sich moralisch verdächtig zu machen.

Der eine oder andere Prominente – Wissenschaftler, Journalisten, gewisse konservative Unterhausabgeordnete – machten schnell die Erfahrung, daß es der Karriere schadete und sie manchmal glatt beendete, Fragen nach dem Nutzen der Masseneinwanderung oder des Multikulturalismus überhaupt (abgesehen von den sprichwörtlich gewordenen »aufregenden neuen Imbißgerichten«) zu stellen.

Die Lehre des Multikulturalismus anzuzweifeln, wurde zu einer ebenso heiklen Angelegenheit, wie im Europa der Gegenreformation die Lehre der Transsubstantiation anzuzweifeln. Und natürlich behaupteten die fanatischsten Apologeten und brutalsten Vollstrecker dieses neuen Glaubensbekenntnisses von sich selbst, liberal und vernünftig zu sein ...

Meine ganze Jugend hindurch und bis in meine frühen Erwachsenenjahre gab die radikale Linke in Rassenfragen den kulturellen und moralischen Ton an, selbst als ihr ökonomisches Gedankengut bereits verrufen und verworfen war.

Jahrzehntelang war der einzige Ort, an dem über diese Probleme sinnvoll nachgedacht wurde, der "rechte Rand" – dort aber geriet dieses Denken unglücklicherweise in ein Durcheinander aus Schwulst, Verschrobenheit, Nebensächlichkeiten, Paranoia, Reaktion und ein wenig sozialer Gestörtheit.

Heute ist die Einwanderungsthematik jeden Tag in den Nachrichten "angesehener" Medien, und zwar in einer Art und Weise, die erst kürzlich noch als "rechtsextrem" oder "Hate speech" abgelehnt worden wäre – denn, so sehr es gewisse Leute auch versuchen mögen, diese Fragen lassen sich nicht länger ausblenden oder mit ein paar leeren Floskeln beiseitewischen.

Das Ganze schien ein naheliegendes Thema für einen Roman zu sein, insbesondere angesichts der sehr überschaubaren Konkurrenz! Wenn Romanautoren über die Einwanderung geschrieben hatten, verfolgten sie damit oft emotional eigennützige Ziele, indem sie sie als moralisch gut oder notwendig rechtfertigten oder gar heiligsprachen.

Die krasse Ausnahme war Das Heerlager der Heiligen, das ich mit Anfang Zwanzig las. Ich fand das Buch außergewöhnlich wirkmächtig, voller gallischer Farbe und Energie – auch wenn mir Raspails Logik oft gnadenlos vorkam und ich mir wünschte, daß er seinen Figuren mehr charakterliche Tiefe gegönnt hätte. Aber andererseits hat er ja auch viel eher ein Epos als einen Roman geschrieben.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (7)

Alveradis
7. März 2018 04:24

"Turner: Ein Teil des Aktivismus und Journalismus von links weist zweifellos einen quasireligiösen Beigeschmack auf. Ich erinnere mich daran, das ganz deutlich gespürt zu haben, als ich die Aufnahmen der Entlassung Nelson Mandelas aus dem Gefängnis sah und die überwältigten, schwärmerischen, bebenden, ein wenig übelkeiterregenden Kommentare von Journalisten hörte, die sich selbst wahrscheinlich für Realisten und Skeptiker halten. "

Diese religiöse Überhöhung kreiert das Tabu die zur Ikone empor gehobene Figur zu kritisieren oder überhaupt historisch realistisch einzuordnen. Vom kommunistischen Terroristen zum Heiligen. Um so einen Wahrnehmungssprung massenwirksam zu ermöglichen muss dick aufgetragen werden. Es geht nur wenn Emotionen mobilisiert, hochgekocht und anschließend das Bild des installierten neuen Heiligen eingefroren wird.

Die "Linke" machte zwar das Tamtam aber es waren Reagan und Thatcher, die das weiße Süd Afrika vernichtet haben. Es war wichtig die konservative Anhängerschaft durch einen koordinierten Medien Blitzkrieg davon abzuhalten zu denken.

Auch wenn ich nicht ausschließe, dass Journalisten am äußeren Rand der Narrativproduzenten sich schlicht mitreißen lassen, denke ich nicht, dass derlei groß angelegte Aktionen ohne Koordinierung im Vorfeld ablaufen.

Man muss sich vorstellen, dass die natürliche Solidarität Weißer zu anderen Weißen bei der Operation abgetrennt und auf die Schwarzen umgelenkt werden musste. Dafür wurde auch die Musik- und Unterhaltungsindustrie bis zum Anschlag eingesetzt.

Die Kreation der emotional hoch aufgeladenen Scheinrealität funktionierte so gut, dass weißen Süd Afrikanern, die nach Britannien geflüchtet sind nicht geglaubt wurde, wenn sie über ihre Erfahrungen sprachen, denn gleichzeitig mit der Errichtung der unantastbaren Ikone Mandela war auch das Bild des teuflischen Süd Afrikaners installiert worden. Da absolut Gute und das absolut Böse.

Wahrnehmungsveränderungen können nur massenwirksam installiert werden, wenn die Gehirne massiv von allen Seiten mit Gefühlen geflutet werden.

Genau das haben wir ja auch 2015 erlebt. So ein Gefühlshype verschärft die Trennung zu den Zögerlichen oder Kritischen bis hin zur Unmöglichkeit einer Kommunikation über die Lager hinweg.

Für den Mandela Kult, den auch Trump weiter führt, war es notwendig, die Realisten unter den eigenen Wählern auszuschalten.

Die Konditionierung ist so tief eingedrungen, dass keine auch noch so grauenhafte Meldung aus Süd Afrika die Herzen der Konditionierten erreicht.

Im Kern der Kampagnen mag tatsächlich Religion eine Rolle spielen und die Dynamik beeinflussen. Da müsste man sich die journalistischen Akteure näher ansehen.

Ein gebuertiger Hesse
7. März 2018 08:45

Sehr gutes Interview, intensiv und satt im Detail. Vielen Dank dafür.

RMH
7. März 2018 09:38

"... einige UKIP-Mitglieder vertraten ausgesprochen idiotische Ansichten bis hin zum Franzosen- und Deutschenhaß. (2016 stimmte ich nur sehr zögerlich für den Brexit.)"

Dem Brexit gegenüber hege ich sehr ambivalente Gefühle. Klar, er war ein Schlag gegen die Bürokratie und den Moloch in Brüssel und ein Zeichen der Lebendigkeit eines Volkswillens (wenn auch wohl eher nur des Willens der Älteren und Ärmeren Britanniens, wenn man den Umfragen glauben darf). Auf der anderen Seite schmerzt es mich, der ich immer gute Kontakte zur Insel pflegte und diese ausgiebig bereist habe, schon sehr, dass mit dem Brexit Groß Britannien sich automatisch wieder eher weg von Europa entwickelt, die Freizügigkeit des Reisens eingeschränkt werden wird und sich das UK wohl wieder mehr an die USA und die Commonwealth-Länder wie Canada, Australien etc, anlehnen wird. Für Deutschland, als "Zentrum Europas", ist das nicht vorteilhaft. Hoffen wir, dass es in nicht allzu ferner Zukunft doch noch zu einem echten Bündnis eines Europas der Vaterländer kommt, dem Groß Britannien dann naturgemäß als starker und wichtiger Partner angehört und welches dann keine Spielfigur auf dem Schachbrett der USA mehr ist (denn dazu wird das große UK mit dem Brexit wieder werden - aus der einen Abhängigkeit wird eine neue folgen).

Solution
7. März 2018 17:56

Ich darf wohl für mich in Anspruch nehmen, als erster Deutscher dieses Buch im englischen Original (bei WSP in den USA erschienen) gelesen zu haben. Daher freue ich mich, daß dieses Buch endlich auf Deutsch erschienen ist.

Es ist mindestens so gut, wie das "Heerlager" und noch besser als andere gute Bücher zum Thema. Vom Schreibstil und vom Inhalt ist es für jedermann zum Lesen geeignet.

Der aktuelle Inhalt wird wirklichkeitsnah geschildert. Nichts ist an den Haaren herbeigezogen, übertrieben oder gar extremistisch.

Hätte man einen entsprechenden Werbeetat und käme man in die Medien, würde es ein Bestseller werden. Ich habe jedenfalls die ersten 3 Exemplare auf Deutsch schon verschenkt. Vielleicht klappt es ja auch durch Mundpropaganda.

Unbedingte Kaufempfehlung!

Michael B.
7. März 2018 19:24

Koennte hier jemand einen Tip dazu geben, wo das Original zu beziehen ist?
Amazon.de hat nur eine Kindle-Version, co.uk einen Weiterverkauf von Amazon.com. Dort direkt wiederum ist es momentan nicht verfuegbar.

Oder kommt Antaios an die englische Ausgabe heran?

Nils Wegner
7. März 2018 20:54

@ Michael B.:
Nichts einfacher als das. Besuchen Sie die Netzpräsenz des Autors und kontaktieren Sie ihn über seine auf der Startseite angegebene Mailadresse – ich bin sicher, daß er noch ein Exemplar für Sie übrig hat. Eine zweite englischsprachige Auflage ist übrigens bereits angekündigt, aber scheints noch nicht realisiert worden.

Michael B.
8. März 2018 17:31

> Eine zweite englischsprachige Auflage ist übrigens bereits angekündigt

Danke, ich sehe es gerade auf seiner Seite. Geplant Februar 2018 - dann warte ich noch etwas.

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