Sezession
8. März 2018

Leipzig: Wir kommen!

Ellen Kositza / 24 Kommentare

Wette Nr. 4 hätten wir schon mal gewonnen. Kubitschek hatte am 21.Februar fünf Wetten bezüglich der Leipziger Buchmesse ausgeschrieben:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Werden Cato und JF ihre Stände absagen und auf den Messeauftritt verzichten, falls es Ihnen nicht gelingen sollte, andere Plätze zu ergattern (worum sie sich - jede Wette - derzeit bemühen)?

Nun: Der Jungen Freiheit ist es nicht gelungen, einen anderen Standplatz als den ihr von der Messeleitung zugewiesenen zu bekommen. Die Zeitung sieht sich samt angehängter Zeitschrift nun ins „rechte Eck“ gestellt – flankiert von Compact, einem NPD-Verlag und Antaios. Nun hat man also den Rückzug angetreten. Die Linken jubeln!

In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, wie es anno 2006 zugegangen war, als Kubitschek mit dabei war, den Zugang der JF zur Leipziger Buchmesse zu erstreiten. Unter anderem fuhr er damals nach Berlin, um Material und einen Mitarbeiter abzuholen und danach in Leipzig auf der zentralen Pressekonferenz der Messe dem Anliegen der JF Gehör zu verschaffen. Die Pressekonferenz wurde damals abgebrochen.

Nun wirft JF-Geschäftsführer Dieter Stein in seinem Kündigungsschreiben dem Messedirektor Oliver Zille vor, mit der von linksradikalen Verlagen initiierten Aktion #verlagegegenrechts zu kooperieren. Durch den von der Messe konstruierten „rechtsextremen Block“ sei eine Teilnahme für die JF "rufschädigend und wirtschaftlich sinnlos.“

Dieses Einknicken war absehbar. Und wir? Unser a) Ruf, unsere b) Wirtschaftsinteressen?

Ad a): Hier machen wir uns mit der Antwort gemein, die Gottfried Benn Jünger gab, als letzterer über bedenkliche „Hetzkampagnen“ sich besorgt zeigte. Benn:

Über mich können Sie schreiben, daß ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen.

Und zu b): In der Wirtschaft gehen wir hinterher einen trinken. Mehr ist zu unseren wirtschaftlichen Interessen auf der Messe nicht zu sagen.

Gut. Was ist dran am Bündnis der Messeleitung mit #versagergegenrechts, und welche Typen verbergen sich überhaupt hinter diesem hashtag?

Zille sagte dem Mitteldeutschen Rundfunk , er wolle und könne rechte Verlage nicht generell ausschließen. Man arbeite jedoch daran, "dass rechte Verlage nicht zu sehr dominieren." Andere Themen dürften nicht außer Acht gelassen werden.

Hier muß man bereits einhaken: Drohende Dominanz rechter Verlage? Ich habe nachgerechnet: Unter 2000 Austellern stehen nun ganze 0,15% unter „Rechtsverdacht“. Ich schreibe „Verdacht“, weil ich unsicher bin, inwiefern sich der NPD-nahe Ein-Buch-Verlag  und Compact selbst als „rechts“ definieren.

Zille weiter: Außerdem stehe man mit Initiativen wie #verlagegegenrechts im Austausch: „Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann.“ Man habe eine ganze Reihe an Veranstaltungen zum Thema geplant.

Mit uns steht Zille jedenfalls nicht „im Austausch“, und wir wurden als „Austauschpartner“ auch zu keiner dieser Diskussionsrunden geladen. Einen unverhohlenen Gewaltaufruf linker Kräfte haben wir hier jüngst plakatiert. Zille sagt dem mdr, man habe das Sicherheitskonzept nun unter Beratung mit Polizei, Staatsschutz und eigenen Sicherheitsleuten „der aktuellen Lage angepaßt.“

Auf Nachfrage teilte uns die Sicherheitscrew heute mit, es gäbe natürlich keine „Extrawurst“ für uns, man sehe uns nicht im besonderen Maße bedroht. Wie werde man verfahren, wenn es wieder Brüllchöre gegen unsere Veranstaltungen gäbe? Antwort: Auch Chöre dürften auf der Buchmesse auftreten. Das falle alles unter die Meinungsäußerungsfreiheit.

Soviel wäre also klar.

Wie steht es nun um das hysterische Gezappel der #versagergegenrechts? Dazu wäre einiges zu sagen. Diese Hashtagmenschen haben vor Monaten begonnen, per Crowdfunding Mittel einzuwerben. Mittel wofür?  Um Lesezeichen zu drucken, kleine Streifen, auf die #versagergegenrechts gedruckt ist. Als „Fundingziel“  haben sie sich 10.000 Euro gesetzt, mittlerweile haben sie gut 11.000 Euro eingesammelt. Helga, die kein Lesezeichen will, sondern nur ein pdf, um #versagergegenrechts auf „ihr Laufshirt“ zu drucken, wurde auch zufriedengestellt. (Ich mag’s mir ungern vorstellen, live.)

Der Rummel der #versagergegenrechts beginnt bereits am Mittwoch, den 14. März. Da planen sie eine Demonstration in der Leipziger Innenstadt (facebook: „91 nehmen teil“). Gegen wen? - Gegen „die Scharfmacher*innen, in deren Windschatten sich Gewalttäter*innen bewegen.“

Um 18:15 Uhr soll es zu einer Fotoaktion »Bücher gegen Rechts« kommen. Der Aufruf:

Bringe zu der Kundgebung ein Buch mit, dass dich politisch bewegt hat, in dem gegen Rassismus und Ausgrenzung angeschrieben wird, in dem Geschichten von Solidarität und Menschlichkeit erzählt werden. Gemeinsam wollen wir diese Bücher hochhalten und ein antifaschistisches Büchermeer produzieren. Wir freuen uns auch über Plakate mit einem Zitat aus dem Buch.

#versagergegenrechts haben übrigens von einem geneigten Cartoonisten ein Logo entworfen bekommen, das ob seines Retrocharmes schmunzeln läßt: Ein Gewaltbuch mit einer Eule und dem Schriftzug „vgr“ fliegt durch die Gegend und zerschmetternd ein… ja, ein Hakenkreuz.

Was sind das für Leute, die sich so mutig hervorwagen und sich per Unterstützerunterschrift als Freunde der #versagergegenrechts darstellen? Blütenlese:

Ein Ansprechpartner der "Bewegung" heißt René Arnsburg. Er betreibt den sehr, sehr kleinen Manifest-Verlag, der Marxistische Schriften sowie eine Lenin-Textsammlung herausgibt. Etliche Unterstützer dieses Verlags finden sich unter den Unterzeichnern von #versagergegenrechts.

Mit dabei ist natürlich der notorische, linke Verbrecherverlag, der vom Großfeuilleton stets mit Lorbeeren bedacht wird. Verleger Jörg Sundermeier ist Autor eines Buchs, das im (ebenfalls unterzeichnenden) bebra Verlag publiziert wurde: „Sprich mit meinem Arsch, mein Kopf ist krank!“ Nun denn.

Apropos „krank“. Ein besonderes Schmankerl scheint mir der  Joanmartin Literaturverlag darzustellen. Ich erlaube mir, von dessen Netzseite zu zitieren:

Wer tagsüber Stress hat, will am Abend entspannen.Damit auch  Eltern, die Kinder erziehen, oder Menschen, für die kulturelle Orte aus anderen Gründen nicht gut zu erreichen sind, Literatur live erleben können, will j:m: zu Ihnen nach Hause.

Ohne dass Sie mehr tun müssten als vielleicht ein paar Freunde und Bekannte zu sich einzuladen, will j:m: Sie literarisch unterhalten.

Auch Kranken- oder Seniorenzimmer lassen sich durch „eat & read“ in Leseorte verwandeln.

Aus dem „aktuellen Programm von „joanmartin“:

„auschwitz : heute“
Bodenausstellung mit Lesung

Jede Lesung  dauert 45 Minuten und beinhaltet eine Diashow, die für (multimediale) Abwechslung sorgt, so dass auch digital natives auf ihre Kosten kommen.

Wie sagt man? Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr?

Zahlreiche andere unterstützende Verlage sind per Netzsuche überhaupt nicht auffindbar, beispielsweise „Literature and Felicy“, „Ochsenfurter Edition“, „Frohmann Verlag“ und „Georg Lindt- Verlag“.

Unter den unterzeichnenden Einzelpersonen ist auch Susanne Schüssler zu finden, Verlagsleiterin eines der wenigen größeren Verlage, nämlich Wagenbach. Erinnert man sich? Wagenbach hatte in den siebziger Jahren das RAF-Manifest veröffentlicht, er war damals zu einer Gefängnisstrafe (auf Bewährung) verurteilt worden. Gilt heute immer noch als schick, so eine coole, gewaltaffine Kampfkurve in der Biographie.

Ein paar der 160 „Einzelpersonen“, die sich #versagergegenrechts angeschlossen haben, habe ich spaßeshalber gegooglet.

Na hoppla, die erfüllen die Hasthtagaussage ja formidabel! Wir hätten da die „Autorin“ Diandra Linnemann. Sie teilt ihre Wohnung mit zwei Katzen und „absterbenden Grünpflanzen“ und hat ein Buch verfaßt, das Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes titelt. Verkaufsrang bei amazon.de: 503. 261.

Oder Jost Renner, leider verkannter „Lyriker“. Sein Gedichtband Liebesenden erzielt Verkaufsrang 790. 200. Oder das Pärchen Tia und Alfred und Tia Berger. ER ist Ex-Junkie und verfaßt „abstoßende Kurzgeschichten, in denen er gern Blut, Gedärm und Folter“ zeigt. So geht es fort und fort.

Wie schade, daß die Junge Freiheit und Cato vor diesen Bessermenschen eingeknickt sind!

Wir jedenfalls werden hübsche Neuerscheinungen im Gepäck haben. Unter anderem Nationalmasochismus, herausgegeben von Martin Lichtmesz und Michel Ley. Im März erschienen, ist die erste Auflage bereits vergriffen, die zweite wird zur Buchmesse lieferbar sein, Stand heute: 5000 Exemplare.

Und besonders stolz sind wir auf das neue Buch Frauen bleiben. Männer werden. Sex, Gender, Feminismus  der furiosen Camille Paglia , das exakt zum Buchmessebeginn aus der Druckerei kommen wird. Wer will uns die Präsentation dieser prächtigen Bücher versagen?

Hier nochmals unsere Termine:

Samstag, 17. III.

16.30 Uhr: Die Zeitschrift Sezession
mit Benedikt Kaiser, Erik Lehnert und Götz Kubitschek

17.00 Uhr: Defend Europe - das Buch zur Kampagne
mit Alexander Schleyer, Martin Sellner und Götz Kubitschek

Sonntag, 18. III.

13.30 Uhr: Camille Paglias Frauen bleiben, Männer werden
Gespräch mit Ellen Kositza und Martin Lichtmesz

14.00 Uhr: Nationalmasochismus - ein Sammelband
Präsentation mit Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld

-- -- --

Für alle vier Veranstaltungen ist uns die Leseinsel in Halle 3 zugewiesen worden - schräg gegenüber von unserem Verlagsstand, H601. Wir haben also kurze Wege. Wie schrieb Kubitschek vor drei Wochen?

Laßt uns mal alle zusammen diese zugewiesene Ecke tatsächlich zu unserer Ecke machen - zu den interessantesten, anstößigsten, belagertsten, fröhlichsten, umtriebigsten 200 Quadratmetern der Messe (die Manga-Halle ausgenommen, gegen diesen Auftrieb hat man keine Chance).

Leipzig, wir kommen!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (24)

Hartwig aus LG8
8. März 2018 08:06

Ich werde kommen.
H.

Caroline Sommerfeld
8. März 2018 09:00

Ich kicher noch immer vor mich hin und schicke Euch für die Tage bevor ich da bin zur Verteidigung ein "lebendes Buch" (Walter Moers), möget Ihr Euch am Zweikampf dieses Buches mit dem mit der Versagereule delektieren:

https://de.zamonien.wikia.com/wiki/Datei:Lebendes_Buch_(3).jpg

Caroline Sommerfeld
8. März 2018 09:13

https://de.zamonien.wikia.com/wiki/Datei:Lebendes_Buch_(2).jpg

Der Link war unvollständig.

Langsax
9. März 2018 08:29

Guten Morgen, bei der Fahrt über die Autobahn habe ich auf MDR-Kultur ein Interview mit der Frau Bednarz bezüglich Buchmesse und "rechte Verlege" gehört. Herr Kubitschek, Sie sind für die Frau Bednarz und dem MDR die Ausgeburt der Hölle, der Oberbösewicht in der heutigen Zeit. Und die "Junge Freiheit" wurde fast gelobt für ihre Absage der Buchmesse.
Ich sehe ja ein, dass Verlage die Gesundheit und das Leben ihrer Mitarbeiter nicht gefährden wollen (die roten Schlägerbanden werden schon üben für den Einsatz auf der Buchmesse), aber: Wer sich duckt, wird noch mehr geprügelt! Man hat den Eindruck, in diesem Lande spitzt sich die Lage fast unmerklich aber rasant zu.

Hartwig aus LG8
9. März 2018 13:05

""Man hat den Eindruck, in diesem Lande spitzt sich die Lage fast unmerklich aber rasant zu.""

@Langsax
Nicht nur in diesem Land, und auch nicht 'fast unmerklich'.
Wer die Presse, also online-Medien der vergangenen Monate aufmerksam verfolgt, der erkennt sowohl die Erosion des Establishments als auch dessen kraftvoll repressives Aufbäumen dagegen. Das deutsche "Weiter so" täuscht massiv über den Beschuß hinweg, den das kulturmarxistische Globalisierungsprojekt weltweit ausgesetzt ist. Ganz aktuell ist es mal wieder Trump, der den Globus am Schlafittchen packt und ordentlich durchschüttelt.

RMH
9. März 2018 13:49

Evtl. braucht ja der Herr Tellkamp jetzt auch bald einen neuen Verleger:

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/uwe-tellkamp-suhrkamp-distanziert-sich-von-autor-a-1197266.html

Würde m.M.n. gut zu Antaios passen. Vielleicht kommt er ja mal am Messestand in Leipzig vorbei.

"Der Turm" habe ich gerne gelesen. Die NVA-Sache wurde zwar etwas sehr breit ausgewalzt (wo war der Lektor?), aber als BW-Gedienter aus der Zeit vor der Wiedervereinigung konnte ich dann doch erstaunlich viele Parallelen zwischen BW und NVA erkennen, auch wenn viele Ex-NVAler immer so tun, als ob die BW ein Muschi-Haufen mit Wattebällchen-Weitwurf gewesen wäre ;)

Hartwig aus LG8
9. März 2018 18:39

Tilman Krause kritisiert auf welt.de, dass es der Suhrkamp-Verlag für nötig hält, sich vom Schriftsteller Uwe Tellkamp zu distanzieren. Er bringt dabei folgenden Halbsatz unter: "... Uwe Tellkamp also hat sich nach den Übergriffen auf rechte Verlage im Rahmen der Frankfurter Buchmesse ...".
Mal sehen, ob welt.de sich jetzt von Tilman Krause distanzieren wird.

Der Feinsinnige
9. März 2018 19:22

Ja, die Lage spitzt sich zu. Das zeigt sich auch daran, daß immer wieder auch Prominente die Deckung verlassen:

https://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Dichter-Tellkamp-und-Gruenbein-liefern-sich-verbalen-Schlagabtausch

Die Nachricht von dieser Veranstaltung ist inzwischen in zahlreichen „Leitmedien“ angekommen. Die prompte Distanzierung des Suhrkamp-Verlages auch. Vielleicht sucht Uwe Tellkamp demnächst (freiwillig oder unfreiwillig) einen neuen Verlag? Das müßte wohl ein nonkonformer sein. Ein solcher ließe sich sicher finden.

Waldgaenger aus Schwaben
10. März 2018 06:51

Mit klammheimlicher Freude sehe ich die Verwirrung im Lager der linken Kulturschaffenden. Der Feinsinnige und Hartwig erwähnten schon die Distanzierung des Suhrkamp-Verlages von seinem Bestseller-Autor Tellkamp. Hierzu ein scharfer Kommentar:

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article174394865/Eklat-um-Uwe-Tellkamp-Suhrkamp-wechselt-ins-Lager-der-Gesinnungspruefer.html

Man muss den Vorgang mal kurz durchdenken.
Ein Autor äussert eine politische Meinung. Sein Verlag meint dazu:

"Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln."

Käme je ein Mensch, der halbwegs klar im Geist ist, auf die Idee politische Meinungen von Autoren seinem Verlag zu zu schreiben?

Wie groß muss die Panik und Verwirrung im Hause Suhrkamp sein, einen Bestseller-Autor, von dem der Verlag wirtschaftlich mehr abhängt, als er vom Verlag, so an's Bein zu pinkeln?

Welche Wirkung hat solche Distanzierung auf andere Autoren des Verlages und welche auf den Kundenstamm?

Möchte der Suhrkamp - Verlag in Zukunft nur noch Erfolgsautoren wie Heiko Maas verlegen, oder verkannte „Lyriker“ wie Jost Renner?

Hofft vielleicht der Suhrkamp - Verlag auf Staats-Knete, eine Art Verlags-GEZ, wenn das Kerngeschäft nicht mehr so läuft?

Ha ha ha!

H. M. Richter
10. März 2018 06:55

Die Dresdner Rede von Uwe Tellkamp, davon bin ich überzeugt, wird zur Zäsur werden.

https://www.youtube.com/watch?v=4X4ArZAcmbg

Die Distanzierung des Suhrkamp-Verlages vom eigenen Haus-Autor ist dagegen nicht nur in einem Maße peinlich, das vor wenigen Jahren in der Verlagsbranche noch völlig undenkbar gewesen wäre, sondern auch äußerst aufschlußreich.

Erinnert man sich beispielsweise daran, mit welch klammheimlicher oder offener Sympathie verschiedene (west-)deutsche Schriftsteller die Angehörigen der sog. Rote-Armee-Fraktion bedachten, ohne daß ihre Verlage sich zu Distanzierungen gegenüber der "Haltung" dieser Autoren bemüßigt fühlten, kann man ermessen, wo man sich inzwischen befindet.

Daß Tellkamps mutige Wortmeldung noch vor der Leipziger Buchmesse erfolgte, ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Man wird sich in wenigen Tagen nun auf ihn und seine Äußerungen zur bedrohten Meinungsfreiheit in Deutschland berufen können. Nicht zuletzt deshalb wird von bestimmter Seite darauf auch so empfindlich reagiert ...

clivestaples
10. März 2018 14:36

Tellkamp / Gruenbein
wer sich die 2 Stunden und 10 Min. nicht komplett ansehen mag. Reduziert auf ein Wort wäre zu den Aussagen der Protagonisten zu sagen : Gruenbein : relativierend, Tellkamp : anklagend.
Die Moderatorin Großmann (Sächsische Zeitung) wie zu erwarten ) : beschwichtigend.
Am interessantesten die Publikumsfragen gegen Ende, als der leibhaftig aufgestandene Kubitschek die Drohungen der linksextremen zur kommenden Leipziger Buchmesse zum Thema machte. Gruenbeins Provokation am Schluss ( „ was ich Sie schon immer fragen wollte Herr Kubitschek...sind Sie ein Anarch?...“ blieb wegen fehlenden Mikros leider unbeantwortet bzw.nicht hörbar.

Ein gebuertiger Hesse
10. März 2018 16:31

Das Tellkamp/Gruenbein-Gespräch hat etwas von einer Momentaufnahme, die präzise vergegenwärtigt, wo der Graben durch unser Land verläuft. Man könnte drunterschreiben: März 2018, genau da stehen wir.

@ clivestaples
Nein, man kann GKs Antwort auf Gruenbein auf der Aufnahme schon hören, laut gedreht über Kopfhörer. Aber die Pikanterie ist schon schlagend: warum war denn das Mikro plötzlich weg?

W. Wagner
10. März 2018 16:34

@clivestaples
Großen Dank für den Hinweis auf die Fragerunde am Ende der Diskussion mit Tellkamp in Dresden und Götz Kubitscheks wirklich hervorragend und sorgfältig formulierte Ausführungen und Frage - übrigens unter dem langen Applaus des Publikums. Jeder sollte sich das auf YouTube ansehen! Damit verbunden mein Dank an Götz Kubitschek und das Antaios-Team in Leipzig dabeizubleiben - Sie werden wieder neue Leser und Mitdenker gewinnen.

Stresemann
10. März 2018 19:04

Es tut sich etwas in der deutschen Diskurslandschaft:

https://www.deutschlandfunk.de/meinungsfreiheit-die-tellkamp-kontroverse.2849.de.html?drn:news_id=859816

Waldgaenger aus Schwaben
10. März 2018 20:19

In den Leitmedien wird es so dargestellt, dass die "Rechten" sich als Opfer inszenieren, und niemand die Absicht hat, die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Ein reibungsloser Verlauf der Buchmesse wäre eine Bestätigung dessen, und wird angesichts der Diskussionen im Vorfeld wahrscheinlich nun der Wunsch aller mutigen Kämpfer gegen Rechts sein.

Es ist die Frage, ob es noch gelingt, die scharf gemachten Antifa-Schoßhündchen davon abzuhalten, am Antaios-Stand das Beinchen zu heben und laut zu kläffen.
Ich vermute eher ja. Ausser ein paar armseliger Demonstrationen wird sich wenig tun.

Die JF wird sich in den A... beißen, weil sie eine solche Gelegenheit kostenloser Werbung sich hat entgehen lassen.

quarz
10. März 2018 20:44

Derweilen versucht sich Poschardt in der "Welt" als Pausenclown mit eher für die Schülerzeitungs-Liga chrakteristischem Humor und berichtet dem Publikum vom "vollkommen überschätzten Theorie-Ramschladen der Rechten, dem sogenannten Antalya-Verlag von Ruth Kubitschek (oder so)".

Utz
11. März 2018 07:46

@ quarz
Derweilen versucht sich Poschardt in der "Welt" als Pausenclown mit eher für die Schülerzeitungs-Liga chrakteristischem Humor und berichtet dem Publikum vom "vollkommen überschätzten Theorie-Ramschladen der Rechten, dem sogenannten Antalya-Verlag von Ruth Kubitschek (oder so)".

Poschardt? Kenn ich nicht! Haben Sie sich vielleicht verschrieben? Ach, Sie meinen bestimmt den Oliver Pocher, den mit dem Sex-Skandal.

Stresemann
11. März 2018 08:52

@quarz/@Utz: Jeder JF-Schreiber hat mehr Humor... Die WELT als hochdefizitäres Feigenblatt des Springerverlages wird von der theorie- und geistfreien BILD querfinanziert... Poschardt weiß also ggf. gar nicht wovon der schreibt, wenn er Worte wie "Theorie" benutzt... Die Auflage der BILD geht ja auch nach unten - und insofern ließe sich fragen, wie lange es die WELT in dieser Form noch geben wird. Die BILD-App soll es wohl richten (ein Beitrag zum selbtgewählten Eingang in die totale Unmündigkeit). Bleibt zu hoffen, dass auch die Internetaktivitäten von BILD irgendwann nicht mehr genug Geld in die Kassen spülen, damit Poschardt vlt mal wieder selbst wahrnehmen und denken lernt. Und sich dann nicht mehr im geist- und theoriefreien Kontinuum bewegen muss. Vlt fängt er ja an, heimlich HIER zu lesen, DAS wäre ein Anfang :-)

Der Gehenkte
11. März 2018 09:15

Respekt, Herr Kubitschek! Dort in Dresden, nach allem, was gesagt wurde, als der aufzustehen, der man ist, um dann in aller Ruhe einen wohlüberlegten Beitrag vorzutragen, das hat was von männlicher Aufrichtigkeit, von gelebtem Vorbild, von Einheit von Wort und Tat ...

Die ganze Diskussion, die ich anfänglich ein wenig peinlich fand, gewinnt nach und nach eine ganz eigene Dynamik und Ästhetik und erinnert - auf der Gefühlsebene - fatal an historische Ereignisse der jüngeren deutschen Vergangenheit.

Brettenbacher
11. März 2018 10:26

@
quarz &Utz

Ein wirklich schöner Doppelpass !

Immer noch S.J.
11. März 2018 10:51

Natürlich beweist das Stürmen und Brausen um Tellkamp, wie heruntergewirtschaftet das Wahrnehmungsvermögen der Linken für die Realität der von ihnen selbst wiederholt und gönnerhaft vorgetragenen Forderung nach "offenen Gesprächen" und einem "Alles-schonungslos-auf-den-Tisch-legen" mittlerweile ist, aber man muss sich auch kurz in die Perspektive der Chefetage des Suhrkamp-Verlags versetzen. Kaum dass ein Schriftsteller (per definitionem der Linken immer zuverlässig links, zivilgesellschaftlich engagiert, das Große und das Ganze im Blick habend) mal nicht ins übliche Horn bläst, stehen dort die Telefone nicht mehr still und Entrüstungstsunamis fluten die Mail-Server. Irgendwann machen selbst die gesündesten Ohren und Augen schlapp und die erlösende Distanzierung wird publiziert. Mich würde interessieren, ob das Verlagsgebäude schon von der Antifa vollgesprüht wurde. Wie dem auch sei, auch in Leipzig wird es laut werden. Die können nicht anders.

Der Feinsinnige
11. März 2018 19:56

Ich schließe mich zunächst den Worten von @ W.Wagner an.

Die gesamte Veranstaltung ist denkwürdig, der Auftritt von Götz Kubitschek großartig. Die Häufung und schnelle Abfolge der durchaus als historisch anmutenden Ereignisse (zuletzt neben der Dresdner Diskussion vom 8.3.2018 auch die Festnahme von Martin Sellner uns Brittany Pettibone in London) macht fast schwindelig.

Eine kleine Anmerkung zu einem Argumentationsmuster des Establishments, welches einem in letzter Zeit immer wieder gegenübertritt, in der Aufzeichnung von dem betreffenden Abend (https://www.youtube.com/watch?v=4X4ArZAcmbg) ab Minute 1.51.10 in den Äußerungen der Moderatorin und von Durs Grünbein:

Der vermeintlich sakrosankte Maßstab, daß alle Verlage bzw. Publikationen auf einer Buchmesse zu dulden seien, die sich „an das Grundgesetz“ halten. Grünbein antwortet darauf, daß „verfassungrechtlich anstößige Schriften...schon allein vom Strafgesetzbuch her nicht möglich“ seien und lenkt damit immerhin in die richtige Richtung. Zur Klarstellung:

Kein Autor, kein Verlag hat irgendeine Pflicht, nur Schriften zu verbreiten, die grundgesetzkonform oder „verfassungsrechtlich nicht anstößig“ sind. Die Grundrechte sind Abwehrrechte des Bürgers (auch des Verlegers oder des Autors) gegen den Staat, nicht Abwehrrechte einer Messeleitung gegen die Aussteller. Dies ist streng zu unterscheiden von der Pflicht, die für jedermann gilt, die Normen des Strafgesetzbuches zu beachten. Insoweit hätte sicher auch die Messeleitung Möglichkeiten, Schriften oder Aussteller auszuschließen. Aber nicht jede „verfassungsrechtlich anstößige“ Äußerung ist strafbar (sogar die wenigsten). Das sind zwei völlig verschiedene Sachverhalte. Strafrecht und Verfassungsrecht sind gänzlich verschiedene rechtliche Materien. Hier geht in der öffentlichen Diskussion einiges (bewußt oder unbewußt) durcheinander.

Solution
11. März 2018 20:49

Wenn es gut läuft, wird Antaios wieder bundesweit bekannt gemacht.

Der Feinsinnige
12. März 2018 18:49

Beim Durcharbeiten des gedruckten Buchmesseprogramms „Leipzig liest“ fällt mir gerade auf, daß die erste der vier Antaios-Veranstaltungen (Samstag, 16.30 h: „Die Zeitschrift Sezession“) dort nicht eingetragen ist (immerhin: im Online-Programm von „Leipzig liest“ ist sie angezeigt, dort ungleich schwerer zu finden als es über das Inhaltsverzeichnis der Druckausgabe möglich wäre). Nur ein ärgerlicher Zufall?

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