Sonntagsheld (73) – Les Nègres se touchent

Sieht Deutschland zu Schwarz?

 Gastbeitrag

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Kol­le­ge Licht­mesz hat durch­aus ein Talent dafür, mir alle paar Mona­te den obli­ga­to­ri­schen (Anti-)Sonntagshelden vor der Nase weg­zu­schnap­pen und so kurz­fris­ti­ge the­ma­ti­sche Umdis­po­nie­run­gen zu pro­vo­zie­ren. Das hat er dies­mal nicht geschafft, aber es war knapp.
So bleibt mir aller­dings das außer­or­dent­li­che Ver­gnü­gen sei­ne her­vor­ra­gen­de Ana­ly­se “Ist Deutsch­land zu weiß?” (Teil 1, Teil 2) um ein wei­te­res Netz­ku­rio­sum ergän­zen zu dürfen.

Es war eine nicht zu ver­heh­len­de hämi­sche Vor­freu­de, die mich über­kam, als ich vor eini­gen Stun­den auf die­sen taz-Arti­kel mit der char­man­ten Über­schrift “Kein unschul­di­ges Wort – Sozi­al­de­mo­kra­tin über den Hei­mat­be­griff” stieß. Die betref­fen­de Sozi­al­de­mo­kra­tin, das ist Karen Tay­lor* und Karen Tay­lor ist Schwarz. Dar­auf legt sie offen­sicht­lich viel wert, eigent­lich geht ihr Teint zwar mehr Rich­tung Hasel­nuss, aber nach­dem sol­cher­lei iden­ti­täts­po­li­ti­sche Farb­spie­le­rei­en erst seit kur­zem wie­der en vogue sind, möch­te ich mei­ne for­tu­na nigra nicht über­rei­zen und blei­be daher bei der von der Men­schen­rechts­re­fe­ren­tin des Bun­des­ta­ges vor­ge­schla­ge­nen Kate­go­ri­sie­rung: Schwarz.

Mit gro­ßem S übri­gens, das hat­te sich vor eini­gen Jah­ren die Schwar­ze Noah Sow aus­ge­dacht, weil sie die Selbst­zu­schrei­bung als poli­ti­sches Bekennt­nis und nicht als blo­ße phy­sio­gno­mi­sche Beschrei­bung ver­wen­de­te. Kann ich mit leben, “Schwarz” it is – über­haupt kommt es ja auch unse­rer Sache ent­ge­gen, wenn sol­che Akti­vis­ten ihre von Licht­mesz aus­führ­lich geschil­der­ten Anspruchs­be­we­gun­gen im Schrift­bild zu kenn­zeich­nen. War­um aber nicht das Empower­ment kon­se­quent zuen­de den­ken? War­um nicht auch den rest­li­chen Minus­keln des Wor­tes zur Gleich­be­rech­ti­gung ver­hel­fen? War­um nicht SCHWARZ?

Aber zurück zu Karen Tay­lor: Die hat näm­lich rich­tig krea­ti­ve Ideen dafür was man an Stel­le des toxi­schen Hei­mat­be­grif­fes als Grund­la­ge mensch­li­cher Ver­ge­mein­schaf­tung neh­men kann, die “Zuge­hö­rig­keit für mög­lichst vie­le Men­schen schafft”:

Zum Bei­spiel das Grund­ge­setz. Und sie hat ja gar nicht so Unrecht; die behag­lich-ste­ri­le Nest­wär­me fla­ckern­der Büro-Neon­lei­sen, die die­ser Begriff in jedem ech­ten deut­schen Her­zen her­vor­ruft, ver­mag sicher den einen oder ande­ren zu beru­hi­gen. Und auch für die SCHWARZEN ist was mit dabei:

“Nor­ma­ler­wei­se ver­dre­he ich immer die Augen, wenn sich jemand bei allem auf das Grund­ge­setz beruft. Aber hier fin­de ich es tat­säch­lich sehr pas­send. Im Grund­ge­setz steht schwarz auf weiß, dass Deutsch­land viel­fäl­tig ist und jeder Mensch die­sel­ben Grund­rech­te hat. Die­se Wer­te soll­ten eine Gesell­schaft zusammenhalten. ”

Alles Grund­ge­setz, alles super also? Nicht ganz: Die Ver­fas­sung ist natür­lich nur dann ein veri­ta­bles Inte­gra­ti­onor­gan wenn sie “reicht”. “Und wenn das nicht reicht?” – Auf die­se Fra­ge hat Tay­lor gleich meh­re­re Antworten.

1. Die Poli­tik muss dem Volk ver­mit­teln, dass Deutsch­land nicht für immer so blei­ben kann. Nur damit wir uns indes nicht falsch­ver­ste­hen: Die­ses “so”, von dem wir uns ver­ab­schie­den sol­len ist nicht irgend­ein ima­gi­nä­res Arbei­ter- und Bau­ern­land in dem – Dan­ke Licht­mesz – Hans und Maria sich in seli­ger Zwie­tracht über den Gar­ten­zwerg­an­teil ihrer Dat­schen-Par­zel­le strei­ten. Karen Tay­lor meint schon das 2018-Deutsch­land mit sei­nem schwarz-auf-weiß-Grund­ge­setz, dass sich – so mut­ma­ße ich – in enger Füh­lung mit den Reprä­sen­tan­ten des SCHWARZEN Anteils der Bevöl­ke­rung ver­än­dern soll.

2. Eine “Quo­te für Men­schen of Color und Schwar­ze Men­schen”. Aber natür­lich nicht gleich, son­dern erst in ein paar Jah­ren. Wenn die­je­ni­gen aus­ge­stor­ben sind, die sich an sol­chen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten stö­ren könn­ten: “Bei die­sem The­ma spre­che ich mit zwei unter­schied­li­chen Hüten. Als Akti­vis­tin wür­de ich sagen: Wir brau­chen sofort über­all eine Quo­te! Weil es da nicht um Bevor­zu­gung geht, son­dern um das Aus­glei­chen von Nach­tei­len. Aber als Mensch, die in einer Par­tei ist, weiß ich: Es geht um Mehr­hei­ten. Und selbst bei der Frau­en­quo­te schrei­en alle auf. Für eine Quo­te für Men­schen of Color und Schwar­ze Men­schen wird so schnell kei­ne Mehr­heit zusam­men­kom­men. Leider.”

Aber, lie­be Freun­de des gepfleg­ten Schwar­zen Sonn­tags, sei­en sie nicht ver­zagt! Obgleich die Umset­zung viel­leicht noch ein paar Jah­re war­ten muss, gibt es jede Men­ge Vor­ar­beit zu leisten:
“Ich den­ke, eine Grund­vor­aus­set­zung wäre es, eine Zäh­lung vor­zu­neh­men, die zei­gen müss­te, wie es denn zur Zeit um Min­der­hei­ten in Deutsch­land steht. Gera­de im Bezug auf Schwar­ze Men­schen kön­nen wir gar nicht genau sagen, wie vie­le es aktu­ell sind, wegen der unter­schied­li­chen Hin­ter­grün­de. Und dann müss­te eine rea­lis­ti­sche Quo­te ange­setzt wer­den, um Fak­ten zu schaffen.” 

Aber­mals: Ist für mich in Ord­nung. Legen Sie los, Frau Taylor!
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*Karen Tay­lor ist offen­sicht­lich nicht ver­wandt oder ver­schwä­gert mit dem ame­ri­ka­ni­schen Publi­zis­ten Jared Tay­lor. Das woll­te ich irgend­wie noch loswerden.

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Kommentare (3)

Sandstein

19. August 2018 21:37

Danke, nettes bonmot.

Viel besser als das Interview finde ich aber die Kommentare der taz Lesergemeinschaft. Ich mein selbst dort glaubt fast niemand, dass Frau Taylor mit ihren Thesen auch nur irgendwen überzeugen kann. Wahrscheinlich glaubt sie den Mist nichtmal selber.

Bin übrigens auch für eine Quote: in der Leichtathletik, mindestens 5 Startplätze für Weiße beim 100m Sprint und dann beim Marathon erst recht.

John Haase

20. August 2018 09:00

Ich glaube, Mx. Taylor überschätzt den Anteil der SCHWARZEN in Deutschland erheblich, selbst eine wohlwollende Quote hätte nur geringe Auswirkungen, außer die Flüchtis kriegen 100 virtuelle Wahlkreise oder so.

Wenn man die Poccers (People of Color) als ganze nimmt, wäre das natürlich anders, aber ob sich Moslems, Neger, Süd- und Ostasiaten in ein Boot setzen wollen?

Fritz

20. August 2018 15:09

Und sonst erzählen sie uns immer, schwarz und weiß habe nichts mit Hautfarbe zu tun, sondern mit Machtverhältnissen. Wie will man das denn zählen?

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