Sezession
3. September 2018

Repression – im Gespräch mit Caroline Sommerfeld

Ellen Kositza / 15 Kommentare

Im Juni haben wir mit einem Aufruf das Projekt von Sophie Liebnitz zum Thema Repression vorgestellt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Dieser mal subtile, mal grobe, mal zermürbende Druck auf politisch Andersdenkende, auf Verweigerer und Individualisten, kann so vielfältige Formen annehmen wie Proteus, der griechische Gott der Verwandlung:

Geht es nicht mit Kündigung, geht es mit Mobbing, geht’s nicht mit Strafanzeige, dann mit Verleumdung, und so weiter. Es sind längst nicht mehr wenige, die ihre Überzeugung an den Rand der Gesellschaft, in die verschiedensten Schwierigkeiten, in Situationen des Ausschlusses, der Benachteiligung, der Marginalisierung, und teilweise in existenzrichtungsverändernde, im Extremfall sogar in existenzbedrohende Lagen gebracht hat.

Eine der Personen, die einschneidende Erfahrungen in ihrem Umfeld machen mußte, ist unsere Autorin Caroline Sommerfeld. Die (mit einer preisgekrönten Doktorarbeit) promovierte Philosophin und dreifache Mutter arbeitete neben ihrer publizistischen Tätigkeit in einer Wiener Waldorf-Schule als Köchin. Auch in ihrer persönlichen Vorgeschichte spielt die Waldorf-Bewegung, der sie lange verbunden war, eine Rolle.

Zwei ihrer Söhne, 8 und 12 Jahre alt, besuchten die Wiener Einrichtung. Umso schlimmer die gar nicht spirituell-empathische Weise, in der man dort mit einer im eigenen Milieu verankerten Weggefährtin umging.

Die folgende Episode stellt nur den vorläufigen Höhepunkt in einem Drama dar, das einerseits durch dieses Milieu sehr spezifisch, andererseits, durch die angewandten Mittel und Inhalte, sehr typisch für die Meinungsdiktatur in unserer Gesellschaft ist.

Lesen Sie als erste Kostprobe aus dem entstehenden Buchprojekt Repression das Gespräch, das Sophie Liebnitz mit Caroline Sommerfeld führte.

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Liebe Caroline, bevor Du über die Ereignisse selbst berichtest, wüßte ich gern: Wie bist Du zur Waldorf-Bewegung gekommen und was hat die für Dich bedeutet? Vielleicht könntest Du auch die Grundprinzipien für den Laien ganz kurz darstellen.

Meine Eltern waren als Grünen-Mitbegründer in den 70er Jahren durchaus waldorfnah, wenn auch völlig ungeistig, eben an Naturkost, Gartenbau und alternativen Lebensweisen interessiert und mit ein paar Anthroposophen befreundet. Als Philosophin bin ich vor 20 Jahren mit Rudolf Steiners Schriften im Kontext der „Lebensphilosophie“ der Jahrhundertwende in Berührung gekommen, habe mich dann länger mit Steiners vermeintlichem „Antiintellektualismus“ im Zusammenhang mit hochbegabten Kindern an Waldorfschulen beschäftigt und mit der Reformpädagogik überhaupt. Steiners Ideen sind nicht nur das, was an Waldorfschulen, deren erste er 1919 gegründet hat, unterrichtet wird, sondern ein ganzer geistiger Kosmos. Meines Erachtens, und je länger ich mich mit Steiner und der Schulpraxis auseinandergesetzt habe, sind es eigentlich so richtig schön rechte Gedanken, die mitten aus dem Zeitzusammenhang der Konservativen Revolution stammen. Waldorfpädagogik will Kinder in ihre „Volksseele“ (diesen Begriff verwendet Steiner selber) enkulturieren („einbinden“, „hineinwachsen lassen“) und sie als leibliche Wesen zum Geistigen erziehen, vor allem, das wurde mir immer wichtiger, sie zur Individualität erziehen. Das klappt aber nur – und das ist nicht paradox, sondern folgerichtig – in einer Gemeinschaft. Waldorfklassen machen das meiste als ganze Klasse: Singen, komplizierte Choreographien, Rezitieren, Theaterspielen, Musizieren, selbst Rechnen. Das einzelne Kind wird nicht, wie es gegenwärtig ja überall das wichtigste zu sein scheint, „individuell gefördert“, also mit seinem Lernheft oder Portfolio alleingelassen um sich „feedback“ zu holen, wenn es das braucht, sondern ist aufgehoben in einem großen Ganzen. Der Gang durch die Geschichte, also die historische Entwicklung des Menschen, wird an Waldorfschulen auch ganz anders unterrichtet als an Regelschulen: es beginnt in der 2. Klasse mit der Schöpfungsgeschichte, über nordische Mythen (sie lernen Runen!) und altindische Mythen zur Ur- und Frühgeschichte und langsam zum europäischen Menschen im Christentum. Ein Volk hat nicht nur seine gemeinsame Abstammung, sondern auch seine gemeinsamen Mythen und eine Seele.

Nun, das alles war natürlich damals vor sieben Jahren nicht der Grund, sich für eine Waldorfschule zu entscheiden. Damals ging es mir eher um die religiöse und gemeinschaftliche „Hülle“ (auch ein Ausdruck, den Rudolf Steiner geprägt hat) und die feste Klassengemeinschaft.

Kannst Du Dich erinnern, an welcher Stelle Dir das erste Mal das Konfliktpotential, das in Deinem politischen Engagement steckt, klargeworden ist. Gab es Warnzeichen, Hinweise auf Inkompatibilität? Und ist diese Inkompatibilität, etwa mit den Zielen der Identitären Bewegung, wirklich in den Lehren Steiners angelegt, oder siehst Du darin eher das Ergebnis einer zeitgeistigen Interpretation von Steiners Lehre?     

Es gibt einen Riesenunterschied zwischen Steiners Ideen und den Leuten, die heute Waldorfschulen bevölkern. Diese Klientel ist (abgesehen von vereinzelten echten Anthroposophen, aber die sind ganz leise) linksgrün, meist Bobo-Hipster mit kreativen Berufen, gern Patchwork und „Regenbogen“-Familienersatzkonstrukte, aber nicht ohne Geld, denn Waldorfschulen werden zumindest in Österreich kaum staatlich unterstützt. Meine Vorstellung war lange, daß die Elternschaft doch irgendetwas an der Anthroposophie (nicht die geisteswissenschaftliche Lehre Steiners selber, aber irgendwelche Ideen, die tiefergehen als hübsche Aquarelle und feierliche Stimmung) gefunden hätte. Es hatte den Anschein, daß sie zumindest den autoritären Unterrichtsstil und die christliche Prägung goutieren. Daß allerdings ebendiese Eltern, niemals alle, aber eben diejenigen, die diese elternverwaltete Schule als quasi schulleitender Vorstand 2016 übernommen hatten, eine ganz andere Agenda haben, war mir nicht bewußt.

Sie haben, das weiß ich jetzt, Steiners Grundideen verraten und verkauft. Natürlich nicht nur diese fünf Hanseln im Vorstand von Waldorf Wien West, sondern in der ganzen institutionalisierten Anthroposophie ist seit etwa 10 Jahren etwas im Gange: derselbe Kurzschluß zwischen Kulturmarxismus und Globalisierung wie in der ganzen Linken, mit derselben Rhetorik für „Toleranz“, „Vielfalt“ und die „offene Gesellschaft“. Diese hat aber eine sinistre (Anthroposophen würden sagen: eine „ahrimanische“) Kehrseite, nämlich ideologisch motivierte Verfolgung von allem, was sich dieser Weltordnungsphantasie in den Weg stellt. Selbst die Linken in den 70er und 80er Jahren, von denen ja auch viele ihre Kinder auf Alternativschulen schickten und da als Eltern mitmischten, hatten keinen solchen Furor gegen Andersdenkende, keine Agenda „gegen Rechts“, so wie gegenwärtig. Rudolf Steiner würde heute, las ich mal in einer schönen Glosse in einem abtrünnigen Anthroposophenmagazin, aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen werden wegen rechter Gedanken.

Es gibt ja nicht „die“ Waldorf-Bewegung. Sie durchzieht genau derselbe politische Riß wie  die ganze Gesellschaft. Ich glaube sogar, dieser Riß ist dort noch tiefer, weil eine geistige Bewegung sofort auf der Ebene ideologischer Grabenkämpfe landet, während im normalen sozialen Alltag ja noch viele Puffer existieren und viele Konflikten länger verdeckt schwelen. In den 90er bis 2000er Jahren gab es eine Reihe teilweise extremer Angriffe gegen Steiners Gedankengut von links, inklusive Faschismus- und Rassismusvorwurf. Dagegen haben viele, allen voran Lorenzo Ravagli, durch mühevolle Interpretation und Kontextualisierung der inkriminierten Stellen in Steiners umfangreichem Werk versucht zu argumentieren. Leider hat dann – wie an anderen reformpädagogischen Einrichtungen übrigens in ähnlicher Weise, an Jenaplanschulen zum Beispiel – der „Waldorfbund“ 2007 eine „Erklärung gegen Rassismus und Diskriminierung“ lanciert, um diesen politischen Vorwürfen ein Ende zu machen. Mit dem Erfolg, daß ebendiese Erklärung zehn Jahre später als Werkzeug zur Verfügung stand, konkrete Leute zu diskriminieren als „Rassisten“.

Die Waldorf-Schule hat Dich, wenn ich das richtig sehe, zunächst nach einer Denunziation entlassen. Wie hat sich das abgespielt, und was ist danach geschehen? Die von Dir verfaßte Gegenerklärung wurde immerhin in zwei anthroposophischen Zeitschriften veröffentlicht. Läßt das auf einen gewissen Restspielraum in der Bewegung schließen?

Konkret passiert ist, daß ich als Schulköchin aus heiterem Himmel entlassen worden bin, weil ich „auf rechtsextremen Internetseiten“ schreibe. Wohlgemerkt: als Köchin, nicht als Schulleiterin oder Geschichtslehrerin. Es wurde just diese „Stuttgarter Erklärung“ (für Österreich textgleich „Wiener Erklärung“) herangezogen, und behauptet, ich verstieße dagegen in meinen Texten. Eltern fühlten sich „diskriminiert“ davon und würden weggehen, wenn ich bliebe. Die Hauptsorge war der Ruf der Schule, den ich doch nicht gefährden wollte, oder? Man hat versucht, mich einzuschüchtern: wenn ich mich ruhig verhielte, nichts gegen die Schule schriebe, diese Kündigung hinnähme und mich nicht blicken ließe, könnten unsere Kinder weiter an der Schule bleiben. Das Damoklesschwert hing also seitdem, das war im Februar 2016, über uns. Ich habe in der Schule nie jemanden angegangen oder eingeschüchtert in Wort, Geste oder Tat. Sie fürchteten mich trotzdem wie der Teufel das Weihwasser.

In einer außerordentlichen Generalversammlung nur zum Fall Sommerfeld verlas man dann gesammelte Dinge, die ich angeblich geschrieben hätte, darunter, ich sei „gegen Ausländer, außer solche aus den Nachbarländern“, ich hätte geschrieben, Ausländer seien „Kaninchenficker“ (ich kannte das Wort nicht einmal, obwohl ich bekanntlich begeistert von absurden Wortschöpfungen bin), hätte überdies „Neger“ gesagt, und „wir“ hätten uns doch in Österreich darauf geeinigt, dieses Wort nie wieder zu sagen. Selber in jener legendären Versammlung das Wort zu meiner wenigstens ansatzweisen Verteidigung zu ergreifen war mir kaum möglich, denn alsbald riefen wohlmeinende Waldorfeltern, man solle mir hier „keine Plattform“ bieten. Es gäbe Eltern, war das Argument, die sich durch meine schiere Präsenz "getriggert" fühlten, oder die es nicht lassen könnten, freiwillig meine Schriften zu studieren (der Herr vom Vorstand wörtlich zu meinem Mann: "Wir verfolgen jeden Schritt Ihrer Frau!"). Mein Mann hatte in dieser Situation den Vorstand aufgefordert, Abstand zu nehmen von jeglicher Sippenhaftung − worauf einfach keine Reaktion kam. Vollkommen gespenstische Szene, dieser Generalversammlungsabend. Wir hatten dem Monster ins Gesicht geblickt.

Ich bin dann in den Widerstandsmodus übergegangen, denn diese Zwangslage konnte und wollte ich nicht auf uns als Familie sitzenlassen. Eine Sache war, daß ich zur „Gleichbehandlungsstelle“ im Frauenministerium gegangen bin, weil es sich eindeutig um eine Jobkündigung aus politischen Gründen, und also nach deren Definition um „Diskriminierung“ am Arbeitsplatz handelte. Diesem Ansuchen wurde auch tatsächlich stattgegeben, es fand eine (außergerichtliche) Verhandlung zwischen mir und dem Vorstand der Schule statt. Die Aufgabe dieser Ministeriumsstelle ist indes nur Schlichtung, der Vorstand war aber zu keinem Vergleich bereit.

Der zweite Teil war metapolitischer Natur: ich habe zum Schulbeginn nach dem vergangenen Sommer gleichzeitig die genannte „Gegenerklärung“ auf Sezession.de und in zwei dissidenten Anthroposophenmagazinen veröffentlicht. Dort sind Leute, die die linksglobalistische Vereinnahmung von Rudolf Steiner nicht mitmachen und zurückgehen auf dessen eigentlichen geistigen Anspruch. Der Anthro-Mainstream hat reagiert: in allen Magazinen und auf allen größeren Internetseiten gab es entschiedene Distanzierungen. Man nahm meinen Vorstoß als Bedrohung wahr.

Lange passierte in der Schule dann gar nichts, wir wähnten uns schon in relativer Sicherheit. Bald ein Jahr nach dem Küchenrauswurf haben sie dann die „Wiener Erklärung“ in die – für den Schulbesuch der Kinder zwingenden – Betreuungsverträge aufgenommen. Zuvor hatten sie einen Passus in die neuen Verträge hineingeschrieben, der eine echte "Lex Sommerfeld" darstellt. Dieser verlangt, daß auch der zweite Elternteil "in seiner Lebensführung den ideologischen Zielen des Vereins" entsprechen müsse. Jetzt, nachdem ich längst raus bin, sollen in der nächsten Generalversammlung die allgemeinen Begriffe der „Wiener Erklärung“ noch "Konkretisierung erfahren“. Nun, ich stelle mir eine Versammlung von 120 und mehr Personen beim Definieren des Rassismus- oder Diskriminierungsbegriffs heiter vor. In der Zwischenzeit hatte der Vorstand außerdem Kontakt zum DÖW (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands) aufgenommen, um „neofaschistische Vereinsmitglieder“ ausfindig zu machen und die Lehrerschaft in einem „Antirassismusworkshop“ zu schulen.

Wie war es für Dich, Deine Kinder weiter dort zur Schule zu bringen und zu begleiten? In Waldorf-Schulen ist das Engagement, das von den Eltern verlangt wird, ja außergewöhnlich hoch, also konntest Du wahrscheinlich nicht einfach von der Szene verschwinden. Waren die Eltern in ihren Reaktionen gehässig oder haben sie versucht, Dich zu meiden? Ich meine, wie spielt sich so etwas auf der persönlichen Ebene ab? Die Schule hat Dich ja sozusagen für vogelfrei erklärt, trotzdem warst Du, waren die Kinder als ständige Erinnerung an Deine Person ja nicht wegzubekommen. 

Ich sollte fernbleiben. Die beiden Klassenlehrerinnen wünschten zwar explizit, daß ich zu Elternabenden komme, aber als zum Beispiel eine andere Mutter mich fragte, ob ich beim Schulfest den Bücherstand mitbetreuen würde, schaltete sich der Geschäftsführer ein und verbot mir das: „Du polarisierst. Das verstehst du doch? Wenn du da bei den Büchern stehst, kommen bei den Leuten Bilder hoch von der Buchmesse.“ Es gab eine Menge Eltern, die mich nicht mehr grüßten, wenn ich mal die Kinder geholt oder hingebracht habe, und ganz vereinzelte, die mir Mut zusprachen. „Auch Rechte haben Rechte“ äußerte ein Vater, und ein anderer hat sich offen mit mir solidarisiert und an die Schulgemeinschaft geschrieben, daß er auch Identitärer sei. Fürchterliche Haß-Rundmails wurden dann herumgeschickt von einzelnen Eltern. Grotesk war beispielsweise, als ich über Dritte zu hören bekomme, eine lesbische Mutter wolle nicht, daß ihr Kind neben meinem sitze, „wegen der Ideologie“. Ansteckendes Rechtsekzem halt. Man stelle sich einmal nur kurz zum Spaß vor, dies geschähe andersherum ...

Die Kinder blieben erstaunlich verschont. Beim Kleinen trug sich einmal eine Szene zu, daß ein anderer Bub ihn mit einem Stock hauen wollte beim Waldausflug, weil seine Mama rechts sei und nicht so wie seine Eltern SPÖ wähle. Der Größere hatte allerdings ständig Sorgen, ob, wenn er irgendetwas im Unterricht gegen die Meinung der Lehrerin sagen würde, auch völlig unpolitische Dinge, er vielleicht rausgeschmissen würde. Ein Kleinklima der Angst ist entstanden. Eine Mutter, Osteuropäerin, sagte zu mir, sie habe nie gedacht, daß sowas wiederkommen würde: ein Verwandter von ihr sei damals gekündigt worden im real existierenden Sozialismus, weil er irgendeine unerwünschte Flagge gehißt hatte.

Wie kam es schließlich zu dem Ausschluß Deiner Kinder aus der Schule? Wie haben sie es Dir mitgeteilt? Beschreibe uns bitte diese Szene, man kann sich einen so krassen Schritt schlecht vorstellen: In einer Gesellschaft, die sich fortlaufend ihrer Meinungsfreiheit rühmt, jemanden wegen seiner Meinung aus einer Institution auszuschließen, in der er die längste Zeit ohne Beschwerden agiert hat.

Der Vorstand hat uns am letzten Schultag vor den Sommerferien ohne Vorankündigung in der Früh die Kündigung der Betreuungsverträge mitgeteilt. Mein Mann hatte noch um ein Gespräch gebeten und wurde kalt abserviert. „Gehen Sie doch an die Presse, bitte, wir können gute Presse brauchen!“, gab einer vom Vorstand ihm zu verstehen, und daß sie ja nur den Beschluß der Generalversammlung (die Wiener Erklärung in die Betreuungsverträge aufzunehmen und alle Eltern, nicht bloß das jeweilige Mitglied, zur Unterschrift zu zwingen) umsetzten. Nun könnten sie nichts mehr für uns tun.

Die Reaktion der Kinder war entsprechend: die Lehrerinnen und die gesamte noch anwesende 6. Klasse weinte, ein Pulk Kinder stürmte zum Büro, um vielleicht doch noch irgendwie was tun zu können. Ich solle doch den Vertrag unterschreiben, dann wäre alles gut. Nein, leider nicht. Denn: dem war bereits ein Gespräch zwischen mir (ich wollte Klarheit, wie es im kommenden Schuljahr aussieht, und kein Damoklesschwert) und dem Vorstand vorausgegangen, in dem sie mir sagten, selbst wenn ich jetzt unterschriebe, würden sie a.) nicht glauben, daß ich dem Inhalt der Erklärung auch zustimmte und b.) wäre es eine Frage von Wochen oder Monaten, denn "Je berühmter du wirst, desto unwahrscheinlicher ist es, daß deine Kinder bleiben!".

Es handelt sich – und das ist der Skandal an unserem Fall – eindeutig um Sippenhaftung. Mein Mann ist ja ein in deren Augen gänzlich unbescholtener Linker, und die Kinder sind mitgefangen, mitgehangen.

Wie haben die Kinder reagiert und wie geht es jetzt weiter?

Der Ältere ist schier verzweifelt, und wir beide sind erst einmal so richtig psychosomatisch krank geworden, inklusive Spitalsaufenthalt. Irgendwann haben wir uns dann wieder gefangen, da hilft ein guter Freundeskreis ungemein. Wir haben eine neue Schule gefunden, eine katholische Ordensschule mit Gymnasium und Volksschule. Keiner hat da nach meiner politischen Meinung gefragt, ich war fast verblüfft, daß keine Fragen kamen. Mir hatte eine Bekannte erzählt, bei der Suche nach einer neuen Schule für ihren Sohn wäre ihr bei einer der Schulen eine ganz ähnliche politisch-weltanschauliche „Erklärung“ unter die Nase gehalten worden zum unterschreiben. Das ist also nicht waldorfexklusiv. Ich glaube, es ist ist dort nur besonders extrem, weil ich als politische Dissidentin einem losgelassenen linken Elternklüngel ausgesetzt war, ohne daß eine übergeordnete Institution diesem Treiben Einhalt gebieten könnte. Aber wer weiß, die übergeordneten Institutionen  wollen ja allzu oft genau dasselbe.

Mir tut es unendlich leid um die Waldorfschule. Diese spezielle und die Waldorfschulen generell. Freilich auch leid darum, was unseren Kindern entgehen wird, von den Freunden und zwei großartigen Lehrerinnen abgesehen auch an Unterrichtsinhalten und an gemeinschaftlichem Leben. Sehen wir es mal so: Leute wie ich, die sich mit der Waldorfpädagogik identifizieren, haben keinen Platz mehr an Waldorfschulen. Ich bin ja nicht die einzige, die aus politischen Gründen entfernt wurde, ich kenne mehrere Fälle von Lehrern und Schülern. Auf einem linken Anthroposophen-Blog las ich einmal: „Wer heute Steiner sät, wird Neurechte ernten“. Der Mann hat, auch wenn er es anders gemeint hat, absolut recht. Ich glaube, meine Causa war ein Punkt, an dem einige innerhalb der Anthro-Community ins Nachdenken gekommen sind. Auch da trennt sich gerade ein Widerstandsmilieu ab. Aber warum mußten deswegen die Kinder dran glauben? Mein Mann hat in einem Interview dann gesagt, dieses Opfer wäre doch wieder nur ein Argument für die Neuen Rechten. Aus diesem Denken müssen wir uns schleunigst verabschieden, sonst kommen wir politisch von der Waldorf- in Teufels Küche!

Am heutigen Tage, dem 3. September, beginnt die Schule in Wien wieder. Nachdem der Vorstand noch andere Kinder unliebsamer Eltern sowie drei Lehrer gekündigt hat, gibt es Protest vor dem Schultor. Auf kleinen Sesseln stehen die Namen der ausgeschlossenen Kinder geschrieben, auch unsere sind darunter…

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Soweit das Gespräch. Ein Nachtrag zum Buchprojekt Repression: Für ein, zwei sehr besondere Fälle ist noch Platz – wer über seine Erfahrungen mit den Mechanismen alltäglicher Unterdrückung berichten möchte, wendet sich unter liebnitz(at)antaios.de an Sophie Liebnitz.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (15)

Durendal
3. September 2018 09:52

Gibt es eigentlich Erkenntnisse darüber, was in Menschen vorgeht, die sich so aufführen? Da dieses Verhalten mit sachlichen Gründen nicht erklärbar ist, müsste es psychologische Erklärungen geben, die ggf. Aufschluss über den richtigen Umgang mit entsprechend gestörten Menschen geben können.
Als Laie meine ich Parallen zum Mobbing zu erkennen bzw. zum Verhalten schwacher Charaktere, die auf diesem Weg Pseudostärke signalisieren und die Akzeptanz seitens der tonangebenden Gruppe gewinnen wollen. Aber das ist nur eine Laientheorie.

H. M. Richter
3. September 2018 10:44

Als ich den Satz >>"Auch Rechte haben Rechte“ äußerte ein Vater<< gelesen hatte, mußte ich die Lektüre zunächst unterbrechen.

Dort also sind wir inzwischen wieder angelangt? Vielleicht wurde der Satz gar geflüstert, wie einst, als es nicht um 'Rechte' ging, sondern um Mütter, Väter, Kinder, die einen gelben Stern tragen mußten.

Wir befinden uns unzweifelhaft mitten in einer Kollektivpsychose.
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Ob man sich wünschen sollte, daß sich auch Vater Lethen in dieser Situation eindringlich an die Öffentlichkeit wendet? Beispielsweise mit einem Artikel "Es reicht!"?
Ich weiß es nicht.
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In Gedanken werde ich heute vor einem Schultor in Wien stehen, - leere Stühle sehen, auf denen Namen von Kindern zu lesen sind.

Ulrich aus Wuerttemberg
3. September 2018 11:04

Gerne möchte ich in diesem Zusammenhang auf das Agora-Magazin hinweisen. Das Magazin stemmt sich vehement gegen die kulturmarxistischen Einflüsse auf die Waldorfpädagogik und unterstützt die Intentionen Steiners, nämlich den Weg in ein freies Geistesleben zu bereiten!
https://www.agora-magazin.ch/blog/in-ge%C3%A4nderter-zeitlage

Der Gehenkte
3. September 2018 11:20

Das klingt nach einem sehr lohnenswerten Projekt. Allein, es wird, wenn es bei diesen Fallszenarien bleibt, ein Blasenprojekt, das die innere Frustration stärkt und nach außen eher Schadenfreude erzeugen wird.

Daher scheint es mir notwendig, die Abstraktionsebene zu heben. Es müßte etwa die vielfach verwundene Opfer-Dialektik einmal dargelegt und im Idealfall sogar eine "Verhaltenslehre" daraus generiert werden: also wie geht man mit der Selbststilisierung und der Außenzuschreibung des Opfer-Status und der kognitiven Abfederung durch das Wissen darüber ... um - die letzten beiden ja Formen der Selbstimmunisierung, die den "Dialog" beenden oder verunmöglichen sollen.

https://twitter.com/Fionnindy?lang=de (Thesis-Antithesis)

Ich meine, Lichtmesz hat zum ersten Teil bereits Vorarbeiten geleistet, auch mit den Gedanken zum Sündenbock. Hier müßte man anschließen. Für den zweiten Teil sollte man Lethen gewinnen - kleiner Witz.

Caroline Sommerfeld
3. September 2018 11:49

@Ulrich aus Württemberg:
Bingo - im "Agora"-Magazin (und in "Ein Nachrichtenblatt": https://www.iea-enb.com/) erschien seinerzeit meine "Gegenerklärung" parallel zur Veröffentlichung hier auf der "Sezession"-Seite.
Es gilt, die Abtrünnigen zu stärken. Ist ja auch Michaelszeit ...

John Haase
3. September 2018 12:18

Mir fehlen die Worte. Es kann doch nicht sein, daß es immer noch tiefer geht! Es will mir nicht in den Kopf, daß es Menschen geben kann, die sich derart niederträchtig verhalten und trotzdem nicht einen Hauch von Unrechtsbewusstsein entwickeln. Das kann doch nicht sein.

Der_Juergen
3. September 2018 12:23

Man lernt immer dazu. Ich hatte gemeint, in punkto Repression und Terror gegen Andersdenkende in der BRD und anderen "demokratischen" Staaten nichts mehr dazulernen zu können, aber dass man als Köchin (!) in einer Waldorfschule einer dermassen gnadenlosen Kampagne einschliesslich Sippenhaft gegen die Kinder ausgeliefert sein könnte, hätte ich doch nicht für möglich gehalten.

Die Hexenjagd auf Caroline Sommerfeld ist ein besonders bedrückendes Beispiel für die Vergiftung der deutschen Gesellschaft durch eine wahnsinnige Ideologie, die auf lauter Lügen beruht, insbesondere auf Lügen über die Vergangenheit des eigenen Volkes und über seine grossen Gestalten. Es wird einen schmerzhaften und verlustreichen, aber heilsamen Kataklysmus brauchen, um eine wirkliche Wende einzuleiten. Eine bessere Gesellschaft, in der selbständiges Denken nicht mehr als Sünde gegen den heiligen Geist der Politcorrectness gilt, kann nur auf den Trümmern der bestehenden aufgebaut werden.

Ihre vielen Freunde und Sympathisanten, die nach dem Erscheinen ihres grandiosen, gemeinsam mit Martin Lichtmesz verfassten Buchs "Mit Linken leben" noch zahlreicher geworden sein dürften, werden Caroline Sommerfeld helfen, diese Prüfung zu überstehen. Zum Glück scheint sie ja über sehr gute Nerven und über ein ungebrochenes Selbstbewusstsein zu verfügen.

Ein Schwarm brummender und stinkender Schmeissfliegen gegen einen schönen Schmetterling - so lässt sich diese Geschichte bildlich vielleicht am besten darstellen.

Gustav Grambauer
3. September 2018 13:38

1. "Du polarisierst. Das verstehst du doch? Wenn du da bei den Büchern stehst, kommen bei den Leuten Bilder hoch von der Buchmesse."

Genau das ist das Menschenbild der Reiz-Reaktions-Black-Box, die vom Verhaltenspsychologen nie hinlänglich für das echte Leben "sensibilisierbar" sein wird. Was haben solche unterirdischen Zombies an Rudolf Steiners Schulen verloren?

2. Liebe Caroline, kann Dir sagen, daß Du maßgeblichen Anteil daran hast, daß Plato im März abgewirtschaftet wurde.

https://b2nj5ahv.myraidbox.de/die-konservative-fraktion-setzt-sich-durch/

3. Die in Anthro-Kreisen beliebte Vierzeiler-Art, hier ein paar für Dich von mir, liebe Caroline:

In Wien da gibt`s `ne Waldorfschül
Aber warum stehn nur draußen die Stühl?
Die Correctness drücket schwer
Mit der Freiheit ist es dort nicht weit her.

In Wien `ne Waldorfschule
Da gibt es jetzt Bambule.
Die Caroline werfen wir raus
Den Putzzwang leben wir im 'Sozialen' aus.

Die Waldorfschule Wien-Wildwest
Das ist ein arges Heuchlernest.
Die Köchin soll den Staat regiern?
Hier darf sie nicht mal den Kochlöffel führn!

Der Trägerverein ist pleite
In Rage die ganze Meute.
An der Wand der Che
so tut es nicht mehr weh.

(https://fwww.at \ Bild unten rechts)

Dem Lochmann flüsterte Plahato:
"Dich spüle ich bald in das Klo".
Der Willy ward guter Dingen:
"Das wird dir nicht gelingen".

(Du! wirst über die Klinge springen! ...)

Bohodo annonciert ohne Sinn:
"Welch großes Geisteslicht ich bin".
Der Doktor hört`s und schweigt:
"Die Zeit in meinem Haus vergeigt".

Politisch sind wir sehr korrekt
auch wenn Frau Sommerfeld dran verreckt.
Den Leuchten wird`s schon bange:
"Dies Karma währet wohl lange".

- G. G.

Andrenio
3. September 2018 13:45

Was hätte Max Liebermann wohl zu diesem Geschehen gesagt?

John Haase
3. September 2018 14:43

@Andrenio
Da muß Frau Sommerfeld aber ne Weile am Herd stehen, wenn es für uns alle reichen soll.

Cacatum non est pictum
3. September 2018 20:33

Eine anrührende, vor allem aber fürchterliche Episode aus dem Drehbuch "Reise in den Totalitarismus". Beim Lesen füllen sich viele gedankliche Leerstellen, die von der Frage geprägt sind, wie es zu den großen politischen Verfolgungswellen im 20. Jahrhundert kommen konnte; welches soziale Klima zu jener Zeit geherrscht haben muß, daß Abweichler so gnadenlos gejagt und eliminiert worden sind. Gerade unsere Universalisten blöken doch bei jeder Gelegenheit diese als Fragen getarnten Phrasen der Scheinheiligkeit in die Welt hinaus. Intuitiv müßten sie eigentlich wissen, daß es exakt jenes von Frau Sommerfeld dargestellte Klima der ideologischen Arroganz war, aus dessen Schoß derlei Scheußliches gekrochen ist. Die Verbrechen sind also einem Kosmos der Meinungsuniformität und endlosen Angepaßtheit entsprungen, wie sie unsere urbanen Progressiven von heute kennzeichnen. Im Lichte dessen, was sich zurzeit um die Ereignisse in Chemnitz herum abspielt - völlige Verdrehung von Tatsachen durch nahezu alle Presseorgane und Rundfunksender, Verleumdung Protestierender, Kleinreden und Relativieren eines (teilweise versuchten) Mehrfachmordes, Initiierung einer Hexenjagd auf die AfD unter Beteiligung der Verfassungsschutzbehörden - ruft das bei mir große Besorgnis hervor. Vielleicht sind das bloß letzte Zuckungen aggressiver Ideologen, die ihre Felle davonschwimmen sehen. Vielleicht aber ist es auch der Auftakt zu politischen Säuberungen, wie sie Deutschland seit dem Krieg nicht mehr erlebt hat.

"... Ich solle doch den Vertrag unterschreiben, dann wäre alles gut. Nein, leider nicht. Denn: dem war bereits ein Gespräch zwischen mir (ich wollte Klarheit, wie es im kommenden Schuljahr aussieht, und kein Damoklesschwert) und dem Vorstand vorausgegangen, in dem sie mir sagten, selbst wenn ich jetzt unterschriebe, würden sie a.) nicht glauben, daß ich dem Inhalt der Erklärung auch zustimmte und b.) wäre es eine Frage von Wochen oder Monaten, denn 'Je berühmter du wirst, desto unwahrscheinlicher ist es, daß deine Kinder bleiben!' ..."

Abgesehen davon, daß mich dieses Gebaren des Vorstandes sprachlos macht, Frau Sommerfeld: Hätten Sie den Vertrag um des lieben Friedens willen unterschrieben, wenn die Punkte a.) und b.) nicht gewesen wären? Ich stelle die Frage nicht, um Ihre Bereitschaft oder Nichtbereitschaft ethisch einzuordnen, sondern weil es mich einfach interessiert, ob selbst ein prinzipientreuer Mensch wie Sie unter der Last solcher Schikanen - und natürlich zum Wohle der Kinder - irgendwann klein beigibt.

" ... Mein Mann hat in einem Interview dann gesagt, dieses Opfer wäre doch wieder nur ein Argument für die Neuen Rechten ..."

Verspürt Ihr Mann, bei allem Furor für den Kampf gegen die politische Rechte, nicht unendlich großen Frust im Angesicht dessen, was da Ihren Kindern angetan wurde? Ahnt er nicht einmal leise, daß es vielleicht die generelle Geisteshaltung seiner Gesinnungsgenossen ist, die solche Schneisen schlägt?

Nemesis
3. September 2018 23:28

"Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, die jeden fertig gemacht hätten - aber trotz allem haben sie sich dafür entschieden zu wachsen und ihre Wunden zu heilen. Menschen, die trotz ihrer Erlebnisse, die den Glauben in das Gute dieser Welt hätte zerstören können, ihre Unschuld und ihre Frische intakt bewahrt haben.
Tyrannen schaffen sich selbst, es gibt kein Unheil, das in der Lage wäre, auch nur einen zu erzeugen. Tyrannen können große Macht ansammeln, aber diese Macht zerschleißt sie. Bei jedem Treffen drücken sie den anderen ihren Stempel auf, aber damit verlieren sie immer auch einen Teil ihrer Macht. Ihre Handlungen rufen analoge Kräfte hervor, die sich von ihnen ernähren, Kräfte, die sie dazu antreiben, obsessiv und zwanghaft zu handeln, so, als wären sie von etwas außerhalb ihrer selbst besessen.
Die Versuche eines Tyrannen, die Richtung alleine zu ändern, werden sich immer auflösen, denn sie sind unfähig ihre Welt anzuhalten. Da ihnen die notwendige Weisheit völlig fehlt, können sie das i.d.R. nur über einen großen Schlag in ihrem Leben."(Alfredo Tucci)

Was ihren Schmerz, der durch das Herausdrängen aus der Waldorfschule hervorgerufen wurde ( etwas was Ihnen offensichtlich sehr wichtig war), so mag Ihnen dies ein Trost sein:

"Wenn die Verringerung ständig wirkt,
wird sie sicherlich eine Mehrung bewirken."
I Jing (Das Buch der Wandlungen)

Es ist ein anderer Blick auf die Wirklichkeit.
Er ist dennoch real.

Es grüßt Sie
Nemesis

Caroline Sommerfeld
3. September 2018 23:48

@Cacatum: Nein. Ich hatte Varianten vorgeschlagen, z.B. eine Art schriftlicher Selbstverpflichtung, nichts über die Schule zu schreiben oder den Kampf gegen diesen Vorstand ruhen zu lassen, tit for tat. Statt dieser Vereinbarung eine eigene. Wollte man nicht einmal andenken. War klar, darum ging es denen ja auch nicht.
Dennoch zu unterschreiben samt Kommentar, daß ich mich ja mehr als überdeutlich deklariert hätte, was ich von der Funktion der "Wiener Erklärung" halte, hatte ich in Erwägung gezogen, allein der performativen Absurdität wegen. Doch dazu kam es nicht.
Ein prima Argument fand ich, daß wenn selbst ich, die Inkarnation alles in der Erklärung offenbar Gemeinten, diese unterschriebe, sie inhaltsleer wäre. Ein prima Argument, ja. Und eben deshalb hätte es keiner kapiert und sie hätten mich da gehabt, wo sie mich hätten hinhaben wollen.
Die größere Perfidie lag für mich aber darin, mit diesem Unterschriftszwang uns als Eltern spalten zu können. Den Ball zu uns zurück zu spielen: macht das unter euch aus, denn wenn einer nicht unterschreibt, ist das halt das Privatproblem der Familie.

ene
4. September 2018 13:43

"Meine Vorstellung war lange, daß die Elternschaft doch irgendetwas an der Anthroposophie (nicht die geisteswissenschaftliche Lehre Steiners selber, aber irgendwelche Ideen, die tiefergehen als hübsche Aquarelle und feierliche Stimmung) gefunden hätte."

Liebe Frau Sommerfeld,
Sie verwenden im Zusammenhang mit dieser Aussage auch die Vokabel "goutieren" - die Elternschaft würde (vielleicht) die christliche Prägung usw. der Schule goutieren. Genau darum geht es! Man sucht für den eigenen Nachwuchs vor allem eine exklusive Schule - im wörtlichen Sinne: eine Schule, die die unangenehmen Begleiterscheinungen der "Vielfalt" ausschließt. D.h., auch eine bestimmte problematische Schülerschaft ausschließt. Das weltanschauliche Drumherum goutiert man bestenfalls, aber ohne vertieftes Interesse.
Auch ich habe mit Erstauen erlebt, wie Bekannte, die weder mit dem Christentum an sich, noch mit Traditionen noch gar mit der Kirche irgendwas am Hut haben, ihre Kinder plötzlich in einer ausdrücklich konfessionell geprägten Privatschule unterbrachten. Wo "Werte" vermittelt werden... Was man da für eigenartige Begründungen zu hören bekommt, wenn man sein Erstaunen ob solcher Entscheidungen bekundet...
Nein, es geht der von Ihnen ja treffend geschilderten Elternschaft darum, die Kinder heil durch die Grundschulzeit zu bringen. (Verübeln kann man es ihnen ja im Grunde nicht). Dazu gehört aber auch, daß die Schule eben nicht "in Verruf" kommt. Stellen Sie sich einmal vor, diese Eltern werden von Kollegen, Bekannten etc. daraufhin angesprochen, daß sie ja ihre Kinder auf eine Schule schicken, auf der "Rechte" ihr Unwesen treiben. Das muß verhindert werden, darum geht es. Man erwartet eine saubere Dienstleistung. Da soll alles reibunglos ablaufen. Gerne auch mit Aquarellen und "Werten". Aber ohne trouble.
Für die Befindlichkeiten Ihrer Familie werden Sie schon deshalb wenig Teilnahme erfahren, weil Sie sich ja schließlich das alles hätten "überlegen" können.
Kennen Sie von Yasmina Reza "Der Gott des Gemetzels"?
Da werden genau solche Zeitgenossen auf die Bühne gestellt.
Der Niedertracht kann man auch noch komische Aspekte abgewinnen.

Aber vielleicht stellt sich diese ganze Angelegenheit auch als ein Befreiungsschlag heraus. Oft läßt man ja Dinge erst dann los (mir zumindest geht es so), wenn man nicht mehr anders kann. Ich bezweifle nicht, daß Sie hervorragend kochen, glaube aber, daß Ihre speziellen Fähigkeiten doch auf anderen Gebieten liegen. In der Weitergabe Ihres Wissens, im Vermitteln, im Unterrichten im weiteren Sinne.

18GR49AL
4. September 2018 14:50

Sehr geehrte Frau Sommerfeld,

als Waldorflehrer, der seit fast vier Jahrzehnten intensiv mit der Anthroposophie Rudolf Steiner verbunden ist (seit 10 Jahren als Schriftsteller selbständig), kann ich zu diesen traurigen Geschehnissen nur sagen: es wundert mich - in Anbetracht der Steiner-Gegner innerhalb der "Waldorf- und Anthro"-Szene überhaupt nicht. Auch diese Phänomene stehen symptomatisch für die (falsche) geschichtliche Entwicklung seit Ende 1924.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie viel Kraft

Herwig Duschek

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