Sezession
25. September 2018

Marx von rechts – eine Debatte (2)

Benedikt Kaiser / 55 Kommentare

Nachdem Siegfried Gerlich den als Theorie-Einwurf einer jungeuropäischen Rechten verstandenen Sammelband Marx von rechts stark kritisiert hat,

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

antwortet nun einer der Autoren, Benedikt Kaiser. Er tut dies nicht nur als Attackierter, sondern als einer der Stammautoren und Mitarbeiter unserer Zeitschrift Sezession. Kaiser hat sich im Verlauf der letzten Jahre mit einer eigenen Tonlage und durch seine intensive Rezeption linker Denker und Bewegungen ein scharf konturiertes Profil erarbeitet. Er trat Mitte 2014 im Institut für Staatspolitik die Nachfolge Karlheinz Weißmanns an und leistet seither etwas, das zuvor nicht gelang: eine weit über unser eigenes Spektrum hinausreichenden intellektuellen Wirkung zu erzielen und so etwas wie "intellektuelle Angst" beim weltanschaulichen Gegner zu verbreiten.

Mit Kaisers Antwort auf Gerlich ist zugleich der Kommentarbereich in dieser Debatte geöffnet. Und wir rufen dazu auf, sich auch mit umfangreicheren Beiträgen zu beteiligen: bis zu 7000 Zeichen an redaktion(at)sezession.de, zum Thema, zu "Marx von rechts", zur Debatte, zu einem der beiden Beiträge. Vielleicht bis kommenden Montag?

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"Marx Von rechts" - Lektüre, keine Lektüre, schiefe Lektüre

Ausführliche Rezensionen sind oftmals entlegenen Fachpublikationen vorbehalten. Es ist daher zu begrüßen, daß mit Siegfried Gerlichs Meinungsbeitrag über die kontroverse Veröffentlichung Marx von rechts aus den Federn von Philip Stein (Vorwort), Alain de Benoist, Diego Fusaro und mir eine – dem Umfang nach zu urteilen – nachhaltige Auseinandersetzung zu erwarten war.

Indes, auf die frohe Kunde einer Großbesprechung, ob negativ, differenziert oder positiv, folgte sogleich die Ernüchterung: Hier wurde überwiegend die Chance verpaßt, am spezifischen Inhalt der Beiträge entlang eine substantielle Auseinandersetzung zu führen – und sei sie in der Sache auch besonders kritisch.

Das liegt womöglich an des freischwebenden Autors persönlicher Aversion gegen »jüngere« (wie so oft betont wird) neurechte politische Theorie und an der ihm gänzlich fremd erscheinenden Praxis. Aber jenseits persönlicher Animositäten liegt dies mehr noch daran, so meine ich jedenfalls, daß hier vor der möglicherweise erfolgten Lektüre feststehende Urteile nachträglich ausgeschmückt wurden.

Anders ist es nicht zu erklären, daß Gerlichs gewählter Einstieg ein von ihm anhand der Einleitung pauschal diagnostizierter »Zweifrontenkrieg« ist, der in dieser Form nicht existiert. Selbst linke Blätter und Antifa-Magazine haben in jüngerer Zeit demgegenüber präzise herausgestellt, daß die Arbeit der »jüngeren« Neuen Rechten um Stein und Kaiser ganz zentral und nicht erfolglos der »Sammlung« gewidmet ist.

Das heißt: dem Aufbau und Wachstum eines rechten Mosaiks, in dem unterschiedliche organisatorische, strategische und weltanschauliche Bausteine miteinander verwoben ein großes Gefüge des Solidaritätszusammenhangs ergeben, der flexibel und Kräfte bündelnd den Erfordernissen des politischen Tagesgeschäfts genügen kann – innere Widersprüche, gerade auch zwischen sozial und liberal, inklusive. Es gilt, so schrieb ich an anderer Stelle, eine Rechte zu schaffen, in der viele Rechte Platz haben.

Gerlich begründet jedoch seine Diagnose nicht, wonach man hier »liberal-konservative Kollaborateure«, zu denen er sich offenbar zu zählen scheint, »mitzuerledigen« gedenkt. Er springt zum nächsten Punkt, der sich doch so bequem von alleine verflüssigte, wäre das Buch sorgfältig gelesen worden. Denn Gerlichs Vorwurf, es würde rechten Kapitalismuskritikern nichts anderes übrig bleiben, als »bis zum apokalyptischen Kollaps der bestehenden Weltordnung tapfer auszuharren«, geht – erneut – am Inhalt vorbei.

Denn ein Spagat aus Nah- und Fernziel wird, beispielshalber von mir, ausdrücklich konstatiert:

Es handelt sich also bei rechter Kapitalismuskritik oder der Relektüre von Denkern wie Marx nicht ansatzweise darum, danach zu trachten, in einem globalen Staatsstreich den Weltmarkt abzuschaffen oder Maximalprogramme vorzulegen, wie man die große Maschine zum Stoppen brächte, auch wenn dies Neokonservative zur Desavouierung des kapitalismuskritischen Neubeginns auf der politischen Rechten argwöhnen. Alain de Benoist wies vielmehr darauf hin, dass es unmöglich sei, überhaupt einen globalen Wandel herbeizuführen. Daher müsse man endlich beginnen, eigene „Räume der Freiheit und des Miteinanders zu schaffen“, also Inseln gelebter Alternativität und Solidarität.

Diese »Inseln« können Hausprojekte, kleine sich herausschälende Gruppen politischer Nachwuchsdenker, widerständige Jugendcliquen, Parteiplattformen oder auch Suppenküchen für Bedürftige über Bürgerinitiativen sein, je nach Fasson und Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen.

In jedem dieser Fälle sind dies kleine und doch große Schritte der Veränderung, die uns mehr interessieren als das von Gerlich ohne jeden Beleg behauptete Warten auf den Weltkollaps, das eher die Sache abgesonderter Geister ist und weniger jene von jungen politischen Theoretikern, die tagtäglich (auch) in der Praxis bestehen müssen – in jener komplizierten und widerspruchsreichen Sphäre des Politischen wohlgemerkt, von der sich andere, bewußt distinguiert und gelegentlich mit der Arroganz des Besserwissenden zurücklehnend, seit Jahrzehnten fernhalten.

Alle politischen Bewegungen, die auf wirkliche und nachhaltige Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse abzielen und nicht bloß die Lust am Theoretisieren hegen, sehen sich im übrigen mit diesem Spannungsverhältnis von Nah- und Fernziel (vgl. »Revolutionäre Realpolitik von rechts?«, Sezession 81) – Politik der kleinen Schritte versus konkrete Utopie eines anderen Deutschlands, eines anderen Europas – konfrontiert. Doch auch hier irrt Gerlich.

Es geht nicht um gesetzte »Spaltpilze«, nicht um die Schaffung von Grenzen innerhalb des eigenen Milieus. Denn die Gräben zwischen »Realpolitikern« und »Fundamentaloppositionellen«, Grundsätzlichen und Reformern werden immer wieder, auch an dieser Stelle, dramatisiert. Die Losung der revolutionären Realpolitik, die die »jüngere« Neue Rechte auch in vorliegendem Marx-Buch zu der ihren macht, überwindet die falsche Entweder-Oder-Simulation der alten Denkgewohnheiten und zeigt auf, daß realpolitisch-reformistische Schritte unverzichtbar sind, um langfristige Strategien der Transformation entwickeln zu können.

Es gilt, wie Mario Candeias formulierte, »in Kenntnis der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse [zu] agieren, aber in der Perspektive ihrer Verschiebung«, während man konstant an den realen Bedingungen und gesellschaftlichen Widersprüchen anknüpft – man kann das schlicht Erweiterung von Resonanzräumen nennen. Es muß also »die Möglichkeit geben, im Hier und Jetzt so zu handeln, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Umsetzung der Alternative erhöht«, wie der Soziologe Erik Olin Wright ergänzend einforderte.

Doch zurück zu Marx und dem Corpus delicti, also insbesondere meinem Text, den Gerlich als »ausholenden Eröffnungsbeitrag« vorstellt, in dem ich eine »traurige Bilanz« zöge, was die Rezeption Marxscher Ideenwelten durch konservative und rechte Denker anbelange. Nur: Das ist schlichtweg nicht der Fall. Was vorliegt, ist eine kursorische, naturgemäß selektive Geschichte konservativer Kapitalismuskritik, die Marx immer wieder zum Gegenstand ihrer Kritik, selten aber ihrer Zuneigung machte.

An einigen Beispielen – ob Wagner, Rodbertus, Spengler, Sombart oder Strasser – zeige ich auf, wie dezidiert von rechts der Kapitalismus kritisiert wurde und welche (meist negative) Rolle Marx aus welchen mannigfaltigen Gründen spielte. Indessen wird – und Gerlich unterschlägt dies – im Aufsatz auch auf Gegenteiliges verwiesen, etwa auf Pierre Drieu la Rochelles affirmative Marx-Rezeption oder auf Hans-Dietrich Sanders individuellen Marx-Zugang, was Gerlich leider wiederum dem Leser, der das Marxbuch unter Umständen noch gar nicht kennt, explizit vorenthält, obwohl Drieu (hoffentlich) und Sander (sicher) auf Interesse seitens der Sezession-im-Netz-Leser stoßen dürften.

Ebenjener Sander, einer der Vordenker der bundesdeutschen Rechten der 1970er bis in die 1990er Jahre hinein, zeigte sich in bezug auf Marx und den Marxismus erfrischend undogmatisch. In seiner Dissertation Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie ging er zurück zu Marx als Autor, ohne marxistischen Ballast der schrecklichen Vereinfacherer, die auf ihn folgten, absolut zu setzen.

Einerseits sah Sander – mit Recht – Marx als widerlegten Ankläger der Geschichte, als heilsgeschichtlich argumentierenden Propheten des kapitalistischen Untergangs, der die immanente Flexibilität des Kapitalismus, wie man heute vielleicht formulieren würde, unterschätzte, und dementsprechend zu folgenschweren Fehlprognosen gelangte.

Es ist dies übrigens ein weiterer Aspekt der Marxschen Geschichtsphilosophie, dessen indirekte Übernahme Gerlich dem Autorenstamm des Buches Marx von rechts vorwirft, obwohl Alain de Benoist (dem Gerlich absurderweise zuschreibt, aus der »Alten Linken« zu kommen und nicht etwa Begründer der Nouvelle Droite zu sein) einige Jahrzehnte nach Sander Karl Marx ausdrücklich rügt, wenn er dessen »linearen Historizismus« ebenso verwirft wie die projizierte quasireligiöse Messias- beziehungsweise Erlöserrolle des Proletariats.

Sander verwarf Marx jedoch nicht in toto, sondern nahm jenen Marx ebenso wahr, der die realen Begebenheiten der bürgerlichen Gesellschaften des Kapitalismus empirisch analysierte und ihre Beziehungen und Prozesse, kritisch analysierend wie kaum ein Zweiter, durchdrang. Dort, wo Marx nah an der Realität argumentiert und Geschichtsprophetie beiseite läßt, bleibe er, in der Quintessenz Sanders, ein wichtiger Ansprechpartner für jeden, der die ihn umgebenden Verhältnisse und Gesellschaftsbeziehungen, kurz: die kapitalistische Logik, verstehen möchte.

Exakt diesem Ansinnen fühlte sich das Autorenkollektiv bei Beginn der Arbeit verpflichtet; Alain de Benoist traf den Minimalkonsens, der bei manch Konservativen schon für Fieberanfälle sorgt, recht gut, als er bereits 2012 in einem aufschlußreichen Gespräch mit der Jungen Freiheit postulierte: »Ich lese Marx, so wie man jeden Autor lesen sollte: ohne Verehrung und ohne vorgefaßte Meinungen.«

Der Grund nun dafür, daß ich demgegenüber Leo Kofler und Domenico Losurdo in meiner Tour d’horizon wegließ, worüber sich Gerlich als nächstes mokiert, sollte gemeinverständlich sein:

Ein wichtiges Ziel meines Textes war eine Einführung in Kapitalismuskritik rechter Denker und ihrer negativen wie positiven Bezugnahmen auf Marx und Marxsche Ideen – Ziel war es gerade nicht, linke Dissidenten vorzustellen und zu bemühen. (Der Titel lautet, dies nur zur Erinnerung: Marx von rechts, nicht: Marx von linken Dissidenten aus gesehen, die einige bedenkenswerte Ansätze pflegten.)

Daß Losurdo nun zum heterogenen Feld meiner ideenpolitischen Inspiratoren zählt und daß Kofler (wie auch beispielsweise ein anderer Marxianischer Dissident: Wolfgang Harich) so manchen reizvollen und klugen Text verfaßte, führt vom Thema des von Gerlich doch eigentlich zu besprechenden Buches allzuweit weg, ebenso wie (separat zu diskutierende) 180-Grad-Verdrehungen rund um den Nolte-Kontrahenten Zeev Sternhell.

Spätestens an dieser Stelle der Gerlichschen Volten muß man als sonst kaum eitler Autor doch mit Bedauern konstatieren, daß der eigene Text offenkundig nicht oder schief gelesen wurde. Denn die – auf die Geschichte rechter Kapitalismuskritik folgende – Einführung in das vielschichtige Werk Marxens (und Engels’) wird von Gerlich »zu einer typischen linken Einführung in den Marxismus« entwertet.

Das wirft einige Fragen auf: Denkt Gerlich bei der »typischen linken« Zugangsweise an meine Auseinandersetzung mit Rolf Peter Sieferles luzider, wohlmeinender und durchaus konservativer, stets aber ergebnisoffener Marx-Auswertung? Oder meint Gerlich meine Thesen zur Marxschen »industriellen Reservearmee«, also beispielsweise die skizzierte Auseinandersetzung mit der Masseneinwanderung gering qualifizierter »Überflüssiger«, die das Marxsche Topos heute (noch) aktueller werden läßt? Ist das typisch links?

Oder verweist Gerlich, ohne es auszuführen, auf die von mir angeführte Marxsche Bewahrungsthese aus dem dritten Band des Kapitals, wonach auch »eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen« nicht die »Eigentümer der Erde« sind. Vielmehr sind sie lediglich »ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen«. »Typisch links«? Oder vielmehr eine Zugriffschance für konservative Ökonomie- und Ökologiekritik?

Die unvorstellbare Zerstörung gewachsener Strukturen, die zunehmende Luftverschmutzung und der Raubbau an der Natur sind global virulente Phänomene; hier kann vor dem Hintergrund des Marxschen Werkes der Zusammenhang mit der weltweit vorherrschenden Produktionsweise untersucht werden – und das ist für Gerlich »typisch links«, vulgo: zu verwerfen?

Vielleicht meint Gerlich aber auch einen vierten, fünften Aspekt meiner kursorischen Marx-Einführung, der jedoch, wie die vorangegangenen, gänzlich in der Rezension verschwiegen wird, obwohl er einen weiteren zentralen Passus meiner Arbeit betrifft. Ich bedauere nämlich in Marx von rechts, daß Konservative heute oftmals keine Konservativen im eigentlichen Sinne mehr seien. Sie blenden, so lege ich dar, bisweilen die Kehrseiten der kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaft aus.

Damit aber nehmen sie passiv, qua lauten Schweigens im ökonomischen Beritt, die umfassenden und umwälzenden Veränderungen in den verschiedensten Segmenten hin. Ziel ist offenbar, die zu konservierende Besitz- und Finanzordnung, der man sich verschrieben hat, obwohl der zeitgenössische, finanzialisierte und digitalisierte Kapitalismus nur den obersten Schichten exorbitante Gewinne ermöglicht, nicht aus den Fugen geraten zu lassen.

Viele Konservative, so spitze ich zu, wollen mit Werten und Moralbildern gegen Entwicklungen angehen, die systemimmanent auftreten und keineswegs durch voluntaristische Aufrufe (Denkt auch an die Armen! Schluß mit der Spekulation!) allein beherrschbar sind.

Der Umstand, wonach viele Akteure im konservativen, freiheitlichen Lager von entsprechenden Thesen nichts wissen wollen, liege auch darin begründet, daß der Siegeszug der bewußten oder subkutanen Marktgläubigkeit – mit all seinen Folgen für das politisch-ökonomische Folgerungsvermögen – auch dieses Milieu erfaßt hat.

Nur so sei es zu erklären, daß die »als Konservative firmierenden Marktfundamentalisten« zu selten Widerspruch von rechts ernten, obwohl sich ein »historisch gehaltvoller Konservatismus« zum »Marktfundamentalismus wie Wasser zu Feuer verhält« (W. F. Haug).

Es ist immerhin das hegemonial gewordene neoliberale Denken, das ehedem konservative Fixpunkte wie Staat, Familie und Nation zugunsten neuer Parameter wie der »marktkonformen Demokratie« und dem Umbau einer vielgestaltigen Welt zum globalen Market Place durch die von Marx abschätzig eingestuften »Freihandelsdoktoren« und »Quacksalber« zu überwinden trachtet. Doch auch diese zur Diskussion und zum Widerspruch einladenden Thesen werden von Gerlich übergangen, ja noch nicht einmal beiläufig erwähnt.

Einer unserer Ausgangspunkte derweil ist folgender: In dem herrschenden und sich trotz aller Krisenanfälligkeit verfestigenden Rahmen des Bestehenden hat immer derjenige die reelle Gestaltungsmacht, der über Geld disponiert. Das ist ein Allgemeinplatz kapitalistischer Weltordnung.

Um nun aber im Kleinen wie im Großen den Primat des Politischen gegenüber dem Wirtschaftlichen herzustellen, einer bedeutsamen Maßnahme mit Konsenspotential in der Rechten, benötigen wir zunächst das Bewußtsein dafür, daß dieser Primat des Politischen ohne die Überwindung der oben angesprochenen kapitalistischen Logik nicht zu haben sein dürfte.

Dieser Logik gegenüber gilt es daher, etwa folgende Grundregel ins Gedächtnis zu rufen: »Die Gemeingüter gehören der Gemeinschaft.« Entscheidend für uns dabei die Ergänzung Slavoj Žižeks: »Marx erinnert uns an diese Frage.« Darüber hätte Gerlich informieren können, dagegen hätte er anschreiben können, diese Diskussion hätte er suchen können, hier hätte man den inhaltlichen Streit ansetzen müssen. Doch von der Existenz solcher (und vieler anderer) Überlegungen im Marx-Buch erfährt der Leser seiner Besprechung: nichts.

Stattdessen wirft Gerlich den Autoren vor, sich »einer zunehmenden Realitätsverweigerung« schuldig zu machen, worauf ich tatsächlich nichts antworten kann, so fehlgeleitet scheint mir dieser Vorwurf aus entsprechender Richtung.

Die Schriften von Karl Marx, so zeigen wir vier Autoren uns überzeugt, sind für das Verständnis der sich heute vollziehenden globalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse selbstverständlich kein allumfassender Schlüssel.

»Wer darauf bestehen würde«, so Co-Autor Diego Fusaro an anderer Stelle, »die heutigen Umwälzungen des Kapitals (Finanzkrisen, Auseinanderklaffen der ökonomischen Schere, et cetera) einzig durch die Marx’sche Brille betrachten und interpretieren zu wollen, würde sicher wenig verstehen, da es einfach unmöglich ist, sich ein Bild von Ereignissen zu machen, die Marx gezwungenermaßen nicht vorhersehen konnte. Ebenso wahr ist allerdings« lenkt Fusaro ein, »dass jeder, der sich weigert, auch diese Brille aufzusetzen, nichts vom Heute und seinen Veränderungen verstehen wird.«

Gemäß dieser Maxime gilt es auf der politischen Rechten, Marx als Denker vielschichtig zu durchdringen und gleichzeitig den Geist radikaler Kritik aufzunehmen. Eine solche erste Anerkennung von Marx und einer kritisch-radikalen Geisteshaltung, »die sich emphatisch und grundlegend von der in der Welt der Uneigentlichkeit und Entfremdung vorherrschenden unterscheidet« (Alain de Benoist), hieße Anerkennung der Kapitalismuskritik, aus der theoretische wie praktische Folgeschlüsse zu ziehen sind, wobei zu den reellen Folgen sicherlich die oben bereits erwähnten Inseln der Solidarität und der Alternativität zu rechnen wären, die derzeit gegen alle internen wie externen Widerstände aufgebaut werden.

Eine solcherart Schritt für Schritt zur politischen Praxis gewordene rechte Kapitalismuskritik, die mit europäischen Ideen und der Entschlossenheit zum elementaren Neubeginn assoziiert wäre und welche die von uns – wiederum: entgegen Gerlichs Behauptung – durchaus aufgeführten und kritisierten, bisweilen tödlichen Sackgassen des linken Antikapitalismus sowie dessen ökonomistisches Weltbild (das gespiegelt auch bei Neokonservativen zu finden ist) überwindet, hätte Ausstrahlungskraft auf die besten Köpfe der bisherigen politischen Lager, insbesondere hinsichtlich der verstärkt nach Neuem suchenden Jugend.

Dies wäre der Anfang vom Ende sowohl für die altkonservative »Rechte« als auch für die zeitgenössische, nur in Teilen noch authentisch kapitalismuskritische »Linke«. Daß dies beide Platzhirsche nicht akzeptieren wollen, kann nicht überraschen. Daß beide nun scharf schießen und dabei auch zu Verfälschungen, Weglassungen und Verdrehungen greifen: geschenkt.

Eine besonders erwähnenswert ironische Note erhält die Kritik des Werkes Marx von rechts lediglich dann noch, wenn gemutmaßt wird, »daß nicht wenige junge Rechte dieses Buch ‚links’ liegen lassen werden«. Nun, tatsächlich dürfte das Buch in Bälde, nach wenigen Wochen auf dem Markt, einer zweiten Auflage bedürfen – trotz Löschung durch Amazon, die Gerlich, wie so vieles, was das Buch wirklich anbelangt, verschweigt.

An diesem raschen Erfolgszug des Buches besitzen – Instagram, Facebook und Twitter lassen entsprechende Vermutungen zu – junge Leser einen, wenn nicht den entscheidenden Anteil. Für eine Erkenntnis dessen müßte man jedoch seinen Elfenbeinturm verlassen und das hohe Roß gegen ein Zusammenspiel politischer Theorie und Praxis eintauschen.

Dann würde man auch junge Rechte persönlich kennen und wüßte, welche Themen in ihren Reihen derzeit drängend sind und lebhaft, ergebnisoffen, kontrovers diskutiert werden. Insbesondere die Aussichten einer genuin europäischen Zukunft, die vielgestaltige soziale Frage oder auch der Zusammenhang von Migrationsbewegungen und Wirtschaftsentwicklungen sind hier anzuführen – weniger, mit Verlaub, die Suche nach der deutschen Seele bei Richard Wagner.

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Das Buch kann beim größten konservativen Buchversand – Antaios – bezogen werden, hier geht es entlang. Wir empfehlen die Lektüre des Titels von Alain de Benoist, Benedikt Kaiser, Philip Stein und Diego Fusaro als Auftakt zu einer weiterführenden Debatte! 


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (55)

Der_Juergen
26. September 2018 16:34

Da ich das Buch über Marx aus der Sicht der Rechten zwar bestellt, aber noch nicht erhalten habe, kann ich es noch nicht beurteilen und mich folglich auch zur Debatte zwischen dem Liberalkonservativen Gerlich und dem Sozialpatrioten Kaiser nicht verbindlich äussern. Stattdessen zitiere ich, was ein undogmatischer Rechter, der Russe Alexander Dugin, in seinem Buch "Putin gegen Putin", das in Kürze auch auf deutsch erscheinen wird, über die Schwächen und Stärken der marxistischen Theorie sowie ihre Anwendbarkeit auf die heutigen Verhältnisse schreibt:

"Eine Analyse ergibt, dass sich Marx mit seinen historischen Voraussagen geirrt hat. Er hielt eine sozialistische Revolution in den entwickelten bourgeoisen Gesellschaften Europas für unvermeidlich, in den Gesellschaften Asiens und Russlands hingegen für unmöglich. Es kam jedoch umgekehrt: In Europa fand eine solche Revolution nicht statt, wohl aber in manchen asiatischen Ländern sowie in Russland. Der historische Materialismus, der unkritische Fortschrittsglaube und der dogmatische Atheismus sind offenkundige Schwachstellen des Marxismus, doch in anderen Fragen erwiesen sich seine Prognosen durchaus als zutreffend. Er lieferte eine präzise Analyse der in einer bourgeoisen Gesellschaft allgegenwärtigen Entfremdung, übte berechtigte Kritik am Kapitalismus sowie am Mechanismus des Mehrwerts, prophezeite die unvermeidlichen Krisen des Kapitalismus und beschrieb deren Mechanismen. Die marxistische Kapitalismuskritik kann auch auf die heutigen Umstände übertragen werden, doch die These, wonach die Klasse das Subjekt der Geschichte ist, darf man ruhigen Gewissens als falsch verwerfen."

deutscheridentitaerer
26. September 2018 17:22

Mir schien Gerlich zunächst überzeugend, nun scheint mir aber, dass er nicht ganz unvoreingenommen an Kaisers Buch herangegangen ist. Gut für den Verlag, so wird man es wohl kaufen müssen, um sich ein Bild zu machen.

Ähnlich ging es mir bei "Querfront", fand ich zunächst auch einen unnötigen Beitrag, hat sich dann aber als sehr interessantes Werk herausgestellt.

Was mich - noch etwas jüngerer Rechter als Kaiser/Stein/Wegner - allerdings teils irritiert, ist der provozierende Gestus gegenüber dem angeblich so spießig-biederen Konservativen, die "nur die BRD von vor 50 Jahren wiederhaben wollen".

Das wirkt etwas herbeigeschrieben. Erstens sind Spießer die Grundlage jedes Gemeinwesens und zweitens ist unser Problem kaum der Mangel an (verbalen) Radikalinskis. In losen Zusammenhang damit, nicht auf Kaiser bezogen: befremdlich finde ich auch die gelegentlichen Angriffe auf Sellner, der wohl irgendwie als zu wenig weltanschaulich festgelegt oder so empfunden wird. Dass das von Sellner vertretene rechte Minimum pragmatisch den taktischen und strategischen Bedingungen Rechnung trägt will man nicht erkennen.

Maiordomus
26. September 2018 17:44

Die "Marx von rechts"-Debatte wurde von patriotischen Sozialdemokraten und Sozialisten schon vor 120 Jahren geführt, und zwar durchwegs im Marx-kritischen Sinn, welch letzterer wie Friedrich Engels die Genossenschaftshänger des kleinbürgerlichen systemerhaltenden Denkens bezichtigte; dies galt bereits ab Mitte des 19. Jahrhundert, als viele Sozialreformer noch an genossenschaftliche Lösungen glaubten; immerhin eine relativ freiheitliche Form des Sozialismus, die nicht mit dem primären Bedürfnis nach Machtübernahme und Revolution zu verwechseln war. Die überzeugendsten Gegner des Marxismus und Kritiker von dessen Illusionen und Machtphantasien kamen einst aus dem gemässigt linken Lager, welch letzteres aber heute gar nicht mehr zu existieren scheint.

Andererseits kann auf Nationalbolschewisten und dergleichen verzichtet werden, sie waren und sind überflüssig wie ein Kropf. Viel wichtiger als sich mit den Irrtümern und den klar totalitären Neigungen von Marx zu flirten, mit seinen bei Eric Voegelin präzise nachgewiesenen Frageverboten, wäre, wenn schon, eine Auseinandersetzung mit sozialliberalen und Christlichsozialen Ideen programmatisch wünschbar; philosophisch unter anderem mit den im Vergleich zu Marx klar stärker zukunftsorientierten Gedanken des "Assoziationsrechts" der Arbeiterklasse, worauf der bayrische christlichsoziale Denker Franz von Baader, Erfinder des Begriffs Proletairs in der deutschen Geistes- und Sozialgeschichte, weit über ein Jahrzehnt vor Marx bereits hingewiesen hat. Verhinderte Marxisten von rechts scheinen mir vor allem politisch wenig zurechnungsfähige, praktisch und finanzwissenschaftliche wie auch ökonomisch unerfahrene politische Idioten zu sein, welche sich vor allem durch den Gedanken an eine sogenannte Machtübernahme politisch besoffen machen lassen.

Die notwendige Auseinandersetzung mit der Sozialen Frage, der sich seinerzeit schon Papst Leo XIII. gestellt hat, kann nicht mit Marxismus verwechselt werden. Die Problematik der Sozialen Frage ist älter als der Marxismus und wurde regelmässig auch von verketzerten Christen beider Hauptdenominationen aufgegriffen. So gab es zum Beispiel schon seit den Zeiten der Franzosen Montalembert und Lamennais im 19.Jahrhundert einen Sozialkatholizismus, von dem man vermutlich mindestens so viel, wenn nicht mehr lernen könnte als von allen Spielarten des Marxismus. Von einigem Wert bleibt es für die sogenannt Soziale Frage, sich endlich mal wieder gründlich mit der Geschichte des Genossenschaftswesens zu befassen, wobei jedoch der sogenannte Korporatismus historisch seinerseits von politischen Irrtümern durchsetzt war.

Wer sich indes "liberal" nennen will, ein Wort, das heute kaum mehr geniessbar ist, müsste sich zunächst mal mit dem sogenannten mittelständischen Denken und der uralten Frage nach dem Gemeinwohl auseinandersetzen, den Prinzipien von Subsidiarität und Solidarität, auch dem Freiheitsprinzip, d.h. im Zweifelsfalle für die Freiheit, nicht zu verwechseln mit Brutalo-Neoliberalismus und Freihandel mit verantwortungslos produzierten Waren und Dienstleistungen bis zum Gehtnichtmehr. Eine der bisher wohl bedeutendste Real-Utopien genossenschaftlichen Denkens in der deutschen Literatur ist dem in viele Sprachen übersetzten Erfolgsroman von Heinrich Zschokke aus dem Jahr 1817 zu entnehmen, "Das Goldmacherdorf", wo das genossenschaftliche Leben auf eine Art dörfliche Autarkie der Selbstversorgung hinausläuft, was heute wohl nicht mehr praktikabel ist. Grandios bleibt jedoch in jenem Modell der Gedanke an Selbsthilfe realisiert, vgl. auch die bei Jeremias Gotthelf beschriebenen Schweizer Käserei-Genossenschaften, wobei viele genossenschaftliche Modelle durchaus schon auf angelsächsische Modelle aus dem 18. Jahrhundert zurückgeführt werden können. Der Glaube an Erlösung durch Globalisierung ist da jedoch weitgehend das Gegenteil. Genossenschaftliche Modelle brauchen eine gewisse Abschottung nach aussen, wie es zwar die sozialistischen Staaten mit ihrer Mangelwirtschaft auf nicht gerade rühmliche Weise vorgemacht haben. Es kann sich wohl immer nur um eine Art Mischwirtschaft im Rahmen eines gemässigten Kapitalismus, einer Sozialen Marktwirtschaft, handeln.

PS. Zu den Lesern des oben genannten fortschrittlich-liberalen Genossenschaftspioniers Zschokke, geboren 1771 in Magdeburg, verstorben 1848 in Aarau, gehörte notabene ein Ernst Jünger, der ihn immer wieder mal zitierte. Der bei mir schon wiederholt zitierte Franz Xaver von Baader (1765 - 1841) war notabene der Lieblingsphilosoph des wohl bedeutendsten konservativen Denkers Deutschlands der Nachkriegszeit, Gerd-Klaus Kaltenbrunner.

Thomas Martini
26. September 2018 19:52

"An diesem raschen Erfolgszug des Buches besitzen – Instagram, Facebook und Twitter lassen entsprechende Vermutungen zu – junge Leser einen, wenn nicht den entscheidenden Anteil. Für eine Erkenntnis dessen müßte man jedoch seinen Elfenbeinturm verlassen und das hohe Roß gegen ein Zusammenspiel politischer Theorie und Praxis eintauschen."

Das Buch steht ganz oben auf der Liste, für meine nächste Bestellung bei Antaios.

Unabhängig von Benedikt Kaisers Feststellung, kam mir beim Lesen von Siegfried Gerlichs Kritik auch das Wort Elfenbeinturm in den Sinn. Da muß es recht schön und bequem sein.

Gerlich spricht vom "mythisch gewordenen Arbeiter" und diese Formulierung ist ein Offenbarungseid. Vielleicht möchte der Herr mal eine Woche mit mir tauschen, dann sollte er begriffen haben, dass der Arbeiter kein Mythos ist, sondern auch heute noch Tag und Nacht auf der Matte steht, um dieses Land am laufen zu halten. Und ich arbeite noch zu einigermaßen günstigen Bedingungen.

Eine Freundin von mir, arbeitet bei einer der großen Lebensmittelketten als Verkäuferin, sechs Tage die Woche, manchmal bis zu 12 Stunden am Tag. Dennoch kommt sie finanziell auf keinen grünen Zweig. Sie kann sich keinen Urlaub leisten, die Reparaturkosten für ihr altes Auto muss die Mutter aufbringen. Ihre Chefin streicht ihr den Sommerurlaub; Personalmangel. Wenn ich sie frage, warum sie sich das gefallen lässt, ist die Antwort: "Ich kann doch froh sein, eine Arbeit zu haben und bei dem letzten Arbeitgeber war es noch schlimmer."

Bei diesem Beispiel handelt es sich nicht um einen Einzelfall. In der Tat hat sich die sogenannte "soziale Marktwirtschaft" in der BRD in den typisch demokratischen Raubtierkapitalismus nach britischer Bauart verwandelt.

Denn bei den Aktionären und Spekulanten, da gehen die Gewinne schließlich durch die Decke. Vorstände, Manager, sogar "Fußballer" und führende Angestellte verdienen sich die goldene Nase, machen Millionen um Millionen, während der einfache Arbeiter mit Almosen abgespeist wird.

Irgendjemand muss aber bei ALDI an der Kasse sitzen, und auch Herr Gerlich möchte sicherlich gerne weiterhin all die liebgewonnen Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sei es in der Gastronomie, im Verkehrswesen oder im Einzelhandel. Das sind alles Branchen, wo die Menschen größtenteils mit ~ Mindestlohn abgespeist werden. Damit haben sie die Gewissheit, nach 40 - 45 Jahren harter Arbeit in Armut zu leben, weil die Rente niemals reichen wird.

Das ist grob gesagt, die wirtschaftliche Situation, in der sich die BRD befindet. Normalerweise sollte Die Linke hieraus Kapital schlagen können, doch sie kann es nicht, da sie sich längst dem kapitalistischen Geldadel und dem Globalismus unterworfen hat. Das nimmt man im Volk ganz genau wahr. Aus diesem Grund ist es nur folgerichtig, lohnend, und letztlich eine Frage des Anstands, sich gegen diese Verhältnisse auszusprechen, die "soziale Frage" zu stellen, und Ansätze zu entwickeln, wie man das jetzige Wirtschaftsmodell reformieren kann, um sich einer sozialen Gerechtigkeit zumindest wieder anzunähern.

deutscheridentitaerer
26. September 2018 21:21

@Thomas Martini

Die Diskussion "pro-contra-Kapitalismus" ist wie die Diskussion "Philo-/Antisemitismus" eine, bei der ich beiden Seiten viel abgewinnen kann und deshalb oft im Sinne einer belebten Diskussion die andere Seite meines Gesprächspartners vertrete. Also:

Ich habe oft in Branchen gearbeitet, in denen man keine Qualifikation brauchte: Produktionshelfer, Türsteher, Paketentlader, Hausmeistertätigkeiten. Überall bekam man ein Gehalt, dass eine alleinstehende Person locker über die Runden kommen lies. Insbesondere bei UPS hatte man beachtliche Akkord- und Nachtzuschläge und sogar Aufstiegschancen.

Natürlich ist es etwas anderes, ob man das als Student nebenher im Bewusstsein macht, dass man irgendwann weniger körperliche Tätigkeiten übernimmt. Dennoch habe ich einen anderen Eindruck von der Arbeitsmarktlage als von Ihnen beschrieben.

Das gilt umso mehr, wenn man eine Ausbildung durchlaufen hat. Die meisten Studenten sind umdeklarierte Arbeitslose, die bzgl. ihrer Erwerbstätigkeit ein knappes Jahrzehnt vergeuden.

Unfassbar viele Leute studieren bspw. Politikwissenschaften. Wie kann das sein? Eine handwerkliche Tätigkeit ist sozial weniger angesehen, dabei habe ich mittlerweile den Eindruck, dass das (nicht nur) finanziell (sondern auch, was den Sinngehalt der Arbeit angeht) der bessere Weg wäre.

Ob in mittel-naher Zukunft noch jemand bei ALDI an der Kasse sitzen wird, ist eine andere Frage.

Was den mythischen Arbeiter angeht, so würde ich Gerlich durchaus zustimmen, dass es den heute nicht mehr in der Form gibt, wie es ihn zu Marxens Zeiten gab. Ein Arbeiter ist für mich etwa ein Bergmann oder ein Stahlarbeiter, nicht jedoch eine Kassiererin. Jedenfalls ist die Macht der sozialen Klasse "Arbeiter" nicht mehr vorhanden.

Dass Fußballer viel Geld verdienen stört mich auch nicht. Das Geld kommt ja letztlich von den Fans, die die Vereine finanzieren. Auch ich habe allerdings meine Grenzen, was das Verständnis der von Angebot und Nachfrage austarierten Verdienstmöglichkeiten angeht, nämlich bei sogenannten Instagraminfluencern u.ä. So absurd derartige Phänomene aber auch sein mögen, so würde ich sie doch im Interesse an einer allgemein ökonomisch funktionierenden Gesellschaft tolerieren. Besser alle haben ausreichend und einige sehr viel wie im Kapitalismus, als dass alle nichts haben (und einige doch wieder sehr viel) wie im Kommunismus.

Ich sehe aber eh keine soziale Frage in dem Sinne, dass manche Bevölkerungsteile aus Armut verelenden würden. Das Problem ist vielmehr der Sozialstaat, der die Leute an staatliche Spesen gewöhnt, ihrer Selbstverantwortung beraubt und sich dadurch eine verfettende Prekariatsklasse heranzgezüchtet hat.

Immer noch S.J.
26. September 2018 22:19

Zugegeben: „Marx von rechts“ zu reflektieren ist der Versuch, im linken Lager zu werben. Allerdings geschieht das aus guten Gründen.

Das vielleicht bedeutendste Denkmuster von Marx, die Ereignisse in der Geschichte zu sortieren, ist wohl die Annahme, sie sei geprägt durch einen permanenten Gegensatz zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern. Für diese Annahme finden sich verführerisch viele Konstellationen, z.B. Sklaven und Patrizier in der römischen Antike, Bauern und Grundherren im Mittelalter, Proletarier und Fabrikbesitzer in der Zeit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und natürlich in der Gegenwart die oftmals mies bezahlten Arbeitnehmer einerseits und die obszön verdienenden Manager sowie Kapitaleigner andererseits.

Linke Theoretiker und ihre Anhänger haben in der Nachfolge von Marx keine allzu differenzierte Beschreibung vorgenommen, wer nun konkret zur Gruppe von „Us“ und „Them“ gehört. Das ist vielleicht auch nicht weiter nötig. „Us“ - das kann im Grunde jeder sein, der schlecht bezahlt wird, in Ungewissheit lebt oder unstet umherirrt, gleich welcher Herkunft. Die bekannte „sozialistische Internationale“ bringt das entsprechend zum Ausdruck. Das Endziel der Geschichte sei ja die Überwindung der Klassengesellschaft zugunsten einer klassenlosen Gesellschaft, die keine Ungerechtigkeiten kenne.

An diesem Punkt kommt der Auftritt der Rechten, die Marx von rechts interpretiert. Ein gemeinsamer Nenner ist die Auffassung, dass obszön verdienende Wenige eine ganze Bevölkerung mit ihrer Gier ruinieren und es schlichtweg nicht angeht, das Eigenwohl zulasten einer Nation zu verabsolutieren. Trennend ist die Überzeugung, dass ein Volk gewissermaßen eine Verantwortungsgemeinschaft ist, die sich über die nationale Identität und die Identifikation mit der eigenen Nation von anderen Gesellschaften abgrenzt. Daraus ist der Vorwurf entstanden, die politische Linke habe die Interessen der einheimischen Arbeiterschaft aufgegeben und hechele der Herstellung des Wohlergehens einer nicht näher beschreibbaren Menge von Menschen aus aller Herren Länder der Welt hinterher.

Die Chance der Rechten ist es, die Annahme zu vermitteln, dass es vielversprechender ist, im überschaubaren Rahmen der nationalen Verantwortungsgemeinschaft Abhilfe für Ungleichheiten zu schaffen, als sich im unüberschaubaren Rahmen einer wie auch immer gearteten „Internationale“ zu verzetteln.

Gustav Grambauer
26. September 2018 23:45

Das Denken und Auftreten von Horst Mahler sowie das inkrimierte Werk einmal völlig außer Acht lassend, soll er hier lediglich einmal als Zeitzeuge zitiert sein:

"Verstärkend wirkte bei meiner persönlichen Emanzipation von Marx die gerüchtweise Kenntnisnahme von Erzählungen über die Entstehung des 'Kommunistischen Manifestes', die in Kreisen des Politbüros des ZKs der SED die Runde machten. Von diesen Erzählungen erfuhr ich im Jahre 1990 vom Sohn eines Politbüro-Kaders. ... Das Gerücht paßt sehr gut ... zu dem Einfluß von Moses Heß auf Karl Marx, eben so zu dem Inhalt des Briefes von Baruch Levi an ihn. ... Nach diesen Erzählungen soll das 'Manifest' während einer Überfahrt über ein Gewässer entstanden sein. Marx und Engels – vom Wein beschwingt – sollen sich vor Lachen die Bäuche gehalten haben bei dem Gedanken, wie die Deutschen Arbeiter auf dieses Programm, das gar nicht ernst gemeint gewesen sei, 'abfahren' würden." - aus: "Das Ende der Wanderschaft", Brandenburg-Görden 2013, Seite 264

(Selbst kaum jemand von denjenigen, denen überhaupt der Tatbestand bekannt ist, hat wohl Hintergedanken, Methode und Tragweite für Deutschland begriffen: Otto Schily hat Horst Mahler die Hegel-Gesamtausgabe in die JVA mitgebracht und ihn damit sozusagen für die Hegelei angefixt, Danaum fatale munus!, was dadurch brisant wird, daß Schily anthroposophisch erzogen wurde und in anthroposophischen Denkformen denken kann.)

Auch ich habe damals von mehreren Nomenklaturkadern (solchen aus der NDPD und aus der 'Volkswirtschaft') hinter vorgehaltener Hand vernommen, daß Marx für sie nur ein Scharlatan war. (Zu deren Ehrenrettung kann ich sagen, daß es Sine-Ira-Et-Studio-Charaktere waren, Fachleute, die sich nirgends als Agitatoren hervorgetan haben.) Von NVA-Offizieren habe ich glucksenden Hohn für Marx unter ansteigendem Alkoholpegel vernommen, à la "Marx - Lyssenko - Mittag - eine gerade Linie von Pfuschern" usw. Auch die und gerade die hatten ein Sensorium für Verhöhnungen!

Und es ist eben der Clou, daß Marx auch überreichlich Stoff zur Kontroverse, reichlich Raum für paradoxales Denken, viele kühne Querdenkereien, einige Wahrheiten und sogar - bei all dem galligen, wütenden Haß und all der rasenden Vernichtungswut, die die Substanz ausmachen - ein winizges Quantum Positivität und Konstruktivität in sein Denkgebäude eingebaut hat.

- G. G.

Cacatum non est pictum
27. September 2018 00:16

"...

... Ich bedauere nämlich in Marx von rechts, daß Konservative heute oftmals keine Konservativen im eigentlichen Sinne mehr seien. Sie blenden, so lege ich dar, bisweilen die Kehrseiten der kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaft aus ..."

Ich weiß genau, wen Sie meinen. Diese Leute begegnen mir zuhauf. Sie geben sich staatsnah, patriotisch, ordnungsliebend und gesittet. Jeden nur im Kern sozialistischen Gedanken weisen sie von sich wie der Teufel das Weihwasser. Und keine politische Frage kann behandelt werden, ohne die Konsequenzen in den Blick zu nehmen, die sich daraus für die Wirtschaft ergeben; so, als wäre der ökonomische Wettbewerb Dreh- und Angelpunkt des Universums.

Die meisten von ihnen sind weder dumm noch politisch uninteressiert. Sie haben sich lediglich den Marktgläubigkeitschip implantieren lassen. Für Fragen wie Bevölkerungsexplosion, Umweltverschmutzung, Monopolbildung und Ausbeutung ist ihnen der Kompaß abhanden gekommen.

@deutscheridentitaerer

"...

... Besser alle haben ausreichend und einige sehr viel wie im Kapitalismus, als dass alle nichts haben (und einige doch wieder sehr viel) wie im Kommunismus ..."

Tja, wenn aber diejenigen, die nur gerade so ausreichend zur Verfügung haben, dafür unermeßliche Anstrengungen auf sich nehmen müssen (Beispiel von Thomas Martini), während sich das Vermögen anderer quasi im Handumdrehen von allein vermehrt (Spekulanten), dann kippt dieses Mißverhältnis ab irgendeinem Punkt ins Obszöne. Und spätestens von da an stellt sich eben doch die soziale Frage.

eike
27. September 2018 00:42

Schade, daß wir unsere (intellektuellen) Kräfte auf absoluten Nebenschauplätzen verplempern. Oder ist es ein Kotau vor dem Zeitgeist, weil wir die wirklich für die Rechte relevanten Denker - Nietzsche, Heidegger, Schmitt, Evola, Pierce uam. - nicht von rechts lesen dürfen ?

Was wir von Marx lernen können, ist minimal: sein Geschichtsbild als ewiger Konflikt zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten ist zwar nicht ganz falsch, gibt aber, wie sich erwiesen hat, für Voraussagen der Zukunft nicht viel her. Und schon gar nicht für die Konstruktion von Alternativsystemen, wie die Versuche der Vergangenheit bewiesen haben.

Was bleibt, ist das etwas abgestandene Thema 'soziale Gerechtigkeit' und da gab es wesentlich gelungenere Lösungsansätze als das unsägliche Klassenkampfparadigma.

Thomas Martini
27. September 2018 01:43

"Ich habe oft in Branchen gearbeitet, in denen man keine Qualifikation brauchte: Produktionshelfer, Türsteher, Paketentlader, Hausmeistertätigkeiten. Überall bekam man ein Gehalt, dass eine alleinstehende Person locker über die Runden kommen lies."

Es kann nicht der Anspruch einer sozialen Marktwirtschaft sein, dass Menschen, die in Vollzeit arbeiten, lediglich "über die Runden kommen".

Wenn eine Vollzeit-Stelle nicht ausreicht, um finanzielle Sicherheit zu gewährleisten, so dass man Eigentum erwerben, und für's Alter vorsorgen kann, dann ist die Wirtschaft schlecht. Ganz gleich, ob gewisse Leute sagen: "Ja, aber für mich ist sie gut."

Überall dort, wo die westlich-liberale Demokratie herrscht, dient das Volk der Wirtschaft, und die Wirtschaft dient dem Kapital. Dieser Grundsatz gehört vom Kopf auf die Füße gestellt. Das Kapital hat der Wirtschaft zu dienen, und die Wirtschaft dem Volk. Alles andere kann nur in einer extremen Ungleichhheit und Ungerechtigkeit enden, und wer sich die auseinanderklaffende Gehaltsschere seit den 1980er Jahren ansieht, sollte das auch erkennen können.

Obi Wan Kenobi
27. September 2018 02:11

Man darf an dieser Stelle der Debatte auf Panajotis Kondylis verweisen, den wohl illusionslosesten aller rechten Denker, der zu der Feststellung kam, dass "kein Moderner (...) so tief und anschaulich wie Marx vorgeführt (hat), dass Geschichte, Ökonomie, Politik, Philosophie und Anthropologie im Grunde genommen eine einzige Sache und einzige Disziplin sind“ und er sah in ihm deshalb einen „der großen Begründer moderner Sozialwissenschaft“.

In dieser Interdisziplinarität liegt meines Erachtens die kaum zu überschätzende Bedeutung von Karl Marx; dazu kommt ein Autor, Stilist, Polemiker und Journalist von epochalem Rang.

Er durchschaute den frühen Industrialisierungsprozess in einem ganz entscheidenden Punkt: Erst ist der Mensch so frei, sich durch eine Vielzahl von Erfindungen die Natur und die Dinge zu unterwerfen, bloß um dann in der industriellen Warenwelt zu landen, wo die Dinge ihn dann wieder sich unterwerfen und er unfrei wird, ganz wie in Goethes Gedicht vom Zauberlehrling. Das ist große Philosophie, und die Wertkritik eines Alain de Benoist oder eines Robert Kurz, die an diesen Marx anschließt, ist doch offensichtlich zutreffend - man sehe sich doch bloß an, wie das Leben vieler Jugendlicher beispielsweise nur noch um ihr Smartphone kreist.

Noch kurz zu Sander: Er hat das Werk von Marx aufgeteilt in die Realstruktur, also die Passagen, in denen Marx sich mit den Industrialisierungsprozessen seiner Zeit befasst oder sich als Historiker mit der griechischen Antike und dem Bonapartismus auseinandersetzt, und in eine Tribunalstruktur, innerhalb derer Marx und Engels als Ankläger die Geschichte vor ihr Tribunal zerren. Sie verabsolutieren die Situation des voll ausgeprägten Klassenkampfes, die sie in der Mitte des 19 Jahrhunderts in England und Deutschland beobachten konnten, und machen daraus ein deterministisches Geschichtsgesetz.

Sie verzeichnen den Unternehmer zur Figur des Bösen, zum „Expropriateur“, und konnten sich dabei wohl nicht ausmalen, welche katastrophalen Wirkungen das Herausdrängen dieser wichtigen sozialen Figur aus der Gesellschaft nach sich ziehen würde, wie es später ja in den kommunistischen Systemen geschah.

Aber schon die Bebel-SPD hatte sich ja von diesen tatsächlich problematischen Passagen im Werk von Marx distanziert, so bspw. von der "Diktatur des Proletariats". Das größte Unglück für Marx war es deshalb, dass seine Theorien in Russland in eine politische Praxis umgesetzt wurden, und nicht in Deutschland.

Maiordomus
27. September 2018 06:45

@deutscher Identitärer. Das Geld für den Fussball kommt von den Fans? Wirklich nicht. vgl. einen der wichtigsten Sponsoren, "Fly Emirates", vor allem aber; das Fernsehen, neben dem Bezahlfernsehen auch das zwangsabonnierte Fernsehen, natürlich über die Einschaltquoten, wobei aber die Fussballmuffel mit bezahlen. Am wenigsten bedeutend scheinen die Eintrittskarten der Fans, davon lässt sich der Fussball schon seit Jahrzehnten nicht mehr finanzieren.

Maiordomus
27. September 2018 07:14

Zur Auseinandersetzung mit dem Marxismus, auch Lasalle, welche beide das Genossenschaftswesen ablehnen und auf die totalitäre Eroberung des Staates setzen, vgl. Hans Müller: Die Stärkung des Genossenschaftswesens durch die Konsumgenossenschaften. Ein Beitrag zur Förderung freiheitlicher Socialreform, von Hans Müller, Zürich 1895; der genannte Hans Müller hat sich wie der hochverdiente sozialdemokratische Nationalrat Stefan Gschwind nicht nur für das Genossenschaftswesen mit Hochburg in der Schweiz verdient gemacht , sondern mit Recht die enorme Bedeutung des Konsums, nicht bloss der Produktionsmittel, hervorgehoben. Die Sozialdemokratie sollte auf der Basis einer Konsumentenbewegung stark gemacht werden, welche Bewegung übrigens schon ab 1850 stark im Kommen war. Bei Zschokke ist ebenfalls schon der Grundgedanke von Raiffeisen, zutiefst genossenschaftlich, fundiert. Es muss freilich zugegeben werden, dass die hohen Ideale von Raiffeisen derzeit nicht nur in der Schweiz am Boden liegen. Dahinter steckt aber ein ganz anderes Denken als der widersprüchliche und verhängnisvolle Staats-Sozialismus. Es bleibt aber dabei, dass dieses Denken es verdienen würde, wieder neu aufgegriffen und der heutigen Zeit angepasst zu werden. Selbst eine halbwegs vernünftige "grüne" Oekonomie müsste dort ansetzen. Vom genannten Hans Müller stammt auch rund 500seitiges Standardwerk zur Geschichte des Genossenschaftswesens. Ein weiteres grosses Thema wäre natürlich das Nachdenken über das Geld, ich erinnere an Silvio Gsells und Schwarz' Freigeldtheorie, die ich aber hier an dieser Stelle nicht als Doktrin grundsätzlich verteidigen möchte, sehr wohl aber auf die entsprechenden Fragestellungen und ihr Neuaufgreifen hinweisen. Noch ein Pionier des Genossenschaftswesens in der Schweiz war einst Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Auch der europakritische sozialdemokratische Bundesrat Otto Stich, selber ein praktizierender Katholik, entstammte der Konsum-Verein-Bewegung, deren sogenannt kleinbürgerliche Einstellung als Konsumentenbewegung jedoch dann von den 68er verlacht und abgelehnt wurde. Intellektuell aber hatte der Mann einiges drauf. Er wurde gegen den Willen seiner Partei in die schweizerische Landesregierung gewählt. Nichts war den Marxisten indes verhasster, übrigens auch in Deutschland, als diese Sorte Sozialdemokraten, zum Teil auch "Kanalarbeiter" genannt, jedoch mit der Konsumverein-Bewegung nicht zu verwechseln.

imwerk
27. September 2018 08:41

Bei allem Respekt für die akademische Debatte um »Marx von rechts«, die, wie man sieht, ihre Temperatur wesentlich vor allem durch die polemische Aufladung von Pro und Contra nährt, fände ich es wesentlich spannender, wenn die »Neueste Rechte« neben der theoretischen Schwurbelei darlegt, was »rechter Marxismus« dann ganz konkret für ein von rechts gedachtes Gesellschaftsmodell bedeuten soll. Denn, das muß den vornehmlich westdeutschen neuesten Rechten doch von vornherein klar gewesen sein, daß Marx gewisse Reflexe auslösen würde, vor allem bei den östlich der Demarkationslinie Geborenen.

Raskolnikow
27. September 2018 10:31

„Ach, Kommunien, Kommunien, komm her!
Zeig uns Deine dumme Fresse bitte sehr!“
(russ. Lied)

Liebe Genossen!

Den fahrenden Gauner erreicht die Logistiktentakel des globalen Kapitalismus nicht so leicht, daher kommts, daß ich obanstehendes Buch bisher noch nicht apperziperen konnte. Und derowegen will ich mich nur auf die offensichtlich aufbrechenden Streitlichkeiten zwischen den, ja wie soll man sie nennen, Konservativen alten Schlags, doch das sind sie ja nicht, da sie dem Kapitalismus zugutereden, oder gar Marktkonservativen, doch auch dies ist beileibe schlecht gewähltes Etikett, denn echter Markt wird ja gerade zerstört durch finanz- und monopolkapitalistischen Argwahn...

Nun, wie man sieht, fällt schon die Bennenung der Parteien schwer. Die Begriffe fehlen, ein untrügliches Zeichen für die Ableibung etwas Alten und die Entblößung etwas Neuen...
Wie sollte man denn auch die andere Seite bezeichnen? Marxistische Rechte? Strasseristen? Konservative Hoolibolschewisten? Ich vermags nicht...

Vielleicht sei mir gestattet, vereinfachender- und listigerweis auf die alten Utopisten und die jungen Pragmatiker zu rekurrieren. Die alten Utopisten leben in der Nachkriegsepoche bzw in ihrem Eigenheim und haben, bewußt oder unbewußt, die amerikanische Weltordnung internalisiert (Auschwitz, US-Bindung, freier Markt, liberale Demokratie und die Immenhof-Trilogie). Die jungen (vermeintlichen?) Pragmatiker sind deutlich ungebundener, gehen offen auf alte Tabus zu (2. Weltkrieg, Wagner, Marx), respektieren die Institutionen der Nachkriegsordnung nur bedingt (Bildungsbürgertum, Wohlstand, freie Fahrt für freie Bürger) und sehen sich dem Ungeheuer des globalen Kapitalismus ohne Netz und doppelten Sozialstaat ausgeliefert. Die Ungebundenheit bedeutet einerseits Freiheit, z.B. ideologisch, andererseits auch eine spürbare Verlorenheit (keine Babyboomer-Rundumversorgung in Aussicht).

Wie wenig die alten Taufnamen (Rechts, Links, Konservativ, Revolutionär) noch taugen, wird ja nicht erst seit „Marx von Rechts“ und der Debatte darum deutlich. Ich will nicht ablassen, auf die gestiftete Verwirrung durch diese obsoleten Benennungen hinzuweisen. Die Herausnahme des Werks aus dem Angebot des JF-Buchdienstes markiert ohnfraglich einen neuerlichen Schnitt mit Kubitscheks Kantenschere.

Es brechen immer wieder die gleichen Gefechte aus: Wie stehts mit den USA? Wie mit Rußland? Kapitalismus oder Ordnungspolitik? Volk oder Paß? Heimat oder Wirtschaftsraum? Und so fort... Die Fragen werden lagerübergreifend, so man die alten Lager anerkennt, verschiedentlich beantwortet. Und oft, ich muß das leider so schreiben, kommen die alten Utopisten nicht ohne eine kleinlich altbackene Biederkeit aus. Vielleicht darf ich ein unbedeutendes Beispiel anführen: Auf der Internetseite „Twitter“ schrieb ich vor einigen Tagen, die DDR sei im Vergleich zur BRD „harmlos“ gewesen. Für mich ist das recht eindeutig, weil die DDR, bei allen haarsträubenden Abstrusitäten, nie die Abschaffung des eigenen Volkes, die Zerstörung, ja Verneinung, der deutschen Kultur oder die großzügige Duldung von Verbrechen betrieben hat. Ich erhielt daraufhin viel Widerspruch, öffentlich und in zahlreichen persönlichen Meldungen. Mich hat dieser Widerspruch frappiert, um nicht zu sagen chokiert.

Die Argumentationen gegen meine Konstatierung reichten von der Klage über Menschenrechtsverletzungen, fehlender Redefreiheit, Reisebeschränkungen, Mauertoten und so weiter, bis hin zum Argument der mangelnden Verfügbarkeit von Konsumprodukten. Kurz: man hielt mir entgegen, die DDR sei ein Unrechtsregime gewesen.

Nun liegt es mir fern, die DDR zu verteidigen, doch fehlt mir jedes Verständnis für die Naivität und den Glauben, eine sichere und friedliche Gesellschaft könne ohne Verteidigung nach außen und Homogenisierungsmaßnahmen nach innen überhaupt existieren. Dann sind alle Gesellschaftsformen vor der BRD „Unrechtsregime“. Jede Monarchie, jede alte Republik, disziplinierte Gottes- oder Majestätslästerer, Verräter, Übeltäter, Deserteure und so weiter... Wer die Freiheit von Leuten wie „Pussy Riot“, „Kommune1“ oder Bomber-Harris-Fans will, darf sich, das ist die Folge, über anderweitige Weigerungen des Staates, bei bestimmten Handlungen einiger Mitglieder der Gesellschaft einzuschreiten, nicht beschweren. Daß also die (naiven) Dissidenten im Osten drangsaliert wurden, ist der Preis für das friedliche Zusammenleben der Mehrheit. Das meine ich wertfrei! Die Solschenizyns, Gundermanns und Brüsewitz` haben durchaus meine Sympathie und Achtung, sie widerstanden aber dem kleinen Übel und das große Übel benutzte sie.

Ich weiß ja, man darf nicht „unselig aufrechnen“, aber als Randbemerkung sei mir gestattet, zu erwähnen, daß die rund 200 Toten an der Mauer während der gesamten 40jährigen Existenz der DDR vom Liberalismus in ein paar Monaten verkonsumiert werden (allein 2017: 1350 Tote durch illegale Drogen). Und die mangelnde Auswahl an Schokoladenriegeln kann ich unter Erwachsenen leider nicht als Kriterium anerkennen...

In Gerlichens Text hat mich eine Passage wirklich entsetzt, weil sie einem Intellektuellen geradezu unwürdig ist und es wundert mich, daß bisher niemand diesen frevlen Satz monieren wollte:

„Und in bezug auf Deutschland wäre zu fragen, ob eine Neue Rechte, die eine solche Regression von einer ausdifferenzierten Marktwirtschaft zur primitiven Subsistenzwirtschaft befürwortete, sich damit nicht zum posthumen Erfüllungsgehilfen des Morgenthau-Planes machen würde.“

Daß der Morgenthau-Plan mehr oder weniger verwirklicht wurde, (Ich glaube, wir sind nichts anderes als ein US-Vasall, unfähig, einen Krieg zu führen oder überhaupt außenpolitische Ziele über die bloße Bündnistreue hinaus zu formulieren?) und zwar von demokratischen Kapitalisten und nicht deren Kritikern, sei hier nur am Rande erwähnt. Das plumpe Beginnen, als alleinige Alternative zum modernen Kapitalismus „primitive Subsistenzwirtschaft“ zu postulieren, ist aber eine derart billige Polemik, daß man sich für den Autor der Zeilen sogar ein wenig schämt. Solcherlei ist eine geschichtsvergessene Verhöhnung unserer Vorfahren. Der Kapitalismus hat gerade ebenjenen ehrlichen Kaufleuten, Handwerkern und Bauern die Gurgel gewürgt, die durch ihre Gewinne in Europa Kathedralen gebaut und Kultur ermöglicht haben. Seither ist nichts mehr, nur noch iPhone, Porsche, Porno und Pringles... Die Erfolgsgeschichte des modernen Kapitalismus wird am Leben gehalten durch die unmittelbare Befriedigung der viehischen Ansinnen der Konsumentenmassen. Eine Neue Rechte, die sich mit diesem sündlichen Anmuten zufrieden gäbe, und nicht in Rechnung schlüge, daß die Ressourcen für dieses Treiben einst aufgebraucht sein werden, wäre keine zukunftsfähige Opposition mehr! Sie würde, ähnlich den alten Utopisten, nur auf das erlösende Wunder warten...

Wenn Euch die freie Verfügbarkeit von Waren aller Art wichtiger als jedes andere ist, dann werdet glücklich in „der Wunderwelt des Kapitalismus“ (D.Stein)! Beschwert Euch aber nicht, über den Verlust von Kultur, Sicherheit, Behaglichkeit, Schönheit oder echter Sinnlichkeit, Ihr habt ja dann Süßigkeiten, Tittenfilme und Primarkbekleidung.

Ich konnte den Marxismus nie für mehr als einen Trick halten, die Völker zu zersplittern, ähnlich wie Grambauer, scheint mir die Herkunft und das Milieu Marxens nicht ganz unwesentlich, aber ich bin voller Spannung, ob mich Kaiser eines Besseren belehren wird. Wladimir Putin hat einmal etwas sehr treffendes über den Kommunismus gesagt (frei übersetzt): „Wer den Kommunismus nicht vermisst, der hat kein Herz; wer ihn zurückhaben will, der hat keinen Verstand.“ Auch ich bleibe, in gelinden Worten, skeptisch bezüglich Marx, aber unerbittlich in meiner Ablehnung des Industrie- und Finanzkapitalismus!

Cordialst,

R.

RMH
27. September 2018 12:09

Gleich vorweg: Auch ich habe das besprochene Buch (noch!) nicht gelesen.

Das, was aber grundsätzlich an dem Projekt richtig und einem kleinen Coup gleicht, ist alleine schon der Titel "Marx von rechts". Ich selber bin noch zu Zeiten des kalten Krieges groß geworden und da war man im Westen eben als konservativer, normaler Durchschnittsmensch etc. antikommunistisch eingestellt (ohne ernsthaft zu wissen, was das bedeutet). Auch die "Grünen" haben Anfang der 80er Jahre ihre linken, kommunistischen Wurzeln in der Anfangszeit mal schön bedeckt und in geschlossenen Zimmern gehalten und stattdessen eher die harmlose Hippienummer von Love and Peace, garniert mit Kräutertee, Räucherstäbchen und evangelischem Kirchentags-Öko-Pazifismus nach außen gekehrt. Zudem war damals die Luft ja auch tatsächlich oftmals schlecht, der Wald sah ungesund aus und überall wurden irgendwelche Raketen und Waffen stationiert, da kam es auf den "Kommunismus" als eigenes "Branding" auch nicht so an. Wenn man auf jemanden von der jungen Union oder dem RCDS traf, war der Antikommunismus so sicher gesetzt, wie der Krampf gegen Rechts heutzutage und die Leute selber, wenn man ihnen mal bspw. eine Passage des "kommunistischen Manifestes" unterjubelte, erkannten das natürlich nicht und fanden es inhaltlich meistens gut (kein Wunder, gerade das kommunistische Manifest ist einer der besten und genialsten politischen Propagandaschriften überhaupt). Wie auch immer, man hätte in rechten, bürgerlichen und konservativen Kreisen den Marx nicht einmal mit der Kneifzange angefasst. Die damaligen Neonazis hingegen hatten da geringere Berührungsängste, aber sie faszinierte am Kommunismus weniger die Kapitalkritik, als vielmehr das Revolutionäre und man dachte, man könne sich für einen revolutionären Kampf Ideen und Anleitungen auch bei den Linken organisieren (offen mit dem "Kommunismus" kokettiert hat aber keiner - eher eben mit den bekannten sozialistischen und nationalen Größen wie Strasser & Co. Die auch heute noch rechts und bei den neo-ns zu findende Idee, dass "alles erst einmal den Bach runter gehen müsse, damit die Leute aufwachen", hat aber m.M.n. hier seinen Ursprung, eine vulgäre Adaption der Verelendungstheorie quasi). Wie auch immer, dass eine Rechte nun zeigt, wir schmeißen den Hausheiligen des Gegners nicht unbesehen in den Dreck und zerschlagen ihn, sondern wir lassen ihn im Hausaltar des Gegners stehen, schauen ihn uns aber genau an, ist ein Schritt, der richtig ist. Das gleiche sollte man übrigens auch bei anderen linken "Hausheiligen" machen, wie bspw. den bekannten Autoren der Frankfurter Schule, auch wenn es hier bei denen neueren Datums streckenweise schwer fällt, sich überhaupt durchzuarbeiten (man darf sich auch nicht mit zu viel an intellektuellem Müll belasten).

Die Frage ist aber, was für Lehren ziehen wir daraus? Welche Konsequenzen hat es für die eigene politische Arbeit?

Oben wurde von Der_Juergen bspw. die Meinung von Dugin zitiert, die einem schon recht deutlich (und meiner Meinung nach zutreffend) zeigt, wie viel man in der Praxis eigentlich davon gebrauchen kann, nämlich recht wenig. Auf die eher genuin rechten Antworten auf "die soziale Frage" hat Maiordomus einen guten historischen Überblick gegeben.

Was bleibt also heute, außer dem provokativen Coup des Titels?

Die wesentlichen, auf Marx gegründeten Staaten und Systeme sind gescheitert und im Orkus der Geschichte gelandet und sind damit faktisch falsifiziert. Die große Ausnahme bilden hier China und Vietnam. Zu Vietnam kann ich nichts sagen, aber bei China fällt doch auf, dass Mao von Anfang klar stellte, dass es eben einen spezifisch chinesischen Weg des Kommunismus gibt und dass er sich nicht unter die Fuchtel der großen Mutter aller Revolutionen, der Sowjetunion, stellen lies. Am Maoismus ist auch bemerkenswert, dass er im hohen Grad ein Praxisbezug predigt, eine ständige Revolution und Verbesserung anstrebt und dabei immer auch auf eine Objektivierung, also eine Art von Realitäts-Check zielt (inwiefern dies in der Realität auch tatsächlich umgesetzt werden konnte, ist Tatfrage. Korruption ist immerhin der neue Hauptfeind der chinesischen KP und das sagt wiederum viel darüber aus, dass Menschen eben Menschen sind und bleiben, trotz kommunistischer Erziehung und immerwährender Revolution). Der "Maoismus" erscheint mir übrigens durchaus einen asiatischen Zug zu beinhalten. In Japan wurde eine Art von "permanenter Revolution" im Bereich der kapitalistischen Produktionsweise eingeführt, Kaizen, was zum Vorbild für die mittlerweile überall in der westlichen Produktionswelt in irgendeiner Form praktizierten kontinuierlichen Verbesserungsprozesse wurde (und sicher auch in den Betrieben in China angewendet wird).

Was kann man also für Lehren aus der Beschäftigung mit Marx für uns in Deutschland ziehen? Und was kann man in unserer konkreten politischen Lage davon für sich nutzbar machen?

Eine Lehre aus dem Marxismus und dem Abgleich mit der Geschichte zeigt, dass es keine strengen Gesetzmäßigkeiten gibt, wie sie Marx aber postulierte. Auch wird der Mensch sich nicht "verbessern" (davon geht aber bspw. auch Mao aus). Marx scheint mithin also doch oft ziemlicher Murx zu bleiben.

Daher die Frage an die Runde, was kann man praktisch verwerten?

PS.
Am Besten wäre es natürlich, wenn der provokante Titel "Marx von rechts" dazu führen würde, dass auch linke sich mit der rechten Gedanken- und Ideenwelt beschäftigen würden, aber die ist dermaßen komplex, dass man nicht plakativ sagen kann "XY- von links". Was würde man denn Linken für rechte Autoren anempfehlen?

Meyer Jan
27. September 2018 12:11

Ich weiß gar nicht was am Marxismus überhaupt gut sein soll? Die Gleichmacherei? Die nie ohne Zwang und Gewalt ausgeführt werden kann? Der Marxismus/Sozialismus hat doch noch nie funktioniert. Immer nur Leid, Hungersnot, Tot, und Zerstörung. Alles muss gleich sein. Nur die Regierenden sind halt gleicher! Wo ist da denn der Nutzen für die Menscheit?

Das Buch werd ich mir gleich bestellen. Bin sehr gespannt auf die Lektüre

Der_Juergen
27. September 2018 12:15

@Raskolnikow

Für mich ist es immer ein Fleischtag, wenn Sie sich wieder mal hier melden. Abgesehen von Ihrem unnachahmlichen Stil treffen Sie in neun von zehn Fällen mit Ihren Wortmeldungen den Nagel auf den Kopf, und auch im zehnten Fall haben Sie, wenn man die Chose genau untersucht, womöglich recht.

Dass die DDR der bessere, oder weniger schlechte, der beiden von den Besatzern aus der Taufe gehobenen Nachkriegsstaaten war (ich weiss, Österreich ist auch ein Teil der deutschen Nation!), habe ich vor 27 Jahren aufgrund eines Schlüsselerlebnisses kapiert, das hier nicht geschildert werden kann. Ja, die Westdeutschen lebten materiell besser und konnten reisen. Man hatte sie in einen goldenen Käfig mit viel Bewegungsfreiheit gesperrt. Sie waren Uncle Sams liebste Zirkusneger; sie durften, wie Lichtmesz einmal in einer Replik auf Stürzenberger schrieb, einen goldenen Nasenring und einen Zylinder tragen und fühlten sich in ihrer übergrossen Mehrheit in dieser Rolle ganz wohl. Jetzt vergeht ihnen das Wohlsein immer mehr.

Sogar bei PI, das früher noch der Inbegriff des koscheren Konservatismus war, begreift schon der eine oder andere Autor, dass das Ziel der herrschenden Clique die biologische Vernichtung der Deutschen ist. Ein dermassen monströses Verbrechen zu planen und in die Praxis umzusetzen, wäre den Ulbrichts und Honeckers nie in den Sinn gekommen. Sympathisch werden sie mir dadurch nicht, aber neben dem Monstrum Merkel und seinen willfährigen Komplizen erscheinen sie mir wie kleine Hühnerdiebe im Vergleich zu einem Mafiaboss, der bis zu den Knien im Blute watet.

deutscheridentitaerer
27. September 2018 12:15

Die DDR war schon deshalb ein kleineres Übel, weil man eine Diktatur stürzen kann, der BRD-bedingte ethnische Substanzverlust aber endgültig ist.

Allerdings hat man das nostalgische Gefühl, dass sich auch bei Westdeutschen bei Szenen aus dem Alltagsleben der DDR einstellt, durchaus auch bei der viel geschmähten alten BRD.

"Nun liegt es mir fern, die DDR zu verteidigen, doch fehlt mir jedes Verständnis für die Naivität und den Glauben, eine sichere und friedliche Gesellschaft könne ohne Verteidigung nach außen und Homogenisierungsmaßnahmen nach innen überhaupt existieren."

Sicherlich, dass dürfte der eine gemeinsame Punkt aller Anwesenden hier sein. Nur frage ich mich schon, ob man hier nicht dennoch zwischen (einigermaßen) rechtmäßigen und eher unrechtsmäßigen Modellen unterscheiden muss, oder ob jegliche Homogenisierungsmaßnahme gleich welcher Art und Intensität aus Gründen der Staatsraison gerechtfertigt ist. Auch die BRD nimmt diese Homogenisierung im Inneren ja auf eine perverse Art im Namen der Heterogenität vor.

Der Gehenkte
27. September 2018 13:20

Die Frage, ob man sich mit Marx auseinandersetzen müsse oder nicht, ist so absurd, daß die Notwendigkeit, eine Antwort darauf geben zu müssen, fast körperlich schmerzt.

Marx ist seit Platon und Aristoteles der wirkmächtigste Denker der westlichen Hemisphäre . Niemandes Denken hat die Welt derart bestimmt, verändert und faktisch auf den Kopf - von mir aus auch vom Kopf auf die Füße - gestellt, wie das Marxsche. Selbst wenn alle seine Prämissen, seine Schlüsse, seine Konklusionen komplett falsch wären, müßte man sie schon deswegen ausgiebig studieren.

Tatsächlich aber begegnet uns in Marx ein selten analytisches Genie von einer bis dahin unbekannten geistigen Durchdringungskraft und einer Faszination, die auch nach dem Scheitern des "Sozialismus" besteht, wenn auch glücklicherweise weniger emotional aufgeladen. Erst jetzt ist Marx überhaupt zugänglich!

Aber auch wer das nicht sehen mag, muß doch verstehen, daß eine Lehre und eine Ideologie, die den gesamten Diskurs der letzten 150 Jahre bestimmt und aus der sich der Zeitgeist - in Affirmation und Negation - wesentlich speist, begriffen werden muß.

Ob das von links oder rechts geschieht, ist dabei sekundär - aber ich ziehe die Neubeschäftigung aus kritischer rechter Perspektive heute natürlich vor; besser wäre eine "objektive". Was Kaiser und andere hier mutig initiieren, kann nur ein bescheidener Anfang sein. Noch habe ich das Büchlein nicht gelesen, allein sein Umfang deutet darauf hin, daß die Hauptarbeit noch bevorsteht. Alles andere als Rückenwind für dieses Projekt zeugt von Kleingeisterei - inhaltliche Kritik ausdrücklich ausgenommen.

Stil-Bluete
27. September 2018 13:50

'Eigener Herd ist Goldes wert'. Die Abhängigkeit des Wohnens von fremden Mächten, geben sie sich noch so sozial (sozialer Wohnungsbau) wird immer größer, manipulierbarer und teurer. Grund Boden muss demjenigen gehören, der darauf lebt, dazu gehört ein Garten, der den Namen verdient und rundherum Kulturlandschaft mit Obst- und Laubbäumen, Innenhöfen und schützenden Hecken. Biedermeier pur! Ja. Ist dies geschaffen, verlieren Café-Macciato-, Brunch-, Suszi- und Klamotten-Bedürfnisse an der hypertrophen Bedeutung, die sie heute haben. Das Eigentum ist das unveräußerliche Eigene, das sich nicht verbraucht. Das Eigene gestaltet man individuell mit Liebe aus. Das fördert die praktische Geschicklichkeit, eine natürliche Alltagstauglichkeit, das Handwerk und Kunsthandwerk vor Ort. Haben die Linken nicht früher auch von Ausbeutung als 'Entfremdung' gesprochen? Heute umfasst die 'Entfremdung' das ganze Leben bis hin zum Essen und zur Intimssphäre. Diese Sphäre wieder zurückzuverwandeln in das, was Raskolnikow 'Kultur, Sicherheit, Behaglichkeit, Schönheit und echte Sinnlichkeit' nennt, wäre eine echte rechte Aufgabe, denke ich mir so.

Gustav Grambauer
27. September 2018 14:38

Raskolnikow

Bei grundsätzlicher Zustimmung und in stramm-antikapitalistischer Verbundenheit: finde aber, Sie sollten wirklich nicht "unselig aufrechnen". Jeder Mensch ist ein Universum sui generis, was übrigens das Kernanliegen der Lebensschützer ist sofern sie keine Heuchler bzw. politischen Süppchenkocher sind. Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan. Leben und Lebenlassen ist die Grundmaxime des freien Menschen. Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. (Es war dieses Motto, das im Januar 1988 die MfS-Bezirksverwaltung Berlin zum Erzittern gebracht hat, und das dahinterliegende Problem war der Sargnagel des damaligen Systems.) Wagandt hat dieses, nennen wir es Freiheit-vs.-Sozialismus-Problem, vorige Woche - zwar im besonderen Zusammenhang mit #wirsindmehr, aber doch für jedes auf angeblichen oder tatsächlichen Mehrheiten basierende System - in einer Klarheit beleuchtet wie man es sonst nur selten hört (15:40 bis 23:00):

https://www.youtube.com/watch?v=_JWxt1Zk-f4

Sie werden einwenden, daß wir, was naive kleine Parzivals wie Wagandt noch nicht sehen könnten, im Krieg wären, und daß im Krieg andere "Regeln" (???) "gälten" (???). Nun, Sie haben lange genug im Sozialismus gelebt, um den Mottenkistentrick zu durchschauen, mit der Rechtfertigung einer angeblichen oder tatsächlichen Kriegs- bzw. Bedrohungslage alles und jedes durchzusetzen, auf allem und jedem herumzutrampeln, ganze Völker jahrzehntelang unter Dauerstreß zu setzen. So ein prima Hebel aber auch, um andere in die eigenen Unterwerfungsspiele reinzuziehen! Z. B. hat AG Keßler die Abwahl Honeckers in der betreffenden PB-Sitzung mit seinen notorischen NATO-Bedrohungstiraden abzuwenden versucht, jahrzehntelang hatte dieser Trick prima funktioniert, aber im Herbst 1989 ist - zum Glück - keiner mehr darauf hereingefallen. Abgesehen davon können Sie ja für sich definieren, daß Sie sich im Krieg befinden - Sie können das aber nicht z. B. für mich definieren, ich definiere für mich immer noch selbst, ob ich mich im Frieden oder im Krieg befinde. (Kann`s Ihnen verraten - bin der Frieden und bleibe der Frieden, mit Johann Sebastian Bach:)

Laß den Satan wittern,
laß den Feind erbittern,
mir steht Jesus bei!
Ob es itzt gleich kracht und blitzt,
ob gleich Sünd und Hölle schrecken;
Jesus will mich decken.
...
Tobe Welt und springe,
ich stehe hier und singe.
...
Erd und Macht muß verstummen,
ob sie noch so brummen."

https://www.youtube.com/watch?v=a4SKrGYMp7A
https://www.emmaus.de/ingos_texte/bach_jesu_txt.html

Schließen Sie hieraus bitte nicht kurz, aus diesem In-Sich-Ruhen heraus könnte man ja nur ein Hallodri in der Verteidigung einer Gemeinschaft sein. Im Gegenteil! Sie werden sich an das - bei den NVA-Politniks allerdings zur hohlen Phrase verkommene, bei aller Scharlatanerie doch zutreffende - Engels-Dictum aus dem Anti-Dühring erinnern:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_geflügelter_Worte/F#Freiheit_ist_Einsicht_in_die_Notwendigkeit.

Sie beziehen sich auf Putin: "Wer den Kommunismus nicht vermisst, der hat kein Herz; wer ihn zurückhaben will, der hat keinen Verstand."

Mir fällt da ein Lied ein, das Franz Bartzsch und Kurt Demmler für Veronika Fischer komponiert haben:

https://www.youtube.com/watch?v=EdoCQX89Grk

Etwas analytischer: auch wenn Sie Steiner nicht mögen, jedes einzelne Wort ein Feuerwerk:

https://anthrowiki.at/Der_Kampf_um_den_russischen_Kulturkeim

Hier noch eine antisozialistisch-sozialistische Voraussage zum "Russischen Kulturkeim" von Edgar Cayce:

"Mit Russland kommt die Hoffnung der Welt. Nicht in Bezug auf das, was manchmal als Kommunismus oder Bolschewismus bezeichnet wird - Nein! Aber die Freiheit - die Freiheit! Daß jeder Mensch für seinen Mitmenschen leben wird. Das Prinzip ist dort geboren. Es wird Jahre dauern, bis sich das heraus kristallisiert, doch aus Russland kommt die Hoffnung der Welt wieder."

- G. G.
Der freche Anthroposoph, weiß schon ...
In kleinlich-altbackener Biederkeit immer der Ihre!

Meyer Jan
27. September 2018 16:22

@Thomas Martini, Cacatum
und wer soll dafür sorgen das diese >Ungerechtigkeiten< aufhören? Und wie? Der Staat? Der hat doch erst die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, das es so ist.
Gerade auch mit seiner inflationären Geldpolitik.

Wer hindert einen denn daran sein Vermögen im Handumdrehen zu vermehren? Warum können das denn Andere?

Obi Wan Kenobi
27. September 2018 16:42

@ Meyer Jan:

Die "Gleichmacherei" ist im Werk von Marx selbst noch überhaupt nicht angelegt. Man nehme einmal die "Ökonomisch-philosophischen Manuskripte" (auch bekannt unter dem Titel "Pariser Manuskripte") aus dem Jahr 1844 zur Hand.

Hier grenzt sich Marx scharf von dem "rohen und gedankenlosen Kommunismus" vieler Frühsozialisten ab, der "alles vernichten will, was nicht fähig ist, (...) von allen besessen zu werden", weshalb er "auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren" müsse und generell von "Neid und Nivellierungssucht" getrieben sei und am Ende auf die "Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen und bedürfnislosen Menschen" hinauslaufe.

Was für prophetische Worte, wenn man bedenkt, was Revolutionäre und Gewaltherrscher später im Namen von Karl Marx anstellen sollten!

Auch sonst war Marx kein Egalitarist, man bedenke die zentrale Kommunismusdefinition im "Manifest" als "Association, worin die freie Entfaltung eines Jeden, die Bedingung der freien Entfaltung Aller" wäre.

Die Auseinandersetzung von Karl Marx mit dem "rohen und gedankenlosen Kommunismus" seiner Zeit ist sehr gut eingefangen in dem Spielfilm "Der junge Karl Marx" von Raoul Peck, der im vergangenen Jahr in die Kinos kam, und in dem der Disput zwischen Marx und dem Frühsozialisten Wilhelm Weitling eine große Rolle spielt.

Gotlandfahrer
27. September 2018 17:44

In dieser Runde möchte ich nicht weiter stören, nur so viel als Einwurf: Mir ist es gleich, ob man Marx von rechts, von oben oder von hinten lesen kann.

Nichts gegen Theoretisieren und sprachlich-semantisches Duellieren, aber meiner Vermutung nach ist der Marx’sche Topos nichts, aus was sich zur Frage, wie wir den Untergang der europäischen Völker verhindern können, schöpfen ließe. Gut, man spricht oft vom Kultur-Marxismus, davon, dass sich ein „Antifaschistisch-demokratischer Block“ wie in der DDR gebildet hätte und das „One World“ letztendlich die Verlängerung bzw Wiederauflebung des Weltkommunismus sei. Und ja, einige tragen kommunistische Ikonen vor sich her wie eh und je. Aber: Das alles, wie auch die Entstehung des Marx‘schen - und überhaupt aller linker - Machwerke selber, deutet doch daraufhin, dass es ein mentales „Underlying“ gibt, das all das erst möglich macht.

Was ich sagen will: Was interessiert mich Marx und sein Mist, wenn es doch darauf ankommt, zu verstehen, warum ihm jemand den Murx überhaupt begeistert aus den Händen gerissen hat und heute noch drauf abfährt?

Nach Lektüre der beiden Hauptbeiträge habe ich nicht das Gefühl, dass sich dieser Frage genähert wurde, sondern eher, dass es darum ging, auszuloten, wer denn nun als Nichtlinker intelligenter in der Lage ist, mit dem historisch und aktuell leider eben wirkungsvoll eingesetzten Sozi-Plunder zu hantieren. Mag sein, dass bei Marx kluge Sachen zu finden sind. Na und? Auch unsere Kanzlerin sagt ja „kluge“ Dinge. Müssten wir also auch eine Merkel von rechts lesen? Ich glaub das hackt.

Offenbar ist dem Menschen irgendetwas zu eigen, vielleicht einfach nur eine ungleich verteilte Mischung aus Gier, Feigheit, Abstraktions(un-)fähigkeit, aber auch Mut, Widerspruchsfreudigkeit usw., das ihn als Gruppenmitglied in Abhängigkeit zeitläufiger Machterzählungen seine eigene Existenzgrundlage verkennen lässt. Oder als Marxist ausgedrückt: Es scheinen ja offenbar kollektive Bewusstseinsprägungen wirksam zu sein, die in Abhängigkeit der herrschenden „Produktionsverhältnisse“ natürlich innewohnende Präferenzen „morphen“.

Wer sich an Marx abarbeitet, verwechselt also aus meiner Sicht Ursache und Wirkung: Es war nicht dieser „trotzdem“ große Denker, der die Welt verändert hat mit seinem Werk, sondern sein Werk hat die Veränderungen der Welt nur dergestalt beschrieben, dass die mit der Moderne einhergehenden Machtverschiebungen ihre ausformulierte Entsprechung fanden und daher willig angenommen wurden.

Der geistige Kampf sollte daher um Erkenntnis ringen, wie die kollektiven Instinkte vor der Verführung durch den eigenen (Un-) Verstand geschützt werden können. Wenn wir doch alle pseudo-autonome Teilchen in blinden Schwärmen sind, die mehrheitlich nicht anders können, als einem gefühlten Leitstrahl zu folgen, wie kann der Leitstrahl zum Wohle des Schwarms moduliert werden? Wohl kaum mit einer Marx Exegese. Oder habe ich etwas übersehen?

jenenser
27. September 2018 21:47

"Alain de Benoist wies vielmehr darauf hin, dass es unmöglich sei, überhaupt einen globalen Wandel herbeizuführen. Daher müsse man endlich beginnen, eigene „Räume der Freiheit und des Miteinanders zu schaffen“, also Inseln gelebter Alternativität und Solidarität.

Diese »Inseln« können Hausprojekte, kleine sich herausschälende Gruppen politischer Nachwuchsdenker, widerständige Jugendcliquen, Parteiplattformen oder auch Suppenküchen für Bedürftige über Bürgerinitiativen sein, je nach Fasson und Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen."

Inwieweit Benoist mit seinem Beitrag zu irgendwelchen eigenen Wurzeln zurückfindet, wie Gerlich schreibt, kann ich nicht beurteilen. Doch ist seine Forderung (und Kaisers Präzisierung an möglichen Praxisbeispielen) nur folgelogisch.

Was will man auch sonst unternehmen. Antikapitalisten sehnen sich angesichts der komplexen, hochtechnisierten und bis an die Zähne (atomar) bewaffneten Welt mitnichten deren Zusammenbruch herbei.
Können Sie gar nicht, weil dieser unmittelbar in Barbarei und Racketherrschaft münden würde. Zu sehen ist dies jetzt schon in der kapitalistischen Peripherie, auch ganz ohne religiösen Fanatismus (à la IS), wenn wir mal den Blick nach Mittelamerika richten, wo sich Jugendbanden wie die Mara Salvatrucha um die verwertbaren Reste der "failed states" reißen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mara_Salvatrucha

Diese Zustände geben es noch weniger her über die Alternative eines solidarischen Miteinanders fernab tagtäglicher Verwurstung und (Selbst)Ausbeutung zu diskutieren, diese aufzuzeigen, geschweige denn auf "Inseln" vorzuleben.

U.a. hat das auch Thomas Maul (Bahamas) erkannt, der (auch) mit diesem Argument gegen die islamfreundliche Politik der marktwirtschaftlichen "Linken" anschreibt:

"Daher ist es schon mehr als merk­wür­dig, dass die An­ge­hö­ri­gen des Links­kar­tells dem is­la­mi­schen Pa­tri­ar­cha­lis­mus (der das alte abend­län­di­sche Pa­tri­ar­chat in den Schat­ten stellt), wo sie ihn nicht an­ti­ras­sis­tisch recht­fer­ti­gen, mit den abend­län­di­schen Be­grif­fen und Ideen von Re­li­gi­ons­frei­heit, Sä­ku­la­ris­mus und Lai­zi­tät be­geg­nen...
Gegen die­sen Irr­sinn bleibt fest­zu­hal­ten, dass sich ohne de­zi­diert po­si­ti­ven Bezug aufs eben jü­disch-christ­lich kon­no­tier­te Abend­land kein Be­griff von Bür­ger­lich­keit den Selbst­zer­stö­rungs­ten­den­zen der nach­bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ent­ge­gen­set­zen lässt, ge­schwei­ge denn noch etwas ir­gend ver­nünf­tig Kom­mu­nis­ti­sches über­haupt nur in An­sät­zen ge­dacht wer­den könn­te."

https://www.thomasmaul.de/2018/08/der-westen-liegt-im-abendland.html

Gerlichs Kritik an Benoist, der offensichtlich einige Gedanken der Wertkritiker (Robert Kurz) für überlegenswert hält (Ich kann nur mutmaßen, weil ich das Buch noch nicht las), greift nicht bzw. ist von Unkenntnis der wertkritischen Texte geprägt.

Gerlich: "Kurzens Utopie »güterproduzierender Gemeinschaften« wirft allerdings die grundsätzliche Frage auf, ob die Beseitigung jeder marktorientierten Warenproduktion zugunsten einer ausschließlich auf Selbstversorgung abgestellten Güterproduktion nicht unweigerlich auf eine De-Industrialisierung und De-Urbanisierung sämtlicher Arbeits- und Lebenswelten hinausliefe."

An vielen Stellen, sei es im "Schwarzbuch Kapitalismus" oder in seinen Texten auf exit-online.de sprach sich Kurz genau gegen diese Utopie aus. Ja selbst das sich nun schon Jahrzehnte haltende Projekt der EZLN im Süden Mexikos beschreibt Kurz als nicht nachahmenswerte "folkloristische Armutsverwaltung", die keine Option sei (Ganz im Gegensatz zu Holloway, aber das nur nebenbei).

Und das Kurz laut Gerlich in einer theoretischen Sackgasse ("Esoterik") landete, wie die von ihm als Sekundanten hinzugezogenen "Arbeitermarxisten" Ebermann und Trampert angeblich meinen, ist auch nicht ganz stimmig.

Im schon erwähnten "Schwarzbuch", Robert Kurz` Hauptwerk, schlußfolgert dieser nämlich:

"Der kürzeste Weg in den sozialen Erschütterungen
der kommenden Jahre wäre die Besetzung der Produktionsbetriebe, Verwaltungsinstitutionen und sozialen Einrichtungen durch eine Massenbe-
wegung, die sich die gesellschaftlichen Potenzen
direkt aneignet und die gesamte Reproduktion in
eigener Regie betreibt, also die bislang herrschenden »vertikalen« Institutionen schlicht entmachtet und abschafft. Denkbar wäre auch eine Übergangsphase, in der sich eine Art Gegengesellschaft bildet, die bestimmte soziale Räume gegen die kapitalistische Logik eröffnet, aus denen Markt und Staat vertrieben werden."

Womit wir wieder bei Benoist "solidarischen Inseln" wären.

Sei´s drum. Letzten Endes müssen die Konservativen Farbe bekennen: Beibehaltung eines Glaubens an den Markt - als quasi göttliches Prinzip und dabei nicht erkennen wollen, dass es gerade dieser ist, der "die unvorstellbare Zerstörung gewachsener Strukturen, die zunehmende Luftverschmutzung und den Raubbau an der Natur" (Kaiser) zu verantworten hat.

Oder sie begeben sich auf die Suche nach Alternativen und diese beginnt mit dem Niederreißen von selbst- oder gesellschaftlich gesetzten Denkverboten.

Kaisers Buch scheint das Potential zu haben, ein entsprechender Stein des Anstoßes auf konservativer Seite werden zu können. Als heimatverbundener Sozialist wünsche ich ihm dabei viel Erfolg und werde mir demnächst das besprochene Buch mal zu Gemüte führen.

Andreas Walter
28. September 2018 01:34

Marxismus funktioniert nur mit Gewalt, und da fehlt es auch mir dann einfach an Vertrauen in die Menschen, die ihn dann auch durchsetzen sollen können müssen.

Imagine
28. September 2018 10:12

Die Relevanz und Aktualität der Marxschen Theorie sehe ich vor allem in 2 Punkten:
1. Analyse des kapitalistischen Systems. Begründung seiner Widersprüche und Krisen sowie seiner Selbstzerstörungstendenz.
2. Die Wirkung des System aus die Menschen (Sozialisation). Entfremdung des Menschen von seiner menschlichen Natur als Gemeinschaftswesen. Begründung, warum die Systemlogik zur Barbarei führt.

Anders als es der "Arbeiter-Marxismus" propagierte, sind fehlende soziale Gerechtigkeit, Verteilungsungleichheit etc. nicht der entscheidende Kritikpunkt von Marx am Kapitalismus. Im Gegenteil - Gleichmacherei ist ihm zuwider.

Die Notwendigkeit zur Überwindung des kapitalistischen Systems ergibt sich aus dessen Tendenz zur Barbarisierung und Destruktion.

Die Möglichkeit dazu resultiert aus dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt, welcher den zuvor in der Geschichte herrschenden ökonomischen Mangel - bedingt durch das Wachstum der Bevölkerung - überwindet. Es kann eine Überflussgesellschaft entstehen, in der Menschen nicht mehr gegeneinander kämpfen müssen, um überleben zu können.

Die Marxsche Revolutionstheorie ist - im Gegensatz zur Systemanalyse - historisch obsolet geworden: Die lohnarbeitenden Massen sind kein revolutionäres Subjekt. Da deren defizitäres und falsches Bewusstsein im System nicht überwindbar ist, sind sie zu gesamtgesellschaftlich rationalem Handeln und zur Revolution unfähig.

Das ist das zentrale Thema der zweiten Generation von Marxisten, bei denen der Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und der Psyche der Individuen im Fokus steht.

Wilhelm Reich. die "Freudo-Marxisten", die Frankfurter Schule, insbesondere Erich Fromm, und all jene, welche die Marxsche Theorie und die Psychoanalyse als Grundlagen zum Verständnis des Bewusstseines und des Verhaltens der Menschen im kapitalistischen System nehmen, bilden diese "zweiten Generation von Marxisten".

Adorno und Horkheimer und deren Anhänger waren und sind resignativ, da aus ihrer Sicht zwar Intellektuelle gegen das System andenken können, aber ein "revolutionäres Subjekt" zur Systemüberwindung fehlt. Und zwar aufgrund des Mangels an systemtransformativem Bewusstsein auf Seiten der arbeitenden Massen. Denn die Massen sind bewusstseinsmäßig und psychisch im System gefangen.

Die Arbeiterklasse schafft durch ihre Arbeit zwar den gesellschaftlichen Reichtum, aber davon profitiert vor allem die Klasse der Vermögenden. Jene Klasse, die ein arbeitsfreies Einkommen in diesem System generieren kann. Es sind die Kapitalisten und Rentiers, welche durch die Gesetze des Marktes immer reicher und mächtiger werden.

Um ihre Herrschaft und das Ausbeutungssystem aufrecht zu halten, müssen die Herrschenden sie die arbeitenden Massen arm halten. Denn der ökonomische Mangel ist das Motiv, was sie in das System der Lohnarbeit treibt.
Robert Kurz beschreibt und belegt diese zum Systemerhalt notwendige Strategie der Herrschenden im "Schwarzbuch Kapitalismus".

Niemals wird es daher im Kapitalismus "Wohlstand für alle" geben, wie es die Systemideologen - auch auf Seiten der "Linken" - behaupten.

Das aktuelle Interese an der Marxschen Theorie ist - so meine These - wesentlich bedingt durch die empirische Evidenz, dass der Kapitalismus NICHT zu "Wohlstand für alle", sondern im Gegenteil "Armut für immer mehr Menschen" und zum Abstieg der Mittelklassen führt.

Die arbeitende Bevölkerung muss immer mehr und immer länger arbeiten, als Folge steigt der Output an produziertem materiellem Reichtum ("Exportweltmeister"), aber von diesem profitieren nur jene kleine Minorität der Super-Reichen und deren Funktionseliten, während sich die arbeitenden Massen arm arbeiten und die Mittelklassen immer mehr enteignet werden.
So steigt der Anteil der Akademiker bei den "Hartzern", er macht bereits 10% aus. Und trotz akademischer Qualifikation drohen jüngeren Menschen Prekarisierung und Altersarmut.

In einem gemeinwohlorientierten sozialen System würde der wissenschaftlich-technische Fortschritt zu mehr allgemeinem Wohlstand und zu einer Reduzierung von Arbeitszeit und -belastung führen, aber im kapitalistischen System passiert genau das Gegenteil. Der arbeitenden Bevölkerung wird immer mehr genommen: durch Privatisierung verlieren sie ihren Anteil am Gemeineigentum (Post, Bahn, Versorgungsunternehmen, Autobahnen usw.); durch Deregulierung verlieren sie ihre sozialen Schutzrechte und nunmehr verlieren sie ihre Kultur, ihren Nationalstaat und ihre Heimat, weil hinter der Massenmigration Herrschaftsstrategien und profitable Geschäftsmodelle stehen.

Die "Umvolkung" ist ein Projekt der herrschenden Klasse.

Genauso wie die Ideologien von Multikulti, Feminismus, Genderismus, "no borders - no nations" etc. Die Orwellisierung von Medien und Bewusstsein und die "Hayekisierung" sind Ideologien des anti-humanistischen, kapitalistischen Sozialdarwinismus.

Politik und Gesetzgebung werden durch die mediale Informationsmacht sowie die Korruptionsmacht der Super-Reichen in deren Interesse gesteuert, wobei die Korruption alle relevanten gesellschaftlichen Bereiche betrifft: Politik, Staat, Wissenschaft.

Der Gehenkte
28. September 2018 12:10

@ Imagine

Das sind wesentliche Punkte, die Sie hier anbringen. Mir scheint, man muß und kann Marx und Teile des Marxismus nach wie vor zur Systemkritik verwenden. Der "Kapitalismus", bei all seinen technischen und kulturellen, z.T. lobenswerten, Erfolgen kann das Überleben der Menschen langfristig nicht garantieren. Im Gegenteil, er steuert durch seine Expansions- und Verbrauchslogik in die Apokalypse. Das hat in der Analyse vor allem Bahro - Mumford folgend - deutlich gemacht, ein glühender Marxist.

Marx muß heute (auch) ökologisch gelesen werden. Sowohl in den "Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten", als auch im "Manifest" und dem "Kapital" u.a. wird die exterministische Dialektik entwickelt, auch wenn Marx sich dieser nicht immer bewußt gewesen war. Es ist ein Fehler, das Wachstumsaxiom, dem sich der "real-existierende Sozialismus" verschrieben hatte, auf Marx zurückzuführen. Das wahre Marxsche Erbe findet man im Osten eher bei Bahro und Harich tradiert, die für einen "Kommunismus ohne Wachstum" eintraten. Im Westen harrt Hans Heinz Holz noch der Wiederentdeckung.

Fromm und Reich sind schöne Bspe. einer kreativen Aneignung. Reichs sexualpolitische Arbeiten und Fromms Versuch, Marx und die Mystik, Laotse, zu verbinden sind bei aller vorgetragenen Naivität erfolgversprechende Ansätze (mehr als Freud). Sie zeigen, wie Marx fruchtbar gemacht werden konnte. Man denke auch an Otto Mainzer, den der Feminismus bislang ignoriert.

Es gibt immer wieder zwei grundlegende Fehler beim Marx-Bashing (neben der Unkenntnis der Schriften). Ganz billig das ad-hominem-Argument, das sogar Sloterdijk in der KdzV anbringt: schlechter Mensch, schlechter Denker. Und zweitens natürlich das "an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Tatsächlich sind die Früchte meist keine am Baume Marx gewachsenen. Wer den GULAG eindimensional auf Marx zurückführt - natürlich gibt es Fäden - agiert entweder ideologisch oder ist denkfaul.

Was für den "Kapitalismus" gilt, sollte auch für die "Demokratie" gelten. Auch hier wird es Zeit im Marxschen Sinne radikal udn kritisch zu denken: "Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst."

heinrichbrueck
28. September 2018 14:06

Wenn dieser Kampf 15 Runden hat (Marx von rechts), würde ich im Augenblick auf den Gegner setzen. Noch kein Wort zu den Banken und ihren Geldeintreibern. Hauptsache der deutsche Unternehmer und der deutsche Arbeiter bekommen in getrennten Welten ihr Fett ab, ganz im Sinne der spalterischen Dialektik des kreativen Marxismus.
Das Geldsystem landet zwar immer im Bankrott, kapitalistisch oder nicht, aber es wird denkerisch nicht angetastet. Dann menschelt es zuweilen, die alte Leier der Menschheitsverbrüderung. An einer bestimmten Gehirnschranke wird bei mir die Hetze gegen das Eigene nicht vorbeigelassen, wahrscheinlich kommt auch daher eine gewisse Begriffsstutzigkeit.
Ein anderes Wirtschaftsmodell? Ein anderes Finanzsystem? Was ist denn Geld?! Hochintelligenz und technologischer Fortschritt ergibt Versorgungsknappheit, Warenmangel bei Zuwanderung (für die Entwicklungshilfe, wir sind ja zu blöd) und ansteigender Arbeitszeit? Was betreibt die Systemlogik hier wirklich?

Meyer Jan
28. September 2018 14:19

@jenenser
Die größten Umweltverschmutzungen haben die kommunistisch geführten Staaten zu verantworten! Die DDR war da auch ganz vorne mit dabei.... Umweltschutz? wat is dat denn? Da haben die nen feuchten Kericht drauf getan.

t.gygax
28. September 2018 16:04

Meyer Jan / Umweltschutz
Sie haben Recht-die Ökologie spielte im Kommunismus nie eine Rolle, und das hängt mit Marxens völlig einseitiger Antropozentrik zusammen. Von der Natur hat der nie etwas gewußt und verstanden, geschweige denn von einem Band des Menschen mit der Natur, was im Wort Ökologie mitschwingt. Er schrieb " über den Idiotismus des Landlebens" und zeigte damit nur die Verachtung des bürgerlichen Städters gegenüber dem in seinen Augen niederen Volk vom Lande.
Nebenbei: es hat sehr wohl eine Ordnung gegeben, die deutlich unter dem Motto "die Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt" stand.
Aber das darf hier nicht erörtert werden, nein, man muss sich auf völlig tote Pfade zurück entwickeln.
Tote Pfade : nicht nur Millionen Leichen und Elend ohne Ende, sondern auch philosophisch nichts. Lektüreempfehlung für die Marx-Freaks: Konrad Löw "Der Mythos Marx und seine Macher", Herbert Gruhl " Das irdische Gleichgewicht", in dem er den Marxismus als "die konsequenteste Ideologie des mec hanistischen Denkens bezeichnet" und mehr literarisch - spöttisch Ephraim Kishons Begegnung mit Marx in einem Cafe in Tel Aviv, in der er Marx folgende Sätze in den Mund legt " ich habe selbst eigentlich nie verstanden, was ich da geschrieben habe"
Wenn man jemand wieder entdecken sollte, dann wäre das Sivio Gesell mit seiner Freiwirtschaftstheorie, die historisch sich an zwei realen Orten bewährte und die nicht mit GULAG, Mauer, Hohenschönhausen, Bautzen, Tscheka, Schauprozessen und Massenmorden ohne Ende ( China unter Mao!!!) verbunden ist.
Marx wurde übrigen keineswegs von den 68 ern entdeckt, alles Lüge. Der Jesuit Gustav A. Wetter schrieb bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sehr kluge und kenntnisreiche Büche zu Marxens Gedankenwelt.
Und last but not least: die Wirklichkeit habe ich in der DDR kennen gelernt, als mir im Jahre 1981 von einem Vopo Typ folgendes eröffnet wurde " ich eröffne jetzt gegen Sie ein Strafverfahren im Namen der deutschen demokratischen Republik" - die BRD war der hundertmal bessere Staat , nur ist die BRD heute eine DDR 2.0. mit ungeheurem Konsumangebot, aber 1979 und 1981 war ich jedesmal auf den Knien dankbar, wenn ich aus der DDR kommend wieder auf BRD Boden war. Meine gesamte Verwandtschaft lebte im Lande des Sozialismus, und ich habe Sachen erlebt, die sind übel, denn da wurden Menschen zerstört. Dass die jetzt Herrschenden mit den Ex Kommunisten 1990 ganz schnell ein Bündnis eigegangen sind , ist eine andere Baustelle und ein weites Feld.Man fragt sich allmählich, wer hier eigentlich die Strippen zieht und alles steuert....

Imagine
28. September 2018 17:49

Auch ohne eine Zeile von Marx gelesen und irgendetwas von seiner Gesellschaftsanalyse verstanden zu haben, können wir wahrnehmen, dass wir uns in einer kranken Gesellschaft sowie inmitten eines gesellschaftlichen Niedergangs- und Selbstzerstörungsprozesses befinden.

Wer schon einmal in Asien und insbesondere in China gewesen ist, hat sinnlich erfahren können, dass dort der Gesellschaftsprozess eine ganz andere Richtung besitzt, nämlich aufwärts. Dort steigt der allgemeine Wohlstand, die Mittelschicht wird breiter und die Reallöhne haben sich im letzten Jahrzehnt verdoppelt.

Das Leben pulsiert dort, die Infrastruktur wird ständig verbessert und die Menschen sind zukunftsoptimistisch. China ist das Land auf dieser Welt mit der höchsten Systemzufriedenheit.

Warum werden die westlichen Gesellschaften immer mehr zu Irrenhäusern? Warum geht es hier für die arbeitende Bevölkerung abwärts? Warum handeln hier Politik und Wirtschaft gegen das Gemeinwohl?

Warum gibt es diese ständigen Angriffskriege gegen andere Länder, gegen Jugoslawien, gegen Irak, ggen Afghanistan, gegen Libyen, gegen Syrien und demächst womöglich gegen den Iran? Und warum werden diese Kriege nur von der westlich-kapitalistischen Staatengemeinschaft geführt?

An wieviel "Militärmissionen" bzw. "Auslandseinsätzen", wie die Militär- und Kriegsoperationen in fremden Ländern in der Orwell-Sprache genannt werden, ist die Bundeswehr gegenwärtig beteiligt?

WIR zerstören mit völkerechtswidrigen Angriffskriegen die Lebensgrundlagen der Bevölkerungen in diesen Ländern und als Folge fliehen Millionen Menschen vor Krieg und Armut nach Europa. Und für den Transport sorgt die "Asylindustrie" mit ihren Hilfsorganisationen, NGOs etc. - gesponsert mit Geldern und Logistik von privaten und staatlich geförderten "Stiftungen" etc.

Es gibt den militärisch-industriellen Komplex, der seine Profite mit den Kriegen macht. Und es sind die gleichen Investmentfonds, die mit der Massenmigration und ihren sozialen Folgen große Profite machen. Sie kaufen z.B. massenhaft Wohnraum, der sich in staatlichem und kommunalem Eigentum befindet, zu Schnäppchenpreisen auf. Und da durch die Massenimmigration der Wohnraum immer knapper wird explodieren die Mieten für die einheimischen Bevölkerung, , insbesondere im sozialen Wohnungsbau.

Die Mieten der Zuwanderer zahlt der Staat, also die deutsche Bevölkerung. Das Gleiche gilt für die Sozialhilfe, das Gesundheits- und Bildungswesen. Usw.

Demnächst darf die deutsche Arbeitsbevölkerung für die Benutzung ihrer Autobahnen, die sie mit ihrer Arbeit und ihren Steuern aufgebaut haben und die sich zuvor in staatlichen Kollektiveigentum befanden, Maut an Investoren bezahlen. Weil Politiker diese Autobahnen "privatisiert" haben, was nur ein Euphemismus für Volksenteignung ist.

Wer meint, dass diese Politik auf Basis falscher Ideologien wie Multikulturalismus, "no borders - no nations" etc. erfolge und es ginge nun darum, gegen diese Ideologien zu kämpfen, ist ein Narr wie Don Quichotte, der einen Kampf gegen Windmühlenflügel führte.

Denn diese Ideologien sind nicht vom Himmel gefallen, sondern sie stellen ideologische Verkleidungen profitabler Geschäftmodelle dar: Verdienen am Kriegen, verdienen an der Massenmigration, verdienen am Wiederaufbau. Etc.

Genauso funktioniert die profitable Kapitalverwertung aus Vermögen, welche die Basis des arbeitsfreien Einkommens für die Reichen und Super-Reichen ist.

Gegen die Verdummung der Massen und die Irrungen politischer Wirrköpfe gibt es ein gutes Heilmittel, nämlich die kritische Gesellschaftsanalyse.

Denn durch diese können die verborgenen und verschleierten Zusammenhänge begriffen werden.

So wird bei konsquentem und radikalem (= an die Wurzel gehendem) Recherchieren und Weiterdenken klar, dass der Kampf um nationalstaatliche Souveränität, um kulturelle Selbstbestimmung und individuelle Freiheiten zwangsläufig zur Systemfrage führt, vorausgesetzt man ist in der Lage, so weit zu denken.

Dann wird bewusst, was hinter dem "Kampf gegen Rechts" steht, nämlich keine ideologische Verirrungen, sondern Klassenkampf von oben für den Erhalt des kapitalistischen Herrschafts- und Ausbeutungssystems.

Imagine
29. September 2018 11:59

Wenn sich die "Neue Rechte" mit Marx befasst, um von ihm zu lernen, so stellt dies einen Traditionsbruch dar, denn der Mainstream der traditionellen Rechten war durch das Gegenteil gekennzeichnet.

Marx, geb. 1818, ist geistig ein Kind des humanistisch-emanzipatorischen Bildungsbürgertums. Die traditionelle Rechte hingegen war immer ein Feind dieses Bürgertums, ein Feind der Aufklärung und des Humanismus.

Die Blütezeit der deutschen Hochkultur, welche mit Namen wie Kant, Schiller, Goethe, Humboldt et al. verbunden ist, war eine bürgerlich-emanzipatorische.

Aber dieses Bürgertum hatte nie die politische Macht in Deutschland inne. Im Gegenteil, nach dem Sieg über Napoleon herrschte in Deutschland eine reaktionäre, feudale Diktatur der Gegenaufklärung.

Zensur wurde zur Normalität und kritische Oppositionelle mussten ins Exil gehen. Marx gehört zu diesen Intellektuellen.

Diese "rechte" Diktatur herrschte bis 1918. Bekannt ist Bismarcks Ausspruch: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!"

Herrschende Klasse war in Deutschland bis 1918 der Adel.

Der erste Reichspräsident der "Weimarer Republik" war ein Sozialdemokrat, ein Repräsentant der Arbeiterklasse, einer, der Anti-Marxist war und die "Revolution wie die Sünde hasste". Ein reaktionärer Sozialdemokrat, der vergeblich versuchte, den Kaiser zum Bleiben zu motivieren.

Der Einfluss des humanistisch-emanzipatorischen Bildungsbürgertums war in der Weimarer Republik gering. Sofern es revolutionär ausgerichtet war, wurde es zum großen Teil ermordet, so wie zum Beispiel Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, diese beiden sogar unter Mitverantwortung der SPD-Führung.

Die Morde an kritischen Intellektuellen begannen bereits zu Zeiten der Weimarer Republik.

Ein gleiches Schicksal erlitten später die Sozialisten in der NSDAP. Führungskräfte, wie Gregor Strasser et al., wurden in einer Fake-Aktion, dem angeblichen "Röhm-Putsch" zu Hunderten ermordet. Und die 1933 von Adel und Plutokratie an die Macht gebrachte NS-Verbrecherclique mit Hitler als Führer, sah sich als neuer Adel (s. Sebastian Haffner "Germany: Jekyll & Hyde: 1939 - Deutschland von innen betrachtet").

Besser erging es ein halbes Jahrhundert später den revolutionären Systemkritikern unter der Regierung Brandt. Ihnen zerstörte man mit dem Radikalenerlass 1972 "nur" ihre berufliche Karriere. Aber wenn sie ihre Identität aufgaben und konvertierten, wurden sie wieder integriert. Einige schafften es als Konvertiten sogar in höchste Staatsämter.

Im Grunde waren die Grünen ein Resozialisierungsprojekt für ehemalige Systemkritiker, einschließlich Kommunisten, Maoisten und politische Gewalttäter. Letztere bildeten dann den Kern der „Realos“.

Diese Repression und Veraussenseiterung der kritischen Intelligenz reichte aus, um für die nächsten 50 Jahre die humanistisch-emanzipatorische Systemkritik zu unterdrücken.

Die meisten Linken sind seitdem brave Systemlinke.

Die deutsche Bevölkerung - so zeigt diese kurze Rückschau - war kulturell immer gespalten.

Es gab die Konservativen, diese waren reaktionäre Feinde der bürgerlichen Revolution, Feinde von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Den Mainstream des deutschen Volkes bildete die ungebildete, anti-intellektuelle und knechtsselige Arbeitsbevölkerung. Dieses Arbeitsvolk aka "Proletariat" wurde politisch von der Ebert-SPD und der Thälmann-SPD und dann später vom anti-liberalen und anti-intellektuellem Nazi-Mainstream politisch repräsentiert.

Das deutsche Volk wollte mehrheitlich nie als freie Bürger leben, sondern wollte einen guten Führer, dem sie folgen wollten.

Das humanistisch-emanzipatorische Bildungsbürgertum erlebte unter der Hegemonie der Alliierten in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten eine Renaissance, konnte jedoch die Entwicklung der BRD nicht wesentlich beeinflussen.

Durch die sozialdemokratischen Bildungsreformen mit Liquidierung des humanistischen Gymnasiums mit Humboldt’schem Bildungsideal sowie der klassischen Universität verlor das gebildete Bürgertum seine Institutionen, in denen es sich geistig reproduzieren konnte (vgl. Georg Bollenbeck "Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters").

Das Gymnasium war nicht mehr die Institution zur Heranbildung von gemeinwohlorientierten Eliten, sondern wurde zum "Volksgymnasium" (H. v. Hentig). Die Universitäten wurden zu Massenuniversitäten, zu Institutionen, deren Hauptziel die arbeitsmarktkonforme Produktion von akademisch qualifizierten Arbeitskräften war. Durch deren Überproduktion war zugleich eine drastische Senkung des Preises/Lohns für akademisch qualifizierte Arbeit intendiert.

Heute ist das humanistisch-emanzipatorische Bildungsbürgertum weitgehend untergegangen. Denn es ist aus der von der Plutokratie und ihren Domestiken beherrschten medialen Öffentlichkeit und in den Bildungsinstitutionen weitgehend exkludiert,

Schaut man sich das politische Führungspersonal in der BRD an, so besitzen sie vor allem demagogische Qualitäten, aber kaum Bildung. In der Nachkriegsgeschichte stellte insbesondere Helmut Schmidt eine Ausnahme dar.

Bis in die 70-er Jahre war für einen deutschen Intellektuellen die Kenntnis der Marxschen Theorie eine conditio sine qua non. Man denke nur an den ehemals liberal-bürgerlichen Intellektuellen Ralf Dahrendorf, der sich später von der Queen adeln und zum Baron ernennen ließ.

Wenn heute wieder viel von deutscher bzw. europäischer Identität die Rede ist, dann müsste zunächst geklärt werden, auf welche Tradition sich diese bezieht.

In der Vergangenheit gab es keine homogene deutsche Identität. Und die meisten westeuropäischen Staaten haben noch nicht einmal das politisch-kulturelle Stadium einer bürgerlichen Republik erreicht.

Und wenn wir kritisch in die letzten 200 Jahre in der deutschen Geschichte zurückschauen, dann ging es den meisten Deutschen in jener Zeit am besten, als Deutschland kein souveräner Staat, sondern unter Hegemonie des US-Imperiums stand.

Mit dem Bezug auf Marx hätte die „Neue Rechte“ die Chance, an eine freiheitliche und fortschrittliche Tradition von Aufklärung und Emanzipation anzuknüpfen und sich politisch-kulturell weiterzuentwickeln.

Denn so richtig hat sich Deutschland in seiner Gesamtheit noch nicht vom Sozialdarwinismus und Untertanentum des Mittelalters emanzipiert.

Im Gegenteil, der Nationalsozialismus war mit seiner Herrenmenschen- und Rassenideologie sowie seinem Raub- und Versklavungsimperialismus gegen Osten eine tiefe Regression in mittelalterliche Barbarei und auch der sozialdarwinistische Neoliberalismus ist eine Regression dahin.

eike
30. September 2018 03:52

Es wird behauptet, als auf der Titanic schon die ersten in die Rettungsboote stiegen, saßen noch ein paar in der Schiffsbibliothek und lasen Marx. Ob von rechts oder links weiß man nicht; sie konnten es nicht mehr erzählen.

Toltekenkopf
30. September 2018 09:52

@ Raskolnikow

Bei der Unterscheidung zwischen "alten Utopisten" (Apotheker, die nach der Arbeit noch Fontane lesen) und "jungen Pragmatikern" (Neocon-Hipster, die auf ihrem iPhone eher nicht Pfitzners Von deutscher Seele runtergeloadet haben) musste ich an eine Unterscheidung aus einer ganz anderen Sphäre denken. Sollte es sich bei den beiden Lagern etwa um die neurechte Ausgabe von Kulturschwuchteln und Ledermännern handeln? Wenn es erlaubt ist, Marx nach rechts zu transponieren, dann doch wohl auch die Neurechte etwas zu queeren. Aber ganz im Ernst: Diese Art der Transponierung verschiedener Systemlogiken führt mich dazu, dass die bedeutendste Marx´sche Lesart von Rechts in dem besprochenen Buch überhaupt nicht vorzukommen scheint, nämlich Luhmanns Systemtheorie. Die Marx´sche Unterscheidung zwischen Über- und Unterbau schmilzt in dieser auf Wirtschaft als Leitsystem ab. Im Übrigen gilt aber, dass ganz analoge Systemlogiken eben auch in der Politik, dem Recht, der Wissenschaft, der Kunst, der Religion oder dem Markt für Intimbeziehungen zu Gange sind. Wer aus der Sicht einer der Systeme Millionär ist ("Kapitalist"), kann aus der Sicht eines der anderen durchaus zu den absoluten Losern gehören. Jede Marx´sche Lesart von rechts, die an dieser Ausweitung der Kampfzone vorbeigeht, ist dann von vornherein weniger rechts als einfach nur antiquiert. Nimmt man die Ausweitung der Kampfzone jedoch in den Blick, ist fraglich, ob am Ende jemals mehr dabei rauskommen kann als ein "Konservatismus aus Komplexität", der dann z. B. in der Politik schon aus Gründen der Pfadabhängigkeit von Merkel zwar etwas nach rechts abweichen, aber keinesfalls radikal nach rechts abweichen mag. Und deshalb trifft die Passage von Gerlich

„Und in bezug auf Deutschland wäre zu fragen, ob eine Neue Rechte, die eine solche Regression von einer ausdifferenzierten Marktwirtschaft zur primitiven Subsistenzwirtschaft befürwortete, sich damit nicht zum posthumen Erfüllungsgehilfen des Morgenthau-Planes machen würde.“

genau ins Schwarze. Wenn rechts sein heißt, inmitten funktionaler Differenzierung sich nach organischeren Gemeinschaftsformen sehnen, Wirtschaft z.B. am Modell von Familienbetrieben auszurichten, dann heißt rechts sein einfach nur unterkomplex sein.

Mindestrentner
30. September 2018 10:17

Der Nachlass von Marx zerfällt wohl in den analytischen und den rezeptionellen Teil, wobei der Diagnose des (meist frühen) Marx auch von der rechten Schublade umfassende Beachtung geschenkt werden sollte. Neben der Funktionsdarstellung kapitalistischer und bourgeoiser Mechanismen war wohl die Klassentheorie bedeutungsgebend und ermöglichte der Arbeiterschaft sich erstmals in der Breite als politisches und soziales Subjekt jenseits von Vorbestimmung und Gottesgnadentum zu begreifen.
Unappetitlich wird es stets dann, wenn Marx und vielmehr der Marxismus in den Werkzeugkasten greift, um die Nivellierungszange und den Stellschlüssel kultureller Regeleinstellungen herausholt.
Noch unappetitlicher wird es, wenn Marx und vielmehr seine Jünger, immer und immer wieder den „neuen Menschen“ als Unabdingbarkeit voraussetzen und alle entsprechenden Stellhebel von der Indoktrination bis zur Erziehungsanstalt zu betätigen in der Lage sind. Warum denk ich dabei an Deutschland in der Nacht?
Besagte rechte Schublade wäre nicht schlecht beraten, der in weiten Teilen heimatlos geworden Arbeiterschaft auch ein an deren Grundlagen orientiertes, ideelles Zuhause zu bieten, was die Auseinandersetzung mit Marx zumindest peripher nötig macht. Das Buch ist ein guter Schritt in diese Richtung. Gut lesbar - auch für einen proletarischen Dödel wie mich.

links ist wo der daumen rechts ist
30. September 2018 14:37

@ Imagine (flankiert von @ Obi Wan Kenobi und @ Der Gehenkte)

Ihr Wort in Gottes Ohr, Sie haben natürlich in allem recht. Aber beugen Sie sich nicht zu weit aus dem Fenster...
Schließlich klingt Ihr Text, abgesehen vom letzten Absatz, wie eine typisch linke Systemkritik aus den 70ern (inkl. solcher Signalwörter wie „militärisch-industrieller Komplex“).

Eine lebendige Debatte kann und wird es nicht geben, wie man ja auch hier sieht – abgesehen von den genannten drei Beiträgern und – außer Konkurrenz – dem Knappen aus dem Donbass, der uns mit seiner (unfreiwilligen?) Stil-Mischung aus Spengler und Herzmanovsky-Orlando erheitert.
Und oftmals hemmen halt bestimmte durch Lebenserfahrung bedingte Ressentiments („Dädärä“) die Voraussetzung zu reflexiver Kritik.

Ich glaube, daß man mit diesen Debatten, die tatsächlich Radikalität einfordern, im neurechten Lager nur einen Bruchteil erreichen kann, man also über Lesekreis-Niveau nicht hinauskommen wird.
Oder glaubte jemand ernsthaft, daß die „jungen überbezahlten Mitarbeiter“ der Bewegung, wie der Hausherr vor kurzem nach dem Meuthen-Vortrag brummte, wirklich und allen Ernstes die Systemfrage stellen wollen? Nein, da geht’s erst einmal darum, die Vorzüge des kaputten Systems zu genießen, um dann vielleicht irgendwann „in die Privatwirtschaft“ zu wechseln.

Und der Rest begnügt sich zwischenzeitlich mit den „Nebenwidersprüchen“ (ein weiteres Signalwort) und sammelt die neuen „Blutzeugen der Bewegung“ (sorry, dieser Zynismus muß sein), bevor man sich mit den Millionen Toten, die der Kriegsbrandstifter Nummer eins auf dem Gewissen hat, beschäftigt; also lieber Chemnitz als Syrien.

heinrichbrueck
30. September 2018 21:39

"Das deutsche Volk wollte mehrheitlich nie als freie Bürger leben, sondern wollte einen guten Führer, dem sie folgen wollten."

Wenn dieser Satz Bildungsbürgertum ist, dann nochmal. Im Vergleich zu anderen Völkern, wenn möglich.

RMH
1. Oktober 2018 07:12

Sehr schöne Debatte, erhellende Beiträge, insbesondere auch von Imagine.

Neue Sklaven braucht das Land, schreibt heute der Spiegel, just in der Zeit, wo im BT einmal wieder über ein Zuwanderungsgesetz verhandelt wird:

https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutsche-einheit-deutschland-droht-die-auslaender-luecke-a-1230704.html

Aus der Debatte um Marx von Rechts wurde (zumindest für mich) eines klar:

Es genügt für eine neue Rechte und neue konservative Bewegung nicht, einfach nur Marx zu lesen, um damit intellektuelle Flexibilität zu demonstrieren, es müssen auch Antworten gegeben werden und diese müssen über Unions-Sprüche wie "sozial ist, was Arbeit schafft" (ja, der Spruch ist wesentlich älter als die CDU selber) oder "Arbeit für Alle" deutlich hinaus gehen. Es geht um das Wirtschaften an und für sich und wie Menschen leben, ohne nur als "human resource" bzw. als Zitrone, die man beliebig auspressen kann, gesehen zu werden.

Maiordomus
1. Oktober 2018 12:21

Für eine vernünftige Diskussion über die Soziale Frage und Alternativen zum reinen Kapitalismus wäre aus meiner Sicht nicht "Marx von rechts" angesagt, der in der totalitären Tradition der Jakobiner und der Babeuf steht, sondern, wenn schon, Hermann Schulze-Delitzsch, der Vater der deutschen Genossenschaftsgesetzgebung, sowie Victor-Aimé Huber, der schlechthin als der Karl Marx des Genossenschaftsdenkens gilt, Dass in Ostberlin indes das Denkmal von Hermann Schulze-Delitzsch geschleift wurde zugunsten eines Denkmals für Wilhelm Pieck, sollte zu denken geben. Der grundlegende Unterschied in der Einschätzung des revolutionären Potentials der sogenannten Arbeiterklasse bei Schulze-Delitzsch und Huber liegt in der enormen Bedeutung, welche in der modernen Massengesellschaft der Konsum hat, ohne welchen die Produktionsmittel und die Kontrolle der Produktion, worauf Marx und Engels den Hauptakzent legten, buchstäblich stillstehen würden. Dabei lässt sich aber, wie die Irrtümer des realen Sozialismus des mittleren und späteren 20. Jahrhunderts zeigen, auch der Konsum nicht beliebig steuern.

Es liegt aber im Nachdenken über die Konsumgesellschaft durchaus ein politisches Potential, da liegt auch für die Gesetzgebung einiges drin. Hier muss man wohl ansetzen, was nebenbei, um nur ein Beispiel zu nennen, auch für den Buchhandel und dessen Monopolisierung durch Amazon gilt, dessen Monopol nun mal wenn immer möglich durch eine Alternative bekämpft werden sollte. In der Schweiz wurde Genossenschaftsgründer Gottlieb Duttweiler seinerseits durch die Monopolisten bekämpft, welche beispielsweise verhindern wollten, dass die Migros auch Schokolade verkaufen durfte. Also eröffnete Duttweiler eigene Schokoladefabriken, u.a. durch die Übernahme einiger kleinerer, von den Monopolisten boykottierten Fabriken. Dies alles hat mit praktischer Politik zu tun, so wie die Klassiker des Genossenschaftswesens praktische Politiker gewesen sind. Mit zu den frühen Genossenschaftsdenkern gehörte der frühe Schweizer sozialpolitische Theologe Leonhard Ragaz, für den die Genossenschaften als freie Zusammenschlüsse der Produzierenden und Konsumierenden schon fast eine Art Ausgestaltung des Reiches Gottes auf Erden waren, was zwar wiederum eine Überschätzung der menschlichen Möglichkeiten bedeutete, weil es schlechthin keine Wirtschaftsform gibt, in welcher nicht der von Zwingli und Bruder Klaus angeprangerte "Eigennutz" am Ende nicht doch eine wesentliche Rolle spielen würde. Es gilt aber, den Eigennutz, so weit möglich, in geordnete Bahnen zu lenken, zum Beispiel auf der Grundlage des Gedankens eines Interessenausgleichs, womit wir bei der naturrechtlichen Idee der Iustitia commutativa und Iustitia distributiva angelangt wären. Solche Reflexionen führen meines Erachtens weiter als das Wiederaufwärmen marxistischer Irrtümer.

PS. Weit davon entfernt, in Donald Trump irgendeinen Verbündeten in irgendeiner Sache zu sehen, bleibt es doch dabei, dass sein sogenannter Handelskrieg mit China und allenfalls der EU dem rein willkürlichen Austausch von Waren, Dienstleistungen und Menschen auf das Basis des sogenannt neoliberalen Brutalokapitalismus eine gewissermassen globalisierungskritische Grenze setzt. Die Frage ist nur, was praktisch dabei herausschaut. Auf jeden Fall benötigen wir keinen Glauben an den unbeschränkten internationalen Freihandel mit allen seinen unerwünschten Nebenfolgen. Wobei das Gegenteil des Falschen leider nicht schon automatisch als das Richtige bezeichnet werden kann.

Maiordomus
1. Oktober 2018 13:57

@PS, auch an RMH. Das Geschichtsbild von Imagine halte ich für ignorant und klischeehaft, natürlich war Karl Marx kein bürgerlicher Humanist, sondern fiel mit seinen Frageverboten "Gib diese Frage auf", vgl. Voegelin, Wissenschaft, Politik und Gnosis", massiv hinter die Aufklärung zurück. Ohnehin war 1968 nebst dem Nationalsozialismus wohl die bedeutendste Attacke der Gegenaufklärung in den letzten 150 Jahren der deutschen Geschichte, darauf haben alle bedeutenden und informierten Kritiker der 68er Wert gelegt.

Sowieso müsste man nicht nur die bürgerlich-emanzipatorischen Bewegungen sehen, sondern auch die Romantiker, worunter es auch Monarchisten gab, weil bekanntlich Monarchismus und Freiheit sich keineswegs ausschliessen, vgl. die Werke von Erik von Kuehnelt-Leddihn. Mit zu den monarchisch Denkenden gehörten Franz von Baader. Überhaupt versteht man wenig von deutscher Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts, wenn man nicht wenigstens das Standardwerk von Hermann Lübbe über die Hegelsche Rechte aufgearbeitet hat, schon zu Beginn der Sechzigerjahre erschienen. Unter der Hegelschen Rechten gibt es Dutzende von Denkern, die Karl Marx denkerisch und analytisch entweder ebenbürtig oder überlegen waren. Das Beste, was es von der deutschen Rechten zu sagen gibt, von einigen bedauernswerten vor allem etatisten und nationalistischen Irrtümern abgesehen, hat mit der Hegelschen Rechten zu tun sowie mit der Romantischen Schule der Rechtswissenschaft, u.a. Friedrich Karl von Savigny, theologisch mit der Schule von Johann Michael Sailer. Von Schulbuchwissen über deutsche Geschichte, die meines Erachtens nicht als bekannt vorauszusetzen ist, ist wenig zu halten, und was @Imagine bringt, strotzt nur so von naiven linken Klischees der 70er Jahre, wie es "links, wo der Daumen rechts ist" wohl nicht zufällig aufgefallen ist. Über die Hegelsche Rechte müsste Schnellroda vielleicht mal ein Seminar machen.

Imagine
1. Oktober 2018 14:13

@heinrichbrueck 30. September 2018 21:39

Zu meiner These: "Das deutsche Volk wollte mehrheitlich nie als freie Bürger leben, sondern wollte einen guten Führer, dem sie folgen wollten."

Das ist eine generalisierende Aussage, die zu Recht in Frage gestellt werden kann. Denn es gab Freiheitsbestrebungen und Freiheitskämpfe.

Diese Aussage ist Ausdruck meiner Lebenserfahrung. Als Abitursjahrgang 1967 Jahren habe ich mehrere Oppositionsbewegungen erlebt. Als erstes die APO gegen die Notstandgesetze.

Später die Öko-Bewegung und den Feminismus. Beide sah ich jedoch nicht als echte Oppositionsbewegungen an, sondern als system- und herrschaftskonform und von oben gelenkt.

Nach 2000 gab es eine APO gegen die Politik der Volksverarmung und Volksenteignung (gegen die neoliberale Politik. wie Hartz-Gesetze etc.) und seit ein paar Jahren hat sich eine APO gegen die "Umvolkung" entwickelt, wobei diese Opposition nicht nur vom Establishment, sondern auch von vielen Linken als „Feind“ abgesehen wird und bekämpft wird.

Die 68-er-APO gegen die Notstandgesetze war konservativ im guten Sinne. Sie wollte das ursprüngliche Grundgesetz – unsere freiheitliche Verfassung - bewahren und kämpfte gegen den Abbau von individuellen Freiheitsrechten. Sie sah in den Notstandsgesetzen eine Vorratsgesetzgebung, die einen formal-legalen Weg in eine Diktatur ermöglicht.

Aber es war nur eine kleine Minderheit, die für die Freiheit kämpfte.

Der Radikalenerlass (Berufsverbote) von Willy Brandt im Jahr 1972 war in den west-europäischen Demokratien als Beschränkung der politischen Freiheit einzigartig , aber es störte die Mehrzahl der deutschen Bürger nicht.

Wo sind die Freiheitshelden des deutschen Volkes? Welchen Freiheitsmythos besitzt es?

Das humanistisch gebildete Bürgertum besaß Freiheitshelden, wie Kant, Schiller, Heine, Feuerbach, Marx, Bebel, Liebknecht, Luxemburg, um nur einige zu nennen, die eine freiheitliche Gesellschaft anstrebten. Auch europäische Freiheitshelden wie Rosseau oder Voltaire gehörten dazu.

Was haben die Ost-Deutschen aus ihrem Sozialismus gemacht? Eine sozialistische Sklavenhaltergesellschaft, eine Diktatur der Funktionäre, die mit Terror aufrechterhalten wurde. Ein völlig pervertierter Marxismus wurde dort praktiziert. Ein "Scheiss-Sozialismus", wie Rudi Dutschke sagte.

Was wissen die Deutschen über Napoleon, über 1848 und über die deutsche Revolution? Nur wenige Deutsche wissen überhaupt, dass es in Deutschland eine Revolution gab, deren Resultate die Republik und Abschaffung des Klassenwahlrechtes waren.

Wer von den Deutschen weiß, dass die Schweizer ihre Demokratie Napoleon verdanken?

Es gab auch in Deutschland Freiheitskämpfe. Aber die wenigsten Deutschen wissen davon, und die Freiheitskämpfer werden nicht als Freiheitshelden geehrt.

Heute ist die Mehrzahl der Deutschen negativ gegen die 68-er eingestellt.

Noch einmal zu Marx:

Durch das Marx-Studium kann man lernen, dass und warum es sich bei der kapitalistischen Gesellschaft um eine ANTAGONISTISCHE Klassengesellschaft handelt, bei denen die Herrschenden systembedingt ZWANGSLÄUFIG eine Politik gegen das Volk machen MÜSSEN und warum es regelmäßig zu Volksverrat und Verbrecherherrschaft kommt.

Das liegt weniger daran, dass sich „böse“ Menschen gegen das Volk verschwören, sondern die Funktionseliten unterliegen den Sachzwängen des Systemerhalts. Weil sie das kapitalistische System erhalten wollen, müssen den Kapitalverwertungsprozess (= das "Wachstum") aufrechterhalten und deshalb immer neue Räume einer profitablen Kapitalverwertung eröffnen.

Das Konzept eines "nationalen Sozialismus" wollte "innen" einen volksgemeinschaftlichen Sozialismus und "draußen" Kolonialismus und Imperialismus.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationaler_Sozialismus

Inzwischen sind Möglichkeiten des Kapitalismus, sich nach "außen" auszudehnen, beschränkt. Man kann als Geschäftsmodell noch Kriege führen und danach Wiederaufbau machen. Aber das reicht nicht. Und folglich gibt es einen "Imperialismus nach innen". Der Kapitalismus erobert immer mehr Berichen, die nicht-kapitalistisch waren. Post, Bahn, Gesundheitswesen, Versorger, Infrastruktur etc.

Deshalb betreiben sie Lohndumping, holen ausländische Arbeitskräfte als Niedriglöhner ins Land. Und machen einen riesigen Leiharbeitssektor auf. Usf.

Übrigens, in den 70-er Jahren waren die Jusos noch ganz entschieden gegen die Rekrutierung und den Import billiger Arbeitskräfte aus der Türkei.

Man importiert die Dritte Welt nach Deutschland und Deutschland wird der Dritten Welt immer ähnlicher. Daher auch die "Umvolkung".

It´s the system.

Zur Systemanalyse braucht es zusätzlich die Psychologie, um zu verstehen, warum es nicht nur bei Herrschenden, sondern auch bei den Beherrschten an Rechtsbewusstsein mangelt.

Die meisten Herrschenden erleben Unterdrückung und Ausbeutung, die sie praktizieren, NICHT als Unrecht. Klar, die profitieren davon und verdrängen.

Aber auch die Mehrheit der Beherrschten und Ausgebeuteten erlebt das, war ihnen angetan wird, NICHT als Unrecht. Nur eine Minderheit von ihnen empört sich und leistet Widerstand.

Um dies zu verstehen, bedarf es der Tiefenpsychologie.

Wir sehen eine Art „Stockholm-Syndrom“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Stockholm-Syndrom

So funktioniert sozialisationsbedingt die psychische Regulation bei den Normalos.

Zum Schluss:

Es ist eine lebendige Diskussion hier mit sehr guten Beiträgen . Danke dafür!

Fände es gut, wenn die beiden Autoren, zumindest Herr Kaiser, sich zur Diskussion äußern würden.

Thomas Martini
1. Oktober 2018 15:32

"Und wenn wir kritisch in die letzten 200 Jahre in der deutschen Geschichte zurückschauen, dann ging es den meisten Deutschen in jener Zeit am besten, als Deutschland kein souveräner Staat, sondern unter Hegemonie des US-Imperiums stand."

Die Frage ist, wie ginge es den meisten Deutschen mit den technischen Möglichkeiten der Neuzeit ohne Fremdherrschaft? Diese Möglichkeiten zu berücksichtigen, Stichwort Überproduktion, ist entscheidend, wenn man solche Bewertungen trifft. Was haben die meisten Deutschen denn außer ihrem materiellen Wohlstand? Und wer glaubt, daß eine souveräne deutsche Staatsführung diesen Wohlstand nicht hätte ermöglichen können? Derlei Gedanken, es ginge den meisten Deutschen ohne die US-Hegemonie schlechter, können nur in Hirnen entstehen, die sich der Fremdherrschaft unterworfen haben, die darin die beste aller möglichen Welten erkennen. Darüber hinaus, würde ich persönlich den Status Deutschlands als Vasallenstaat auch dann vehement ablehnen, wenn dies mit Verzicht und Nachteilen verbunden wäre.

Zurück zu dem schiefen Vergleich: Fakt ist, im souveränen Deutschen Kaiserreich ging es den meisten Deutschen viel besser als den Briten und Amerikanern in ihren demokratischen Staaten. Und Fakt ist auch, im nationalsozialistischen Deutschland um 1936, ging es den meisten Deutschen wiederum viel besser als den Briten und Amerikanern in ihren demokratischen Staaten. Das lässt sich empirisch beweisen, das ist die Wahrheit. Dafür muß man weder Anhänger des Nationalsozialismus noch der Monarchie sein. Alles was man aufbringen muß, ist Ehrlichkeit. Die nackten Zahlen, z. B. in Sachen Arbeitslosigkeit und Massenverelendung, sprechen dahingehend nämlich eine deutliche Sprache.

Gebhardt1
1. Oktober 2018 18:19

Nach der Lektüre von: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Das Kapital (Bd.1), Das Elend der Philosophie, Die Deutsche Ideologie (mit F. Engels) kann ich einen Tipp geben: David Hilberts "Grundlagen der Physik" ist inspirierender, und "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll ist befreiender.

heinrichbrueck
2. Oktober 2018 02:51

@ Imagine

Ich halte das DEUTSCHE VOLK für ein gutes Volk. Begabt und fleißig, schöpferisch, geradezu faustisch, und nicht sehr kriminell. Legt man einem Deutschen einen Alligator in den Pool, gründet er eine Partei gegen Alligatoren. Er hat nicht direkt die Vorstellung, - aber er hat die Möglichkeit es herauszufinden -, ein Todfeind könnte es gewesen sein.

Klassenkampf ist unlogisch. Feminismus ist häßlich. Wenn das Leben nicht anders gedacht werden kann, nur Konkurrenz und Konsum, wird das Geld immer regieren. Arbeiter gegen Unternehmer, mißratene Frauen gegen Männer, nichts mehr läuft naturkonform, gemeinschaftlich und volkserhaltend.

Die Intelligenz ist vorhanden. Die Schaffenskraft ist genetisch dermaßen produktiv, sogar bei Halbierung der Arbeitszeit wäre wenig Verzicht zu verbuchen. Millionen Ausländer werden mitdurchgeschleppt, anstatt diese feindliche Inszenierung, die noch in ganz anderen Größenordnungen fremdgenutzt werden, in das eigene Volk zu stecken.

Das Geldsystem ist ein Betrugssystem. Und es war schon vor Hitler da, der ohne Dollar kaum Reichskanzler geworden wäre. Über Geld nachzudenken, sollte man nicht Leuten wie Marx überlassen. Marx gehört vom Sockel geholt. Wie wir Deutsche leben wollen, darum geht es mir.

Maiordomus
2. Oktober 2018 07:16

PS. "von etatistischen und nationalistischen Irrtümern abgesehen" muss es in meinem obigen Text heissen; gemeint war mein nicht unbeschränktes Lob der intellektuell und politisch bedeutenden Hegelschen Rechten, deren staatsphilosophische Aufarbeitung meines Erachtens viel wichtiger wäre als "Marx von rechts", wiewohl sinngemäss vielleicht das, was mit diesem vordergründigen Schlagwort "Marx von rechts" vernünftigerweise gemeint sein könnte. Zu den heutigen Kennern Hegels, freilich nicht gerade zu den Kennern der Repräsentanten der antitotalitären Hegelschen Rechten, zähle ich den derzeit bedeutendsten politischen Gefangenen Deutschlands. Man hat freilich von ihm schon länger nichts mehr gehört. Ich hoffe sehr, der tapfere ehemalige Anwalt sei noch am Leben und bei leidlicher, freilich dem Vernehmen nach sehr angeschlagener Gesundheit.

Der Gehenkte
2. Oktober 2018 10:00

@ Maiordomus

"Unter der Hegelschen Rechten gibt es Dutzende von Denkern, die Karl Marx denkerisch und analytisch entweder ebenbürtig oder überlegen waren."

Daß ich diesen Satz noch einmal werden schreiben dürfen: Ich fürchte, gelahrter Maiordomus, you are out of your depth.

Ich muß in diesem Fall auf der Nennung dutzender Rechtshegelianer bestehen, nebst Begründung, die Marx analytisch und denkerisch überlegen oder auch nur ebenbürtig waren. Die Leute müssen (und ich will) schließlich wissen, was man kennen muß und Sie wollen doch satisfaktionsfähig bleiben.

Ist Ihnen, der gerne andere in schnellem Wisch der Unkenntnis bezichtigt - Heraklit: "Vielwisserei bringt noch keinen Verstand" - nicht bewußt oder bestreiten Sie, daß die Geistesgeschichte tendenziell eine Selektionsgeschichte nach qualitativen Kriterien ist? Ausnahmen bestätigen die Regel. Marx landete dort an der Spitze, nicht weil einige "Kräfte" ihn nutzen konnten - das geschah erst viel später -, sondern weil er die Intelligenz durch seinen durchdringenden Geist beeindruckte, vollkommen neue Fenster öffnete.

Bei allen Verdiensten von Rosenkranz, Kuno Fischer, Savigny und meinethalben auch D.F. Strauß (der den Begriff prägte und eher schwer zuzuteilen ist)- wir vergeben Nietzsche -, mit Marx ist keiner und schon gar nicht im Dutzend zu vergleichen. Ja, ich wage sogar die These, daß die Linkshegelianer, wenn man schon abwiegen will, das größere geistige und theoretische Gewicht in die Waagschale warfen. Feuerbach und Stirner genügen schon allein, zumindest auf der Bedeutungsseite.

Es sei denn freilich, sie wollen den Begriff enthistorisieren und zählten dann einen Lübbe hinzu - nun, selbst dann stünde die gesamte "marxistische Philosophie" entgegen.

Maiordomus
2. Oktober 2018 13:14

@Der Gehenkte. Ich habe mich bereits 20 Jahre vor der Geburt z.B. von Benedikt Kaiser mit den Irrtümern von Marx befasst, u.a. via Ernst Kux, dessen Studien dann ins heute noch lesenswerte Buch "Karl Marx, Die revolutionäre Konfession" eingegangen sind. Kux und Voegelin können als zwei der bedeutendsten Kenner des frühen Marx gelten, sie haben stärker als andere das Missionarische und auch Pseudochristliche des Marxismus als politischer Religion erkannt und analysiert.

Zweifelsfrei steht fest, dass etwa der theoretisch und praktisch äusserst vielseitige Rechtshegelianer Friedrich Albert Lange als Theoretiker und Praktiker der Konsumverein-Bewegung, Historiker des Materialismus und vor allem als Pionier der direkten Demokratie im Verfassungsrat des Kantons Zürich, wo es immerhin um die erfolgreiche Einführung Volksabstimmung über alle Gesetze ging, ganz andere Verdienste für die Verbesserung des Loses der Arbeiterschaft sich erworben hat als ein Karl Marx, der u.a. als Befürworter des Massenterrors nun wirklich nicht als Humanist und Weltverbesser in die Geschichte eingegangen ist, zu schweigen vom ganzen mit dem Marxismus verbundenen regelmässig sehr unintelligenten Sektierertum. Letzteres feierte um 1968 fanatische Urstände.

Nebst Lange würde ich noch Hermann Cohen zu den konstruktiven Rechtshegelianern zählen, welcher das Hegelsche Denken mit dem Kantischen verband; eher weniger den von Ihnen genannten David Friedrich Strauss, von dem zwar, wie Sie richtig vermerken, der Begriff "Hegelsche Rechte" stammt. Es steht mir aber nicht an, hier ein Korreferat zu halten, ausser dass es für mich schon immer klar gewesen ist, dass der Grad der Bekanntheit und des Ruhms eines Philosophen im Hinblick auf die Substanz keine Rolle spielt; im Gegenteil, die Bekanntheit trägt oftmals zu massenpsychologischer wahnhafter Wirkung bei. Aus diesem Grunde ist für mich ziemlich klar, dass Denker wie Baader, Lange, unter den neueren Soziologen etwa Helmut Schoeck (ergiebiger als Luhmann) und unter den Sozialdenkern Oswald von Nell-Breuning, aber auch natürlich Wilhelm Röpke eine andere Liga darstellen können als Karl Marx; wobei ich freilich dann im Einzelfall in Sachen analytischer Qualität trotzdem viele seiner Fragestellungen natürlich als relevant betrachte, wiewohl in analytischer Hinsicht Engels eher höher einschätze.

Was schliesslich die Anthropologie betrifft, die sogenannte Gender- und Emanzipationsideologie der 68er einschliesslich der Befreiung der Homosexuellen, bin ich meinerseits der Meinung, dass Karl Heinrich Ulrichs und Heinrich Hössli eher vernünftige Wege einer zustimmungsfähigen Emanzipation gewiesen haben als die Leute, die den heutigen Mainstream angeben, wobei gerade diese Richtung aber von Marx und Engels mit Spott und Hohn nur so übergossen wurde. Für die Befreiung der Homosexuellen hatten die beiden Klassiker des Sozialismus null Verständnis. Dabei kann man schon bei Ulrichs, der als Homosexueller im päpstlichen Rom Exil genoss, nachlesen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, sogar mehr als nur deren drei. Als ich übrigens dieser Tage in der Universitätsbibliothek von Marburg recherchierte, bemerkte ich, dass es dort bereits drei Sorten von Toiletten gibt, wobei das runde Dutzend Zusatzgeschlechter nach Ulrichs sich dann in die dritte Kategorie "barrierefrei" einordnen lassen dürfte. Das ist nun aber eine andere Thematik, die mit der Hegelschen Rechten höchstens eine Schnittmenge hat. Sicher scheint mir aber, dass auch Karl Heinrich Ulrichs, der nicht als grosser Lateiner weit eher als Karl Marx als grosser Humanist in die Menschheitsgeschichte eingegangen ist, vielleicht der bedeutendste und friedlichste seines Jahrhunderts, im weiteren Sinn zur Hegelschen Rechten zählen ist. Selbstverständlich könnte ich das Dutzend der von mir gerühmten "Hegelschen Rechten" noch jederzeit voll machen, doch ist eine Blog-Debatte nicht der angemessene Ort dazu, meine Korreferate gehen eh allzu vielen Blogteilnehmern von hier auf die Nerven und auf die Nieren. Es bleibt für mich aber dabei, dass ich etwa von Friedrich Albert Lange einerseits und von Karl Heinrich Ulrichs andererseits wirklich mehr halte als von Karl Marx und Theodor W. Adorno und dialektisch auch jederzeit in der Lage wäre, dies noch näher zu begründen. Lange gehört, vgl. meine Wortmeldungen weiter oben, ebenfalls wie Hermann Schulze-Delitzsch und Victor-Aimé Huber zu den denkwürdigen Pionieren des Genossenschaftswesens, wie es in Zschokkes Roman "Das Goldmacherdorf" (1817) erstmals exemplarisch in Form eines utopischen Romans, der sehr viel exakter ist als etwa Thomas Morus, vorgestellt wurde. Zum anthropologischen Verständnis des Genossenschaftswesens als Form der ländlichen Sozialverbesserung würde ich noch Jeremias Gotthelfs Standardwerk "Die Käserei in der Vehfreude" empfehlen, mit ökonomischen und anthropologischen Kenntnissen der Käseproduktion, von denen Marx und Engels nur hätten profitieren können, weil es in der Wirtschaft stets auch auf die Detailkenntnisse ankommt, zum Beispiel die Revolution der Gras-Saat im 18. und frühen 19. Jahrhundert, ohne welche Entwicklung die vorübergehende Eroberung der Welt durch den Emmentalerkäse nicht möglich geworden wäre. Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf hat übrigens in Deutschland studiert, wo er seinerseits mit der Hegelschen Philosophie in Berührung kam, insofern würde ich auch ihn zu den Repräsentanten der Hegelschen Rechten zählen. Gotthelfs Analyse der Geschichte des Emmentalers in "Die Naturgeschichte des Käsens" führt uns im Zusammenhang mit den berühmten Löchern bis hin zum entsprechenden Film von Charlie Chaplin, der dann freilich in den Verdacht des Marxismus geriet. Zurück zu Gotthelf: Er war mehr als nur ein Bauernschriftsteller, lernte in Bern zum Beispiel den Ungarn Karl Maria Kertbeny kennen, den Erfinder des Wortes "homosexual", was zwar nichts mit der persönlichen Veranlagung des Pfarrers und Schriftstellers zu tun hatte, ausser dass er sich für die Wandlungen der Zeit interessiert, für den Kommunismus und den Anarchismus, in dem er eine Weiterentwicklung der Irrtümer des Liberalismus gesehen hat.

RMH
2. Oktober 2018 14:36

Kleine Anmerkung zum Beitrag von Maiordomus:

Friedrich Albert Lange verfasste:
"Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart." Das Buch war sehr lange vergriffen und ich selber habe nur ein antiquarisches Exemplar in meiner Bibliothek (nach langer Suche!), aber dieses Werk bekommt von mir eine klare Leseempfehlung als echtes Bildungsbuch. Mittlerweile wird es irgendwo im Netz auch elektronisch lesbar und damit auffindbar sein (was nicht so schön ist, wie ein Buch gedruckt zu lesen - aber das ist ein anderes Thema).

Friedrich Nietzsche soll es begeistert gelesen und aufgenommen haben.

Maiordomus
2. Oktober 2018 14:44

PS. Karl Heinrich Ulrichs war in der Tat wie Erasmus von Rotterdam ein grosser Lateiner, ist aber nicht in dieser Eigenschaft, sondern als wohl denkerisch bedeutendster Befreier der Homosexuellen in die Menschheitsgeschichte eingegangen; er hatte ein enormes anthropologisches Wissen und verfügte als messerscharf formulierender juristischer Systematiker über eine enorme analytische Begabung, was in Dutzende von Broschüren und Hefte eingegangen ist. Ulrichs gehört wie Savigny aber im Prinzip in die Rechtsgeschichte, weniger in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, kann aber durchaus der Hegelschen Rechten zugeordnet werden, weil sein Denken nun mal weder zum Kollektivismus noch zum Totalitarismus tendiert. In Sachen Bergbau hatte Baader, der wie Victor-Aimé Huber und Engels denselben in Manchester studierte, ein überdurchschnittliches Detailwissen, und in Sachen Landwirtschaftsgeschichte und Geschichte des Wohlstandes in der Landwirtschaft hatten Zschokke und Gotthelf nun mal ihrerseits ein weit genaueres Hintergrundwissen als Marx und Engels; man kann ja die Geschichte der Freiheit in den Alpen, zumal in der Schweiz, ohne die Geschichte der Butter- und Käseproduktion und deren Revolutionierung seit dem 13. Jahrhundert nicht verstehen, auch die Sorten der Gräser in den Magerwiesen und Fettwiesen muss man nun mal genau unterscheiden können; sodann haben wir in der Schweiz zwischen 1850 und 1920 die europaweit grösste Blüte der Konsumverein-Bewegung, zu der deutsche Rechtshegelianer Friedrich Albert Lange im Kanton Zürich massgeblich beigetragen hat. Stets geht es auch um Kenntnis ökonomischer Zusammenhänge, bei welchen nun mal Marx und Engels schon zu ihrer Zeit ohne weiteres übertreffbar waren. Zur Hegelschen Rechten wird in der Tradition der deutschen Sozialdemokratie auch Ferdinand Lasalle gezählt, was jedoch Hans Müller in seinem Standardwerk über die Geschichte des Genossenschaftswesens (1895) zurückweist, insofern Lasalle ähnlich wie Marx und Engels zunächst eine etatistische Revolution fordern, was notabene bei Marx und Engels mit der Absicht erfolgt, langfristig den Staat wieder abzuschaffen, was von den Anhängern des Genossenschafts-Sozialismus schon früh als Widerspruch moniert wurde. Überhaupt kann man von Marxisten wenig für die Landwirtschaft lernen, was in Russland und China bekanntlich dann verheerende Folgen gehabt hat. Für landwirtschaftliche Sozialreform sind Zschokke und Gotthelf ohne Zweifel ergiebiger, wie generell die Geschichte des Genossenschaftswesens, welche man über die Landwirtschaftliche Konsumgenossenschaft von Assington (1830) auch über die britische Wirtschaftsgeschichte studieren kann.

Für die Kenntnis von Lange, den ich im Ernst höher einschätze als Karl Marx, würde ich das Buch "Politische Philosophie in Deutschland" von Hermann Lübbe empfehlen, erschienen 1963, schon damals ein wichtiger Hinweis auf alternative Sozialmodelle jenseits des Marxismus. Über den Marxismus wird meistens ohne die unbedingt notwendigen historischen, philosophischen und ökonomischen Hintergrundkenntnisse diskutiert. Es handelt sich, wie beim Islam, oft bloss um eine von Ressentiment getragene Gesinnung ohne genügendes Hintergrundwissen, welche Schwäche natürlich auch bei Fundis anderer Religionen und Ideologien auszumachen ist.

Der Gehenkte
2. Oktober 2018 15:00

@ Maiordomus

Dank der Mühe.

Der Einfachheit halber: die Hegelsche Linke und die ausgefächerte marxsche "Schule":

https://de.wikipedia.org/wiki/Junghegelianer#Personen

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_marxistischer_Theoretiker

Ich bleibe dabei: die hegelianische Linke ist weit wirkmächtiger geworden und das ist auch logisch, weil sie Wesenserkenntnis Hegels, die Dialektik als Methode, aufgriff und nicht Hegels austauschbare politische und religiöse Überzeugungen.

Maiordomus
2. Oktober 2018 17:09

Informationen aus dem Internet sollten nicht als Beschäftigung mit der Sache verwechselt werden. Das Studium der Politischen Philosophie nimmt mehrere Jahre in Anspruch, wobei jedoch heute leider kaum geeignete Professoren vorhanden sind. Dabei gehört die von mir hier nur angedeutete die Hegelsche Rechte durchwegs Denkern an, welche die dialektische Methode ebenso und vielleicht sogar methodisch sauberer beherrschen wie die Linken. Der Unterschied der von mir genannten "Rechten" in Abgrenzung zu den zukunftssüchtigen Linken liegt im Bereich der Erfahrung in der jeweiligen Gegenwart, in konkreter Politik, was zwar im Einzelfall wie bei den Linken Irrtümer nicht ausschliesst. Dass aber zum Beispiel im Kanton Zürich das obligatorische Gesetzesreferendum eingeführt wurde, im Sinne der Volksabstimmung über schlechthin alle Gesetze (heute freilich nur noch nach Unterschriftensammlung) war eine enorme demokratische Errungenschaft der demokratischen Bewegung des 19. Jahrhunderts, die freilich in neuerer Zeit systematisch unterdrückt wurde. So kam es, dass wir heute in der Schweiz zwar noch über die Frage der Subventionierung von Hornkühen abstimmen können, wohingegen die Masseneinwanderungsinitiative und andere wichtige Volksentscheidungen de facto nicht mehr umgesetzt werden, wenn nicht auch die Mehrheiten im Parlament diese Umsetzung bejahen. Dass aber ein deutscher Intellektueller wie Friedrich Albert Lange noch ein Pionier der direkten Demokratie war, bleibt aber fürwahr keine Kleinigkeit.
Diesen Namen sollte man sich wirklich merken!

Wer sich in Deutschland, auch wenn es als Populismus nicht akzeptiert wird, für direkte Volksentscheidungen stark machen will, darf und soll sich auf Lange berufen, was jedoch noch längst nicht die Summe seiner bedeutenden Qualitäten ausmacht.

@RMG. Dass Nietzsche, ein Verächter des Sozialismus, insofern er in diesem einen Moralismus sah, dann den Sozialphilosophen Lange zu schätzen wusste, auch dessen philosophische Tiefenschärfe, spricht fürwahr Bände! Ja, @RMH. Ihr Hinweis auf Friedrich Albert Lange und dass Nietzsche ein begeisterter Leser desselben war, deutet vielleicht an, dass in diesem Blog auf einem Niveau debattiert wird, welches Sie wohl deutschlandweit weder bei Linken noch Rechten sonst vorfinden.

Wollen wir uns indes über den Unterschied zwischen Marx und Lange Rechenschaft ablegen, müssen wir uns mit der Geschichte und zumal mit der Praxis des Genossenschaftswesens auseinandersetzen. Dabei haben durchaus auch Linke dem Genossenschaftswesen positive Seiten abgewinnen können, so der von christlichen Marxophilen gern zitierte Schweizer Theologe Leonhard Ragaz (1868 - 1945) , der Begründer der jetzt noch existierenden Zeitschrift "Neue Wege". Ich habe die Zeitschrift abonniert, weil sie zumal seit ihrer Neugestaltung Beiträge von nicht zu unterschätzendem Informationsgehalt bringt, zum Beispiel gerade über das Genossenschaftswesen. Das Standardwerk von Leonhard Ragaz zu diesem Thema trug den Titel "Die neue Schweiz" (1917), erreichte vier Auflagen. Ragaz überzieht jedoch die Möglichkeiten der Genossenschaft, die er zwar tiefsinnig als "Gemeinschaft in Freiheit" definiert. Er geht aber eindeutig zu weit, wenn er dieses "soziologische Ideal" als den "soziologischen Urtyp des Reiches Gottes" anpreist. Bedenkenswert bleibt in Ragaz' Kapitel "Das soziale Evangelium" aber die Fragestellung, ob dieses nur "Sozialismus und Kommunismus" sei oder nicht doch auch "Liberalismus und Individualismus". Seine Antwort lautet Ja - unter Hinweis auf die "Gotteskindschaft des Menschen". Vgl. Josef Lang: Genossenschaften für eine neue Schweiz, in: Neue Wege 7/8 2018. Ragaz gehört aber insofern nicht zur Hegelschen Rechten, als er sich zumal zur Zeit des 1.Weltkrieges pazifistisch und antimilitaristisch engagierte. Auch wird ein vernünftiger Rechter niemals ein sozialpolitisches Modell mit der Soziologie des Reiches Gottes auf Erden verwechseln. Letzteres ist nicht mehr und nicht weniger als der säkularreligiöse Grundirrtum der Marxisten.

Imagine
2. Oktober 2018 22:20

@Benedikt Kaiser:
"Es handelt sich also bei rechter Kapitalismuskritik oder der Relektüre von Denkern wie Marx nicht ansatzweise darum, danach zu trachten, in einem globalen Staatsstreich den Weltmarkt abzuschaffen oder Maximalprogramme vorzulegen, wie man die große Maschine zum Stoppen brächte, auch wenn dies Neokonservative zur Desavouierung des kapitalismuskritischen Neubeginns auf der politischen Rechten argwöhnen.
Alain de Benoist wies vielmehr darauf hin, dass es unmöglich sei, überhaupt einen globalen Wandel herbeizuführen. Daher müsse man endlich beginnen, eigene „Räume der Freiheit und des Miteinanders zu schaffen“, also Inseln gelebter Alternativität und Solidarität."

Aber warum wird dann Marx gelesen, wenn das Ziel nicht Systemtransformation ist?

Und warum bezeichnet man sich als "NEUE Rechte"?

Was ist "neu" daran?

Wo ist dann der Unterschied zu den traditionellen Rechten, denen es immer darum ging, die Eigentumsordnung und das kapitalistische Profitsystem zu erhalten?

So war auch die Unterscheidung der Nazis zwischen einem schaffendem und einem raffendem Kapital aus wissenschaftlicher Sicht völliger Nonsens, weil es der Logik des kapitalistischen Systems widerspricht.

Inwiefern unterscheidet sich die "Neue Rechte" - sieht man von Außenseitern wie Reinhold Oberlercher ab - in den zentralen Fragen überhaupt von den alten Rechten?

Im Erscheinungsbild schon. Die Formen des Aktionismus entsprechen jenen von Teilen der "68-er", von "Greenpeace" etc.

Werden nicht unter neuem Etikett alte Illusionen aufgewärmt, die früher als "nationaler Sozialismus" propagiert wurden?

So als würde es der Lohnarbeiterschaft und der "Mitte" - trotz Beibehaltung der Eigentumsordnung und des kapitalistischen Wirtschaftssystem - bei einer rechten und "nationalen Regierung" besser gehen?

Bislang waren es die Systemlinken, welche auf diesem Ticket gereist sind und lukrative Posten und Privilegien erobert haben.

In Deutschland waren es Ex-Linke, die eine Politik im Interesse des Kapitals machten. Leute wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Rudolf Scharping etc.

Trifft die Bezeichnung als "Neue Rechte" nicht besser auf diese Konvertiten und Karrieristen zu?

Schröder behauptete, es gebe keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik, sondern nur eine moderne oder unmoderne. Und die richtige Wirtschaftspolitik schaffe Wachstum und Arbeitsplätze. Dazu braucht es eben "Working Poor", ein Zwangsarbeitssystem, Leiharbeiter etc. Eine "linke" Arbeitsmarktpolitik, ähnlich wie zu des Führers Zeiten.

Merkel hat dann behauptet, sie mache eine Politik für die "Mitte". Und der rechte Unverstand bezeichnete diese neoliberale Politik als "links".

Die "Neue Rechte" sieht sich selbst als realistisch.

Aber ist sie bereit und fähig, sich mit der ungeschminkten gesellschaftlichen Realität zu konfrontieren?

Die "Umvolkung" ist ein Projekt der Rechten.

Bereits 2007 wird die ethnische Umstrukturierung von dem rechtskonservativen Manfred Pohl in seinem Buch: "Das Ende des Weißen Mannes – Eine Handlungsaufforderung" offen propagiert.

„Das Ende des Weißen Mannes ist vorprogrammiert“, schreibt er. "Mitte des 21. Jahrhunderts werden in Europa und den USA noch 50 Prozent der Bewohner Weiße sein, Ende dieses Jahrhunderts werden sie lediglich eine Minderheit sein."

Auch im Interview mit der "Jungen Freiheit" spricht Pohl Klartext (13. Juli 2007):

"Klassisch stellen sich noch viele Leute vor, Integration sei ein einseitiges Angebot für Migranten. Diese Sicht ist falsch. Integration ist vielmehr eine Frage für unser beiderseitiges Überleben. Das Problem ist, daß sich heute die Mehrheit der Deutschen überhaupt nicht vorstellen kann, daß es tatsächlich in naher Zukunft zum "Untergang des Weißen Mannes" kommen wird."

"Tatsache jedenfalls ist, daß es schon in wenigen Jahrzehnten zu seinem "Untergang" kommen wird. Damit meine ich, daß der "Weiße Mann", der Jahrhunderte die Welt mit seiner Kultur dominiert hat, bereits ab etwa 2050 in seiner eigenen Heimat, Europa und Nordamerika, demographisch und ökonomisch in die Minderheit geraten wird."

"... wenn wir in etwa fünfzig Jahren einfach nur braun statt weiß wären, wäre das kein Problem, denn wir wären ja weiterhin Deutsche. Der springende Punkt ist aber die Frage: Wird der deutsche Bürger bzw. die deutsche Bürgerin mit multikulturellem Hintergrund, sprich der "Multi-Colour-Man", in verschiedenartigen Kulturen zurechtkommen?"

Das ist die Realität.

Die ethnische Umstrukturierung ist voll im Gang. Niemand wird sie angesichts der realen Machtverhältnisse stoppen können, weil diese "Umvolkung" das erklärte Ziel der Herrschenden zum Zwecke ihres Herrschaftserhalts ist und die Systemlinken längst Teil des Establishments sind.

Jedoch wird auf Seiten der Rechten die Illusion propagiert, es sei noch so etwas wie "Reconquista Germanica" möglich.

Wer von so etwas träumt, der liest nicht Marx. Der will auch gar nichts von den latenten Strukturen der Gesellschaft - von Klassen und deren antagonistischen Interessen und Zielen - wissen.

Die Linken hatten als Revolutionsmythos die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt.

Die Nazis haben diesen Mythos ersetzt durch das Volk als revolutionäres Subjekt : "Volk, steh auf und Sturm brich los!"

Aber der Kapitalismus hat weitgehend die natürliche Volksgemeinschaft zerstört.

Das moderne Individuum ist vor allem "Selbstoptimierer" - "oben" wie "unten".

Das ist die Natur des normalen Menschen. Jeder Fisch schwimmt dorthin, wo er sich am Wohlsten fühlt.

Man muss folglich ein System schaffen, dass - anders als der Kapitalismus - prosoziales Handeln belohnt.

Dazu bracht man keinen "neuen Menschen", sondern ein neues System. Und dies war der "Scheiss-Sozialismus" im Osten nicht.

Maiordomus
3. Oktober 2018 11:06

@Imagine. Ich kritisierte oben einiges an Ihren Ausführungen. Ihr letzter Beitrag scheint mir bedenkenswert. Was Sie eher im Sinne von Leonhard Ragaz als von Karl Marx "Räume der Freiheit und des Miteinander" nennen, ist, wiewohl sich da jederzeit Illusionen einschleichen können, mithin der Gehalt des wieder und wieder aufgegriffenen Genossenschaftsgedankens nach Zschokke, Lange, Huber, Schulze-Delitzsch, Duttweiler und noch anderen. Im Zusammenhang mit den "Räumen der Freiheit und des Miteinander" verdient sogar ein Daniel Paul Schreber oder wie er hiess neu bedacht zu werden, und zwar nicht bloss im Hinblick auf eine insulare Schrebergarten-Idylle. Die Sache ist weit hintergründiger, und es bleibt zuzugeben, dass Selbstversorgung, Lebensreform, Ernährungsfragen in der heutigen extrem arbeitsteiligen Gesellschaft nur bedingt auf dem Weg des Regresses praktiziert werden können. Im Hinblick auf eine freie Gesellschaft mit möglich vielen selbst bestimmten und selbst bestimmenden Existenzen wäre auf lange Sicht wohl eher eine Bevölkerungsabnahme als eine auf dem Schneeball-System beruhende Bevölkerungszunahme wünschbar.

Zur Kritik am Marxismus, dem ich in meinen Beiträgen regelmässig einige Repräsentanten der Hegelschen Rechten gegenübergestellt habe, ohne dies nunmehr als die Repräsentanten des "Wahren" hinzustellen: Unter dem Hund ist bei Marx und Engels nicht nur das früh formulierte Frageverbot, die Frage nach der Schöpfung betreffend, generell die Naturphilosophie. Vgl. das immer noch lesenswerte Uni-Taschenbuch von Theimer "Der Marxismus", welches ich noch 1979/80 als Schullektüre verwendet habe: Das Ei als Negation des Huhnes zu interpretieren, den Sprössling als Negation des Samens und dergleichen ist, von der empirischen Seite her, aber auch als unsinnige Metaphysik, ein Rückfall sogar hinter Albertus Magnus, Hildegard von Bingen und Plinius. Den Repräsentanten der deutschen Romantik, etwa Ignaz Paul Vital Troxler (1780 - 1866), der in einem Nachruf auf Hegel unter seinen fünf besten Schülern genannt wurde und wohl neben Lange der interessanteste demokratische Hegelianer ist, dieser Troxler hat mit "Elemente der Biosophie" (1806) und der bei Sauerländer erschienenen "Metaphysik, oder Naturlehre des menschlichen Erkennens" (1828) eine grandiose Kritik an der mechanistischen und materialistischen Naturphilosophie seit Descartes und Lamettrie geleistet und wie Schelling , Baader und Novalis noch mit der Natur etwas anfängen können, vgl. Schelling: "Kommet her zur Physik und erkennet das Ewige". Dass die romantische Naturphilosophie, der sich dann auch Autoren wie Nikolaus Lenau, Annette von Droste-Hülshoff, Franz Grillparzer und Jeremias Gotthelf angeschlossen haben, Fortschrittskritik wurde, zwischen 1838 und 1860 sogar Eisenbahnkritik und Maschinenkritik, sollte man nicht nur als reaktionär einschätzen, was es zwar war, sondern man sollte gemäss diesen grandiosen Denkern den "wissenschaftlichen Schatten" hinter dem technischen Fortschritt reflektieren, ohne diesen, was sinnlos wäre, schlechthin leugnen oder grundsätzlich schlechtmachen zu wollen. Dabei würde ich jedoch, @Imagine, nicht von einer "natürlichen Volksgemeinschaft" sprechen, weil es so etwas in der neueren Zeit kaum mehr gegeben hat, so wie auch Schlagworte wie "Bio-Deutsche" und dergleichen meines Erachtens dümmlich bleiben. Es bleibt aber dabei: Aus dem Erbe der Hegelschen Philosophie sollten wir neu über den Fortschritt nachdenken, über unser Verhältnis zur Natur, über alternative Formen der Gesellschaft als Gemeinschaft, wie es nun mal von den Protagonisten des Genossenschaftswesens vertreten wurde, jedoch noch auf dem Niveau des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts. Von hier aus ist Weiterdenken angesagt. Aus meiner Sicht geht es jedoch nicht um einen zum Verunglücken verurteilten "Marx von rechts", sondern viel umfassender um ein Neu-Denken und eine Neu-Rezeption von Hegel und der Hegelschen Rechten. Dabei sollte auch das Naturrechtsdenken, wie es in Deutschland von Pufendorf grundgelegt wurde, nicht nur aufgegriffen, sondern weitergedacht werden. Noch interessant scheint mir ein Buchtitel wie "Naturrecht und menschliche Würde" von Ernst Bloch, auch wenn der Inhalt da noch einiges schuldig bleibt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Sache selber weiterzudenken.

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