1. Dezember 2017

Ausbruch aus dem offenen Ring

Nils Wegner

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Die Aufregung war groß, als der indischstämmige US-Autor und Dokumentarfilmer Dinesh D'Souza Ende Juli 2017 sein neues Buch vorstellte. Nicht nur hatten gezielte Attacken auf Unterstützer Donald Trumps seit der heißen Phase des Präsidentschaftswahlkampfs die Gemüter erhitzt: Seinerzeit lag eine »Patriots Day« betitelte Veranstaltung an der notorisch linken Universität Berkeley gerade erst zwei Monate zurück – nach mehreren Stunden der Provokation und zahlreichen Angriffen durch vermummte Gegendemonstranten hatten sich die Veranstaltungsteilnehmer so plötzlich und massiv zur Wehr gesetzt, daß der Schwarze Block der Linken quer durch die Stadt gejagt worden war.

D'Souza präsentierte sich nun als Aufklärer, der den Amerikanern, die eine derartige Bürgerkriegsatmosphäre nur von Rassenunruhen her kannten, den wahren Grund für die Ausschreitungen zu enthüllen versprach. In The Big Lie. Exposing the Nazi Roots of the American Left verkündet er die »Entdeckung«, daß es sich bei der Demokratischen Partei in den USA und der Antifa, die dort in der hierzulande bekannten Form erst seit einigen Jahren öffentlichkeitswirksam aktiv ist, um die »wahren Nazis« beziehungsweise »wahren Faschisten« handele. Die Republikanische Partei unter Trump sei die letzte Chance, Amerika zu »entnazifizieren«, bevor es vollends in den Linkstotalitarismus abgleite.

Derart steile Thesen ist man von D'Souza gewohnt. Der Bestsellerautor, evangelikale Christ und Republikaner war 2014 illegaler Parteispenden überführt worden. Bereits 2007 hatte er in seinem Werk The Enemy at Home. The Cultural Left and Its Responsibility for 9 /11 Bush-Regierung und Republikaner dazu aufgefordert, dem linksliberalen Kulturbetrieb jede Unterstützung zu entziehen, da dessen weltweite Vermarktung von Dekadenz und Amoralismus der wahre Nährboden von antiamerikanischem Haß und islamischem Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten sei; die US-Linke sei geradezu ein Bündnispartner Osama bin Ladens.

Das Buch wurde von Rezensenten verrissen und unter anderem in der New York Times als »nationale Schande« bezeichnet; auch innerhalb des Conservative movement schlugen die Wellen hoch – die Netzpräsenz der Hauszeitschrift National Review veröffentlichte in Reaktion auf einen extensiven Artikel des gekränkten D'Souza, in dem er seinen konservativen Kritikern Engstirnigkeit unterstellte, eine ganze Flut an Zuschriften, in denen namhafte Autoren ihn im Gegenzug des Rufmords, elitären Denkens und des Pseudointellektualismus bezichtigten.

Auch mit seinem Film Hillary’s America. The Secret History of the Democratic Party (2016), in dem der Autor den Tenor von The Big Lie zu einem guten Teil vorwegnahm und Rassismus als Grundkonsens der Demokraten von ihrem Gründervater Andrew Jackson an bis zur Gegenwart ausmachte, zog D'Souza viel Ablehnung auf sich; er wurde für fünf Goldene Himbeeren nominiert, während der damalige Präsidentschaftskandidat Trump seine Unterstützer dazu aufrief, den Film anzusehen.

Trotz dieser frühen Nähe sorgte es für Furore, als der Autor Anfang August ein Bild von sich mit seinem Buch im Weißen Haus an der Seite des damaligen obersten Präsidentenberaters Stephen Bannon (vgl. »Das Modell Breitbart News«, Sezession 75) ins Netz stellte, den er soeben darüber instruiert haben wollte, wie sich der Faschismusvorwurf effektiv gegen die amerikanische Linke kehren lasse.

Insbesondere bei Twitter ist D'Souza ein gnadenloser Selbstvermarkter. Auf seinem Profil finden sich neben Gleichsetzungen der angeblichen »feindlichen Brüder« Faschismus und Antifaschismus mit Katholiken und Protestanten sowie Schiiten und Sunniten die »Entzauberung« der »linken Ikone« Martin Heidegger als NSDAP-Mitglied und »lebenslanger Antisemit«, Vergleiche zwischen HJ und Antifa – und immer wieder die Aufforderung an seine Leser, Funktionäre der Demokraten und linke Journalisten mit Mem-Bildern (vgl. »Meme – kognitive Biowaffen«, Sezession 77) seines Buchs zu bombardieren.

Nicht nur appelliert D'Souza damit an den Nachhall der aus einer Vielzahl von Internetforen entsprungenen digitalen Trump-Propagandakampagne, sondern bedient sich bereits seit zwei Jahren (»Mit Hillary’s America habe ich den Demokraten ihren Rassismusvorwurf aus der Hand geschlagen, und jetzt ist der Faschismusvorwurf dran!«) in todernster Weise einer eristischen Dialektik, die zu Wahlkampfzeiten in ein eigenes ironisches Mem gegossen wurde: »DR3«, kurz für »the Democrats are the real racists«. Dieses an das »Selber, selber!« zankender Kinder erinnernde »Argument« wurde bereits in den 1990ern von Rush Limbaugh geprägt, einem rechtskonservativen Radiomoderator und Reagan-Anhänger, der nach Abschaffung der Fairness Doctrine, die US-Radiosender zu politischer Ausgewogenheit verpflichtete, ab 1987 einen kometenhaften Aufstieg als medialer Rechtspopulist avant la lettre erlebte.

Diese recht simple Parole speist sich gleichermaßen aus der auch von D'Souza aufgegriffenen Unterstützung der Sklaverei durch die frühen Demokraten als auch aus der Annahme, daß die modernen Demokraten Minderheiten durch Wohlfahrtsprogramme auf einem minderwertigen Lebensstandard hielten, statt sie zur Selbsthilfe zu animieren. Entgegen der landläufigen Ansicht war sie jedoch nie an die urbane schwarze Bevölkerung als mögliche Klientel gerichtet, sondern sollte ursprünglich vor allem zur Rückversicherung der republikanischen Wählerbasis dienen.

Diese war im Zuge der nach Bürgerrechtsbewegung und erzwungener Desegregation seit den 1970ern vermehrt einsetzenden White-flight-Absetzungsbewegung der weißen Bevölkerung hinaus aus städtischen Ballungsräumen und hinein in die Vorstädte subjektiv anfälliger für den Rassismusvorwurf geworden (der mindestens in der Form des sogenannten Umweltrassismus bis heute fortbesteht, wonach Schwarze und Hispanics etwa deutlich häufiger in der Nähe von Mülldeponien leben würden als Weiße).

Man mag dieses simpel gestrickte Narrativ belächeln; es hat jedoch einen nahen Verwandten in der scheinbaren Binsenweisheit, daß heute Linke und Antifa die »neuen« oder »wahren« Faschisten seien. Dieser gedankliche Kurzschluß ist sehr bequem für jeden, der sich als Opfer von Unterdrückung durch diese politischen Gruppen sieht. Gleichzeitig bietet man dem Gegner damit eine weit offene Flanke, weil sich die unzulässigen Verkürzungen und Kategorienfehler des »Arguments« – falsche Gleichbehandlung von Gesellschaftsformen (Faschismus, Nationalsozialismus) und Staatsformen (Demokratie) sowie politischen Philosophien (Liberalismus) und internationalrechtlichen Phrasen (Menschenrechte), die jeweils unterschiedlichen semantischen und politischen Feldern angehören und einander überhaupt nicht berühren – leicht ausnutzen lassen. Das gilt im Umkehrschluß natürlich ebenso für den Faschismusvorwurf von links, der jedoch in der Regel unhinterfragt bleibt. Alle polemische Sophisterei tritt jedoch in den Hintergrund, wo eine derart eindimensionale Weltsicht wissenschaftlich unterfüttert wird.

Das beschriebene »Mein Gegner ist der (wahre) Faschist« findet sich in der Politiktheorie in Form des sogenannten Hufeisenmodells, das das traditionelle Achsenmodell von links bis rechts aufgrund seiner »zu starken Vereinfachung« zu einem nach unten geöffneten Kreis umbiegt – diese graphische Darstellung soll insbesondere verdeutlichen, daß die politischen Ränder (die »Extreme«) einander wesentlich näher stünden als der Mitte, intellektuell gern in die Blaise Pascals Pensées entlehnten Worte »Die Extreme berühren sich« gekleidet. Dieser Verbildlichung des Verhältnisses politischer Einstellungen zueinander wird naturgemäß jeder instinktiv zustimmen, der sich selbst zur bürgerlichen (liberalen) »Mitte« zählt und eine Abneigung gegenüber Gewalt hegt.

Von Linksauslegern hingegen wird sie auf zweierlei Weise attackiert: Einerseits beinhalte sie eine unzulässige Gleichsetzung gewisser handfester Methoden, ohne dabei zu beachten, daß es Linksextremisten in letzter Instanz um den Schutz und die Gleichberechtigung von Menschen gehe, während Rechtsextremisten im Gegenteil auf Unfreiheit, Diskriminierung und »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« ausseien. Andererseits sei sie eine Falschdarstellung zum Machterhalt der in Wahrheit selbst latent »faschistischen« bürgerlichen Gesellschaft – das Hufeisen wird dabei quasi um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedreht, so daß die Lücke im Ring (das gänzlich aus dem politischen Spektrum Herausfallende) die radikale Linke trifft und auf der gegenüberliegenden Seite Anlaß für die Rede vom »Extremismus der Mitte« gegeben ist.

Daß das Hufeisenmodell zum Machterhalt der »Mitte« dient, springt spätestens auf den zweiten Blick ins Auge. Um so verwunderlicher ist es, daß nur wenig Kritik daran von rechts laut geworden ist. Das mag aus der grundsätzlichen Neigung Konservativer und klassischer Rechter zum Bürgertum herrühren. Die Notwendigkeit dieser Kritik wird gleichwohl immer drängender, da die »Mitte« aufgrund fortschreitender Destabilisierung ihres ehemals als Ende der Geschichte bejubelten (Welt-)Gesellschaftsmodells zunehmend um sich schlägt.

Nie zuvor waren so viele Menschen der sozialen Stigmatisierung und behördlichen Verfolgung unterworfen, die ehemals der winzigen Minderheit der politischen Extremisten vorbehalten waren; beispielhaft dafür steht das im Verlauf dieses Jahres völlig eskalierte staatliche Vorgehen gegen »Haßrede« im Internet. Diese regressive Kehre des (Links-)Liberalismus liegt offen zutage; und doch sieht der Großteil der dagegen aufstehenden Lager – Libertäre, »Patrioten«, die in Martin Sellners Buch Identitär! als Musterbeispiel für den Mauerfall rund um das »Lager der Realitätstoleranz« angeführten »Skeptiker« – statt der Diskussion neuer politischer Wege eine bloße Restauration des klassisch-liberalen Ideals als einzige Lösung an. Warum ist das so?

Das Hufeisenmodell suggeriert einen in seiner liberalen »Mitte« angelegten gesellschaftlichen Minimalkonsens, der nicht verhandelbar sei – in der Bundesrepublik manifestiert im Begriff der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung«. Um dieses säkulare Totem herum wird alle legitime (»verfassungskonforme«) Politik zur bloßen auf Kompromiß abzielenden Verhandlungssache. Dem gegenüber stehen extreme (»verfassungsfeindliche«) Positionen, womit in Grundfragen abweichenden Weltanschauungen das Recht auf ein Interesse am Machterwerb abgesprochen wird.

Die »Mitte« führt somit eine faktische Depolarisierung des politischen Spektrums herbei: Meinungsverschiedenheiten und Wettbewerb der Ideen sind lediglich in Detailfragen zulässig, während alles Radikale (im Wortsinne »an die Wurzeln Gehende«) marginalisiert werden kann und soll. Dem somit politisch heruntergekühlten, dafür mit um so umfangreicheren administrativen Aufgaben betrauten Staat fällt dadurch eine vorrangig verwaltende und pazifizierende Aufgabe zu, die in letzter Konsequenz zur Herausbildung eines »Regimes der Manager« führen muß, wie es der vom Trotzkisten zum Neokonservativen »gewendete« US-Philosoph James Burnham bereits 1941 in seinem gleichnamigen Buch (eng. Titel: The Managerial Revolution) heraufziehen sah.

Diese institutionelle Deformation schafft weniger einen Obrigkeits- als einen Therapiestaat, in dem die politische Abweichung vom liberalen Mittelweg wie psychologische Devianz »behandelt« wird, wofür Karl Popper den Begriff Social engineering prägte, oder durch gesellschaftlichen Aus- bzw. behördlichen Wegschluß des Delinquenten aus dem öffentlichen Raum herausgehalten wird.

Diese totalitäre Imago des Liberalismus ergibt sich aus seiner immanenten Selbstbeschleunigung, weshalb Verweise auf »früher« hinfällig sind. In seiner Blütezeit Mitte des 19. Jahrhunderts konnte sich der klassische Liberalismus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf das »Fremdkapital« der Religion und für die Loyalität der Bürger auf den Kristallisationspunkt des Nationalstaats stützen; beide Fundamente sind in der Zwischenzeit wo nicht ganz, so doch größtenteils zerbröckelt. Hinzu kommt die fortschreitende Zersetzung der Staatsvölker durch den Zustrom fremder Völker; wo die zivilgesellschaftlichen Glacéhandschuhe abgelegt werden, führt das Beharren auf Individualismus und herrschaftsfreiem Diskurs nicht zum Erhalt der Freiheit, sondern dazu, daß man sie an jedwede »illiberale« Gruppe auf Beutezug verliert. Das macht den zeitgenössischen Liberalismus zu einem humanistischen Immunschwächevirus, der die Selbstverteidigungskraft jeder infizierten Gesellschaft zerstört.

Diese Maschinerie der schleichenden »Vermittung« und Entpolitisierung wollen nun einzelne dissidente Zirkel nicht umstoßen, sondern lediglich »reparieren«. Da sie die Fundamentalopposition aufgrund der in der Natur des Hufeisenschemas angelegten Exklusionsmechanismen scheuen, bleibt ihr »Widerstand« jedoch unpolitisch und mithin bedeutungslos. Die Angehörigen der bereits erwähnten Sceptic community zelebrieren vor allem bei YouTube eine popkulturell-virtuelle Spielart des systematischen Hinterfragens als »offenkundig« geltender Tatsachen im philosophischen Skeptizismus.

Dabei wird mit Hilfe von Statistiken und Hate facts (vgl. »Haßfakten. Imperativ der Ungleichheit«, Sezession 79) der eine oder andere linksliberale Strohmann abgefackelt und manch eine heilige Kuh der politischen Korrektheit geschlachtet; die »Skeptiker« halten sich jedoch tunlichst von politischen Schlußfolgerungen fern und überwachen einander rigoros auf mögliche Abstecher in »rassistische« Gefilde. Die Libertären ihrerseits, deren deutscher Ableger ohnehin nur einen fahlen Abglanz der deutlich größeren und vielfältigeren US-Szene darstellt, gehen zurück auf die frühe bürgerliche Ordnung; diese Ordnung läßt sich aber nicht wiederherstellen, und die libertäre Verteidigung des Privateigentums als Grundlage der Freiheit ignoriert den Wandel des Industriekapitalismus zum mit dem politmedialen Apparat verflochtenen Managementsystem. Die aus diesem Lager kommenden Restaurationsvorschläge tragen so den Charakter nostalgischer Träumereien und sind für eine realistische Systemkritik unbrauchbar, zumal Libertäre in ihrer Absage an alle »kollektivistischen« Modelle gemäß der oben ausgeführten Regel leichte Opfer jedes »kollektivistischen« Gegners, inklusive des regressiven Liberalismus, darstellen.

Um die ideologische Schraubzwinge der Hufeisentheorie aufzusprengen, bedarf es vielmehr der konsequenten Offenlegung der inhärenten Widersprüche und des Eskalationsverlaufs der »verfolgenden Freiheit«. Dazu kann die möglichst weite und entsprechend kommentierte Verbreitung offiziöser Stilblüten dienen; noch deutlich wirkungsvoller ist die gezielte Provokation, mit der sich eine absurde Lawine an Repressionen lostreten läßt.

Am 31. Oktober 2017 etwa startete das Internetforum 4chan ein provokatorisches Glanzstück: Im Rahmen eines »Halloween-Specials« tauchten innerhalb von 24 Stunden überall in den Vereinigten Staaten tausende simple weiße Zettel mit der harmlosen Aufschrift »It's Okay to Be White« auf, die die sozialen Netzwerke ebenso zum Überkochen brachten wie staatliche Institutionen. Von Schul- über Universitätsdirektoren bis hin zu Bürgermeistern zeigten sich gesellschaftliche Repräsentanten »erschüttert« und »besorgt« und versprachen polizeiliche Untersuchungen – es ist also dem offiziellen Narrativ nach eben nicht okay, ein weißer Amerikaner zu sein. Das wird selbst gänzlich unpolitischen Zeitgenossen zu denken geben. Was läßt sich daraus machen? »Deutsch sein fetzt«? Die unheilige Sogkraft der »Mitte« könnte sowas auf Dauer sehr wohl zerfetzen.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


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