Sezession
21. Februar 2019

Der europäische Hindernisparcours

Benedikt Kaiser / 21 Kommentare

Auf den Beitrag von Johannes Poensgen folgt nun der Beitrag von Benedikt Kaiser aus der 86. Sezession (Oktober 2018; pdf der Druckfassung).

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Als Arthur Moeller van den Bruck nach dem Massensterben im Ersten Weltkrieg über die Zukunft Deutschlands und Europas nachdachte, mündete dies im Bonmot, daß wir Germanen waren, daß wir Deutsche sind – und daß wir Europäer sein werden. 

Heute, etwa einhundert Jahre später, drängt sich die Frage auf: Sind wir Europäer geworden? Es gibt Anlaß zur Skepsis, was die Mitmenschen anbelangt, was andere politische Lager anbelangt, aber zuerst sollte man bei sich ansetzen, in der politischen Rechten.

Dominique Venner, einer ihrer zeitgenössischen Köpfe, hat Jahrzehnte nach Moeller van den Bruck an der nationalen Verengung seiner Zeit im allgemeinen und seines rechten Milieus im besonderen gelitten. Für ihn war es nicht vorstellbar, »nur« Franzose oder »nur« (keltischer) Normanne zu sein.

Er folgte darin seinem Landsmann Pierre Drieu la Rochelle, dem Vordenker der europäischen Einheit in Vielfalt. Gleich Drieu war es für Venner eine Tatsache, daß man als Mensch in Europa eine dreifache Zugehörigkeit besitze, eine triple appartenance, die Region, Nation und Europa umfasse.

Europäische Begegnungen, europäischer Austausch und europäische Gesinnung: Für Venner war diese Stufenabfolge eine Conditio sine qua nonfür eine wahrhaft Neue Rechte auf gesamteuropäischer Ebene.

Bevor an Konzepte, Programme oder gar konkrete Realisierungswege einer »europäischen Einheit« von rechts gedacht werden kann, gilt es, einen Rahmen für europäische Begegnungen aufzuspannen. Die wiederholten Fraktionsauflösungen im Europaparlament aufgrund geschichtlicher Ereignisse, die fehlende Kooperation rechtsstehender Gruppen auf inter-nationaler Ebene – insbesondere sie legen ja nahe, daß eine tatsächlich zukunftsfähige europäische Rechte nur wird gedeihen können, wenn Ideologien der gegenseitigen Ablehnung, die noch immer häufig mit den nationalen Leidenschaften einhergehen, überwunden oder zumindest gezügelt werden.

Tiefsitzende und reproduzierte nationale Chauvinismen und Mikronationalismen sind Hindernisse, die überwunden werden müssen. Mit Mikronationalismus ist ein Nationalismus gemeint, der sich auf keine klassische Nation bezieht, sondern eine Region oder einen Teil einer bisherigen Nation zur eigenständigen Nation aufgewertet sehen will.

Alain de Benoist formulierte, daß der Mikronationalismus alle Nachteile eines regulären, größeren Nationalismus in beengender Weise in sich aufnimmt, während die Vorteile einer größeren nationalen Integrationsidee keine Berücksichtigung finden.

Ein Mikronationalismus wird in diesem Sinne als imaginierte oder überbetonte Gemeinschaft (man denke an das erfundene »Padanien« der alten Lega Nord; ein Gegenbeispiel wäre der vielschichtige Fall Katalonien) der größeren, nationalen Gemeinschaft entgegengesetzt.

Er war über Jahrzehnte hinweg der Traum vieler Rechter. Das lag an der Schwäche der großen Nationen, an Kriegen, aber auch an der Idealisierung von kleineren Völkern. Man sprach vom Europa der Regionen, in dem Nationen überflüssig würden; Henning Eichbergs Umfeld war federführend.

Ein neuerlicher Regionalismus der Rechten, wie er im libertären Bereich um Hans-Hermann Hoppe und im neurechten Bereich von einzelnen Publizisten goutiert wird, verhieße für das 21. Jahrhundert eine gesamteuropäische und realpolitische Krisis, denn ein zerklüftetes und in sich noch mehr gespaltenes Europa wäre wirtschaftlich, technologisch, außenpolitisch oder militärstrategisch leichte Beute:

China erschließt mit der neuen Seidenstraße Infrastruktur und Wirtschaftsfelder bis tief nach Europa hinein, die Türkei ist einer der externen Player auf dem Balkan, Rußland mischt in Osteuropa mit, die USA binden speziell die baltischen Staaten an sich, die Golfstaaten bemühen sich um muslimische Minderheiten. Damit geraten europäische Länder und Völker in zusätzliche Interessenskonflikte, was Europa weiter schwächt und die Akteure von Außen auf Kosten der innereuropäischen Kohäsion stärken könnte.

An inneren Widersprüchen ist Europa reich, mit ihnen wird man ringen müssen. Externe Widersprüche gilt es aus dem ureigenen Interesse des Selbsterhalts vom Kontinent gemeinschaftlich fernzuhalten.

Derartige Überzeugungen sind rechts der Mitte nicht en vouge, und das liegt oft an einem Mißverständnis: Viele Rechte, in Deutschland und anderswo, fürchten bei einer europäischen Positionierung den Vorwurf der EU-Apologie. Doch das jetzige EU-Europa ist kein Europa der Regionen, Nationen und Völker, sondern das Europa des freien Warenverkehrs, der offenen Grenzen nach innen und partiell auch nach außen:

Es ist das Europa des Marktes, auf dem alles, wie Eberhard Straub formulierte, »zur Ware und damit zum Wert und jede menschliche Beziehung zu einer Geldbeziehung« reduziert wird. In seinem Buch Zur Tyrannei der Werte fährt Straub fort, daß nicht »Dasein, sondern Konsum« als »Pflicht« erscheine: »Der Aufstieg vom Menschen zum Endverbraucher war das Programm fröhlicher Markttheologen. Sie erhoben den Markt zum Erlöser, Retter und Befreier«.

Diese Markthörigkeit liegt in der DNA der Europäischen Union, wie wir sie kennen – einer Union, die deshalb abgelehnt werden sollte und nicht aus dem Grund, daß ihre Hauptdarsteller eine gemeinsame Außenpolitik oder eine kollektive Sicherheitsstruktur präferieren.

Daß sich am Integrationskonzept des Kapitals die heterogene Riege der multikulturell-linksliberalen Pressure groups beteiligt, verschärft die antieuropäische Note der Europäischen Union. Einzelne Eingriffe »Brüssels« in den Alltag sind auch angesichts dieses Befunds nicht das Kernproblem, das von der EU in ihrer Gesamtheit verkörpert wird, in der die europäischen Völker (wie auch innerhalb der Völker die einzelnen Landsleute) oft mehr als Konkurrenten und weniger als Partner verstanden werden, ungeachtet dessen, daß unentwegt von gemeinsamen »europäischen Werten« und ähnlichem fabuliert wird.

Es verhält sich anders: Die EU schürt gerade durch ihre vermeintlich »paneuropäische« Art nationale Chauvinismen und bringt Menschen gegeneinander auf, nicht zuletzt qua Wohlstandsdisputen. Es ist dies ein Muster, das auch in den USA oder China auftritt – man hat innerstaatlich mit alimentierten Regionen zu tun, was Mißgunst weckt und nur abgefedert werden kann, wenn eine verbindende Idee zumindest das Bewußtsein dafür schafft, daß Unterschiede und Ausgleichsleistungen dem Gesamtinteresse unterstehen.

Doch der EU mangelt es nun an geistiger »Erdung« an ein Gesamtinteresse europäischer Völker und ihrer Identitäten angesichts des ökonomistisch ausgerichteten Nützlichkeitsdenkens. Dabei wäre für ein neues Europa, das Einigendes über Trennendes stellt, der Topos der Solidarität, eines Gefühls der Zusammengehörigkeit in Krisensituationen, unabdingbar.

Diese soziale Solidarität erforderte die Erkenntnis dessen, daß der Hauptwiderspruch innerhalb der EU nicht zwischen den europäischen Völkern verläuft, sondern, überspitzt formuliert, zwischen den Bedürfnissen der Völker einerseits und dem Bedürfnis des transnationalen Kapitals und seiner unterschiedlichen Sachverwalter und Mittelsmänner andererseits.

Zu den Sachverwaltern und Mittelsmännern dieses – hier verkürzt »Kapital« – genannten Blocks zählen Behörden, Verwaltungsstrukturen, die »Bürokratie« also; dazu zählen tonangebende Journalisten des Mainstreams; dazu zählt wesentlich die führende politische Klasse, welche die Völker nicht schützt, keine großen Erzählungen für sie entwickelt und keinerlei Idee für den Raum Europa im 21. Jahrhundert besitzt – während die Mehrheit der europäischen Bevölkerungen, explizit der jüngeren Jahrgänge, im materialistischen Rausch allgegenwärtiger Konsummöglichkeiten gefangen sind und die westeuropäische »Postpolitik« (Chantal Mouffe) gerade deshalb so wenig widerständige Hürden bewältigen muß.

Diese postpolitisch-konsumistische Entwicklung ist besonders für nichtmaterialistische Akteure Ärgernis und Hindernis zugleich, wobei man nun im Kleinen versuchen kann, sich dem konsumistischen Modell zu entziehen und andere in diesem Sinne zu beeinflussen.

Durch individuelle Entscheidungen wird Formuliertes authentischer, wobei auch dann noch die Crux bestehen bleibt, daß man durch individuelles Verhalten keine grundlegenden Strukturen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft ändern können wird: Als kleine Minderheit der gegenteiligen Lebensführung im Zeitalter der Warenästhetik und -verfügbarkeit bliebe man ohne attraktive Massenwirkung.

Materialismus und »Besitzindividualismus« (Mouffe) prägen also die europäische Lebenswirklichkeit, während immerhin deutlich wird, daß monetäres Wohlergehen oder auch die bloße Aussicht auf Konsummöglichkeiten nicht länger verschleiern können, daß dies für eine europäische Einheit spätestens dann nicht (mehr) ausreicht, wenn andere Faktoren – nichteuropäische Massenzuwanderung, externe Player – daran erinnern, daß es an einem effektiven und nachhaltigen Schutzschirm für die Völker nach innen wie außen mangelt.

Es ist nur folgerichtig, daß Günter Maschke der EU jedwede Großraumrolle abgesprochen hat. Europa, so der intellektuelle Solitär, sei »ein System geworden, das Gehorsam fordert, ohne Schutz zu bieten«. Der in der EU gegenwärtig ausgefochtene Klassenkampf von oben wird innerhalb dieses von Maschke angesprochenen Systems von den herrschenden Eliten gegen die Bevölkerungsmehrheiten geführt.

Was man indessen – nach Klärung der Feindbestimmungen – braucht, ist eine positive Vision eines einigen Europas jenseits kategorisch materialistischer Denkweisen, und das heißt: die Vision eines dreitausendjährigen Kulturkreises, der von einem Reichtum an kulturellen, nationalen und religiösen Werten, an Regionen, Kulturen und Völkern geprägt ist, die sich wechselseitig befruchtet und beeinflußt haben.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner forderte bereits vor 40 Jahren für die konservative Hemisphäre ein, sie solle fürderhin aus dem »unverbrauchten Reichtum an Intelligenz, Energie und Schöpfertum, den wir ›Europa‹ nennen dürfen«, Kraft schöpfen.

Ebendiese unaufhebbare Verschränkung der europäischen Lebensrealitäten ist es, die – um jenseits der Metapolitik auch die realpolitische Praxis nicht zu vernachlässigen – Andreas Mölzer meinte, als er von der kulturellen, politischen und geographischen Nähe der Regionen und Nationen zueinander sprach; ebendiese typisch europäische Sonderlage schaffe »das Bewußtsein gemeinsamer Wurzeln« und gebe »Hoffnung für eine gemeinsame europäische Zukunft«.

Freilich stellt sich daran anschließend die naheliegende Frage: Wie soll sie aussehen? Allein, Patentrezepte sind nicht die Sache an der Wirklichkeit orientierter politischer Akteure. Fest steht gleichwohl, daß die Überlegungen auf diesem zu beschreitenden Weg unter Drieu la Rochelles Maxime »Revolutionieren und Anknüpfen« stehen müßten. Gesucht wird die konservative Revolution europäischer Dimension.

Sie wird sich nicht nur gegen restaurative und zukunftshinderliche Bestrebungen der »alten« Rechten zu richten haben, sondern auch gegen massenmedial präsente linksliberale »Paneuropäer« wie Ulrike Guérot und ihr urbanes Fußvolk. Dieser Typus Europäer kennt nur den aufgeklärten, mündigen Weltbürger, der mithin zufällig auf dem Territorium der europäischen Staaten lebt. Wenn Rechte sie deshalb kritisieren, ist das folgerichtig.

Das Problem dabei ist, daß dies meist mit dem Verweis auf Argumente aus dem 20. Jahrhundert geschieht, mit Bezugnahmen auf alte Problemstellungen, die nicht immer diejenigen von heute sind. Dabei kann man auch von einem rechten (pan)europäischen Standpunkt Guérot kritisieren: Denn die fehlende Rückgebundenheit an Region, Nation, Europa ist die Ursache aller weiteren Fehlschlüsse; die Rechte hat – theoretisch – freie Bahn. In der Praxis sieht es anders aus.

Denn die nationalen Leidenschaften, die, wie der neurechte Publizist Wolfgang Strauss einige Jahre vorher in mehreren Büchern prognostizierte, etwa in Ostmitteleuropa und Südosteuropa den real existierenden Bürokraten-Sozialismus in den Orkus der Geschichte zu verdrängen halfen, bedürften für eine europäische Einigung der Zügelung.

Europa ist nicht nur ein Schutzschirm nach außen vor externen Akteuren und Interessensgruppen, sondern auch ein Schutzschirm nach innen vor dem Comeback innereuropäischer Revanchegelüste, gerade in der Mitte, im Südosten und im Osten des Kontinents.

Die erste »Venner-Ebene« – europäische Begegnungen – funktioniert denn auch nur, solange man apodiktische nationale Fragen ausklammert. Denn würde man ausdiskutieren, daß – beispielshalber – für relevante Teile der serbischen Rechten Kroaten »katholische Serben« sind, wäre jeder weiterführende Verständigungsschritt unmöglich (was ebenso im umgekehrten Falle gilt, als versucht wurde, eine kroatisch-orthodoxe Kirche zu konstituieren, um die vom Kroatentum »abgefallenen« Serben zu »reintegrieren«).

Würde man, jetzt im größeren Maßstab gedacht, die These, daß das Christentum (pan)europäische Identität stiftet, dahingehend zuspitzen, welche Konfession nun der Heilsbringer sein solle, wäre ebenso jeder weiterführende Verständigungsschritt unmöglich.

Eine abschließende und für alle Seiten akzeptable Geschichtsschreibung zu formulieren, ist schlicht unmöglich. Auf europäischer Ebene wäre vielmehr zu konstatieren und für die politische Praxis zu bedenken, daß jedes Volk eine individuelle schicksalhafte Vergangenheit mit eigenen Markern, Eckpunkten, Identitäten und Traumata hat, daß man aber zugleich die heutigen Lösungen und Ansätze nicht im trennenden Gestern suchen darf, sondern erkennen muß, daß gegenseitiges Abwerten stets in einen Abwärtsstrudel führt.

Der wirkungsmächtige nationale Mythos, der in mancher Hinsicht (wieder) entfesselt ist, konnte den Kommunismus überwinden helfen und die Völker mit Selbsterhaltungswillen und Durchsetzungskraft ausstatten, aber er hat 2018 keine Antworten auf die neuen Krisen von heute oder von morgen.

Die nationale Enge führte eben auch zu kleinteiligen, nachholbedürftigen Ökonomien, die sich in Abhängigkeit vom Westen befinden und seit kurzem auch von nichteuropäischen Konkurrenten umgarnt werden; sie führte auch zur Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung der Jugend; sie führte auch zu weiterer sozialer und nationaler Spaltung, und zwar in stetiger Lauerstellung auf neu-alte Konflikte als externalisierender Ausweg für oftmals interne Problemstellungen.

Es ist in diesem Sinne die ewige Wiederkehr des Gleichen, die uns Europäer trennt: Alte wie frische Narben sorgen für Auseinandersetzungen und erschweren den europäisch-entschlossenen Neuanfang. Historische Verbrechen, Zerwürfnisse, Ungerechtigkeiten – Europa ist reich an ihnen.

Nicht immer ist es für aufgewühlte patriotische Empfindungen rational einleuchtend, daß die europäischen Völker nie davon profitiert haben können, wenn sie ihre vermeintlichen und tatsächlichen Widersprüche auskämpften. Sieger, das waren nie die Völker. Sie waren immer die Verlierer – mit dem Ergebnis, daß wir heute beispielsweise die EU vorfinden, wie wir sie kennen.

Ein genuin rechtes Hindernis im Parcours zur europäischen Einheit ist dabei also die explizite Traditionsorientierung der eigenen politischen Denkweise. Die Rechte sollte daher ernst nehmen, was Karl Marx in seinem Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte schrieb, wonach die Menschen zwar ihre eigene Geschichte schreiben, aber »nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen«.

In Zeiten »revolutionärer Krise«, so fährt Marx fort, »beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit«. So werden den heute Lebenden die Traditionen aller toten Geschlechter oktroyiert. Doch Traditionen sind nicht per se zu goutieren, nur weil sie eben Traditionen sind – man wäre dann nicht konservativ, sondern reaktionär im schlechten Sinne. Denn es gibt Zeitpunkte, in denen man als Konservativer nicht nur bewahrend denken muß, sondern aufbrechend, d. h. revolutionär.

Speziell in bezug auf eine ungesunde Vergangenheitsfixierung und innereuropäische Spaltungsmechanismen verhält es sich so. Denn daß es die Idee Europa schon in statu nascendi unmöglich macht, wenn vergangene Konflikte reproduziert werden, um heute – etwa in kurzsichtigen Wahlkämpfen verschiedenster rechter Parteien, die Stimmung gegen ein Nachbarland machen – auf Wählerstimmenjagd zu gehen, ist evident.

Das Gegenargument, wonach das Volk solche einfachen Bilder benötige, weil Europa nur eine abstrakte Leerstelle sei, kann man verschieden entkräften: auch demoskopisch: Denn der diffuse Wille im Volk zur europäischen Zukunft ist durchaus zu konstatieren.

Alle aussagekräftigen Umfragen, ob von Bertelsmann oder von weniger weltanschaulich festgelegten Instituten, belegen, daß tatsächlich mindestens 50, teilweise 60 bis 70 Prozent der Deutschen »für Europa« plädieren, und zwar für Europa als Gemeinschaft.

Gewiß muß die Frage gestellt werden: Was meint Europa als Gemeinschaft? Was bedeutet es, sie zu befürworten? Jenseits des Nebulösen kann man konkret fragen: Was kann die politische Rechte diesen Menschen anbieten? Welche große Erzählung haben wir als substantielle Alternative für Europa?

Daß es noch keine grundlegende Erzählung von rechts gibt, ist der schwierigen geschichtlichen Lage geschuldet, den Beständen, wie sie nun einmal sind, den jeweiligen (Leidens-)Erfahrungen der Menschen. Das Fehlen der europäischen Erzählung liegt infolgedessen nicht nur am latenten oder manifesten Chauvinismus, aber doch erheblich.

Mit dem schweren Gepäck von Nachbarschaftskriegen und Stereotypen beladen, das es erschwert, den Blick auf äußere Gegner und zeitgenössische Herausforderungen zu lenken, erreicht man als Fundamentalalternative zum Establishment und seinen Ausläufern weder die akademische Erasmus-Plus-Jugend noch die quantitativ viel stärkere Jugend von Athen bis Lissabon, von Warschau bis Madrid, die die EU mit Jugendarbeitslosigkeit und der uneingeschränkten Macht der sogenannten Markt­erfordernisse verbindet.

Es ist dies eine europäische Jugend im Krisenmodus, die vielerlei Interessen und Hoffnungen hat, aber die es nicht verdient, daß die Rechte europäischer Länder von der Entweder-Oder-Frage ausgeht, als ob es nur die Wahl gäbe zwischen einer europäischen Superbürokratie und dem Rollback zum alten Nationalstaat. Keine der beiden angeblichen Optionen ist besser, beide sind schlimmer.

Eine neue Form der Einheit müßte in Bälde gefunden werden, in der die Nationalstaaten eine ähnliche Rolle spielten wie die Länder der Bundesrepublik. Ein Bayer bleibt auch in Deutschland Bayer, ein Schotte hört nicht auf, Schotte zu sein, weil es Großbritannien gibt.

Es stellt sich die Frage, wieso es sich bei einem einigen Europa anders verhalten sollte, das sich über Zusammenschlüsse subsidiär von unten nach oben aufbaut, von einer Region über die Nation bis hinauf zu Europa. Man gibt Identität und Herkunft nicht preis, nur weil der staatliche Rahmen aufgrund der Anforderungen größer, sicherer und stärker aufgespannt wird.

Denn heute bieten die klassischen, auf sich bezogenen Nationalstaaten, diese Geschöpfe des 19. Jahrhunderts, weder Schutz vor den Failed states an den Grenzen Europas, noch Sicherheit vor den Verwerfungen des Weltmarktes, noch kann ein einzelner Nationalstaat in Europa die Digitalisierung beherrschen oder weitreichende infrastrukturelle, politische oder wirtschaftliche Gegenmodelle zu China oder den USA aufbauen.

Anders postuliert: Der Nationalstaat allein schützt die Völker Europas nicht mehr, weil zunehmend neue Kapitel aufgeschlagen werden, die seine Handlungsoptionen überschreiten.

Gesucht werden muß nun jene – dezidiert europäische – Form der Einheit, in welcher die unterschiedlichen Stärken jeder einzelnen Region und Nation gebündelt und die Schwächen abgefedert werden.

Wenn man sich aus nationalistischer Enge oder Selbstüberhöhung heraus für stark genug hält, alleine zu bestehen, erliegt man einer »Wahnvorstellung«, wie Drieu la Rochelle bereits in den 1930er Jahren voraussah – und zwar realisierte er das in einer Epoche, in der die rasanten Entwicklungen rund um Digitalisierung, Industrie 4.0 und Hyperglobalisierung noch gar nicht denkbar, geschweige denn so wirkungsvoll und folgenreich wie heute erscheinen konnten.

Die Antwort auf das Scheitern der EU kann daher nicht die Rückkehr zum Nationalstaatsdenken sein, jedenfalls nicht in Westeuropa, wo neue Wege beschritten werden müssen, deren exakte Routen entlang des Leitmotivs »Unser Europa ist nicht ihre EU« zu entwickeln sein werden.

Denn unser Europa ist ein Europa, das mehr ist als nur Vertragswerk, mehr als offene Grenzen, offene Märkte, offene Gesellschaften; ein Europa, das Regionen, Nationen und Völker nicht gegeneinander ausspielt, sondern an ein gemeinsames Bewußtsein appelliert, weil wir im selben Boot sitzen und ein solidarisches und soziales, selbstbewußtes und souveränes Europa brauchen.

Auch wenn man nun dem Historiker Rolf Peter Sieferle folgt, der davon ausging, daß für die kommenden Generationen der Sozialstaat nur als vereinigtes Europa und das vereinigte Europa nur als Sozialstaat eine Zukunft hat, wird man doch der Kritik der Europaskeptiker beipflichten müssen, daß es derzeit nicht ausreichend bewußte Europäer gibt.

Eine angemessene Zahl von ihnen ist aber Voraussetzung für alles weitere, und diese Europäer zu finden und zu formen, ist eine von vielen Aufgaben der sich als »Jungeuropäer« innerhalb der Rechten verstehenden Personenkreise.

»Daß es Deutsche gibt«, so schrieb Hendrik de Man vor 90 Jahren, »ist nicht die Folge des Bestehens eines Deutschen Reichs, sondern dessen Ursache. Ein unabhängiges Amerika, ein geeintes Italien, ein selbständiges Polen konnten erst bestehen, nachdem genug Amerikaner, Italiener und Polen da waren, die dies wollten. Ein neues Europa setzt daher neue Europäer voraus.« Neue Europäer, deren konkrete politische Utopie es sein muß, die EU sukzessive zu überwinden oder aber von innen heraus umzugestalten.

Die Idee »neuer Europäer«, deren Bewußtsein die nationale Leidenschaften mit einbezieht und als starken Motor der Geschichte begreift, ohne aber die gesamteuropäische Notwendigkeit zu negieren, ist idealistisch gedacht, und die Genese dieser »Elite« wäre äußerst langwierig und benötigte überdies – jenseits des Vernunfteuropäertums aus Sachzwängen – den Mythos des Gemeinsamen. Dieser Mythos könnte beispielsweise durch gemeinsame Kämpfe gegen ein »Außen« oder die Bewußtseinsentwicklung durch manifeste Krisenerlebnisse entstehen.

Das derzeitige Fehlen eines solchen ist indes kein spezielles Argument gegen das vereinte Europa von rechts: Auch die Befürworter eines Rollbacks zum alten, mittlerweile erheblich durch die normative Kraft des Faktischen relativierten Nationalstaates des 19. / 20. Jahrhunderts können ja nicht erklären, wie sich diese Rückentwicklung gegen alle (sozialen, politischen, technologischen, wirtschaftlichen usw.) Realitäten vollziehen sollte, noch dazu ohne nationalbewußte Elite, die man in der Hinterhand wüßte als Gegenpol zur herrschenden Klasse.

Die Rückkehr zu einem Status, der vergangen ist, ist ebenso utopisch wie das Anstreben eines Fernzieles, das noch nicht realisierbar erscheint. Pikanterweise könnten rechte Paneuropäer dabei auf den Faktor Emmanuel Macron hoffen: Womöglich werden der französische Präsident und vergleichbare Politiker auf ihrem (falschen) Weg zur europäischen Integration Hürden abräumen, die ihren Gegenspielern von rechts wiederum ihre eigene Vision leichter realisierbar machen ließe.

Der neue Status quo gälte, folgt man diesem Gedankenexperiment, als Ausgangspunkt für ein neues Europa, das gewisse Klippen, die jetzt von Macron und Co. sukzessive abgetragen werden, gar nicht mehr vorfinden wird.

Vielleicht stagniert Macrons Europaplan aber auch und wir müssen mit dem Ist-Zustand zurecht kommen, der seine Krisen und Defizite über die Jahre hinweg verschleppen kann. Doch auch in diesem Falle würde die EU keine Ewigkeitsklausel kennen; ihr Bestand in zehn oder zwanzig Jahren wäre auch dann noch in Zweifel zu ziehen.

Entweder erfolgt ein eventuell folgender Rückbau der EUaufgrund einer Schritt-für-Schritt-Reduktion durch Austritte, Beispiel Brexit, oder durch eine bewußte Abschaffung durch ihre Kernmitglieder.

Eine bewußte Abschaffung indes würde in diesem Kontext bedeuten, daß eine politische Welt, deren Stabilität gebetsmühlenartig gepredigt wird, aus den Angeln gehoben würde. Derjenige aber, der eine bestehende Welt aus den Angeln heben will, bedarf, so Ernst Jünger in seinem Essay An der Zeitmauer, eines festen Fixpunktes, eines Denkstiles.

Daß dieser Denkstil frei von Elementen einer überspannten nationalistischen Restauration sein wird, ist nur eine der drängenden Herausforderungen, die vor der Formulierung konkreter Ideen zum sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Aufbau Europas zu bewältigen sind.

Das ist, so gilt es zu betonen, gänzlich unabhängig davon, wie weit man die europäische Vergemeinschaftung treiben möchte. Ob man daher an ein umfassendes oder eingeschränktes Revival des Nationalstaats glaubt oder das vereinigte »Jungeuropa« als Gegenmodell zum »Europa der Vaterländer«, der »Republik Europa« oder auch des EU-Europas erträumt:

Identitätsbewußte Rechte sollten erkennen, daß die symbolischen Ressourcen nicht mehr länger ausschließlich aus nationalen Traditionen und Geschichtsbezügen, negativen zumal, geschöpft werden müssen, sondern daß es Zeit ist, sich dem »europäischen Morgen« (Drieu la Rochelle) zuzuwenden.

Der Hindernisparcours ist kräftezehrend, aber zu bewältigen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (21)

Franz Bettinger
22. Februar 2019 09:29

@ B. Kaiser schreibt: "Die fehlende Rückgebundenheit an Region, Nation und Europa ist die Ursache aller weiteren Fehlschlüsse. Die Rechte hat - theoretisch - freie Bahn."

Vielleicht passt die Anregung nicht in diesen Kommentar-Strang, aber ich möchte sie gern loswerden: Ich halte es für eminent wichtig, dass auf SiN in Form von Beiträgen und Kommentaren dargelegt und vielleicht sogar definiert wird, was Rechts und Links sein soll. Vielleicht ist dies ja früher bereits geschehen; ich bin erst 2-3 Jahre dabei und kenne die alten Artikel nicht. So wird es vielen neuen SiN- Lesern gehen. Vielleicht erbarmt sich mal einer. (Natürlich weiß ich für mich selbst, warum ich mich Rechts nenne; ich wüsste aber gerne, wie andere darüber denken.)

Benedikt Kaiser
22. Februar 2019 09:40

@Bettinger: Hier werden Sie fündig. Passender Einstieg jedenfalls. Für mich ist die entscheidende Trennlinie nach "links" im übrigen unser skeptisches Menschenbild als Ausgangsbasis aller weiterführender Ableitungen und Fragen.

Nachtrag: Wer sich Warum rechts? von Norbert Borrmann nicht einfach so aufschwatzen lassen will, lese bitte zunächst Kleine-Hartlages Besprechung im Blog hier, die nach wie vor ihre Gültigkeit besitzt.

Niekisch
22. Februar 2019 10:59

"Sind wir Europäer geworden?"

Nein, Herr Kaiser, schon immer waren wir als Deutsche auch Europäer, wobei wir unser Europäertum früher vielleicht anders gesehen, erlebt, betont und verteidigt haben. Unser Europäertum leuchtete 1813 mit "Gold gab ich für Eisen" gegen das Scheusal Napoleon auf, beim "Weihnachtsfrieden" in den Schützengraben des Ersten Weltkrieges 1916, beim Handschlag Stresemanns mit Briand, bei den Freundschaftstreffen zwischen deutschen Jugendlichen und Kriegsveteranen zu Anfang der 30iger Jahre mit Frankreich und England, auch in den Köpfen und Herzen der Ostfrontkämpfer aus 26 Nationen, zu Kriegsende selbst beim Weltungeheuer Hitler mit seiner "Festung Europa" und europäischen Großraumideen nicht nur wirtschaftlicher Natur. Auch nach dem Kriege war die Europaidee nicht nur in den Köpfen. Wir lernten Europa durch Reisen kennen, nahmen Gaststudenten auf, lernten Sprachen.
Wenn sich jemand uneuropäisch verhielt, dann waren und sind es diejenigen, die aus unserem kleinen Erdteil einen Riesenbasar machen, in dem von den Shisha bis zum kompletten Menschen alles käuflich ist.

Ja, wir sind Europäer und jetzt vor die Aufgabe gestellt zu ergründen, was genau unser großes Ziel für Europa ist, nachdem wir erfragt haben, was unser großes Ziel für Deutschland ist und wir dieses verwirklicht haben.

Niekisch
22. Februar 2019 11:56

"unser skeptisches Menschenbild als Ausgangsbasis"

@ Benedikt Kaiser 22.2. 10:59: hatten nicht schon die "Konservativen Revolutionäre" der 20iger Jahre ein solches? Und gaben manche nicht dennoch diese Trennlinie nach links auf? Hatten nicht auch schon die ersten Sozialisten zu Beginn der Industrialisierung ein solches Menschenbild in Auseinandersetzung mit dem Verhalten und den Mechanismen des Verwertens der menschlichen Arbeitskraft, z.B. durch Kinderarbeit? Das skeptische Menschenbild der Linken wurde doch erst später durch überzogene Idealisierungen der eigenen Klientel aufgegeben.

Gibt es überhaupt eine wirkliche Trennlinie zwischen "rechtem" und "linkem" Denken und Verhalten? Ist das nicht eine Schimäre zum Zwecke des "divide et impera"? Geistige und verhaltensmäßige Unabhängigkeit bedarf keines "Rechts" und keines "Links". Nehmen Sie meinen Namensvetter Ernst Niekisch: immer skeptisch vom Arbeiter- und Soldatenrat bis zum unbeugsamsten Denker und Kämpfer gegen jeden Trennlinienfetischisten.

Franz Bettinger
22. Februar 2019 12:02

@NemoObligatur schrieb in einem früheren Strang: "Man wird den Gedanken nicht los, dass die Europäische Idee in die falschen Hände (oder Köpfe) geraten ist." Ganz meine Meinung! Dazu eine Anekdote: Als der Euro im Frühling 2002 eingeführt wurde, befand ich mich auf der Rückreise von Griechenland, in Süditalien und hatte gerade eine wunderbare Pizza gegessen. Meine Frau und ein Paddel-Kamerad waren dabei; sie können bezeugen: Ich fiel dem Kellner um den Hals und küsste ihn (auf die Wange). Ich erklärte, und alle im Lokal hörten es, wie sehr ich mich freue, dass Italien und Deutschland und so viele andere Staaten nun zusammenwachsen, und dass ich mich schon wie ein Italiener fühle. Vielleicht hatte ich ja ein Glas Wein zu viel intus; jedenfalls küsste mich der Ober zurück, sagte in etwa das gleiche, und das ganze Lokal klatschte Beifall. Es war schön. Begriffe wie Nation und Volk waren von gestern. Ich war Europäer, wenn mich einer nach meiner Herkunft fragte. "Europäer, aha!" sagte mein Freund, ein Kiwi, und lächelte, als ob ich ein behindertes Kind oder ein durch-geknallter Hippie wäre, von denen sein Neuseeland voll ist. Lass ihn lächeln, dachte ich glücklich und lächelte meinerseits über ihre Zäune und Grundstücks-Grenzen und das englische Trespassing-Getue. Ich hielt mich in NZ nicht an Grenzen. Ich wurde ein berüchtigter Tresspasser. Ja, ich mochte nicht mal sichtbare Grenzen zu meinen Nachbarn, und so haben wir bis heute keinen Zaun zwischen uns. Das fühlt sich gut an, groß und frei. Die gute Stimmung über den Euro, die nicht vorhandenen Grenzen und 'Europa' hielt sich eine gute Weile. Ich glaube, so etwa bis zu dem Moment, wo Gerhard Schröder 2005 den ersten Fehler machte und 'aus besonderem Anlass' - es geschieht ja immer alles aus einem besonderen Anlass - die 3%-Grenze der Neuverschuldung überschritt, dafür ein Placet der EU brauchte und es auch bekam. Da hatte ich ein ungutes Gefühl. Es betrog mich nicht. Seitdem verging kein Jahr, in dem nicht ein EU-Land die Latte riss, und bald rissen alle die Latte, ja, die Latte wurde gar nicht mehr aufgelegt. Es war vorbei mit Maastricht. Nun hatten wir eine EU ohne verbindliches Gesetz. Eine EU, die machte, was sie wollte. Eine Willkür-EU! Das war der Zeitpunkt, wo die Liebe zu Europa in mir starb. Und es wurde immer schlimmer. Die Dreistigkeiten der sich selbst fütternden Bonzen in Brüssel nahmen kein Ende. Meine Ablehnung wuchs. Tut mir leid, dass es so gekommen ist. Das Schengen-Abkommen ist heute ein Schön-Wetter-Recht, und es erinnert stark an das zweite Krisen-Projekt der EU, den Euro. Hier wie da schleifte man die Regeln, als das Wetter schlecht wurde. Gerade bei miesem Wetter aber sind Regeln Gold wert. Die Erosion des Rechtsstaates hat mit Schröder begonnen; aber erst Merkel hat die Kunst vervollkommnet; erst durch den Bruch der No-Bail-Out Klausel, dann durch den Bruch aller 3 Dublin-Abkommen. Sie tat es ohne jede Debatte im Parlament. - Fazit: Wir wählen alle 4 Jahre eine Diktatur. Europa ist für mich (vorerst) gestorben. Jetzt gilt, vor der eigenen Tür zu kehren, den eigenen Saustall in Ordnung zu bekommen. Wahrscheinlich gelingt nicht mal das.

Laurenz
22. Februar 2019 12:10

Schön geschrieben, gut analysiert, aber wo ist bitte der Lösungsansatz?

Das rechtsradikale & antisemitische Video (auf YouTube) "This is Europa" stellt auf Kultur, Landschaft und Rasse ab. Die Kraft, die es unter Zuhilfenahme 2er banaler musikalischer Harmonien ausstrahlt, wirkt auch auf Linke. Solche Kraft des Ausdrucks sucht man sonst, trotz vieler Propaganda-Milliarden, vergebens. Natürlich sieht man keine Bilder Italiens südlich der Abruzzen, welches schon vor langer Zeit (nach der normannischen Phase) von den Sarazenen orientalisiert wurde. Und natürlich stellt solch ein Video fürstliche Prachtbauten nicht in Frage, welche lange Zeit Armut für eine Bevölkerung bedeutete, eindrücklich an der Stadt Limburg und ihrem Dom bis in die Gegenwart ersichtlich. Auch mir gefällt die (etwas kitschige) Architektur des 2. Reichs & seiner Nachbarn am besten. Was wir heute in Europa (bis auf wenige Ausnahmen, siehe hier https://de.wikipedia.org/wiki/Sagrada_Fam%C3%ADlia) bauen, erscheint mir vergleichsweise als primitiv, kulturell rückständig. 

Was van den Bruck äußerte, sah Hitler genauso, zumindest Rauschning konstatierte:"Der Begriff der Nationen sei hohl geworden". Das ist in jeglicher Analyse, die Herr Kaiser hier anführt, falsch verortet. Marx schreibt zwar folgerichtig, ignoriert aber die die tatsächliche Historie. Schon die Römer schauten belustigt zu, wenn sich auf der anderen Rheinseite, an des großen Flusses Gestaden, Germanenstämme gegenseitig abschlachteten. Bis heute gab es nur wenige (Reichs-) Ideen, die in den föderalen Germanen das Feuer einer nationalen Einheit entfachen konnten. Selbst, als der alte Adel 1918 zu Recht abgelöst wurde, nahm stattdessen der neue - dieselben föderalen Positionen ein, die vom Foristen Niekisch kritisiert wurden. Aber wir sollten unseren Volkscharakter als gegeben annehmen und das Feuer kontinentaler Einheit zu suchen, scheint mir sinnentleert, eher gefährlich. Diese föderale Charakter-Eigenschaft führte schon immer dazu, daß für den gemeinen Germanen die "Europäische Lösung" plausibel erschien. Denn was für Germanien möglich ist, sollte auch für Europa gültig sein ... ein gewaltiger Trugschluß, der über 1.000 Jahre andauerte und wie Herr Kaiser korrekt bemerkte, bis heute anhält. Das ist eine krankhafte Ignoranz gegenüber europäischer Geschichte, vielleicht auch deswegen, weil sich Geschichte zu sehr auf 12 Jahre im 20. Jahrhundert konzentriert oder die Hecke des Nachbarn doch bedrohlicher wirkt, als ein ferner italienischer Diktator zu Frankfurt am Main, der dem Michel abstrakt den Geldbeutel erleichtert.

Die Kaiser des 1. Reichs, ob nun mittelalterliche Reise-Kaiser oder die Habsburger waren grundsätzlich damit beschäftigt, die Kräfte im Reich und darüber hinaus zu balancieren. Währenddessen köchelte Rest-Europa schon immer sein eigenes globalisiertes Süppchen in Übersee. Skandinavien, Rußland bedingt (hat trotz Peter des Großen meist mit sich selbst und dem Zugang zum Meer zu tun), Britannien, die Niederlande, Frankreich, die iberische Halbinsel, Venedig bis Bonaparte, alle verfolgten vordergründig ihr egoistisches globales Interesse, daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Die meisten Deutschen Kaiser, auch die des 2. Reichs, waren wohl mehr Europäer als Germanen, letztendlich ein schwerer Fehler, der heute noch auf uns zurückschlägt. Auch die Versuche Wilhelms II und zumindest ideologisch durch Hitler, es anderen europäischen Staaten gleich zu tun, schlugen katastrophal fehl. Wir Deutschen bezahlten das mit vielen Mio. Toten, vor allem durch die spanische Nachkriegsgrippe. Und heute probieren wir das mit der Butterkeks-Prinzessin Flinten-Uschi wieder, verrückt. Das 2. Reich, im Gegensatz zum 1. Reich, war in seiner, vor allem ökonomischen Machtentfaltung für Europa nicht mehr akzeptabel. das hat sich bis heute nicht geändert und wird mit einer Transfer-Union durch finanzielle Drogen beruhigt, was wohl durch immer knappere Kassen ein unrühmliches Ende finden wird. Die Kuh gibt, trotz 2maliger Schlachtung, zwar immer noch Milch, aber wie lange noch? Spanien wünscht z.B. eine gemeinsame Arbeitslosen-Versicherung, da Spanien über ein Jahr hinaus keine hat. Aber Spanien wünscht keine Fusion mit der katastrophalen deutschen Rentenversicherung. Das ist symptomatisch für ganz Europa. Da helfen auch keine Re-Integrations-Maßnahmen für sogenannte katholische Serben. Die Beteuerungen des friedlichen Europa für den gemeinen gläubigen Europäer bleiben eine Pharce und man sollte endgültig davon Abstand nehmen. Europa führt Kolonial-Kriege, wie ehedem. Ganz abgesehen davon, funktionierte Handel trotz hoher Zölle immer. https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinzoll ..... Trump Zölle vorzuwerfen, ist lächerlich. Weder kann der Michel tschechischen Strom kaufen (nationaler Protektionismus), noch sich gegen den Gas-Zoll-Obolus Polens und der Ukraine wehren (Internationaler Protektionismus). Vielmehr muß sich zB der fränkische Europäer mit dem Bierkrug-Totalitarismus der EU auseinandersetzen https://youtu.be/mxL7yeXC19M , was weiter zur Beseitigung der EU beitragen wird. Wer soll denn darauf Bock haben?

Die Lösung scheint mir viel eher in der Rückbesinnung auf Bismarck zu liegen, der wußte, wann Er einen lokalen Krieg ohne Fremdeinwirkung führen konnte, und sonst diplomatisch für einen Ausgleich der Kräfte sorgte. Im Falle des Genozids in Belgisch-Kongo hielt Er Sich zurück, weil Er wußte, Er konnte da nichts gewinnen, den anderen Mächten war es egal. Es wäre Bismarck nicht passiert, die US Amerikaner im spanisch-amerikanischen Krieg, 1898, zu verärgern, Wilhelm II schon. Jetzt haben wir die Möglichkeit, eine Zeitenwende mit Osteuropa durchzuziehen und uns vom perfiden Westen politisch, nicht ökonomisch, abzuwenden und den tausendjährigen Fehler abzulegen, die Welt nicht am deutschen Wesen genesen zu lassen, und sonst so zu sein, wie wir sind. Unsere Zukunft liegt im Osten.

Niekisch
22. Februar 2019 12:53

"zumindest Rauschning konstatierte:"

@ Laurenz 22.2. 12:10: Hermann Rauschning ist inzwischen als Erzlügner entlarvt. Er will fast alles über Hitler wissen, obwohl er ihn nur wenige Male getroffen hat.

"nahm stattdessen der neue - dieselben föderalen Positionen ein, die vom Foristen Niekisch kritisiert wurden."

Der heutige Föderalismus ist doch nicht mit früheren Formen vergleichbar. Er wurde uns durch die Alliierten nach 1945 aufgezwungen und ist nicht ohne Grund im Grundgestz für unabänderlich erklärt worden. Vergleichen Sie doch bitte nicht ständig Äpfel mit Birnen. Und vor allem: geben Sie sich bitte Mühe, andere Foristen richtig zu zitieren, vor allem vom Sinn her. Es wäre schade, wenn ich die Lust verlöre, Ihre teils hochinteressanten Beiträge zu lesen.

In der Tat: "Unsere Zukunft liegt im Osten".....aber nicht geographisch, sondern in guter Zusammemnarbeit mit dem Osten, sogar mit dem Fernen Osten. Der Visionär Ernst Niekisch wird zumindest insofern Recht behalten.

Wahrheitssucher
22. Februar 2019 14:31

@ Laurenz et al.

„Unsere Zukunft liegt im Osten.“

Liegt sie nicht schon deshalb eben dort, weil eben das nicht sein soll und darf?

„George Friedman: USA gegen deutsch-russisch Kooperation:

Nach Stratfor-Chef George Friedman ist es Strategie der US-Politik, ein kooperatives Zusammenwachsen von Deutschland und Russland zu verhindern, um keine eurasische Konkurrenz entstehen zu lassen.

Die Verwunderung über so viel Offenheit ist groß. Bei einem aktuellen Vortrag am „The Chicago Council on Global Affairs“ in Boston hat der Chef des renommierten US-amerikanischen „Think Tanks“ für Geostrategie „Stratfor – (Global Intelligence firm for strategic analysis and forecasting)“, der Politologe George Friedman, offen und frei zugegeben, dass es seit langem traditionelle amerikanische Außenpolitik sei, ein Zusammenwachsen europäischer Kontinentalmächte, wie beispielsweise Russland und Deutschland, unter allen Umständen zu verhindern.

Deutschland habe die Technologien und Finanzen, Russland habe die Ressourcen. Eine allzu enge Kooperation Deutschlands mit Russland würde von den Vereinigten Staaten von Amerika als Konkurrenz oder gar als Gefahr eingestuft werden. Nach George Friedman galt schon während der beiden Weltkriege und des Kalten Krieges das Hauptinteresse der USA, das Zusammenwachsen der Potentiale Russlands und Deutschlands zu verhindern.“

Dieter Rose
22. Februar 2019 15:35

OT
Stefan Laurin
diskutiert nicht
mit verschwurbelten Neonazis,
die auf einem "Rittergut" leben.

Muss man den Laurin kennen?

Laurenz
22. Februar 2019 15:41

@Niekisch .... was Rauschning bertifft, schrieb ich "zumindest", weil ich den Zeitgeist schildern wollte, wie das Herr Kaiser auch durch verschiedene Ausführungen/Zitate mehr oder weniger bekannter Autoren bewerkstelligte. Hätte ich Rauschnings Quellen als ernst genommen, hätte ich Hitler statt Rauschning geschrieben. Aber was soll Rauschnings Aussagen, nur weil er ihnen mit einem virtuellen Hitler im Ausdruck Aufmerksamkeit des Publikums gewährt, im Wertgehalt von den Marx'schen unterscheiden? Genau, nur der Inhalt. Sie lassen Sich, wie 1.000 Historiker auch, vom wesentlichen von Formalismen ablenken.
Was das Diktat der Alilierten angeht, sollten Sie nochmals nachschauen. Die Alliierten diktierten die Geographie der Bundesländer. Sonst akzeptierten Sie alles mögliche, was "gesäuberte" deutsche Juristen ihnen als Verfassungen der Länder vorlegten. Die Alliierten agierten so schlampig, daß sie sogar das Bundesbankgesetz (Nationalsozialismus pur) "fraßen". Die Entscheider der Alliierten waren in der Regel Militärs. Sie entschieden nach militärischen Vereinbarungen der 4 Mächte und den örtlichen Gegebenheiten, der Einfachheit halber. Es ist noch heute absurd, daß Rheinhessen zu Rheinland-Pfalz gehört. Mainz-Kastel & -Kostheim gehören zu Wiesbaden, haben aber quasi eine Mainzer Vorwahl, witzig, nicht? Die Telekom ist noch im III. Reich organisiert.
Eine unter dem Militärdiktat stehende Rechtsprechung war den Alliierten doch Wurst. Unseren Föderalismus haben sonst nur germanisch strukturierte Staaten im Norden Europas. Es ist dieselbe formale Struktur wie vor dem Kriege auch, was bei den vielen Nationalsozialisten in Politik & Verwaltung kein Wunder ist. Selbst die Ostzonis etablierten 13 Bezirke, um formale Unterschiede zu suggerieren. Aber selbst die besten Sozialisten der Welt waren noch zu faul, die Uniform-Schnitte der SS für die Wachregimenter Josef Engels und Feliks Dzierzynski zu ändern. Man färbte halt grau statt schwarz. Grau statt schwarz, Worte, Farben, Ländergrenzen, was ändert das am germanischen Föderalismus?

Was den Osten angeht, so haben Sie, geographisch betrachtet, Recht. Ich war 2003 das erste mal auf der Krim. Unschön war der "stalinistische" Stahl & Beton aus den 70er & 80ern allerorts. Die russischen Omas und auch die weniger-Omas vor Ort, hatten uns Njemez (die von hinter dem Njemen herkommen) "geliebt". Was hätten (hätte, hätte, Fahrradkette) Deutsche dort mit Russen gemeinsam alles erschaffen können, wenn die Geschichte nicht so blöd gelaufen wäre? Aber was nicht ist, kann doch noch kommen.
Noch ein Wort zu Ihnen. Befreien Sie Sich doch, wenigstens im Denken, endlich vom Verwaltungsrecht. Verwaltungsrechtler sind ein Staat im Staate, die sich erstmal selbst dienen und jeden Fortschritt aufhalten. Damit werden diese sich irgendwann selbst abschaffen und von außen transformiert werden.

Franz Bettinger
22. Februar 2019 23:06

@Laurenz:
Ihre Analysen sind so lang wie die eines sich kürzlich in die Berge zurückgezogenen Universal-Gelehrten, aber sie sind gut, sie sind durchgegoren! Ihre schonungs- ja gnadenlose Sicht auf die Welt-Geschichte und auf die deutsche Politik erinnert mich sehr an den verehrten non-konformistischen Joachim Fernau. Schön, dass Sie zu SiN gefunden haben, Laurenz!

Franz Bettinger
23. Februar 2019 00:20

@Dieter Rose: In den 'Salonkolumnisten' steht über die Person dies: "Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für ... . Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs 'Ruhrbarone' und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen." Der Mann wäre mir sympathisch. Ich glaube nicht, dass Stefan Laurin mit "unserem Laurenz" identisch ist. Wenn doch, wäre es mir wie gesagt egal, solange er gut schriebt.

Atz
23. Februar 2019 00:54

Entscheidend ist für mich, dass Deutschland heute kurz davor steht den Ersten Weltkrieg zu gewinnen mit Hilfe der EU. Es schleift mit dem Ketten, die ihm als Preis für die Wiedervereinigung angelegt wurden, seine Peiniger.

Großbrittannien ist in der politischen Krise ob seines Brexit Missmanagements und drauf und dran den No Deal zu riskieren. Der City kann es das Genick brechen. Frankreich unter Macron wie Hollande sucht die Nähe Deutschlands. Trump droht seinen Insassen mit der Entlassung in die Freiheit, wenn sie nicht mehr ausgeben, und verspielt die bestehende amerikanische Machtpolitik in Europa. Die Flüchtlingspolitik Merkels, die in der Tat "geschafft" werden kann aber mit massiver Intelligenz beleidigender Ideologie daher kommt, hat eine rechte Restauration möglich gemacht.

Zillessen
23. Februar 2019 11:25

Erst einmal äußerst begrüßenswert, dass hier differenziert u. kenntnisreich über Europa diskutiert wird; ist in anderen konservativen Kreisen oft Mangelware. Interessant in diesem Zusammenhang übrigens die Diskussionen auf dem aktuellen Parteitag der Linken über die "nationale Frage"! Für unseren Diskurs darf ich vorschlagen, Europa deutlich von EU zu unterscheiden. Ersteres meint historische u. kulturelle Identität, die man auch als Deutscher per se hat - und die es in Abgrenzung von anderen großkulturellen Räumen dringend zu reflektieren u. zu bewahren gilt. Die EU als Konzept einer supranationalen Kooperation zu Schutz u. Stärkung der nationalen und europäischen Identitäten gilt es ebenso aufrechtzuerhalten - und genau hier könnte die Basis zur Kritik der existierenden EU zu finden sein. Daraus ließen sich Leitlinien für die hoffentlich nach den EU-Wahlen gestärkten konservativen Parteien ableiten.

Laurenz
23. Februar 2019 11:41

@Franz Bettinger .... nein, ich bin nicht irgendein Laurin....man muß ja nicht jeden Hinz und Kunz kennen. Und in den Ruhr-Gulag fahre ich nur, wenn es sich nicht vermeiden läßt, völlig übersiedelt. Das Hobby der Ruhrgebiets-Bewohner ist im Stau stehen.

Wahrheitssucher
23. Februar 2019 15:09

@ Atz

„Entscheidend ist für mich, dass Deutschland heute kurz davor steht den Ersten Weltkrieg zu gewinnen mit Hilfe der EU. Es schleift mit dem Ketten, die ihm als Preis für die Wiedervereinigung angelegt wurden, seine Peiniger.“

Könnten Sie bitte sehr diesen Ihren Standpunkt interessehalber zum besseren Verständnis etwas erläutern?

LotNemez
23. Februar 2019 18:02

"Der Nationalstaat allein schützt die Völker Europas nicht mehr, weil zunehmend neue Kapitel aufgeschlagen werden, die seine Handlungsoptionen überschreiten."

Das ist zunächst eine viel gelesene Behauptung, die aber mit Fakten unterfüttert werden müsste, um zu überzeugen. Warum genau ist der Nationalstaat ein überkommendes Modell? Äh ja ökonomisch und militarisch und so...

Wenig überzeugend. Es gibt Handelsabkommen, es gibt Militärbündnisse. Was kann ein vereintes Europa, was Nationalstaaten mit gemeinsamen Interessen nicht können?

Kümmern sich Ungarn und Polen nicht in mancher Hinsicht besser um seine Bürger als das ein Europa mit deutsch-französischem Kern je könnte und würde? Lebt es sich nicht gut in der unabhängigen Schweiz?

Birgt ein wie auch immer geartetes Konstrukt mit übergeordneter Gewaltenbündelung nicht noch viel mehr die Gefahr eines Ausverkaufs der Interessen der Bürger als es die Nation tut? Ist es nicht so: je weiter die Schaltzentrale entfernt ist und je größer die von ihr zu repräsentierende Masse, umso schlechter ist der Einzelne, ist die Region repräsentiert?

Ich frage mich zudem, an wen sich dieser, ich nenne es mal Aufruf zur Umkehr richtet? Wer hat heute noch ernsthafte chauvinistische Ressentiments ggü. Polen oder Frankreich? Das sind ein paar bierseelige Burschenschaftler und deren alte Herren, von denen sich einige hier auf SiN zu tummeln scheinen. Sie haben da vielleicht eine nicht repräsentative Stichprobe in ihrem Umfeld? Ich kenne das ja auch, aber davon sollte man sich nicht beirren lassen.

Was Europas wilde Peripherien angeht, was schert's uns? Die Souveränität eines Volkes ist laut Völkerrecht zu respektieren. Interne Konflikte wie in Jugoslawien sind nicht zur Einmischung gedacht. Wenn Nachbarn wie Griechenland und die Türkei sich zanken gibt es Diplomatie, Sanktionen, UN... das ganze Programm. Auch das kein Grund, dass wir alle unter eine Decke kriechen.

Man unterschätzt auch die Integrationsleistung des Marktes. Wer handeln will, verträgt sich besser. Diesen Effekt nutzt man seit den Zeiten der europäischen Montanunion. Miteinander Handel treibende Nationalstaaten, die sich dennoch ein möglichst hohes Maß an regional verorteten mittelständischen Unternehmen behalten, das könnte doch vielleicht eine ziemlich krisenfeste Sache sein?

Aber ich bin ja auch nicht besser. Ich rate ja auch nur.

Ein Wort zum kollektivierenden Narrativ, hier: Mythos. Der entsteht ganz automatisch durch den gemeinsamen Kampf GEGEN einen äußeren Feind. Die Russen verdanken uns ihren Tag des Vaterlandsverteidigers, den heutigen 23. Februar. Mit evtl. infrage kommenden äußeren Feinden sollte Europa sich nicht anlegen. Der Bedarf an einem Mythos wäre auch ein reichlich trauriger Kriegsgrund und hätte kaum die gewünsche Wirkung.

Der innere Feind: ein Sieg über ihn wird dagegen eher zur Spaltung auch nach dessen Niederlage führen. Der Sieg über den politischen Gegner/Feind reichte wohl nicht aus - er wäre danach immer noch da. Die europäische Bourgeoisie zu guillotinieren wäre eine Idee, mit der es zumindest für Frankreich für einen recht stabilen Mythos gereicht hat. Ein Wirtschaftswunder sorgt zwar für Ruhe und Zufriedenheit, setzt aber keine Hurrarufe frei.

Wenn ihre Idee von Europa, Herr Kaiser, ohne einen verbindenden Mythos nicht auskommt, ist sie wenig brauchbar. Ein Mythos ist etwas, für das man ein Bauchgefühl hat, etwas, das nicht nur ein paar Geisteswissenschaftler erklären können. Es ist daher müßig, über das Zustandekommen eines möglichen Mythos nachzudenken, der sich nicht konstruieren lässt, sondern sich vielmehr lediglich aus einer zeitgeistlichen Dimension heraus ergibt.

Es sei denn, man wäre bereit, ein wenig nachzuhelfen, ein europäisches 9/11 zu veranstalten. Aber 1. wäre das ein Bauen auf Sand und 2. wird an solchen nationalen Krisen (auch Bataclan, Charlie Hebdo) deutlich, dass es eben Nationale sind, deren Wirkung sich kaum über die Staatsgrenzen hinaus entfaltet. Je suis Charlie war eben doch ein französisches Phänomen, dass wir lediglich beklommen auf twitter verfolgten. (Unsere Moslems sind ja zum Glück nicht wie die frz. Moslems.) Die Gelbwesten sind auch so ein Beispiel. Die europäischen Völker verbindet doch in Fragen des Fühlens erstaunlich wenig. Sie mögen sich, sie respektieren sich, aber sie solidarisieren sich nicht miteinander, EMPFINDEN nicht füreinander. Mag auch das Brandenburger Tor für ein zwei Nächte in den Farben der Tricolore erstrahlen. Das ist nichts, dass im Bauch lebt.

Das zu ändern, halte ich für ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Solidarität funktioniert in den eigenen sprachlich-kulturellen Grenzen immer noch am besten. Und echte Solidarität ist es, die wir brauchen. Daran sollten wir anknüpfen. Riskieren wir diese wertvollen Restbestände nicht leichtfertig für den fragwürdigen Schein eines um jeden Preis zu unierenden Europas.

Dieter Rose
23. Februar 2019 19:25

@Franz Bettinger

Kubitschek äussert sich
heute selbst zu der Causa.

"Warum ich mich nicht
mit Kubitschek auf ein Podium setze"
sh. ruhrbarone.de
in der Form nicht sehr überzeugend und souverän.

ich glaube, e r, Laurin, nimmt anderen die Freiheit,
ein Zwerg. komisch, dass das passt.

Niekisch
23. Februar 2019 19:54

"zumindest Rauschning konstatierte"

@ Laurenz 22.2. 12:10 und 15:41: das heißt für den unbefangenen Leser, daß Sie nicht wissen, ob weitere Leute konstatieren, aber zumindest Rauschning. Den Zeitgeist haben Sie wohl bei einer Person nicht gemeint. Aber: Schwamm drüber!

"Was das Diktat der Allierten angeht, sollten Sie nochmals nachschauen. Die Alliierten diktierten die Geographie der Bundesländer. Sonst akzeptierten Sie alles mögliche, was "gesäuberte" deutsche Juristen ihnen als Verfassungen der Länder vorlegten."

Ich habe in meinem Gedächtnis und meinen Unterlagen nachgeschaut: Eine Woche nach dem Abschnüren Berlins seit dem 24.6.1948 bestellten die drei westlichen Militärgouverneure Lucius D. Clay, Brian Robertson und Pierre Koenig die von ihnen eingesetzten Ministerpräsidenten der Länder der Westzonen zum 1. 7. 1948 ins Frankfurter IG-Farben -Haus und beauftragten sie mit den "Frankfurter Dokumenten", insbesondere mit dem Dokument Nr.1, schnell eine "verfassunggebende Versammlung" einzuberufen, die spätestens am 1.9.1948 zusammentreten sollte. Die Landtage der elf westdeutschen Länder sollten die Mitglieder dieser Versammlung nach ihren Parteizusammensetzungen wählen. Die Militärregierungen legten außerdem wesentliche Rahmenbedingungen für die neue "demokratische Verfassung" fest: Es sollte ein föderalistisches System entstehen: die Alliierten behielten Kontrollrechte über die deutsche Innen- und Außenpolitik; die Länder erhielten Kultur- und Bildungshoheit; eine unabhängige Justiz sollte die Verwaltung kontrollieren und die Freiheitsrechte des Einzelnen sichern; der Entwurf bedurfte der Zustimmung der Alliierten, die sich eine Ablehnung vorbehielten usw.

Die Alliierten diktierten eben nicht bloß die Geographie, sondern auch die wesentlichen Inhalte des späteren Grundgesetzes, wobei nicht uninteressant ist, daß die Ministerpräsidenten die Begriffe "Verfassung" und "Verfassunggebende Versammlung" wegen Vorgreiflichkeit angesichts des provisorischen Zustandes und der Spaltung des Landes ablehnten.

Ich schlage zwischen uns beiden gute Zusammenarbeit vor, weil wir uns sicher trotz Reibereien zum Nutzen von SiN wertvoll ergänzen.

Franz Bettinger
24. Februar 2019 00:22

@LotNemez:
Sie schreiben in etwa: "Die europäischen Völker verbindet doch in Fragen des Fühlens erstaunlich wenig. Sie mögen sich, sie respektieren sich, aber sie solidarisieren sich nicht miteinander. Die Europäischen Völker haben keinen großen verbindenden Mythos." Nun, vielleicht entsteht er ja grade heute, einer Zeit des Untergangs bzw. der Unterwerfung, einer Ära, die uns gegen die Eindringlinge und mehr noch gegen Deep State zusammenstehen lässt. Wer weiß?!

Laurenz
24. Februar 2019 14:13

@LotNemez ... Zitat- Kümmern sich Ungarn und Polen nicht in mancher Hinsicht besser um seine Bürger als das ein Europa mit deutsch-französischem Kern je könnte und würde? Lebt es sich nicht gut in der unabhängigen Schweiz?-Zitatende .... nein, dem ist nicht so. Wenn Sie nach Ost-Europa fahren, egal, ob Rumänien oder Baltikum, sind die besten Straßen von der EU finanziert, das heißt, von uns Deutschen. Nicht, daß dies nicht in unserem Interesse läge, aber benannte Staaten waren bis heute nicht in der Lage ähnliches eigenständig umzusetzen. Allerdings ist hierbei zu bemerken, daß die meiste Kohle für den Brüsseler/Straßburger Wasserkopf drauf geht. Infrastrukturelle Investitionen würden wohl viel effizienter und kostengünstiger stattgefunden haben, wenn wir sie bilateral unternommen hätten. Was die Schweiz angeht, war diese historisch eher arm. Das Bankiersgewerbe und die nachfolgende Etablierung der Schweizer Industrie sorgte für den heutigen Status, oft auf Kosten der Nachbarn.
@Niekisch .... Ihre Debattenkultur ist 1a. Ich konnte schon viele Informationen und Standpunkte da raus ziehen, da Sie Sich auch nie zu schade sind, Quellen, Hintergründe zu schildern, und zu erklären. Das unterscheidet Sie fundamental von der Diskurs-Kultur eines Maiordomus.
Was den Föderalismus anging, so wurden nur im III. Reich Ministerpräsidenten mehr oder weniger durch Gauleiter ersetzt. Und vorher waren es eben Fürsten und Könige.

@Franz Bettinger .... Der Graben Europas ist nach wie vor, durch die Provinzen des römischen Reichs bis heute bestimmt. Das erkennen Sie schon am Unterschied Bayerns zu anderen Bundesländern. Britannien nimmt eine Sonderstellung ein. Die sind seit ca. 6.000 Jahren, also ca. 200 Generationen eine Insel, das prägt, trotz 3er bekannter Invasionen.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.