Deutschland, vorvorgestern oder: Ein letztes Mal RAF

PDF der Druckfassung aus Sezession 87/Dezember 2018

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Sonn­tag, der 27. Juni 1993, war ein mäßig son­ni­ger Tag. Um 15.15 Uhr ver­lie­ßen drei Per­so­nen die Bahn­hofs­gast­stät­te der 4000 Ein­woh­ner zäh­len­den Klein­stadt Bad Klei­nen in Meck­len­burg. Bei den drei frem­den Durch­rei­sen­den, die sich betont unauf­fäl­lig gaben, han­del­te es sich um den 40jährigen Wolf­gang Grams und die 36jährige Bir­git Hoge­feld, bei­de Mit­glie­der der »drit­ten Genera­ti­on« der Roten Armee Frak­ti­on (RAF) auf Kom­man­do­ebe­ne, sowie um den 34jährigen Klaus Stein­metz, seit acht Jah­ren V‑Mann des rhein­land-pfäl­zi­schen Lan­des­amts für Verfassungsschutz.

Stein­metz war von sei­nen Agen­ten­füh­rern seit Anfang 1992 sys­te­ma­tisch an die damals akti­ven Strip­pen­zie­her der RAF her­an­ge­führt wor­den und hat­te die Behör­den auf­trags­ge­mäß im Vor­feld über das geplan­te Tref­fen infor­miert, wor­auf­hin die­se kurz­fris­tig einen Zugriff beschlos­sen hatten.

Trotz einer War­nung des eben­falls ein­ge­bun­de­nen Bun­des­kri­mi­nal­amts (BKA), wonach sich der Bahn­hof Bad Klei­nen auf­grund ver­schie­de­ner Sicher­heits­ri­si­ken nicht für eine Fest­nah­me der Ter­ro­ris­ten eig­ne, wur­de die Pla­nung fortgeführt.

Als die Ziel­per­so­nen zusam­men mit dem Infor­man­ten aus der Knei­pe tra­ten (in der ein Zugriff – eben­so wie auf dem Bahn­steig und im Zug – auf­grund der anwe­sen­den Unbe­tei­lig­ten nicht in Fra­ge kam), befan­den sich vor Ort und im nähe­ren Umfeld rund 100 Beam­te von BKA, Lan­des­po­li­zei und der Anti­ter­ror­ein­heit des Bun­des­grenz­schut­zes GSG 9 im größ­ten­teils ver­deck­ten Einsatz.

Als ein­zi­ge Stel­le, die sich für eine Ver­haf­tung zu eig­nen schien, blieb der zu den Bahn­stei­gen füh­ren­de Fuß­gän­ger­tun­nel übrig. Auf­grund einer Ver­ket­tung schwer­wie­gen­der Ein­satz­pan­nen inner­halb von kür­zes­ter Zeit konn­te Grams sich dem unmit­tel­ba­ren Zugriff ent­zie­hen, floh die Trep­pen hin­auf auf den Bahn­steig 3/4 und schoß von dort aus auf die ihm nach­lau­fen­den GSG-9-Beam­ten, die von der Trep­pe aus das Feu­er erwiderten.

Dabei wur­de der 25jährige Micha­el Newr­zel­la von vier Kugeln töd­lich getrof­fen; ein wei­te­rer GSG-9-Beam­ter wur­de von Grams schwer ver­letzt, wäh­rend eine Schaff­ne­rin am gegen­über­lie­gen­den Bahn­steig von blind abge­ge­be­nen Schüs­sen der Ein­satz­kräf­te getrof­fen wurde.

Grams, selbst fünf­mal getrof­fen, tau­mel­te über den Bahn­steig und stürz­te in das Schot­ter­bett von Gleis 4. Dort blieb er lie­gen, zusätz­lich schwer ver­letzt durch einen auf­ge­setz­ten Kopf­schuß, an dem er noch am glei­chen Tag gegen 17.30 Uhr im Uni­ver­si­täts­kran­ken­haus Lübeck starb.

Das Deba­kel von Bad Klei­nen, das nun ein Vier­tel­jahr­hun­dert her ist, soll­te umfang­rei­che Kon­se­quen­zen haben – teil­wei­se war vom »Wan­ken« der Repu­blik die Rede und von einer »Staats­kri­se bis­her unge­kann­ten Aus­ma­ßes«. Über Jah­re hin­weg hiel­ten sich ins­be­son­de­re auf­grund der unver­ant­wort­li­chen Infor­ma­ti­ons­po­li­tik von Medi­en wie Spie­gel und Stern, aber eben­so der öffent­lich-recht­li­chen Sen­der hart­nä­cki­ge Gerüch­te, daß Grams, schwer­ver­letzt im Gleis­bett lie­gend, von rach­süch­ti­gen Beam­ten der GSG 9 »prak­tisch hin­ge­rich­tet« wor­den sei; die auf Selbst­tö­tung lau­ten­den Unter­su­chungs­er­geb­nis­se der Staats­an­walt­schaft wur­den mehr­mals ange­foch­ten und neu über­prüft, hiel­ten aber stets als »wahr­schein­lichs­ter« Gesche­hens­ab­lauf stand.

Nichts­des­to­we­ni­ger kamen mehr und mehr skan­da­lö­se Details über die aus­ge­spro­chen schlam­pi­ge Arbeit der Behör­den ins­be­son­de­re bei der Spu­ren­si­che­rung ans Tages­licht – im Fal­le des Umgangs mit der RAF trau­ri­ge Tra­di­ti­on (so hät­te nicht zuletzt Arbeit­ge­ber­prä­si­dent Hanns Mar­tin Schley­er 1977 bereits kurz nach sei­ner Ent­füh­rung durch die RAF befreit wer­den kön­nen, wenn ein drin­gen­der Hin­weis auf die Erft­stadter Woh­nung, in der die Gei­sel fest­ge­hal­ten wur­de, beim zustän­di­gen Kri­sen­stab nicht in die fal­sche Abla­ge ein­sor­tiert wor­den wäre).

Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Rudolf Sei­ters über­nahm die »poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung« für das Ver­sa­gen sei­ner unter­ge­ord­ne­ten Dienst­stel­len und nahm sei­nen Hut; der dama­li­ge Gene­ral­bun­des­an­walt und spä­te­re Anwalt der Jun­gen Frei­heit im Pro­zeß gegen den nord­rhein-west­fä­li­schen Ver­fas­sungs­schutz, Alex­an­der von Stahl, wur­de von der Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin wegen des »Infor­ma­ti­ons­cha­os« inner­halb sei­ner Behör­de in den Ruhe­stand ver­setzt, nach­dem er meh­re­re fal­sche Pres­se­er­klä­run­gen zum Tat­her­gang abge­ge­ben hatte.

Auch im Bun­des­kri­mi­nal­amt roll­ten zahl­rei­che Köp­fe, und die »Eli­te­ein­heit« GSG 9 stand auf­grund des offen­kun­di­gen kopf­lo­sen Vor­ge­hens ihrer Beam­ten zeit­wei­se kurz vor der Auf­lö­sung. Die RAF selbst indes wur­de durch Bad Klei­nen und die unmit­tel­ba­ren Fol­gen auf eine Zer­reiß­pro­be gestellt, die sie nicht über­le­ben sollte.

Einer­seits brach­te das behörd­li­che Ver­sa­gen die selbst­er­nann­te »Stadt­gue­ril­la« wie­der ins öffent­li­che Gespräch – ihr letz­tes Todes­op­fer vor Newr­zel­la, der von einem Scharf­schüt­zen (wahr­schein­lich Wolf­gang Grams) ermor­de­te Treu­hand-Chef Det­lev Kars­ten Roh­wed­der, lag bereits über zwei Jah­re zurück, und ihr letz­ter unblu­ti­ger Anschlag, näm­lich das Spreng­stoff­at­ten­tat auf die Bau­stel­le der JVA Wei­ter­stadt Ende März 1993, hat­te zwar einen Mil­lio­nen­scha­den ange­rich­tet und die Inbe­trieb­nah­me des Gefäng­nis­ses um Jah­re ver­zö­gert, aber letzt­lich nur wenig pro­pa­gan­dis­ti­schen Wert gehabt.

Viel bedeut­sa­mer war, daß sich mit bereit­wil­li­ger Hil­fe der Medi­en und ver­schie­de­ner RAF-Sym­pa­thi­san­ten in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len­sze­ne um den Tod des Wolf­gang Grams ein neu­er Opfer­my­thos weben ließ. Die­sen hat­te die links­ex­tre­mis­ti­sche Sze­ne bit­ter nötig, nach­dem die Legen­den rund um die »Todes­nacht von Stamm­heim« und die angeb­li­che Liqui­die­rung der inhaf­tier­ten Füh­rungs­spit­ze der ers­ten RAF-Genera­ti­on durch Bun­des­be­am­te nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und der Ver­haf­tung der von der DDR-Regie­rung ver­steck­ten RAF­ler durch deren Aus­sa­gen umge­stürzt wor­den waren.

Gleich­wohl ver­deut­lich­te Bad Klei­nen den ver­blie­be­nen Ter­ro­ris­ten sowohl in Haft als auch in Frei­heit vor allem die seit dem Mau­er­fall – durch das nun­meh­ri­ge Feh­len einer sie unter­stüt­zen­den Regie­rung – stän­dig zuneh­men­de Aus­weg­lo­sig­keit ihres Handelns.

Es kam zur wei­te­ren Spal­tung der »Frak­ti­on« in einen kom­pro­miß­be­rei­ten und einen dem Unter­grund ver­pflich­te­ten Flü­gel. Die im Fuß­gän­ger­tun­nel fest­ge­nom­me­ne Bir­git Hoge­feld ihrer­seits, der von 1994 bis 1996 in Frank­furt a.M. der Pro­zeß gemacht wur­de, bezeich­ne­te in ihrem Schluß­p­lä­doy­er die Auf­lö­sung der RAF als »lan­ge überfällig«.

Und die­se soll­te denn auch kom­men – vor 20 Jah­ren, am 20. April 1998, gab die RAF gegen­über der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters ihre Selbst­auf­lö­sung bekannt:

Vor fast 28 Jah­ren, am 14. Mai 1970, ent­stand in einer Befrei­ungs­ak­ti­on die RAF. Heu­te been­den wir die­ses Projekt.

Der Autor die­ser Zei­len, am Tage der RAF-Selbst­auf­lö­sung zehn­ein­halb Jah­re alt, hat nur noch sche­men­haf­te Erin­ne­run­gen an die Bericht­erstat­tung in Radio­nach­rich­ten und der Tages­schau über die­ses Ereig­nis. Glei­ches gilt für Reak­tio­nen im Eltern­haus und nähe­ren Umfeld.

Das for­ma­le Ende der umfang­reichs­ten, blu­tigs­ten und in jed­we­der Hin­sicht obskurs­ten Epi­so­de des deut­schen Ter­ro­ris­mus scheint ledig­lich als eine ver­spä­te­te Bestä­ti­gung ihres tat­säch­li­chen Endes zur Kennt­nis genom­men wor­den zu sein.

Auf einer gänz­lich ande­ren Ebe­ne aber kann es – in bes­ter Nach­kriegs­tra­di­ti­on – kei­nen »Schluß­strich« geben: Die rea­le, (un-)greifbare »Rote Armee Frak­ti­on«, die in der gesam­ten Zeit ihres Bestehens wesent­lich durch ihr Wech­sel­spiel mit den bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Medi­en – auch denen der ver­haß­ten und bekämpf­ten Sprin­ger-Pres­se – Wir­kung ent­fal­te­te, wur­de von ihrem eige­nen Nim­bus überlebt.

Die­ser hält bis heu­te an und ermög­licht es »auf­ge­schlos­se­nen« Krea­ti­ven, sich teils lukra­tiv aus­zu­le­ben: Erst 2015 hat der kalei­do­sko­pi­sche Pop-Roman Die Erfin­dung der Roten Armee Frak­ti­on durch einen manisch-depres­si­ven Teen­ager im Som­mer 1969 von Frank Wit­zel den Deut­schen Buch­preis erhal­ten, übri­gens fast auf den Tag genau 19 Jah­re, nach­dem das RAF-Kom­man­do »Ingrid Schu­bert« den Diplo­ma­ten Gerold von Braun­mühl in Bonn auf offe­ner Stra­ße erschos­sen hatte.

Wit­zel lag das Sujet in kei­ner Wei­se fern, hat­te er doch bereits 1978 (im Jahr nach der Schley­er-Ent­füh­rung und ‑Ermor­dung, in dem ein deut­scher Poli­zist und zwei nie­der­län­di­sche Zöll­ner den Kugeln der RAF zum Opfer fie­len) eine Schall­plat­te mit dem Titel »Bana­nen­re­pu­blik« ver­öf­fent­licht – zusam­men mit Thor­wald Proll, einem der frü­hes­ten Weg­be­glei­ter von Andre­as Baa­der und Gud­run Ens­s­lin, der zusam­men mit dem »Eltern­paar« der RAF wegen der Frank­fur­ter Kauf­haus­brand­stif­tun­gen 1968 auf der Ankla­ge­bank geses­sen hat­te und Baa­der zuletzt 2003 in einem Gesprächs­band zur Hel­den­fi­gur stilisierte.

Unter die­sem genera­ti­ons­ba­sier­ten Gesichts­punkt betrach­tet, stellt sich die tat­säch­li­che Gene­se der RAF trenn­scharf erst vor dem Hin­ter­grund der Häu­tun­gen der Bon­ner Repu­blik im Wech­sel von den 1950er zu den 1960er Jah­ren dar. Wenn Wit­zel in sei­nem Gesprächs­band BRD Noir mit dem Chro­nis­ten der links­ra­di­ka­len Theo­rie Phil­ipp Felsch (vgl. Sezes­si­on 84) den tau­to­lo­gi­schen Cha­rak­ter des RAF-Grün­dungs­my­thos auf die For­mel bringt: »Die RAF bedingt die Not­stands­ge­set­ze, die wie­der­um die RAF bedin­gen«, dann steckt er damit einen Claim inner­halb des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Bedeu­tungs­zu­sam­men­hangs ab, der tat­säch­lich schon mit der Auf­stel­lung (mut­maß­lich im US-Auf­trag) der gehei­men »Schnez-Trup­pe« zur Unter­drü­ckung kom­mu­nis­ti­scher Auf­stands­ver­su­che 1949 begon­nen und über die ab 1950 all­mäh­lich in Gang kom­men­de Wie­der­be­waff­nung den west­deut­schen Teil­staat gera­de­wegs in die Arme des west­li­chen Mili­tär­bünd­nis­ses und damit in Front­stel­lung zur Sowjet­uni­on mit ihrem ost­deut­schen Satra­pen­staat gebracht hat­te – ein sehr frü­hes »Ende der Nach­kriegs­zeit« (Hel­mut Ridder).

Die­ser Front­stel­lung – und nicht etwa einem bloß vor­ge­scho­be­nen Zuge­winn an staat­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät oder der Absi­che­rung gegen Kata­stro­phen­fäl­le jeg­li­cher Cou­leur – dien­ten denn auch die ver­schie­de­nen Stu­fen der nicht von unge­fähr tat­säch­lich seit Mit­te der 1950er ange­bahn­ten Not­stands­ge­setz­ge­bung, deren End­stu­fe (nach u.a. den bereits 1965 ver­ab­schie­de­ten »Sicher­stel­lungs­ge­set­zen«) am 30. Mai 1968 knap­pe acht Wochen nach den besag­ten Kauf­haus­brand­stif­tun­gen vom Bun­des­tag beschlos­sen wurde.

Eben­die­se Not­stands­ge­setz­ge­bung gebar übri­gens auch erst den viel­ge­rühm­ten Art. 20 Abs. IV GG, indem näm­lich durch das soge­nann­te »Wider­stands­recht« den (laut­star­ken) Kri­ti­kern der Not­stands­ge­set­ze der Wind aus den Segeln genom­men wer­den sollte.

Gewiß haben sich die gegen eine dif­fu­se Obrig­keit anren­nen­den Stu­den­ten der 1960er Jah­re mit ihrem Geze­ter, Geprü­gel und Gezün­del – wenn über­haupt – im wacke­ren Wider­stand gegen einen neu auf­kei­men­den »Faschis­mus« gese­hen, der tat­säch­lich allen­falls in ihrer mit eigen­wil­li­gem Mar­xis­mus­ver­ständ­nis und den Phra­sen öst­li­cher Ein­fluß­agen­ten unter­füt­ter­ten Phan­ta­sie sprießte.

Auf der ande­ren Sei­te aber stand (und steht) die Lebens­lü­ge der Bun­des­re­pu­blik als neu aus der Tau­fe geho­be­nem Staat mit dem einen erklär­ten Ziel, die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit – den »deut­schen Son­der­weg« – nicht nur unaus­ge­setzt abzu­gel­ten, son­dern gleich­zei­tig die beton­te Anti­the­se zu allem »Alten« darzustellen.

Als schwe­re Hypo­thek auf das Ver­trau­en in den jun­gen, »gelernt« haben wol­len­den Staat erwies sich schnell, daß die­ses gebets­müh­len­ar­tig wie­der­hol­te Telos – das stets auch zur Glo­ri­fi­zie­rung des mit den West­al­li­ier­ten aus­ge­han­del­ten Grund­ge­set­zes bemüht wur­de – immer nur so lan­ge von (rhe­to­ri­scher) Bedeu­tung war, wie es den stra­te­gi­schen Erwä­gun­gen des auf­kom­men­den Kal­ten Kriegs nicht im Weg stand.

Nicht umsonst geriet das gera­de ein­mal ein Jahr alte Grund­ge­setz mit Aus­bruch des Korea­kriegs 1950 und der sich damit ver­schär­fen­den Block­kon­fron­ta­ti­on umge­hend ins Visier für Anpas­sun­gen an die neu­en »Ver­pflich­tun­gen« des sich bald in die NATO ein­rei­hen­den west­deut­schen Teil­staats; ein frü­hes Indiz für die­se Ent­wick­lung, die mit den Not­stands­ge­set­zen ledig­lich ihren öffent­lich­keits­wirk­sa­men Höhe­punkt fand, bil­de­te das Ers­te Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 30. August 1951, das den Straf­tat­be­stand des Hoch­ver­rats neu faß­te – und umge­hend zusam­men mit dem neu­ar­ti­gen Anwurf der »Ver­fas­sungs­feind­lich­keit« gegen Orga­ni­sa­tio­nen in Stel­lung gebracht wur­de, die gegen die West­bin­dung der Bun­des­re­pu­blik arbei­te­ten und in Hoff­nung auf eine rasche Wie­der­ver­ei­ni­gung natio­nal­neu­tra­lis­ti­sche Posi­tio­nen einnahmen.

Die­se Gleich­set­zung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung und des inne­ren Frie­dens der Bun­des­re­pu­blik mit ihrer Exis­tenz als Auf­marsch­raum der West­al­li­ier­ten gegen Mos­kau bescher­te der BRD dem­ge­mäß auch ihre ers­ten Par­tei­en­ver­bo­te (vgl. Sezes­si­on 80).

Die­se kogni­ti­ve Dis­so­nanz zwi­schen der Selbst­dar­stel­lung von Regie­rung und Staat sowie deren tat­säch­li­cher Poli­tik schuf das Kli­ma der bür­ger­li­chen Unsi­cher­heit, zu deren Betäu­bung das »Wirt­schafts­wun­der« anfangs völ­lig aus­rei­chend war.

Die­ses aber begann Anfang der 1960er, merk­lich nach­zu­las­sen, und so ist die Aus­sa­ge des sei­ner­zei­ti­gen Bun­des­in­nen­mi­nis­ters und obers­ten Not­stands­pla­ners Paul Lücke von 1966 mehr als vielsagend:

Wir müs­sen uns dar­über klar sein: solan­ge die Son­ne der Kon­junk­tur scheint, solan­ge wir Voll­be­schäf­ti­gung haben, solan­ge wird die­se Demo­kra­tie bestehen und in kei­ne Gefahr hin­ein­ge­ra­ten. Aber […] wenn ein­mal fünf bis sechs Mil­lio­nen Arbeits­lo­se da sind, für den Fall müs­sen wir uns vor­be­rei­ten und für den Augen­blick müs­sen wir unse­ren Staat rüsten.

Die Not­stands­ge­set­ze zur Wapp­nung des Staats gegen den »Span­nungs­fall« – wenn näm­lich der »Orga­ni­sa­ti­ons­form einer Moda­li­tät der Fremd­herr­schaft« (Car­lo Schmid) ihre freund­li­che Wohl­stands­mas­ke her­ab­zu­rut­schen droht.

Dies alles recht­fer­tigt oder beschö­nigt kei­nes­wegs die Radi­ka­li­sie­rung der von den bür­ger­li­chen Prot­ago­nis­ten einer vor allem wirt­schaft­lich begrün­de­ten Anti-Sprin­ger-Fron­de bereit­wil­lig unter­stütz­ten Stu­den­ten­be­we­gung hin zu RAF, Bewe­gung 2. Juni et al. (und schon gar nicht all die damit ver­bun­de­nen Toten), doch es lie­fert sehr wohl einen Erklä­rungs­an­satz für die unge­bro­che­ne dunk­le Fas­zi­na­ti­on der rea­li­ter ziem­lich küm­mer­li­chen, aber medi­al ins Mythi­sche über­höh­ten RAF.

Von die­ser legen sprich­wört­lich gewor­de­ne Wen­dun­gen wie der »klamm­heim­li­chen Freu­de« des »Göt­tin­ger Mes­ca­le­ros« (und spä­te­ren Deutsch­leh­rers) Klaus Hül­b­rock bis hin zu den spie­le­risch-sym­pa­thi­sie­ren­den Bekennt­nis­sen der Intel­lek­tu­el­len von Hein­rich Böll bis in die heu­ti­ge Zeit beredt Zeug­nis ab.

Vor allem aber schlägt sie sich nie­der in der Trans­po­si­ti­on des rea­len Ter­ro­ris­mus hin­ein in die Simu­la­ti­ons­ebe­ne des Action­films, wie sie ins­be­son­de­re Uli Edels 2008 – zehn Jah­re nach Selbst­auf­lö­sung der RAF – erschie­ne­ner Film Der Baa­der Mein­hof Kom­plex nach dem gleich­na­mi­gen Buch von Ste­fan Aust demons­triert hat, eben­so aber auch etwa die mit Ver­schwö­rungs­theo­rien spie­len­de Tat­ort-Epi­so­de Der rote Schat­ten und der direkt auf Bad Klei­nen anspie­len­de Fern­seh­film Brand­mal von 2015.

Der Mythos RAF ver­folgt die Bun­des­re­pu­blik, weil er die Kehr­sei­te des Mythos Bun­des­re­pu­blik ist und des­sen Sicher­heits­be­dürf­nis ver­ewigt. Je mehr die Mythen­re­pu­blik schwankt, um so wei­ter wächst die Strahl­kraft eines deut­schen Ter­rors belie­bi­ger Cou­leur – eine gesell­schaft­lich-media­le Kat­ze, die ihren eige­nen Schwanz jagt und nicht erst seit NSU, »Old School Socie­ty« und ähn­li­chen Nebel­ker­zen immer fre­ne­ti­scher von den nicht-ende­mi­schen Ursprün­gen rea­len Ter­rors abzu­len­ken versucht.

Hier schei­nen mit der schwar­zen Pro­pa­gan­da ech­te Mit­tel des stra­te­gi­schen Gegen­ter­rors auf – mit dem eine alters­pa­ra­no­ide, poli­tisch abge­wirt­schaf­te­te Mit­tel­schicht zum Amü­se­ment ihrer par­la­men­ta­ri­schen Domp­teu­re ver­sucht, sich selbst in Schach zu halten.

Das hät­te die »Stadt­gue­ril­la« nie­mals allei­ne bewerk­stel­li­gen kön­nen – so wie alles ande­re auch, hät­te nicht eben die Gesell­schaft, von deren Fleisch sie Fleisch war und die sie selbst­has­send zum abso­lu­ten Feind­bild erkor, ihr eben­so selbst­has­send Schüt­zen­hil­fe geleis­tet. Bekannt­lich gibt es »kein rich­ti­ges Leben im falschen«.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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