14. Juni 2020

Jean Raspail ist tot

Götz Kubitschek / 15 Kommentare

Am 13. Juni ist der französische Schriftsteller Jean Raspail, weltreisender Entdecker und Generalkonsul von Patagonien, verstorben.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Er wurde vierundneunzig Jahre alt. Antaios pflegt sein Werk seit sieben Jahren, und ich will nun als Raspails Verleger einige Stationen notieren:

Ich las Raspail, bevor ich ihn als den kennenlernte, der er für unsere Sache als Autor ist. Sie waren die Ersten lautet der Titel eines vergriffenen Buches, das Raspail über seine Fahrt zu den Alakalouf, den ebenso unansehnlichen wie unvorstellbar abgehärteten Feuerlandindianern schrieb.

Diese Reise und der Bericht über einen Franzosen, der sich zum König von Patagonien ausrief, begründete jenes "Anderland", zu dem sich hingezogen fühlt, wer etwas für Kämpfe auf verlorenen Posten übrig hat. Raspail trat dieses Erbe aus Traum, Lächerlichkeit und heiligem Ernst an, und ich habe von ihm vor drei Jahren endlich meine zweite Staatsbürgerschaft anerkannt bekommen ...

Konrad Weiß hat für unsere Zeitschrift über dieses königliche Spiel des "Patagonismus" einen feinsinnigen und umfassenden Aufsatz geschrieben - man kann ihn hier lesen.

Jedenfalls fiel mir diese frühe Raspail-Laktüre erst wieder ein, als mich ein begeisterter Leser davon überzeugte, die von ihm nach Feierabend mit großer Sorgfalt und sprachlicher Kraft fertiggestellte Übersetzung des Romans Sieben Reiter verließen die Stadt zu veröffentlichen. Dieses Buch ist insofern typisch für Raspails Werk, als in ihm ein bestimmter Typ Mann in aussichtsloser Mission Haltung bewahrt bis zum bitteren, aber außerordentlich verblüffenden Ende.

Es geht darin um ein Fürstentum, dessen Bewohner (vor allem die jungen Leute) von einer unerklärlichen Raserei befallen worden sind und die Ordnung zerstört haben. Der Fürst schickt nun die letzten sieben Reiter seiner Garde ins Land. Sie sollen ergründen, was geschah und wie es geschehen konnte:

Wir werden suchen müssen, jenseits dessen, was wir kennen und dessen, was wir nicht kennen. Zuerst innerhalb unseres eigenen Landes und dann auch außerhalb der Grenzen. Was geschieht um uns herum? Was ist die Bedeutung von alledem? Es wäre dieser Stadt nicht würdig, das Ende untätig abzuwarten, ohne nach einem Ausweg zu suchen. Das ist der Befehl, den ich Ihnen gebe.

Die Sieben Reiter liegen mittlerweile in der 3. Auflage vor und haben zusammen mit Joachim Fernaus Hauptmann Pax die "edition nordost" innerhalb von Antaios begründet. In dieser Reihe veröffentlichen wir literarische Werke, die wir entweder künstlerisch illustrieren lassen oder mit Fotos bebildern. Im Falle der Sieben Reiter ging die russische Künstlerin Kristina Zieber ans Werk, und mir wurde berichtet, daß Raspail zunächst skeptisch, nach Begutachtung aber sehr zufrieden mit Ziebers kosakischem Stil war.

Ebenfalls in der "edition nordost" ist vor zwei Jahren Raspails Roman Die blaue Insel in deutscher Übersetzung erschienen. Darin sind die für Frankreich katastrophalen und demütigenden Wochen im Mai und Juni 1940 geschildert, in denen die deutsche Wehrmacht das französische Heer niederwarf. Raspail stellt seinen Landsleuten kein gutes Zeugnis aus, stellt mangelnde Haltung und Verfeinerungen von Ausrede und Verweigerung heraus - und findet in einem widerständigen, tapferen Knaben und Träumer wiederum die für ihn typische Haupt- und Hoffnungsfigur.

Der Sechzehnjährige mit dem Karabiner trifft auf den Panzer eines Leutnants v. Pickendorff, jenes von Raspail erschaffenen ostelbischen Adels, dessen Angehörige sich durch sein Werk ziehen. Der Leutnant aus der Blauen Insel muß ein Nachfahre des Obersten v. Pickendorff sein, der die Sieben Reiter anführte ...

Für wen sind solche Bücher geschrieben? Jedenfalls für Männer, denn auch die Hauptfiguren, die Helden sind immer Männer - stets gebildet, stets vornehm, stets nicht Masse, stets vorbereitet für die paar Augenblicke oder Szenen, in denen sie ihren Text aufsagen und ihre Rolle spielen sollen. Manchmal stehen sie einander feindlich gegenüber, aber sie erkennen dabei eine tiefere Form der Verbundenheit: So sein kann man nie allein.

Es lag vor dieser Grundstimmung auf der Hand, die kleine Textsammlung aus Gesprächen und Aufsätzen, die in der reihe kaplaken erschienen ist, Der letzte Franzose zu nennen. Soviel Abbruch, soviel Desillusion, soviel Wahrnehmung von großartiger Verborgenheit wie in der Person Raspail und in seinen Stellungnahmen ist kaum ein zweites Mal möglich. Aus seinem Text über "Die Tyrannei des Duzens" leiteten jedenfalls Ellen Kositza und ich zunächst spielerisch, mittlerweile ernst und fremd das "Sie" füreinander ab.

Mit in Raspails kaplaken aufgenommen ist der umfangreiche Essay "Big Other". Raspail stellte ihn einer Neuausgabe seines ohne Zweifel berühmtesten und berüchtigten Werks voran: Das Heerlager der Heiligen liegt seit 2015 in der vollständigen und autorisierten Übersetzung vor: Martin Lichtmesz hat sie besorgt und im Arbeitsprozeß festgestellt, daß die erste deutsche Ausgabe aus den früheren Achtzigern auf eine entlarvende Art und Weise unvollständig war: Was weggelassen wurde, damals, nahm dem Buch seine Differenziertheit und den kritischen Blick auf die Dekadenz und Daseinsverfehlung jenes liberalen Westens, der die Auflösung aller Dinge für Fortschritt hält.

Fast jeder, der uns kennt, kennt dieses Buch, dessen Handlung darin besteht, daß eine Million Inder auf klapprige Kähne steigen, das Kap der guten Hoffnung umfahren und an der französischen Mittelmeerküste anlanden. Raspail schrieb diesen Roman 1973. Der Jargon der Zivilgesellschaft von heute, die den ungebremsten Zustrom nach Europa in den Medien, Parlamenten, Kirchen und Schulen beklatscht und moralisch verkauft, ist unfaßbar hellsichtig vorweggenommen - aber nicht einmal karikiert.

Jedenfalls kam unsere neue, vollständige Ausgabe nur ein paar Monate vor Merkels Grenzöffnung in die Buchläden: Das Heerlager der Heiligen wurde als Buch zur Stunde wahrgenommen und ist nach Rolf Peter Sieferles kaplaken Finis Germania der bestverkaufte Titel von Antaios. Dieser Erfolg gipfelte in einer Theaterinszenierung, zu der Lichtmesz, Kositza und ich nach Recklinghausen fuhren (ich habe hier darüber berichtet).

Im Zusammenhang mit dem Heerlager muß nun noch ein verborgenes Spiel ans Licht, das ich trieb: Raspail schrieb mir seine Briefe natürlich auf Französisch, und weil ich kein Wort davon kann, übersetzte mir stets Benedikt Kaiser Raspails Zeilen ins Deutsche und meine Antworten ins Französische. Ich schrieb sie mit Füller auf gutes Papier und schickte sie nach Paris. Raspail lobte zwei, drei Mal meine vorzüglichen Sprachkenntnisse und lud mich eins Tages zu sich ein, weil er mir eine französische Erstausgabe des Heerlagers mit handschriftlichen Anmerkungen übergeben wollte.

Ich fuhr nicht, sondern sandte eine der Töchter, die, der Sprache mächtig, meine dringenden Hinderungsgründe vortrug und das Spiel fortsetzte. Ich bekam drei Tage später einen sehr vorwurfsvollen Brief, in dem Raspail mich fragte, wie ich dazu käme, eine Nachfahrin der v. Pickendorffs alleine durch Paris zu schicken, noch dazu mit einem so schweren Rucksack und ohne ein Zimmer in einem angemessenen Hotel. Er persönlich habe eines ausgesucht und die junge Dame mit dem Wagen dorthin gefahren.

Ich sandte ihm ein Original der Zeichnungen zu den Sieben Reitern und bat förmlich um Entschuldigung für die Hemdsärmeligkeit Ostelbiens - das Ganze natürlich handschriftlich und in meinem feinsten Französisch ...

Was bleibt? Der Ring des Fischers, neben den Sieben Reitern mein liebstes Buch aus der Feder Raspails. Dieser Titel ist vor unseren Lesern seltsam verborgen geblieben - aber wer zugriff, fand Zugang zu dem, was den eigenwillig Autor auch als Gläubigen umtrieb: daß das, was wir an gefallener Würde und Institution vor allem dadurch bewahren können, daß wir es aus dem "Reich der ungelebten Möglichkeiten" herüberziehen in eine Geschichte, einen Roman.

Was also wäre, wenn die Avignon-Päpste eine geheime Linie ausgebildet hätten, wahrhaftig und ohne Prunk, eine Benedikt-Linie bis in unsere Tage? Der Gedanke, daß unter uns Gläubige leben und wanderten, die einander an Zeichen hinter Efeu und über Türen erkennten: Was für ein Trost!

Daß Antaios der Verlag werden konnte, der Raspails Werk in Deutschland maßgeblich pflegt, ist eine großartige Sache, und Raspail war immer sehr zufrieden mit der Gestaltung seiner deutschen Bücher. Bald ist die Übersetzung eines neuen Titels abgeschlossen. Er wird nun postum erscheinen.

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Sieben Reiter verließen die Stadt. Roman, 248 Seiten. Übersetzt von Horst Föhl.

Die blaue Insel. Frankreich 1940. Roman, 264 Seiten. Übersetzt von Konrad Hermann Weiß

Der letzte Franzose. kaplaken 41, 96 Seiten. Übersetzt von Benedikt Kaiser und Martin Lichtmesz.

Das Heerlager der Heiligen. Roman, 416 Seiten. Übersetzt von Martin Lichtmesz.

Der Ring des Fischers. Roman, 352 Seiten. Übersetzt von Joachim Volkmann und Horst Föhl.

 

 


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (15)

Maiordomus

14. Juni 2020 13:10

Verdienstvoll, dass Raspail nicht auf das "Heerlager der Heiligen" reduziert wird. Ein Buch, das ich im Rückblick auf die letzten 1000 Jahre der abendländischen Geschichte im Gegensatz zu respektierter Leserschaft nicht unbedingt nötig hatte. Die (natürlich unvollständige) Gesamtwürdigung bestätigt das als unentbehrlich einzuschätzende Engagement des Verfassers und Verlegers K. als Kulturvermittler. Gäbe es diesbezüglich eine Lücke, man müsste vom berühmt-berüchtigten gnostisch totalitären Frageverbot (E. Voegelin) sprechen: Von Nietzsches durchaus fragwürdigem "Entschluss zum Vergessen und Nichtwissenwollen", was meines Erachtens nicht dem "Willen zur Macht" als geistiger Freiheit, sondern dessen Gegenteil entsprechen würde. Schade, reicht  dieser Nachruf mutmasslich nicht mehr zur neuesten Nummer des von mir im Vergleich zum Blog hier stärker geschätzten gedruckten Heft.

Der_Juergen

14. Juni 2020 13:31

Es gereicht mir nicht zur Ehre, dass ich von Raspail nur "Le camp des saints" und die treffliche Übersetzung von Lichtmesz gelesen habe. Ich will diese Lücke nun zunächst teilweise schliessen und bestelle bei Antaios "Sieben Reiter verliessen die Stadt", parallel mit dem Original. Die Kenntnis u.a. der französischen Sprache ist eines der (vielleicht nicht allzu vielen) Dinge, die ich Kubitschek voraus habe. Die Posse mit der als Stellvertreterin entsandten Tochter hat mir ein Schmunzeln entlockt.

nom de guerre

14. Juni 2020 21:40

Nun, dann hatten Sie ja Glück, dass Raspail sich nie zu einem Gegenbesuch aufgemacht hat…

Raspails Bücher sind für mich eine Entdeckung, für die ich dem Antaios-Verlag dankbar bin. Es mag sein, dass sie in erster Linie für Männer geschrieben sind, wobei in „Sire“ mit Marie, der Schwester des jungen Philippe Pharamond, und der schwarzen, königstreuen Rose immerhin zwei bedeutende Frauenrollen enthalten sind, man muss aber kein Mann sein, damit sich einem die eigentümliche, wie ich finde traumartige Atmosphäre erschließt. Am deutlichsten ist sie bei den Sieben Reitern, aber auch bei den anderen Romanen scheint mir die Handlung nie ganz von dieser Welt. Das schätze ich an diesem Autor und freue mich, wenn ein weiteres Werk von ihm auf Deutsch zugänglich wird.

notker balbulus

15. Juni 2020 00:25

Ich bin sehr betroffen von der Nachricht von Jean Raspails Tod. Gerade in letzter Zeit erst habe ich die beiden idealistischen Romane "Der Ring des Fischers" und "Sire" für mich entdeckt, davor "Die blaue Insel" mehrfach gelesen, von den "Sieben Reitern" und dem "Heerlager der Heiligen" ganz zu schweigen. Letzteres lese ich gerade parallel zu den Ereignissen in den USA und bei uns und die Lektüre trifft mich existenziell wie beim ersten Mal vor wenigen Jahren.

Raspail war ein geradezu hellsichtiger Autor. Mit ihm schließt sich eine der wenigen Türen endgültig, die im "Anschwellenden Bocksgesang" von Botho Strauß ebenso hellsichtig beschrieben wurden.

Die Welt ist gestern deutlich ärmer geworden. Wahrscheinlich aber merkt sie es noch nicht einmal. Auch das ist ein typisches Zeichen unserer Zeit.

Andreas Walter

15. Juni 2020 06:42

Ein interessanter, spannender (und gut gemachter) Werbefilm dazu, den Kubitschek uns hier aber leider vorenthält:

https://youtu.be/ReXfCYasfKA

Wer hat den Clip produziert, oder genauer gefragt, fertigstellt, das Storyboard dafür geschrieben, die Musik ausgesucht? Wirklich Klasse. Es gibt lediglich eine kurze Szene, nur ein Bild, was mich stört.

antwort kubitschek:
Martin Lichtmesz und ich haben vor sieben Jahren für die ersten nordost-Bücher drei Filmchen gemacht. Für die "Sieben Reiter" hat Martin alte Aufnahmen aus der Sowjetunion zusammengestellt, die Musik stammt aus meiner Lieblingssymphonie von Casella: es ist der Anfang der 2.

Gustav Grambauer

15. Juni 2020 09:05

Hatte die Sieben Reiter mit meinem im Hinterkopf immer noch spukenden Kontrast des Siebten Kreuzes der Seghers gelesen, seinerzeit das Erklärbär-Buch für das "Deutsche Wesen", somit Pflichtlektüre für alle in Deutschland stationierten GIs, geschrieben in der typischen affektiert-suggestiven, alles-kitschig-ausschmücken-müssenden Seghers-Schreibe (unter dem bizarren Zwang, so etwas wie eine proletarisch-revolutionäre Grandezza und "menschliche Wärme" zu simulieren). Bei den Sieben Reitern hatte ich rückblickend den Eindruck, es sei das Original (von der Besetzung des Themas her, vom Esprit her, vom kalten, trockenen Stil her sowieso) und die Weltranglistenliteratur der S. eine billige Kopie. Insofern war die Lektüre bei aller Tragik eine besondere Wohltat!

- G. G.

Maiordomus

15. Juni 2020 09:55

@Notker Balbulus. Von Ihrem Pseudonym habe ich erstmals in einem schönen illustrierten Kinderbuch, geschenkt von meiner Tante, einer legendären Hebamme, Erfahrung gewonnen. Das war 1953, für mich sonst nur noch als das Todesjahr Stalins in Erinnerung. Der Bauernhof, in dem Notker der Stammler geboren sein soll (sicher Vorgängerbau), ist bei Jonschwil (Kanton St. Gallen) als Geheimtipp immer noch aufzusuchen.

Die Beiträge hier zeigen, dass ich und andere sich diesen Autor über seine Verschlagwortung hinaus unbedingt noch tiefer vornehmen sollten; es bestätigt sich auch durchaus ein "geheimes Europa", auf das es in diesen Tagen wie selten zuvor ankommt, jedenfalls mehr denn je. Es muss nicht immer nur ein "geheimes Deutschland" (Stefan Goerge) sein.

Franz Bettinger

15. Juni 2020 11:03

Nachdem ich die Sieben Reiter mit Faszination gelesen hatte, folgte die Blaue Insel. Unverblümte Sprache auch hier. Die Funktionalität der Schönheit, ihr intrinsischer Wert. Alles das könnte man gut verfilmen, besonders die Ankunftsszene von Lily Palma, S. 136. Ist der Roman autobiographisch, wie das letzte Kapitel suggeriert? Ist Jean Raspail jener körperlich zu kurz gekommene und bedauerliche "Hase“? Und unter welchem Künstlernamen wurde die schöne Figur der Maité de Réfort später berühmt? Mit den Informationen auf Seite 246 müsste sie zu identifizieren sein, aber ich habe’s nicht geschafft. Vielleicht weiß einer aus dem Forum Bescheid, vielleicht der andere Anderländer, GK?

Nemo Obligatur

15. Juni 2020 12:42

@nom de guerre

Raspails Bücher sind für mich eine Entdeckung, für die ich dem Antaios-Verlag dankbar bin

Da kann ich mich nur anschließen. Vielleicht mit einer kleinen Ergänzung. Das Heerlager der Heiligen wird hier zwar aus gutem Grunde als Schlüsselwerk gehandelt. Persönlich haben mir aber die Sieben Reiter und der Ring des Fischers besser gefallen. Ich denke, vor allem die Sieben Reiter werden immer ihre Leser finden. Der Schluss ist geradezu genial.

Angesichts des hohen Alters von Raspail empfinde ich bei der Nachricht seines Ablebens auch weniger Trauer über seinen Tod als vielmehr Dankbarkeit dafür, dass er uns dies Werk hinterlassen hat. Wir werden ihn nicht vergessen.

 

 

Maiordomus

15. Juni 2020 13:11

Bin gespannt, wie weit und ob die Mainstream-Presse sich Raspails überhaupt annimmt. Mein Beitrag oben im 2. Abschnitt an @Notker Balbulus meinte natürlich Raspail, nicht den genialischen St. Galler Mönch aus dem Mittelalter. Ratsam bleibt, der herrschenden Null-Epoche die Literatur der letzten 1000 bis 3000 Jahren entgegenzusetzen. Für diese Thematik scheint Bosselmann ein geeigneter Mitarbeiter für SiN. Was er über Bildung kritisch ausführt, scheint mir nicht das Gegenteil von Wilhelm Röpkes fast  55 Jahre zurückliegendem Aufsatz "Bildung und Wissenschaft in der Kulturkrise" zu sein, wiewohl damals das Gymnasium noch einen anderen Charakter hatte als heute. Freilich hat etwa Arnold Stadler in seinem Roman "Mein Hund, meine Sau, mein Leben" (Suhrkamp-Taschenbuch 2575) gezeigt, dass und warum es schon damals nicht stimmte: als nämlich verklemmte Veteranen aus der "Nazi"-Zeit allmählich durch 68er abgelöst wurden. Vom Regen in die Traufe!

Ein gebuertiger Hesse

15. Juni 2020 15:49

Großer alter Mann. Laßt uns mit gebührender Innigkeit unsere Dankbarkeit und Wünsche für sein Seelenleben ausschicken, er soll wissen, was er auf Erden in uns ausgesät hat.

Ertappte mich gestern, als ich die Trauernachricht las, bei dem blöden Gedanken: "Jetzt hat er das Elend hinter sich." Was reflexhafter, aufs bloße Heute bezogener Quatsch ist. Denn dort, wo so schöne und tiefe Bücher wie die seinen geschrieben werden konnten - und also können - darf das Elend in unseren Geistern nie tonangebend sein. Uns obliegt besseres als das, Raspail hat es vorgemacht.

 

nom de guerre

15. Juni 2020 17:33

@ Nemo Obligatur

„Das Heerlager der Heiligen wird hier zwar aus gutem Grunde als Schlüsselwerk gehandelt. Persönlich haben mir aber die Sieben Reiter und der Ring des Fischers besser gefallen.“

Ja, das geht mir auch so. Das Heerlager der Heiligen hat definitiv seinen Wert, die Hellsichtigkeit des Autors ist geradezu frappierend, aber es ist eben auch sehr böse und eklig. Vermutlich hätte ich, wenn das Heerlager mein erstes Buch von Raspail gewesen wäre, die anderen nicht gelesen. Stattdessen bin ich mit den Sieben Reitern eingestiegen, die ich, wie auch den Sire, sehr mag, Der Ring des Fischers hat mich aber am stärksten berührt. Ich bin ein bisschen verwundert, dass er, wenn ich Herrn Kubitschek richtig verstehe, eher wenige Leser gefunden hat.

Stefanie

15. Juni 2020 21:19

@nome de guerre und nemo obligatur

Mir ging es ähnlich: das erste Buch von Raspail, das ich las, waren die Sieben Reiter und die Atmosphäre darin hat mich sofort gebannt. Vielleicht eine Vorliebe für Dystopien?  Vielleicht auch daß Gefühl des Neuaufbruchs, nachdem eine Gessellschaft nun endlich komplett vom Wahnsinn dahingerafft wurde mit dem Zauber des Neubeginns, der z.T. durchscheint, dann das ernüchternde Ende... Anschließend den  Ring des Fischers: wieder kam darin dieser Zauber vor: die geheime Welt, die sich hinter dem Profanen verbirgt. Zum Heerlager der Heiligen kann ich mich nicht äußern, denn obwohl es mEn, das erste Buch war, das ich bei Antaois bestellt habe, harrt es immer noch im Regal darauf, gelesen zu werden. Ich kenne die Inhaltsangabe und habe ein paar mal versucht hineinzulesen, aber irgendwie konnte ich mich nie überwinden mich darauf einzulassen. -Vielleicht weil das Geschehen zu nah ist, zu sehr dem Wahn von 2015 ähnlich - das Gefühl, daß ich nicht bereit bin die literarische Kondensation dieser Erscheinung auszuhalten und durchdenken zu können. Ähnlich ging es mir bei Milan Kunderas "Unerträgliche Leichtigkeits des Seins" - daß stand auch 10 Jahre oder länger herum, lag ein paar mal in der Hand, aber erst später - und dann mit Gewinn gelesen. Jetzt bin ich fast froh darum, daß das "Heerlager" noch darauf wartet entdeckt zu werden - es ist dann wie eine Brücke zu einem Hellsichtigen, der leider nicht mehr in dieser Welt weilt, dessen Geist aber doch noch einen Zugang offen hält.

sokrates399

15. Juni 2020 22:27

Vor etwa einem Jahr schrieb ich folgendes über Heerlager S. 295:

 

Düster der Brand zur Linken verzehrt:

Menschheit zerstückelndes Fortschrittsfeuer,

Blut im Kessel verjüngender Flut,

Tilgt selbst im Feiern grausig aus, ob

Nürnberg, ob Peking: haßvoll die Henker,

Wenn auf dem Richtweg lachen die Opfer.

 

Fröhlich tanzen zur Rechten die Flammen,

Strahlend in Vielfalt, flackerndes Irrlicht

Schemend im dunklen, verbrannten Wald

Pyramiden von Schädeln, die der

Kult der Gleichheit zurückließ zur Linken.

 

Ausgebrannt werden alle Grenzen,

Nichts die Welt des gebärenden Weltgotts:

Tanze, auch wenn du ziellos, erloschen,

Letzte Kopie deines Urzeitichs,

Strandgut alles Vergangnen, Du

Flamme des Rechten, vive le Roi!

RMH

16. Juni 2020 07:05

"Vermutlich hätte ich, wenn das Heerlager mein erstes Buch von Raspail gewesen wäre, die anderen nicht gelesen."

Genau so erging es mir. Heerlager der Heiligen war ganz nett einmal gelesen zu haben, aber es hat bei mir keine Lust auf eine erneute Lektüre oder weitere Bücher des Autors ausgelöst. Ein guter Lektor hätte zudem sicher in Abstimmung mit dem Autor das "Heerlager" in passender Weise etwas gekürzt. Von daher danke für den Hinweis, Raspail steht dann doch wieder auf der Lektüreliste.

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