1. April 2021

Post aus China – Martin Barkhoff antwortet Sellner

Caroline Sommerfeld / 4 Kommentare

Martin Sellners Aufgreifen und Weiterdenken von Zhao Tingyangs Buch Alles unter einem Himmel  hat eine Kontroverse ausgelöst.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Ich stehe seit einigen Jahren in Verbindung mit Martin Barkhoff, der seit langem schon in Peking lebt und dort in der Waldorflehrerausbildung tätig ist. Uns verbindet, in Anthroposophenkreisen nicht mehr wohlgelitten zu sein, die Zeit der "Denkverbote" fordert ihre Tribute. Barkhoff las Sellners Beitrag, Lichtmesz' Kommentar und Kaisers Rezension.

Das traditionale Konzept des "Tianxia" ebnet nicht spornstreichs Chinas politische Weltmachtbahn, sondern sollte zunächst geisteswissenschaftlich eingeordnet werden. Mir fiel ein Vergleich dazu ein: "Tianxia" rein geostrategisch zu lesen wäre so, als verstünde man eine Neuorientierung an Augustinus' Gottesstaat als Geheimplan zur Errichtung eines christlichen Imperiums. Barkhoff richtet den folgenden Brief an Martin Sellner:

 

Lieber Herr Sellner,

Dank für den vorgelegten und den angekündigten Beitrag!

Produktiv und langfristig kann man Gesellschaft nur gestalten, wenn man die Gestaltung aus der Welt, aus dem Sein, aus dem ordo hervorwachsen lassen kann. Tragfähiges Leben wächst aus der Wirklichkeit hervor, nicht aus der Politik. Die Nur-Politischen irren orientierungslos in einer solchen Umbruchszeit wie der unseren herum.

Was man da braucht, dafür fehlen heute die geeigneten Worte. Die muß man erst wieder schaffen. Solange muß man es wohl paradox fassen, wie Sie es tun: Zhao vertrete eine "kosmische Universalität", die Sie dann aber als "nichtuniversalistische kosmische Ebene" charakterisieren. Mir gefällt das Paradox. Die platt-westliche "Universalität' ist nämlich abstrakt, homogen, eigenschaftslos: wie die Nacht, in der alle Katzen grau sind. In Zhaos Universalität geht ein Licht auf und dadurch wird der Kosmos eigenschaftsreich, farbig, wesenhaft und wesensvielfältig. Der Kosmos ist in sich Eines und ein Vieles zugleich und: er will (als Eben-nicht-Subjekt) das Vielfältige. Das ist auch der Kosmos Goethes, wie er ihn in seinem Zwischenruf ("Parabase", 1820) beschreibt:

Freudig war vor vielen Jahren,
Eifrig so der Geist bestrebt,
Zu erforschen, zu erfahren,
Wie Natur im Schaffen lebt.

Und es ist das ewig Eine,
Das sich vielfach offenbart.
Klein das Große, groß das Kleine,
Alles nach der eignen Art.

Immer wechselnd, fest sich haltend,
Nah und fern und fern und nah;
So gestaltend, umgestaltend -
Zum Erstaunen bin ich da.

Dieser Kosmos geht uns als Abendländer verdammt viel an. Ganz ihrer Meinung. Denn: Aus dem wirklichen Kosmos heraus läßt sich Lebenswertes gestalten. Abstrakte Universen kann sich jeder leicht zusammenschustern, darin leben kann man nicht. Erobern wir uns also den Anschluß an die "nichtuniversalistische (nicht-graue) kosmische Ebene" zurück! Auch Caroline Sommerfeld und ich haben einen größeren Beitrag dazu in Vorbereitung.

Natürlich ist Zhao in der Diagnose besser als in der Therapie. Und daß Zhao dann viel in die Zhou-Dynastie reinprojiziert, wie Kaiser richtig schreibt, geschenkt! Ich doziere hier in Peking vor meinen Waldorflehrer-Studenten viel darüber, wie man wirklich in die Zeit vor Kong Dze hineinkommt (z.B. die Zhou-Dynasie), von der doch der moderne Chinese zunächst einmal un-vor-stell-bar weit entfernt ist.

Allein Zhaos Bemühung finde ich bereits interessant genug. Die Suche nach dem Eigenen und das Gefühl, man habe es verloren und könne es nicht wiederfinden und das tiefe Leid darüber ist hier in China überall zu spüren, oft wie Verzweiflung. Diesem riesigen Mangelgefühl ein bißchen Linderung zu geben, das versucht Zhao, so gut er kann. Zu dem Eigenen gehört nämlich auch die eigene Natur-, die eigene Kosmosbeziehung. Die wurde uns von den Gestell-Leuten nämlich auch weggenommen. Jetzt soll diese Gestell-Natur, dieser Gestell-Kosmos unsere "Heimat" sein. Schön dumm, wer sich das antun läßt.

Daß solcher Kampf um das Eigene auch für die Unterstützung eines chinesischen Imperialismus genutzt werden kann ... wieder geschenkt! Ist dieses Totschlagargument nicht ähnlich herz- und geistlos wie jedem Autor, der sich die deutsche Vergangenheit wiedererobern will, Nazi-Imperialismus zu unterstellen? Erst einmal verstehen; das zu schnelle Aburteilen einfach mal den Ignoranten überlassen. Man kann ja sogar etwas aus Kissingers Chinabüchern lernen.

Mit ganz herzlichem Gruß aus Peking

Ihr Martin Barkhoff


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (4)

Franz Bettinger

2. April 2021 08:44

Warum glaubt Martin Barkhoff, die westliche Universalität sei abstrakt (und deshalb halb so wild)? Ich sehe leider sehr Konkretes: Globale Player, Kontrolle, globale Verschwörer, einen Plan, globale Planspiele, globale Zensur, den globalen Polizeistaat von Australien bis Anchorage. Masken, Gauner, golbale Geldpolitik, Satelliten wie am Faden gezogen, G5, Reisebeschränkungen, alles global und alles sehr konkret.

Laurenz

2. April 2021 14:01

In der Geschichte der Zivilisation(en), auch in der Chinas, entsteht aber erst Politik. Seitdem muß man das Spirituelle oder auch Philosophische von der Politik im eigenen Leben trennen, quasi säkularisieren, wollte man Ihrem Brief an MS gerecht werden. Denn in den Zeiten jeglicher Zivilisation wurde die Philosophie immer nur benutzt, (Paulus, Marx, die Freimaurer der Aufklärung), um gesellschaftlichen Wandel & politische Ziele ohne tatsächliche Veränderung des politischen Gegebenheiten, nur im Austausch der Protagonisten, zu bewerkstelligen.

Die einzige politische Kraft, die Wohlstand "für alle" jemals zum Inhalt ihrer "Ideologie" machte, waren die Nationalsozialisten (die Deutschen Nationalsozialisten & ihre Nachfolger, wie auch die heutigen chinesischen Nationalsozialisten). Daß bei diesem politischen Ziel tatsächlich die Seele auf der Strecke bleiben kann, mag an der Überforderung der Aufgabe liegen.

Aber mal Hand auf's Herz, wie viele Studenten einer ganzen Generation können sich einen Walldorf-Dozenten leisten? Und nur diejenigen, die sich diesen Dozenten leisten können, besitzen den Luxus, sich auch Hunger nach kosmischer Magie gönnen zu können. Die anderen alle, bekämpfen auch in China den materiellen Hunger, der ausnahmslos jeden, wieder zum Tier macht, wenn er mit Erfolg unter Menschen wütet.

Gracchus

2. April 2021 16:48

Zwiespältig. Der westliche Universalismus besteht darin, dass jeder Mensch Rechte hat. Für die Uiguren oder Häftlinge auf Guantanamo ist ihre Rechtlosigkeit keineswegs abstrakt. Das Menschenrechtsdenken kommt aus dem Natur-, später Vernunftrechtsdenken. Die Umbenennung zeigt schon den (cartesianischen) Bruch an. Seine gegenwärtige Abstraktheit resultiert daraus, dass ihm die Natur abhanden gekommen ist, eben der Kosmos oder die Vorstellung davon. Es dominiert ein Rechtspositivismus, der von jedem vorgängigen ordo abgeschnitten ist. Unter dem (atomistischen)  naturwissenschaftlichen Paradigma lässt sich die Verbindung auch nicht wieder herstellen. Der Westen lebt hierdurch in einer permanenten Schizophrenie. Rechtlich werden dem Menschen Freiheit und Würde zugesprochen, die ihm naturwissenschaftlich wiederum permanent abgesprochen werden.

RMH

2. April 2021 19:20

Der Herr Barkhoff "schenkt" mir ein bisschen zu viel ... und nein, nicht "geschenkt", dies sind wesentliche Punkte.

Da ist mir zu viel Harmoniesucht im Spiel.

Ethnopluralistisch betrachtet hält sich jede Ethnie naturgemäß und salopp formuliert, für den Nabel der Welt und tritt damit "universell" an. Aus der daraus entstehenden Spannung entstehen Reiche, Kulturen und der "Eintritt in die Geschichte".

Am Osterwochenende darf man zudem einmal festhalten, dass mit Jesus Christus das göttliche Heilsgeschehen sich nicht mehr an Völkern und Imperien festmacht, sondern am konkreten Individuum - in ihm allein verwirklicht sich Glaube und Erlösung. Mit Jesus Christus tritt das Subjekt mit Macht auf den Plan. Daraus entwickelte sich die zweitausendjährige Geschichte der Abendlandes.

Und in dieser Tradition sollten wir den Antagonismus gegenüber der asiatischen Welt annehmen.

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