Erziehungsgrundsätze, überdacht (1)

Vor fast zwei Jahren, 2019, kam mein Buch Wir erziehen. Zehn Grundsätze heraus. Mir kommt es bisweilen vor, als entstamme es einer versunkenen Epoche.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Nichts gilt mehr. Men­schen­ge­mä­ße Grund­sät­ze erhe­ben aber den Anspruch, äuße­ren Ver­wer­fun­gen zu wider­ste­hen. Wie schaut Erzie­hung in der Gegen­wart und für die Zukunft aus? Ich habe die zehn Grund­sät­ze über­dacht – her­aus­ge­kom­men sind sowohl Revi­si­on als auch Auf­recht­erhal­ten. Und die Fest­stel­lung am Ran­de, daß “über­dacht” auch bedeu­ten kann, daß es ein Dach über unse­ren Köp­fen gibt. Teil 1 von drei Fol­gen lesen Sie hier, die ers­ten drei Grund­sät­ze lau­ten: Füh­rung, Distanz, Gemeinschaft.

1. Füh­rung ist die selbst­be­wuß­te, kennt­nis­rei­che und situa­ti­ons­ge­rech­te Durch­set­zung des ange­mes­se­nen, rich­ti­gen Ver­hal­tens. Sie ist lie­be­voll und ach­tet die Frei­heit des Kindes.

Uns Eltern wur­de die Füh­rung unse­rer Kin­der in zuvor unge­ahn­tem Aus­maß aus der Hand genom­men, eben­so wie den Leh­rern die Füh­rung ihrer Schü­ler. An ihre Stel­le wur­den ers­tens obrig­keits­staat­li­che All­tags­maß­re­ge­lun­gen und zwei­tens die elek­tro­ni­schen Gerä­te gesetzt. Eine Freun­din schrieb mir, das ver­ord­ne­te “Online-Sein” ihrer Kin­der fän­de sie schlim­mer als “Coro­na”. Der Sou­ve­rän ist einer Kul­tur­re­vo­lu­ti­on zum Opfer gefal­len, und dies nicht urplötz­lich und uner­war­tet. Davon kün­den gro­ße Tei­le mei­nes Buches, daß die Rich­tung etwa seit den 60er/70er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts bereits ein­ge­schla­gen wur­de: die Fami­li­en und den Leh­rer als Füh­rer des Kin­des abzu­set­zen. Als Eltern­haus sich sei­ne Füh­rungs­stär­ke bewußt zurück­zu­ho­len war 2019 mein Rat. Er erging an Eltern, die von “Augenhöhe”-Pädagogik, Gleich­be­rech­ti­gungs­ideo­lo­gie und Dau­er­dis­kus­sio­nen mit ihrem Nach­wuchs ent­mu­tigt waren. Der Geg­ner war also wesent­lich stär­ker als heu­te ein ideo­lo­gi­scher, es han­del­te sich um eine Fra­ge des elter­li­chen Wol­lens, der bewuß­ten Wie­der­an­eig­nung halb­ver­schüt­te­ter Fähigkeiten.

Wenn uns durch “Home­schoo­ling” (ein Hohn für Eltern, die sich ech­ten häus­li­chen Unter­richt zutrau­en) die Mög­lich­keit genom­men ist, die Digi­ta­li­sie­rung wenn schon nicht total zu ver­mei­den, so doch in Hin­blick auf Zeit und Inhal­te zu dosie­ren, ist ein Gut­teil des­sen, wo “Füh­rung” noch vor zwei Jah­ren als Gegen­pro­gramm zum Sog der Bild­schir­me mög­lich war, nun unwi­der­ruf­lich gefal­len. Ein Narr, wer glaubt, daß distance lear­ning nur eine Pan­de­mie-Not­stands­maß­nah­me sei. Das wird blei­ben.

Wir müs­sen als Eltern die­se Abset­zung ver­kraf­ten. Das Wort Ver­kraf­ten beinhal­tet schon, daß aus einem Ver­wand­lungs­pro­zeß Kraft her­vor­geht. Ver­kraf­tet man etwas nicht, unter­liegt man einer frem­den Kraft. Die Kraft kann sich unter den gege­be­nen Umstän­den nicht dage­gen rich­ten, die Digi­ta­li­sie­rung mit aller Kraft ver­mei­den zu wol­len. Die oben erwähn­te Freun­din erzähl­te mir Anfang 2020, die Grund­schul­klas­se ihres Soh­nes wer­de gera­de “spie­le­risch” an eine Online-Lern­platt­form her­an­ge­führt, sie habe die Teil­nah­me ihres Kin­des abgelehnt.Inzwischen gibt es da nichts mehr “abzu­leh­nen”. Elter­li­che Kri­te­ri­en der Schul­wahl sind gefal­len, Lehr­me­tho­den­dif­fe­ren­zen det­to. Selbst Wal­dorf­schu­len, deren Unter­richts­kon­zept genu­in leh­rer­zen­triert, bild­schirm­frei und stark gemein­schafts­be­zo­gen ist (die gan­ze Klas­se voll­führt regel­rech­te Cho­reo­gra­phien im gewöhn­li­chen Unter­richts­all­tag: Sin­gen, Mit­spre­chen, Rezi­tie­ren, Bewe­gen, Tan­zen, Nach­ah­men), muß­ten die Krö­te schlu­cken und dank­bar die vom Staat gra­tis zur Ver­fü­gung gestell­ten Lap­tops anneh­men. Ver­ein­zel­te Leh­rer hal­ten noch mit “Pro­jek­tem­ap­pen” dem tota­len Online­un­ter­richt stand, was schon ver­rückt genug ist, denn die “Arbeits­blät­ter­wirt­schaft” ande­rer frei­er Schu­len (wie Montesso­ri­schu­len und Lern­werk­stät­ten) galt im Wal­dorf­be­reich frü­her als verpönt.

Füh­rung besteht in frei­er Annah­me des Füh­rers durch den Geführ­ten – gegen­über Gerä­ten und Pro­gram­men ist die­se Frei­heit unmög­lich. Dies zeigt sich beson­ders ein­drucks­voll an der “tracking” genann­ten Maß­nah­me: das bei sich geführ­te End­ge­rät über­nimmt die Füh­rung und mel­det, wenn man gera­de ande­re Men­schen “gefähr­det”. Schü­ler müs­sen ihre Kame­ra lau­fen las­sen, damit ihre “Anwe­sen­heit” im Unter­richt kon­trol­lier­bar ist. In der soge­nann­ten “Frei­zeit”, die kaum mehr trenn­scharf vom “schu­li­schen” Com­pu­ter­ge­brauch zu tren­nen ist, sind die Kin­der im sel­ben Mal­strom: ohne leben­di­ge Freun­de und kör­per­li­che Tätig­kei­ten über­nimmt das Gerät die Füh­rung. Manch eine Fami­lie hat­te ihre Kin­der zwi­schen Sport, Musik und Grup­pen­stun­den ein­ge­spannt, um die Sucht ein­zu­däm­men – die­ses äuße­re Gerüst trägt nicht mehr. Und das inne­re Gerüst ist noch nicht sta­bil genug aus­ge­bil­det beim Heranwachsenden.

Eltern und Leh­rer sind leben­di­ge Men­schen, also kön­nen im wah­ren Wort­sin­ne nur sie füh­ren und die Kin­der von ihnen geführt wer­den. Für uns Eltern gilt: In den rarer wer­den­den Momen­ten der Nähe kommt es auf die Kraft der Eltern an, das ange­mes­se­ne­ne, rich­ti­ge Ver­hal­ten durch­zu­set­zen. In dem Maße, wie Füh­rung uns erschwert wird, wächst ihr punk­tu­el­ler Wir­kungs­grad. Der Schwer­punkt ver­schiebt sich zum “situa­ti­ons­ge­rech­ten” und “ange­mes­se­nen” Füh­ren­kön­nen – unter Bild­schirm­be­din­gun­gen ist das Hier­ar­chie­pro­blem (Erwach­se­ner – Kind) umstän­de­hal­ber dem dring­li­che­ren Zeit­pro­blem (Bild­schirm­zeit – Nähe­zeit) gewi­chen. Was wird dann aber aus der nöti­gen Distanz?

2. Distanz ist die Grund­span­nung der Erzie­hung. Gleich­wer­ti­ge Part­ner haben kei­ne Ent­wick­lungs­chan­ce. Erzie­hung setzt Hier­ar­chie voraus.

Mehr Distanz in Zei­ten des distance lear­nings? Ist das nicht Hohn und Spott? Mit­nich­ten. Distanz in einem guten Sin­ne ist eine ver­ti­ka­le Distanz, denn zwi­schen Höhe­rem und Nie­de­rem, zwi­schen Erwach­se­nem und Her­an­wach­sen­dem besteht ein not­wen­di­ges Gefäl­le. Auf­schau­en ist die geis­ti­ge Bewe­gung, die dar­aus ent­ste­hen kann. Distan­ziert man die Kin­der zwangs­wei­se ver­ti­kal von­ein­an­der, neu­deutsch social distancing genannt (“sozi­al” hat hier auch die Neben­be­deu­tung “pro­so­zi­al” unter­ge­schmug­gelt bekom­men), wird deut­lich: auch unter­ein­an­der pfle­gen Kin­der nor­ma­ler­wei­se Hier­ar­chie­be­zie­hun­gen. Kin­der schau­en sich mime­tisch von ande­ren Fer­tig­kei­ten ab, ler­nen vom Älte­ren oder Hilfs­be­rei­te­ren oder auch (der soge­nann­te “heim­li­che Lehr­plan”) vom Fie­se­ren und Schlaue­ren. Dies entfällt.

Wir hat­ten bis vor zwei Jah­ren in gewis­ser Hin­sicht das Pro­blem zu gro­ßer Nähe, einer Dys­ba­lan­ce zuguns­ten der Kum­pel­el­tern­schaft, Kuschel­päd­ago­gik und Gefühls­spra­che. Nun ist an des­sen Stel­le das Pro­blem zu gro­ßer Distanz getre­ten, die aller­dings kei­ne gedeih­li­che Distanz ist (wel­che etwa in der devo­tio­na­len Hal­tung des Kin­des und Jugend­li­chen gegen­über einem Erwach­se­nen, der Stär­ke und Weis­heit aus­strahlt, vor­liegt, und in der Rol­len­di­stanz zwi­schen Füh­rer und Gefol­ge in Jugend­grup­pen oder beim sport­li­chen Trai­ning zum Aus­druck kommt).

Es ist die Distanz­kul­tur einer Erwach­se­nen­welt: Online­kon­fe­ren­zen, Chat­rooms, eige­ne Hom­pa­ges, digi­ta­le Zweit­i­den­ti­tä­ten und “Face­book­freun­de” usw. gehör­ten frü­her aus­schließ­lich den Erwach­se­nen, nur “coo­le” libe­ra­le Smart­pho­ne-mit-6-Schen­ker stülp­ten ihren “Kids” ihr eige­nes Cyber-Leben über. Man beklag­te nicht nur unter Kon­ser­va­ti­ven son­dern auch in der durch­schnitt­li­chen Leh­rer­schaft noch vor zwei Jah­ren, daß Kin­der immer jün­ger mit dem Leben in der Zweit­welt anfingen.

Hier wird ein Kul­tur­bruch deut­lich: die Seins­dif­fe­renz zwi­schen Erwach­se­nem und Kind wird in der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart kul­tu­rell geschleift (frü­he­re Epo­chen kann­ten ähn­li­che Ein­eb­nung der Rol­len: das höfi­sche Zere­mo­ni­ell bezog die jun­gen und jüngs­ten Adli­gen genau­so kom­plett in die Erwach­se­nen­rol­len ein, wie arme Arbei­ter- und Bau­ern­kin­der nur eine sehr kur­ze geschütz­te Lebens­span­ne hat­ten, bevor sie mit­ar­bei­ten mußten).

Aus der fal­schen Distanz ent­steht ein umso grö­ße­res Bedürf­nis nach Nähe. Man­che Eltern, beson­ders Müt­ter jün­ge­rer Schü­ler, wür­den am liebs­ten die  bild­schirm­frei­en Augen­bli­cke zum sofor­ti­gen Kuschel­über­fall nut­zen. Und die Kin­der – auch älte­re Jugend­li­che – regre­die­ren ent­spre­chend: ihre Lebens­wei­se wird bett­nah, füt­te­rungs­be­dürf­tig und klein­kind­haft. Hier jetzt aus päd­ago­gi­schem Prin­zip mit Ent­zug, Auf­for­de­rung und Pflich­ten zu inter­ve­nie­ren ist in der Theo­rie rich­tig, in der Pra­xis immer weni­ger durch­führ­bar. Die von der Schu­le aus der Distanz der “Teams”-Plattform-to-do-Lis­te gefor­der­ten Pflich­ten wer­den immer blut­lee­rer und immer unver­bind­li­cher. An ihnen wird über­deut­lich, daß das, was ich unter “Anspra­che” durch die Din­ge in der Lebens­welt gefaßt habe, weit­ge­hend ver­schwun­den ist.

Distanz in einem guten Sin­ne bedeu­tet also im Augen­blick und für die erwart­ba­re Zukunft erst ein­mal nicht viel mehr, als sich als Erwach­se­ner nicht “rein­zie­hen” zu las­sen in den regres­si­ven Schlen­dri­an, son­dern den Zockern, Lang­schlä­fern und Mecke­rern ein Vor­bild an Tages­or­ga­ni­sa­ti­on, gepfleg­tem Äuße­ren und vor allem: auf­ge­räum­ter Stim­mung und inne­rer Auf­rich­tung zu sein. Eine sol­che Distanz teilt sich non­ver­bal mit und zieht nach oben. Gewiß wirkt sie nicht wie ein Wun­der­mit­tel, aber eine auf­recht­erhal­te­ne und ‑erhal­ten­de Span­nung ist fast phy­sisch spürbar.

3. Gemein­schaft lehrt Ein­schrän­kung, Eigen­art, Hilfs­be­reit­schaft, Durch­set­zungs­ver­mö­gen und Sta­bi­li­tät. Kin­der müs­sen auf­ge­ho­ben sein in einem grö­ße­ren Ganzen.

Vie­le Kin­der haben seit Mona­ten kei­ne Grup­pen mehr erlebt, und wenn, dann unter Hygie­ne­auf­la­gen, die Spie­len, frei­es Spre­chen, Ver­ste­cken, Toben und Unbe­ob­ach­tet­sein unmög­lich machen. In der Schu­le auf dem Platz zwei Meter weit vom nächs­ten Kind mit Mas­ke zu sit­zen fällt ein­deu­tig nicht unter Gemeinschaft.

Das Erzo­gen­wer­den durch die Grup­pe ist eine anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te. Wenn sie Kin­dern sys­te­ma­tisch über län­ge­re Zeit genom­men wird, sind die Fol­gen abseh­bar. Das The­ma “Tyran­nen­kin­der” habe ich in mei­nem Erzie­hungs­buch erwähnt, es bekommt unter Iso­la­ti­ons­be­din­gun­gen neue Spit­zen­qua­li­tät. Die Kern­fa­mi­lie als Gemein­schaft wäre dann trag­fä­hig, wenn sie ers­tens groß genug (also meh­re­re Kin­der und zwei anwe­sen­de Eltern) wäre und zwei­tens Tätig­kei­ten bereit­hiel­te, die zur Mit­ar­beit ver­pflich­ten (in Gar­ten, Stall, Bau­stel­le, in die Nach­bar­schaft aus­grei­fend). Denn nur in einer Gemein­schaft, in der es über­haupt Auf­ga­ben gibt (jen­seits der leich­ten Bedie­nung der Haus­halts­ge­rät­schaf­ten), sind Gemein­schaft­stu­gen­den über­haupt gefragt. Die in einer Drei­zim­mer­woh­nung zusam­men­ge­sperr­te Fami­lie im “Lock­down” bringt das Gegen­teil von (in der Pro­pa­gan­da gern her­bei­zi­tier­ter) “Acht­sam­keit und neu ent­deck­ter Gemein­schaft” her­vor, näm­lich psy­cho­lo­gisch völ­lig ver­ständ­li­che zen­tri­fu­ga­le Flucht­be­we­gun­gen – jeder endet vor sei­nem Gerät.

Das abs­trak­te grö­ße­re Gan­ze der “one world tog­e­ther at home” wird als hoh­le Phra­se kennt­lich in dem Moment, wo die­se Phra­se auf rea­le Kin­der stößt. Kin­der kön­nen von den kleins­ten der pes­ta­loz­zi­schen kon­zen­tri­schen Krei­se (dem Mut­ter­schoß und, einen Kreis grö­ßer, der Fami­lie, nahen Ver­wandt­schaft und Freun­des­krei­sen) nicht abs­tra­hie­ren. Über “Abstand­hal­ten” neu­de­fi­nier­ter Zusam­men­halt ist Kin­dern nur unter Auf­bie­tung gröbs­ter Indok­tri­na­ti­on zu verklickern.

Die Gemein­schafts­sehn­sucht wird zum Erpres­sungs­mit­tel in dem Moment, wo Schul­kin­der nur noch “getes­tet” in ihre Klas­sen zurück­keh­ren dür­fen (und in die­sem Som­mer an allen Frei­zeit­ver­an­stal­tun­gen nur noch mit Test teil­neh­men), oder  – die Eltern haben selbst­ver­ständ­lich “die freie Wahl” – wei­ter­hin im distance lear­ning allein zuhau­se hocken blei­ben. Will man als kri­ti­sche Eltern da auf sei­nen Prin­zi­pi­en bestehen? Hier gera­ten wir in die licht­mes­zschen Gefil­de des “Prei­ses des Wider­stands”. Denn als Erwach­se­ne kön­nen wir viel­leicht noch gezwun­ge­ner­ma­ßen auf alle Annehm­lich­kei­ten des gemein­schaft­li­chen Lebens bewußt Ver­zicht leis­ten, weil der Preis zu hoch ist, aber für Kin­der sind Gleich­alt­ri­ge ein Ele­men­tar­be­dürf­nis. Sta­bi­li­tät und Auf­ge­ho­ben­sein ste­hen dann als eine Sei­te der in Wir erzie­hen erklär­ten “pola­ren Gegen­sät­ze” der ande­ren Sei­te gegen­über: Frei­heit und Individualität.

In der lin­gua coro­nae impe­rii wer­den aus­ge­rech­net die Grund­be­grif­fe  kon­ser­va­ti­ver,  kind­ge­mä­ßer Erzie­hung einer neu­er­li­chen “lin­gu­is­ti­schen The­ra­pie” (Her­bert Mar­cu­se) unter­zo­gen (die ers­te spiel­te sich in der Post-68-er-Ära ab: die lin­ke Neu­fas­sung von Begrif­fen wie Frei­heit, Demo­kra­tie, Mün­dig­keit etc.). Füh­rung wird zu tracking, Distanz wird zu social distancing, Gemein­schaft zu #wir­hal­ten­ab­stand. Den ande­ren Grund­sät­zen ergeht es kaum anders. Wir wer­den weitersehen.

– – –

Caro­li­ne Som­mer­felds Wir erzie­hen. Zehn Grund­sät­ze (2. Auf­la­ge) kann (und soll­te) man hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (26)

Franz Bettinger

13. April 2021 10:04

Wer sich zeitlich leisten kann, selbst zu erziehen, hat in der gegenwärtigen Situation vielleicht sogar den Vorteil, seine Kinder von diesem (schon seit langem) Hirne waschenden, verdummenden Schul- und Mobbing-System fernzuhalten und zuhause zu unterrichten, weil die Schulpflicht wegfällt. Hätte ich Kinder, wäre das schon immer mein Bestreben gewesen. Die Schule ist doch per se schon ein Skandal.

Kommentar Sommerfeld: Die Schulpflicht fällt in der BRD keineswegs weg. Nur die Präsenzpflicht - sodaß eine Online-Unterrichts-Pflicht draus geworden ist. Genau das i s t ja die Misere. In Österreich ist es aufgrund der Bildungs- ohne Schulpflicht besser, aber auch da muß man das Kind ggf. vor Schuljahresbeginn zum häuslichen Unterricht abmelden (muß also rechtzeitig gewußt haben, wie Schule derzeit und in Zukunft abläuft) und die Schüler müssen (mit Test und Maske) Externistenprüfungen ablegen.

Franz Bettinger

13. April 2021 11:16

@CS: Entschuldigung, wenn ich dumm zurückfrage: Online-Unterrichts-Pflicht? Wie das? Es gibt doch kein Gesetz und keine Pflicht auf den Besitz eines PCs oder smartphones oder ein being-online-Gebot? Das ist der Hebel. Oder? 

Kommentar Sommerfeld: Doch! Eben deshalb schrieb ich am Beispiel der Waldorfschule (dasselbe weiß ich auch von freien Alternativschulen), daß die "bedürftigen" Kinder (sowohl die Fraktion aus der Platte als auch die vom Ziegenhof mit den selbstgestrickten Wollpullovern) flächendeckend mit Laptops gratis versorgt worden sind. Ich kenne auch Fälle, wo bildungsferne Kinder in die Schule müssen, um dort in der "Notbetreuung" mit Abstand und Maske im Computerraum am Online-Unterricht teilnehmen zu können.

RMH

13. April 2021 11:30

Die Versorgung mit Endgeräten hapert aber noch gewaltig in Deutschland ...

Franz Bettinger

13. April 2021 11:44

Es passt nicht ganz in den Kontext, aber ich will’s loswerden, weil’s mich umgehauen hat - ab 3'17'' https://www.youtube.com/watch?v=og0iMCYrc2k Und dann erst sah ich das Datum. 28.08.2012. Was für eine Vision! 

Laurenz

13. April 2021 11:53

@CS

Also im Grunde war die pädagogische Virtualisierung schon vor mehr als 10 Jahren abzusehen.

Schon vor 30 Jahren lasen die Assistenten der BWL-Profs in Buchhaltung nur noch aus dem Skript des Profs vor 400-800 Studenten vor. Da kann man natürlich ein Video laufen lassen, & Fragen im Chat beantworten. Man spart sich die Vorlesungs-Räume & die Energiekosten. Daß wir bis jetzt alle morgens ins Büro sind, hat doch nur noch mit der Tradition zu tun, alles viel zu teuer, kann man mindestens um die Hälfte reduzieren. Allerdings setzt das ein flächendeckendes Angebot schneller Leitungen voraus. 

Kinder sind natürlich eine andere Hausnummer. Hier funktioniert Pädagogik zwar genauso virtuell, (siehe Sesamstraße oder die Sendung mit der Maus), wie bei Studenten, aber Kinder müssen soziales Leben mit anderen erst lernen. das geht nicht zuhause vor der Glotze.

Sekundant

13. April 2021 12:29

Den Anhängern der Auswanderung muß ich leider entgegenhalten: Migration (und nichts anderes heißt "Wanderung" zurück übersetzt ja letztlich) ist auch keine Lösung - bzw. die schlechteste aller Scheinlösungen. Die Frage des "Wohin" sollte also keinesfalls gestellt werden.

Imagine

13. April 2021 13:36

2/2

Daraus entstand die heutige konformistische Linke mit ihrer Identitätspolitik, ein Sammelsurium von Links-Spießern und Links-Reaktionären.

So wurde z.B. der feministische Blödsinn verbreitet, dass die Welt besser werde, wenn mehr Frauen in Machtpositionen kommen. Oder es wurden systemimmanente Öko-Illusionen propagiert. Ein mehr oder minder großer Teil driftete in die Esoterik ab. Oder man hielt die Gender-Frage für entscheidend. Oder man erhoffte sich von Multi-Kulti oder „no borders, no nations“ eine menschlichere Welt.

Tatsächlich ging und geht der gesellschaftliche Verfall weiter. Die kapitalistische Barbarei dringt in alle gesellschaftlichen Bereiche ein. Aktuelles Beispiel sind die gesellschaftlichen Transformationsprozesse hin zu einem Faschismus neuen Typs im Rahmen des Corona-Szenarios. Was jedoch links wie rechts geleugnet wird.

Für die konformistische Linke ist der heutige Hauptfeind China. Darin unterscheiden sie sich nicht von den rechten Reaktionären.

Die affirmativen Linksliberalen propagieren die Illusion einer Rückkehr zur Sozialen Marktwirtschaft, die ihre Blütezeit vor einem halben Jahrhundert hatte. Dabei ignorieren sie Gesellschaftswissenschaftler wie z.B. Wolfgang Streeck, die klar darlegen, warum dies nicht möglich ist.

 

Niekisch

13. April 2021 14:09

Mein Onkel, Gymnasiallehrer für Deutsch und Französisch und Sport, hat mir zur Abschreckung vor den 68igern das Werk von Alain ( Emil Chartier ), Über die Erziehung, Schöningh 1963, geschenkt und ich habe immer wieder hineingeschaut. Streng führend, aber menschlich um Gerechtigkeit bemüht, das war des Autors Devise.

In unserer Gegend der Besiedelung mit 190 Nationen dürften manche Lehrer und viele Eltern sich über das "homeschooling" insgeheim freuen, weil die restdeutschen Kinder nicht mehr jeden Tag die insbesondere türkischen und arabischen "Prinzen" fürchten müssen, die einen geregelten Unterricht nahezu unmöglich machen.

 

Imagine

13. April 2021 15:37

@C.S.
Wohin soll man denn auswandern, um der "Systemfalle" zu entkommen?

Das kann man nicht generell beantworten, weil es von den individuellen Voraussetzungen abhängig ist.

Immerhin besitzt man in der EU noch Freizügkeit innerhalb von derzeit 27 Ländern.

Aber inzwischen wollen einige Idioten einen Austritt aus der EU. Dann wäre man in Deutschland gefangen wie zur NS-Zeit.

Das historisch Neue ist, dass man sich heute nicht einmal mehr irgendwo in den Wald oder sonstwo zurückziehen kann. Denn die Überwachung ist inzwischen fast total. Durch Handy, Internet, Videoüberwachung mit Gesichtserkennung etc. sind die Individuen ständig unter Kontrolle. Fehlt nur noch die Bargeldabschaffung und der implantierte Chip wie bereits in Schweden.

Kommentar Sommerfeld: Genau das meinte ich, sehe ich wie Sie. Ein Bekannter wanderte kürzlich Orbáns wegen nach Ungarn aus und hat sich ordentlich umgeschaut, wie rigide dort die C-Maßnahmen sind. Kein Paradies für kritische Auswanderer, jedenfalls in dieser Hinsicht.

Dann kann man sich nicht mehr durch Bettelei am Leben erhalten, weil es kein Bargeld mehr gibt.

Hunger gehört zur Normalität in den USA. Das Corona-Szenario beschleunigt sozialen Abstieg und Abstieg beschleunigt durch Corona Pandemie:
Einst waren sie Ärzte oder Elektrotechniker – heute stehen sie für eine kostenlose Mahlzeit an. In Amerika grassiert der Hunger. (NZZ v. 7.4.21)

Dagegen erscheint selbst die sozialistische Sklavenhaltung der DDR als eine bessere Welt.

Maiordomus

13. April 2021 15:48

Die Texte von Frau Sommerfeld scheinen mir im guten Sinn geerdet, sind um Welten "heutiger" als was gelegentlich in einem durchaus ähnlichen Sinn vor allem vor Jahrzehnten die wohl doch zu sendungsbewusste und übereifrige Christa Mewes schrieb, die, soviel ich weiss, sich aber noch des Lebenslichtes erfreut. Als Zeitkritikerin hat sie sich indes in vielem selber überlebt. Schreibe ich als einer, der sie vor 40 Jahren gegen Angriffe noch vehement in Schutz nahm. 

Ein hochinteressantes Buch für die heutige Zeit ist "Die Ehe" aus Sicht der historischen Volkskunde, bei welcher das Erotische fast nur nebenher läuft, von Will Erich Peuckert mit Vorwort vom Mai 1955, meiner übrigens ersten intensiven Lesephase, jedoch damals noch nicht auf jenem Niveau, da stand die immerhin nicht zu unterschätzende Johanna Spyri bei mir noch im Vordergrund. Zu den sehr guten Frühwerken Peuckerts, der regelmässig Schlesien und Holland miteinander vergleicht, gehört seine unter dem Gesichtspunkt von Kulturgeschichte, etwa die Zeitgenossen der Hauptperson betreffend, durchwegs Laien als Mahner und Propheten, wertvollen Biographie von Jacob Boehme. Bemerkenswert für Peuckert 1955: Eine konservative, aber nicht fundamentalistische, sehr kundige Auseinandersetzung mit dem damals epochalen, den Feminismus begründenden Buch "Das andere Geschlecht" von S. de Beauvoir. 

RMH

13. April 2021 15:57

Liebe Leute,

es tut sich was an der Rechtsprechungsfront. Nach der Entscheidung des AG Weimar zum Kindeswohl schließt sich jetzt eine Richterin am AG Weilheim dieser Auffassung an. Näheres dazu findet man bei Tichy.

Dietrichs Bern

13. April 2021 18:03

Aus eigener Praxis (fast seit einem Jahr Homeoffice zu zweit + 2 Kinder im Homeschooling) : Es gibt kaum noch Maßstäbe das zu beschreiben, von unmotivierten Lehrern, die offensichtlich gerne den Technik-Kevin geben, ständiger Wechsel zwischen Präsenzunterricht,Video - dann aber max. 45 Minuten am Tag, dafür 2 Tage die Woche nichts, nur Aufgaben, Vermittlung des Lehrstoffes fast komplett an die Eltern "outsourcen" usw.

In einer kinderlosen,alternden Gesellschaft, die von Politikern und öffentlich Bediensteten, die eh von der Vorleistung anderer leben, dominiert wird, haben Kinder eben keine Priorität.

 

Niekisch

13. April 2021 18:15

Kleiner Exkurs: Götz Kubitschek jetzt „Barbarossa“… | Metapolitika (wordpress.com)

Der Hausherr und Bademeister avanciert zum metapolitischen Promi...weiter so...

Gracchus

13. April 2021 22:02

@RMH

Das ist ein Hoffnungszeichen. Man wird sehen. SPON diffamiert schon, spricht von Anzeigen gegen den Richter wegen "Rechtsbeugung". Es heißt zwar immer 2 Juristen 3 Meinungen, aber in dem Fall mache ich den "Rezo" und behaupte: Es kann juristisch nur 1 Meinung geben. 

Gracchus

13. April 2021 22:22

Ich habe zwar keine Kinder, hatte aber in den letzten Tagen ausführliche Gespräche mit zwei besorgten Müttern (interessanterweise mit diametral entgegengesetzten Hintergründen). Worin ich eine Chance sähe, wäre, wenn die Eltern gemeinsam aufbegehrten. Offenbar sind die aber auch gespalten, die kanzleramtshörigen bornierten NullCovid-Eltern haben Oberwasser. 

Gracchus

13. April 2021 23:03

Ich sitze auch vor dem Gerät. Den ganzen Tag schon. Warum @Laurenz sollen Kinder noch ein analoges Sozialleben erlernen, wenn sie später eh vor dem Gerät enden? Also sollten sich Erwachsene ebenso über ihr eigenes Leben Gedanken machen. Bzw. über die "kapitalistische Barberei" (@imagine), in der wir leben. 

zeitschnur

14. April 2021 00:45

Musste an Fichtes Gedanken zur Willensfreiheit denken.

"Denn indem sie (die Erziehung) bekennt, daß nach aller ihrer kräftigsten Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d. i. unentschieden schwankend zwischen Gutem und Bösem bleibe, bekennt sie, daß sie den Willen, und da dieser die eigentliche Grundwurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu bilden durchaus weder vermöge, noch wolle oder begehre, und daß dies überhaupt für unmöglich halte." (2. Rede addN, 1808)

Er wirft das den deutschen Erziehern damals vor - schon, und immer wieder kippte das Pendel dann mehr als grausig in die andere Richtung.

Die Frage ist nicht die nach der Hierarchie, ohne die es keine Erziehung gebe, sondern nach der Festigkeit und Verwurzelung im Guten dessen, der erzieht. Auch bei Fichte kann nur die Einsicht in die Notwendigkeit so überzeugen, dass der Zögling dabei bleiben wird. Die Hierarchie kann dabei nicht das tragende Element sein. Das ist der größte Irrtum der Rechten. Würde man so denken, landete man bei genau dem, was derzeit passiert: Manipulation, Obrigkeitshörigkeit und innere Zwanghaftigkeit. Hierarchie bedeutet auf lange Sicht zwangsläufig Technokratie. Und genau das haben wir nun.

Oder wir müssten mal endlich klären, was wir mit "Hierarchie" eigentlich meinen.

Laurenz

14. April 2021 03:03

@Gracchus

Mein Nachbarin hat 2 tolle Kinder. Sie sagt, Sie sieht klar, was hier abgeht, weil Ihre Eltern aus der DDR kamen, deswegen hat Sie gelernt Selbst zu denken.

Hab Ihr angeboten, Ihre Kinder in Musik, Geschichte & Geographie zu unterrichten. Es macht ein Unterschied, ob einen die eigenen Eltern unterrichten, oder jemand "fremdes".

Marc_Aurel

14. April 2021 11:44

Teil 1/2
Was mir gehörig auf die Nerven geht, sind die, nicht nur in diesem Zusammenhang, immer häufiger eingesetzten Anglizismen, die mit ihrer Schwammigkeit ihren Beitrag zur Verblödung der Masse leisten und die im Übrigen nicht selten auch dazu dienen, Umstände, deren Beschreibung in Deutsch zu eindeutig wäre, durch ihren Einsatz zu verschleiern/harmloser klingen zu lassen. Leider wird dieser Ansatz oft auch von den Alternativen/Oppositionellen so übernommen.

Auch wenn ich damit selbst im Freundes- und Bekanntenkreis oft gegen Wände laufe, aber nach wie vor bin ich der Meinung, dass grundsätzlich etwas nicht stimmen kann, wenn Angehörige eines Kulturkreises offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, ihre Gedanken in der eigenen Sprache zum Ausdruck zu bringen. Ich bin ganz sicher nicht pingelig was Rechtschreibung und Grammatik betrifft, aber die eigene Sprache sollte es dann doch bitte mindestens sein…

Das Sprache eine Sache ist, die sich in einem gewissen, fortwährendem Wandel befindet, zu dem auch die Übernahme und Eingliederung von Fremdbegriffen gehören kann, manchmal im Original, manchmal in der eingedeutschten Variante, ist mir durchaus bewusst, allerdings gilt hier, ähnlich wie beim Thema Einwanderung, dass das Argument „das gab es doch schon immer“ häufig dafür missbraucht wird, um dramatische Qualitätsunterschiede kleinzureden. Motto: „Was beschwerst du dich (über den Tsunami), es gab doch schon immer Wellen, die gegen die Küste laufen (gemeint ist die Brandung).“

P.S. Kommentar Sommerfeld: Ich könnte noch konsequenter sein und z.B. "Lockdown" immer Ausgangssperre nennen, oder wie ein Freund erfand: "der Niedersperr" (denn er umfaßt ja auch Geschäftsschließungen und andere Maßnahmen außer der Ausgangssperre). Oder "Online"-Unterricht Fernunterricht und "Homeschooling" häuslichen Unterricht oder Heimunterricht nennen.

Marc_Aurel

14. April 2021 11:45

Teil 2/2
Das hat auch etwas mit Identität, mit Selbstachtung, dem Willen zum Erhalt des Eigenen und dem Bestreben die eigene Kultur zu pflegen und als Angebot in die Welt zu tragen zu tun. Wie soll ernsthaft eine neue, alternative, frische, positive Vision einer deutschen Zukunft gedacht werden, wenn man sich an bewusst herbeigeführten, von gewissen Kreisen mindestens begrüßten, Erosionsprozessen selbst beteiligt?

Man soll doch dann bitte konsequent sein, Deutsch aus dem Lehrplan nehmen, Englisch zur Amtssprache erklären und an die USA gerichtet den Antrag stellen, den Saftladen BRD zu schließen und sich als 51 Bundestaat dem heiß geliebten großen Bruder endlich anzugliedern und gut ist es.

Kommentar Sommerfeld: Es handelt sich um den Unterschied zwischen Objekt- und Metasprache. Auf der Ebene der Objektsprache werden wir Deutschen derzeit von Anglizismen schier erdrückt, die LCI besteht großteils daraus. Dies vor Augen zu führen ist Aufgabe der Metasprache ("reden über die Art, wie wir reden"). Ich habe in dieser Artikelserie alle Anglizismen entweder kursiv (Funktion: Schreibweise der Herkunftssprache so belassen als Fremdkörper und optisch markieren) oder in Anführungszeichen (sog. "Zitatwort", um auszudrücken: so reden die und nicht wir) gesetzt. Am Schluß von Teil (1) ist es just meine These, daß wir es hier mit einer feindlichen Übernahme, einer neuen "linguistischen Therapie" zu tun haben.

anatol broder

14. April 2021 12:41

mein freund karlsson aus der zweit­welt fragt, warum meine freundin caroline aus der dritt­welt bei «menschen­gemässen grund­sätzen» an der zahl zehn fest­hält.

anders überdacht ausgedrückt: ist die dezimale kalibrierung der pädagogi­schen theoreme anthropo­logisch determiniert?

Marc_Aurel

14. April 2021 14:02

@Sommerfeld: mein Ausbruch, wenn man es so nennen will, war auch weniger gegen Ihren Artikel gerichtet, als mehr gegen die Tendenz und kann ohnehin nicht mehr bewirken, als den Sinn dafür in Wenigen etwas zu schärfen.

tearjerker

15. April 2021 09:39

„anders überdacht ausgedrückt: ist die dezimale kalibrierung der pädagogi­schen theoreme anthropo­logisch determiniert?“ Kann man das nicht an ein oder zwei Händen abzählen?

Sekundant

15. April 2021 10:03

Ist es nicht vielleicht ganz einfach: durch das Verwenden von möglichst vielen Fremdwörtern gibt der Redner oder Schreiber der Rede oder dem Geschriebenen - beides von geringer oder keiner Bedeutung - den Anschein, das Fehlende wäre vorhanden.

Gustav Grambauer

15. April 2021 10:29

Das Folgende betrifft zwar nicht das Verhältnis zu den Kindern, aber die Schule: 

I

Wir sehen uns gerade der Verhaltenssteuerung mit Massen-SMS ausgesetzt.

Das Schweizer Verwaltungsverfahren hat formell eröffent zu werden und für Verfügungen ist, nicht ohne Grund, die förmliche Zustellung vorgesehen (§ 34 VwVg / Schweiz, gilt in Deutschland nicht, vgl. §§ 10 und 35a VwVfg / Deutschland, aber auch dort muß man sich sicher nicht alles zumuten lassen).

Auf einem Formblatt der kantonalen Bildungsdirektion mit Hinweis auf eine "Ausbruchstestung" und der Vorankündigung, uns "allfällige Anweisungen" (... wie bitte???) per (Massen-)SMS durchzustellen habe ich gerade das Behördenwappen mit dem Ausdruck unserer folgenden Verfügung überklebt, die Angaben ausgefüllt (dabei die Spalte für unsere Rufnummern und E-Mail-Anschriften durchgestrichen), sodann ein Doppel gezogen, unser (!) neu entstandenes Dokument unterzeichnet, es auch meine Frau unterzeichnen lassen (selbstverständlich auf einer freien Stelle des Papiers, also neben dem "Kästchen"), und es bei der Schule eingereicht:

"Wir untersagen der Primarschule B. die Weitergabe unserer Rufnummern und regulären E-Mail-Anschriften an jedwede Person oder Institution.

Zweckdienlich teilen wir folgende vorübergehend eingerichtete elektronische Ausweichanschrift mit: [email protected]

Die Mitteilung dieser Ausweichanschrift bedeutet keine Zustimmung zur elektronischen Eröffnung i. S. v. § 34 VwVg."

Gustav Grambauer

15. April 2021 10:29

II

Somit entfalten allfällige "Anweisungen" an [email protected] uns gegenüber keine rechtliche Wirkung, auch nicht ggf. durch infolge konkludentes Handeln (wie wohl bei nahezu allen anderen Eltern). Falls wir solchen Anweisungen nachkommen sollten, betonen wir zusätzlich, daß wir dies ggf. unter Vorbehalt und jedenfalls frei von der Anerkenntnis einer Rechtspflicht tun, so daß die Nötigungslage kristallklar erkennbar ist, und zwar außerhalb des Schutzes des verwaltungsrechtlichen Rahmens.

Eigentlich müßten wir darauf bestehen, daß sie uns justitiable Verfügungen im formellen Verfahren zustellen wenn sie uns zu einer Handlung oder Duldung veranlassen wollen. Denn abgesehen davon, daß man es ihnen nicht durchgehen lassen sollte, qua IT-Governance die letzten Rudimente der Rechtsstaatlichkeit auszuhebeln, sollen mit den SMS für den Fall, daß der politische Wind dreht, die strafrechtliche Verfolgung wegen Nötigung, Freiheitsberaubung und noch ganz anderer Delikte sowie die Haftungsinanspruchnahme erschwert bzw. unmöglich gemacht werden.

Nicht unessentiell ist es, gegenüber all den Zumutungen die Selbstachtung zu wahren. Dazu gehört auch das Rechtsbewußtsein.

- G. G.

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