13. April 2021

Erziehungsgrundsätze, überdacht (1)

Caroline Sommerfeld / 26 Kommentare

Vor fast zwei Jahren, 2019, kam mein Buch Wir erziehen. Zehn Grundsätze heraus. Mir kommt es bisweilen vor, als entstamme es einer versunkenen Epoche.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Nichts gilt mehr. Menschengemäße Grundsätze erheben aber den Anspruch, äußeren Verwerfungen zu widerstehen. Wie schaut Erziehung in der Gegenwart und für die Zukunft aus? Ich habe die zehn Grundsätze überdacht - herausgekommen sind sowohl Revision als auch Aufrechterhalten. Und die Feststellung am Rande, daß "überdacht" auch bedeuten kann, daß es ein Dach über unseren Köpfen gibt. Teil 1 von drei Folgen lesen Sie hier, die ersten drei Grundsätze lauten: Führung, Distanz, Gemeinschaft.

1. Führung ist die selbstbewußte, kenntnisreiche und situationsgerechte Durchsetzung des angemessenen, richtigen Verhaltens. Sie ist liebevoll und achtet die Freiheit des Kindes.

Uns Eltern wurde die Führung unserer Kinder in zuvor ungeahntem Ausmaß aus der Hand genommen, ebenso wie den Lehrern die Führung ihrer Schüler. An ihre Stelle wurden erstens obrigkeitsstaatliche Alltagsmaßregelungen und zweitens die elektronischen Geräte gesetzt. Eine Freundin schrieb mir, das verordnete "Online-Sein" ihrer Kinder fände sie schlimmer als "Corona". Der Souverän ist einer Kulturrevolution zum Opfer gefallen, und dies nicht urplötzlich und unerwartet. Davon künden große Teile meines Buches, daß die Richtung etwa seit den 60er/70er Jahren des 20. Jahrhunderts bereits eingeschlagen wurde: die Familien und den Lehrer als Führer des Kindes abzusetzen. Als Elternhaus sich seine Führungsstärke bewußt zurückzuholen war 2019 mein Rat. Er erging an Eltern, die von "Augenhöhe"-Pädagogik, Gleichberechtigungsideologie und Dauerdiskussionen mit ihrem Nachwuchs entmutigt waren. Der Gegner war also wesentlich stärker als heute ein ideologischer, es handelte sich um eine Frage des elterlichen Wollens, der bewußten Wiederaneignung halbverschütteter Fähigkeiten.

Wenn uns durch "Homeschooling" (ein Hohn für Eltern, die sich echten häuslichen Unterricht zutrauen) die Möglichkeit genommen ist, die Digitalisierung wenn schon nicht total zu vermeiden, so doch in Hinblick auf Zeit und Inhalte zu dosieren, ist ein Gutteil dessen, wo "Führung" noch vor zwei Jahren als Gegenprogramm zum Sog der Bildschirme möglich war, nun unwiderruflich gefallen. Ein Narr, wer glaubt, daß distance learning nur eine Pandemie-Notstandsmaßnahme sei. Das wird bleiben.

Wir müssen als Eltern diese Absetzung verkraften. Das Wort Verkraften beinhaltet schon, daß aus einem Verwandlungsprozeß Kraft hervorgeht. Verkraftet man etwas nicht, unterliegt man einer fremden Kraft. Die Kraft kann sich unter den gegebenen Umständen nicht dagegen richten, die Digitalisierung mit aller Kraft vermeiden zu wollen. Die oben erwähnte Freundin erzählte mir Anfang 2020, die Grundschulklasse ihres Sohnes werde gerade "spielerisch" an eine Online-Lernplattform herangeführt, sie habe die Teilnahme ihres Kindes abgelehnt.Inzwischen gibt es da nichts mehr "abzulehnen". Elterliche Kriterien der Schulwahl sind gefallen, Lehrmethodendifferenzen detto. Selbst Waldorfschulen, deren Unterrichtskonzept genuin lehrerzentriert, bildschirmfrei und stark gemeinschaftsbezogen ist (die ganze Klasse vollführt regelrechte Choreographien im gewöhnlichen Unterrichtsalltag: Singen, Mitsprechen, Rezitieren, Bewegen, Tanzen, Nachahmen), mußten die Kröte schlucken und dankbar die vom Staat gratis zur Verfügung gestellten Laptops annehmen. Vereinzelte Lehrer halten noch mit "Projektemappen" dem totalen Onlineunterricht stand, was schon verrückt genug ist, denn die "Arbeitsblätterwirtschaft" anderer freier Schulen (wie Montessorischulen und Lernwerkstätten) galt im Waldorfbereich früher als verpönt.

Führung besteht in freier Annahme des Führers durch den Geführten - gegenüber Geräten und Programmen ist diese Freiheit unmöglich. Dies zeigt sich besonders eindrucksvoll an der "tracking" genannten Maßnahme: das bei sich geführte Endgerät übernimmt die Führung und meldet, wenn man gerade andere Menschen "gefährdet". Schüler müssen ihre Kamera laufen lassen, damit ihre "Anwesenheit" im Unterricht kontrollierbar ist. In der sogenannten "Freizeit", die kaum mehr trennscharf vom "schulischen" Computergebrauch zu trennen ist, sind die Kinder im selben Malstrom: ohne lebendige Freunde und körperliche Tätigkeiten übernimmt das Gerät die Führung. Manch eine Familie hatte ihre Kinder zwischen Sport, Musik und Gruppenstunden eingespannt, um die Sucht einzudämmen - dieses äußere Gerüst trägt nicht mehr. Und das innere Gerüst ist noch nicht stabil genug ausgebildet beim Heranwachsenden.

Eltern und Lehrer sind lebendige Menschen, also können im wahren Wortsinne nur sie führen und die Kinder von ihnen geführt werden. Für uns Eltern gilt: In den rarer werdenden Momenten der Nähe kommt es auf die Kraft der Eltern an, das angemessenene, richtige Verhalten durchzusetzen. In dem Maße, wie Führung uns erschwert wird, wächst ihr punktueller Wirkungsgrad. Der Schwerpunkt verschiebt sich zum "situationsgerechten" und "angemessenen" Führenkönnen - unter Bildschirmbedingungen ist das Hierarchieproblem (Erwachsener - Kind) umständehalber dem dringlicheren Zeitproblem (Bildschirmzeit - Nähezeit) gewichen. Was wird dann aber aus der nötigen Distanz?

2. Distanz ist die Grundspannung der Erziehung. Gleichwertige Partner haben keine Entwicklungschance. Erziehung setzt Hierarchie voraus.

Mehr Distanz in Zeiten des distance learnings? Ist das nicht Hohn und Spott? Mitnichten. Distanz in einem guten Sinne ist eine vertikale Distanz, denn zwischen Höherem und Niederem, zwischen Erwachsenem und Heranwachsendem besteht ein notwendiges Gefälle. Aufschauen ist die geistige Bewegung, die daraus entstehen kann. Distanziert man die Kinder zwangsweise vertikal voneinander, neudeutsch social distancing genannt ("sozial" hat hier auch die Nebenbedeutung "prosozial" untergeschmuggelt bekommen), wird deutlich: auch untereinander pflegen Kinder normalerweise Hierarchiebeziehungen. Kinder schauen sich mimetisch von anderen Fertigkeiten ab, lernen vom Älteren oder Hilfsbereiteren oder auch (der sogenannte "heimliche Lehrplan") vom Fieseren und Schlaueren. Dies entfällt.

Wir hatten bis vor zwei Jahren in gewisser Hinsicht das Problem zu großer Nähe, einer Dysbalance zugunsten der Kumpelelternschaft, Kuschelpädagogik und Gefühlssprache. Nun ist an dessen Stelle das Problem zu großer Distanz getreten, die allerdings keine gedeihliche Distanz ist (welche etwa in der devotionalen Haltung des Kindes und Jugendlichen gegenüber einem Erwachsenen, der Stärke und Weisheit ausstrahlt, vorliegt, und in der Rollendistanz zwischen Führer und Gefolge in Jugendgruppen oder beim sportlichen Training zum Ausdruck kommt).

Es ist die Distanzkultur einer Erwachsenenwelt: Onlinekonferenzen, Chatrooms, eigene Hompages, digitale Zweitidentitäten und "Facebookfreunde" usw. gehörten früher ausschließlich den Erwachsenen, nur "coole" liberale Smartphone-mit-6-Schenker stülpten ihren "Kids" ihr eigenes Cyber-Leben über. Man beklagte nicht nur unter Konservativen sondern auch in der durchschnittlichen Lehrerschaft noch vor zwei Jahren, daß Kinder immer jünger mit dem Leben in der Zweitwelt anfingen.

Hier wird ein Kulturbruch deutlich: die Seinsdifferenz zwischen Erwachsenem und Kind wird in der unmittelbaren Gegenwart kulturell geschleift (frühere Epochen kannten ähnliche Einebnung der Rollen: das höfische Zeremoniell bezog die jungen und jüngsten Adligen genauso komplett in die Erwachsenenrollen ein, wie arme Arbeiter- und Bauernkinder nur eine sehr kurze geschützte Lebensspanne hatten, bevor sie mitarbeiten mußten).

Aus der falschen Distanz entsteht ein umso größeres Bedürfnis nach Nähe. Manche Eltern, besonders Mütter jüngerer Schüler, würden am liebsten die  bildschirmfreien Augenblicke zum sofortigen Kuschelüberfall nutzen. Und die Kinder - auch ältere Jugendliche - regredieren entsprechend: ihre Lebensweise wird bettnah, fütterungsbedürftig und kleinkindhaft. Hier jetzt aus pädagogischem Prinzip mit Entzug, Aufforderung und Pflichten zu intervenieren ist in der Theorie richtig, in der Praxis immer weniger durchführbar. Die von der Schule aus der Distanz der "Teams"-Plattform-to-do-Liste geforderten Pflichten werden immer blutleerer und immer unverbindlicher. An ihnen wird überdeutlich, daß das, was ich unter "Ansprache" durch die Dinge in der Lebenswelt gefaßt habe, weitgehend verschwunden ist.

Distanz in einem guten Sinne bedeutet also im Augenblick und für die erwartbare Zukunft erst einmal nicht viel mehr, als sich als Erwachsener nicht "reinziehen" zu lassen in den regressiven Schlendrian, sondern den Zockern, Langschläfern und Meckerern ein Vorbild an Tagesorganisation, gepflegtem Äußeren und vor allem: aufgeräumter Stimmung und innerer Aufrichtung zu sein. Eine solche Distanz teilt sich nonverbal mit und zieht nach oben. Gewiß wirkt sie nicht wie ein Wundermittel, aber eine aufrechterhaltene und -erhaltende Spannung ist fast physisch spürbar.

3. Gemeinschaft lehrt Einschränkung, Eigenart, Hilfsbereitschaft, Durchsetzungsvermögen und Stabilität. Kinder müssen aufgehoben sein in einem größeren Ganzen.

Viele Kinder haben seit Monaten keine Gruppen mehr erlebt, und wenn, dann unter Hygieneauflagen, die Spielen, freies Sprechen, Verstecken, Toben und Unbeobachtetsein unmöglich machen. In der Schule auf dem Platz zwei Meter weit vom nächsten Kind mit Maske zu sitzen fällt eindeutig nicht unter Gemeinschaft.

Das Erzogenwerden durch die Gruppe ist eine anthropologische Konstante. Wenn sie Kindern systematisch über längere Zeit genommen wird, sind die Folgen absehbar. Das Thema "Tyrannenkinder" habe ich in meinem Erziehungsbuch erwähnt, es bekommt unter Isolationsbedingungen neue Spitzenqualität. Die Kernfamilie als Gemeinschaft wäre dann tragfähig, wenn sie erstens groß genug (also mehrere Kinder und zwei anwesende Eltern) wäre und zweitens Tätigkeiten bereithielte, die zur Mitarbeit verpflichten (in Garten, Stall, Baustelle, in die Nachbarschaft ausgreifend). Denn nur in einer Gemeinschaft, in der es überhaupt Aufgaben gibt (jenseits der leichten Bedienung der Haushaltsgerätschaften), sind Gemeinschaftstugenden überhaupt gefragt. Die in einer Dreizimmerwohnung zusammengesperrte Familie im "Lockdown" bringt das Gegenteil von (in der Propaganda gern herbeizitierter) "Achtsamkeit und neu entdeckter Gemeinschaft" hervor, nämlich psychologisch völlig verständliche zentrifugale Fluchtbewegungen - jeder endet vor seinem Gerät.

Das abstrakte größere Ganze der "one world together at home" wird als hohle Phrase kenntlich in dem Moment, wo diese Phrase auf reale Kinder stößt. Kinder können von den kleinsten der pestalozzischen konzentrischen Kreise (dem Mutterschoß und, einen Kreis größer, der Familie, nahen Verwandtschaft und Freundeskreisen) nicht abstrahieren. Über "Abstandhalten" neudefinierter Zusammenhalt ist Kindern nur unter Aufbietung gröbster Indoktrination zu verklickern.

Die Gemeinschaftssehnsucht wird zum Erpressungsmittel in dem Moment, wo Schulkinder nur noch "getestet" in ihre Klassen zurückkehren dürfen (und in diesem Sommer an allen Freizeitveranstaltungen nur noch mit Test teilnehmen), oder  - die Eltern haben selbstverständlich "die freie Wahl" - weiterhin im distance learning allein zuhause hocken bleiben. Will man als kritische Eltern da auf seinen Prinzipien bestehen? Hier geraten wir in die lichtmeszschen Gefilde des "Preises des Widerstands". Denn als Erwachsene können wir vielleicht noch gezwungenermaßen auf alle Annehmlichkeiten des gemeinschaftlichen Lebens bewußt Verzicht leisten, weil der Preis zu hoch ist, aber für Kinder sind Gleichaltrige ein Elementarbedürfnis. Stabilität und Aufgehobensein stehen dann als eine Seite der in Wir erziehen erklärten "polaren Gegensätze" der anderen Seite gegenüber: Freiheit und Individualität.

In der lingua coronae imperii werden ausgerechnet die Grundbegriffe  konservativer,  kindgemäßer Erziehung einer neuerlichen "linguistischen Therapie" (Herbert Marcuse) unterzogen (die erste spielte sich in der Post-68-er-Ära ab: die linke Neufassung von Begriffen wie Freiheit, Demokratie, Mündigkeit etc.). Führung wird zu tracking, Distanz wird zu social distancing, Gemeinschaft zu #wirhaltenabstand. Den anderen Grundsätzen ergeht es kaum anders. Wir werden weitersehen.

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Caroline Sommerfelds Wir erziehen. Zehn Grundsätze (2. Auflage) kann (und sollte) man hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (26)

Franz Bettinger

13. April 2021 10:04

Wer sich zeitlich leisten kann, selbst zu erziehen, hat in der gegenwärtigen Situation vielleicht sogar den Vorteil, seine Kinder von diesem (schon seit langem) Hirne waschenden, verdummenden Schul- und Mobbing-System fernzuhalten und zuhause zu unterrichten, weil die Schulpflicht wegfällt. Hätte ich Kinder, wäre das schon immer mein Bestreben gewesen. Die Schule ist doch per se schon ein Skandal.

Kommentar Sommerfeld: Die Schulpflicht fällt in der BRD keineswegs weg. Nur die Präsenzpflicht - sodaß eine Online-Unterrichts-Pflicht draus geworden ist. Genau das i s t ja die Misere. In Österreich ist es aufgrund der Bildungs- ohne Schulpflicht besser, aber auch da muß man das Kind ggf. vor Schuljahresbeginn zum häuslichen Unterricht abmelden (muß also rechtzeitig gewußt haben, wie Schule derzeit und in Zukunft abläuft) und die Schüler müssen (mit Test und Maske) Externistenprüfungen ablegen.

Franz Bettinger

13. April 2021 11:16

@CS: Entschuldigung, wenn ich dumm zurückfrage: Online-Unterrichts-Pflicht? Wie das? Es gibt doch kein Gesetz und keine Pflicht auf den Besitz eines PCs oder smartphones oder ein being-online-Gebot? Das ist der Hebel. Oder? 

Kommentar Sommerfeld: Doch! Eben deshalb schrieb ich am Beispiel der Waldorfschule (dasselbe weiß ich auch von freien Alternativschulen), daß die "bedürftigen" Kinder (sowohl die Fraktion aus der Platte als auch die vom Ziegenhof mit den selbstgestrickten Wollpullovern) flächendeckend mit Laptops gratis versorgt worden sind. Ich kenne auch Fälle, wo bildungsferne Kinder in die Schule müssen, um dort in der "Notbetreuung" mit Abstand und Maske im Computerraum am Online-Unterricht teilnehmen zu können.

RMH

13. April 2021 11:30

Die Versorgung mit Endgeräten hapert aber noch gewaltig in Deutschland ...

Franz Bettinger

13. April 2021 11:44

Es passt nicht ganz in den Kontext, aber ich will’s loswerden, weil’s mich umgehauen hat - ab 3'17'' https://www.youtube.com/watch?v=og0iMCYrc2k Und dann erst sah ich das Datum. 28.08.2012. Was für eine Vision! 

Laurenz

13. April 2021 11:53

@CS

Also im Grunde war die pädagogische Virtualisierung schon vor mehr als 10 Jahren abzusehen.

Schon vor 30 Jahren lasen die Assistenten der BWL-Profs in Buchhaltung nur noch aus dem Skript des Profs vor 400-800 Studenten vor. Da kann man natürlich ein Video laufen lassen, & Fragen im Chat beantworten. Man spart sich die Vorlesungs-Räume & die Energiekosten. Daß wir bis jetzt alle morgens ins Büro sind, hat doch nur noch mit der Tradition zu tun, alles viel zu teuer, kann man mindestens um die Hälfte reduzieren. Allerdings setzt das ein flächendeckendes Angebot schneller Leitungen voraus. 

Kinder sind natürlich eine andere Hausnummer. Hier funktioniert Pädagogik zwar genauso virtuell, (siehe Sesamstraße oder die Sendung mit der Maus), wie bei Studenten, aber Kinder müssen soziales Leben mit anderen erst lernen. das geht nicht zuhause vor der Glotze.

Sekundant

13. April 2021 12:29

Den Anhängern der Auswanderung muß ich leider entgegenhalten: Migration (und nichts anderes heißt "Wanderung" zurück übersetzt ja letztlich) ist auch keine Lösung - bzw. die schlechteste aller Scheinlösungen. Die Frage des "Wohin" sollte also keinesfalls gestellt werden.

Imagine

13. April 2021 13:36

2/2

Daraus entstand die heutige konformistische Linke mit ihrer Identitätspolitik, ein Sammelsurium von Links-Spießern und Links-Reaktionären.

So wurde z.B. der feministische Blödsinn verbreitet, dass die Welt besser werde, wenn mehr Frauen in Machtpositionen kommen. Oder es wurden systemimmanente Öko-Illusionen propagiert. Ein mehr oder minder großer Teil driftete in die Esoterik ab. Oder man hielt die Gender-Frage für entscheidend. Oder man erhoffte sich von Multi-Kulti oder „no borders, no nations“ eine menschlichere Welt.

Tatsächlich ging und geht der gesellschaftliche Verfall weiter. Die kapitalistische Barbarei dringt in alle gesellschaftlichen Bereiche ein. Aktuelles Beispiel sind die gesellschaftlichen Transformationsprozesse hin zu einem Faschismus neuen Typs im Rahmen des Corona-Szenarios. Was jedoch links wie rechts geleugnet wird.

Für die konformistische Linke ist der heutige Hauptfeind China. Darin unterscheiden sie sich nicht von den rechten Reaktionären.

Die affirmativen Linksliberalen propagieren die Illusion einer Rückkehr zur Sozialen Marktwirtschaft, die ihre Blütezeit vor einem halben Jahrhundert hatte. Dabei ignorieren sie Gesellschaftswissenschaftler wie z.B. Wolfgang Streeck, die klar darlegen, warum dies nicht möglich ist.

 

Niekisch

13. April 2021 14:09

Mein Onkel, Gymnasiallehrer für Deutsch und Französisch und Sport, hat mir zur Abschreckung vor den 68igern das Werk von Alain ( Emil Chartier ), Über die Erziehung, Schöningh 1963, geschenkt und ich habe immer wieder hineingeschaut. Streng führend, aber menschlich um Gerechtigkeit bemüht, das war des Autors Devise.

In unserer Gegend der Besiedelung mit 190 Nationen dürften manche Lehrer und viele Eltern sich über das "homeschooling" insgeheim freuen, weil die restdeutschen Kinder nicht mehr jeden Tag die insbesondere türkischen und arabischen "Prinzen" fürchten müssen, die einen geregelten Unterricht nahezu unmöglich machen.

 

Imagine

13. April 2021 15:37

@C.S.
Wohin soll man denn auswandern, um der "Systemfalle" zu entkommen?

Das kann man nicht generell beantworten, weil es von den individuellen Voraussetzungen abhängig ist.

Immerhin besitzt man in der EU noch Freizügkeit innerhalb von derzeit 27 Ländern.

Aber inzwischen wollen einige Idioten einen Austritt aus der EU. Dann wäre man in Deutschland gefangen wie zur NS-Zeit.

Das historisch Neue ist, dass man sich heute nicht einmal mehr irgendwo in den Wald oder sonstwo zurückziehen kann. Denn die Überwachung ist inzwischen fast total. Durch Handy, Internet, Videoüberwachung mit Gesichtserkennung etc. sind die Individuen ständig unter Kontrolle. Fehlt nur noch die Bargeldabschaffung und der implantierte Chip wie bereits in Schweden.

Kommentar Sommerfeld: Genau das meinte ich, sehe ich wie Sie. Ein Bekannter wanderte kürzlich Orbáns wegen nach Ungarn aus und hat sich ordentlich umgeschaut, wie rigide dort die C-Maßnahmen sind. Kein Paradies für kritische Auswanderer, jedenfalls in dieser Hinsicht.

Dann kann man sich nicht mehr durch Bettelei am Leben erhalten, weil es kein Bargeld mehr gibt.

Hunger gehört zur Normalität in den USA. Das Corona-Szenario beschleunigt sozialen Abstieg und Abstieg beschleunigt durch Corona Pandemie:
Einst waren sie Ärzte oder Elektrotechniker – heute stehen sie für eine kostenlose Mahlzeit an. In Amerika grassiert der Hunger. (NZZ v. 7.4.21)

Dagegen erscheint selbst die sozialistische Sklavenhaltung der DDR als eine bessere Welt.

Maiordomus

13. April 2021 15:48

Die Texte von Frau Sommerfeld scheinen mir im guten Sinn geerdet, sind um Welten "heutiger" als was gelegentlich in einem durchaus ähnlichen Sinn vor allem vor Jahrzehnten die wohl doch zu sendungsbewusste und übereifrige Christa Mewes schrieb, die, soviel ich weiss, sich aber noch des Lebenslichtes erfreut. Als Zeitkritikerin hat sie sich indes in vielem selber überlebt. Schreibe ich als einer, der sie vor 40 Jahren gegen Angriffe noch vehement in Schutz nahm. 

Ein hochinteressantes Buch für die heutige Zeit ist "Die Ehe" aus Sicht der historischen Volkskunde, bei welcher das Erotische fast nur nebenher läuft, von Will Erich Peuckert mit Vorwort vom Mai 1955, meiner übrigens ersten intensiven Lesephase, jedoch damals noch nicht auf jenem Niveau, da stand die immerhin nicht zu unterschätzende Johanna Spyri bei mir noch im Vordergrund. Zu den sehr guten Frühwerken Peuckerts, der regelmässig Schlesien und Holland miteinander vergleicht, gehört seine unter dem Gesichtspunkt von Kulturgeschichte, etwa die Zeitgenossen der Hauptperson betreffend, durchwegs Laien als Mahner und Propheten, wertvollen Biographie von Jacob Boehme. Bemerkenswert für Peuckert 1955: Eine konservative, aber nicht fundamentalistische, sehr kundige Auseinandersetzung mit dem damals epochalen, den Feminismus begründenden Buch "Das andere Geschlecht" von S. de Beauvoir. 

RMH

13. April 2021 15:57

Liebe Leute,

es tut sich was an der Rechtsprechungsfront. Nach der Entscheidung des AG Weimar zum Kindeswohl schließt sich jetzt eine Richterin am AG Weilheim dieser Auffassung an. Näheres dazu findet man bei Tichy.

Dietrichs Bern

13. April 2021 18:03

Aus eigener Praxis (fast seit einem Jahr Homeoffice zu zweit + 2 Kinder im Homeschooling) : Es gibt kaum noch Maßstäbe das zu beschreiben, von unmotivierten Lehrern, die offensichtlich gerne den Technik-Kevin geben, ständiger Wechsel zwischen Präsenzunterricht,Video - dann aber max. 45 Minuten am Tag, dafür 2 Tage die Woche nichts, nur Aufgaben, Vermittlung des Lehrstoffes fast komplett an die Eltern "outsourcen" usw.

In einer kinderlosen,alternden Gesellschaft, die von Politikern und öffentlich Bediensteten, die eh von der Vorleistung anderer leben, dominiert wird, haben Kinder eben keine Priorität.

 

Niekisch

13. April 2021 18:15

Kleiner Exkurs: Götz Kubitschek jetzt „Barbarossa“… | Metapolitika (wordpress.com)

Der Hausherr und Bademeister avanciert zum metapolitischen Promi...weiter so...

Gracchus

13. April 2021 22:02

@RMH

Das ist ein Hoffnungszeichen. Man wird sehen. SPON diffamiert schon, spricht von Anzeigen gegen den Richter wegen "Rechtsbeugung". Es heißt zwar immer 2 Juristen 3 Meinungen, aber in dem Fall mache ich den "Rezo" und behaupte: Es kann juristisch nur 1 Meinung geben. 

Gracchus

13. April 2021 22:22

Ich habe zwar keine Kinder, hatte aber in den letzten Tagen ausführliche Gespräche mit zwei besorgten Müttern (interessanterweise mit diametral entgegengesetzten Hintergründen). Worin ich eine Chance sähe, wäre, wenn die Eltern gemeinsam aufbegehrten. Offenbar sind die aber auch gespalten, die kanzleramtshörigen bornierten NullCovid-Eltern haben Oberwasser. 

Gracchus

13. April 2021 23:03

Ich sitze auch vor dem Gerät. Den ganzen Tag schon. Warum @Laurenz sollen Kinder noch ein analoges Sozialleben erlernen, wenn sie später eh vor dem Gerät enden? Also sollten sich Erwachsene ebenso über ihr eigenes Leben Gedanken machen. Bzw. über die "kapitalistische Barberei" (@imagine), in der wir leben. 

zeitschnur

14. April 2021 00:45

Musste an Fichtes Gedanken zur Willensfreiheit denken.

"Denn indem sie (die Erziehung) bekennt, daß nach aller ihrer kräftigsten Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d. i. unentschieden schwankend zwischen Gutem und Bösem bleibe, bekennt sie, daß sie den Willen, und da dieser die eigentliche Grundwurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu bilden durchaus weder vermöge, noch wolle oder begehre, und daß dies überhaupt für unmöglich halte." (2. Rede addN, 1808)

Er wirft das den deutschen Erziehern damals vor - schon, und immer wieder kippte das Pendel dann mehr als grausig in die andere Richtung.

Die Frage ist nicht die nach der Hierarchie, ohne die es keine Erziehung gebe, sondern nach der Festigkeit und Verwurzelung im Guten dessen, der erzieht. Auch bei Fichte kann nur die Einsicht in die Notwendigkeit so überzeugen, dass der Zögling dabei bleiben wird. Die Hierarchie kann dabei nicht das tragende Element sein. Das ist der größte Irrtum der Rechten. Würde man so denken, landete man bei genau dem, was derzeit passiert: Manipulation, Obrigkeitshörigkeit und innere Zwanghaftigkeit. Hierarchie bedeutet auf lange Sicht zwangsläufig Technokratie. Und genau das haben wir nun.

Oder wir müssten mal endlich klären, was wir mit "Hierarchie" eigentlich meinen.

Laurenz

14. April 2021 03:03

@Gracchus

Mein Nachbarin hat 2 tolle Kinder. Sie sagt, Sie sieht klar, was hier abgeht, weil Ihre Eltern aus der DDR kamen, deswegen hat Sie gelernt Selbst zu denken.

Hab Ihr angeboten, Ihre Kinder in Musik, Geschichte & Geographie zu unterrichten. Es macht ein Unterschied, ob einen die eigenen Eltern unterrichten, oder jemand "fremdes".

Marc_Aurel

14. April 2021 11:44

Teil 1/2
Was mir gehörig auf die Nerven geht, sind die, nicht nur in diesem Zusammenhang, immer häufiger eingesetzten Anglizismen, die mit ihrer Schwammigkeit ihren Beitrag zur Verblödung der Masse leisten und die im Übrigen nicht selten auch dazu dienen, Umstände, deren Beschreibung in Deutsch zu eindeutig wäre, durch ihren Einsatz zu verschleiern/harmloser klingen zu lassen. Leider wird dieser Ansatz oft auch von den Alternativen/Oppositionellen so übernommen.

Auch wenn ich damit selbst im Freundes- und Bekanntenkreis oft gegen Wände laufe, aber nach wie vor bin ich der Meinung, dass grundsätzlich etwas nicht stimmen kann, wenn Angehörige eines Kulturkreises offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, ihre Gedanken in der eigenen Sprache zum Ausdruck zu bringen. Ich bin ganz sicher nicht pingelig was Rechtschreibung und Grammatik betrifft, aber die eigene Sprache sollte es dann doch bitte mindestens sein…

Das Sprache eine Sache ist, die sich in einem gewissen, fortwährendem Wandel befindet, zu dem auch die Übernahme und Eingliederung von Fremdbegriffen gehören kann, manchmal im Original, manchmal in der eingedeutschten Variante, ist mir durchaus bewusst, allerdings gilt hier, ähnlich wie beim Thema Einwanderung, dass das Argument „das gab es doch schon immer“ häufig dafür missbraucht wird, um dramatische Qualitätsunterschiede kleinzureden. Motto: „Was beschwerst du dich (über den Tsunami), es gab doch schon immer Wellen, die gegen die Küste laufen (gemeint ist die Brandung).“

P.S. Kommentar Sommerfeld: Ich könnte noch konsequenter sein und z.B. "Lockdown" immer Ausgangssperre nennen, oder wie ein Freund erfand: "der Niedersperr" (denn er umfaßt ja auch Geschäftsschließungen und andere Maßnahmen außer der Ausgangssperre). Oder "Online"-Unterricht Fernunterricht und "Homeschooling" häuslichen Unterricht oder Heimunterricht nennen.

Marc_Aurel

14. April 2021 11:45

Teil 2/2
Das hat auch etwas mit Identität, mit Selbstachtung, dem Willen zum Erhalt des Eigenen und dem Bestreben die eigene Kultur zu pflegen und als Angebot in die Welt zu tragen zu tun. Wie soll ernsthaft eine neue, alternative, frische, positive Vision einer deutschen Zukunft gedacht werden, wenn man sich an bewusst herbeigeführten, von gewissen Kreisen mindestens begrüßten, Erosionsprozessen selbst beteiligt?

Man soll doch dann bitte konsequent sein, Deutsch aus dem Lehrplan nehmen, Englisch zur Amtssprache erklären und an die USA gerichtet den Antrag stellen, den Saftladen BRD zu schließen und sich als 51 Bundestaat dem heiß geliebten großen Bruder endlich anzugliedern und gut ist es.

Kommentar Sommerfeld: Es handelt sich um den Unterschied zwischen Objekt- und Metasprache. Auf der Ebene der Objektsprache werden wir Deutschen derzeit von Anglizismen schier erdrückt, die LCI besteht großteils daraus. Dies vor Augen zu führen ist Aufgabe der Metasprache ("reden über die Art, wie wir reden"). Ich habe in dieser Artikelserie alle Anglizismen entweder kursiv (Funktion: Schreibweise der Herkunftssprache so belassen als Fremdkörper und optisch markieren) oder in Anführungszeichen (sog. "Zitatwort", um auszudrücken: so reden die und nicht wir) gesetzt. Am Schluß von Teil (1) ist es just meine These, daß wir es hier mit einer feindlichen Übernahme, einer neuen "linguistischen Therapie" zu tun haben.

anatol broder

14. April 2021 12:41

mein freund karlsson aus der zweit­welt fragt, warum meine freundin caroline aus der dritt­welt bei «menschen­gemässen grund­sätzen» an der zahl zehn fest­hält.

anders überdacht ausgedrückt: ist die dezimale kalibrierung der pädagogi­schen theoreme anthropo­logisch determiniert?

Marc_Aurel

14. April 2021 14:02

@Sommerfeld: mein Ausbruch, wenn man es so nennen will, war auch weniger gegen Ihren Artikel gerichtet, als mehr gegen die Tendenz und kann ohnehin nicht mehr bewirken, als den Sinn dafür in Wenigen etwas zu schärfen.

tearjerker

15. April 2021 09:39

„anders überdacht ausgedrückt: ist die dezimale kalibrierung der pädagogi­schen theoreme anthropo­logisch determiniert?“ Kann man das nicht an ein oder zwei Händen abzählen?

Sekundant

15. April 2021 10:03

Ist es nicht vielleicht ganz einfach: durch das Verwenden von möglichst vielen Fremdwörtern gibt der Redner oder Schreiber der Rede oder dem Geschriebenen - beides von geringer oder keiner Bedeutung - den Anschein, das Fehlende wäre vorhanden.

Gustav Grambauer

15. April 2021 10:29

Das Folgende betrifft zwar nicht das Verhältnis zu den Kindern, aber die Schule: 

I

Wir sehen uns gerade der Verhaltenssteuerung mit Massen-SMS ausgesetzt.

Das Schweizer Verwaltungsverfahren hat formell eröffent zu werden und für Verfügungen ist, nicht ohne Grund, die förmliche Zustellung vorgesehen (§ 34 VwVg / Schweiz, gilt in Deutschland nicht, vgl. §§ 10 und 35a VwVfg / Deutschland, aber auch dort muß man sich sicher nicht alles zumuten lassen).

Auf einem Formblatt der kantonalen Bildungsdirektion mit Hinweis auf eine "Ausbruchstestung" und der Vorankündigung, uns "allfällige Anweisungen" (... wie bitte???) per (Massen-)SMS durchzustellen habe ich gerade das Behördenwappen mit dem Ausdruck unserer folgenden Verfügung überklebt, die Angaben ausgefüllt (dabei die Spalte für unsere Rufnummern und E-Mail-Anschriften durchgestrichen), sodann ein Doppel gezogen, unser (!) neu entstandenes Dokument unterzeichnet, es auch meine Frau unterzeichnen lassen (selbstverständlich auf einer freien Stelle des Papiers, also neben dem "Kästchen"), und es bei der Schule eingereicht:

"Wir untersagen der Primarschule B. die Weitergabe unserer Rufnummern und regulären E-Mail-Anschriften an jedwede Person oder Institution.

Zweckdienlich teilen wir folgende vorübergehend eingerichtete elektronische Ausweichanschrift mit: [email protected]

Die Mitteilung dieser Ausweichanschrift bedeutet keine Zustimmung zur elektronischen Eröffnung i. S. v. § 34 VwVg."

Gustav Grambauer

15. April 2021 10:29

II

Somit entfalten allfällige "Anweisungen" an [email protected] uns gegenüber keine rechtliche Wirkung, auch nicht ggf. durch infolge konkludentes Handeln (wie wohl bei nahezu allen anderen Eltern). Falls wir solchen Anweisungen nachkommen sollten, betonen wir zusätzlich, daß wir dies ggf. unter Vorbehalt und jedenfalls frei von der Anerkenntnis einer Rechtspflicht tun, so daß die Nötigungslage kristallklar erkennbar ist, und zwar außerhalb des Schutzes des verwaltungsrechtlichen Rahmens.

Eigentlich müßten wir darauf bestehen, daß sie uns justitiable Verfügungen im formellen Verfahren zustellen wenn sie uns zu einer Handlung oder Duldung veranlassen wollen. Denn abgesehen davon, daß man es ihnen nicht durchgehen lassen sollte, qua IT-Governance die letzten Rudimente der Rechtsstaatlichkeit auszuhebeln, sollen mit den SMS für den Fall, daß der politische Wind dreht, die strafrechtliche Verfolgung wegen Nötigung, Freiheitsberaubung und noch ganz anderer Delikte sowie die Haftungsinanspruchnahme erschwert bzw. unmöglich gemacht werden.

Nicht unessentiell ist es, gegenüber all den Zumutungen die Selbstachtung zu wahren. Dazu gehört auch das Rechtsbewußtsein.

- G. G.

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