30. April 2021

»Great Reset mit Stäbchen?« – Zhao zur Wiedervorlage

Martin Sellner / 50 Kommentare

Mein letzter Artikel wurde von manchen Lesern scharf kritisiert. Sein thematischer Kern war das Problem der defensiven Krisekritik im »rechten Lager«.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Anstoß nahm man aber vor allem an Zhao Tingyangs Buch Alles unter dem Himmel. Das war insofern berechtigt, als meine lobende Erwähnung für einige Leute einen falschen Eindruck erwecken konnte.

Von einer eigenständigen Rezension sah ich aber deshalb ab, weil Benedikt Kaiser das bereits in Heft und Blog erledigt hatte. Angesichts der Kritik will ich jedoch meinen Eindruck von Tingyang nachreichen.

Zu Beginn direkt mein Fazit: Ich verstehe Alles unter dem Himmel als spannende Kritik des  Individualismus und seiner Auswirkung auf Staat und Gesellschaft. Wir sehen hier, völlig unabhängig davon, ob Tingyang Chinese, Japaner, Inder oder Koreaner ist, einen herausfordernden »östlichen Blick« auf unser atomistisches Gesellschaftsverständnis. Ihm das chinesische Gesellschafts- und Menschenbild einer »koexistenziellen Ontologie« entgegenzusetzen, ist interessant.

Daraus jedoch die Basis für eine neue Weltordnung zu sehen, welche die Welt zum »politischen« Subjekt machen, ja eine »Weltsouveränität« hervorbringen könnte, überfordert meiner Ansicht nach das Prinzip des Tianxia. Es taugt nicht als Rahmen für eine integrierte und inklusive Welt, und mein Zeuge dafür ist Zhao Tingyang selbst, wie wir am Ende des Beitrags sehen werden.

Ich will nun meine These erläutern und zuerst auf Tingyangs scharfe Kritik des politischen Subjektivismus im Westen eingehen. Diese allein, so gilt es sich zu vergegenwärtigen, lohnt bereits die Lektüre des Zhao-Werkes.

Wie bereits in meinem letzten Artikel erwähnt, stellt Zhao Tinyang der westlichen Trias Individuum – Gemeinschaft – Staat das chinesische Modell  Tianxia – Staat – Sippe gegenüber. Der Einzelne ist für dieses Denken »lediglich eine biologische Entität, bis zu einem gewissen Grad auch eine wirtschaftliche Rechnungseinheit, jedoch keine politische Entität«. (S. 21 f.)

Aus dem christlichen Seelenverständnis entstanden, säkular gewendet, das Individuum und die Ideologie der Menschenrechte. Einzigartig in der Welt, erwächst in Europa die These einer politisch-juristischen Präexistenz des Individuums vor der Gemeinschaft. Diese, und mit ihr Staat und Politik, seien nachgereichte, moralisch fragwürdige »Konstrukte«. Deren Forderungen an den Einzelnen seien stets Anmaßungen und Einschränkungen der angeborenen, unendlichen und subjektiven Menschenrechte.

Staat und Gesellschaft lassen die sich daher nur durch einen Mehrwert für den je Einzelnen moralisch rechtfertigen, was die Grundlage für einen brüchigen »Gesellschaftsvertrag« darstellt. Dieses höchst spezifische Staats- und Gesellschaftsverständnis faßt das Einzelsubjekt von Anfang an als eine Art »Mini-Staat« auf, der als Ich-AG im Urzustand seine private »Außenpolitik« gegen andere Subjekte betreibt.

Just dieses »Außen« analysiert Zhao Tingyang in seinem Buch. Das »kulturelle Außen« des westlichen Staates sei, wie im Monotheismus, ein »unversöhnliches«. Ebenso betrachte der Imperialismus »den Staat als höchstes Subjekt und die Welt als Objekt der Beherrschung«.

Ich verstehe diese These so: Weil das Tianxia nicht auf ein Ursubjekt, sondern auf einer Urgemeinschaft als kleinste politische Einheit aufbaut, ist überhaupt eine universale gemeinschafltiche Ordnung denkbar.  Im neuzeitlichen Subjektivismus entsteht dagegen mit dem ens cogitans eine Monade, die alles außer ihr existentiell bezweifelt.

Die epistemologischen Durchbruchsversuche »zurück in die Welt«, entsprechen dem invididualistischen Aufbauversuchen eines Gesellschaftsvertrags aus dem Urzustand. Die Antwort, der erwähnte brüchig-pragmatische Kontraktualismus, bildete auch den Kontext in dem der Exportschlagers schlechthin, der moderne Nationalstaat entstand.

Tingyangs Ideen treffen sich hier mit Heidegger Kritik der Nation ebenso wie mit identitärer Kritik eines modernen »Weltgeist-Nationalismus«. Der Solipsismus des Einzelnen im fiktiven »Urzustand« überträgt sich direkt auf das »Nationalsubjekt«, das den anderen Staaten in einem bellum ominum contra omnes gegenübersteht.

Die Einigung nach Innen (durch die Befriedung individualistischer Konflikte im Staat) wird durch die Mobilisierung ihrer aggressiven Energien nach Außen erkauft. Totaler Krieg und globale Expansion sind die Konsequenz eines grenzenlosen, instabilen Politsubjekts, das in der Nation oft nicht überwunden, sondern hinaufgesteigert wird.

Das Andere stellt die eigene politische Existenz ebenso infrage wie menschliche Gegenüber ein sollipsistisches Subjekt. Die Stabilisierung der eigenen Identität durch die Assimilierung oder Auslöschung des Anderen, dessen nacktes Dasein einen existentiellen Widerspruch darstellt, ist, so verstehe ich Zhao Tingyang, dem westlichen Denken aufgrund seiner Trias Individuum – Gemeinschaft – Staat inhärent. Seine Kritik setzt dabei (wie die von Alain de Benoist übrigens auch) direkt am Monotheismus an, dem er vorwirft, die Idee des »spirituellen Feindes« überhaupt erst hervorgebracht zu haben.

Zhao Tingyang geht sogar soweit, das Christentum als »weltweit nachwirkende Unterbrechung des Kontakts der Erde zum Himmel« zu bezeichnen, sprich »als den Versuch, allen anderen Kulturen den Kontakt zum Göttlichen zu nehmen, die Sakralität aller anderen Kulturen auszulöschen und das alleinige Recht auf Kontakt zum Göttlichen an sich zu reißen« (S. 200 f.).

Dieser Ansatz von Zhao Tingyang Denken ist wichtig für sein Verständnis und ging in vielen Besprechungen unter. Er sieht darin gar den Ursprung der »Welt als kriegerische Stätte antagonistischer Widersprüche«. Doch selbstverständlich zogen lange vor Christentum und modernem Nationalstaat der »heidnischer Imperialismus« (Julius Evola) Roms ebenso wie die Eroberungen Alexanders und Dschingis Kahns ihre Schneisen durch die Weltgeschichte.

Dem westlichen Hegemoniedenken setzt Tingyang eine kulturell vielfältige und dennoch »vollständig inkludierte« Welt »ohne Außen« entgegen, denn: »Inklusion ist die ontologische Bedingung von Universalität« (S. 210). Doch wie sind Inklusion und Vielfalt mit der Vorstellung einer Weltsouveränität vereinbar? Hier geraten wir an einen inneren Widerspruch in Zhao Tingyangs Konzept.

Das Tianxia erscheint bei ihm als spieltheoretisches Prinzip des wechselseitigen Nutzens durch Kooperation.  Die historische Moment seiner Entstehung war gekommen, als die militärisch unter-, aber kulturell überlegene Quin-Dynastie die Herrschaft über die chinesische Zentralebene erlangte. Sie war dazu genötigt ein System aufzubauen, das auf gegenseitigem Nutzen, wechselseitigen Abhängigkeiten und kultureller Soft power fußte. Den künftigen Kampf um die Kontrolle dieses kulturellen Machtzentrums bezeichnet Zhao Tingyang als »Mahlstrom«, der mit der Zeit immer mehr kulturell diverse Völkerscharen unter dem chinesischen Himmel versammelt habe.

Mir fehlt die spezifische Kenntnis der chinesischen Geschichte, und einige Experten kritisieren entsprechende Interpretationen. Viele Aspekte, etwa die Banalisierung der Chinesischen Mauer (die nicht ins Konzept der grenzenlosen Inklusion paßt), sowie die Verniedlichung der kulturellen Assimilationpolitik und des Tributsystems, machen stutzig. Hier klingt eine Darstellung Chinas an, welches vom Dao über Mao bis Zhao eine historisch einmalige Sendung besitzt. China wäre Modell und Ideengeber eines Systems der globalen Inklusion, das statt einem kriegerischen Gleichgewicht sich belagernder Gladiatoren mittels »relationaler Rationalität« den Nutzen aller maximiere.

Gerade jetzt, da viele Politiker von der Coronapolitik Chinas schwärmen, könnte Zhao Tingyang, um es polemisch zu wenden, auch Bausteine für einen »Great Reset mit Stäbchen« liefern. Denn er will nicht weniger als »die Menschheit vor dem Schicksal eines völlige Scheiterns« bewahren (S. 228).  Abgesehen davon soll sein Denken wohl als sinnstiftende, universale Machtlegitimation Chinas Aufstieg zur Weltmacht begleitet.

Zwar sagt Tingyang explizit, daß das Tianxia »kein neues System der Weltherrschaft“ (S. 228) sei und nennt es ein »antihegemoniales und antiimperalistisches System« (S. 230), ja eine »generelle Einladung an alle Völker und Staaten«, der man »nicht beitreten« müsse. Doch gleichzeitig soll es eine »universale Weltordnung zum Schutz der Welt« (S. 230) und eine »auf die globalen Systeme gestützte Überwachungs- und Regulierungsmacht« (S. 236) bilden.

Jeder Staat, der sich diesem Tianxia und seinem Weltrettungsauftrag verschließt, müßte dann natürlich als Feind der Rettung der Menschheit, und »Gegner des Himmels« vernichtet werden. Die »total inklusive Welt« würde so, bezogen auf ihre Verweigerer, wieder das totale Außen erzeugen, das, anders als etwa in Christentum und Islam, nicht einmal mehr religiös vermittelt wäre. Gerade Zhao Tingyang scharfe Kritik des Monotheismus, der immerhin zwei globale Zivilisationskreise geprägt hat, könnte einen Kampf um die Deutung des Tianxias legitimieren.

Daß die Aufgabe dieser globalen Mission, wie man einwenden könnte, in einer die »Erlösung« der Welt von der westlich-monotheistischen Idee der »Auserwähltheit« selbst bestünde, änderte nichts an ihrem realpolitischen Anspruch. In einer Welt »als kriegerische Stätte antagonistischer Widersprüche« muß sich auch die Idee der Tianxia, samt ihres Trägerstaates, kriegerisch gerieren. Gerade die Idee der historisch-politischen Mission erzeugt oft die brutalsten Gemetzel, zu denen das moderne China, wie die Kulturrevolution zeigte, durchaus fähig ist.

Die Grundproblematik jedes Universalismus betrifft auch das Tianxia: Daß nämlich seine Umsetzung eine globale Kontrolle (bzw., wie Benedikt Kaiser treffend schreibt, eine neue Welthegemonie) voraussetzt, so daß jeder, der sich nicht an seine Regeln hält gemaßregelt werden kann. Neben diesem Problem der konkreten Verortung und Umsetzung widerlegt Zhao Tingyang die These eines globalen Tianxia letztlich selbst. So sehr er auch die Vorteile eines inklusiven und kompatiblen Universalismus, abstrakt, ökonomisch, logisch und spieltheoretisch begründet, kommt er nicht umhin, uns den wahren Kern des Tianxia zu nennen.

Der Grund für dessen Wirksamkeit und die freiwillige Teilnahme vieler fernöstlichen Stämme an der »Jagd auf den Hirschen«, also den Wettstreit um Chinas Soft power, war die »Anziehungskraft der spirituellen Welt«. Die Schriftzeichen und das Ideensystem besaßen die geistige Zentripetalkraft um Auge des kulturellen Mahlstroms zu werden. Das System der Riten und Musik und sein sprachliches Medium, bildeten das einenden Band, quasi die Insignien des Tianxias.

Der Wesenskern des Himmels, der alles unter sich versammelte, war also ethnokulturell-kontingent. Zwar betont Zhao Tingyang wiederholt, das China ein multiethnisches Imperium gewesen sei, doch die ethnischen und kulturellen Unterschiede seiner Stämme sind global gesehen gering. Ohne einer präexistierende Nähe- und Verwandtschaft, hätte die »Jagd auf den Hirschen« niemals diesen einigenden Mythos bilden können.

Ohne ein homogenes System aus Riten und Musik wäre die inklusive Organisation der heterogenen Stämme, allen wirtschaftlichen Vorteilen zum Trotz, nicht möglich gewesen. Auch China kannte die unintegrierbaren Barbaren jenseits der eigenen Ethnosphäre. Das Tianxia ist also weniger der Himmel für alle, sondern der chinesisch-fernöstliche Himmel, der – in einer typisch ethnozentrischen Universalisierung der eigenen Lebenswelt – als Himmel an sich betrachtet wurde. Dass dieser univok-ethnozentrische Raum, im Unterschied zu anderen Imperien weniger expansionistisch auftrat, ist eine interessante und durchaus sympathische Eigenschaft. Ihn deswegen zum neuen universalen Weltprinzip zu machen, ist schwer denkbar.

Das Tianxia als Keim für eine neue globale Ordnung zu akzeptieren, hieße, den chinesischen Himmel über die ganze Welt zu stülpen. Es wäre eine Überforderung des Prinzips, an dem es zerbrechen würde. Das Tianxia ist als der Horizont einer spezifischen Kultur- und Völkerfamilie ein interessantes und lehrreiches Konzept. Für eine umfassende Ordnung bräuchte es eine höheren Ebene über dem chinesischen Modell bzw. ein weiteres Prinzip.

Denn Zhao Tingyang kann noch so oft betonen, daß das Tianxia allen gehöre. Im selben Atemzug, beschreibt er es als einen schwer oder kaum übersetzbaren, dem Westen fremden Wert, auf den er sichtbar stolz ist. An anderer Stelle wird daraus ein »politisches Gen im Wesenskern Chinas« (S. 122). Ebenso könnte der Moslem behaupten, daß der Koran allen gehöre, was nichts an seinem faktischen arabischen Kulturimperialismus ändert.

Das Konzept des Tianxia hat also, wie Zhao Tingyang in seinem Buch selbst belegt, eine narrative Struktur. Man kann es nicht erklären ohne seine Herkunft, und damit die Geschichte Chinas, zu erzählen. Das würde aber bedeuten, daß bei einer Weltsouveränität, basierend auf  dieser Idee, alle Völker an ein chinesisches Narrativ anknüpfen müßten. Indem Tingyang selbst eingesteht, daß das historische Tianxia untrennbar mit einem mythischen, ethnokulturellem »System der Riten« verbunden war, hieße seine Globalisierung notwendig ein globales System der Riten, Mythen und eine Weltsprache.

Es ist richtig und wichtig, daß Zhao Tingyang die ethnokulturelle und religiöse Herkunft des modernen westlichen Universalismus aufdeckt. Ein globales Tianxia würde dagegen ähnliche Fehler begehen und alles andere als einen »kompatiblen Universalismus« darstellen (S. 233). 

Vom philosophischen Standpunkt aus  kann Tianxia demnach kein univokes Prinzip sein, daß »universal, aber nicht universalistisch« (Alain de Benoist) ist. Dieser Rang gebührt dem »Sein«, das bekanntermaßen ja nicht »ist«, sich deshalb als Grundlage für politische Ordnungen nicht eignet und dessen »Seinsgeschichte« keinem Volk und keiner Kultur alleine gehört. 

Zhap Tingyang sollte meiner Meinung nach viel eher in einem Vergleich zwischen chinesischen, westlichen und anderen Universalismen nach einer Möglichkeit der Vermittlung bzw. einer Ebene über dem Tianxia suchen, die unterschiedliche Lebenswelten abgrenzen und in eine vielfältige und und freien Weltzustand fügen könnte.

Hier bietet der an Heidegger geschulte Denker Alexander Dugin vielleicht den besseren Ansatz für eine neurechte Beschreibung der »universalen Ebene« jenseits des Nationalsubjekts. Auch wenn man bei ihm, im tagespolitischen Gewoge, Anklänge einer ethnozentrischen russischen Sendung finden und kritisieren kann, ist sein Konzept der multipolaren Welt immanent vielfältig. Weder der chinesische noch der russische oder amerikanische Horizont können als Weltenhimmel alle Völker und Kulturen der Erde unter sich vereinen.

Ein Modus der friedlichen »Externalität«, den Tingyang immer wieder fordert, kann nur in einem Dialog zwischen den ethnokulturellen Lebenswelten entstehen. Eine neue politische Verständnisebene über dem Tiaxia kann dialogisch in einem »interkulturellen Polylog« entstehen und ist in Form eines Weltsouveräns oder Weltstaates undenkbar.

Ob ein Modus gefunden werden kann, in dem verschiedenen Mythen und ethnokulturelle Lebenswelten nebeneinander bestehen, ohne in der Existenz des Anderen eine existentielle Widerlegung des Eigenen zu sehen, die letztlich erobert, assimiliert und ausgelöscht werden muß, ist der große Prüfstein für das Überleben von Völker, Mythen und Kulturen. Zhao Tingyangs Ansatz kann, wenn es die ethnokulturelle Kontingent des Tianxia erkennt und darüber hinaus denkt, sicher einen Beitrag dazu liefern.

Zhao Tingyang hat uns viel zu sagen und sein Buch hat meiner Ansicht nach das Zeug zur neurechten »Pflichtlektüre«. Die Beschreibung der Welt als chaotische Allmende, die durch das Prinzip der Tragedy of the Commons in eine große Beutezone verwandelt wird, gelingt ihm ebenso gut wie die der Hegemonie der USA und der »Service-Diktatur« der neuen Technologien. Jeder Neurechte wird die Lektüre, schon allein deshalb, weil er die individualistischen Gemeinplätze und demokratischen Heucheleien des linksliberalen Universalismus nicht teilen kann, erfrischend finden.

Wenn Zhao Tingyang sagt: »Die Politik bedient sich zwar der Macht, aber Macht ist nicht ihr Ziel, ihr Ziel ist die Schaffung einer kompatiblen Daseinsordnung, die die Schöpfung wachsen und gedeihen lässt« ( S. 202), stimme ich ihm jedenfalls zu. Übersetzungen weiterer seiner Werke werden uns womöglich zahlreiche Analogien zu Alain de Benoists frühem Denken und Henning Eichbergs Ethnopluralismus sowie der gesamten Problemstellung der »neuheidnischen« Nouvelle Droite offenbaren.

Doch gerade wo Zhao Tingyang mit einer Warnung vor der Selbstvernichtung der Menschheit moralischen Druck in Richtung Tianxia aufbaut, und die angesprochenen Widersprüche ignoriert,  ähnelt er bisweilen einem chinesischen Klaus Schwab. Hier lohnt sich statt dessen ein Blick auf Rolf Peter Sieferles gelasseneren »partikular-reaktiven« Bewältigung möglicher Krisen der Globalisierung, der in ihnen keinen notwendigen Zwang zur politisch geeinten Menschheit sieht. 

Man darf hoffen, daß Zhao Tingyang die Widersprüche seines Konzepts erkennt und auf diese und weitere Widersprüche eingeht. Bleibt das aus, so stellt sich das Tianxia eher als eine geschickte und chinesische Variante des »Willens zur Macht« dar. Politisches Ergebnis wäre ein »Great Reset mit Stäbchen« in dem Marx und Konfuzius, Zhao und Mao, Umwelt- und Viruspolitik zu einer für manche postmoderne Zungen schmackhaften Mischung fusionieren.

Daß Chinas Auftreten notwendig nationaler und »tellurischer« anmutet als die westliche »transatlantische Thalassokratie«, macht die Tianxia sicherlich sympathischer als die Alternative in Form von »Globohomo«. (Darin liegt indes auch eine Gefahr.)

Auf keinen Fall bleibt uns die Auseinandersetzung mit China als neu-altem Weltakteur erspart. Es ist daher ratsam, sich früh mit den einflußreichen Denkern auseinander zu setzen. Überdies kann (und soll) man über China und die KPCh viele kritische Dinge sagen: »Transgenderkinder«, offenen antiweißen Rassenhaß und Musikcharts, die von »Wet ass pussy« und »Danger Dan« dominiert werden, sucht man dort jedenfalls vergeblich. Und China prägt nicht seit Jahrzehnten über kulturelle und politische Hegemonien jene Realität, wie wir sie heute, zum Schaden Europas, bei uns vorfinden. 

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+ Zhao Tingyang: Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft), Berlin: Suhrkamp 2020. 266 S., 22 € – hier bestellen.

+ Benedikt Kaiser bespricht dieses Buch hier sehr differenziert.

+ Auch Dimitrios Kisoudis bearbeitet dieses Thema, und zwar in seinem Text über »Globalismus« in der 100. Sezession. Einige Hefte sind noch hier verfügbar.


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.


Kommentare (50)

Laurenz

30. April 2021 10:24

@MS

Mir ist das etwas zu philosophisch, realitätsfern.

Die chinesische Mauer wurde deswegen gebaut, weil die mongolischen Stämme häufig Hunger litten, und die Chinesen, aufgrund ihrer seßhaften Kultur, mehr zu essen hatten, welches man sich als Mongole aneignen wollte, ohne die eigene nomadische Lebensart aufgeben zu wollen. Auch ein Stalin sah sich gezwungen, den "Großen Vaterländischen Krieg" auszurufen, um seine Leute zu motivieren, wobei es im sozialistischen Sinne vollkommen egal gewesen wäre, ob ein Österreicher statt eines Georgiers herrschte. Wir, werter MS, bilden die einzige Ausnahme. Fast alle Weißen auf dem Planeten stammen von unseren Vorfahren ab. Abwanderung & Föderalismus sind Teil unserer Kultur. & weil wir im Isolat entstanden, haben wir einen Hang zum Exotischen, Sie machen da keine Ausnahme. Allen anderen Kulturen auf dem Planeten ist es völlig egal, was die anderen denken. Die deutsche Linke denkt, da Blut dicker als Wasser ist, mendeln wir einfach Ethnien weg. Denn nur so läßt sich der globale Gedanke durchziehen. Die nicht-deutsche Linke denkt, gebären wir die anderen einfach weg, das hat denselben Effekt, nur daß nachher auf dem Planeten keine Mischrasse lebt, sondern nur noch Chinesen.

Maiordomus

30. April 2021 10:27

Mit der Alternative "Ich-AG" contra Ansprüche des Kollektivs, von Popper abwertend "Horde" genannt, lässt sich buchstäblich, zumal philosophisch reflektiert, kein Staat machen. Das mit der Ich-AG ist nicht zuletzt Bestandteil des grünen zivilreligiösen Glaubensbekenntnisses, wobei dieselbe quasi über die Pflicht zum "Gutmenschentum" geheiligt wird. Was wir brauchen könnten, wäre der angemessene Ausgleich zwischen Staat und Gesellschaft auf der durchaus aristotelischen Basis, dass der Mensch von Natur aus ein Gesellschaftswesen sei, ein "zoon politikon", wie es Aristoteles im 1. Buch seiner Politeia ausführt, mit Neigung zum antitotalitären regimen mixtum, also der gemischten Machtausübung von Führungselementen, Eliten und dem durchaus mit gesundem Menschenverstand gesegneten "Volk" der Vollbürger, zu denen aber naturgemäss nicht jeder zählen kann; man muss sozusagen eingesessen sein; wobei Aristoteles freilich in Sachen Sklaven noch einen blinden Fleck hatte und selbstverständlich auch die Rolle der Frau bestenfalls auf einige der Weisen unter ihnen reduzierte, wie Platon bei Diotima. 

Maiordomus

30. April 2021 10:41

PS. Das wahre Problem beim sog. "libertären" Liberalismus (was zum Beispiel nicht die Linie von Wilhelm Röpke war und auch nicht die Linie der "Hegelschen Rechten" des 19. Jahrhunderts, von Marxisten so denunziert), liegt nun mal bei einem Wohlmeinen, die Freiheit betreffend, in einem falschen, der Sozialnatur des Menschen nicht entsprechenden Weltbild. Erst recht falsch das Weltbild des Marxismus, welches gemäss Solschenizyn (Krebsstation) immer nur predigt "Du bist ein Teil des Kollektivs!" und gemäss Marx/Engels den Massenterror gegen den Klassenfeind befürwortet. Nationalsozialismus und Faschismus, auch Positivismus, beruhen sogar auf absurd falschen Voraussetzungen. Ehrlich gesagt lösen wir das Problem aber nicht damit, dass wir "unser Weltbild", zu dem wir immer nur als anthropologische Basis unterwegs sind, vorschnell zum "richtigen" erklären. Es bedarf einer notwendigen Prise Skepsis, die tiefsten Probleme des Einzelnen und der Menschheit bleiben "quasi in diesem Leben" nun mal unlösbar, was auch Voegelin, der Totalitarismuskritiker, immer hervorhob. An diesen Grundlagen müssen wir arbeiten. 

Franz Bettinger

30. April 2021 11:02

Sellner erwähnt "eine NWO, welche die Welt zum »politischen« Subjekt machen, ja eine »Weltsouveränität« hervorbringen könnte.“

Die Welt kein Objekt, sondern ein Subjekt? Das erinnert mich stark an einen Neuen hier in der Gegend (aus USA, aber mit deutschem Namen), einen seltsam glatten Newcomer (der mit 40 zu früh reich geworden ist, um seine Millionen halbwegs rechtfertigen zu können). Dieses Wesen, das sich grad mehrere (Millionen-teure) Anwesen in der Bay zugelegt hat und "Bekannte und Freunde“ nachziehen (und die Objekte abkaufen) lässt, redet ähnlich von Flüssen, Tälern und Bergen als 'Subjekten', die sich selbst besitzen sollten. Oh nein, das gilt in NZ nicht mehr als spinnert. Bereits 2 riesige Areale (so groß wie das Saarland) haben von der Regierung ganz offiziell den Status einer 'personhood' zuerkannt bekommen und unterstehen (nein nicht sich selbst, denn sie haben keinen Mund; können ihren Willen nicht kundtun) bestimmten 'Guardians'. Diese 'Wächter der Natur' sind Auserwählte (wie jener Neue in der Gegend, der wild nach solchen Konstrukten ist), also Leute, die wissen, was für den Fluss, das Tal, den Wald und den Berg gut ist. Mir drängt sich der Verdacht auf, das hier eine Art Enteignung Alteingesessener zugunsten anderer, neuer Menschen stattfindet. Kurz: Das Thema Enteignung wird seit 2020 auf vielfältige Weise salonfähig gemacht. 2022 soll es ganz konkret soweit sein. Ihr glaubt es nicht? Lest The Great Reset.

Franz Bettinger

30. April 2021 12:00

Off topic? Aber der andere Strang ist geschlossen, und es ist wichtig und sehenswert (trotz Verwendung üblicher Klischees): auch Sarah Wagenknecht begibt sich an die Corona-Front:  https://www.youtube.com/watch?v=wqrXAYUtmbc 

Rheinlaender

30. April 2021 12:01

Der von Herrn Sellner vorgebrachte Vorschlag zur Suche nach "einer Ebene über dem Tianxia [...] die unterschiedliche Lebenswelten abgrenzen und in eine vielfältige und und freien Weltzustand fügen könnte" würde m.E. genau die gemeinsame geistige Grundlage voraussetzen, welche die von ihm kritisierten universalistischen Weltanschauungen herzustellen versuchen. Vielleicht stellt der Wettbewerb oder der Kampf unterschiedlicher universalistischer Weltanschauungen um Hegemonie ja einfach eine unausweichliche Tatsache dar. Dann gäbe es zwei Wege zum Frieden: Entweder die Erkämpfung universeller Herrschaft einer dieser Weltanschauungen oder ein stabiles Machtgleichgewicht unter ihnen. Da sich hinter Herrn Zhaos Worten eine klare Kampfansage verbirgt, wäre aus europäischer Sicht unter diesen Umständen der Weg zum Frieden mit China die Entwicklung der eigenen wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Machtmittel.

Maiordomus

30. April 2021 12:26

@Das Schema mit den universalistischen Weltanschauungen hängt mit Sellners nicht abgeschlossenem Philosophiestudium zusammen. Entschuldigen Sie, ich lehrte das Fach während 33 Jahren, mit zum Teil habilitierten Schülern. 

Maiordomus

30. April 2021 13:12

PS. Betrifft: Nichtdogmatische Einstellung. Unter den amerikanischen Rechten ist der seinerzeit als "Rechtsextremist" apostrophierte übrigens Nixon-Gegner Barry Goldwater, Präsidentschaftskandidat von 1964 und Vorläufer Reagans, als undogmatisch sogar antidogmatisch gegen die amerikanischen Heuchler der "Moral Majority" aufgetreten. Dies sowohl in der Frage der Abtreibung wie auch als besonders verdienstvoll für einen Rechten als Befürworter auch geouteter Homosexueller im Militärdienst, was ja Platon auch in seinem Dialog "Das Gastmahl" positiv vertreten hat. Auf lange Sicht wird in diesen Fragen eine entkrampfte Haltung die richtige sein. Selber unterstützte ich vor Jahren mit Nachdruck eine sozialdemokratische Ständerätin, welche sich sich im Zusammenhang mit Abtreibung entschieden gegen die unnötige voreilige Bekanntgabe des Geschlechtes des zu erwartenden Kindes wandte, im Wissen, dass dies zu Abtreibungen von Mädchen führen würde. Die Mord-Fraktion unter den Feministinnen wandte sich wütend gegen dieses Anliegen, weil sie sahen, dass ihre Lebenslügen zur Unterdrückung des Gewissens durchschaut wurden. Aber natürlich bedeutete die Fristenlösung in gewisser Hinsicht eine Aufwertung des Gewissens. In diesem Sinne forderte der Marquis de Sade schon vor ca. 250 Jahren generell die Straffreiheit für Mord ganz allgemein als Anliegen der Total-Emanzipation des Menschen vor reiner Gesetzlichkeit, durchaus ein anarchischer Revolutionär, u.a. von E. Jünger bewundert. 

Nordlicht

30. April 2021 13:16

"Totaler Krieg und globale Expansion sind die Konsequenz eines grenzenlosen, instabilen Politsubjekts, das in der Nation oft nicht überwunden, sondern hinaufgesteigert wird."

Die damit verbundene Behauptung, dass der Imperialismus DIE Folge des Individualismus christlicher bzw monotheistischer Religionen sei, erscheint mir historisch nicht belegt. Ob man die alt und neupersischen Reiche nimmt, das Römische Reich oder die Mongolen - man findet etliche Beispiele dafür, dass vor-individualistische Bevölkerungen zu expansiven Machtballungen und organisiertem Imperialismus fähig waren.

Im jüdischen Monotheismus ist die Beschränkung auf das eigene Land und der Verbot der Aneignung benachbarter Länder geradezu ein Befehl des Gottes, siehe 5. Mose
"Verrücke nicht die Grenze deines Nachbarn ..."

Laurenz

30. April 2021 14:14

@Nordlicht

"Verrücke nicht die Grenze deines Nachbarn ..."

Eine Fehlinterpretation.

Damit sind die Grenzen hebräischer Nachbarn gemeint, was genauso für die 10 Gebote gilt, es sind Regeln für die Hebräer selbst untereinander.

Für alle anderen gelten diese Gebote nicht. Das gelobte Land, welches Adonai den Hebräern versprach, war zivilisierter bewohnt, als die hebräischen Nomaden selbst lebten. Ob es sich nun um Kanaaniter oder Jebusiter handelte, 70 Völker wurden im AT mit dem Bann Gottes ausgelöscht & ihres Besitzes beraubt. "Ihr werdet in Häusern wohnen, die ihr nicht gebaut & aus Brunnen trinken, die ihr nicht gegraben habt."

 

@Maiordomus

Jetzt weiß ich, wo die ganzen Linken ihren kranken Irrsinn herhaben. Um zu erkennen, wer Sie sind, habe ich ganz schön lange gebraucht. Aber besser spät als nie.

tearjerker

30. April 2021 14:33

Reset süss-sauer? Politisch könnte sich für die Bundesrepublik durch das Auftreten Chinas die Chance ergeben, sich vom Westen zu entfernen um eine eigenständigere Position als bisher einzunehnen. Sinnvoll, sofern Interessenüberschneidungen vorhanden sind. Möglich, da das Europa-Konstrukt Auflösungserscheinungen zeigt.

„den Status einer 'personhood' zuerkannt bekommen und unterstehen (...) bestimmten 'Guardians'.“ (Bettinger). Hinter all den Pseudo-Themen wie Unweltschutz, Dritte Welt usw. stehen wirtschaftliche und politische Interessen. Dafür werden Feldzüge organisiert, befeuert von Propagandaabteilungen, Pressekorps, Parteien und NGOs, moralisch aufgeladene neue Rechtsvorstellungen eingeführt (personhood of nature, Kinderrechte usw), flankiert von linken Kampfeinheiten, die marschieren, sabotieren, blockieren und besetzen. Die beanspruchten Räume sollen territorial erobert werden, um sie für eigene Interessen auszubeuten und Tribute einfordern zu können. Argumente und Philosophie sind immer nur Vorwand, Irreführung und Vehikel um den Fuss in die Tür zu bekommen. Wenn man drin ist, verwandelt man den Schauplatz dann in einen Kult- und Richtplatz, auf dem die Anbetung und die Verdammung der Ketzerei zur Eckpfeiler der neuen Ordnung werden. Das gefällt niemandem, weshalb angepasste Neureiche aus den USA an den A**** der Heide ziehen, um sich den Folgen ihrer misratenen Weltvorstellungen zu entziehen. Um dann demnächst hoffentlich von den Chinesen eingeholt zu werden. :)

Laurenz

30. April 2021 15:54

@tearjerker

Das, was Sie vorschlagen ist rein theoretischer Natur, eine optionale Mechanik, welche den Mangel an Souveränität nicht aufhebt. Sie wissen doch genauso gut, wie die meisten hier, was China alles tut, um seinen Mangel an Rohstoffen, bis auf seltene Erden etc., der mangelnde Souveränität bedeutet, abzusichern. US amerikanische Politik treibt sogar natürliche Feinde, wie Russen und Chinesen in starke bilaterale Beziehungen. Nur Rußland ist militärisch stark genug, uns zu beschützen, & ökonomisch zu schwach um uns zu drohen. Für mehr Souveränität ist auch die europäische Lösung keine Lösung, weil die geographischen Europäer keine politischen Europäer sind & es in absehbarer Zeit auch nicht werden.

heinrichbrueck

30. April 2021 16:43

"Wenn Zhao Tingyang sagt: »Die Politik bedient sich zwar der Macht, aber Macht ist nicht ihr Ziel, ihr Ziel ist die Schaffung einer kompatiblen Daseinsordnung, die die Schöpfung wachsen und gedeihen lässt« ( S. 202), stimme ich ihm jedenfalls zu."
Völker haben Territorien. Wachsen die Völker, dehnen sich die Lebensräume aus. Die Frage, wie Macht definiert werden muß, sollte schon ein Ziel sein. 
F. Roger Devlin (theoccidentalobserver.net/beating-us-with-our-own-weapons/) schreibt: "... the Chinese concept of nationality is racial—the norm everywhere outside the modern West." Eine Überseechinese bleibt Chinese. In Europa sind die Leute dermaßen gehirngewaschen, daß darüber, welcher Identität man angehört, Uneinigkeit herrschen kann. Die Konsequenzen: Umvolkung. Ist A falsch, wird B gesagt. 
Die chinesische Weltherrschaft gibt es nicht. In "1984" herrscht permanent Krieg. Drei Blöcke kämpfen gegeneinander, unterscheiden sich aber nicht. Der "Great Reset" beschließt die Inventur der NWO. Die Mehrheit wird ideologietreu abstimmen, wie in einer Demokratie (Marionettenregierung) vorgesehen. Konservative Wahnvorstellungen halten an der Marionettenregierung fest, werden 1984 aber nicht überleben. An den Punkten, wo die Geschichtsschreibung Fiktion ist, werden die Konservativen Rettungspunkte finden. Es wird keine multirassische Identität geben, die nicht unter Kontrolle einer Fremdkultur ist. 
Ich sehe nicht, was die Chinesen haben könnten, was uns fehlte. 

Nordlicht

30. April 2021 16:59

@Laurenz:

Der Kern meiner Aussage war, dass eine monotheistische Religion nicht zwangsläufig zum Imperialismus führt, wie in dem vom MS besprochenen Buch unterstellt wird. 

Es gibt jedenfalls in der Geschichte ebenso Beispiele für Imperien, die von anderen Völkern erobert wurden, denen nicht ein Individualismus religös innewohnt.

Denn eine Eroberung eines Gebietes, um darin zu siedeln und zu bleiben, das ist ein zeitloser Mechanismus - und sehr unterchiedlich zu der Gründung eines Imperiums, das auf andauernde Unterdrückung anderer Völker angelegt ist, nicht auf Bildung eines eigenen homogenen Staates. 

 

tearjerker

30. April 2021 21:18

@Laurenz: Es passiert jetzt.

Laurenz

30. April 2021 21:54

@Nordlicht @L.

Die Erfinder des Monotheismus sind die Perser, gefolgt, ca. 500 Jahre später, von Echnaton. In der langen Geschichte dieser Reiche gab es so viele Phasen, daß hier eine Beweisführung absurd wird. Der hebräische Monotheismus wird vor allem aus der Babylonischen Gefangenschaft interpretiert & wie beschrieben, ist das AT kein Hort der Friedensbewegung. Wenn wir dann weiter schauen, so war die friedliche Mission bei Islam & Christentum gescheitert. Die gewaltsame Mission, also Imperialismus mit Umerziehungs-Charakter, ist die Grundlage unseres Wissens über diese Religionen überhaupt. Ohne gewaltsame Expansion wüßten wir gar nichts, wüßten aber sonst mehr, denn Vertreter beider Religionen vernichteten riesige Kultur-Schätze. Und Sie haben natürlich, wie @RMH, vollkommen Recht. Die Heiden waren diesbezüglich keineswegs besser, aber sie erhoben auch nie einen moralischen Anspruch. Die amerikanischen Hochkulturen machten es übrigens ähnlich, Sie vernichteten zuerst die Sprachen unterjochter Völker. Den Inkas gelang dies sogar desöfteren auf "diplomatischem" Wege.

nom de guerre

30. April 2021 22:36

"Überdies kann (und soll) man über China und die KPCh viele kritische Dinge sagen: »Transgenderkinder«, offenen antiweißen Rassenhaß und Musikcharts, die von »Wet ass pussy« und »Danger Dan« dominiert werden, sucht man dort jedenfalls vergeblich."

Anfang des Jahres teilte ein amerikanischer Telegramkanal ein chinesisches Video, in dem sich ein Uigure überglücklich darüber zeigte, dass er und seine Frau in der Lage seien, ein Han-chinesisches Waisenkind zu adoptieren. Kommentierend schrieb der Kanalinhaber, dies sei für dieses Ehepaar infolge der von der chinesischen Regierung massenhaft vorgenommenen chemischen Kastration von Uiguren vermutlich die einzige Möglichkeit, ein Kind zu haben.

Frage: Falls das stimmt (was nicht fernliegt; die Existenz der Umerziehungslager für Uiguren wird schließlich ebenso wenig bestritten wie die Zerstörung der tibetischen Kultur), inwiefern ist das dann den beschriebenen Auswüchsen westlicher Dekadenz vorzuziehen? Handelt es sich nicht vielmehr um einen Vergleich zwischen Pest und Cholera?

anatol broder

30. April 2021 23:30

@ franz bettinger 11:02

die grossmutter eines freundes aus eritrea fand es bei ihrem ersten besuch in deutschland vor zwei jahrzehnten am merkwürdigsten, dass man hier hunde in der wohnung hält, füttert und mit ihnen redet.

matthias stolz staunte vor zwei wochen:

«täuscht der eindruck, oder stimmt es: tragen hunde heute sehr oft kindernamen? und wenn ja, was hat das zu bedeuten? […]

das ergebnis für das vorjahr ist deutlich: unter den 80 hundenamen sind 52 beliebte babynamen zu finden. die beliebtesten 17 weiblichen hundenamen sind alle zugleich beliebte mädchennamen. emma liegt, ein zufall, sowohl beim menschen als auch beim hund auf platz vier. […]

juristen, biologen und philosophen denken darüber nach, wo sie eigentlich noch liegt, die grenze zwischen mensch und tier. sie fragen sich: sollten nicht auch tiere rechte haben, einklagbare rechte statt nur ein wenig schutz? ein eigenes wissenschaftliches feld, die human-animal studies, ist um diese frage entstanden. hundebesitzer haben diese frage für sich beantwortet. mensch oder tier, beide sind emmas.»

Solution

30. April 2021 23:31

Wäre es nicht besser, angesichts unseres unaufhaltsamen Niederganges seit den 60ern des vorigen Jahrhunderts den Planeten der Herrschaft der Chinesen zu überlassen? Vielleicht können wir ja in der Kollaboration mit ihnen unser Aussterben friedlich vollziehen?

Gracchus

1. Mai 2021 00:00

Natürlich: Man müsste das Buch lesen, um mitzudiskutieren. Sellners Nachtrag ist gleichwohl informativ. Das Konzept Tinxia klingt verlockend. Was klingt daran verlockend? Die Suche nach oder der Glaube an eine Ordnung, die bereits gegeben ist und den Menschen trägt; allein auf dieser Grundlage können Menschen ihr Schicksal gestalten. Das westliche Pendant ist Schöpfungsordnung oder Kosmos. Der Kosmos oder der Glaube an eine Schöpfungsordnung ist dem Westen aber verloren gegangen. Bezeichnend Pascal: Diese unendlichen Räume machen mich schaudern. 

 

Laurenz

1. Mai 2021 00:07

@tearjerker @L. 

"Es passiert jetzt."

Dem mag so sein, dem mag so nicht sein.

Nur, wenn dem so ist, dann haben wir es nicht mit einer Option zu tun, sondern jeder europäische Politiker, wie auch @Franz Bettingers "Tiefer Staat" schauen ohnmächtig zu, denn es existierte dann weder eine Option noch irgendein Verhandlungsspielraum, weder für den Westen & schon gar nicht für Deutschland im einzelnen. 

Wenn Sie mich persönlich fragen, sehe ich sehr wohl Optionen, aber keinen aus der westlichen Elite, der diese ziehen würde. Trump war in diesem Sinne wohl zu harmlos. Vielmehr müssen wir dann, aus Ihrer Sicht der Dinge, davon ausgehen, daß die westlichen Eliten, auch aus ihrem eigenen Interesse betrachtet, strunzhohl sind.

Gracchus

1. Mai 2021 00:17

(Fortsetzung)

Ich weiss nicht, ob Martin Sellner oder Zhao das behaupten. Den heutigen westlichen Individualismus auf die christliche Seelenlehre zurückzuführen, ist absurd. Der Begriff "Atomismus" gibt die Richtung schon an, wo man suchen muss, nämlich bei Demokrit und also bei einem materialistischen Weltbild. Hiervon ist auch die moderne Naturwissenschaft und Kosmologie affiziert oder infiziert. Deshalb gibt es keine sinnvolle Ordnung (= Kosmos oder Schöpfung - wobei die christliche Vorstellung wohl davon ausgeht, dass diese Ordnung durch das Böse verletzt ist und sich eben nicht in Harmonie befindet, was meinem ambivalenten Erleben entspricht), sondern nur ein sinnloses Universum. 

In Bezug auf das Christentum würde ich in Ermangelung eines besseren Begriffs von Personalismus sprechen, der mit dem atomistischen Individualismus Ähnlichkeiten hat, aber himmelweit verschieden ist. 

Laurenz

1. Mai 2021 00:23

@nom de guerre

"Handelt es sich nicht vielmehr um einen Vergleich zwischen Pest und Cholera?"

Aus Sicht der Han-Chinesen weder noch.

Um das aber zu verstehen, muß man einfach in die Geschichtsbücher schauen.

Falls jemand der Logik von Imad Karim folgen möchte, der meint augenscheinlich, es geht einfach nachwievor um das nackte Überleben.

Die Uiguren & die Tibetaner haben schon verloren, sind dem kulturellen Tode geweiht. & wenn wir bei den Uiguren bleiben, so geschah deren Islamisierung nicht friedlich, auch wenn das schon ein paar Jährchen her ist.

Gracchus

1. Mai 2021 00:24

Der gar nicht so orthodoxe Christen- Heide Goethe sagt es: Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit.

Biblisch knüpft das an die "Ich bin"-Worte Jesu an. Natürlich wertet die ganze Geschichte Jesu den Einzelnen auf. Das hat aber doch nur sehr entfernt mit dem heutigen Individualismus zu tun. Dieser bringt ersichtlich keine Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten hervor, sondern stromlinienförmige narzisstische Ja-Sager.  

Gracchus

1. Mai 2021 00:54

Personalität in dem Sinne ist aber nicht atmoistisch, sondern a priori Bezogenheit, gibt es nur in Gemeinschaft. Sehr schön dargestellt von Buber in "Ich und Du". 

Das Christentum ist gefährlich. Da macht Zhao natürlich einen Punkt. Brutale Missionierung, Dogmatisierung und der Anspruch auf ein Wahrheits- und Heilsmonopol sind kritisch zu sehen, was wiederum nicht heißt, dass man in einen inhaltslosen Relativismus verfallen muss. Es ist die Versuchung der Schlange: Ihr werdet sein wie Gott. Plausibel interpretiert Eckhard Nordhofen die letzte Vater unser in dies Richtung - dass sich ein Christ, der die Gottesnähe erfährt, sich selbst an die Stelle Gottes setzt. 

So gesehen schwingt dieser Wahn im Westen noch nach, wenn man sich als Herren über die Welt aufspielt. 

 

 

Gracchus

1. Mai 2021 01:03

Ich würde einen anderen Chinesen ins Spiel bringen, nämlich Francois Cheng, der 1949 mit 20 nach Frankreich ausgewandert ist und später auch, wie der Vorname anzeigt, zum Christentum konvertiert ist. In seinem Denken (z. B. "Fünf Meditationen über den Tod" - auch für die Corona-Verängstigten empfehlenswert) verbinden sich Daoismus bzw. Zen-Buddhismus und Christentum. Anders als anscheinend Zhao sieht oder stiftet er Gemeinsamkeiten und findet das Dao bei Pascal oder Meister Eckhardt, ohne zugleich in den Fehler zu verfallen, alle Differenzen zu leugnen.

RMH

1. Mai 2021 10:37

"Den heutigen westlichen Individualismus auf die christliche Seelenlehre zurückzuführen, ist absurd."

I.

Obacht, da liegt schon ein wahrer Kern dahinter. Wie ich anderen Ortes schon einmal schrieb, knüpft das Heilsgeschehen im Christentum nicht mehr bei einer Herrscherkaste, einem Geschlecht, einem  einzelnen Volk, einem Imperium etc. an, sondern ganz konkret beim Einzelnen. Mit dem Christentum betritt damit das Subjekt mit großer Wirkmacht auf den Plan. Nur der einzelne Mensch kann durch seinen Glauben an die Erlösung durch Christus errettet werden - nie seine Sippe, nie sein Volk. Daraus ergibt sich als unmittelbarste Folge, dass der Christ auch seinen ihm Lieben, im besten Fall der ganzen Menschheit den Weg zu dieser Erlösung zeigen will (= Missionierungsdrang, Universalismus, denn der Weg der Erlösung wurde durch Christus allen Menschen versprochen). Auf der anderen Seite löst die christliche Botschaft durch das erkennen, dass man nur durch Glaube, Hoffnung auf eine jenseitige, bessere Welt erlöst wird aber auch gerade eine Ethik des Mitleids mit den anderen ebenfalls im irdischen Jammertal Gefangenen, der sozialen Fürsorge und eben der Nächstenliebe und damit per se soziales, stark gemeinschaftliches Verhalten aus. Weiteres in Teil 2.

RMH

1. Mai 2021 10:53

II: Es gibt auch noch andere Wege und Anschauungen, die das Subjekt ins Zentrum ihres Heils- und Erlösungsgeschehens stellen. Bspw. die antike Gnosis (es gibt nicht "die Gnosis" - ich verwende das als Sammelbezeichnung für die diversen Kulte), auch hier geht es nicht mehr um Gruppen, sondern um das Heil des konkreten Einzelnen. Die Gnosis mit ihren arkanen Disziplinen und dem Ergebnis bzw. dem Ziel der Selbstvergottung statt Erlösung durch schlichten Glauben, war in der Konkurrenz zum Christentum am Ende unterlegen. Dieser Weg wurde damit aber nie beendet, er lebt in unzähligen Gruppen und Grüppchen, z.T. in der Freimaurerei, weiter. Ebenso auch in Kulten, die von christlicher Seite stets als satanische Kulte bezeichnet wurden. Einige davon bezeichnen sich mittlerweile selber so. Bei einer Anschauung, Philosophie und konkretem Kult, wo es um die konkrete eigene Vergottung geht, man selber will mindestens göttlich werden, sind wir dem ausufernden Individualismus aber deutlich näher, als beim Christentum. Die Neigung, selber zum Gott werden zu wollen, würde ich jetzt nicht als spezifisch westlich definieren, auch wenn die bekannten, antiken gnostischen Kulte wohl klar ihren Höhepunkt zu den (insbesondere späteren) Zeiten des römischen Imperiums hatten.

RMH

1. Mai 2021 10:59

III.

Abschließend: Ist nicht gerade auch der östliche Buddhismus eine zutiefst individuelle, subjektive Angelegenheit? Die Welt ist Leid und Leiden und aus diesem Leiden kann nur die stets individuell anzustrebende Erleuchtung führen? Ist ein Mönch, ein Asket, nicht auch ein höchst egoistisches Wesen, da er seine Versenkung auf dem Weg ins Nirvana über den Dienst an Mitmenschen stellt, ja sich sogar von diesen auch Aushalten lässt (Bettelmönche)?

Ist der Daoismus nicht auch ein Weg des Individuums, der Veredlung des eigenen Körpers und Geistes? Der andere, ist auch hier nur Substrat, Umfeld, den "großen Preis" hat das Individuum alleine zu holen ..

Der Herr Zhao führt uns meiner Meinung nach nur vor ... die Chinesen wissen ihren Raubtierindividualismus nur besser zu verstecken und zu maskieren.

nom de guerre

1. Mai 2021 11:01

@ Laurenz

"'Handelt es sich nicht vielmehr um einen Vergleich zwischen Pest und Cholera?'

Aus Sicht der Han-Chinesen weder noch."

Sie haben Recht. Während die von M.S. aufgelisteten Phänomene die Selbstzerstörung unserer Kultur abbilden, wirkt sich das Vorgehen in China nur nach außen, in diesem Fall auf Tibeter und Uiguren, zerstörerisch aus, nach innen dient es der Erhaltung. Aber unser Standpunkt ist nicht der eines Han-Chinesen, wir betrachten das Ganze von außen. 

Es schadet sicher nicht, dieses Buch zu lesen bzw. sich überhaupt mit solchen Strömungen auseinanderzusetzen. Dennoch bleibe ich bei dem, was ich zu Herrn Sellners erstem Text zum Thema geschrieben habe: Wir sollten bei unseren eigenen abendländischen Wurzeln nach Antworten suchen, sie wieder fruchtbar machen. Ich denke nicht, dass es dafür wirklich schon zu spät ist.

@ anatol broder

Tiernamen: Warum soll ein Hund keinen Namen haben? Auch die Kühe meiner Großeltern hatten Namen und wir haben durchaus mit ihnen gesprochen. So etwas ist in Mitteleuropa ganz normal, ich würde darin keine Erscheinung nur der kinderarmen Gegenwart sehen. Was Franz Bettinger schildert, scheint mir eine Pervertierung dieser Disposition "weißer Menschen" zu sein, die vermutlich nicht dem Wohl der mit "Rechten" ausgestatteten Flüsse oder Tiere dient, sondern dazu, Interessen bestimmter Lobbygruppen mit einer dann unangreifbaren Begründung zu versehen.

Laurenz

1. Mai 2021 11:24

@Anatol Broder @Franz Bettinger

Will nicht gegen Ihren Beitrag argumentieren. Es fehlt nur etwas, nämlich die Pflanzen. Es gibt auch Menschen, die mit ihren Pflanzen reden. Pflanzen haben auch Befindlichkeiten & haben denselben Lebenswillen, wie wir.

Nur, Pflanzen sind uns von der Lebensart wesensfremder als Säugetiere, was auch logisch ist, wir selbst sind ja Säugetiere.

In 2017 war ich mal ein Jahr lang auf der Plattform des Herrn Kandishügel. Da bin ich von der Seite von PETA, den heutigen echten Nazis, geflogen, weil ich denen sagte, daß sie Pflanzen in Massenhaltung halten & morden würden. Diese Leute spielen Gott & wollen entscheiden, welche Lebewesen gemordet werden dürfen & welche nicht. Platons permanentes "Alles fließt", basiert auf dem Sterben zum Nutzen derer, die geboren werden.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 11:58

Die Verzweiflung muß - bei manchen - groß sein.

1925 und 1986: "Von Sowjetrußland lernen heißt siegen lernen!"

2021: "Von der konfuzianischen 'Harmonischen Gesellschaft' ergo vom chinesischen Sozialkreditsystem lernen heißt siegen lernen!"

Viel Spaß ...

Aber auch hier: wenn der Karren dann wieder tief in der Jauche steckt will ich kein Gejammer hören!

- G. G.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 11:59

I zu "Individualismus"

Das Problem ist nicht der Individualismus sondern die Infantilität, und zwar spiegelbildlich links wie rechts.

Der Individualismus des Erwachsenen bedeutet die Übernahme umfassender Selbstverantwortung sogar für das, was ihm im Leben widerfährt. Alles andere ist neurotische Vermeidungsstrategie.

Diese umfassende Selbstverantwortung zu übernehmen ist nur möglich auf Basis eines kristallklaren, durchdringenden und bejahenden Verständnisses des Ich.

Wer das durchdringende und bejahende Verständnis des Ich nicht hat, kann nicht als Erwachsener gelten. Innerlich ist er ein Kind.

(Zäsur: der Monotheismus war psychogenetisch ein Durchgangsstadium im Prozeß der äonenlangen Herausbildung des Ich, - des Kostbarsten, was wir heute haben -, und was nun einige Banausen mal kurz "in die Tonne treten" wollen. Dieser Prozeß war bzw. ist - auch wenn ihn nur die Hauptstrom-Kulturen durchgemacht haben - ein objektiver Prozeß bzw. Etappe einer objektiven Bewußtseinsdynamik, so daß es nur absurd ist, am Monotheismus irgendetwas zu kritisieren, erst recht aus der Position des Kindergartenkindes in der Universität heraus!)

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 12:00

II zu "Individualismus"

Wagandt bringt immer das schöne Gleichnis einer imaginären Tante Inge, die den Kindergartenschlüssel nicht mehr rausrückt, woraufhin alle empört rufen "Wir wollen aber in den Kindergarten (der psychischen Regression) zurück".

Woraufhin, das füge ich hinzu, rechts sogleich das Gänsestallgschnatter losgeht, wie böse ach "Individualismus" sei.

Leute, ihr könnt Euch winden und die schrägsten Strategien erspinnen wie ihr wollt, aber ihr werdet euer Ich auch gar nicht mehr los. (Gut so!) Stellt euch dem endlich anstatt immer neue und immer kafkaeskere Vermeidungsmuster auszuhecken.

Und ich warne euch: das Ich verschwindet mit diesen Vermeidungsstrategien keineswegs, es bläht sich dadurch vielmehr nur noch mehr auf und entwickelt exakt spiegelbildlich genau das hinterlistige und destruktive Eigenleben, das ihr bei den Hedos beklagt.

Noch etwas: mit dem Beklagen der Existenz des Ich, mit dem Versuch, es sozusagen wieder in die Büchse der Pandora reinzustopfen, folgt ihr auch - wiederum exakt spiegelbildlich - genau demselben Todestrieb, den ihr bei den linken Selbsthassern beklagt.

Übrigens haben wir hier das Grundmotiv aller Sekten.

- G. G.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 12:01

"Zhao Tingyang geht sogar soweit, das Christentum als 'weltweit nachwirkende Unterbrechung des Kontakts der Erde zum Himmel' zu bezeichnen, sprich 'als den Versuch, allen anderen Kulturen den Kontakt zum Göttlichen zu nehmen, die Sakralität aller anderen Kulturen auszulöschen und das alleinige Recht auf Kontakt zum Göttlichen an sich zu reißen' (S. 200 f.)"

Als das Christentum in Rom zur Staatsreligion gemacht wurde, wurde es in den (über die Jahrtausende selbstverständlich vielfach transformierten) altägyptisch-chaldäischen Mysterienkult hineingebeugt - nahezu bis zur Unkenntlichkeit. Wer das nicht sieht, ist in Fragen des Christentums nicht zu Äußerungen berufen höflich ausgedrückt. (Aba Nachtijall ick hör dir.)

- G. G.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 12:02

"Die Einigung nach Innen (durch die Befriedung individualistischer Konflikte im Staat) wird durch die Mobilisierung ihrer aggressiven Energien nach Außen erkauft."

Wie verengend, dies sozusagen als Sozialingenieur aus rein instrumentellen Motiven und aus rein instrumentellem Blickwinkel zu betrachten!

So komme ich auch zur genau umgekehrten Schlußfolgerung: das durchdringende und bejahende Verständnis des Wesens des Ich und somit ein unverschrobener Individualismus ist zugleich die csqn des Souveränismus, welcher nämlich von innen her nach außen aufgebaut werden muß. Die äußere Insouveränität der Deutschen ist nur die Konsequenz ihrer inneren Insouveränität respektive ihres gestörten Verhältnisses zum Ich respektive ihrer Zurückweisung umfassender (individueller) Selbstverantwortung (Maaz: Normopathie) respektive ihrer Infantilität.

Und dies (!) ist, - so meine Schlußfolgerung -, die Wurzel des Übels eines "grenzenlosen, instabilen Politsubjekts, das in der Nation oft nicht überwunden, sondern hinaufgesteigert wird". 

- G. G.

Gracchus

1. Mai 2021 14:45

@RMH

"Obacht!" - da will ich Ihnen nicht widersprechen, und im weiteren Verlauf meines Posts bestätigt sich das auch, da ich ja zugestehen, dass der Einzelne durch das Christentum aufgewertet wird. Ich wende mich eher gegen den Begriff "Individuum" als soziales Atom - was m. E. dem materialistischen Weltbild Demokrits entspringt. Mir ist bewusst, dass das im alltäglichen Sprachgebrauch verwischt wird. Bei Individuuum denke ich inzwischen an die "zynischen und menschenverachtenden" (um einmal den Mainstream-Sprachduktus zu pflegen) Filmchen der Bundesregierung, wo das Individuum brav auf der Couch liegt und Pizza frisst.

Gracchus

1. Mai 2021 14:51

Auch kommt "Individuum" aus einem biologischen Sprachgebrauch, ist Teil des Paares Individuum und Population. Von daher konnte Luhmann sagen, dass Individuum ist eine soziale Erfindung, um die sozialen Funktionen besser erfüllen zu können. Abseits der Semsntik bin ich bei Ihnen wie auch bei Gustav Grambauer.

Laurenz

1. Mai 2021 15:04

@Gustav Grambauer

Sie argumentieren nicht schlecht, außer im Bezug Erwachsene/Kinder. Die Wahrnehmung von Kindern ist ungetrübt, auch im irrealen oder spirituellen Sinne. Kinder lernen im Versuch gepaart mit Irrtum. Erwachsene sind es, welche den Kindern dies abnehmen wollen, & versuchen, Kinder zu programmieren & die Welt festzulegen (die Wahrnehmung einzuschränken), wie sie es als richtig erachten. Damit wird aber die Wahrnehmung kastriert. Kinder kennen auch keine Moral, was am offensichtlichsten zeigt, wer wir sind & was tatsächlich menschlich ist. Soziales Verhalten entwickelt sich dadurch, daß Kind im Sandkasten eins vom anderen Kind auf die Fresse kriegt, wenn es dessen Sandförmchen klaut, gepaart mit der Erkenntnis, daß Sandburgen zu 2t einfacher zu bauen sind, als alleine. Das eigene ICH beim Kind spielt nur im Falle des Schmerzes eine Rolle. Daher ist Ihr erwachsen sein, nicht unbedingt ein Prädikat.

Lotta Vorbeck

1. Mai 2021 15:54

@Gustav Grambauer

Sehr schön herausgearbeitet!

Spiegel erzeugen, physikalisch betrachtet, keine reellen, sondern nur virtuelle Bilder. Virtuelle Bilder lassen sich weder auffangen, noch irgendwohin projizieren.

Wird der Spiegel zerschlagen, sind diese Bilder im selben Moment ebenfalls verschwunden.

Was sich lediglich in etwas anderem spiegelt, geht mit diesem Spiegel gemeinsam über den Jordan.

Aetas Aurea

1. Mai 2021 22:28

Die passendste Übersetzung des chinesischen ''天下'' wäre ''Unterhimmel'', entsprechend dem deutschen Wort ''Unterwelt''. Wer des Chinesischen mächtig ist, kann sich hier einen relativ langen Auszug aus dem Denken des Herrn Zhao zu Gemüte führen. (Der Google Übersetzer übersetzt das Ding auch ziemlich gut ins Englische) 

Interessant ist ein Kernpunkt des chinesischen Konzepts, der in neurechten Diskursen des Westens oft untergeht. Nationale und globale Ebene werden hier nämlich nicht als scharf voneinander zu trennen und miteinander in unversöhnlicher Feindschaft liegend betrachtet, sondern als jede für sich gerechtfertigt. Sie sollen in den Augen des chinesischen Philosophen miteinander kooperieren und in Harmonie koexistieren.    

Dem Diktum Zhaos folgend, welches Herr Kaiser ja bereits in Seinem Artikel erwähnt hat, wonach die Koexistenz der Existenz voraus geht kann man dann auch sagen: Nation und Volk gehen der globalen Ebene voraus. Sie haben Vorrang vor universalistischen Heilsmissionen. Jedoch darf eine die globale Ebene der Kooperation deshalb nicht verachtet werden. 

Ob hier in Gestalt des Tianxia-Konzepts, wie Herr Sellner schreibt, ein Globalismus chinesischer Prägung ideologisch ausformuliert werden soll, um ihn dann der restlichen Welt aufzuzwingen, wird sich noch zeigen müssen. 

 

Alter Lehrling

1. Mai 2021 22:51

 

Das Interesse für chinesische Analysen zur Innen- und Außenpolitik liegt an der gewachsenen und weiter wachsenden Macht Chinas.

Dazu kommt ein entscheidender Gegensatz:

In China überragt staatlicher Anspruch alle anderen Ansprüche. Das hat weniger mit der (historisch kurzen) Phase kommunistischer Herrschaft zu tun als mit dem Gesamt der chinesischer Geschichte und Kultur.

Im Westen hingegen tritt der Staat zunehmend gegenüber großen Privatinteressen zurück, geriert sich als deren Erfüllungsgehilfe oder überlässt gar Privaten vordem wesentliche Teile des eigenen Bereichs: z.B. Gefängniswesen oder Aufstellung und Einsatz von Privatarmeen in den USA.

Neben der Konkurrenz ist jener Aspekt eines starken Staates einerseits und einer Tendenz zur Entstaatlichung andrerseits ursächlich für Konflikte zwischen chinesischem und US-amerikanischem Imperium.

Die bislang dem US-Imperium zugeordneten Staaten am westlichen Rand der Weltinsel müssen wählen.

anatol broder

2. Mai 2021 03:38

@ nom de guerre 11:01

es geht nicht um tier­namen, sondern um den platz des tieres unter men­schen. die gross­eltern haben die kühe nicht in der wohnung ge­halten. ver­spiesen wurden die kühe be­stimmt auch. ob sie ge­wöhn­liche mensch­liche namen trugen, ist hier allein von be­deutung. hiess eine kuh etwa wie nom de guerre?

das landes­kuratorium der erzeuger­ringe für tieri­sche ver­edelung in bayern ver­merkt:

«auch kuh­namen unter­liegen einem modet­rend. seit 1980 ist susi der be­lieb­teste kuh­name und hat alma vom spitzen­platz ver­trieben. neu im rennen sind da­gegen emma und anna.»

dass die wende bei hunden und kühen direkt von der steigenden kinder­losig­keit ab­hängt, geben die daten nicht her. ich habe nur keine bessere an­nahme, um emma zu erklären.

wenn der verdacht von franz bettinger stimmt, dann werden die hiesigen grünen auf die­selbe weise die ab­weichenden grund­besitzer ent­eignen.

anatol broder

2. Mai 2021 05:27

@ franz bettinger 11:02

robert habeck erklärt in seiner bewerbung bei der bt-wahl 2021:

«den bäuerinnen und bauern eine einkommens­per­spektive jenseits von wachse oder weiche zu geben, indem öko­land­bau, vertrags­natur­schutz und direkt­vermarktung gefördert werden.»

einen ähnlichen bäuerinnenstaat der zukunft entwarfen (4:30) russische cyberpunks.

nom de guerre

2. Mai 2021 10:27

@ anatol broder

"dass die wende bei hunden und kühen direkt von der steigenden kinder­losig­keit ab­hängt, geben die daten nicht her. ich habe nur keine bessere an­nahme, um emma zu erklären."

Das ist eine mögliche Erklärung, ich halte sie aber nicht für zutreffend. Natürlich wurden die Kühe im Gegensatz zu Hunden und Katzen nicht im Haus gehalten. Sie hatten aber normale menschliche Namen. M.E. ist das auf den ab den 60ern ansteigenden Viehbestand pro Bauernhof zurückzuführen. Wenn Sie statt 4 Kühen 10 oder 15 haben, können Sie sie nicht alle Scheckchen oder Blaess nennen (hessisch für Huftiere mit geschecktem Fell bzw. weißem Fleck auf der Stirn). Daher dann die Susi, Rosa oder Erna. Bei weiter zunehmendem Tierbestand haben die einzelnen Exemplare heute oft mangels persönlicher Beziehung des Bauern zu denselben Nummern. Kann mich erinnern, dass sich meine Mutter vor einiger Zeit furchtbar über eine Bekannte mit großem Milchviehbetrieb aufgeregt hat, die erzählte, man habe "die 17" notschlachten müssen. Dass so ein Tier einfach als Nummer im Stall gestanden hatte, fand sie unfassbar.

Es mag sein, dass Hunde und Katzen ein Kinderersatz sein können, dennoch meine ich, dass es Teil unserer Kultur ist, ein Tier nicht nur als Milch- und Fleischlieferant zu sehen. Der Begriff vom "Hund als bestem Freund des Menschen" kommt schließlich nicht von ungefähr.

Laurenz

2. Mai 2021 18:13

@Alter Lehrling

"Die bislang dem US-Imperium zugeordneten Staaten am westlichen Rand der Weltinsel müssen wählen."

Das ist reines Wunschdenken. Es gibt keine Wahl.

Die USA können nur ihre Vormachtstellung auf dem Planeten halten, wenn sie den Planeten instabil halten, oder Staaten, auch uns, je nach Bedarf destabilisieren. Jede Planung, jegliche Kalkulation muß obsolet sein oder werden, um die Chinesen, welche auf Sicht von 200 Jahren in der Projektierung in Betracht ziehen, klein zu halten oder zumindest zu stören.

Daran ändert auch keine US-Präsidenten-Wahl etwas, nur die angewandten Mittel unterscheiden sich.

Und China selbst bietet ebenso keine territoriale oder militärische Option an. Warum sollten uns die Chinesen irgendein Angebot machen, wo sie doch sowieso meist das bekommen, was sie wollen?

Ihre Sicht der Dinge ist, mit Verlaub, völlig irreal.

Und auch schon Ihre Analyse hakt. Die Chinesen haben die globale Überwachung der us amerikanischen Geheim-Dienste in China unterbrochen & dafür ihre eigene Überwachung installiert. Aber die gilt nur in China, die us amerikanische Überwachung reicht bis in die Bundeskanzlei....

Alter Lehrling

2. Mai 2021 22:00

@ Laurenz

»Das ist reines Wunschdenken. Es gibt keine Wahl. […] Ihre Sicht der Dinge ist, mit Verlaub, völlig irreal.«

Unter der bestehenden politischen Struktur ist natürlich eine Wahl reines Wunschdenken. Richtig. Wenn jedoch die bestehende politische Struktur unveränderlich sein sollte — worüber diskutieren wir? Sie vergessen auch ein großes Land zwischen China und EU-Europa. Da müsste angesetzt werden. Natürlich ist auch das irreal unter den bestehenden Verhältnissen ...

Die Tendenz zur Privatisierung im Westen ist real. Ich habe zwei Beispiele angeführt. Im Gefolge der Corona-Geschichte wird auch bei uns die nächste Etappe der Privatisierung folgen.

»Und auch schon Ihre Analyse hakt.«

Wer von wem abgeschaut hat? Sind die großen Internet-Konzerne nicht schon weit vorangekommein mit ihrer Art social scoring? Und das ist erst der Anfang.

Francesco

2. Mai 2021 22:04

Die Rezension von Zhao Tingyangs Buch "Alles unter dem Himmel" von Martin Sellner ist beeindruckend.

Einerseits die Kritik des Individualismus und andererseits die Grenzen der Tianxia in Bezug auf einen neuen Universalismus.

Phänomenal ist sein Bezug auf Heideggers Kritik der Nation mit seiner identitären Kritik eines modernen Weltgeist-Nationalismus.

Alle Achtung!

Laurenz

3. Mai 2021 03:20

@Alter Lehrling @L.

Die Abhängigkeit des Westens von China liegt einerseits im relativ kaufkräftigen Riesen-Markt & andererseits in der nach China ausgelagerten Produktion des Westens. Wenn China ab morgen keine Halbleiter & Chips mehr liefert, sind Konzerne, wie Apple oder Rechner- & Telefonproduzenten, die komplette westliche Industrie in einem halben Jahr pleite. Kein westlicher Kampfjet wird aufsteigen & kein Kriegsschiff mehr auslaufen können. Umgekehrt liegt die Macht Rußlands & des Westens in der Bedrohung der Rohstoffzufuhr, vor allem Erdöl.

Die von der USA erzeugte Bedrohungslage gegenüber den Vasallen, oder gegen den Feindstaat Iran, liegt im jeweiligen Aufwand immer dem Clausewitz'schen politischen Zweck zugrunde. Die Kontrolle liegt im Vasallenstatus unserer wichtigsten Politiker. Als Oskar Lafontaine ausscherte, mußte er gehen. Das funktioniert so, seit es Kolonien gibt. Die Vietnamesen führten mehr als 30 Jahre ihren Befreiungskrieg gegen den Westen um jetzt freiwillig wieder mit den Amis zusammenzuarbeiten, ob der chinesischen Bedrohungslage. Denn bevor der Franzmann Indochina eroberte, war Indochina durch China kontrolliert.

Götz Kubitschek

3. Mai 2021 10:31

dank an alle unter dem himmel. und badeschluß.

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