»Great Reset mit Stäbchen?« – Zhao zur Wiedervorlage

Mein letzter Artikel wurde von manchen Lesern scharf kritisiert. Sein thematischer Kern war das Problem der defensiven Krisekritik im »rechten Lager«.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Anstoß nahm man aber vor allem an Zhao Tin­gyangs Buch Alles unter dem Him­mel. Das war inso­fern berech­tigt, als mei­ne loben­de Erwäh­nung für eini­ge Leu­te einen fal­schen Ein­druck erwe­cken konnte.

Von einer eigen­stän­di­gen Rezen­si­on sah ich aber des­halb ab, weil Bene­dikt Kai­ser das bereits in Heft und Blog erle­digt hat­te. Ange­sichts der Kri­tik will ich jedoch mei­nen Ein­druck von Tin­gyang nachreichen.

Zu Beginn direkt mein Fazit: Ich ver­ste­he Alles unter dem Him­mel als span­nen­de Kri­tik des  Indi­vi­dua­lis­mus und sei­ner Aus­wir­kung auf Staat und Gesell­schaft. Wir sehen hier, völ­lig unab­hän­gig davon, ob Tin­gyang Chi­ne­se, Japa­ner, Inder oder Korea­ner ist, einen her­aus­for­dern­den »öst­li­chen Blick« auf unser ato­mis­ti­sches Gesell­schafts­ver­ständ­nis. Ihm das chi­ne­si­sche Gesell­schafts- und Men­schen­bild einer »koexis­ten­zi­el­len Onto­lo­gie« ent­ge­gen­zu­set­zen, ist interessant.

Dar­aus jedoch die Basis für eine neue Welt­ord­nung zu sehen, wel­che die Welt zum »poli­ti­schen« Sub­jekt machen, ja eine »Welt­sou­ve­rä­ni­tät« her­vor­brin­gen könn­te, über­for­dert mei­ner Ansicht nach das Prin­zip des Tianxia. Es taugt nicht als Rah­men für eine inte­grier­te und inklu­si­ve Welt, und mein Zeu­ge dafür ist Zhao Tin­gyang selbst, wie wir am Ende des Bei­trags sehen werden.

Ich will nun mei­ne The­se erläu­tern und zuerst auf Tin­gyangs schar­fe Kri­tik des poli­ti­schen Sub­jek­ti­vis­mus im Wes­ten ein­ge­hen. Die­se allein, so gilt es sich zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, lohnt bereits die Lek­tü­re des Zhao-Werkes.

Wie bereits in mei­nem letz­ten Arti­kel erwähnt, stellt Zhao Tin­yang der west­li­chen Tri­as Indi­vi­du­um – Gemein­schaft – Staat das chi­ne­si­sche Modell  Tianxia – Staat – Sip­pe gegen­über. Der Ein­zel­ne ist für die­ses Den­ken »ledig­lich eine bio­lo­gi­sche Enti­tät, bis zu einem gewis­sen Grad auch eine wirt­schaft­li­che Rech­nungs­ein­heit, jedoch kei­ne poli­ti­sche Enti­tät«. (S. 21 f.)

Aus dem christ­li­chen See­len­ver­ständ­nis ent­stan­den, säku­lar gewen­det, das Indi­vi­du­um und die Ideo­lo­gie der Men­schen­rech­te. Ein­zig­ar­tig in der Welt, erwächst in Euro­pa die The­se einer poli­tisch-juris­ti­schen Prä­exis­tenz des Indi­vi­du­ums vor der Gemein­schaft. Die­se, und mit ihr Staat und Poli­tik, sei­en nach­ge­reich­te, mora­lisch frag­wür­di­ge »Kon­struk­te«. Deren For­de­run­gen an den Ein­zel­nen sei­en stets Anma­ßun­gen und Ein­schrän­kun­gen der ange­bo­re­nen, unend­li­chen und sub­jek­ti­ven Menschenrechte.

Staat und Gesell­schaft las­sen die sich daher nur durch einen Mehr­wert für den je Ein­zel­nen mora­lisch recht­fer­ti­gen, was die Grund­la­ge für einen brü­chi­gen »Gesell­schafts­ver­trag« dar­stellt. Die­ses höchst spe­zi­fi­sche Staats- und Gesell­schafts­ver­ständ­nis faßt das Ein­zel­sub­jekt von Anfang an als eine Art »Mini-Staat« auf, der als Ich-AG im Urzu­stand sei­ne pri­va­te »Außen­po­li­tik« gegen ande­re Sub­jek­te betreibt.

Just die­ses »Außen« ana­ly­siert Zhao Tin­gyang in sei­nem Buch. Das »kul­tu­rel­le Außen« des west­li­chen Staa­tes sei, wie im Mono­the­is­mus, ein »unver­söhn­li­ches«. Eben­so betrach­te der Impe­ria­lis­mus »den Staat als höchs­tes Sub­jekt und die Welt als Objekt der Beherrschung«.

Ich ver­ste­he die­se The­se so: Weil das Tianxia nicht auf ein Ursub­jekt, son­dern auf einer Urge­mein­schaft als kleins­te poli­ti­sche Ein­heit auf­baut, ist über­haupt eine uni­ver­sa­le gemein­schaf­lti­che Ord­nung denk­bar.  Im neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus ent­steht dage­gen mit dem ens cogi­tans eine Mona­de, die alles außer ihr exis­ten­ti­ell bezweifelt.

Die epis­te­mo­lo­gi­schen Durch­bruchs­ver­su­che »zurück in die Welt«, ent­spre­chen dem invi­di­dua­lis­ti­schen Auf­bau­ver­su­chen eines Gesell­schafts­ver­trags aus dem Urzu­stand. Die Ant­wort, der erwähn­te brü­chig-prag­ma­ti­sche Kon­trak­tua­lis­mus, bil­de­te auch den Kon­text in dem der Export­schla­gers schlecht­hin, der moder­ne Natio­nal­staat entstand.

Tin­gyangs Ideen tref­fen sich hier mit Hei­deg­ger Kri­tik der Nati­on eben­so wie mit iden­ti­tä­rer Kri­tik eines moder­nen »Welt­geist-Natio­na­lis­mus«. Der Solip­sis­mus des Ein­zel­nen im fik­ti­ven »Urzu­stand« über­trägt sich direkt auf das »Natio­nal­sub­jekt«, das den ande­ren Staa­ten in einem bel­lum omi­num con­tra omnes gegenübersteht.

Die Eini­gung nach Innen (durch die Befrie­dung indi­vi­dua­lis­ti­scher Kon­flik­te im Staat) wird durch die Mobi­li­sie­rung ihrer aggres­si­ven Ener­gien nach Außen erkauft. Tota­ler Krieg und glo­ba­le Expan­si­on sind die Kon­se­quenz eines gren­zen­lo­sen, insta­bi­len Polit­sub­jekts, das in der Nati­on oft nicht über­wun­den, son­dern hin­auf­ge­stei­gert wird.

Das Ande­re stellt die eige­ne poli­ti­sche Exis­tenz eben­so infra­ge wie mensch­li­che Gegen­über ein sol­lip­sis­ti­sches Sub­jekt. Die Sta­bi­li­sie­rung der eige­nen Iden­ti­tät durch die Assi­mi­lie­rung oder Aus­lö­schung des Ande­ren, des­sen nack­tes Dasein einen exis­ten­ti­el­len Wider­spruch dar­stellt, ist, so ver­ste­he ich Zhao Tin­gyang, dem west­li­chen Den­ken auf­grund sei­ner Tri­as Indi­vi­du­um – Gemein­schaft – Staat inhä­rent. Sei­ne Kri­tik setzt dabei (wie die von Alain de Benoist übri­gens auch) direkt am Mono­the­is­mus an, dem er vor­wirft, die Idee des »spi­ri­tu­el­len Fein­des« über­haupt erst her­vor­ge­bracht zu haben.

Zhao Tin­gyang geht sogar soweit, das Chris­ten­tum als »welt­weit nach­wir­ken­de Unter­bre­chung des Kon­takts der Erde zum Him­mel« zu bezeich­nen, sprich »als den Ver­such, allen ande­ren Kul­tu­ren den Kon­takt zum Gött­li­chen zu neh­men, die Sakra­li­tät aller ande­ren Kul­tu­ren aus­zu­lö­schen und das allei­ni­ge Recht auf Kon­takt zum Gött­li­chen an sich zu rei­ßen« (S. 200 f.).

Die­ser Ansatz von Zhao Tin­gyang Den­ken ist wich­tig für sein Ver­ständ­nis und ging in vie­len Bespre­chun­gen unter. Er sieht dar­in gar den Ursprung der »Welt als krie­ge­ri­sche Stät­te ant­ago­nis­ti­scher Wider­sprü­che«. Doch selbst­ver­ständ­lich zogen lan­ge vor Chris­ten­tum und moder­nem Natio­nal­staat der »heid­ni­scher Impe­ria­lis­mus« (Juli­us Evo­la) Roms eben­so wie die Erobe­run­gen Alex­an­ders und Dschin­gis Kahns ihre Schnei­sen durch die Weltgeschichte.

Dem west­li­chen Hege­mo­nie­den­ken setzt Tin­gyang eine kul­tu­rell viel­fäl­ti­ge und den­noch »voll­stän­dig inklu­dier­te« Welt »ohne Außen« ent­ge­gen, denn: »Inklu­si­on ist die onto­lo­gi­sche Bedin­gung von Uni­ver­sa­li­tät« (S. 210). Doch wie sind Inklu­si­on und Viel­falt mit der Vor­stel­lung einer Welt­sou­ve­rä­ni­tät ver­ein­bar? Hier gera­ten wir an einen inne­ren Wider­spruch in Zhao Tin­gyangs Konzept.

Das Tianxia erscheint bei ihm als spiel­theo­re­ti­sches Prin­zip des wech­sel­sei­ti­gen Nut­zens durch Koope­ra­ti­on.  Die his­to­ri­sche Moment sei­ner Ent­ste­hung war gekom­men, als die mili­tä­risch unter‑, aber kul­tu­rell über­le­ge­ne Quin-Dynas­tie die Herr­schaft über die chi­ne­si­sche Zen­tral­ebe­ne erlang­te. Sie war dazu genö­tigt ein Sys­tem auf­zu­bau­en, das auf gegen­sei­ti­gem Nut­zen, wech­sel­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten und kul­tu­rel­ler Soft power fuß­te. Den künf­ti­gen Kampf um die Kon­trol­le die­ses kul­tu­rel­len Macht­zen­trums bezeich­net Zhao Tin­gyang als »Mahl­strom«, der mit der Zeit immer mehr kul­tu­rell diver­se Völ­ker­scha­ren unter dem chi­ne­si­schen Him­mel ver­sam­melt habe.

Mir fehlt die spe­zi­fi­sche Kennt­nis der chi­ne­si­schen Geschich­te, und eini­ge Exper­ten kri­ti­sie­ren ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­tio­nen. Vie­le Aspek­te, etwa die Bana­li­sie­rung der Chi­ne­si­schen Mau­er (die nicht ins Kon­zept der gren­zen­lo­sen Inklu­si­on paßt), sowie die Ver­nied­li­chung der kul­tu­rel­len Assi­mi­la­ti­on­po­li­tik und des Tri­but­sys­tems, machen stut­zig. Hier klingt eine Dar­stel­lung Chi­nas an, wel­ches vom Dao über Mao bis Zhao eine his­to­risch ein­ma­li­ge Sen­dung besitzt. Chi­na wäre Modell und Ideen­ge­ber eines Sys­tems der glo­ba­len Inklu­si­on, das statt einem krie­ge­ri­schen Gleich­ge­wicht sich bela­gern­der Gla­dia­to­ren mit­tels »rela­tio­na­ler Ratio­na­li­tät« den Nut­zen aller maximiere.

Gera­de jetzt, da vie­le Poli­ti­ker von der Coro­na­po­li­tik Chi­nas schwär­men, könn­te Zhao Tin­gyang, um es pole­misch zu wen­den, auch Bau­stei­ne für einen »Gre­at Reset mit Stäb­chen« lie­fern. Denn er will nicht weni­ger als »die Mensch­heit vor dem Schick­sal eines völ­li­ge Schei­terns« bewah­ren (S. 228).  Abge­se­hen davon soll sein Den­ken wohl als sinn­stif­ten­de, uni­ver­sa­le Macht­le­gi­ti­ma­ti­on Chi­nas Auf­stieg zur Welt­macht begleitet.

Zwar sagt Tin­gyang expli­zit, daß das Tianxia »kein neu­es Sys­tem der Welt­herr­schaft“ (S. 228) sei und nennt es ein »anti­he­ge­mo­nia­les und anti­im­pe­ra­lis­ti­sches Sys­tem« (S. 230), ja eine »gene­rel­le Ein­la­dung an alle Völ­ker und Staa­ten«, der man »nicht bei­tre­ten« müs­se. Doch gleich­zei­tig soll es eine »uni­ver­sa­le Welt­ord­nung zum Schutz der Welt« (S. 230) und eine »auf die glo­ba­len Sys­te­me gestütz­te Über­wa­chungs- und Regu­lie­rungs­macht« (S. 236) bilden.

Jeder Staat, der sich die­sem Tianxia und sei­nem Welt­ret­tungs­auf­trag ver­schließt, müß­te dann natür­lich als Feind der Ret­tung der Mensch­heit, und »Geg­ner des Him­mels« ver­nich­tet wer­den. Die »total inklu­si­ve Welt« wür­de so, bezo­gen auf ihre Ver­wei­ge­rer, wie­der das tota­le Außen erzeu­gen, das, anders als etwa in Chris­ten­tum und Islam, nicht ein­mal mehr reli­gi­ös ver­mit­telt wäre. Gera­de Zhao Tin­gyang schar­fe Kri­tik des Mono­the­is­mus, der immer­hin zwei glo­ba­le Zivi­li­sa­ti­ons­krei­se geprägt hat, könn­te einen Kampf um die Deu­tung des Tianxi­as legitimieren.

Daß die Auf­ga­be die­ser glo­ba­len Mis­si­on, wie man ein­wen­den könn­te, in einer die »Erlö­sung« der Welt von der west­lich-mono­the­is­ti­schen Idee der »Aus­er­wählt­heit« selbst bestün­de, änder­te nichts an ihrem real­po­li­ti­schen Anspruch. In einer Welt »als krie­ge­ri­sche Stät­te ant­ago­nis­ti­scher Wider­sprü­che« muß sich auch die Idee der Tianxia, samt ihres Trä­ger­staa­tes, krie­ge­risch gerie­ren. Gera­de die Idee der his­to­risch-poli­ti­schen Mis­si­on erzeugt oft die bru­tals­ten Gemet­zel, zu denen das moder­ne Chi­na, wie die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on zeig­te, durch­aus fähig ist.

Die Grund­pro­ble­ma­tik jedes Uni­ver­sa­lis­mus betrifft auch das Tianxia: Daß näm­lich sei­ne Umset­zung eine glo­ba­le Kon­trol­le (bzw., wie Bene­dikt Kai­ser tref­fend schreibt, eine neue Welt­he­ge­mo­nie) vor­aus­setzt, so daß jeder, der sich nicht an sei­ne Regeln hält gemaß­re­gelt wer­den kann. Neben die­sem Pro­blem der kon­kre­ten Ver­or­tung und Umset­zung wider­legt Zhao Tin­gyang die The­se eines glo­ba­len Tianxia letzt­lich selbst. So sehr er auch die Vor­tei­le eines inklu­si­ven und kom­pa­ti­blen Uni­ver­sa­lis­mus, abs­trakt, öko­no­misch, logisch und spiel­theo­re­tisch begrün­det, kommt er nicht umhin, uns den wah­ren Kern des Tianxia zu nennen.

Der Grund für des­sen Wirk­sam­keit und die frei­wil­li­ge Teil­nah­me vie­ler fern­öst­li­chen Stäm­me an der »Jagd auf den Hir­schen«, also den Wett­streit um Chi­nas Soft power, war die »Anzie­hungs­kraft der spi­ri­tu­el­len Welt«. Die Schrift­zei­chen und das Ideen­sys­tem besa­ßen die geis­ti­ge Zen­tri­pe­tal­kraft um Auge des kul­tu­rel­len Mahl­stroms zu wer­den. Das Sys­tem der Riten und Musik und sein sprach­li­ches Medi­um, bil­de­ten das einen­den Band, qua­si die Insi­gni­en des Tianxi­as.

Der Wesens­kern des Him­mels, der alles unter sich ver­sam­mel­te, war also eth­no­kul­tu­rell-kon­tin­gent. Zwar betont Zhao Tin­gyang wie­der­holt, das Chi­na ein mul­ti­eth­ni­sches Impe­ri­um gewe­sen sei, doch die eth­ni­schen und kul­tu­rel­len Unter­schie­de sei­ner Stäm­me sind glo­bal gese­hen gering. Ohne einer prä­exis­tie­ren­de Nähe- und Ver­wandt­schaft, hät­te die »Jagd auf den Hir­schen« nie­mals die­sen eini­gen­den Mythos bil­den können.

Ohne ein homo­ge­nes Sys­tem aus Riten und Musik wäre die inklu­si­ve Orga­ni­sa­ti­on der hete­ro­ge­nen Stäm­me, allen wirt­schaft­li­chen Vor­tei­len zum Trotz, nicht mög­lich gewe­sen. Auch Chi­na kann­te die unin­te­grier­ba­ren Bar­ba­ren jen­seits der eige­nen Eth­no­sphä­re. Das Tianxia ist also weni­ger der Him­mel für alle, son­dern der chi­ne­sisch-fern­öst­li­che Him­mel, der – in einer typisch eth­no­zen­tri­schen Uni­ver­sa­li­sie­rung der eige­nen Lebens­welt – als Him­mel an sich betrach­tet wur­de. Dass die­ser uni­vok-eth­no­zen­tri­sche Raum, im Unter­schied zu ande­ren Impe­ri­en weni­ger expan­sio­nis­tisch auf­trat, ist eine inter­es­san­te und durch­aus sym­pa­thi­sche Eigen­schaft. Ihn des­we­gen zum neu­en uni­ver­sa­len Welt­prin­zip zu machen, ist schwer denkbar.

Das Tianxia als Keim für eine neue glo­ba­le Ord­nung zu akzep­tie­ren, hie­ße, den chi­ne­si­schen Him­mel über die gan­ze Welt zu stül­pen. Es wäre eine Über­for­de­rung des Prin­zips, an dem es zer­bre­chen wür­de. Das Tianxia ist als der Hori­zont einer spe­zi­fi­schen Kul­tur- und Völ­ker­fa­mi­lie ein inter­es­san­tes und lehr­rei­ches Kon­zept. Für eine umfas­sen­de Ord­nung bräuch­te es eine höhe­ren Ebe­ne über dem chi­ne­si­schen Modell bzw. ein wei­te­res Prinzip.

Denn Zhao Tin­gyang kann noch so oft beto­nen, daß das Tianxia allen gehö­re. Im sel­ben Atem­zug, beschreibt er es als einen schwer oder kaum über­setz­ba­ren, dem Wes­ten frem­den Wert, auf den er sicht­bar stolz ist. An ande­rer Stel­le wird dar­aus ein »poli­ti­sches Gen im Wesens­kern Chi­nas« (S. 122). Eben­so könn­te der Mos­lem behaup­ten, daß der Koran allen gehö­re, was nichts an sei­nem fak­ti­schen ara­bi­schen Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus ändert. 

Das Kon­zept des Tianxia hat also, wie Zhao Tin­gyang in sei­nem Buch selbst belegt, eine nar­ra­ti­ve Struk­tur. Man kann es nicht erklä­ren ohne sei­ne Her­kunft, und damit die Geschich­te Chi­nas, zu erzäh­len. Das wür­de aber bedeu­ten, daß bei einer Welt­sou­ve­rä­ni­tät, basie­rend auf  die­ser Idee, alle Völ­ker an ein chi­ne­si­sches Nar­ra­tiv anknüp­fen müß­ten. Indem Tin­gyang selbst ein­ge­steht, daß das his­to­ri­sche Tianxia untrenn­bar mit einem mythi­schen, eth­no­kul­tu­rel­lem »Sys­tem der Riten« ver­bun­den war, hie­ße sei­ne Glo­ba­li­sie­rung not­wen­dig ein glo­ba­les Sys­tem der Riten, Mythen und eine Weltsprache. 

Es ist rich­tig und wich­tig, daß Zhao Tin­gyang die eth­no­kul­tu­rel­le und reli­giö­se Her­kunft des moder­nen west­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus auf­deckt. Ein glo­ba­les Tianxia wür­de dage­gen ähn­li­che Feh­ler bege­hen und alles ande­re als einen »kom­pa­ti­blen Uni­ver­sa­lis­mus« dar­stel­len (S. 233). 

Vom phi­lo­so­phi­schen Stand­punkt aus  kann Tianxia dem­nach kein uni­vo­kes Prin­zip sein, daß »uni­ver­sal, aber nicht uni­ver­sa­lis­tisch« (Alain de Benoist) ist. Die­ser Rang gebührt dem »Sein«, das bekann­ter­ma­ßen ja nicht »ist«, sich des­halb als Grund­la­ge für poli­ti­sche Ord­nun­gen nicht eig­net und des­sen »Seins­ge­schich­te« kei­nem Volk und kei­ner Kul­tur allei­ne gehört. 

Zhap Tin­gyang soll­te mei­ner Mei­nung nach viel eher in einem Ver­gleich zwi­schen chi­ne­si­schen, west­li­chen und ande­ren Uni­ver­sa­lis­men nach einer Mög­lich­keit der Ver­mitt­lung bzw. einer Ebe­ne über dem Tianxia suchen, die unter­schied­li­che Lebens­wel­ten abgren­zen und in eine viel­fäl­ti­ge und und frei­en Welt­zu­stand fügen könnte.

Hier bie­tet der an Hei­deg­ger geschul­te Den­ker Alex­an­der Dugin viel­leicht den bes­se­ren Ansatz für eine neu­rech­te Beschrei­bung der »uni­ver­sa­len Ebe­ne« jen­seits des Natio­nal­sub­jekts. Auch wenn man bei ihm, im tages­po­li­ti­schen Gewo­ge, Anklän­ge einer eth­no­zen­tri­schen rus­si­schen Sen­dung fin­den und kri­ti­sie­ren kann, ist sein Kon­zept der mul­ti­po­la­ren Welt imma­nent viel­fäl­tig. Weder der chi­ne­si­sche noch der rus­si­sche oder ame­ri­ka­ni­sche Hori­zont kön­nen als Wel­ten­him­mel alle Völ­ker und Kul­tu­ren der Erde unter sich vereinen. 

Ein Modus der fried­li­chen »Exter­na­li­tät«, den Tin­gyang immer wie­der for­dert, kann nur in einem Dia­log zwi­schen den eth­no­kul­tu­rel­len Lebens­wel­ten ent­ste­hen. Eine neue poli­ti­sche Ver­ständ­nis­ebe­ne über dem Tia­xia kann dia­lo­gisch in einem »inter­kul­tu­rel­len Poly­log« ent­ste­hen und ist in Form eines Welt­sou­ve­räns oder Welt­staa­tes undenkbar. 

Ob ein Modus gefun­den wer­den kann, in dem ver­schie­de­nen Mythen und eth­no­kul­tu­rel­le Lebens­wel­ten neben­ein­an­der bestehen, ohne in der Exis­tenz des Ande­ren eine exis­ten­ti­el­le Wider­le­gung des Eige­nen zu sehen, die letzt­lich erobert, assi­mi­liert und aus­ge­löscht wer­den muß, ist der gro­ße Prüf­stein für das Über­le­ben von Völ­ker, Mythen und Kul­tu­ren. Zhao Tin­gyangs Ansatz kann, wenn es die eth­no­kul­tu­rel­le Kon­tin­gent des Tianxia erkennt und dar­über hin­aus denkt, sicher einen Bei­trag dazu liefern.

Zhao Tin­gyang hat uns viel zu sagen und sein Buch hat mei­ner Ansicht nach das Zeug zur neu­rech­ten »Pflicht­lek­tü­re«. Die Beschrei­bung der Welt als chao­ti­sche All­men­de, die durch das Prin­zip der Tra­ge­dy of the Com­mons in eine gro­ße Beu­te­zo­ne ver­wan­delt wird, gelingt ihm eben­so gut wie die der Hege­mo­nie der USA und der »Ser­vice-Dik­ta­tur« der neu­en Tech­no­lo­gien. Jeder Neu­rech­te wird die Lek­tü­re, schon allein des­halb, weil er die indi­vi­dua­lis­ti­schen Gemein­plät­ze und demo­kra­ti­schen Heu­che­lei­en des links­li­be­ra­len Uni­ver­sa­lis­mus nicht tei­len kann, erfri­schend finden. 

Wenn Zhao Tin­gyang sagt: »Die Poli­tik bedient sich zwar der Macht, aber Macht ist nicht ihr Ziel, ihr Ziel ist die Schaf­fung einer kom­pa­ti­blen Daseins­ord­nung, die die Schöp­fung wach­sen und gedei­hen lässt« ( S. 202), stim­me ich ihm jeden­falls zu. Über­set­zun­gen wei­te­rer sei­ner Wer­ke wer­den uns womög­lich zahl­rei­che Ana­lo­gien zu Alain de Benoists frü­hem Den­ken und Hen­ning Eich­bergs Eth­nop­lu­ra­lis­mus sowie der gesam­ten Pro­blem­stel­lung der »neu­heid­ni­schen« Nou­vel­le Droi­te offenbaren. 

Doch gera­de wo Zhao Tin­gyang mit einer War­nung vor der Selbst­ver­nich­tung der Mensch­heit mora­li­schen Druck in Rich­tung Tianxia auf­baut, und die ange­spro­che­nen Wider­sprü­che igno­riert,  ähnelt er bis­wei­len einem chi­ne­si­schen Klaus Schwab. Hier lohnt sich statt des­sen ein Blick auf Rolf Peter Sie­fer­les gelas­se­ne­ren »par­ti­ku­lar-reak­ti­ven« Bewäl­ti­gung mög­li­cher Kri­sen der Glo­ba­li­sie­rung, der in ihnen kei­nen not­wen­di­gen Zwang zur poli­tisch geein­ten Mensch­heit sieht. 

Man darf hof­fen, daß Zhao Tin­gyang die Wider­sprü­che sei­nes Kon­zepts erkennt und auf die­se und wei­te­re Wider­sprü­che ein­geht. Bleibt das aus, so stellt sich das Tianxia eher als eine geschick­te und chi­ne­si­sche Vari­an­te des »Wil­lens zur Macht« dar. Poli­ti­sches Ergeb­nis wäre ein »Gre­at Reset mit Stäb­chen« in dem Marx und Kon­fu­zi­us, Zhao und Mao, Umwelt- und Viruspo­li­tik zu einer für man­che post­mo­der­ne Zun­gen schmack­haf­ten Mischung fusionieren. 

Daß Chi­nas Auf­tre­ten not­wen­dig natio­na­ler und »tel­luri­scher« anmu­tet als die west­li­che »trans­at­lan­ti­sche Tha­las­so­kra­tie«, macht die Tianxia sicher­lich sym­pa­thi­scher als die Alter­na­ti­ve in Form von »Glo­bo­ho­mo«. (Dar­in liegt indes auch eine Gefahr.) 

Auf kei­nen Fall bleibt uns die Aus­ein­an­der­set­zung mit Chi­na als neu-altem Welt­ak­teur erspart. Es ist daher rat­sam, sich früh mit den ein­fluß­rei­chen Den­kern aus­ein­an­der zu set­zen. Über­dies kann (und soll) man über Chi­na und die KPCh vie­le kri­ti­sche Din­ge sagen: »Trans­gen­der­kin­der«, offe­nen anti­wei­ßen Ras­sen­haß und Musik­charts, die von »Wet ass pus­sy« und »Dan­ger Dan« domi­niert wer­den, sucht man dort jeden­falls ver­geb­lich. Und Chi­na prägt nicht seit Jahr­zehn­ten über kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Hege­mo­nien jene Rea­li­tät, wie wir sie heu­te, zum Scha­den Euro­pas, bei uns vorfinden. 

– –

+ Zhao Tin­gyang: Alles unter dem Him­mel. Ver­gan­gen­heit und Zukunft der Welt­ord­nung (= suhr­kamp taschen­buch wis­sen­schaft), Ber­lin: Suhr­kamp 2020. 266 S., 22 € – hier bestel­len.

+ Bene­dikt Kai­ser bespricht die­ses Buch hier sehr differenziert.

+ Auch Dimi­tri­os Kis­ou­dis bear­bei­tet die­ses The­ma, und zwar in sei­nem Text über »Glo­ba­lis­mus« in der 100. Sezes­si­on. Eini­ge Hef­te sind noch hier verfügbar.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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Kommentare (50)

Laurenz

30. April 2021 10:24

@MS

Mir ist das etwas zu philosophisch, realitätsfern.

Die chinesische Mauer wurde deswegen gebaut, weil die mongolischen Stämme häufig Hunger litten, und die Chinesen, aufgrund ihrer seßhaften Kultur, mehr zu essen hatten, welches man sich als Mongole aneignen wollte, ohne die eigene nomadische Lebensart aufgeben zu wollen. Auch ein Stalin sah sich gezwungen, den "Großen Vaterländischen Krieg" auszurufen, um seine Leute zu motivieren, wobei es im sozialistischen Sinne vollkommen egal gewesen wäre, ob ein Österreicher statt eines Georgiers herrschte. Wir, werter MS, bilden die einzige Ausnahme. Fast alle Weißen auf dem Planeten stammen von unseren Vorfahren ab. Abwanderung & Föderalismus sind Teil unserer Kultur. & weil wir im Isolat entstanden, haben wir einen Hang zum Exotischen, Sie machen da keine Ausnahme. Allen anderen Kulturen auf dem Planeten ist es völlig egal, was die anderen denken. Die deutsche Linke denkt, da Blut dicker als Wasser ist, mendeln wir einfach Ethnien weg. Denn nur so läßt sich der globale Gedanke durchziehen. Die nicht-deutsche Linke denkt, gebären wir die anderen einfach weg, das hat denselben Effekt, nur daß nachher auf dem Planeten keine Mischrasse lebt, sondern nur noch Chinesen.

Maiordomus

30. April 2021 10:27

Mit der Alternative "Ich-AG" contra Ansprüche des Kollektivs, von Popper abwertend "Horde" genannt, lässt sich buchstäblich, zumal philosophisch reflektiert, kein Staat machen. Das mit der Ich-AG ist nicht zuletzt Bestandteil des grünen zivilreligiösen Glaubensbekenntnisses, wobei dieselbe quasi über die Pflicht zum "Gutmenschentum" geheiligt wird. Was wir brauchen könnten, wäre der angemessene Ausgleich zwischen Staat und Gesellschaft auf der durchaus aristotelischen Basis, dass der Mensch von Natur aus ein Gesellschaftswesen sei, ein "zoon politikon", wie es Aristoteles im 1. Buch seiner Politeia ausführt, mit Neigung zum antitotalitären regimen mixtum, also der gemischten Machtausübung von Führungselementen, Eliten und dem durchaus mit gesundem Menschenverstand gesegneten "Volk" der Vollbürger, zu denen aber naturgemäss nicht jeder zählen kann; man muss sozusagen eingesessen sein; wobei Aristoteles freilich in Sachen Sklaven noch einen blinden Fleck hatte und selbstverständlich auch die Rolle der Frau bestenfalls auf einige der Weisen unter ihnen reduzierte, wie Platon bei Diotima. 

Maiordomus

30. April 2021 10:41

PS. Das wahre Problem beim sog. "libertären" Liberalismus (was zum Beispiel nicht die Linie von Wilhelm Röpke war und auch nicht die Linie der "Hegelschen Rechten" des 19. Jahrhunderts, von Marxisten so denunziert), liegt nun mal bei einem Wohlmeinen, die Freiheit betreffend, in einem falschen, der Sozialnatur des Menschen nicht entsprechenden Weltbild. Erst recht falsch das Weltbild des Marxismus, welches gemäss Solschenizyn (Krebsstation) immer nur predigt "Du bist ein Teil des Kollektivs!" und gemäss Marx/Engels den Massenterror gegen den Klassenfeind befürwortet. Nationalsozialismus und Faschismus, auch Positivismus, beruhen sogar auf absurd falschen Voraussetzungen. Ehrlich gesagt lösen wir das Problem aber nicht damit, dass wir "unser Weltbild", zu dem wir immer nur als anthropologische Basis unterwegs sind, vorschnell zum "richtigen" erklären. Es bedarf einer notwendigen Prise Skepsis, die tiefsten Probleme des Einzelnen und der Menschheit bleiben "quasi in diesem Leben" nun mal unlösbar, was auch Voegelin, der Totalitarismuskritiker, immer hervorhob. An diesen Grundlagen müssen wir arbeiten. 

Franz Bettinger

30. April 2021 11:02

Sellner erwähnt "eine NWO, welche die Welt zum »politischen« Subjekt machen, ja eine »Weltsouveränität« hervorbringen könnte.“

Die Welt kein Objekt, sondern ein Subjekt? Das erinnert mich stark an einen Neuen hier in der Gegend (aus USA, aber mit deutschem Namen), einen seltsam glatten Newcomer (der mit 40 zu früh reich geworden ist, um seine Millionen halbwegs rechtfertigen zu können). Dieses Wesen, das sich grad mehrere (Millionen-teure) Anwesen in der Bay zugelegt hat und "Bekannte und Freunde“ nachziehen (und die Objekte abkaufen) lässt, redet ähnlich von Flüssen, Tälern und Bergen als 'Subjekten', die sich selbst besitzen sollten. Oh nein, das gilt in NZ nicht mehr als spinnert. Bereits 2 riesige Areale (so groß wie das Saarland) haben von der Regierung ganz offiziell den Status einer 'personhood' zuerkannt bekommen und unterstehen (nein nicht sich selbst, denn sie haben keinen Mund; können ihren Willen nicht kundtun) bestimmten 'Guardians'. Diese 'Wächter der Natur' sind Auserwählte (wie jener Neue in der Gegend, der wild nach solchen Konstrukten ist), also Leute, die wissen, was für den Fluss, das Tal, den Wald und den Berg gut ist. Mir drängt sich der Verdacht auf, das hier eine Art Enteignung Alteingesessener zugunsten anderer, neuer Menschen stattfindet. Kurz: Das Thema Enteignung wird seit 2020 auf vielfältige Weise salonfähig gemacht. 2022 soll es ganz konkret soweit sein. Ihr glaubt es nicht? Lest The Great Reset.

Franz Bettinger

30. April 2021 12:00

Off topic? Aber der andere Strang ist geschlossen, und es ist wichtig und sehenswert (trotz Verwendung üblicher Klischees): auch Sarah Wagenknecht begibt sich an die Corona-Front:  https://www.youtube.com/watch?v=wqrXAYUtmbc 

Rheinlaender

30. April 2021 12:01

Der von Herrn Sellner vorgebrachte Vorschlag zur Suche nach "einer Ebene über dem Tianxia [...] die unterschiedliche Lebenswelten abgrenzen und in eine vielfältige und und freien Weltzustand fügen könnte" würde m.E. genau die gemeinsame geistige Grundlage voraussetzen, welche die von ihm kritisierten universalistischen Weltanschauungen herzustellen versuchen. Vielleicht stellt der Wettbewerb oder der Kampf unterschiedlicher universalistischer Weltanschauungen um Hegemonie ja einfach eine unausweichliche Tatsache dar. Dann gäbe es zwei Wege zum Frieden: Entweder die Erkämpfung universeller Herrschaft einer dieser Weltanschauungen oder ein stabiles Machtgleichgewicht unter ihnen. Da sich hinter Herrn Zhaos Worten eine klare Kampfansage verbirgt, wäre aus europäischer Sicht unter diesen Umständen der Weg zum Frieden mit China die Entwicklung der eigenen wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Machtmittel.

Maiordomus

30. April 2021 12:26

@Das Schema mit den universalistischen Weltanschauungen hängt mit Sellners nicht abgeschlossenem Philosophiestudium zusammen. Entschuldigen Sie, ich lehrte das Fach während 33 Jahren, mit zum Teil habilitierten Schülern. 

Maiordomus

30. April 2021 13:12

PS. Betrifft: Nichtdogmatische Einstellung. Unter den amerikanischen Rechten ist der seinerzeit als "Rechtsextremist" apostrophierte übrigens Nixon-Gegner Barry Goldwater, Präsidentschaftskandidat von 1964 und Vorläufer Reagans, als undogmatisch sogar antidogmatisch gegen die amerikanischen Heuchler der "Moral Majority" aufgetreten. Dies sowohl in der Frage der Abtreibung wie auch als besonders verdienstvoll für einen Rechten als Befürworter auch geouteter Homosexueller im Militärdienst, was ja Platon auch in seinem Dialog "Das Gastmahl" positiv vertreten hat. Auf lange Sicht wird in diesen Fragen eine entkrampfte Haltung die richtige sein. Selber unterstützte ich vor Jahren mit Nachdruck eine sozialdemokratische Ständerätin, welche sich sich im Zusammenhang mit Abtreibung entschieden gegen die unnötige voreilige Bekanntgabe des Geschlechtes des zu erwartenden Kindes wandte, im Wissen, dass dies zu Abtreibungen von Mädchen führen würde. Die Mord-Fraktion unter den Feministinnen wandte sich wütend gegen dieses Anliegen, weil sie sahen, dass ihre Lebenslügen zur Unterdrückung des Gewissens durchschaut wurden. Aber natürlich bedeutete die Fristenlösung in gewisser Hinsicht eine Aufwertung des Gewissens. In diesem Sinne forderte der Marquis de Sade schon vor ca. 250 Jahren generell die Straffreiheit für Mord ganz allgemein als Anliegen der Total-Emanzipation des Menschen vor reiner Gesetzlichkeit, durchaus ein anarchischer Revolutionär, u.a. von E. Jünger bewundert. 

Nordlicht

30. April 2021 13:16

"Totaler Krieg und globale Expansion sind die Konsequenz eines grenzenlosen, instabilen Politsubjekts, das in der Nation oft nicht überwunden, sondern hinaufgesteigert wird."

Die damit verbundene Behauptung, dass der Imperialismus DIE Folge des Individualismus christlicher bzw monotheistischer Religionen sei, erscheint mir historisch nicht belegt. Ob man die alt und neupersischen Reiche nimmt, das Römische Reich oder die Mongolen - man findet etliche Beispiele dafür, dass vor-individualistische Bevölkerungen zu expansiven Machtballungen und organisiertem Imperialismus fähig waren.

Im jüdischen Monotheismus ist die Beschränkung auf das eigene Land und der Verbot der Aneignung benachbarter Länder geradezu ein Befehl des Gottes, siehe 5. Mose
"Verrücke nicht die Grenze deines Nachbarn ..."

Laurenz

30. April 2021 14:14

@Nordlicht

"Verrücke nicht die Grenze deines Nachbarn ..."

Eine Fehlinterpretation.

Damit sind die Grenzen hebräischer Nachbarn gemeint, was genauso für die 10 Gebote gilt, es sind Regeln für die Hebräer selbst untereinander.

Für alle anderen gelten diese Gebote nicht. Das gelobte Land, welches Adonai den Hebräern versprach, war zivilisierter bewohnt, als die hebräischen Nomaden selbst lebten. Ob es sich nun um Kanaaniter oder Jebusiter handelte, 70 Völker wurden im AT mit dem Bann Gottes ausgelöscht & ihres Besitzes beraubt. "Ihr werdet in Häusern wohnen, die ihr nicht gebaut & aus Brunnen trinken, die ihr nicht gegraben habt."

 

@Maiordomus

Jetzt weiß ich, wo die ganzen Linken ihren kranken Irrsinn herhaben. Um zu erkennen, wer Sie sind, habe ich ganz schön lange gebraucht. Aber besser spät als nie.

tearjerker

30. April 2021 14:33

Reset süss-sauer? Politisch könnte sich für die Bundesrepublik durch das Auftreten Chinas die Chance ergeben, sich vom Westen zu entfernen um eine eigenständigere Position als bisher einzunehnen. Sinnvoll, sofern Interessenüberschneidungen vorhanden sind. Möglich, da das Europa-Konstrukt Auflösungserscheinungen zeigt.

„den Status einer 'personhood' zuerkannt bekommen und unterstehen (...) bestimmten 'Guardians'.“ (Bettinger). Hinter all den Pseudo-Themen wie Unweltschutz, Dritte Welt usw. stehen wirtschaftliche und politische Interessen. Dafür werden Feldzüge organisiert, befeuert von Propagandaabteilungen, Pressekorps, Parteien und NGOs, moralisch aufgeladene neue Rechtsvorstellungen eingeführt (personhood of nature, Kinderrechte usw), flankiert von linken Kampfeinheiten, die marschieren, sabotieren, blockieren und besetzen. Die beanspruchten Räume sollen territorial erobert werden, um sie für eigene Interessen auszubeuten und Tribute einfordern zu können. Argumente und Philosophie sind immer nur Vorwand, Irreführung und Vehikel um den Fuss in die Tür zu bekommen. Wenn man drin ist, verwandelt man den Schauplatz dann in einen Kult- und Richtplatz, auf dem die Anbetung und die Verdammung der Ketzerei zur Eckpfeiler der neuen Ordnung werden. Das gefällt niemandem, weshalb angepasste Neureiche aus den USA an den A**** der Heide ziehen, um sich den Folgen ihrer misratenen Weltvorstellungen zu entziehen. Um dann demnächst hoffentlich von den Chinesen eingeholt zu werden. :)

Laurenz

30. April 2021 15:54

@tearjerker

Das, was Sie vorschlagen ist rein theoretischer Natur, eine optionale Mechanik, welche den Mangel an Souveränität nicht aufhebt. Sie wissen doch genauso gut, wie die meisten hier, was China alles tut, um seinen Mangel an Rohstoffen, bis auf seltene Erden etc., der mangelnde Souveränität bedeutet, abzusichern. US amerikanische Politik treibt sogar natürliche Feinde, wie Russen und Chinesen in starke bilaterale Beziehungen. Nur Rußland ist militärisch stark genug, uns zu beschützen, & ökonomisch zu schwach um uns zu drohen. Für mehr Souveränität ist auch die europäische Lösung keine Lösung, weil die geographischen Europäer keine politischen Europäer sind & es in absehbarer Zeit auch nicht werden.

heinrichbrueck

30. April 2021 16:43

"Wenn Zhao Tingyang sagt: »Die Politik bedient sich zwar der Macht, aber Macht ist nicht ihr Ziel, ihr Ziel ist die Schaffung einer kompatiblen Daseinsordnung, die die Schöpfung wachsen und gedeihen lässt« ( S. 202), stimme ich ihm jedenfalls zu."
Völker haben Territorien. Wachsen die Völker, dehnen sich die Lebensräume aus. Die Frage, wie Macht definiert werden muß, sollte schon ein Ziel sein. 
F. Roger Devlin (theoccidentalobserver.net/beating-us-with-our-own-weapons/) schreibt: "... the Chinese concept of nationality is racial—the norm everywhere outside the modern West." Eine Überseechinese bleibt Chinese. In Europa sind die Leute dermaßen gehirngewaschen, daß darüber, welcher Identität man angehört, Uneinigkeit herrschen kann. Die Konsequenzen: Umvolkung. Ist A falsch, wird B gesagt. 
Die chinesische Weltherrschaft gibt es nicht. In "1984" herrscht permanent Krieg. Drei Blöcke kämpfen gegeneinander, unterscheiden sich aber nicht. Der "Great Reset" beschließt die Inventur der NWO. Die Mehrheit wird ideologietreu abstimmen, wie in einer Demokratie (Marionettenregierung) vorgesehen. Konservative Wahnvorstellungen halten an der Marionettenregierung fest, werden 1984 aber nicht überleben. An den Punkten, wo die Geschichtsschreibung Fiktion ist, werden die Konservativen Rettungspunkte finden. Es wird keine multirassische Identität geben, die nicht unter Kontrolle einer Fremdkultur ist. 
Ich sehe nicht, was die Chinesen haben könnten, was uns fehlte. 

Nordlicht

30. April 2021 16:59

@Laurenz:

Der Kern meiner Aussage war, dass eine monotheistische Religion nicht zwangsläufig zum Imperialismus führt, wie in dem vom MS besprochenen Buch unterstellt wird. 

Es gibt jedenfalls in der Geschichte ebenso Beispiele für Imperien, die von anderen Völkern erobert wurden, denen nicht ein Individualismus religös innewohnt.

Denn eine Eroberung eines Gebietes, um darin zu siedeln und zu bleiben, das ist ein zeitloser Mechanismus - und sehr unterchiedlich zu der Gründung eines Imperiums, das auf andauernde Unterdrückung anderer Völker angelegt ist, nicht auf Bildung eines eigenen homogenen Staates. 

 

tearjerker

30. April 2021 21:18

@Laurenz: Es passiert jetzt.

Laurenz

30. April 2021 21:54

@Nordlicht @L.

Die Erfinder des Monotheismus sind die Perser, gefolgt, ca. 500 Jahre später, von Echnaton. In der langen Geschichte dieser Reiche gab es so viele Phasen, daß hier eine Beweisführung absurd wird. Der hebräische Monotheismus wird vor allem aus der Babylonischen Gefangenschaft interpretiert & wie beschrieben, ist das AT kein Hort der Friedensbewegung. Wenn wir dann weiter schauen, so war die friedliche Mission bei Islam & Christentum gescheitert. Die gewaltsame Mission, also Imperialismus mit Umerziehungs-Charakter, ist die Grundlage unseres Wissens über diese Religionen überhaupt. Ohne gewaltsame Expansion wüßten wir gar nichts, wüßten aber sonst mehr, denn Vertreter beider Religionen vernichteten riesige Kultur-Schätze. Und Sie haben natürlich, wie @RMH, vollkommen Recht. Die Heiden waren diesbezüglich keineswegs besser, aber sie erhoben auch nie einen moralischen Anspruch. Die amerikanischen Hochkulturen machten es übrigens ähnlich, Sie vernichteten zuerst die Sprachen unterjochter Völker. Den Inkas gelang dies sogar desöfteren auf "diplomatischem" Wege.

nom de guerre

30. April 2021 22:36

"Überdies kann (und soll) man über China und die KPCh viele kritische Dinge sagen: »Transgenderkinder«, offenen antiweißen Rassenhaß und Musikcharts, die von »Wet ass pussy« und »Danger Dan« dominiert werden, sucht man dort jedenfalls vergeblich."

Anfang des Jahres teilte ein amerikanischer Telegramkanal ein chinesisches Video, in dem sich ein Uigure überglücklich darüber zeigte, dass er und seine Frau in der Lage seien, ein Han-chinesisches Waisenkind zu adoptieren. Kommentierend schrieb der Kanalinhaber, dies sei für dieses Ehepaar infolge der von der chinesischen Regierung massenhaft vorgenommenen chemischen Kastration von Uiguren vermutlich die einzige Möglichkeit, ein Kind zu haben.

Frage: Falls das stimmt (was nicht fernliegt; die Existenz der Umerziehungslager für Uiguren wird schließlich ebenso wenig bestritten wie die Zerstörung der tibetischen Kultur), inwiefern ist das dann den beschriebenen Auswüchsen westlicher Dekadenz vorzuziehen? Handelt es sich nicht vielmehr um einen Vergleich zwischen Pest und Cholera?

anatol broder

30. April 2021 23:30

@ franz bettinger 11:02

die grossmutter eines freundes aus eritrea fand es bei ihrem ersten besuch in deutschland vor zwei jahrzehnten am merkwürdigsten, dass man hier hunde in der wohnung hält, füttert und mit ihnen redet.

matthias stolz staunte vor zwei wochen:

«täuscht der eindruck, oder stimmt es: tragen hunde heute sehr oft kindernamen? und wenn ja, was hat das zu bedeuten? […]

das ergebnis für das vorjahr ist deutlich: unter den 80 hundenamen sind 52 beliebte babynamen zu finden. die beliebtesten 17 weiblichen hundenamen sind alle zugleich beliebte mädchennamen. emma liegt, ein zufall, sowohl beim menschen als auch beim hund auf platz vier. […]

juristen, biologen und philosophen denken darüber nach, wo sie eigentlich noch liegt, die grenze zwischen mensch und tier. sie fragen sich: sollten nicht auch tiere rechte haben, einklagbare rechte statt nur ein wenig schutz? ein eigenes wissenschaftliches feld, die human-animal studies, ist um diese frage entstanden. hundebesitzer haben diese frage für sich beantwortet. mensch oder tier, beide sind emmas.»

Solution

30. April 2021 23:31

Wäre es nicht besser, angesichts unseres unaufhaltsamen Niederganges seit den 60ern des vorigen Jahrhunderts den Planeten der Herrschaft der Chinesen zu überlassen? Vielleicht können wir ja in der Kollaboration mit ihnen unser Aussterben friedlich vollziehen?

Gracchus

1. Mai 2021 00:00

Natürlich: Man müsste das Buch lesen, um mitzudiskutieren. Sellners Nachtrag ist gleichwohl informativ. Das Konzept Tinxia klingt verlockend. Was klingt daran verlockend? Die Suche nach oder der Glaube an eine Ordnung, die bereits gegeben ist und den Menschen trägt; allein auf dieser Grundlage können Menschen ihr Schicksal gestalten. Das westliche Pendant ist Schöpfungsordnung oder Kosmos. Der Kosmos oder der Glaube an eine Schöpfungsordnung ist dem Westen aber verloren gegangen. Bezeichnend Pascal: Diese unendlichen Räume machen mich schaudern. 

 

Laurenz

1. Mai 2021 00:07

@tearjerker @L. 

"Es passiert jetzt."

Dem mag so sein, dem mag so nicht sein.

Nur, wenn dem so ist, dann haben wir es nicht mit einer Option zu tun, sondern jeder europäische Politiker, wie auch @Franz Bettingers "Tiefer Staat" schauen ohnmächtig zu, denn es existierte dann weder eine Option noch irgendein Verhandlungsspielraum, weder für den Westen & schon gar nicht für Deutschland im einzelnen. 

Wenn Sie mich persönlich fragen, sehe ich sehr wohl Optionen, aber keinen aus der westlichen Elite, der diese ziehen würde. Trump war in diesem Sinne wohl zu harmlos. Vielmehr müssen wir dann, aus Ihrer Sicht der Dinge, davon ausgehen, daß die westlichen Eliten, auch aus ihrem eigenen Interesse betrachtet, strunzhohl sind.

Gracchus

1. Mai 2021 00:17

(Fortsetzung)

Ich weiss nicht, ob Martin Sellner oder Zhao das behaupten. Den heutigen westlichen Individualismus auf die christliche Seelenlehre zurückzuführen, ist absurd. Der Begriff "Atomismus" gibt die Richtung schon an, wo man suchen muss, nämlich bei Demokrit und also bei einem materialistischen Weltbild. Hiervon ist auch die moderne Naturwissenschaft und Kosmologie affiziert oder infiziert. Deshalb gibt es keine sinnvolle Ordnung (= Kosmos oder Schöpfung - wobei die christliche Vorstellung wohl davon ausgeht, dass diese Ordnung durch das Böse verletzt ist und sich eben nicht in Harmonie befindet, was meinem ambivalenten Erleben entspricht), sondern nur ein sinnloses Universum. 

In Bezug auf das Christentum würde ich in Ermangelung eines besseren Begriffs von Personalismus sprechen, der mit dem atomistischen Individualismus Ähnlichkeiten hat, aber himmelweit verschieden ist. 

Laurenz

1. Mai 2021 00:23

@nom de guerre

"Handelt es sich nicht vielmehr um einen Vergleich zwischen Pest und Cholera?"

Aus Sicht der Han-Chinesen weder noch.

Um das aber zu verstehen, muß man einfach in die Geschichtsbücher schauen.

Falls jemand der Logik von Imad Karim folgen möchte, der meint augenscheinlich, es geht einfach nachwievor um das nackte Überleben.

Die Uiguren & die Tibetaner haben schon verloren, sind dem kulturellen Tode geweiht. & wenn wir bei den Uiguren bleiben, so geschah deren Islamisierung nicht friedlich, auch wenn das schon ein paar Jährchen her ist.

Gracchus

1. Mai 2021 00:24

Der gar nicht so orthodoxe Christen- Heide Goethe sagt es: Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit.

Biblisch knüpft das an die "Ich bin"-Worte Jesu an. Natürlich wertet die ganze Geschichte Jesu den Einzelnen auf. Das hat aber doch nur sehr entfernt mit dem heutigen Individualismus zu tun. Dieser bringt ersichtlich keine Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten hervor, sondern stromlinienförmige narzisstische Ja-Sager.  

Gracchus

1. Mai 2021 00:54

Personalität in dem Sinne ist aber nicht atmoistisch, sondern a priori Bezogenheit, gibt es nur in Gemeinschaft. Sehr schön dargestellt von Buber in "Ich und Du". 

Das Christentum ist gefährlich. Da macht Zhao natürlich einen Punkt. Brutale Missionierung, Dogmatisierung und der Anspruch auf ein Wahrheits- und Heilsmonopol sind kritisch zu sehen, was wiederum nicht heißt, dass man in einen inhaltslosen Relativismus verfallen muss. Es ist die Versuchung der Schlange: Ihr werdet sein wie Gott. Plausibel interpretiert Eckhard Nordhofen die letzte Vater unser in dies Richtung - dass sich ein Christ, der die Gottesnähe erfährt, sich selbst an die Stelle Gottes setzt. 

So gesehen schwingt dieser Wahn im Westen noch nach, wenn man sich als Herren über die Welt aufspielt. 

 

 

Gracchus

1. Mai 2021 01:03

Ich würde einen anderen Chinesen ins Spiel bringen, nämlich Francois Cheng, der 1949 mit 20 nach Frankreich ausgewandert ist und später auch, wie der Vorname anzeigt, zum Christentum konvertiert ist. In seinem Denken (z. B. "Fünf Meditationen über den Tod" - auch für die Corona-Verängstigten empfehlenswert) verbinden sich Daoismus bzw. Zen-Buddhismus und Christentum. Anders als anscheinend Zhao sieht oder stiftet er Gemeinsamkeiten und findet das Dao bei Pascal oder Meister Eckhardt, ohne zugleich in den Fehler zu verfallen, alle Differenzen zu leugnen.

RMH

1. Mai 2021 10:37

"Den heutigen westlichen Individualismus auf die christliche Seelenlehre zurückzuführen, ist absurd."

I.

Obacht, da liegt schon ein wahrer Kern dahinter. Wie ich anderen Ortes schon einmal schrieb, knüpft das Heilsgeschehen im Christentum nicht mehr bei einer Herrscherkaste, einem Geschlecht, einem  einzelnen Volk, einem Imperium etc. an, sondern ganz konkret beim Einzelnen. Mit dem Christentum betritt damit das Subjekt mit großer Wirkmacht auf den Plan. Nur der einzelne Mensch kann durch seinen Glauben an die Erlösung durch Christus errettet werden - nie seine Sippe, nie sein Volk. Daraus ergibt sich als unmittelbarste Folge, dass der Christ auch seinen ihm Lieben, im besten Fall der ganzen Menschheit den Weg zu dieser Erlösung zeigen will (= Missionierungsdrang, Universalismus, denn der Weg der Erlösung wurde durch Christus allen Menschen versprochen). Auf der anderen Seite löst die christliche Botschaft durch das erkennen, dass man nur durch Glaube, Hoffnung auf eine jenseitige, bessere Welt erlöst wird aber auch gerade eine Ethik des Mitleids mit den anderen ebenfalls im irdischen Jammertal Gefangenen, der sozialen Fürsorge und eben der Nächstenliebe und damit per se soziales, stark gemeinschaftliches Verhalten aus. Weiteres in Teil 2.

RMH

1. Mai 2021 10:53

II: Es gibt auch noch andere Wege und Anschauungen, die das Subjekt ins Zentrum ihres Heils- und Erlösungsgeschehens stellen. Bspw. die antike Gnosis (es gibt nicht "die Gnosis" - ich verwende das als Sammelbezeichnung für die diversen Kulte), auch hier geht es nicht mehr um Gruppen, sondern um das Heil des konkreten Einzelnen. Die Gnosis mit ihren arkanen Disziplinen und dem Ergebnis bzw. dem Ziel der Selbstvergottung statt Erlösung durch schlichten Glauben, war in der Konkurrenz zum Christentum am Ende unterlegen. Dieser Weg wurde damit aber nie beendet, er lebt in unzähligen Gruppen und Grüppchen, z.T. in der Freimaurerei, weiter. Ebenso auch in Kulten, die von christlicher Seite stets als satanische Kulte bezeichnet wurden. Einige davon bezeichnen sich mittlerweile selber so. Bei einer Anschauung, Philosophie und konkretem Kult, wo es um die konkrete eigene Vergottung geht, man selber will mindestens göttlich werden, sind wir dem ausufernden Individualismus aber deutlich näher, als beim Christentum. Die Neigung, selber zum Gott werden zu wollen, würde ich jetzt nicht als spezifisch westlich definieren, auch wenn die bekannten, antiken gnostischen Kulte wohl klar ihren Höhepunkt zu den (insbesondere späteren) Zeiten des römischen Imperiums hatten.

RMH

1. Mai 2021 10:59

III.

Abschließend: Ist nicht gerade auch der östliche Buddhismus eine zutiefst individuelle, subjektive Angelegenheit? Die Welt ist Leid und Leiden und aus diesem Leiden kann nur die stets individuell anzustrebende Erleuchtung führen? Ist ein Mönch, ein Asket, nicht auch ein höchst egoistisches Wesen, da er seine Versenkung auf dem Weg ins Nirvana über den Dienst an Mitmenschen stellt, ja sich sogar von diesen auch Aushalten lässt (Bettelmönche)?

Ist der Daoismus nicht auch ein Weg des Individuums, der Veredlung des eigenen Körpers und Geistes? Der andere, ist auch hier nur Substrat, Umfeld, den "großen Preis" hat das Individuum alleine zu holen ..

Der Herr Zhao führt uns meiner Meinung nach nur vor ... die Chinesen wissen ihren Raubtierindividualismus nur besser zu verstecken und zu maskieren.

nom de guerre

1. Mai 2021 11:01

@ Laurenz

"'Handelt es sich nicht vielmehr um einen Vergleich zwischen Pest und Cholera?'

Aus Sicht der Han-Chinesen weder noch."

Sie haben Recht. Während die von M.S. aufgelisteten Phänomene die Selbstzerstörung unserer Kultur abbilden, wirkt sich das Vorgehen in China nur nach außen, in diesem Fall auf Tibeter und Uiguren, zerstörerisch aus, nach innen dient es der Erhaltung. Aber unser Standpunkt ist nicht der eines Han-Chinesen, wir betrachten das Ganze von außen. 

Es schadet sicher nicht, dieses Buch zu lesen bzw. sich überhaupt mit solchen Strömungen auseinanderzusetzen. Dennoch bleibe ich bei dem, was ich zu Herrn Sellners erstem Text zum Thema geschrieben habe: Wir sollten bei unseren eigenen abendländischen Wurzeln nach Antworten suchen, sie wieder fruchtbar machen. Ich denke nicht, dass es dafür wirklich schon zu spät ist.

@ anatol broder

Tiernamen: Warum soll ein Hund keinen Namen haben? Auch die Kühe meiner Großeltern hatten Namen und wir haben durchaus mit ihnen gesprochen. So etwas ist in Mitteleuropa ganz normal, ich würde darin keine Erscheinung nur der kinderarmen Gegenwart sehen. Was Franz Bettinger schildert, scheint mir eine Pervertierung dieser Disposition "weißer Menschen" zu sein, die vermutlich nicht dem Wohl der mit "Rechten" ausgestatteten Flüsse oder Tiere dient, sondern dazu, Interessen bestimmter Lobbygruppen mit einer dann unangreifbaren Begründung zu versehen.

Laurenz

1. Mai 2021 11:24

@Anatol Broder @Franz Bettinger

Will nicht gegen Ihren Beitrag argumentieren. Es fehlt nur etwas, nämlich die Pflanzen. Es gibt auch Menschen, die mit ihren Pflanzen reden. Pflanzen haben auch Befindlichkeiten & haben denselben Lebenswillen, wie wir.

Nur, Pflanzen sind uns von der Lebensart wesensfremder als Säugetiere, was auch logisch ist, wir selbst sind ja Säugetiere.

In 2017 war ich mal ein Jahr lang auf der Plattform des Herrn Kandishügel. Da bin ich von der Seite von PETA, den heutigen echten Nazis, geflogen, weil ich denen sagte, daß sie Pflanzen in Massenhaltung halten & morden würden. Diese Leute spielen Gott & wollen entscheiden, welche Lebewesen gemordet werden dürfen & welche nicht. Platons permanentes "Alles fließt", basiert auf dem Sterben zum Nutzen derer, die geboren werden.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 11:58

Die Verzweiflung muß - bei manchen - groß sein.

1925 und 1986: "Von Sowjetrußland lernen heißt siegen lernen!"

2021: "Von der konfuzianischen 'Harmonischen Gesellschaft' ergo vom chinesischen Sozialkreditsystem lernen heißt siegen lernen!"

Viel Spaß ...

Aber auch hier: wenn der Karren dann wieder tief in der Jauche steckt will ich kein Gejammer hören!

- G. G.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 11:59

I zu "Individualismus"

Das Problem ist nicht der Individualismus sondern die Infantilität, und zwar spiegelbildlich links wie rechts.

Der Individualismus des Erwachsenen bedeutet die Übernahme umfassender Selbstverantwortung sogar für das, was ihm im Leben widerfährt. Alles andere ist neurotische Vermeidungsstrategie.

Diese umfassende Selbstverantwortung zu übernehmen ist nur möglich auf Basis eines kristallklaren, durchdringenden und bejahenden Verständnisses des Ich.

Wer das durchdringende und bejahende Verständnis des Ich nicht hat, kann nicht als Erwachsener gelten. Innerlich ist er ein Kind.

(Zäsur: der Monotheismus war psychogenetisch ein Durchgangsstadium im Prozeß der äonenlangen Herausbildung des Ich, - des Kostbarsten, was wir heute haben -, und was nun einige Banausen mal kurz "in die Tonne treten" wollen. Dieser Prozeß war bzw. ist - auch wenn ihn nur die Hauptstrom-Kulturen durchgemacht haben - ein objektiver Prozeß bzw. Etappe einer objektiven Bewußtseinsdynamik, so daß es nur absurd ist, am Monotheismus irgendetwas zu kritisieren, erst recht aus der Position des Kindergartenkindes in der Universität heraus!)

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 12:00

II zu "Individualismus"

Wagandt bringt immer das schöne Gleichnis einer imaginären Tante Inge, die den Kindergartenschlüssel nicht mehr rausrückt, woraufhin alle empört rufen "Wir wollen aber in den Kindergarten (der psychischen Regression) zurück".

Woraufhin, das füge ich hinzu, rechts sogleich das Gänsestallgschnatter losgeht, wie böse ach "Individualismus" sei.

Leute, ihr könnt Euch winden und die schrägsten Strategien erspinnen wie ihr wollt, aber ihr werdet euer Ich auch gar nicht mehr los. (Gut so!) Stellt euch dem endlich anstatt immer neue und immer kafkaeskere Vermeidungsmuster auszuhecken.

Und ich warne euch: das Ich verschwindet mit diesen Vermeidungsstrategien keineswegs, es bläht sich dadurch vielmehr nur noch mehr auf und entwickelt exakt spiegelbildlich genau das hinterlistige und destruktive Eigenleben, das ihr bei den Hedos beklagt.

Noch etwas: mit dem Beklagen der Existenz des Ich, mit dem Versuch, es sozusagen wieder in die Büchse der Pandora reinzustopfen, folgt ihr auch - wiederum exakt spiegelbildlich - genau demselben Todestrieb, den ihr bei den linken Selbsthassern beklagt.

Übrigens haben wir hier das Grundmotiv aller Sekten.

- G. G.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 12:01

"Zhao Tingyang geht sogar soweit, das Christentum als 'weltweit nachwirkende Unterbrechung des Kontakts der Erde zum Himmel' zu bezeichnen, sprich 'als den Versuch, allen anderen Kulturen den Kontakt zum Göttlichen zu nehmen, die Sakralität aller anderen Kulturen auszulöschen und das alleinige Recht auf Kontakt zum Göttlichen an sich zu reißen' (S. 200 f.)"

Als das Christentum in Rom zur Staatsreligion gemacht wurde, wurde es in den (über die Jahrtausende selbstverständlich vielfach transformierten) altägyptisch-chaldäischen Mysterienkult hineingebeugt - nahezu bis zur Unkenntlichkeit. Wer das nicht sieht, ist in Fragen des Christentums nicht zu Äußerungen berufen höflich ausgedrückt. (Aba Nachtijall ick hör dir.)

- G. G.

Gustav Grambauer

1. Mai 2021 12:02

"Die Einigung nach Innen (durch die Befriedung individualistischer Konflikte im Staat) wird durch die Mobilisierung ihrer aggressiven Energien nach Außen erkauft."

Wie verengend, dies sozusagen als Sozialingenieur aus rein instrumentellen Motiven und aus rein instrumentellem Blickwinkel zu betrachten!

So komme ich auch zur genau umgekehrten Schlußfolgerung: das durchdringende und bejahende Verständnis des Wesens des Ich und somit ein unverschrobener Individualismus ist zugleich die csqn des Souveränismus, welcher nämlich von innen her nach außen aufgebaut werden muß. Die äußere Insouveränität der Deutschen ist nur die Konsequenz ihrer inneren Insouveränität respektive ihres gestörten Verhältnisses zum Ich respektive ihrer Zurückweisung umfassender (individueller) Selbstverantwortung (Maaz: Normopathie) respektive ihrer Infantilität.

Und dies (!) ist, - so meine Schlußfolgerung -, die Wurzel des Übels eines "grenzenlosen, instabilen Politsubjekts, das in der Nation oft nicht überwunden, sondern hinaufgesteigert wird". 

- G. G.

Gracchus

1. Mai 2021 14:45

@RMH

"Obacht!" - da will ich Ihnen nicht widersprechen, und im weiteren Verlauf meines Posts bestätigt sich das auch, da ich ja zugestehen, dass der Einzelne durch das Christentum aufgewertet wird. Ich wende mich eher gegen den Begriff "Individuum" als soziales Atom - was m. E. dem materialistischen Weltbild Demokrits entspringt. Mir ist bewusst, dass das im alltäglichen Sprachgebrauch verwischt wird. Bei Individuuum denke ich inzwischen an die "zynischen und menschenverachtenden" (um einmal den Mainstream-Sprachduktus zu pflegen) Filmchen der Bundesregierung, wo das Individuum brav auf der Couch liegt und Pizza frisst.

Gracchus

1. Mai 2021 14:51

Auch kommt "Individuum" aus einem biologischen Sprachgebrauch, ist Teil des Paares Individuum und Population. Von daher konnte Luhmann sagen, dass Individuum ist eine soziale Erfindung, um die sozialen Funktionen besser erfüllen zu können. Abseits der Semsntik bin ich bei Ihnen wie auch bei Gustav Grambauer.

Laurenz

1. Mai 2021 15:04

@Gustav Grambauer

Sie argumentieren nicht schlecht, außer im Bezug Erwachsene/Kinder. Die Wahrnehmung von Kindern ist ungetrübt, auch im irrealen oder spirituellen Sinne. Kinder lernen im Versuch gepaart mit Irrtum. Erwachsene sind es, welche den Kindern dies abnehmen wollen, & versuchen, Kinder zu programmieren & die Welt festzulegen (die Wahrnehmung einzuschränken), wie sie es als richtig erachten. Damit wird aber die Wahrnehmung kastriert. Kinder kennen auch keine Moral, was am offensichtlichsten zeigt, wer wir sind & was tatsächlich menschlich ist. Soziales Verhalten entwickelt sich dadurch, daß Kind im Sandkasten eins vom anderen Kind auf die Fresse kriegt, wenn es dessen Sandförmchen klaut, gepaart mit der Erkenntnis, daß Sandburgen zu 2t einfacher zu bauen sind, als alleine. Das eigene ICH beim Kind spielt nur im Falle des Schmerzes eine Rolle. Daher ist Ihr erwachsen sein, nicht unbedingt ein Prädikat.

Lotta Vorbeck

1. Mai 2021 15:54

@Gustav Grambauer

Sehr schön herausgearbeitet!

Spiegel erzeugen, physikalisch betrachtet, keine reellen, sondern nur virtuelle Bilder. Virtuelle Bilder lassen sich weder auffangen, noch irgendwohin projizieren.

Wird der Spiegel zerschlagen, sind diese Bilder im selben Moment ebenfalls verschwunden.

Was sich lediglich in etwas anderem spiegelt, geht mit diesem Spiegel gemeinsam über den Jordan.

Aetas Aurea

1. Mai 2021 22:28

Die passendste Übersetzung des chinesischen ''天下'' wäre ''Unterhimmel'', entsprechend dem deutschen Wort ''Unterwelt''. Wer des Chinesischen mächtig ist, kann sich hier einen relativ langen Auszug aus dem Denken des Herrn Zhao zu Gemüte führen. (Der Google Übersetzer übersetzt das Ding auch ziemlich gut ins Englische) 

Interessant ist ein Kernpunkt des chinesischen Konzepts, der in neurechten Diskursen des Westens oft untergeht. Nationale und globale Ebene werden hier nämlich nicht als scharf voneinander zu trennen und miteinander in unversöhnlicher Feindschaft liegend betrachtet, sondern als jede für sich gerechtfertigt. Sie sollen in den Augen des chinesischen Philosophen miteinander kooperieren und in Harmonie koexistieren.    

Dem Diktum Zhaos folgend, welches Herr Kaiser ja bereits in Seinem Artikel erwähnt hat, wonach die Koexistenz der Existenz voraus geht kann man dann auch sagen: Nation und Volk gehen der globalen Ebene voraus. Sie haben Vorrang vor universalistischen Heilsmissionen. Jedoch darf eine die globale Ebene der Kooperation deshalb nicht verachtet werden. 

Ob hier in Gestalt des Tianxia-Konzepts, wie Herr Sellner schreibt, ein Globalismus chinesischer Prägung ideologisch ausformuliert werden soll, um ihn dann der restlichen Welt aufzuzwingen, wird sich noch zeigen müssen. 

 

Alter Lehrling

1. Mai 2021 22:51

 

Das Interesse für chinesische Analysen zur Innen- und Außenpolitik liegt an der gewachsenen und weiter wachsenden Macht Chinas.

Dazu kommt ein entscheidender Gegensatz:

In China überragt staatlicher Anspruch alle anderen Ansprüche. Das hat weniger mit der (historisch kurzen) Phase kommunistischer Herrschaft zu tun als mit dem Gesamt der chinesischer Geschichte und Kultur.

Im Westen hingegen tritt der Staat zunehmend gegenüber großen Privatinteressen zurück, geriert sich als deren Erfüllungsgehilfe oder überlässt gar Privaten vordem wesentliche Teile des eigenen Bereichs: z.B. Gefängniswesen oder Aufstellung und Einsatz von Privatarmeen in den USA.

Neben der Konkurrenz ist jener Aspekt eines starken Staates einerseits und einer Tendenz zur Entstaatlichung andrerseits ursächlich für Konflikte zwischen chinesischem und US-amerikanischem Imperium.

Die bislang dem US-Imperium zugeordneten Staaten am westlichen Rand der Weltinsel müssen wählen.

anatol broder

2. Mai 2021 03:38

@ nom de guerre 11:01

es geht nicht um tier­namen, sondern um den platz des tieres unter men­schen. die gross­eltern haben die kühe nicht in der wohnung ge­halten. ver­spiesen wurden die kühe be­stimmt auch. ob sie ge­wöhn­liche mensch­liche namen trugen, ist hier allein von be­deutung. hiess eine kuh etwa wie nom de guerre?

das landes­kuratorium der erzeuger­ringe für tieri­sche ver­edelung in bayern ver­merkt:

«auch kuh­namen unter­liegen einem modet­rend. seit 1980 ist susi der be­lieb­teste kuh­name und hat alma vom spitzen­platz ver­trieben. neu im rennen sind da­gegen emma und anna.»

dass die wende bei hunden und kühen direkt von der steigenden kinder­losig­keit ab­hängt, geben die daten nicht her. ich habe nur keine bessere an­nahme, um emma zu erklären.

wenn der verdacht von franz bettinger stimmt, dann werden die hiesigen grünen auf die­selbe weise die ab­weichenden grund­besitzer ent­eignen.

anatol broder

2. Mai 2021 05:27

@ franz bettinger 11:02

robert habeck erklärt in seiner bewerbung bei der bt-wahl 2021:

«den bäuerinnen und bauern eine einkommens­per­spektive jenseits von wachse oder weiche zu geben, indem öko­land­bau, vertrags­natur­schutz und direkt­vermarktung gefördert werden.»

einen ähnlichen bäuerinnenstaat der zukunft entwarfen (4:30) russische cyberpunks.

nom de guerre

2. Mai 2021 10:27

@ anatol broder

"dass die wende bei hunden und kühen direkt von der steigenden kinder­losig­keit ab­hängt, geben die daten nicht her. ich habe nur keine bessere an­nahme, um emma zu erklären."

Das ist eine mögliche Erklärung, ich halte sie aber nicht für zutreffend. Natürlich wurden die Kühe im Gegensatz zu Hunden und Katzen nicht im Haus gehalten. Sie hatten aber normale menschliche Namen. M.E. ist das auf den ab den 60ern ansteigenden Viehbestand pro Bauernhof zurückzuführen. Wenn Sie statt 4 Kühen 10 oder 15 haben, können Sie sie nicht alle Scheckchen oder Blaess nennen (hessisch für Huftiere mit geschecktem Fell bzw. weißem Fleck auf der Stirn). Daher dann die Susi, Rosa oder Erna. Bei weiter zunehmendem Tierbestand haben die einzelnen Exemplare heute oft mangels persönlicher Beziehung des Bauern zu denselben Nummern. Kann mich erinnern, dass sich meine Mutter vor einiger Zeit furchtbar über eine Bekannte mit großem Milchviehbetrieb aufgeregt hat, die erzählte, man habe "die 17" notschlachten müssen. Dass so ein Tier einfach als Nummer im Stall gestanden hatte, fand sie unfassbar.

Es mag sein, dass Hunde und Katzen ein Kinderersatz sein können, dennoch meine ich, dass es Teil unserer Kultur ist, ein Tier nicht nur als Milch- und Fleischlieferant zu sehen. Der Begriff vom "Hund als bestem Freund des Menschen" kommt schließlich nicht von ungefähr.

Laurenz

2. Mai 2021 18:13

@Alter Lehrling

"Die bislang dem US-Imperium zugeordneten Staaten am westlichen Rand der Weltinsel müssen wählen."

Das ist reines Wunschdenken. Es gibt keine Wahl.

Die USA können nur ihre Vormachtstellung auf dem Planeten halten, wenn sie den Planeten instabil halten, oder Staaten, auch uns, je nach Bedarf destabilisieren. Jede Planung, jegliche Kalkulation muß obsolet sein oder werden, um die Chinesen, welche auf Sicht von 200 Jahren in der Projektierung in Betracht ziehen, klein zu halten oder zumindest zu stören.

Daran ändert auch keine US-Präsidenten-Wahl etwas, nur die angewandten Mittel unterscheiden sich.

Und China selbst bietet ebenso keine territoriale oder militärische Option an. Warum sollten uns die Chinesen irgendein Angebot machen, wo sie doch sowieso meist das bekommen, was sie wollen?

Ihre Sicht der Dinge ist, mit Verlaub, völlig irreal.

Und auch schon Ihre Analyse hakt. Die Chinesen haben die globale Überwachung der us amerikanischen Geheim-Dienste in China unterbrochen & dafür ihre eigene Überwachung installiert. Aber die gilt nur in China, die us amerikanische Überwachung reicht bis in die Bundeskanzlei....

Alter Lehrling

2. Mai 2021 22:00

@ Laurenz

»Das ist reines Wunschdenken. Es gibt keine Wahl. […] Ihre Sicht der Dinge ist, mit Verlaub, völlig irreal.«

Unter der bestehenden politischen Struktur ist natürlich eine Wahl reines Wunschdenken. Richtig. Wenn jedoch die bestehende politische Struktur unveränderlich sein sollte — worüber diskutieren wir? Sie vergessen auch ein großes Land zwischen China und EU-Europa. Da müsste angesetzt werden. Natürlich ist auch das irreal unter den bestehenden Verhältnissen ...

Die Tendenz zur Privatisierung im Westen ist real. Ich habe zwei Beispiele angeführt. Im Gefolge der Corona-Geschichte wird auch bei uns die nächste Etappe der Privatisierung folgen.

»Und auch schon Ihre Analyse hakt.«

Wer von wem abgeschaut hat? Sind die großen Internet-Konzerne nicht schon weit vorangekommein mit ihrer Art social scoring? Und das ist erst der Anfang.

Francesco

2. Mai 2021 22:04

Die Rezension von Zhao Tingyangs Buch "Alles unter dem Himmel" von Martin Sellner ist beeindruckend.

Einerseits die Kritik des Individualismus und andererseits die Grenzen der Tianxia in Bezug auf einen neuen Universalismus.

Phänomenal ist sein Bezug auf Heideggers Kritik der Nation mit seiner identitären Kritik eines modernen Weltgeist-Nationalismus.

Alle Achtung!

Laurenz

3. Mai 2021 03:20

@Alter Lehrling @L.

Die Abhängigkeit des Westens von China liegt einerseits im relativ kaufkräftigen Riesen-Markt & andererseits in der nach China ausgelagerten Produktion des Westens. Wenn China ab morgen keine Halbleiter & Chips mehr liefert, sind Konzerne, wie Apple oder Rechner- & Telefonproduzenten, die komplette westliche Industrie in einem halben Jahr pleite. Kein westlicher Kampfjet wird aufsteigen & kein Kriegsschiff mehr auslaufen können. Umgekehrt liegt die Macht Rußlands & des Westens in der Bedrohung der Rohstoffzufuhr, vor allem Erdöl.

Die von der USA erzeugte Bedrohungslage gegenüber den Vasallen, oder gegen den Feindstaat Iran, liegt im jeweiligen Aufwand immer dem Clausewitz'schen politischen Zweck zugrunde. Die Kontrolle liegt im Vasallenstatus unserer wichtigsten Politiker. Als Oskar Lafontaine ausscherte, mußte er gehen. Das funktioniert so, seit es Kolonien gibt. Die Vietnamesen führten mehr als 30 Jahre ihren Befreiungskrieg gegen den Westen um jetzt freiwillig wieder mit den Amis zusammenzuarbeiten, ob der chinesischen Bedrohungslage. Denn bevor der Franzmann Indochina eroberte, war Indochina durch China kontrolliert.

Götz Kubitschek

3. Mai 2021 10:31

dank an alle unter dem himmel. und badeschluß.

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