Rußlands hat eigene Sorgen – aber was ist echt und was PsyOp?

Das größte Problem Rußlands ist weder die US-Hegemonie noch die NATO, sondern das eigene politische Innenleben.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Pepe Esco­bar, den Licht­mesz ein­mal als “Putin-Shill” bezeich­net hat, auf Deutsch: Lock­vo­gel und “Anrei­ßer” Putins, ist ein bra­si­lia­ni­scher Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­list, der seit den 80er-Jah­ren als Aus­lands­kor­re­spon­dent meta­po­li­ti­sche Ein­schät­zun­gen zum eura­si­schen Raum schreibt.

Außer bei der Asia Times (Online-Maga­zin mit Sitz in Hon­kong, ähn­lich chi­na­kri­tisch und libe­ral­kon­ser­va­tiv wie die Epoch Times), erschie­nen sei­ne gepfef­fer­ten Kom­men­ta­re auf den Netz­prä­sen­zen The Crad­le (berich­tet vor­nehm­lich aus den Nahen Osten, in etwa das pro-rus­si­sche Pen­dent zu Mena Watch, der US-neo­kon­ser­va­ti­ven Platt­form des Midd­le East Forum) oder der Stra­te­gic Cul­tu­re Foun­da­ti­on (eine für die eng­lisch­spra­chi­ge Welt publi­zie­ren­de rus­si­sche Denk­fa­brik, die von der US-Regie­rung im Stil des Kal­ten Krie­ges für einen ver­län­ger­ten Arm Mos­kaus gehal­ten wird, ver­gleich­bar mit der bekann­te­ren Platt­form South Front).

Esco­bars Kom­men­ta­re zu Ruß­land und der Ukrai­ne erschie­nen bis zu des­sen Abschal­tung regel­mä­ßig auch auf dem alter­na­ti­ven Blog The Viney­ard of the Saker.

In einem aktu­el­len Bei­trag, der auf der Web­site der Stra­te­gic Cul­tu­re Foun­da­ti­on auf Eng­lisch nach­zu­le­sen ist, schreibt er, das Haupt­pro­blem Ruß­lands sei in der Haupt­sa­che weni­ger der Wes­ten als ein ver­schach­tel­tes innen­po­li­ti­sches Großproblem.

Das ist inso­fern bemer­kens­wert, als Pepe Esco­bar zwar dezi­diert pro-rus­sisch aus­ge­rich­tet ist, aber eben kein plum­per Pro­pa­gan­dist. Gera­de weil er zu Ruß­land hält, will er her­aus­fin­den, womit Ruß­land der­zeit am meis­ten zu kämp­fen hat. Wie bei einer Matriosch­ka ­– die­ser rus­si­schen Pup­pe, in der immer noch mehr klei­ne­re Püpp­chen ste­cken – kom­men aus sei­ner Sicht meh­re­re inein­an­der­ste­cken­de “PsyOps” gegen den Wes­ten zum Vor­schein, aber auch genau­so­vie­le eige­ne Problemzonen.

Im NATO-Sprach­ge­brauch hat sich – folgt man der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia – die Bezeich­nung “PsyOps” (psy­cho­lo­gi­cal ope­ra­ti­ons) durch­ge­setzt für die Haupt­stra­te­gie der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung (psy­cho­lo­gi­cal war­fa­re). Hier­mit bezeich­net man alle Metho­den und Maß­nah­men zur Beein­flus­sung des Ver­hal­tens der geg­ne­ri­schen Streit­kräf­te und der Zivil­be­völ­ke­rung. Meist wird durch geziel­te Falsch­in­for­ma­ti­on Ein­fluß auf die stra­te­gi­schen Erwä­gun­gen des Geg­ners genom­men. PsyOps sind regu­lä­rer Bestand­teil der US-Verteidigungsstrategie.

Das Geheim­nis einer per­fek­ten PsyOp ist, daß sie nie­mand wirk­lich ver­steht. Eine per­fek­te PsyOp erfüllt zwei Auf­ga­ben: Sie macht den Feind benom­men und ver­wirrt und erreicht damit meh­re­re Ziele.

Esco­bar geht davon aus, daß Pri­gosch­ins im Wes­ten als “Putsch” inter­pre­tier­te Akti­on Teil einer sol­chen PsyOp gewe­sen sein kann. Wie konn­te man es zum Bei­spiel schaf­fen, der west­li­chen Öffent­lich­keit ernst­haft weis­zu­ma­chen, daß “Gene­ral Amar­ged­don” Sur­owi­kin ver­haf­tet wur­de? Die­ser “Putsch” wäre gera­de­zu als die “Mut­ter der ‘mas­ki­rows­ka’ ” zu ver­ste­hen. Im Rus­si­schen bedeu­tet das Wort “mas­ki­rows­ka” schlicht “Tar­nung”, die klang­li­che Asso­zia­ti­on mit “Matriosch­ka” ist hier sicher­lich beabsichtigt.

In einem ande­ren Arti­kel hat er die­se Ereig­nis­se mit dem Film “Der längs­te Tag” ver­gli­chen. Der kürz­lich auf­ge­führ­te “Längs­te Tag” könn­te, wie er schreibt, eine über­le­bens­gro­ße PsyOp gewe­sen sein ­­– man weiß es nicht.

Wie fin­det man es her­aus? Der Witz ver­deck­ter Kriegs­füh­rung ist, daß man es als Beob­ach­ter eben nie direkt her­aus­fin­den kann und daher extrem gefähr­det ist, sei­nen bestehen­den Vor­an­nah­men, Vor­ein­ge­nom­men­hei­ten und heim­li­chen Wün­schen, wer den Krieg gewin­nen möge, nach­zu­ge­ben. Eine ers­te Metho­de ist aller­dings unver­fäng­lich: Man fra­ge zuerst nach den direk­ten Pro­fi­teu­ren bzw. tra­ge zusam­men, auf wel­che Wei­se das Gesche­he­ne im Sin­ne der Macht gewe­sen sein könnte.

Der ers­te Gewin­ner ist zwei­fel­los Weiß­ruß­land. Dank der unbe­zahl­ba­ren Ver­mitt­lung des alten Man­nes Luka ver­fügt Minsk nun über die erfah­rens­te Armee der Welt: die Wag­ner-Musi­ker, Meis­ter des kon­ven­tio­nel­len (Liby­en, Ukrai­ne) und nicht­kon­ven­tio­nel­len Krie­ges (Syri­en, Zen­tral­afri­ka­ni­sche Republik).

Allein das löst bei der NATO bereits eine höl­li­sche Panik aus. An der Ost­flan­ke steht die NATO plötz­lich einer Super-Pro­fi-Armee gegen­über, die sehr gut aus­ge­rüs­tet und de fac­to unkon­trol­lier­bar ist und oben­drein von einer Nati­on beher­bergt wird, die jetzt mit Atom­waf­fen aus­ge­rüs­tet ist. Gleich­zei­tig treibt Ruß­land die Abschre­ckung an sei­ner West­front vor­an. “NATO­stan” wird auf die­se Wei­se dazu gebracht, Geld­mit­tel in explo­die­ren­de Mili­tär­bud­gets zu inves­tie­ren, über die es nicht verfügt.

Die­ser Pro­zeß ist seit min­des­tens März 2018 ein zen­tra­ler Bestand­teil der rus­si­schen Stra­te­gie. Und als Zusatz­bo­nus stellt Ruß­land nun rund um die Uhr eine Bedro­hung für die gesam­te Nord­front der Ukrai­ne dar. Nicht schlecht für eine „Meu­te­rei“.

Auch wenn offi­zi­el­le Erklä­rung des Kremls dafür, was am 24. Juni pas­siert ist, dar­auf hin­aus­läuft, Pri­go­schin habe nur ver­sucht, die Din­ge auf­zu­mi­schen und dadurch am Ende Mos­kau genützt, sei die Situa­ti­on in Wirk­lich­keit wesent­lich kom­pli­zier­ter, argu­men­tiert Esco­bar. Eine wich­ti­ge Neben­hand­lung sei, wie der “Tanz der Olig­ar­chen” wei­ter­ge­hen wer­de. Unab­hän­gi­ge rus­si­sche Medi­en erwar­te­ten bereits am 24. Juni, daß eini­ge “Ver­rä­ter”, dar­un­ter Staats­funk­tio­nä­re, ihr One-Way-Ticket in den Wes­ten kau­fen würden.

Die Duma – gespeist von Bort­ni­kows FSB (dem rus­si­schen Geheim­dienst, Anmer­kung CS) – arbei­tet bereits an einer umfang­rei­chen Lis­te. Das rus­si­sche Sys­tem – und auch die rus­si­sche Öffent­lich­keit – betrach­ten Men­schen wie die­se als äußerst toxisch, tat­säch­lich viel gefähr­li­cher als die “Dems­hi­za” (ein Begriff, der „Demo­kra­tie“ und „Schi­zo­phre­nie“ ver­mischt und auf glo­ba­lis­ti­sche Neo­li­be­ra­le ange­wen­det wird).

Die Sache mit den Ver­rä­tern ist in der Tat ein hor­ren­des Pro­blem, wor­auf der rus­si­sche Poli­tik­theo­re­ti­ker Vale­rij Pyja­kin (hier sei­ne Ana­ly­se des 24. Juni) nicht müde wird hin­zu­wei­sen: der zivi­le und mili­tä­ri­sche Füh­rungs­stab ist mit Leu­ten aus der Jel­zin-Ära durch­setzt, die letzt­lich “West­ler” sind und zu allen mög­li­chen Deals bereit (von Lie­fe­run­gen bis Ver­hand­lun­gen), die Ruß­land mür­be und schließ­lich vom Hege­mon leicht zer­stü­ckel­bar machen.

Hoch­in­ter­es­sant ist mei­ner Ansicht nach Pyja­k­ins Fest­stel­lung, daß es offen­bar unmög­lich war und ist, in Ruß­land eine klas­si­sche libe­ra­le Regime-chan­ge-Far­ben­re­vo­lu­ti­on aus der CIA-Kis­te zu insze­nie­ren – man muß ins patrio­ti­sche Fach grei­fen. Denk­bar, daß auch in der BRD eines Tages die jet­zi­gen links­grü­nen Poli­ti­ker­dar­stel­ler dem media­len Volks­zorn geop­fert, abge­räumt und dann ein patrio­ti­sches roll back ange­kur­belt wer­den könn­te … in wes­sen Interesse?

Wei­ters führt Esco­bar aus, daß nicht nur die Pup­pe der Olig­ar­chen, son­dern auch die dar­in ent­hal­te­ne Pup­pe der Mili­tärs sowohl einen Teil der auf die NATO gemünz­ten PsyOp als auch ein mas­si­ves eige­nes Pro­blem darstellt:

An der mili­tä­ri­schen Front wird es noch kom­pli­zier­ter. Putin hat Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Schoi­gu damit beauf­tragt, die Lis­te der Gene­rä­le zusam­men­zu­stel­len, die nach dem “längs­ten Tag“ beför­dert wer­den sol­len. Um es mil­de aus­zu­drü­cken: Für vie­le Men­schen unter­schied­lichs­ter Gesin­nung ist Schoi­gu zu einem toxi­schen Ele­ment in der rus­si­schen Poli­tik gewor­den. Wag­ner wird – umbe­nannt und unter neu­er Lei­tung – wei­ter­hin über Minsk die Inter­es­sen Ruß­lands ver­tre­ten, auch in Afri­ka. Der alte Luka hat, lis­tig wie immer, bereits klar erklärt, daß es über Wag­ner kei­ne Pro­vo­ka­tio­nen gegen die NATO geben wird. (…)

Ein kla­rer Gewin­ner des gesam­ten Pro­zes­ses ist die öffent­li­che Mei­nung Rußlands:

Das hat sie in Ros­tow deut­lich gemacht. Alle unter­stütz­ten Putin, rus­si­sche Sol­da­ten, Wag­ner und Pri­go­schin – gleich­zei­tig. Das über­ge­ord­ne­te Ziel bestand dar­in, die rus­si­sche Armee zu ver­bes­sern, um den Krieg zu gewin­nen. So ein­fach ist das. Die Säu­be­rung im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um wird hart sein. Unter dem Vor­wand der Repres­si­on oder „Rebel­li­on“ wer­den „Ope­ret­ten­ge­ne­rä­le“ (wie von Putin selbst defi­niert), die ihre Sol­da­ten nicht rich­tig aus­ge­bil­det haben, die Mobi­li­sie­rung nicht rich­tig orga­ni­siert haben oder im Kampf inkom­pe­tent waren, defi­ni­tiv gestrichen.

Hier ist nicht klar, ob Pepe Esco­bar sel­ber sich ent­we­der sol­che “Säu­be­run­gen” wünscht oder aber in die Fal­le der näm­li­chen PsyOp, über die er berich­tet, getappt ist. Wenn man die­sen “Exper­ten” beim ZDF liest, kann man zumin­dest auf die Idee kommen.

Das Pro­blem ist, daß sie alle zu Gera­si­mows Kreis gehö­ren. Um es diplo­ma­tisch aus­zu­drü­cken: Er muß vie­le erns­te Fra­gen beant­wor­ten. Und das ist es, was uns zu den Mons­ter-fake-News „Gene­ral Arma­ged­don wur­de ver­haf­tet“ bringt, die von der gesam­ten NATO­stan-Infor­ma­ti­ons­welt freu­dig nach­ge­plap­pert wer­den. Gene­ral Sur­owi­kin emp­fing Pri­go­schin zwar in Ros­tow – er war jedoch nie ein Kom­pli­ze der „Rebel­li­on“ (…) unab­hän­gig davon, ob man das offi­zi­el­le Nar­ra­tiv teilt oder nicht. Das bedeu­tet, daß der rus­si­sche Staat es kom­men sah. (…)

Es besteht in Ruß­land kein Zwei­fel dar­an, daß die schwe­len­den Span­nun­gen in rus­si­schen Mili­tär­krei­sen vor dem “längs­ten Tag” im Nebel des Krie­ges mani­pu­liert wur­den, um den Feind zu des­ori­en­tie­ren. Es funk­tio­nier­te wie ein Zauber. (…)

Ein wich­ti­ger Fak­tor ist, wie Sur­owi­kin von der öffent­li­chen Mei­nung im Ver­gleich zu den über­le­ben­den „Ope­ret­ten-Gene­rä­len“ beur­teilt wird. (…)

Der umbe­nann­te Wag­ner bleibt bestehen und bleibt auf meh­re­ren Brei­ten­gra­den auf dem Vor­marsch. Kurz­fris­tig scheint der Trend auf eine – kom­pli­zier­te – Tro­cken­le­gung des rus­si­schen Mili­tär­sump­fes hin­zu­deu­ten. Der “längs­te Tag” scheint Rus­sen aller Cou­leur dazu gebracht zu haben, her­aus­zu­fin­den, wer der wah­re Feind ist – und wie man ihn besie­gen kann, was auch immer nötig ist.

Der His­to­ri­ker Andrej Fur­sow, auf den Pepe Esco­bar sich bezieht, geht davon aus, daß „in der Poli­tik nichts zufäl­lig geschieht.“ Wenn etwas pas­siert, war es bestimmt vorhersehbar.

Fur­sow (hier in einem You­Tube-Inter­view mit einem recht imper­ti­nen­ten “west­li­chen” Jour­na­lis­ten) ist als Neo-Sta­li­nist gewis­ser­ma­ßen ein Old-school-Ver­schwö­rungs­ana­ly­ti­ker. Auf ihn gehen auch eine Rei­he von The­sen zur inne­ren Desta­bi­li­sie­rung Ruß­lands und zur Umschrei­bung der Geschich­te der Sowjet­uni­on nach 1991 zurück.

Esco­bars Posi­ti­on ist weder die von Fur­sow noch die von Pyja­kin. Er ist poli­ti­scher Jour­na­list und beackert des­halb nur das Feld der mani­fes­ten (Geo-)Politik, wozu er selbst kei­ne bol­sche­wis­ti­sche Geschichts­theo­rie benötigt.

Es ist aller­dings wahr­lich kein Feh­ler, die­se Theo­rien ken­nen­zu­ler­nen, ers­tens des ana­ly­ti­schen Niveaus wegen, zwei­tens, um bestimm­te ver­meint­li­che Abson­der­lich­kei­ten der rus­si­schen Sicht  bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen, zum Bei­spiel die Ver­wen­dung des Wor­tes “faschis­tisch” für den kol­lek­ti­ven Wes­ten samt Ukrai­ne­re­gime oder die Rol­le der “Befrei­ung” Deutsch­lands. Hier zieht sich ein Riß durchs rech­te Lager: Wagen­knecht-Elsäs­ser-Chrup­al­la auf der einen Sei­te, JF-Klo­novs­ky-Schnell­ro­da auf der ande­ren Seite.

Basie­rend auf Gesprä­chen mit rus­si­schen Ana­lys­ten und ihren Ein­drü­cken von sehr schlau­en Leu­ten, die in Ruß­land, der Ukrai­ne und im Wes­ten leben, lie­ßen sich im wesent­li­chen vier Haupt­grup­pen iden­ti­fi­zie­ren, die ver­su­chen, ihre Vor­stel­lung von Ruß­land durchzusetzen,

schreibt Esco­bar am Schluß sei­nes Artikels:

  1. Die „Zurück-in-die-UdSSR“-Bande: Die­se ent­hält natür­lich eini­ge ehe­ma­li­ge KGB- Mit­ar­bei­ter und vie­le aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te (Old-school-Pro­fis, meist im Ren­ten­al­ter). Aber hat die­se Ban­de die Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung? Ihr Pro­jekt deu­tet auf eine Revo­lu­ti­on hin – ein neu­es Jahr 1917 auf Ste­ro­iden. Aber wo bleibt Lenin?
  2. Die „Zurück-zum-Zaren“-Leute. Die­se gehen davon aus, daß Ruß­land das „Drit­te Rom“ ist und der ortho­do­xen Kir­che eine her­aus­ra­gen­de Rol­le zukommt. Dahin­ter ste­cken aller­dings sat­te Gel­der. Ein gro­ßes Fra­ge­zei­chen ist, wie viel Unter­stüt­zung in der Bevöl­ke­rung, ins­be­son­de­re im „tie­fen“ Ruß­land, sie wirk­lich haben. Die­se Grup­pe hat übri­gens nichts mit dem Vati­kan zu tun – der ist längst an den “Gre­at Reset” ver­kauft worden.
  3. Die Plün­de­rer – die Ruß­land zuguns­ten des Hege­mons aus­ge­raubt haben. Hier haben wir es mit der gemei­nen “5. Kolon­ne” und allen mög­li­chen „tota­li­tä­ren Neo­li­be­ra­len“ zu tun, die die „Wer­te“ des kol­lek­ti­ven Wes­tens ver­eh­ren (und groß­teils schon “rüber­ge­macht haben”, Anmer­kung CS). Bei den übri­gen wird bald der FSB an die Tür klop­fen. Ihr Geld ist bereits blockiert.
  4. Die Eura­sia­nis­ten. Dies ist das rea­li­sier­bars­te Pro­jekt – in enger Zusam­men­ar­beit mit Chi­na und mit dem Ziel einer mul­ti­po­la­ren Welt. Für rus­si­sche Olig­ar­chen ist hier kein Platz. Den­noch ist der Grad der Zusam­men­ar­beit mit Chi­na immer noch höchst umstrit­ten. Die wirk­lich bren­nen­de Fra­ge lau­tet: Wie läßt sich die Belt-and-Road-Initia­ti­ve in der Pra­xis wirk­lich in die Grea­ter Eura­sia Part­ner­ship integrieren?

Dies ist nur eine Skiz­ze – offen zur Dis­kus­si­on. Die ers­ten drei Pro­jek­te funk­tio­nie­ren wohl kaum – aus einer Rei­he von kom­ple­xen Grün­den. Und das vier­te hat in Ruß­land immer noch nicht genug Fahrt auf­ge­nom­men. Sicher ist, daß sie alle gegen­ein­an­der kämp­fen. Möge die der­zei­ti­ge Tro­cken­le­gung des mili­tä­ri­schen Sump­fes auch dazu die­nen, den poli­ti­schen Him­mel zu klären.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (44)

zeitschnur

6. Juli 2023 11:31

Es ist verdienstvoll, den Blick einmal darauf zu richten, dass Russland in Gärungsprozessen ist, und dies natürlich erheblich anders und komplizierter als die dümmlichen deutschen Medien es darstellen, die alle paar Tage ihren Oligarchenkollegen Chordorkowski, das Super-Orakel, mal wieder irgendwelche Abgesänge plappern lassen. ("Putin", das Monster, verliert seit anderthalb Jahren bereits täglich den Krieg.)
Aber sagen wir es doch anders: Ist es nicht Russlands Glück, dass der Westen es nicht versteht?
Aber dieses Nicht-Verstehen hat eine Tragik für uns alle:
Ich habe den Eindruck, dass Russland auf eine noch zu klärende Weise das gesamte europäische Drama widerspiegelt, wir genau dies aber nicht verstehen. Es ist wie eine Art innereuropäische Identitätsspaltung. Ein Europa (vermutlich unter Anleitung europäischer Mafiagruppen überm Atlantik), das Russland abspaltet und nicht versteht, versteht sich selbst nicht mehr. 
Ruhiges Beobachten und Interesse ist gefragt, Einfühlung und endlich eine Beendigung der vielen albernen Projektions-Spekulationen auf allen Seiten.

dojon86

6. Juli 2023 11:50

Auch ich halte das eurasischen Projekt am ehesten für durchführbar. Doch wird seine teilweise Realisierung lange brauchen, da sie mit großer Vorsicht angegangen werden muss. Die Masse der europäischstämmigen Bevölkerung Russlands, die nicht so wie die Westeuropäer ihrer historischen Erinnerungen beraubt wurde, weiß noch vom Tatarenjoch. (also von der jahrhundertelange Mongolenherrschaft in Russland). Eine zu innige Anlehnung an China könnte da alte Reflexe wiedererwecken, die dann notabene von den Anhängern der 3 anderen Optionen ausgenützt werden könnte. In diesem Zusammenhang kann ich übrigens nur ungläubig den Kopf über jene westlichen Strategen schütteln, die durch ihre Ukrainepolitik Russland in die Arme Chinas trieben. Ist sich der US geführte Westen tatsächlich so sicher, gegen Russland und China, wenn diese zusammenarbeiten, bestehen zu können. Das jahrhundertelange Erfolgsrezept der Angelsachsen war seit je her, "teile und herrsche". Was hier betrieben wird, sieht eher nach dem Gegenteil aus.

RMH

6. Juli 2023 12:17

"Der erste Gewinner ist zweifellos Weißrußland. Dank der unbezahlbaren Vermittlung des alten Mannes Luka verfügt Minsk nun über die erfahrenste Armee der Welt: die Wagner-Musiker, Meister des konventionellen (Libyen, Ukraine) und nichtkonventionellen Krieges (Syrien, Zentralafrikanische Republik)."
Wagner ist eine Söldnertruppe, die nicht aus Idealismus oder für Orden arbeitet. Die Frage ist also, wer bezahlt sie, wenn sie in Belarus sind? Weißrussland? Die haben Probleme, ihre eigen Armee ordentlich zu unterhalten ... also werden die Wagner Truppen von jemand anderem bezahlt und Belarus ist jetzt vermutlich kein Gewinner, sondern hat eine Truppe im Land, die sicher nicht von Lukaschenko ihre Befehle entgegennimmt. Und alleine die simple Fragestellung wer bezahlt die Söldner, die der Autor unbeantwortet lässt, obwohl sie sich bei Profi-Söldnern als erstes stellt, lässt nichts Gutes erahnen hinsichtlich der weiteren Qualität der Thesen des Autors.

Kommentar Sommerfeld:
Söldner sind Leute, die sich für Geld einer fremden Macht andienen. Dies zugrunde gelegt, sind Kämpfer der PMC Wagner keine Söldner.

Rheinlaender

6. Juli 2023 12:43

Bei der Analyse solcher Vorgänge hilft Cui-Bono-Frage wenig weiter. Ein Beispiel: Das geplante Heizungsgesetz der deutschen Bundesregierung hat nahezu sicher die AfD in Umfragen gestärkt. Daraus kann man aber nicht plausibel folgern, dass das Gesetz Teil eines Plans der Bundesregierung zur Stärkung der AfD verfolgt. Dies gilt noch mehr für das Geschehen in Konflikten, in denen auf Grundlage unvollständiger Informationen risikobehaftete Entscheidungen getroffen werden, die oft nicht die beabsichtigten Auswirkungen haben. 

Kommentar Sommerfeld: "Ja mein Gott, na!" würde der Wiener sagen. Die Cui-bono-Frage funktioniert natürlich nur bei bereits kundgetaner Absicht (die Waffenlobby will Waffen verkaufen, eine Kriegspartei will siegen etc.). Sonst wäre ja auch "C" der Plan der Tradi-Katholiken dagewesen, weil die Zahl der Gläubigen immens gestiegen ist dort. x nützt y ist ungleich x hat y geplant.

Laurenz

6. Juli 2023 13:05

@CS  ... lese die Artikel von Pepe Escobar grundsätzlich auf Zerohedge, wo sie regelmäßig erscheinen, auch der, auf den Sie Sich beziehen.  https://www.zerohedge.com/geopolitical/escobar-matryoshka-psyops-and-why-general-armageddon-not-going-anywhere  Zerohedge ist mein Fenster in die USA. Den Bezug zu Rußland findet man auch in den Medien, die Er laut Wikipedia nutzt. https://de.wikipedia.org/wiki/Pepe_Escobar  Ich bin ein Anhänger von Ihm, weil Er einfach gut & extrem plausibel, sehr realitätsnah schreibt. Das implizieren auch seine Beschreibungen über der Opportunismus normaler Staaten. Opportunismus macht Diplomatie einfacher, er macht Staaten kalkulierbar. Deswegen ist Deutschland so gefährlich, weil es diametral zum Opportunismus, rigoros moralistisch agiert.
@RMH ..... Wagner PMC .... Sie haben wieder nicht recherchiert. Das Haupteinsatzgebiet von Wagner ist Afrika. Dort hat man die Franzosen weitestgehend verdrängt, weil Wagner bescheidener ist & sich meist mit bestimmten Minenrechten zufrieden gibt. Wenn man Meloni Glauben schenken will, hat Frankreich jeden 2ten Kolonial-Franc aus den Staaten gesaugt.

Artabanus

6. Juli 2023 13:05

Die Prigozhin-Meuterei als Psyop ist eine gewagte These, gegen die es viele gute Argumente gibt. Fakt ist, dass das Militär der Russischen Föderation in diesem Krieg bisher eklatante Schwächen gezeigt hat. Eine Hauptursache dafür ist die Korruption und Inkompetenz der Führung wofür stellvertretend der Verteidigungsminister Shoigu, ein Tuviner(kleine nationale Minderheit) der zu den Unterstützern Jelzins der ersten Stunde gehörte.
Die Tatsache, dass Putin offensichtlich weder willens noch fähig ist diesen zu feuern ist beredtes Zeugnis seines politischen Bankrotts. Putin ist nur noch an der Macht solange es keinen Nachfolger gibt. 
Prigozhin hatte mit einer erfolgreichen Offensive der Ukrainer gerechnet, was in seiner Ansprache unmittelbar vor seiner Meuterei deutlich wurde. Er hatte halt Pech, dass die Ukro-Offensive steckenblieb und ihn daher niemand unterstützte. Immerhin geht er trotzdem Straffrei aus, was  wiederum die Ohnmacht Putins zeigt. Das Ganze als Psyop zu interpretieren ist also eher der Versuch Putins Gesicht zu wahren.
Die Deutsche Politik der aktiven Kriegsführung gegen Russland wird uns noch auf die Füße fallen, egal wie der Krieg ausgeht. Denn das Russische Volk wird Deutschland nun wieder als Feind betrachten. Es war das absolut Dümmste was man machen konnte. Jetzt müssen wir schon vor Polen auf den Knien rumrutschen.

Rheinlaender

6. Juli 2023 13:35

@Artabanus
Danke für Ihren Kommentar. Zeichnet sich bereits ab, welche ernstzunehmenden Herausforderer es für Putin gibt bzw. aus welchen Machtzentren sie kommen könnten, und wie die russische Regierung nach Putin aussehen könnte? Gehen Sie davon aus, dass ein solcher Nachfolger von anderen Machtzentren akzeptiert würde, oder muss man mit innerstaatlichen Konflikten in Russland rechnen?

dojon86

6. Juli 2023 13:46

@Rheinlaender Die "Cui Bono" Analysetechnik hilft bei Betrachtung der deutschen Innenpolitik deshalb nicht weiter, weil Deutschland nicht souverän ist und somit die wirklichen Profiteure eines eingeschlagenen Weges nicht in Deutschland sitzen. Und, um bei ihrem Beispiel zu bleiben, den wirklichen Vorteilsempfängern des Heizungsgesetzes dürfte es ziemlich egal sein, ob als Folge dieses Gesetzes ein paar Ampel- Parteimitglieder bei der nächsten Wahl ihre Pfründe verlieren.

Laurenz

6. Juli 2023 13:56

@Artabanus ..... Meuterei als Psyop ist eine gewagte These, gegen die es viele gute Argumente gibt. ... Sie haben kein einziges Argument dagegen & zitieren quasi nur von der Heimseite der Tagesschau & des Relotius, 2 ausgewiesenen Märchen-Medien. Weder wissen Sie, womit Prigozhin gerechnet hat oder welche Position Shoigu tatsächlich innehat. Rußland ist den USA im Interessenausgleich der vielen Ethnien & internen Fraktionen diplomatisch weit überlegen. Was man Ihrem Beitrag zur Last legen muß, ist die mangelnde Durchdachtheit. Wenn wir beim Prigozhin-Aufstand in Rostow am Don von 30k Mann ausgehen, die sich auf den Marsch nach Moskau gemacht haben, dann ist das noch 100 KM weiter, als von Frankfurt nach Barcelona. Für einen Panzer oder Transport-LKW, der Panzer tragen kann, sind das mehr als 3 Tankfüllungen von jeweils über 1,5k Liter. Wo soll denn die ganze Logistik, die Versorgung, Löhnung herkommen? Als ob Prigozhin das nicht wüßte. Wenn man die Infrastruktur also in Betracht zieht, mutiert die PsyOp zum wahrscheinlichsten Szenario. Dazu bemühen Sie keinen realen Vergleich. In Rußland probt wer am Arsch der Landkarte einen Aufstand, während die Aufständischen in den USA im Kapitol auf den Schreibtischen der Senatoren tanzten. Wer ist denn nun instabiler Putin oder Biden?

Ein gebuertiger Hesse

6. Juli 2023 14:00

@ Zeitschnur
"Ich habe den Eindruck, dass Russland auf eine noch zu klärende Weise das gesamte europäische Drama widerspiegelt, wir genau dies aber nicht verstehen. Es ist wie eine Art innereuropäische Identitätsspaltung. Ein Europa (vermutlich unter Anleitung europäischer Mafiagruppen überm Atlantik), das Russland abspaltet und nicht versteht, versteht sich selbst nicht mehr."
Sehr gescheite Einschätzung der Lage! Leider können wir für ein besseres Verständnis jenes Dramas nicht viel tun. Oder doch? Wenn ja, was?
 

Laurenz

6. Juli 2023 14:09

@Artabanus (2) .. das Militär der Russischen Föderation in diesem Krieg bisher eklatante Schwächen gezeigt hat .... welches Militär hat die letzten 3.000 Jahre keine Schwächen gezeigt? Zitat Trump: Die USA haben seit dem II. Weltkrieg keinen Krieg mehr gewonnen. In der asymmetrischen Kriegsführung hat Rußland sich in Syrien mit etwa 1/10 der finanziellen Mittel, welche die NATO eingesetzt hat, sich nicht ganz, aber weitestgehend durchgesetzt. Der Ukraine-Krieg ist der I. symmetrische Krieg seit dem Korea-Krieg. Es lebt kein Offizier mehr, der den Korea-Krieg aktiv führte. Von daher sind die Ukrainische -, wie die Russische Armee die ersten Armeen, die eine symmetrische Kriegsführung wieder durchexerzieren. Nach diesem Krieg wird es keine Ukrainische Armee mehr geben, aber eine Russische Armee. Sagt Ihnen das nichts? Um Tim Kellner zu zitieren, "die Russen haben keine Chance gegen uns, denn wir haben Darkrooms & Panzer für Schwangere." https://youtu.be/WMblRSZQdKY

RMH

6. Juli 2023 14:31

"Söldner sind Leute, die sich für Geld einer fremden Macht andienen. Dies zugrunde gelegt, sind Kämpfer der PMC Wagner keine Söldner."
@C.S. Trotzdem: Wer bezahlt diese Leute? Und der Einsatz der Gruppe außerhalb Russlands ist kein "Andienen" an fremde Mächte? Und sind alle, die bei Wagner dienen, russische Staatsbürger? Sie tun es für Geld, also sind die Spitzfindigkeiten nicht zielführend.
@Laurenz,
angeblich soll Wagner fast 50tsd Mann nur auf den Gebieten der ehem. UdSSR aktuell unter Waffen halten (das ist eine Schätzung - die genaue Zahl kann man von außen betrachtet nicht wissen).  Es wird behauptet (auch hier wissen wir nicht, ob das stimmt) dass die Soldaten bei Wagner 5.000 US Dollar und mehr im Monat bekommen würden. Nehmen wir einfach einmal bescheidene 2.500.- Euro. Das wären dann monatliche Personalkosten von 125 Millionen ohne Kost, Logie, Kleidung, Ausrüstung, Material etc. Das ganze mal 12 = 1.500.000.000.- Euro. Das holt man also aus Ländern wie Mali raus. Also bitte, recherchieren Sie auch einmal selber. Es bleibt der Kerneinwand, dass der Autor die Truppe als Gewinn für Belarus ansieht - das wäre sie aber nur, wenn Lukaschneko sie bezahlt, denn wer zahlt, schafft an. Und das ist mit Nichts belegt. Andere sehen darin eher, dass Lukaschenko endgültig geschluckt wird. Alles eine Frage der Perspektive.

Raeuspern

6. Juli 2023 14:40

@Artabanus Bitte die Doku "Diebe im Gesetz" (Über Russland in den 90ern. Die Jelzin-Zeit als Prequel zu Putin) schauen und entdecken, dass in Russland ein Netz von komplexen persönlichen Abhängigkeiten existiert. Putin steckt da genauso drin, wie alle anderen (Pro-Westlichen usw.) auch. Sich da als starker Mann darzustellen ist Notwendigkeit des Spiels. Putin hat es geschafft, dass alle Beteiligten am Tag des "Putsches" ihr Gesicht wahren konnten. Diejenigen, die später trotzdem aus dem Fenster fallen werden, wissen das heute schon. "Time will tell"
 

Rheinlaender

6. Juli 2023 15:07

Ich kenne nur den oben zitierten Text von Escobar, würde ihn aber aufgrund dessen, was er dort schreibt, nicht als kompetente Quelle ansehen. Seine Bewertung der militärischen Leistungsfähigkeit der Gruppe Wagner ist z.B. stark übertrieben, wie etwa der Verlauf der Gefechte in Bachmut (Ukraine) und Khasham (Syrien) zeigt. Die Erfolge in Syrien, Libyen, ZAR, Mali etc. waren nicht das Ergebnis besonderer militärischer Leistungsfähigkeit, sondern einer tauglichen Strategie. Anders als von ihm behauptet verfügt Belarus auch nicht über Nuklearwaffen. Er hat offensichtlich Meldungen über eine Stationierung russischer Waffen in Belarus missverstanden. Von einer Verstärkung der russischen Präsenz an der Westflanke Russland ist auch nichts zu sehen. Die Russen haben diese vielmehr seit 2022 weitgehend entblößt, um Kräfte in die Ukraine zu verlegen. Zu einem konventionellen Angriff gegen NATO-Staaten wären Wagner-Kräfte umgekehrt nicht in der Lage. In NATO-Staaten gibt es zudem seit der Verlegung der Wagner-Kräfte keine Budgetdiskussionen, die es nicht schon vorher gegeben hätte. Escobar offenbar hier fast durchgängig mangelhafte Kenntnisse militärischer und sicherheitspolitischer Sachverhalte, die seine Spekulationen als wenig glaubhaft erscheinen lassen. Artabanus liegt wahrscheinlich richtig, was Escobars Motive angeht.

Rheinlaender

6. Juli 2023 15:33

@Laurenz
Artabanus hat doch ein relevantes Argument gegen die von Escobar vertretene Hypothese genannt, nämlich die Tatsache, dass Putin sich in seiner Rede kurz nach Beginn des Aufstands auf eine Weise festgelegt hat, die ihn später als schwach erscheinen lassen musste, weil er seine Ankündigungen bzgl. der Bestrafung der Beteiligten nicht umgesetzt hat. Auch die Tatsache, dass die Wagner-Kräfte sich mehrere hundert Kilometer weitgehend ungehindert durch Russland bewegen konnten, lässt den russischen Staat als schwach erscheinen. Es ist jedoch nicht plausibel anzunehmen, dass ein Staatschef in einem Land mit Vorgeschichte bzgl. Revolutionen und Putschversuchen in einer Situation, in der es ohnehin nicht gut für ihn läuft, Pläne verfolgt, die Schwäche gegenüber potenziellen Herausfordereren signalisieren.

Le Chasseur

6. Juli 2023 15:45

@Rheinlaender"Artabanus hat doch ein relevantes Argument gegen die von Escobar vertretene Hypothese genannt, nämlich die Tatsache, dass Putin sich in seiner Rede kurz nach Beginn des Aufstands auf eine Weise festgelegt hat, die ihn später als schwach erscheinen lassen musste, weil er seine Ankündigungen bzgl. der Bestrafung der Beteiligten nicht umgesetzt hat."
Hat Putin in seiner Ansprache eigentlich die Namen Prigoshin und Wagner erwähnt?

Artabanus

6. Juli 2023 15:52

@Rheinlaender
Damals 1999 ist Putin aus dem Nichts aufgetaucht und zum Nachfolger Jelzins bestimmt worden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ebenfalls ein bis jetzt Unbekannter zum Nachfolger Putins ernannt wird. Ansonsten sehe ich nur Medwedew, Shoigu und Kadyrov die offen Ambitionen zeigen, denen ich aber nur wenig Chancen einräumen würde. Prigozhin ist raus aus dem Rennen.
@Laurenz
Ich habe seit über 20 Jahren keine Tagesschau mehr gesehen. Die meisten Infos zum Thema gibts auf Telegramm in Russischer Sprache. Die Russische Armee ist in einem schlechten Zustand, ob Sie es glauben oder nicht. Teilweise sind die Rekruten auf private Spenden angewiesen. Die Teilmobilmachung letztes Jahr verlief katastrophal, es gab teilweise noch nicht einmal Unterkünfte für die Rekruten.
Die Invasion im Februar 2022 war ein Desaster, was auch zunächst nicht zugegeben wurde. Ich weiss noch wie z.B. Scott Ritter versucht hat zu erklären, dass dahinter eine schlaue Strategie stünde. Daher sehe ich die Psyop Theorie ganz ähnlich. Und haben Sie die Ansprache von Prigozhin gehört oder gelesen? Die passt absolut nicht zu der Psyop Theorie. Insbesondere da Shoigu immer noch im Amt ist.
Das größte Manko aber ist sicherlich die mangelnde Strategie. Dies ist der erste Krieg während dessen der eine Kriegsgegner den anderen mit Rohstoffen versorgt. Putin hat kein Konzept, wie er den Krieg beendet. Er hofft schlicht auf ein Einlenken des Westens und einen Deal wie in Istanbul. 
 
 

Rheinlaender

6. Juli 2023 15:54

Ich habe mir auch den Artikel Escobars über "What happens in Russia after The Longest Day?" angeschaut. Die Behauptung, dass der Aufstand der Gruppe Wagner von Frankreich und den USA gesteuert gewesen soll, ist nicht einmal im Ansatz plausibel. Wagner hat den Interessen beider Staaten im Nahen Osten und in Afrika erheblich zugesetzt und stellte in der Ukraine bis vor kurzem den leistungsfähigsten Akteur auf russischer Seite dar. Behauptungen dieser Art würden außerordentlich belastbare Argumente erfordern, die sie plausibel machen, aber Escobar legt solche nicht vor.
Escobars Hypothesen sind zudem logisch nicht konsistent. War das Geschehen nun ein "blatant coup attemp" oder eine "fake, lightning-quick 'mutiny'"? Diese Hypothesen schließen einander logisch aus, was Escobar aber nicht davon abhält, beide zu vertreten. Als Quelle kann man ihn daher in die Kategorie Sondermüll einordnen.

das kapital

6. Juli 2023 16:27

Sie überraschen mich. Das eigene politische Innenleben sei für Russland problematischer, als US-Hegemonie und NATO zusammen. /// Also hätte Russland auch ein Problem, wenn die USA keine Truppen außerhalb ihres Staatsgebietes hätten, wenn sie nirgendwo außerhalb ihres Staatsgebietes durch Kriege gegen den Irak 500.000 Tote produzieren würden, wenn sie keine Waffen und kein Geld in die Ukraine steckten, wenn sie keinen Druck auf ihre Verbünde-ten ausübten, es ihnen gleich zu tun und wenn die NATO überhaupt nicht existierte ?! Kaum zu glauben. /// Putin hat ein Land übernommen, das unter Gorbatschow und Yelzin schwach geworden war, viel Substanz verloren hat und hohe Fliehkräfte aufwies. Diesen instabilen Laden hat Putin zwar nicht moralisch aber doch machttechnisch relativ gut zusammengehalten. Da gibt es nichts zu meckern. Unter den Rahmenbedingungen, die er vorgefunden hat, hat er zumindest vor dem "zweiten" Ukrainekrieg mit Augenmaß gehandelt./// Es mag ja sein, dass die Wagner-Prigoschin-Nummer eine schlichte Desinfor mationskampagne war und Wagner von Weißrussland aus in die Ukraine in Marsch gesetzt wird. Ach so, in der Politik geschieht nichts zufällig. Na dann versteh ich jetzt die Nordstreamsprengung. Tag der Befreiung von der Energieversorgung.

Dieter Rose

6. Juli 2023 16:45

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Ist meine langjährige Erfahrung. Also warten wir mal ab. Sich in die Speichen der Geschichte werfen? Klappt selten.
 

Laurenz

6. Juli 2023 17:17

@RMH @L. & CS ... Danke für Ihren Beitrag. Sie bestätigen ja garadezu, was CS & ich schrieben. Umso mehr Söldner Wagner beschäftigt, umso schwieriger wird deren Versorgung. Ein Kommandeur, auch wenn er von Beruf Putins Koch war, weiß in etwa seinen täglichen Bedarf um die jeweilige Truppe zu versorgen. Wagner ist völlig auf die Logistik der Russischen Föderation angewiesen.

Laurenz

6. Juli 2023 17:18

@Rheinländer @L. .... nämlich die Tatsache, dass Putin sich in seiner Rede kurz nach Beginn des Aufstands auf eine Weise festgelegt hat, die ihn später als schwach erscheinen .... Sie wissen das doch gar nicht. Genausowenig wie Sie wissen, wie weit Wagner in 24h nach Moskau marschierte. Dazu müßten Sie wissen, wie viel Sprit Wagner im Gepäck hatte oder sind die, wie die Wehrmacht, mit Pferdekarren marschiert? Die Schwäche, die Sie Putin unterstellen, weist jeder westliche Staatschef 2x die Woche auf. Wer fliegt jeden II. Tag im Garten umherirrend auf Fresse? In welchem Land brennen die Autos? Wem ballert man die Pipelines weg? Wer schickt 4k Mann (!) nach Litauen, die er gar nicht hat? Derweil unterhält der Relotius seine Leser mit solchen Räuber-Pistolen, die nur aufzeigen, daß der Relotius nur das weiß, was die Russen ihm & allen auftischen.

Flaneur

6. Juli 2023 18:56

1.
Pepe Escobars Denken ist stark von altlinken dependenztheoretischen Ansätzen geprägt. Aus dieser Perspektive sieht er Russland als die Nation, die das, was er den Globalen Süden nennt, vom westlichen Imperialismus befreit und die globale Hegemonie des sogenannten Kollektiven Westens der USA und deren Vasallen beendet.  Escobar begrüßt dies aus seiner dependenztheoretischen Haltung als letzten Schritt der Dekolonialisierung. Er ist also kein neutraler Beobachter. Das gilt es bei der Beurteilung seiner Artikel zu beachten.
Escobar tendiert darüber hinaus dazu, russische Politik als komplexe Form des 3D-Schachs zu verstehen, bei der Russland nicht den direkten Weg geht, sondern kompliziert und verschachtelt über Bande spielt, da Russland nicht den schnellen partiellen Erfolg eines militärischen Siges über die Ukraine sucht, sondern langfristig auf grundsätzliche geopolitische Veränderungen zielt. Maskirovka ist für ihn somit das zentrale Markenzeichen russischen Handelns. 

FraAimerich

6. Juli 2023 19:37

(1) Na, immerhin hat der seit Kriegsbeginn vor sich hinschwächelnde Putin innerhalb nur eines Tages seinen Sturz und einen blutigen Bürgerkrieg verhindern können. Und das nur, indem er mahnende und abschreckende Worte sprach und sich ansonsten angeblich wie ein Zen-Meister auf "Handeln durch Nicht-Handeln" verlegte. 
Schon irgendwie auch eine Leistung, finde ich, gerade, wenn man Prigoschins Meuterei nicht als Inszenierung abtut. Aber natürlich hängt es ein Stückweit auch vom persönlichen Geschmack ab, ob man Putins elegante und weitgehend unblutige Abwendung einer echten Staatskrise mitten in einer ukrainischen Offensive im Nachhinein als bemerkenswert kluge und souveräne Lösung einer brandgefährlichen Situation - oder als Zeichen seiner Schwäche verkauft.
 
 

FraAimerich

6. Juli 2023 19:38

(2) Rechnen muß man mit solchen "Situationen" immer, wenn man sich mit den USA anlegt. Bemerkenswerterweise beißt man sich hier jedoch lieber an Nebensächlichkeiten wie der Rolle Lukaschenkos fest, statt sich zu fragen, ob man Prigoschin, der dem Westen über Monate hinweg signalisiert hat, daß er mit der russischen Armeeführung in Konflikt steht, evtl. "secret intel"-Flöhe ins Ohr gesetzt haben mag. Jedenfalls schien Prigoschin angenommen zu haben, ein beim Volk beliebter Kerl wie er könnte Geschichte schreiben und als bilderbuchhafte Verkörperung westlicher Narrative und Hoffnungen ("regime change von innen") am Ende sogar mit der Anerkennung durch die NATO rechnen.
Als Prigoschins Leute dann tatsächlich gen Moskau zogen, sabberte die transatlantische Moraltrompete Carlo Masala in Aussicht auf den herbeigesehnten russischen Bürgerkrieg bereits in vorfreudiger Erregung. (Auf seinem Twitterprofil identifiziert sich Masala interessanterweise mit dem präpotenten Sexgnom aus "Game of Thrones".)

Le Chasseur

6. Juli 2023 19:41

Jacques Baud  (war Oberst der Schweizer Armee, arbeitete für den Schweizerischen Strategischen Nachrichtendienst, die Vereinten Nationen und für die Nato in der Ukraine) vertritt die Ansicht, dass Putin gestärkt aus der Prigoshin-Meuterei hervorgegangen ist:
https://overton-magazin.de/top-story/jacques-baud-das-war-sicher-kein-putschversuch-wie-unsere-medien-die-sache-aufgeblasen-haben/

Flaneur

6. Juli 2023 19:45

2.
Dass es Russland von Anfang an nicht um einen kurzfristigen militärischen Erfolg in der Ukraine ging, sondern um tiefgreifende geopolitische Veränderungen, lässt sich meiner Ansicht nach u.a. darin erkennen, dass Russland Ende Februar 2022 mit einer eher geringen Streitkraft in der Ukraine einmarschiert ist: Nebst tschtschenischer Nationalgarde, plus Donbass-Milizen und ein paar Tausend russischen Freiwilligen, primär aus den Kosackenverbänden insgesamt 150.000 bis maximal 200.000 Mann. Die ukrainischen Streitkräfte konnten damals inklusive Nationalgarde mit den ihr implementierten nationalistischen Bataillonen gut 450.000 Mann aufbringen. 
Legt man zugrunde, dass für Erfolg und Sicherung eines Angriffs im offenen Land in der Regel eine 3:1-Überlegenheit (im urbanen Breich 5:1) als erforderlich erachtet wird, kann Russlands damaliger Einmarsch nicht auf eine Besetzung der Ukraine ausgelegt gewesen sein.
Es ging also darum, Druck für eine Verhandlungslösung zu schaffen. Und dazu wäre es Ende März auch fast gekommen, hätte der Westen diese nicht torpediert. Die Aussagen v des türkischen Präsidenten Erdogan und des damaligen israelischen Regierungschefs Bennetts belegen dies. Putin hat jüngst die von ukrainischer Seite unterschriebenen Verhandlungaprotokolle der afrikanischen Vermittlerdelegation präsentiert.
Diese Verhandlungslösung wäre aus russischer Sicht nur der erste Schritt zu einer umfassenderen Sicherheitsordnung für Europamhewesen. Die Forderungen dazu hattenRussland im Dezember 2021präsemtiert.

RMH

6. Juli 2023 20:24

Prigoschin wird aktuell als ziemlicher Freak dargestellt (siehe Perücken-Fotos etc). Seine Truppen, nachdem sie in der Ukraine ordentlich den Kopf hingehalten haben (und Erfolge hatten) und in Rest&Recovery waren, nun nach Belarus zu senden, ist auf jeden Fall ein rationales Handeln, da sie dort sich gut neu gruppieren und auffüllen können, die Nato-Anreiner in Panik versetzen (was deren Bereitschaft, eigene Waffen zu liefern verringern kann) und bei Bedarf auch wieder in Richtung Ukraine eingesetzt werden können. Die Frage ist: Hat man für diesen nachvollziehbaren, rationalen Schachzug eine Theatervorführung gebraucht (wäre auch ohne gegangen) oder war Prigoschin tatsächlich für einen Moment übergeschnappt und man hat ihm einen deal zum Kopf aus der Schlinge ziehen angeboten und dabei eben seine Truppen nützlicherweise einkassiert und zu eigenen gemacht. Abgemeldet scheint er offenbar zu sein. Seine Truppen sind das auf jeden Fall nicht. Und natürlich werden sie maßgeblich von Russland bezahlt. Indizien gibt es für beide Möglichkeiten. Die reguläre russische Armee hat den ganzen Zinober auf jeden Fall sehr stabil überstanden.

Rheinlaender

6. Juli 2023 20:35

@FraAimerich
Stärke und Schwäche sind natürlich relative Begriffe, und die Schwäche Putins ging immerhin nicht soweit, dass Prigoschin bei seinem Vorhaben sichtbare Unterstützung seitens relevanter Akteure in Russland fand. 
Was Ihre Bewertung bzgl. Herrn Masalas angeht, stimme ich Ihnen zu. Er hat sich leider entgegen mancher Hoffnungen nicht positiv entwickelt. Am Anfang seines beruflichen Weges empfahl er seinen Studenten noch die Lektüre Carls Schmitts, und auch seine vor 2022 erschienenen Werke sind durchaus brauchbar. Die eigentlichen Transatlantiker hassten ihn immer, weil er die Politik der USA und ihrer Verbündeten in der Ukraine und die sonstige westliche Interventionspolitik immer wieder als schädlich kritisierte und damit Recht behielt. Seit 2022 aber erweckt er den Eindruck, zum Opportunisten geworden zu sein, der genau weiss, was man von ihm hören will, und es im Austausch für Medienpräsenz zuverlässig abliefert.

Flaneur

6. Juli 2023 20:51

3.
Russlands für eine Besetzung der Ukraine unzureichende Streitmacht ist auch Folge der russischen Armeestruktur. Russland hat eine Wehrpflichtigenarmee, d.h. auf Batallionsebene wird die Infanterie primär durch Wehrpflichtige gestellt.
Wehrpflichtige in den Krieg zu führen, hätte in Russland zu einem destabilisierenden  Aufschrei geführt. Nicht nur von Seiten der sogenannten Soldatenmütter, die eine durchaus lautstarke und einflussreiche Pressuregroupe darstellen. Deshalb die Deklarierung als Special Military Operation, anstelle Krieg.
Eine starke Infanterie ist jedoch die Basis für einen Eroberungskrieg. Die fehlte. Deshalb der Rückgriff auf die tschtschenische Nationalgarde, die diesen Job bei der Eroberung von Mariupol erledigt hat. Und deshalb später der Rückgriff auf Prigozins Wagner-Einheiten, deren Kern sich später im Häuserkampf in Bahmut aus rekrutierten Häftlingen zusammengesetzt hat.

Laurenz

6. Juli 2023 21:42

@Artabanus @L.  .. Die Russische Armee ist in einem schlechten Zustand ... nochmal, bis auf die Finnische Armee, ist jede Armee in schlechtem Zustand. Die Briten hatten im Falkland-Krieg mit Ach & Krach 11k Mann Kampftruppen zusammenkratzen können. Frankreich verfügt nur über die Fremdenlegion als Kampftruppe, 10k Mann, wir können auch ungefähr 10k Mann Kampftruppen stellen. Der Zustand von Marine & Luftwaffe ist desaströs. Damit wollen Sie Europa verteidigen? Die Wehrmacht griff mit der Roten Armee Polen an & hatte für 6 Wochen Munition, für Panzerhaubitzen 2 Wochen. Die Ukrainer feuern täglich 6k Schuß schwere Artillerie ab, die Russen 30k & das schon über ein Jahr.Die Invasion im Februar 2022 war ein Desaster, was auch zunächst nicht zugegeben wurde.  Woher wissen Sie das? Die Russen haben 20% der Ukraine erobert & zermürben uns mit einem extrem teuren Stellungskrieg.

Le Chasseur

6. Juli 2023 21:44

Was die Demilitarisierung der Ukraine betrifft: Die ist abgeschlossen. Jetzt wird die NATO demilitarisiert: https://www.forbes.com/sites/davidaxe/2023/06/27/25-tanks-and-fighting-vehicles-gone-in-a-blink-the-ukrainian-defeat-near-mala-tokmachka-was-worst-than-we-thought/?
Die Washington Post berichtete, dass der CIA-Chef Burns Anfang des Monats in Kiew war, um über die Vorbereitung von Verhandlungen mit Russland zu sprechen.

Flaneur

6. Juli 2023 21:44

4. 
Ich möchte noch einmal auf das Scheitern der russisch-ukrainischen Verhandlungen im Frühjahr 2022 zurückkommen: Kriege sind dynamisch. Nichts läuft exakt nach Plan. Und jede Seite ist fragmentiert, jedes Fragment verfolgt spezifische Interessen. 
Auf ukrainischer Seite gab es damals vehementen Widerstand gegen eine temporäre Verhandlungslösung.  Das zeigte sich darin, dass der ukrainische Militärgeheimdienst SBU einen ukrainischen  Verhandlungsteilnehmer liquidieren ließ, der in Minsk zu sehr für eine Verhandlungslösung eingetreten war.
Es zeigte sich auch in dem ukraischen Angriff mit eiiner Totchka-U-Rakete auf den Bahnhof von Kramatorsk, wo sich ukrainische Flüchtlinge verrsammelt hatten. In westlichen Medien wird dieser Angriff Russland zugeschrieben. Flugbahn, Kennzeichnung der Raketenfragmente  nebst Geolokalisation belegen jedoch klar, dass dies ein ukrainischer Angriff gewesen ist.
Ähnlich verhält es sich mit dem Progrom von Bucha. Als der ukrainische Gouverneur nach Abzug der russischen Armee in Bucha eingerückt ist, konnte er keine Augfälligkeiten berichten. Kurz darauf rückte ein ASOW-Kommandant in Bucha ein und postetVideos, in dem ihn Territorialkräfte fragten, ob man Kollaborateure liquidieren dürfe. Kurz darauf tauchten dann Videos vom vermeintlich russischen Progrom in Butcha  auf. Die Liqudierten trugen großteils weisse Armbänder und/oder hatten russische Verpflegungsbeutel dabei. Das deutet stark auf False Flag hin. Ziel: Keine Verhandlungslösung.
 

Flaneur

6. Juli 2023 22:01

4. 
Nach dieser langen Vorrede jetzt zu Prigozins Wagner: Wagner ist formaljuristisch ein privates Unternehmen. De facto wurde  es vom russischen Militärgeheimdienst GRU in späterer Kooperation mit dem Inlandsgeheimdienst FSB ins Leben gerufen. Man orientierte sich dabei am Einsatz von Blackwater/Academy in de USA. Wagners Ausrüstung stammt exklusiv vom russischen Militär, Wagner agiert bei der Rekrutierung im Rahmen dessen, was ihm vom russischen Staat erlaubt ist, Wagner untersteht in seinen militärischen Aktionen dem, was ihm der russische Genralstab erlaubt. Das gilt zumindest für Wagners Aktivitäten im Ukrainekonflikt. 
Russland agiert extrem legalistisch, ganz konträr zu dem, was Fraenkel als Massnahmenstaat bezeichnet hat, hält Russland sich formell an seine Gesetze ( siehe Mobilisierung bzw. Nicht-Mobilisierung von Wehrpflichtigen). Wagner ist ein Weg, diese selbst gesetzte Beschränkung irgendwie legal erscheinend zu umgehen. Deshalb gibt es Wagner. Das muss man sich klar machen. Wagner ist nur dem Anschein nach Prigozin, de facto nach aber GRU. Das muss man berücksichtigen, wenn man die vermeintliche Revolte Prigozins bewerten will.
 
 
 

Blue Angel

6. Juli 2023 22:49

Zum Nicht-Verstehen russischer Gedankengänge und Interessen gehört auch, die Einigung des Landes und die Verhinderung eines Bürgerkriegs als "Schwäche" auszulegen (Fra Aimerich hatte schon darauf hingewiesen): Bürgerkriege sind für die meisten Russen ein Trauma, schließlich hat das Land einige der schlimmsten durchlitten. Oberst Baud hat mit seiner Einschätzung recht.
M. W. n. waren beim "Marsch für Gerechtigkeit" nur ca. 2000 Wagner-Soldaten beteiligt, darunter kaum Offiziere. Gerüchtehalber wurde den Teilnehmern vorher gesagt, sie würden zur Grenzsicherung eingesetzt. - Meine wichtigste Quelle ist MoonofAlabama, wo in den Kommentaren immer viele verschiedene Quellen verlinkt werden. "B", Bernhard, m.W. ein Deutscher, der das Blog betreibt, hatte den Aufstand übrigens zu einer "Farce" erklärt, die spätestens am nächsten Tag beendet sein würde (womit er recht hatte). Allerdings geht er nicht von einer Psyop sondern von einem globalistisch induzierten Putschversuch aus. M. E. ist beides möglich.

Flaneur

6. Juli 2023 22:52

5.
Nachdem die Verhandlungen in Istanbul  gescheitert waren, war Russland klar, dass die bisherige, auf eine Verhandlungslösung ausgerichtete Politik gescheitert war. Man zog sich also auf vorbereitete Verdeidigungsspositionen zurück, grub sich ein  und breitete sich auf einen Abnutzungskrieg vor, dem man mit einer 10:1 Artillerie-1-Überlegenheit gelassen entgegensah.
Die Ukraine war zu diesem Zeitpunkt auf Bahmut fixiert, da man diesen Ort als strategisch relevant betrachete. Diese Sicht wurde vom Pentagon nicht geteilt, die Ukraine fixierte sich jedioch auf Bahmut.
Im russischen  Generalstab würde daraufhin das Konzept des Bahmut-Fleischwolfes etabliert: Es galt, möglichst viel ukrainische Truppen auf Bahmut zu konzentrieren, wärend man derweil die Verteidigungslinien  an der übrigen Front ausbauen und vertiefen konnte.

Wuwwerboezer

6. Juli 2023 23:03

Pjerwyii
Konfrontation und vielleicht "Putin wurde übertölpelt" - oder Inszenierung? Es ist nicht so schematisch-plump resp. schwarz-weiß, wie manche sich das vorstellen. Kriegführung ist eine hohe Kunst und hier ist wahre Eleganz und damit wahre Dynamik am Werk. Man muß den Judo-Gegner schon in Greifnähe kommen lassen, im Fall bis auf 200 Werst vor Moskau! Dann läßt man ihn sich mit seiner eigenen W-pot sauber und möglichst geräuschlos auf die Matte rollen.
Die Frage bei der Beurteilung, u. a. bei Betrachtung der von Fernsehansprache zu Fernsehansprache schwärzer werdenden Krawatten Putins, ist doch, ob er die Würde eines im planetarischen Maßstab konzeptuell mächtigen Staatsmannes repräsentiert, welcher in jeder Sekunde führt / steuert und dies mit dem Anspruch an sich selbst, ein Vorbild zu sein - oder ob er ein kleiner Gewohnheitslügner ist, der auch mal innerlich feixend kurz einen auf Staatstrauer macht wenn es gerade opportun ist. Kann jeder für sich selbst beantworten, Kriegslist im Kriege hin oder her.
Nach meinem Gesamtbild der Lage: Es stand kontrolliert-unkontrolliert spitz auf Kopf.

Wuwwerboezer

6. Juli 2023 23:05

Wowtoroyi
Für die, die es nicht mitbekommen haben: daß die musici zu 100 % aus dem russischen Staatshaushalt finanziert wurden / werden, hat WWP doch nach der Meuterei enthüllt.
Prigo ist nur das Anchor Face für die Kameras, er ist auch nicht besonders intelligent höflich gesagt. Milliarden Menschen sind auf diese One-Man-Show reingefallen. Hinter P. stehen ganz andere Kräfte.
Luka ist der Mann Chinas. Er arbeitet bei all seiner Ego-Unberechenbarkeit für die Langzeitstrategie, mit der Rußland von China und Weißrußland her in die kommunistische Zange genommen werden soll - auch wenn aus dem Kern des Plans, nach erfolgreicher Liberalschocktherapie (Planstufe 1) den verelendeten Russen das weißrussische Modell als Sehnsuchtsmodell anzubieten, getriggert von der KPRF (Planstufe 2), nichts geworden ist und auch nichts mehr werden wird. Warum sage ich das? Um deutlich zu machen, daß Putin  -n-i-c-h-t-  für die Langzeitstrategie arbeitet - im Gegenteil, er ist  -d-a-s-  Bollwerk gegen die Langzeitstrategie.
- W.

Le Chasseur

6. Juli 2023 23:10

@Flaneur
"Russland agiert extrem legalistisch, ganz konträr zu dem, was Fraenkel als Massnahmenstaat bezeichnet hat, hält Russland sich formell an seine Gesetze ( siehe Mobilisierung bzw. Nicht-Mobilisierung von Wehrpflichtigen). Wagner ist ein Weg, diese selbst gesetzte Beschränkung irgendwie legal erscheinend zu umgehen. Deshalb gibt es Wagner. Das muss man sich klar machen."
Ich glaube, Scott Ritter wies darauf hin, dass das russische Gesetz den Einsatz von Söldnertruppen auf russischem Staatsgebiet untersagt. Insofern war der Einsatz der Wagner-Einheiten in den neu-russischen Gebieten rechtswidrig.

Sandstein

7. Juli 2023 10:17

@ cs danke für den Text! 
@laurenz 
..ich bin im Prinzip bei ihnen. Die Russen schlagen sich gut und haben nicht nur ihre Wirtschaft, sondern auch ihre Strategie umgestellt: kurze Logistik, niederkämpfen der ukr. Verbände direkt vor der eigenen Nase - Bachmut war wohl der entscheidende Umkehrpunkt. Aus welchen Gründen auch immer haben die Ukrainer hier ihren kurzzeitigen, moralischen Vorteil aus der Hand gegeben. Dass sie jetzt zum Angriff übergehen und in Minenfeldern stecken bleiben macht die Lage natürlich deutlich dramatischer.
Wo ich nicht mitgehen kann: natürlich hat die russische Armee riesige Defizite und dass die Invasion nicht so gelaufen ist, wie geplant ist doch wohl offensichtlich. Die Russen haben einige Eliteverbände im Kampf um den Flugplatz Hostomel verloren und auch wichtige mechanisierte Gardekoprs verloren. Sie schaden ihren guten Argumenten, wenn Sie gewisse Sachverhalte negieren (wirkt by the way manchmal sehr trotzig). Ich habe das hier vor paar Monaten geschrieben, die Russen werden gewinnen, einfach weil sie mehr Material an die Front führen können, und sich, wie in vielen anderen Kriegen an die Lage anpassen. 
@ wuwwwer: sie scheinen Zugang zu exquisiten Informationen zu haben. Mehr sag ich dazu nicht.

tearjerker

7. Juli 2023 15:46

Prigo wurde vom Unternehmer Arkadi Rotenberg in St. Petersburg protegiert und vom Caterer zum El-Commandante hochgeschoben. Putin, selbst aus St. P., ist angeblich Rotenbergs Judo-Partner. Glaubhaft, denn das Riesenland besitzt angeblich gerade mal 24 Golfplätze. Arkadis Bruder hängt direkt im Pipeline/Gas-Business drin. Die Rotenbergs (Geschwister und die Gören) haben durch den Krieg und den als Sanktionen verschleierten Raubzug, der direkt auf Wladimirs Umfeld zielt, Milliarden verloren und sind richtig sauer. Es gilt dem Geld zu folgen um Lichts ins Dunkel zu bringen.

heinrichbrueck

7. Juli 2023 16:33

Eine gute PsyOp macht den Feind unsichtbar. Der perfekte Mord kann als Selbstmord beschrieben werden, und die Leiche verschwindet in der weltgeschichtlichen Lügenwelt. 
Beide Frontseiten scheinen unter Munitionsmangel zu leiden. Prigoschin sah viele Leichen, eine Opferung für taktisch fragwürdige Ziele, und verstand die spärlichen Munitionslieferungen nicht. Soll der Krieg in die Länge gezogen werden, war es kein Verrat. Einen unverstandenen Krieg zu gewinnen, müssen die passenden Voraussetzungen gegeben sein. Langfristig gesehen, einen Plan für die ganze Welt. 

Le Chasseur

7. Juli 2023 18:32

@heinrichbrueck"Soll der Krieg in die Länge gezogen werden, war es kein Verrat."
Meiner Meinung nach will Russland den Krieg in die Länge ziehen. Ziel ist es, möglichst viele Feinde zu töten und die NATO und die EU zu destabilisieren, vielleicht sogar zum Auseinanderbrechen zu bringen.

Laurenz

7. Juli 2023 18:59

@Sandstein @L. .... nach von Clausewitz geht immer die eine oder andere Operartion schief, im Krieg ganz normal. Bonaparte ging etxrem verschwenderisch mit Soldaten um. Von Clausewitz war Selbst im Einsatz, zB in Borodino in Russischen Diensten. Der Unterschied des gescheiterten schnellen Vorstoßes auf den Flughafen von Kiew zu den Gebietsgewinnen im Osten des Landes ist die zivile Verwaltung. Im Osten kamen direkt hinter den Truppen zivile Verwaltungskräfte, im Marsch auf Kiew nicht. Deswegen gehen einige Autoren von einem rein taktischen Maneuver aus, um die Ukrainische Armee, aus der Peripherie nach Kiew zu ziehen. Bachmut ist nur deswegen wichtig, weil es die infrastrukturelle Spitze des extrem langen Frontbogens darstellt, was Frontverkürzungen zugunsten der Russen an anderer Stelle ohne die Eroberung Bachmuts weniger effizient macht. Was hier viele militärische Nullnummern nicht verstehen, ist der Soldat. Gefechtserfahrung ist unbezahlbar. Das erkennt man auch an dem Gelaber über einen Bürgerkrieg in Rußland. Es hat keinen Bürgerkrieg in Rußland gegeben. In den USA herrscht schon immer Bürgerkrieg mit 30k Gefallenen pro Jahr, davon 10k Suizide.

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