Das Eigentliche

Vor einiger Zeit war ich, wie es sich für einen Sezession-Redakteur der ersten Stunde gehört, im Secession-Bau in Wien, um mir den Beethoven-Fries Gustav Klimts anzuschauen. Man kennt Abschnitte dieses Werks aus Büchern, aber es ist wie mit so vielen Gemälden und Gebäuden: Man hat sie aufzusuchen und vor ihnen eine Weile zu stehen.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Mir gelang das auf über­wäl­ti­gen­de Wei­se mit Pie­ter Brue­gels »Jäger im Schnee«, von deren Anblick ich mich nicht lösen konn­te, als ich zum ersten­mal im Kunst­his­to­ri­schen Muse­um vor ihnen stand.

Nun also Klimt, und die Ent­täu­schung hät­te dies­mal nicht grö­ßer sein kön­nen: Der Raum wirk­te wie nack­ter Beton, in die hin­te­re Wand war eine Tür ein­ge­las­sen, die im Bau­markt erwor­ben wor­den sein muß­te, bil­li­ge Bau­haus­stüh­le lagen in einer Ecke über­ein­an­der­ge­packt, eine Bock­lei­ter stand her­um, obwohl nie­mand an der Arbeit war, und das Gelän­der, das zum Fries hin­ab­führ­te, gehör­te zum Ein­falls­lo­ses­ten, auf das man kom­men konnte.

Über­haupt die­ser – Kel­ler: Als man den Bau um 1900 her­um ent­warf und errich­te­te, öff­ne­ten unter dem Fries Fens­ter­bö­gen den Blick in den zen­tra­len Saal, in dem wohl Plas­ti­ken und Pla­kat­kunst der Künst­ler­grup­pe „Seces­si­on“ gezeigt wur­den. Aber heu­te ist alles zuge­mau­ert und zuge­putzt, und eine lieb­lo­se, sogar bös­ar­ti­ge Funk­tio­na­li­tät und Asep­tik ver­darb mir die stau­nen­de Freu­de, die sich ein­stel­len woll­te, als ich die Klimt-Figu­ren, Kör­per, Gemü­ter in ihrer unver­wech­sel­ba­ren Gestalt sah.

Von dem Schrift­stel­ler Her­mann Hes­se stammt aus dem Roman Der Step­pen­wolf der Gedan­ke, man sol­le nicht zu sen­si­bel sein, wo es um den robus­ten Kern der Kunst gehe: Was macht ein biß­chen Rau­schen im Radio, was ein Krat­zer in der Plat­te aus, wenn wir Bruck­ners 8. Sin­fo­nie hören oder von Pfitz­ner die Over­tü­re zu sei­ner Oper Palestrina?

Aber dort, im Seces­si­on-Gebäu­de, waren es zuvie­le Krat­zer und Stö­run­gen, und es waren auch viel zu vie­le Men­schen dort, und sie waren viel zu laut. Mir kam die bana­le Ein­sicht, daß ich die meis­ten Men­schen nur dann mag, wenn sie nicht da sind.

– –

Wenn ich im »Spar« oder einem ande­ren Laden an der Fleisch­the­ke ent­lang­ge­he (also: stets vor­bei­ge­he, denn ich kau­fe dort nie etwas), dann mag ich die Men­schen nicht nur nicht: Dann sind sie mir zuwi­der. Sie sind mir zuwi­der, weil sie dort das bil­li­ge Fleisch kau­fen, ohne dar­über nach­zu­den­ken, wie es in die The­ke gelang­te. Sie den­ken, dort, wo ich woh­ne, nicht dar­über nach, daß unweit, in Wei­ßen­fels, das Grau­en einen sei­ner Orte erobert hat und sich dort aus­tobt. Tag für Tag und alle Näch­te hin­durch ist an die­sem Ort buch­stäb­lich die Höl­le los, und den­noch läuft es geräusch­los und außer­halb unse­rer Wahr­neh­mung ab.

Es ist uner­heb­lich, ob es tau­send, fünf­tau­send oder zwan­zig­tau­send Schwei­ne sind, die dort an einem ein­zi­gen Tag ange­lie­fert und in Reih und Glied auf die Schlacht­bank geführt wer­den. Die­se Tie­re haben ihr Leben jeden­falls in abar­ti­ger Enge ver­bracht – ohne Suh­le, ohne Son­ne, voll­ge­pumpt mit Mast­fut­ter und Medi­ka­men­ten. Sie rie­chen auf dem ein­zi­gen Gang ihres Lebens das Blut, den Tod, das Unaus­weich­li­che, und sie leb­ten nur, um unse­re Fleisch-The­ken zu füllen.

Und wie die­sen Schwei­nen geht es auch den Hüh­nern und den Käl­bern und ihren Müt­tern, den Kühen, die, nach­dem man ihnen in Stäl­len ohne Klee und Dot­ter­blu­me den letz­ten Liter abge­zapft hat, in den Lauf­gang gedro­schen wer­den, der nur noch und ohne Aus­weg auf den Bol­zen und auf die Sägen zuführt, die das taxier­te Fleisch fürs »Spar«-Regal portionieren.

– –

Neu­lich, in einem Gespräch, das sich um sol­che Todes­or­te dreh­te, äußer­te mein Gesprächs­part­ner, er habe ange­sichts sol­cher Umstän­de nichts dage­gen, wenn in Zukunft in Labo­ren gezüch­te­tes Fleisch in den The­ken aus­lie­ge. Ich erwi­der­te, daß sich die Erzie­hung des Men­schen­ge­schlechts nicht dar­auf beschrän­ken dür­fe, den Kon­sum unge­bremst wei­ter­lau­fen zu las­sen und ihn bloß auf Sub­sti­tu­te umlagern.

Am sel­ben Abend kam ich in einem wei­te­ren Gespräch auf die­ses The­ma zurück. Denn die­ses The­ma beschäf­tigt mich nicht nur: Es treibt mich um, und ich muß mich bemü­hen, ihm nicht zu viel Herr­schaft über mei­ne Gedan­ken ein­zu­räu­men. Jeden­falls ver­nahm ich in die­sem Gespräch den har­ten, an Speng­ler gemah­nen­den Satz, »daß wir so sind und daß wir kaum aus unse­rer Haut kön­nen«. Wir sei­en janus­köp­fig, dop­pel­ge­sich­tig: Wir sei­en wach und blind zugleich, sanft und kalt, zuge­neigt und abgewandt.

Das Den­ken in solch gro­ßen Bögen fas­zi­niert und inter­es­siert mich seit jeher. Ich frag­te nach und hör­te dies:

Wo es um das Haus­tier, den Hund, das Pferd, die Kat­ze gehe, sei­en wir von einer Sorg­falt und Zuge­wandt­heit, die den Hüte­hund, das Dres­sur­pferd und die Ofen­kat­ze ganz nah an uns ange­bun­den habe. Andern­orts habe die Krea­tur seit jeher aus ver­schorf­ten, ver­prü­gel­ten, geschun­de­nen Skla­ven bestan­den: Das Tier zu erzie­hen, zu pfle­gen und in die Fami­lie ein­zu­ge­mein­den – das kom­me vie­len Völ­kern nicht in den Sinn.

Aber jen­seits die­ser in unse­rer Zeit ins absur­de Ver­hät­scheln und in den Kind-Ersatz abge­rutsch­ten Tier-Bezie­hung sei­en wir die tech­no­kra­ti­schen Ent­frem­der und Verdränger.

Wir, die faus­ti­schen Men­schen, die Gren­zen­spren­ger, die Macher und uner­müd­li­chen Ver­bes­se­rer, ver­schwen­de­ten kei­nen Gedan­ken an das mas­sen­haf­te, anony­me Leid, das uns an der The­ke das bil­li­ge Fleisch, den wider­wär­ti­gen, aus­ge­beu­te­ten, maschi­nell opti­mier­ten, mit­tels Geschmacks­ver­stär­kern auf den Ein­heits­gau­men getrimm­ten Tod serviere.

Ist das so? Sind wir zur indi­vi­du­el­len, zur je selbst aus­ge­führ­ten Grau­sam­keit nicht in der Lage, aber zur Abschie­bung des­sen, was die Mas­se kon­su­miert, ins anony­me Grau­en hin­ter Fabrik­fas­sa­den schon? Wir schäch­ten nicht, aber wir blen­den die lan­ge Rei­he der Tie­re aus, die dem Förder‑, dem Todes­band entgegenruckelt?

Selt­sa­mer­wei­se kamen wir im abend­li­chen Gespräch auf die­ses The­ma, als es um den deut­schen Schuld­kom­plex und um die Fra­ge ging, was den Unschul­di­gen ange­tan wor­den war, in den Jah­ren zwi­schen 1933 und 1945, und wie es geschah, und was den Unschul­di­gen zwi­schen 1944 und 1948, und wie­der­um: wie man sie ver­trieb, schän­de­te, umbrach­te, verscharrte.

Es sind dies ja nun Fra­gen, die ich bloß als Leser und Zuhö­rer beur­tei­len kann, wobei mir das, was ich mir genau erzäh­len las­sen soll­te (aus Schle­si­en, Brünn und Pom­mern), nicht genau erzäh­len las­sen möch­te: weil ich es mir nicht erzäh­len las­sen kann. Ich ertra­ge es nicht.

Und als ich in Wei­ßen­fels vor bald zwei Jahr­zehn­ten in der Kir­che saß und das »Requi­em für das geschun­de­ne Tier« mit­be­te­te, ertrug ich die Berich­te von dem, was ein paar Kilo­me­ter weit ent­fernt im Schlacht­hof sich abspiel­te, auch nicht.

Ich weiß, daß nun die Tor­wäch­ter der Grau­ens-Abstu­fung, die Pre­di­ger einer Hier­ar­chie der Opfer auf­sprin­gen und die­sen Asso­zia­tio­nen, die­ser Par­al­le­li­sie­rung Ein­halt zu gebie­ten ver­su­chen. Ihnen sei, bevor sie los­le­gen, gesagt: Es geht um die tie­fe­ren Struk­tu­ren des Ver­hal­tens. Es geht um die Fra­ge, wofür wir blind sind, wovor wir wie Blin­de ste­hen, was uns den Blick trübt, und noch weit dar­über hin­aus: ob wir die­se Trü­bung, die­se blin­den Fle­cken und Ver­drän­gun­gen über­haupt als sol­che wahr­neh­men oder sie gar nicht wahr­neh­men oder sogar igno­rie­re – weil wir tech­no­kra­tisch den­ken, opti­miert und selbst­herr­lich, oder weil es uns ein­fach nicht mehr interessiert.

– –

Ich habe mich in den ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­ten inten­siv mit dem Den­ken von Paul King­sn­orth beschäf­tigt. Er ist ein radi­ka­ler Öko­lo­ge aus Eng­land, und er hat ver­sucht, dem Mit­schwim­men und Mit­ma­chen in der Lebens­wirk­lich­keit unse­rer Zeit kon­se­quent den Rücken zu keh­ren. In sei­nen Tex­ten dekli­niert er durch, was mich, was man­chen von uns als Fra­ge umtreibt – trotz (oder gera­de­zu wegen) allen Wahl­er­folgs, der sich für eine uns nahe­ste­hen­de Par­tei ein­ge­stellt hat.

Über den Essay Dunk­le Öko­lo­gie von Paul King­sn­orth schrieb ich für das Dezem­ber-Heft 2025 einen aus­führ­li­chen Text. Da ich mich kei­ner Illu­si­on dar­über hin­ge­be, wie gründ­lich sich mei­ne Leser mit dem beschäf­ti­gen, was mich im Ker­ne umtreibt, zeich­ne ich die Gedan­ken­kur­ve, die King­sn­orth fliegt, noch ein­mal nach:

King­sn­orth geht davon aus, daß die grü­nen Bewe­gun­gen aller Län­der die grü­nen Grund­sät­ze ver­ra­ten und sich einem grü­nen Kapi­ta­lis­mus in die Arme gewor­fen haben. Sie sei­en tech­no­kra­tisch und eng­stir­nig gewor­den und bemä­ßen grü­nes Han­deln nun­mehr aus­schließ­lich an dem Bei­trag, den ein Pro­jekt an der Ein­spa­rung ver­meint­lich klima­schädlicher Emis­sio­nen habe.

Aus die­sem Grund wür­den Wind­rä­der in Land­schaf­ten, auf Hügel­ket­ten, in »die Wild­nis« hin­ein beto­niert, ohne Rück­sicht auf die sub­stan­ti­el­le Zer­stö­rung die­ser Orte an sich. Deren ganz­heit­li­cher Eigen­wert zäh­le vor dem Hin­ter­grund der Emis­si­ons­bi­lan­zen nichts mehr.

Kurz­um: Die grü­ne Bewe­gung ver­nut­ze längst eben­so wie jede ande­re aus­beu­ten­de Bewe­gung das, was recht eigent­lich unver­nutzt hät­te blei­ben müs­sen, und zwar aus grund­sätz­li­chen, ort-eigen­wer­ti­gen, nicht auf den Men­schen und sei­ne Bedürf­nis­se hin­ge­ord­ne­ten Gründen.

King­sn­orth geht in sei­nen Über­le­gun­gen über den legi­ti­men Wider­stand gegen die­se Ver­hee­rung so weit, daß er den radi­ka­l­öko­lo­gi­schen Ter­ror Ted Kac­zynskis (des »Unab­om­ber«) als Ver­hal­tens­mög­lich­keit durch­mus­tert. Kac­zyn­ski hat­te in den USA zwi­schen 1978 und 1995 sech­zehn Paket­bom­ben an Leu­te ver­schickt, die er für die tech­ni­sche Zer­stö­rung der Welt ver­ant­wort­lich mach­te. Meh­re­re Per­so­nen wur­den dabei getö­tet, ande­re schwer ver­letzt. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er ein auch ins Deut­sche über­setz­tes Mani­fest mit dem Titel „Die indus­tri­el­le Gesell­schaft und ihre Zukunft“. Letzt­lich lehnt King­sn­orth das Han­deln des Unab­om­bers natür­lich ab. Aber er nimmt die­sen Ter­ror als äußers­te und ver­zwei­fel­te Form der Land­wehr sehr ernst.

Auch ich neh­me die­sen ver­zwei­fel­ten Wider­stand ernst, sehr ernst sogar, und wenn ich mir den all­ge­gen­wär­ti­gen Tod durch Mas­sen­kon­sum, Ver­tei­lungs­krie­ge, anma­ßen­den Mate­ria­lis­mus und krank­haf­te Ver­nut­zung vor Augen füh­re, dann kann ich in Kac­zynskis Paket­bom­ben nicht viel ande­res erken­nen als den ver­zwei­fel­ten Wider­stand des hilf­lo­sen Orts, der hilf­lo­sen Erde gegen den über­mäch­ti­gen Nicht-Ort, den nicht mehr ange­ket­te­ten Pro­me­theus. Kac­zyn­ski als der aus uralter Gelas­sen­heit in den gewalt­tä­ti­gen Wider­stand gegen das Böse ein­ge­sprun­ge­nen Orts-Statt­hal­ter – das leuch­tet mir unmit­tel­bar ein, vor allem nachts.

So denkt man, nachts, aber natür­lich kriegt Paul King­sn­orth die Kur­ve, und ich soll­te sie auch krie­gen, soll­te Kac­zyn­ski ohne Wenn und Aber ableh­nen, und ich soll­te  nicht zuviel davon spre­chen, daß mir die Mas­se und ihre Anma­ßun­gen zuwi­der sind. Jedoch fällt es mir sehr schwer. Im Grun­de mag ich die­se Mas­se nur, wenn sie in Marsch­ord­nung steht oder auf einen Mit­tel­punkt hin aus­ge­rich­tet zuhört. Die­ser Mit­tel­punkt muß natür­lich ein Gott sein, und der Marsch muß einer für das Leben sein, selbstredend.

Das mei­ne ich weit umfas­sen­der als so, wie es die­je­ni­gen mei­nen, die Jahr für Jahr für das Lebens­recht Unge­bo­re­ner auf die Stra­ße gehen, also einen „Marsch für das Leben“ antre­ten. Denn ich möch­te die­sen Kampf um das Leben nicht auf das nack­te Leben beschränkt sehen, und um es wie­der an das Ein­gangs­bei­spiel anzu­knüp­fen: Ich will nicht dabei zuse­hen, wie man­cher, der eben noch gegen die Abtrei­bung mar­schier­te, sich an der nächs­ten Stra­ßen­ecke aus der Fleisch­the­ke das pflückt, was er sich für den Nach­hau­se­weg auf die Sem­mel legen möch­te. Ich möch­te nicht dar­über nach­den­ken, wie genüß­lich er in den anony­men Tod beißt, nach­dem er gera­de noch gegen den Tod demonstrierte.

– –

Es geht natür­lich um weit mehr als um das geschun­de­ne Tier. Die Fleisch­the­ke ist nur ein Bei­spiel unter vie­len. Der Angriff auf das, was wir, die wir rechts den­ken, unter dem Wort »Leben« ver­ste­hen, setzt viel tie­fer an: Er will die­ses Leben, das ein unfer­ti­ges, ein end­li­ches Leben ist, besie­gen, also über­win­den und erset­zen. Die­ser trans­hu­ma­ne Angriff wird umfas­send und frap­pie­rend offen­her­zig vor­ge­tra­gen, auf­ge­la­den mit dem Sen­dungs­be­wußt­sein der “Macher”, die uns wie immer weiß­ma­chen möch­ten, daß sie dies­mal fast wie jener Gott han­deln wer­den, den sie für tot erklär­ten: zwei­te Schöp­fung, per­fekt, berechenbar.

King­sn­orth schreibt in etli­chen sei­ner Auf­sät­ze dar­über, sie sind nun gesam­melt bei Matthes & Seitz Ber­lin unter dem Titel Bekennt­nis­se eines gene­sen­den Umwelt­schüt­zers erschie­nen. Mit dem, was er schreibt, paßt er so ganz und gar nicht mehr zu dem, was die grü­ne Bewe­gung heu­te ist, was aus ihr gewor­den ist.

Was damit gemeint ist, wird noch ein­mal deut­lich, wenn wir uns kurz mit Cord Rie­chelm­ann beschäf­ti­gen. Auch die­ser Herr gehört zu denen, die nicht ver­ste­hen, was King­sn­orth eigent­lich sagt und was das Eigent­li­che ist, für das er kämpft.

Aber er hat für die deut­sche Aus­ga­be der gesam­mel­ten Tex­te von King­sn­orth ein Vor­wort ver­faßt, und in die­sem Vor­wort warnt er vor uns. Denn er hat einen Rie­cher dafür, daß wir es sind, die King­sn­orth viel bes­ser ver­ste­hen als er und die ande­ren ins Tech­no­kra­ti­sche abge­rutsch­ten Grü­nen. Er spürt, daß wir dabei sind, den Umwelt­schutz, den Hei­mat­schutz, die Lebens­öko­lo­gie und vor allem das Sakra­le, also das heil­sam Durch­wo­be­ne jeder Böschung und jeder Bucht wie­der zu bean­spru­chen und die Ver­fü­gungs­ge­walt dar­über denen, die sie her kaper­ten, wie­der zu entreißen.

Der grü­ne, der öko­lo­gi­sche Ver­rat spürt, daß wir die Ret­tung der Schöp­fung nicht in ihrem tota­len Umbau sehen, son­dern im Rück­zug des Men­schen aus dem, was er sich anmaßt. In der Denk­hal­tung des glo­ba­len Wes­tens hat sich die fata­le Auf­fas­sung durch­ge­setzt, daß sich die Erde am bes­ten ret­ten lie­ße, indem man sie von Grund auf nach­baue und ihre Schöp­fungs­feh­ler aus­mer­ze. King­sn­orth schüt­telt sich bei die­sem Gedan­ken, und es schüt­tel­te ihn sicher­lich noch hef­ti­ger, als er notier­te, daß die schlimms­te Vor­stel­lung, die er sich aus­ma­le, fol­gen­de sei:

Es kön­ne die tech­nisch-digi­ta­le Nach­bil­dung der Welt tat­säch­lich gelin­gen, es kön­ne immer so wei­ter­ge­hen, den Men­schen wür­de »das Ech­te« nicht feh­len, sie hät­ten letzt­lich kein Gespür mehr für die Dürf­tig­keit der sekun­dä­ren Welt, und kei­ne Sehn­sucht mehr nach dem, was das Sakra­le eines gefüg­ten Land­schaft, einer stil­len, süd­li­chen Som­mer­bucht und eines mai­grü­nen Wald­la­gers mit Brot und Wein ist.

Die Hef­tig­keit, mit der King­sn­orth schreibt, mit der wir schrei­ben, rührt von dort her: daß näm­lich die Durch­drin­gung aller, auch der zar­tes­ten Berei­che durch die Prin­zi­pi­en »Fort­schritt« und »Mach­bar­keit« die Zer­stö­rung die­ser Berei­che bedeu­tet. Das Pro­blem ist, daß dies alles ganz smart zu gelin­gen scheint und daß dabei kein Blut mehr spritzt. Das Pro­blem ist wei­ter, daß es dage­gen kei­nen Auf­stand mehr zu geben scheint.

Es sind dies Kata­stro­hen und Zuset­zun­gen, die sich nicht mehr in die Kate­go­rien “Links” und “Rechts” ein­ord­nen las­sen. Die Fra­ge lau­tet viel­mehr: Glau­ben wir an die tota­le Mach­bar­keit oder glau­ben wir end­lich nicht mehr an sie?

– –

Unse­re Land ist ein­falls­los gewor­den und mut­los, wo es dar­um geht, die­se schein­bar ein­zig mög­li­che Bewe­gungs­rich­tung infra­ge zu stel­len. Gibt es in uns nicht doch eine Sei­te, eine ver­schüt­te­te Kraft, die einen ande­ren Maß­stab auf­zu­rich­ten ver­mag? Oder sind wir aus­weg­s­los so, wie wir sind und wie nicht nur Speng­ler uns beschrieb

Soll­ten wir den Welt­ver­nut­zungs­ab­schnitt »Deutsch­land« durch eine Par­tei ergänzt haben, die die­sen Abschnitt bloß wie­der opti­mie­ren und funk­tio­nal machen möch­te, ist nichts gewon­nen. Wir brau­chen nicht sol­che, die mit dem Strom schwim­men und dafür sor­gen wol­len, daß nur Unse­res­glei­chen neben uns schwim­men. Den Fleisch­the­ken ist es egal, wer sie leer­kauft, wer an ihnen den Tod kon­su­miert und auf das Recht pocht, genau dies tun zu dür­fen und es sich nicht durch War­ner und Öko­lo­gen und Aske­ten madig machen zu lassen.

Mir selbst ist es eben­falls egal, wer die Fleisch­the­ken leer­kauft. Anders aus­ge­drückt: Nichts ist bes­ser, wenn es nur unse­re eige­nen Leu­te sind, die sich so blind ver­hal­ten und die nicht begrei­fen, daß wir nicht nach immer neu­en Wegen der opti­ma­len Ver­nut­zung die­ser Erde suchen dür­fen, son­dern ihrer Aus­beu­tung Ein­halt zu gebie­ten haben.

Über unser Leben wird schon viel zu lan­ge auf dem Schind­an­ger ver­han­delt. Die Ver­nut­zung ist all­ge­gen­wär­tig und mit Hän­den zu grei­fen. Wir sol­len funk­tio­nie­ren. Wir sol­len Teil­chen sein, ver­nutz­bar und brauch­bar und auf unse­re bezif­fer­ba­re Rol­le hin redu­ziert. Das ist der Angriff auf das Eigent­li­che des Men­schen, auf uns: Wir kön­nen anders sein, wir müs­sen anders sein, wir dür­fen uns nicht nur die­ser einen Rich­tung unter­wer­fen, die in uns ange­legt ist. Wir dür­fen nicht ver­küm­mern, wir müs­sen wenigs­tens dop­pel­ge­sich­tig sein. Das ist die eigent­li­che Auf­ga­be, das ist das Eigent­li­che. Alles ande­re ist Kin­der­kram und Altpartei.

– –

Im Seces­si­on-Gebäu­de in Wien, am Karls­platz: Der Ein­tritt war teu­er, ich will alles sehen. In einem Saal ist die Instal­la­ti­on der korea­ni­schen Künst­le­rin Mire Lee auf­ge­baut. Die gan­zen offi­zi­el­len Erklä­run­gen zur Instal­la­ti­on sind natür­lich infan­ti­ler Quatsch, und sie spiel­ten für den Ein­druck, den man in die­se  Raum gewin­nen konn­te, kei­ne Rol­le. Über­haupt war es so, daß mir die­ser Auf­bau beim ers­ten Schritt in ihn hin­ein ganz und gar nicht “gefal­len” woll­te. Aber in den Wochen danach begann sie sich mit den Gedan­ken über das geschun­de­ne Tier, die geschun­de­ne Schöp­fung zu verbinden.

Es han­delt sich um einen auf­ge­schnit­te­nen Beton­mi­scher, nicht um einen für die hei­mi­sche Bau­stel­le, son­dern von jener Dimen­si­on, die auf Karos­se­rien mon­tiert ist und ihr Gemisch über Rut­schen abgibt. Die ihrer dicken Haut teil­wei­se ent­blöß­ten Trom­mel sieht aus wie ein Tor­so mit Rip­pen­bö­gen. Sie dreht sich äch­zend und wälzt eine rote, zähe Flüs­sig­keit um. Durch­sich­ti­ge Schläu­che füh­ren wie Arte­ri­en und Venen von dort aus ab und hin­auf ins Gestän­ge, ins Gestell, und aus den Öff­nun­gen, die über einer schrä­gen Wand mün­den, pul­siert ab und an der ein­ge­dick­te Blut­saft und ver­fängt sich, gerinnt, ver­rie­selt an einer schrä­gen Wand.

Der Boden ist mit Git­tern aus­ge­legt, man geht, ohne sich zu beschmut­zen, über den Schmod­der. Er zit­tert leicht, wenn die Adern pum­pen oder der Tor­so sich gequält dreht. Es ist wie ein Ersti­cken, wie ein Auf­ge­ben, und man will, wenn man lan­ge genug stand, der Maschi­ne, die zu sehr die geschun­de­ne Krea­tur der Stadt ist, Ein­halt gebie­ten, nein: ihren Betrei­bern. Man will, daß das alles zur Ruhe kommt, zum Still­stand, daß es über­haupt »end­lich ein­mal so ganz stil­le wäre«, und selbst »das Geräusch, das mei­ne Sin­ne machen, ver­stumm­te«, weil es so, also so, wie es die­se Instal­la­ti­on zeig­te, nicht mehr wei­ter­ge­hen kann und darf.

Das alles muß ein Ende haben. Es muß ein Ende haben, und das erst wäre eine Revolution.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.