Mir gelang das auf überwältigende Weise mit Pieter Bruegels »Jäger im Schnee«, von deren Anblick ich mich nicht lösen konnte, als ich zum erstenmal im Kunsthistorischen Museum vor ihnen stand.
Nun also Klimt, und die Enttäuschung hätte diesmal nicht größer sein können: Der Raum wirkte wie nackter Beton, in die hintere Wand war eine Tür eingelassen, die im Baumarkt erworben worden sein mußte, billige Bauhausstühle lagen in einer Ecke übereinandergepackt, eine Bockleiter stand herum, obwohl niemand an der Arbeit war, und das Geländer, das zum Fries hinabführte, gehörte zum Einfallslosesten, auf das man kommen konnte.
Überhaupt dieser – Keller: Als man den Bau um 1900 herum entwarf und errichtete, öffneten unter dem Fries Fensterbögen den Blick in den zentralen Saal, in dem wohl Plastiken und Plakatkunst der Künstlergruppe „Secession“ gezeigt wurden. Aber heute ist alles zugemauert und zugeputzt, und eine lieblose, sogar bösartige Funktionalität und Aseptik verdarb mir die staunende Freude, die sich einstellen wollte, als ich die Klimt-Figuren, Körper, Gemüter in ihrer unverwechselbaren Gestalt sah.
Von dem Schriftsteller Hermann Hesse stammt aus dem Roman Der Steppenwolf der Gedanke, man solle nicht zu sensibel sein, wo es um den robusten Kern der Kunst gehe: Was macht ein bißchen Rauschen im Radio, was ein Kratzer in der Platte aus, wenn wir Bruckners 8. Sinfonie hören oder von Pfitzner die Overtüre zu seiner Oper Palestrina?
Aber dort, im Secession-Gebäude, waren es zuviele Kratzer und Störungen, und es waren auch viel zu viele Menschen dort, und sie waren viel zu laut. Mir kam die banale Einsicht, daß ich die meisten Menschen nur dann mag, wenn sie nicht da sind.
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Wenn ich im »Spar« oder einem anderen Laden an der Fleischtheke entlanggehe (also: stets vorbeigehe, denn ich kaufe dort nie etwas), dann mag ich die Menschen nicht nur nicht: Dann sind sie mir zuwider. Sie sind mir zuwider, weil sie dort das billige Fleisch kaufen, ohne darüber nachzudenken, wie es in die Theke gelangte. Sie denken, dort, wo ich wohne, nicht darüber nach, daß unweit, in Weißenfels, das Grauen einen seiner Orte erobert hat und sich dort austobt. Tag für Tag und alle Nächte hindurch ist an diesem Ort buchstäblich die Hölle los, und dennoch läuft es geräuschlos und außerhalb unserer Wahrnehmung ab.
Es ist unerheblich, ob es tausend, fünftausend oder zwanzigtausend Schweine sind, die dort an einem einzigen Tag angeliefert und in Reih und Glied auf die Schlachtbank geführt werden. Diese Tiere haben ihr Leben jedenfalls in abartiger Enge verbracht – ohne Suhle, ohne Sonne, vollgepumpt mit Mastfutter und Medikamenten. Sie riechen auf dem einzigen Gang ihres Lebens das Blut, den Tod, das Unausweichliche, und sie lebten nur, um unsere Fleisch-Theken zu füllen.
Und wie diesen Schweinen geht es auch den Hühnern und den Kälbern und ihren Müttern, den Kühen, die, nachdem man ihnen in Ställen ohne Klee und Dotterblume den letzten Liter abgezapft hat, in den Laufgang gedroschen werden, der nur noch und ohne Ausweg auf den Bolzen und auf die Sägen zuführt, die das taxierte Fleisch fürs »Spar«-Regal portionieren.
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Neulich, in einem Gespräch, das sich um solche Todesorte drehte, äußerte mein Gesprächspartner, er habe angesichts solcher Umstände nichts dagegen, wenn in Zukunft in Laboren gezüchtetes Fleisch in den Theken ausliege. Ich erwiderte, daß sich die Erziehung des Menschengeschlechts nicht darauf beschränken dürfe, den Konsum ungebremst weiterlaufen zu lassen und ihn bloß auf Substitute umlagern.
Am selben Abend kam ich in einem weiteren Gespräch auf dieses Thema zurück. Denn dieses Thema beschäftigt mich nicht nur: Es treibt mich um, und ich muß mich bemühen, ihm nicht zu viel Herrschaft über meine Gedanken einzuräumen. Jedenfalls vernahm ich in diesem Gespräch den harten, an Spengler gemahnenden Satz, »daß wir so sind und daß wir kaum aus unserer Haut können«. Wir seien janusköpfig, doppelgesichtig: Wir seien wach und blind zugleich, sanft und kalt, zugeneigt und abgewandt.
Das Denken in solch großen Bögen fasziniert und interessiert mich seit jeher. Ich fragte nach und hörte dies:
Wo es um das Haustier, den Hund, das Pferd, die Katze gehe, seien wir von einer Sorgfalt und Zugewandtheit, die den Hütehund, das Dressurpferd und die Ofenkatze ganz nah an uns angebunden habe. Andernorts habe die Kreatur seit jeher aus verschorften, verprügelten, geschundenen Sklaven bestanden: Das Tier zu erziehen, zu pflegen und in die Familie einzugemeinden – das komme vielen Völkern nicht in den Sinn.
Aber jenseits dieser in unserer Zeit ins absurde Verhätscheln und in den Kind-Ersatz abgerutschten Tier-Beziehung seien wir die technokratischen Entfremder und Verdränger.
Wir, die faustischen Menschen, die Grenzensprenger, die Macher und unermüdlichen Verbesserer, verschwendeten keinen Gedanken an das massenhafte, anonyme Leid, das uns an der Theke das billige Fleisch, den widerwärtigen, ausgebeuteten, maschinell optimierten, mittels Geschmacksverstärkern auf den Einheitsgaumen getrimmten Tod serviere.
Ist das so? Sind wir zur individuellen, zur je selbst ausgeführten Grausamkeit nicht in der Lage, aber zur Abschiebung dessen, was die Masse konsumiert, ins anonyme Grauen hinter Fabrikfassaden schon? Wir schächten nicht, aber wir blenden die lange Reihe der Tiere aus, die dem Förder‑, dem Todesband entgegenruckelt?
Seltsamerweise kamen wir im abendlichen Gespräch auf dieses Thema, als es um den deutschen Schuldkomplex und um die Frage ging, was den Unschuldigen angetan worden war, in den Jahren zwischen 1933 und 1945, und wie es geschah, und was den Unschuldigen zwischen 1944 und 1948, und wiederum: wie man sie vertrieb, schändete, umbrachte, verscharrte.
Es sind dies ja nun Fragen, die ich bloß als Leser und Zuhörer beurteilen kann, wobei mir das, was ich mir genau erzählen lassen sollte (aus Schlesien, Brünn und Pommern), nicht genau erzählen lassen möchte: weil ich es mir nicht erzählen lassen kann. Ich ertrage es nicht.
Und als ich in Weißenfels vor bald zwei Jahrzehnten in der Kirche saß und das »Requiem für das geschundene Tier« mitbetete, ertrug ich die Berichte von dem, was ein paar Kilometer weit entfernt im Schlachthof sich abspielte, auch nicht.
Ich weiß, daß nun die Torwächter der Grauens-Abstufung, die Prediger einer Hierarchie der Opfer aufspringen und diesen Assoziationen, dieser Parallelisierung Einhalt zu gebieten versuchen. Ihnen sei, bevor sie loslegen, gesagt: Es geht um die tieferen Strukturen des Verhaltens. Es geht um die Frage, wofür wir blind sind, wovor wir wie Blinde stehen, was uns den Blick trübt, und noch weit darüber hinaus: ob wir diese Trübung, diese blinden Flecken und Verdrängungen überhaupt als solche wahrnehmen oder sie gar nicht wahrnehmen oder sogar ignoriere – weil wir technokratisch denken, optimiert und selbstherrlich, oder weil es uns einfach nicht mehr interessiert.
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Ich habe mich in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv mit dem Denken von Paul Kingsnorth beschäftigt. Er ist ein radikaler Ökologe aus England, und er hat versucht, dem Mitschwimmen und Mitmachen in der Lebenswirklichkeit unserer Zeit konsequent den Rücken zu kehren. In seinen Texten dekliniert er durch, was mich, was manchen von uns als Frage umtreibt – trotz (oder geradezu wegen) allen Wahlerfolgs, der sich für eine uns nahestehende Partei eingestellt hat.
Über den Essay Dunkle Ökologie von Paul Kingsnorth schrieb ich für das Dezember-Heft 2025 einen ausführlichen Text. Da ich mich keiner Illusion darüber hingebe, wie gründlich sich meine Leser mit dem beschäftigen, was mich im Kerne umtreibt, zeichne ich die Gedankenkurve, die Kingsnorth fliegt, noch einmal nach:
Kingsnorth geht davon aus, daß die grünen Bewegungen aller Länder die grünen Grundsätze verraten und sich einem grünen Kapitalismus in die Arme geworfen haben. Sie seien technokratisch und engstirnig geworden und bemäßen grünes Handeln nunmehr ausschließlich an dem Beitrag, den ein Projekt an der Einsparung vermeintlich klimaschädlicher Emissionen habe.
Aus diesem Grund würden Windräder in Landschaften, auf Hügelketten, in »die Wildnis« hinein betoniert, ohne Rücksicht auf die substantielle Zerstörung dieser Orte an sich. Deren ganzheitlicher Eigenwert zähle vor dem Hintergrund der Emissionsbilanzen nichts mehr.
Kurzum: Die grüne Bewegung vernutze längst ebenso wie jede andere ausbeutende Bewegung das, was recht eigentlich unvernutzt hätte bleiben müssen, und zwar aus grundsätzlichen, ort-eigenwertigen, nicht auf den Menschen und seine Bedürfnisse hingeordneten Gründen.
Kingsnorth geht in seinen Überlegungen über den legitimen Widerstand gegen diese Verheerung so weit, daß er den radikalökologischen Terror Ted Kaczynskis (des »Unabomber«) als Verhaltensmöglichkeit durchmustert. Kaczynski hatte in den USA zwischen 1978 und 1995 sechzehn Paketbomben an Leute verschickt, die er für die technische Zerstörung der Welt verantwortlich machte. Mehrere Personen wurden dabei getötet, andere schwer verletzt. Zuletzt veröffentlichte er ein auch ins Deutsche übersetztes Manifest mit dem Titel „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“. Letztlich lehnt Kingsnorth das Handeln des Unabombers natürlich ab. Aber er nimmt diesen Terror als äußerste und verzweifelte Form der Landwehr sehr ernst.
Auch ich nehme diesen verzweifelten Widerstand ernst, sehr ernst sogar, und wenn ich mir den allgegenwärtigen Tod durch Massenkonsum, Verteilungskriege, anmaßenden Materialismus und krankhafte Vernutzung vor Augen führe, dann kann ich in Kaczynskis Paketbomben nicht viel anderes erkennen als den verzweifelten Widerstand des hilflosen Orts, der hilflosen Erde gegen den übermächtigen Nicht-Ort, den nicht mehr angeketteten Prometheus. Kaczynski als der aus uralter Gelassenheit in den gewalttätigen Widerstand gegen das Böse eingesprungenen Orts-Statthalter – das leuchtet mir unmittelbar ein, vor allem nachts.
So denkt man, nachts, aber natürlich kriegt Paul Kingsnorth die Kurve, und ich sollte sie auch kriegen, sollte Kaczynski ohne Wenn und Aber ablehnen, und ich sollte nicht zuviel davon sprechen, daß mir die Masse und ihre Anmaßungen zuwider sind. Jedoch fällt es mir sehr schwer. Im Grunde mag ich diese Masse nur, wenn sie in Marschordnung steht oder auf einen Mittelpunkt hin ausgerichtet zuhört. Dieser Mittelpunkt muß natürlich ein Gott sein, und der Marsch muß einer für das Leben sein, selbstredend.
Das meine ich weit umfassender als so, wie es diejenigen meinen, die Jahr für Jahr für das Lebensrecht Ungeborener auf die Straße gehen, also einen „Marsch für das Leben“ antreten. Denn ich möchte diesen Kampf um das Leben nicht auf das nackte Leben beschränkt sehen, und um es wieder an das Eingangsbeispiel anzuknüpfen: Ich will nicht dabei zusehen, wie mancher, der eben noch gegen die Abtreibung marschierte, sich an der nächsten Straßenecke aus der Fleischtheke das pflückt, was er sich für den Nachhauseweg auf die Semmel legen möchte. Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie genüßlich er in den anonymen Tod beißt, nachdem er gerade noch gegen den Tod demonstrierte.
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Es geht natürlich um weit mehr als um das geschundene Tier. Die Fleischtheke ist nur ein Beispiel unter vielen. Der Angriff auf das, was wir, die wir rechts denken, unter dem Wort »Leben« verstehen, setzt viel tiefer an: Er will dieses Leben, das ein unfertiges, ein endliches Leben ist, besiegen, also überwinden und ersetzen. Dieser transhumane Angriff wird umfassend und frappierend offenherzig vorgetragen, aufgeladen mit dem Sendungsbewußtsein der “Macher”, die uns wie immer weißmachen möchten, daß sie diesmal fast wie jener Gott handeln werden, den sie für tot erklärten: zweite Schöpfung, perfekt, berechenbar.
Kingsnorth schreibt in etlichen seiner Aufsätze darüber, sie sind nun gesammelt bei Matthes & Seitz Berlin unter dem Titel Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers erschienen. Mit dem, was er schreibt, paßt er so ganz und gar nicht mehr zu dem, was die grüne Bewegung heute ist, was aus ihr geworden ist.
Was damit gemeint ist, wird noch einmal deutlich, wenn wir uns kurz mit Cord Riechelmann beschäftigen. Auch dieser Herr gehört zu denen, die nicht verstehen, was Kingsnorth eigentlich sagt und was das Eigentliche ist, für das er kämpft.
Aber er hat für die deutsche Ausgabe der gesammelten Texte von Kingsnorth ein Vorwort verfaßt, und in diesem Vorwort warnt er vor uns. Denn er hat einen Riecher dafür, daß wir es sind, die Kingsnorth viel besser verstehen als er und die anderen ins Technokratische abgerutschten Grünen. Er spürt, daß wir dabei sind, den Umweltschutz, den Heimatschutz, die Lebensökologie und vor allem das Sakrale, also das heilsam Durchwobene jeder Böschung und jeder Bucht wieder zu beanspruchen und die Verfügungsgewalt darüber denen, die sie her kaperten, wieder zu entreißen.
Der grüne, der ökologische Verrat spürt, daß wir die Rettung der Schöpfung nicht in ihrem totalen Umbau sehen, sondern im Rückzug des Menschen aus dem, was er sich anmaßt. In der Denkhaltung des globalen Westens hat sich die fatale Auffassung durchgesetzt, daß sich die Erde am besten retten ließe, indem man sie von Grund auf nachbaue und ihre Schöpfungsfehler ausmerze. Kingsnorth schüttelt sich bei diesem Gedanken, und es schüttelte ihn sicherlich noch heftiger, als er notierte, daß die schlimmste Vorstellung, die er sich ausmale, folgende sei:
Es könne die technisch-digitale Nachbildung der Welt tatsächlich gelingen, es könne immer so weitergehen, den Menschen würde »das Echte« nicht fehlen, sie hätten letztlich kein Gespür mehr für die Dürftigkeit der sekundären Welt, und keine Sehnsucht mehr nach dem, was das Sakrale eines gefügten Landschaft, einer stillen, südlichen Sommerbucht und eines maigrünen Waldlagers mit Brot und Wein ist.
Die Heftigkeit, mit der Kingsnorth schreibt, mit der wir schreiben, rührt von dort her: daß nämlich die Durchdringung aller, auch der zartesten Bereiche durch die Prinzipien »Fortschritt« und »Machbarkeit« die Zerstörung dieser Bereiche bedeutet. Das Problem ist, daß dies alles ganz smart zu gelingen scheint und daß dabei kein Blut mehr spritzt. Das Problem ist weiter, daß es dagegen keinen Aufstand mehr zu geben scheint.
Es sind dies Katastrohen und Zusetzungen, die sich nicht mehr in die Kategorien “Links” und “Rechts” einordnen lassen. Die Frage lautet vielmehr: Glauben wir an die totale Machbarkeit oder glauben wir endlich nicht mehr an sie?
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Unsere Land ist einfallslos geworden und mutlos, wo es darum geht, diese scheinbar einzig mögliche Bewegungsrichtung infrage zu stellen. Gibt es in uns nicht doch eine Seite, eine verschüttete Kraft, die einen anderen Maßstab aufzurichten vermag? Oder sind wir auswegslos so, wie wir sind und wie nicht nur Spengler uns beschrieb
Sollten wir den Weltvernutzungsabschnitt »Deutschland« durch eine Partei ergänzt haben, die diesen Abschnitt bloß wieder optimieren und funktional machen möchte, ist nichts gewonnen. Wir brauchen nicht solche, die mit dem Strom schwimmen und dafür sorgen wollen, daß nur Unseresgleichen neben uns schwimmen. Den Fleischtheken ist es egal, wer sie leerkauft, wer an ihnen den Tod konsumiert und auf das Recht pocht, genau dies tun zu dürfen und es sich nicht durch Warner und Ökologen und Asketen madig machen zu lassen.
Mir selbst ist es ebenfalls egal, wer die Fleischtheken leerkauft. Anders ausgedrückt: Nichts ist besser, wenn es nur unsere eigenen Leute sind, die sich so blind verhalten und die nicht begreifen, daß wir nicht nach immer neuen Wegen der optimalen Vernutzung dieser Erde suchen dürfen, sondern ihrer Ausbeutung Einhalt zu gebieten haben.
Über unser Leben wird schon viel zu lange auf dem Schindanger verhandelt. Die Vernutzung ist allgegenwärtig und mit Händen zu greifen. Wir sollen funktionieren. Wir sollen Teilchen sein, vernutzbar und brauchbar und auf unsere bezifferbare Rolle hin reduziert. Das ist der Angriff auf das Eigentliche des Menschen, auf uns: Wir können anders sein, wir müssen anders sein, wir dürfen uns nicht nur dieser einen Richtung unterwerfen, die in uns angelegt ist. Wir dürfen nicht verkümmern, wir müssen wenigstens doppelgesichtig sein. Das ist die eigentliche Aufgabe, das ist das Eigentliche. Alles andere ist Kinderkram und Altpartei.
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Im Secession-Gebäude in Wien, am Karlsplatz: Der Eintritt war teuer, ich will alles sehen. In einem Saal ist die Installation der koreanischen Künstlerin Mire Lee aufgebaut. Die ganzen offiziellen Erklärungen zur Installation sind natürlich infantiler Quatsch, und sie spielten für den Eindruck, den man in diese Raum gewinnen konnte, keine Rolle. Überhaupt war es so, daß mir dieser Aufbau beim ersten Schritt in ihn hinein ganz und gar nicht “gefallen” wollte. Aber in den Wochen danach begann sie sich mit den Gedanken über das geschundene Tier, die geschundene Schöpfung zu verbinden.
Es handelt sich um einen aufgeschnittenen Betonmischer, nicht um einen für die heimische Baustelle, sondern von jener Dimension, die auf Karosserien montiert ist und ihr Gemisch über Rutschen abgibt. Die ihrer dicken Haut teilweise entblößten Trommel sieht aus wie ein Torso mit Rippenbögen. Sie dreht sich ächzend und wälzt eine rote, zähe Flüssigkeit um. Durchsichtige Schläuche führen wie Arterien und Venen von dort aus ab und hinauf ins Gestänge, ins Gestell, und aus den Öffnungen, die über einer schrägen Wand münden, pulsiert ab und an der eingedickte Blutsaft und verfängt sich, gerinnt, verrieselt an einer schrägen Wand.
Der Boden ist mit Gittern ausgelegt, man geht, ohne sich zu beschmutzen, über den Schmodder. Er zittert leicht, wenn die Adern pumpen oder der Torso sich gequält dreht. Es ist wie ein Ersticken, wie ein Aufgeben, und man will, wenn man lange genug stand, der Maschine, die zu sehr die geschundene Kreatur der Stadt ist, Einhalt gebieten, nein: ihren Betreibern. Man will, daß das alles zur Ruhe kommt, zum Stillstand, daß es überhaupt »endlich einmal so ganz stille wäre«, und selbst »das Geräusch, das meine Sinne machen, verstummte«, weil es so, also so, wie es diese Installation zeigte, nicht mehr weitergehen kann und darf.
Das alles muß ein Ende haben. Es muß ein Ende haben, und das erst wäre eine Revolution.
