Hinter den Linien. Tagebuch – Montag, 3. August

 

-- --

(Ergänzungen, Fundstücke und kritische Anmerkungen richten Sie bitte an [email protected]. Ich werde ausbreiten, was sich ansammelt.)

-- -- -- -- --

Donnerstag, 16. Juli

Für heute nur ein kurzer Eintrag: Kurt Hättasch, der seit November 24 in U-Haft sitzt und seit sechs Monaten vor Gericht steht, war Thema eines Podiums im Rahmen des Antaios-Sommerfests.

Hella Hättasch, seine Frau, schilderte bewegend die absurden Umstände, unter denen sich das Ehepaar seither zwei Mal im Monat begegnen darf - hinter Glasscheiben, mit Sprechhörern in der Hand, überwachende Beamte an der Seite, und die kleine Tochter darf seit anderthalb Jahren nicht zum Vater auf den Schoß.

Hättasch sitzt unschuldig, das ist meine feste Überzeugung. Er hat keine terroristische Vereinigung unterstützt, es gibt diese Vereinigung gar nicht, und die Umstände seiner Verhaftung waren lebensgefährlich für ihn und auf Eskalation angelegt. Das führt einer seiner Anwälte aus, der ebenfalls auf dem Podium saß.

Den Mitschnitt finden Sie unten. Mir bleibt der Hinweis auf das Buch, das Hättasch im Gefängnis verfaßt und bei Antaios veröffentlicht hat. Die Solidarisierungswelle ist dadurch erneut angelaufen, Hella Hättasch hat auf dem Sommerfest stellvertretend signiert und mit vielen Lesern gesprochen.

Bestellen Sie Fangschuß. Notizen aus der U-Haft hier. der Gewinn aus dem Verkauf geht an die Familie. Und nun zum Mitschnitt.

-- -- -- -- --

Montag, 6. Juli

Heute ist die 35. Kaplaken-Staffel im Verlag eingetroffen. Die Bändchen sind auf Paletten geschichtet, und weil Nachdrucke mit dabei sind, muß man Schicht um Schicht abtragen, um zu den neuen Texten zu gelangen. Insgesamt sind über 8000 Büchlein angeliefert worden, und die Hälfte davon wird in den kommenden Tagen den Verlag in Richtung Leser wieder verlassen und am Ankunftsort hoffentlich gelesen werden.

Diese neue Staffel - warum überhaupt Staffel? Es ist nun etwa zwanzig Jahre her, daß Erik Lehnert und ich über die Notwendigkeit sprachen, für Antaios ein Format zu entwickeln, das zwischen den Grundlagenbeiträgen für die Sezession und den Monographien für den Verlag angesiedelt würde: rund 100 000 Zeichen Länge, ein Thema, essayistisch, angelegt für einen starken oder zwei durchschnittliche Leseabende, aber vor allem Beintaschenformat, Zwischendurchlektüre, deshalb robust, zugleich aber unverwechselbar, mit großem Wiedererkennungswert und Reihencharakter. Das führte zum Konzept von Staffeln: Immer drei Bändchen sollten zugleich erscheinen und auf ihren Buchrücken zusammengestellt eine Antaios-Schlange bilden.

Aus alledem wurde die bekannteste und wichtigste rechte Buchreihe Deutschlands. Was gab es sonst so? Die edition suhrkamp natürlich, dieses linke Theoriegestrüpp, und Herder Initiative, eine Art konservatives Gegenstück, herausgegeben vom unfaßbar produktiven Gerd-Klaus Kaltenbrunner, und damals eben auch das Ding zwischen der Zeitschrift (Criticón, MUT) und dem ausgewachsenen Buch. Kennt heute keiner mehr, kannten vor zwanzig Jahren noch viele, und vor diesem Resonanzraum wirkte das dann auch: zuerst die Sezession, die an die Stelle des müde gewordenen Criticón trat, und dann die neue Buchreihe, die an das anknüpfte, was der völlig zurückgezogene und desillusionierte Kaltenbrunner einst initiiert hatte.

(Daß er, Kaltenbrunner, auf die ersten Bändchen, die ich ihm zugesandt hatte, nach einiger Zeit ganz begeistert reagierte und gleich dem Plan zustimmte, seinen Text Elite. Erziehung für den Ernstfall als Nachdruck für die Reihe Kaplaken freizugeben, freut mich bis heute. Denn der geschäftsschädigende Verleger-Satz, es sei fast alles früher schon einmal gültig gesagt worden, trifft auf manches aus der Feder Kaltenbrunners zweifelsohne zu.)

Auf Günter Maschke trifft er auch zu. Wer kennt ihn, kennt ihn noch? Er ist wie Mohler und Willms und Sander ein Signalname: Kann man etwas mit ihm anfangen, gehört man einer bestimmten Generation an. Das ist das eine. Der Verlag leitet daraus ab: Verlegt man ihn, bleibt er fruchtbar.

Von Günter Maschke, dem Dutschke von Wien, der in Kuba Asyl fand, geläutert zurückkehrte und zum Carl-Schmitt-Experten wurde - von ihm liegt nun ein Kaplaken vor. Die tote Seele des Liberalismus enthält den titelgebenden Text und dann einen zweiten, der (eben in meiner Generation!) als legendär gilt und als unverzichtbare Wegmarke und Standortbestimmung gelesen wurde: "Die Verschwörung der Flakhelfer".

Der Verwalter des wissenschaftlichen Nachlasses Maschkes, Dr. Thor v. Waldstein, hat diese Texte zur Verfügung gestellt und das Kaplaken mit einem Nachwort garniert. Er kann, wie mancher von uns, auf halbe Tage intensiven Gesprächs mit Maschke verweisen, nach denen man mit blutendem Ohr und dem Gefühl, man habe noch gar nichts gelesen, das Café verließ. Also: Maschke! Presente! Endlich!

Der zweite Debütant ist Christian Illner. Seine Grundriß-Skizze trägt den schönen Titel Die Tiefe Rechte - nun muß gelesen und geschachtet werden. Man spürt Heidegger-Lektüre und einen modernen, zeitgemäßen Geist, also die Rücksichtslosigkeit des bewaffneten Worts (frei nach Maschke!).

Schon bewährt: Uwe Jochum. Er hat vor anderthalb Jahren mit Langmut. Den Widerstand üben einen vielbeachteten Text vorgelegt und schiebt nun mit der doppeldeutigen Frage nach der rechten Wirklichkeit sein zweites Kaplaken hinterher. Ich will mehr dazu nicht sagen. Jochums Gedankengang ist komplex und philosophisch und nicht unbedingt etwas für die U-Bahn...

Nun liegen sie also vor mir, die drei neuen Kaplaken. Daß Bücher eintreffen, Kaplaken in der Dreierstaffel die Antaios-Schlange bilden, wenn man sie nebeneinanderstellt im Regal - das alles ist nichts Neues mehr, aber noch immer etwas Besonderes. Nie hätte ich vor zwanzig Jahren hundert Bändchen prognostiziert.

(Die 35. Staffel - Maschke, Illner, Jochum - kann, sollte man hier bestellen, und natürlich ist auch die Bestellung von Einzelbändchen möglich. Abonnenten der Reihe werden seit heute beliefert. Illner und Jochum werden auf dem Sommerfest signieren, und Thor v. Waldstein wird Maschke vertreten - jener starb vor vier Jahren.

-- --

Überhaupt: Ich mag Buchreihen, und nun konzipiere ich seit einigen Monaten eine, die den Namen Pleistozän tragen könnte. Holozän klingt auch gut, aber Pleistozän klingt besser. Jedenfalls: Die Reihe wird Manifest-Charakter haben, und Martin Lichtmesz sitzt nun seit einiger Zeit an einem, das den rechten Kunst-Raum zum Thema haben wird.

Den Auftakt wird aber das Bronze Age Mindset eines rumänisch-amerikanischen Autors haben, der unter dem Künstlernamen Bronze Age Pervert (BAP) Aufsehen erregt hat und auch hierzulande im Original gelesen worden ist. Für Antaios hat nun der auf Twitter und anderen Kanälen nicht unbekannte Fusion das Bronze Age Mindset übersetzt, und er hat außerdem die Korrespondenz mit BAP geführt und die Sache vertraglich gesichert.

Spätsommer. Frühherbst - dann mit Wucht: Pleistozän. Werden sehen, auf wieviele Bände diese Reihe anwachsen kann. Man will ja nicht ständig Manifeste lesen. Aber vielleicht steuere ich eines bei, eines über den vorpolitischen Raum. Das scheint mir sehr notwendig zu sein. Denn keinen von uns können kommunistische Träumereien von der Indienstnahme des Alltags für eine Totale Partei reizen. Aber dazu dann vielleicht etwas im Pleistozän.

-- -- -- -- --

Freitag, 26. Juni

Das Antaios-Sommerfest (11. und 12. Juli in Schnellroda) ist ausgebucht. Wir haben aber eine Nachrückerliste angelegt, wie in jedem Jahr. Die Erfahrung zeigt, daß rund 30 Teilnehmer letztlich nicht teilnehmen können - Autopanne, Grippe, unerwartete familiäre oder berufliche Verpflichtung. Daher Folgendes:

  • Benachrichtigen Sie uns umgehend, wenn Sie doch nicht teilnehmen können. Wir können sogar noch am Vortag Leser nachrücken lassen, die in der Nähe wohnen. Adresse: anmeldung(at)schnellroda.de
  • Bitte schreiben Sie umgehend an dieselbe Adresse, falls Sie angemeldet sind, jedoch bis heute keine Bestätigung erhalten haben. Schauen Sie aber zuvor bitte im Spam nach - manchmal verrutscht etwas dorthin. Sollte nichts aufzufinden sein: bitte rasch schreiben, damit wir das klären können. Adresse wie oben: anmeldung(at)schnellroda.de
  • Zuletzt noch dies: Überweisen Sie den Teilnehmerbeitrag bitte bis Mitte kommender Woche. Barzahlung ist am Einlaß nicht vorgesehen, es hält auf, Sie kennen den Andrang. Auch hier bitte unter anmeldung(at)schnellroda.de nachfragen, wenn etwas unklar ist.

Dank im voraus! Und alle, die es in diesem Jahr nicht zum Fest schaffen, werden im Nachgang die vielen Mitschnitte der Podien und Autorengespräche auf dem Kanal Schnellroda bei YouTube anschauen können.

-- --

Das bringt mich zu einer Sendung, auf die ich bisher nicht hinwies, denn es war viel zu tun. Ich meine den Klassiker unter den Literatur-Sendungen aus rechter Sicht: "Aufgeblättert. Zugeschlagen - Mit Rechten lesen" - ein literarisches Trio, das seit Jahren von Susanne Dagen (Buchhaus Loschwitz) und Ellen Kositza (Literaturredakteurin der Sezession) in unregelmäßigen Abständen mit jeweils einem Gast aufgenommen wird.

Für die 23. Folge war Martin Lichtmesz mit an Bord, für die 24. ist Marie-Thérèse Kaiser eingeladen - sie wird im Rahmen des Sommerfests am Samstagabend veranstaltet und aufgezeichnet.

Die Folge mit Lichtmesz kann man sich längst im Kanal Schnellroda anschauen. Lichtmesz stellte das Buch Kultur von rechts aus der Feder des AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Moosdorf vor - hier einsehen und bestellen.

Wiederum kann ich auf das Programm des Sommerfests verweisen: Moosdorf wird zusammen mit seinem Parteikollegen Hans-Thomas Tillschneider über ein mögliches kulturpolitisches Programm von rechts diskutieren, und zwar am Sonntagvormittag.

Aber zurück zum Trio: Ellen Kositza stellt in der 23. Folge das Buch Entzug von Christoph Peters vor, einen Bestseller also, sehr verdient, läuft auch bei Antaios gut, kann man hier bestellen. Und schön kontrovers wird es, wenn Susanne Dagen mit Nelka einen Roman über eine Zwangsarbeiterin vorstellt, die auf einem deutschen Bauernhof vor allem in den Apfelkulturen eingesetzt wird. (Will ich nicht zusammenfassen, muß man sich anschauen: Kositzas Sicht auf die Dinge ist fundamental anders als die Dagens.)

Also: ansehen! Und sich aufs Sommerfest freuen - dort wird das Trio zum 24. Mal streiten!

-- -- -- -- --

Montag, 22. Juni

Zwischen FAZ und Zeit tobt eine Auseinandersetzung um den Begriff "Faschismus". Jan Philipp Reemtsma eröffnete die Debatte in der FAZ, zwei minder bekannte Köpfe hielten in der Zeit dagegen, aber ich muß gestehen: Hätte mich nicht jemand darauf aufmerksam gemacht, daß in den in die Jahre gekommenen Diskurs-Präge-Strukturen der BRD wieder einmal um Begriffe gerungen werde - ich hätte es nicht mitbekommen.

Warum nicht? Es ist irrelevant. Die FAZ, die Zeit, mitunter auch der Spiegel nun oft: Das hat keinesfalls mehr jene Prägekraft, mit der ich noch groß wurde und die ich fürchtete, als der Verlag Antaios seine Arbeit aufnahm. Diese Furcht vor publizistischen Flaggschiffen, vor Meinungsbildnern - sie rührte auch vom Respekt dem Wort, dem Begriff gegenüber her, vom Respekt vor dem Wortschatz und seinen Abstufungen.

Dieser Respekt, diese Hochachtung vor den feinen und feinsten Möglichkeiten der Sprache - das ist dort, wo hart und schnell und rücksichtslos Politik betrieben wird, ein Hemmnis, mehr noch: ein Wettbewerbsnachteil. Man muß pauschal etikettieren, über einen Kamm scheren, übertreiben, in Schubladen packen können, wenn man Wählermasse erreichen will, um abzuschrecken oder aufzufordern.

Der Faschist: Wir Mohler-Schüler und Nolte-Leser (sogar: Nolte-Verleger!) - wir haben den Begriff stets ernst genommen. Er war links ausgedehnt aufgeladen, nicht ganz so weit wie in der Sprache des Klassenkampfs, aber doch zu breit schon. Er war rechts das, wovon man sich abgrenzte. Nolte historisierte, fast erfolgreich, bis ihm 1986 eine damals wirklich noch ernsthafte und wirkmächtige Debatte den Begriff wieder entwand und ihn neu in Stellung brachte.

Armin Mohler malte ihn auf die nur ihm mögliche und eigene Weise neu an, und wahr- und ernstgenommen wurde das wiederum nur deswegen, weil man davon ausging, daß der Gegner und der Verbündete ihre Worte wägen würden. Schließlich konnte man nicht stündlich das Unausgegorene ins Internet abgießen, sondern mußte den Platz nutzen, der in Zeitschriften und Zeitungen zur Verfügung stand. Und man konnte davon ausgehen, daß jeder, auf den es ankam, das las.

Klar war außerdem, daß man nur dann ernst genommen wurde, wenn man die Begriffe nicht verdarb. Das bedeutet nicht, man wäre nicht bekämpft worden. Ernst Nolte, um den Historikerstreit von 1986 aufzugreifen - Ernst Nolte wurde massiv angegriffen, polemisch, und es gab frühe Formen von Lückenpresse und von Vorwurf ohne Zusammenhang. Jedoch mußte sich auch der Gegner Mühe geben.

Die Verwendung des Begriffs "Faschismus" als Wort für das, was die AfD tut und was im Verlag Antaios, überhaupt im ganzen vorpolitischen Raum veranstaltet wird und geschieht - diese Verwendung ist ein Kennzeichen für die Hilflosigkeit und die Einfallslosigkeit unserer politischen Gegner, kurzum: ein Armutszeugnis. Es ist die Suche nach einer verbalen Waffe, einem scharfen begrifflichen Schwert; jedoch fand diese Suche nicht außerhalb jener Asservatenkammern statt, in denen das Arsenal vergangener Epochen gelagert wird.

"Faschist" ist zu weit weg von dem, was über 40 Prozent der Wähler in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen verkörpern, zu weit weg von jenem schillernden, millionenstarken Völkchen, das sich unter dem Schutzschirm der neuen Volkspartei tummeln kann und für die Beteiligung an der Urne zurückgewonnen wurde. "Faschist", "Faschismus" - das ist fast schon akademisch, eine Hörsaalschreckvokabel.

Keinesfalls aber verfängt das dort, wo der Zustand des Landes die Leute in die Arme der Alternative treibt. Der Nachbar sieht im Nachbarn keinen Faschisten, nicht in denen, die wählen, wie man wählt, nachdem man nachgedacht hat, gründlicher als sonst vor Wahlen.

Es mochte vor der jungen Klientel der "Linken" gezogen haben, vor fast anderthalb Jahren, als die Wahlen vorgezogen wurden: letzte Bastion gegen den neuen "Faschismus", das war für eine kurze Panik gut. Aber substantiell, nachhaltig, stimmig?

Reemtsma, wahrlich überhaupt keiner von uns, sieht keine Substanz. Seine beiden minder bekannten Kontrahenten heißen Rahel Jaeggi und Robin Celikates. Was notieren sie für ihre Streitmacht?

Eine faschisierende Dynamik (führt) dazu, dass strukturelle Probleme auf Gruppen projiziert werden und immer mehr vom Gleichen gefordert wird: mehr Spaltung, mehr Ausgrenzung, mehr Entrechtung, mehr Gewalt. Wenn von Faschisierung und Faschismus gesprochen wird, dann geht es darum, genau solche Dynamiken zu verstehen. Die Etikettierung trägt deshalb durchaus zum Verständnis bei, weil es nicht nur um die moralische Kritik politischer Programme geht, sondern um eskalierende Dynamiken und ihre Analyse und Kritik.

Jaeggi und Celikates schreiben also über ihre eigenen Leute, über die antifaschistische Dynamik ihrer eigenen Präferenz. Aber sie sehen es nicht, und darin liegt die ganze Belanglosigkeit ihrer Theoreme.

"Faschismus" - ein Revolver ohne Patronen, eine stumpfe Sense, ein Programmierfehler. Wir alle, Partei, Akteure im vorpolitischen Raum, Publizisten, sind so oft von staatlicher Seite aus denunziert und kriminalisiert worden und haben Hochstufungen bis ins "gesichert Rechtsextreme" erfahren. Dies hat aber weder Autoren noch Leser, weder Wähler noch Mitarbeiter in einem Maße abgeschreckt, das für den Erfolg unseres Vortriebs gefährlich geworden wäre: Die Diskrepanz zwischen Vokabel und Wirklichkeit ist einfach zu groß, und der historische Vergleich konnte nur mit dem Ergebnis enden, daß wir nicht vor einem neuen 1933 stehen. Wir stünden ja auch nicht vor einem russischen 1917, gewänne die Linke.

Unsere Gegner fahren auf einem Zug neben unserem Zug und schießen auf uns. Es ist egal, daß sie es tun, wir fahren weiter. Aber ich halte es für einen Verlust, daß Debatten ihren Ernst verloren haben.

-- -- -- -- --

Montag, 20. April

Drei Monate lang habe ich dieses Netz-Tagebuch ruhen lassen, so lange wie noch nie zuvor, und das, obwohl so viel vorfiel, erschien, geschah. Grund dafür ist die gründliche und eigenartige Arbeit am 100. Kaplaken. Das will ich kurz erläutern:

Vor etwa einem Jahr begann ich darüber nachzudenken, wie der 100. Band der Reihe Kaplaken aussehen könnte, also: was der Inhalt sein sollte. Es gab verschiedene Vorschläge und Pläne - etwa eine Zusammenstellung aller Titel samt kurzer Statistik und Beschreibung, dazu im Anhang Listen darüber, welche Bändchen sich am besten verkauft haben, welche Begriffe setzten, welche nie wieder nachgedruckt werden und welche Spitzenwerte auf Amazon und Booklooker für rares Sammlergut aufgerufen werden.

Eine Zeitlang gefiel mir die Idee, das Bändchen mit einigen harten Thesen zur Neuen Rechten einzuleiten, nach Nummer 7 oder 11 oder 21 nur noch die nächste Ziffer zu notieren und dann sechzig leere Seiten dranzuhängen, für eigene Notizen. Ich wollte das mit dem Aufruf verknüpfen, mir Scans von diesen je eigenen Gedanken zu schicken. Das wäre eine schöne Sammlung aus der Leserschaft geworden, oder?

Letztlich entschied ich mich dafür, einen alten Gedanken umzusetzen. Es gibt eine Weltwahrnehmung, die zwischen der Romantisierung der Welt und einer nicht kontrollierbaren magischen Atmosphäre angesiedelt ist, ohne daß dabei die Realität aus den Augen geriete. Kleinigkeiten bekommen große Bedeutung, weil sie sich auf seltsame Weise wiederholen und verketten, und dies kann auf eine Art geschehen, die uns wehrlos macht.

(In Anspielung auf Christoph Ransmayrs wenig geglückten Sammelband Atlas eines ängstlichen Mannes wollte ich das Bändchen zunächst Atlas eines wehrlosen Mannes nennen, aber dann wurde aus Magische Realität letztlich Weiße Nacht. Eine Wanderung.)

Weiße Nacht. Eine WanderungDer Weg bis zur Fertigstellung dieses Bändchens ist gepflastert mit Entwürfen, halben verworfenen Kapiteln, einem halben Dutzend Fassungen - und als der Ton endlich da war, dauerte es immer noch drei Monate: Denn es ist so geschrieben, daß viele Leser verblüfft darüber sein werden und etliche es verwerfen werden - denn es ist kein politisches Buch, nicht das Erwartbare, sondern die Darstellung eben jener Wahrnehmungsweise, von der ich oben kurz schrieb.

So etwas gibt man nicht leichtfertig aus der Hand, zumal dann nicht, wenn man zu denjenigen gehört, deren Äußerungen gewogen werden und die an einzelnen Begriffen, Wendungen, Wertungen aufgeknüpft werden wie an einem Strick. So etwas kann man nicht abfangen, und den Versuch, etwas zu rechtfertigen, habe ich bis auf wenige Halbsätze zuletzt noch getilgt.

Nun ist Weiße Nacht also im Druck und wird Anfang Mai ausgeliefert. Daß sich nebenher die politische Welt weiterdrehte, daß außen- und innenpolitisch Ereignisse stattfanden, die unsere Nation und damit auch unsere Arbeit mehr als nur streifen, ist mir nicht entgangen - und zum Glück gibt es Autoren, die das alles kommentieren und weiterdenken können.

Aber mir selbst ist es nicht gegeben, ein hundertstes Bändchen so angelegentlich zu verfassen, als wäre es ein Hobby und eine Freizeitbeschäftigung, so eine Art Glas Wein am Abend bei anderer Laune als derjenigen, die den Arbeitstag prägt.

Jetzt ist es also fertig, die Kapitel heißen „Glasbild", „Kamerun", „Monolith" und „Weiße Nacht", und auf die Reaktionen bin ich gespannt wie selten. Nicht, daß von ihnen etwas abhinge: Was notwendig war, ist ja aufgeschrieben, und ich konnte, nachdem alles fertig war, sagen, es würde ausreichen, wenn das ein Dutzend Menschen läsen, oder auch nur einer.

Dieser Gedanke ist alt, auch Ernst Jünger hat ihn geäußert, angesichts eines Bildes, soviel ich weiß, und er überzeugte mich nie: Denn natürlich brennt man als Publizist darauf, daß viele lesen, verstehen, sich packen lassen, entgegnen, zustimmen, teilen. So war es stets bei den politischen Texten, den Begriffsbesetzungen und der Vorgabe von Leitlinien für eine Szene.

Aber diesmal war es nicht so, und das bedeutet: das hier ist nun etwas Anderes, Neues. Hier kann man es bestellen, und natürlich wird das Bändchen auf dem diesjährigen Sommerfest präsentiert werden.

-- --

Das ist das zweite Thema für heute: Es wird wieder ein Sommerfest geben, und zwar am 11. und 12. Juli, natürlich in Schnellroda. Seit ein paar Tagen ist die Anmeldeliste für 600 Gäste offen, Stand heute haben sich 253 angemeldet, obwohl die Werbung dafür noch gar nicht richtig begonnen hat. Ich werde in den kommenden Tagen etwas dazu schreiben.

Hier ist nun zunächst und schlicht der Weg zum Anmelde-Formular, online natürlich, aber es geht auch per mail ([email protected]) und telefonisch über den Verlag.

Drei Dinge will ich ankündigen, neben der Lesung aus meinem eigenen Bändchen:

1. Schattenmacher wird anwesend sein und mit einem Moderator über die Thesen seines sehr starken, dezidierten und konsequent harten Kaplakens sprechen: Anarchotyrannei wird in der 2. Auflage vorliegen – die 1. war ja nach wenigen Wochen vegriffen.

2. Daß der junge Familienvater Kurt Hättasch seit anderthalb Jahren im Gefängnis sitzt, weil sich die Staatsanwaltschaft auf dünnste Indizienlage stützt und eine terroristische Vereinigung mit sächsischer Separationsabsicht unterstellt - das wissen Sie als Leser seines hier veröffentlichten Online-Tagebuchs gut. Antaios wird dieses Tagebuch nun in gedruckter Fassung veröffentlichen - mit Material weit über das bisher gezeigte hinaus. Der Erlös wird der Familie zugute kommen. Hättaschs Frau wird das Buch auf dem Sommerfest vorstellen.

3. Natürlich werden Martin Sellner und Martin Lichtmesz anwesend sein, Shlomo auch, Max Märkl von der Identitären Bewegung und Christian Illner - und viele andere Autoren, Politiker und Gäste.

Nächstens mehr, und wie gesagt: hier anmelden!

-- -- -- -- --

Samstag, 17. Januar

Heute in einer Woche wird die Winterakademie in Schnellroda in vollem Gange sein. Selbstoptimierung lautet ja das Thema, und das dazugehörige Sezession-Heft geht am Montag in den Druck. Ich habe auf dem Cover den Begriff "Selbstoptimierung" durch "Ich" ersetzen lassen - denn das Heft geht über den engeren Begriff einer Optimierungsarbeit hinaus, die jeder für sich leisten mag (oder ausdrücklich nicht!).

Erik Lehnert schrieb über die Lebensreformbewegung und wird zu diesem Thema referieren; der Schattenmacher hat einen großartigen Text über "Die Kosten der Selbstoptimierung" eingereicht (sein Debüt!) und wird auf der Akademie darüber sprechen und sich der Diskussion stellen; Martin Sellner wird die liberale Selbstoptimierung der rechten Selbstdisziplin gegenüberstellen (auch sein Vortrag geht als Text in den Druck), und zwei Berater aus der freien Wirtschaft werden in einem Doppelvortrag den Ansatz des Philosophen Ken Wilber auf die rechte Szene zu übertragen versuchen: "Psychoaktivismus" lautet ihr Titel, im Heft als Interview abgedruckt.

Aus aktuellem Anlaß verlassen wir am Sonntag das Akademie-Thema. Es wird einen Abschlußvortrag über das Völkerrecht und die Institution der Vereinten Nationen geben, die Stichworte Ukraine, Venezuela und Grönland reichen aus, um diese Aktualität zu verdeutlichen. Referent wird Dr. Thor v. Waldstein sein, er hat zum Thema bereits einen Essay für die Reihe Kaplaken eingereicht.

Wenn diese Ankündigung weiteren Sonntagshörern (ohne Altersgrenze) eine Teilnahme schmackhaft macht - mail bitte an [email protected].

Wir haben außerdem nach dem Wegfall des DDR-Charme-Hotels Trias in Karsdorf immer noch eine begrenzte Bettenzahl für die Akademieteilnehmer unter 35. Jedoch hat sich nun eine gute Möglichkeit aufgetan, die allerdings ein wenig weiter entfernt liegt als gewohnt. Zehn weitere Teilnahmen wären möglich. Hier ist das Anmeldeformular. Über einen Zuschuß für die etwas weitere Anfahrt zur Unterkunft und zurück sprechen wir vor Ort, gut?

(Sezession 130 erscheint übrigens erst nach der Akademie.)

-- --

Sellner - Referent zum Thema Selbstoptimierung vs. Selbstdisziplin, siehe oben. Nun ist der gute Mann in den Tagen davor und danach in Deutschland unterwegs, um über Remigration und Debanking vorzutragen, und das macht den politischen Betrieb und die Medien verrückt.

Zuletzt hat das AfD-Ehepaar Lena und Steffen Kotré eine mit Sellner in Brandenburg geplante Veranstaltung auf Druck der Parteispitze abgesagt. Hintergrund ist die Vorstellung mancher in der AfD, man könne durch Wohlverhalten vor dem politischen Gegner einem Rechtfertigungszwang entgehen.

Auch darüber reden wir seit zehn Jahren, länger sogar: seit es die AfD gibt. Man darf dem Gegner, der Fragen stellt, keine Antworten geben, die auf Kosten der eigenen Leute gehen. Man erklärt, wo es sinnvoll ist, aber man rechtfertigt sich nie. Rechtfertigen muß sich, wer schon einmal regieren durfte, und zwar vor denen, die ihn wählten und die ihm Macht anvertrauten.

Niemals also auf Kosten der eigenen Leute. Daß Sellner ohne jeden Zweifel zu diesen "eigenen Leuten" gehört, steht völlig außer Frage. Ohne ihn - und das ist nur ein Beispiel aus der langen Liste seiner Leistungen und Verdienste - wäre der Begriff der Remigration nicht in der Welt, nicht auf diese Weise ein umkämpfter, angefeindeter, fest verankerter und handhabbarer Begriff.

Sellner macht, was das sogenannte Vorfeld zu machen hat, wenn es sich als solches parteinah versteht: nicht bloß hübsch aussehen und ein bißchen Lebensgefühl, sondern aktiver, begrifflicher, provokanter Vortrieb - weiterstochern und sondieren, wo eine Partei Gefahr läuft, im Apparat aufzugehen. Daß sie an Stellen schon wie eine junge Altpartei wirkt, ist eine Binsenweisheit, das lesen wir selbst am Verhalten von Leuten ab, von denen wir es nie erwarteten.

Es muß Nadeln geben, die in den Sitzkissen stecken. Sellner nervt? Klar! Er ist ungemütlich, ruhelos, arbeitet für drei, will sich durchsetzen, seinen Wirkungskreis erweitern und ist einer Szenedisziplin unterworfen, aber keiner Parteidisziplin. Sellner macht ernst - auf diesen Begriff können wir uns einigen, oder?

Heute hat der SPIEGEL zum Thema geschrieben. So funktioniert Metapolitik, zweifelsohne. Hier ist der Beitrag, hinter der Bezahlschranke natürlich: Gerade der SPIEGEL weiß, was die Leute wirklich interessiert und womit man Geld verdienen kann.

-- --

Bleibt zuletzt der Hinweis auf das jährliche Verlegergespräch, das Susanne Dagen und ich führten, um zurück- und nach vorn zu schauen. Es geht um die Messe SeitenWechsel, das Buchhaus Loschwitz und den Verlag Antaios, klar. Aber natürlich geht es vor allem um den metapolitischen Rahmen um einen Raum, der immer größer wird und der unser Raum ist.

-- --

(Ergänzungen, Fundstücke und kritische Anmerkungen richten Sie bitte an [email protected]. Ich werde ausbreiten, was sich ansammelt.)

-- -- -- -- --

Freitag, 2. Januar

Ein weiterer Tag Ruhe war notwendig. Aber nun von Herzen: allen Lesern und Freunden des Verlags und der Zeitschrift ein gesundes, gesegnetes und tatenfrohes Jahr 2026!

Viel ist von einem Jahr des Durchbruchs die Rede, von einem Wendejahr, in dem wir die Beteiligung der AfD an einer Landesregierung, den Einsturz der Brandmauer, den Wechsel weiterer Verlage und Zeitungen auf die Seite des "normalen Deutschlands" und die weitere Ausdifferenzierung des rechtskonservativen Lagers erleben werden.

Ich kann diese Euphorie, diesen Vorwärtsdrang und Teilhabewunsch gut verstehen, und letztlich hat die Arbeit, die Verlag und Zeitschrift in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten leisteten, darauf abgezielt - und zwar schon in Jahren, in denen von solchen Durchbrüchen und Chancen überhaupt noch nicht die Rede sein konnte.

Niemand von uns trauert diesen trotzigen und aufmüpfigen Windschatten- und Nischen-Jahren hinterher. Sie waren ruhiger, der Sinn der Arbeit rührte aus der Entdeckung des Möglichen, aus dem Gelingen, daraus, daß echte Leser zuhauf sich rührten und auf das, was man tat, gewartet hatten. (Immer schon war es gut, nicht am Tropf zu hängen, sondern für diesen "Markt" zu wirtschaften. Das erzieht. Und es wäre auch heute besser für manchen.)

Als das Feuilleton sich zu verweigern begann und in der Öffentlichkeit ungeschriebene, aber sanktionenbewehrte Rezeptionsverbote erlassen wurden, provozierten wir Aufmerksamkeit. Unsere Szene war vorbereitet auf die Skandalisierung und Denunzierung ihrer Arbeit, aber diejenigen, in deren Händen die Macht aller Kulturbetriebe und -institutionen lag, waren es nicht. Das haben unter anderem die Auftritte auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig 2017/2018 gezeigt, und die überheblichen Reaktionen der Messeleitungen.

Wir alle haben danach auf weitere Stand-Anmietungen auf diesen Messen verzichtet. Wir hatten uns hineinzudrängen versucht, weil eine Alternative, ein eigener Raum für unsere Verlage, für die ganze rechtskonservative Leseszene nicht vorhanden war. Wir konnten die Öffnung der etablierten Messen für unsere legitime Beteiligung nicht erzwingen, also sondierten wir eigene Möglichkeiten und warteten ab.

Als nun im November die von Susanne Dagen initiierte Buchmesse "SeitenWechsel" in Halle/Saale über die Bühne ging und sechstausend Leser anlockte, war er da: der eigene Raum. Daß "die Gegner" das nicht kapieren? Es geht genau darum: sich als diejenigen, die anders denken, andere Maßstäbe haben, eine andere Weltanschauung, eine andere Vorstellung von Gespräch, Streit, Meinungsäußerungsfreiheit, Normalität - sich als diejenigen Raum zu verschaffen, und zwar innerhalb bestehender Strukturen (Parteienstaat, Kulturbetrieb, Medienlandschaft, Universitäten) und - sofern das eine nicht möglich ist - durch den Aufbau eigener Strukturen und Räume.

Das ist es, was wir erleben werden, schon erlebt haben, weitertreiben müssen: den Auf- und Ausbau des eigenen Milieus, in dem wir uns bewegen können wie die Fische im Wasser, ohne angepöbelt, falsch zitiert, am Katzentisch platziert zu werden. Im Grunde ist es besser so: Denn halb und halb abgespeist, aber doch geduldet worden zu sein - das hätte uns - ja was? Eben doch halb zufrieden gemacht und der Energie beraubt, Neuland erschließen zu müssen? Wohl. War also besser so, anstrengender, aber besser.

-- --

Gestern habe ich den Antaios-Kalender für das neue Jahr erstmals umgeblättert. Das ist das Januar-Blatt, der Künstler Frank J. Schäpel hat ja für 2026 zwölf seiner Arbeiten zur Verfügung gestellt. Auf dem Instagram-Account des Verlags schrieb ich gestern dies:

Der Wandkalender für dieses neue Jahr hebt mit einer wartenden Menge an. Sie verharrt in Heilserwartung, hofft auf eine Erscheinung - und erhofft sich etwas davon. Tun, verharren, handeln, warten: Es gibt im Stundenbuch Rilkes Verse, die mich seit drei Jahrzehnten beschäftigen:

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Das ist viel Ich und viel Wollen, wenig Lassen und Hinnehmen. Wir alle werden auch in diesem Jahr hier dem Rad in die Speichen greifen, dort einen Gang höher schalten, Dinge geschehen lassen und andere zu erzwingen versuchen. Woher aber die Ordnung dieser Dinge kommen kann und inwiefern sie jedem, der handelt, Anweisungen zu geben vermag, kann an den Gesichtern des Januar-Blatts abgelesen werden: Wer glaubt wirklich?

Antaios hat von Schäpels Kalender (A3, Spiralbindung) noch 40 Exemplare, der Versand kann ab Montag erfolgen, dann kehrt die Belegschaft aus den Urlaubstagen zurück. Wer also noch keinen hängen hat: hier entlang!

-- -- -- -- --

Montag, 8. Dezember

Seit Erik Lehnert für dieses Netz-Tagebuch das Buch eines woken Nicht-mehr-Pazifisten besprach, fühlen sich einige junge Männer mittleren Alters bemüßigt, innerhalb der AfD eine Front aufzubauen:

Wer heute Gründe anbringe, warum man es sich als rechtskonservativer Mann nicht so leicht machen solle mit der Ablehnung der Wehrpflicht, arbeite den ewiggestrigen CDU-AfDlern in die Hände, namentlich dem Herrn Lucassen aus NRW. Dort habe man noch immer nicht begriffen, daß dieser Staat nicht die Knochen eines einzigen deutschen Grenadiers wert sei.

Ist das so? Ist Deutschland eine solche Kloake, daß es hier nichts mehr zu verteidigen gäbe? Sehe ich völlig anders: Natürlich gibt es in unserem Vaterland sehr vieles zu verteidigen, unter anderem und zuvorderst seine Unversehrtheit, und dabei ist es zunächst völlig unerheblich, ob diese Unversehrtheit keine vollständige mehr ist und der Fisch vom Kopfe her stinkt.

Man kann auf dem Weg zur besseren Regierung, zur Wiederherstellung von Normalität die Institutionen nicht schleifen lassen. Wer die Wehrpflicht einmal abgeschafft hat, bekommt Jahrgänge, die das Dienen, Gehorchen und Befehlen nicht mehr erlernt haben, auch den Dienst an der Waffe nicht und nichts über sich selbst in Lagen, in denen man nicht über sich selbst befinden kann.

Dies ist ein Substanzverlust. Es wundert mich sehr, daß Leute, die für ihre oppositionelle Arbeit aus Steuermitteln bezahlt werden, den traurigen Mut haben, das Gehorchen von parteipolitischen Lagen, Mehrheiten und Binnengefechten abzuleiten.

Noch mehr wundert es mich, daß diese Leute meinen, mit einem Regierungswechsel, mit einer Beteiligung der AfD an der Regierung werde sich wie auf Knopfdruck Grundsätzliches regeln: Männer würden aus dem Stand heraus wieder zu Soldaten, das Männliche ströme in sie zurück, der Feind stehe wieder dort, wohin man schießen würde, und Deutschland sei auf einmal wieder das Land, für das man sein Leben hinzugeben bereit wäre.

Ich bin in dieser Sache wie Lehnert unmißverständlich folgender Meinung: Über Pflichterfüllung und Ungehorsam ist stets "in der Lage" zu sprechen, und legitim nur von solchen, deren Gehorsamsverweigerung Konsequenzen haben kann. Ich denke immer wieder an jene Riege von Krankenschwestern und Pflegekräften, die in Querfurt die Corona-Impfung verweigerten und sich demonstrierend an ihrem Banner festhielten, weil sie nicht wußten, um welche Anstellungsverhältnisse und Bezüge sie der Staat morgen bringen könnte. Abmahnungen hatten sie allesamt längst in der Tasche.

Es ist ein Dilemma für Männer unseres Schlags und unserer Weltanschauung, und Höcke ist der letzte, der darum nicht wüßte: Wir kennen die Notwendigkeit und den schieren Wert eines gelungenen Staatswesens besser als die anderen, wissen um seine Aushöhlung - und verteidigen, wenn wir seine Restsubstanz verteidigen, diese Substanz immer auch für unsere Gegner und für die viel zu Vielen, die hier gar nichts zu suchen haben.

Aber was wäre die Konsequenz fundamentaler Verweigerung? Es gibt ja solche, die gehen, auswandern, dem Staat den Rücken kehren, und folgerichtig ist es, einen radikalen Schnitt zu setzen und im weiteren Verlauf des Lebens auch auf die Segnungen zu verzichten. Das ist radikal formuliert, aber wir reden gerade über etwas Radikales: über die Anmaßung selektiven Verständnisses von Staatsbürgerlichkeit nämlich.

Dieses Gift dürfen wir unseren jungen Männern nicht verabreichen. Es schwappt sowieso schon längst viel zu viel von jener libertären Brühe durch die Flure der AfD, die aus denen, die Männer werden könnten, Schlauberger und Ausrechner macht.

Ich will sogar noch weiter gehen: Die Deutschen sind geborene Soldaten, die welthistorischen Berichte über ihre Tapferkeit, Treue, Kriegskunst und Führungsfähigkeit füllen Regalmeter. Noch immer ist man über die guten Einheiten voll des Lobes im Ausland. Soll man das aufgeben? Soll Soldatsein plötzlich gebunden sein an den Zustand der Nation? Kämpfen können auch, gebunden an Regierungen und Regierungswechsel?

Niemand von uns redet sich etwas schön, Höcke und Lehnert schon gar nicht, für den romantischen Dünger bin nämlich ich zuständig. Aber wir alle weigern uns, das eigene Volk und seine große Herkunft schlecht zu reden und dem Zeitgeist unserer Zeit eine zu große Macht einzuräumen. Täten wir es, wären die fürs kommende Jahr prognostizierten 40 Prozent in Sachsen-Anhalt nichts wert. Sind sie aber.

-- --

Seit über einem Jahr sitzt der junge Familienvater und Handwerker Kurt Hättasch in Untersuchungshaft in Leipzig. Ihm wird die Beteiligung an der angeblich rechtsterroristischen Gruppierung "Sächsische Separatisten" vorgeworfen. Neben Hättasch sitzt ein weiteres knappes Dutzend junger Männer in U-Haft, aber der Fall Hättasch interessiert mich auf besondere Weise:

Zum einen hat ein Polizist im Laufe der Verhaftung Hättasch in den Kiefer geschossen. Die Begründung lautet, Hättasch sei mit einem Gewehr vors Haus getreten und habe die Beamten bedroht.

Zum anderen kenne ich Hättasch und seine junge Familie persönlich. Er war mit seiner Frau Teilnehmer an mehreren Akademien in Schnellroda und Zuhörer im Rahmen von Vorträgen und Demonstrationen. Ich kenne ihn als ruhig, abwägend, kenne die Bandbreite seiner Argumentation und sein Plädoyer für Graswurzelprojekte wie Selbstversorgung, Familienzusammenhalt und regionale Verwurzelung.

Sezession veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Hättaschs Hafttagebuch. Dies geschähe nicht, wäre Hättasch als eines jener Großmäuler bekannt, die laut posaunen, sich aber danach an nichts mehr erinnern wollen. Ein publizistisches Projekt wie Sezession kann mit Geschwätz nichts anfangen. Interessanter ist die Tatsache, daß kaum ein Schwätzer auch ein Täter ist. Aber selbst das muß im Falle Hättasch nicht erörtert werden: Er ist nicht einmal ein Schwätzer.

Seit über einem Jahr also sitzt Hättasch. Das ist eine immens lange Zeit für einen Familienvater. Selbst wenn die Faktenlage sehr unübersichtlich wäre, müßte der Staat mit vielen Händen und Köpfen sehr rasch ordnen, was vorhanden ist, und eine schwer belastende Anklage erheben. Aber Hättasch ist nicht der erste, der lange sitzt, weil der Staat erst nach der Festnahme zu sammeln beginnt.

Wer bei jemandem nicht am hellen Tage klingelt und ihn auffordert, mit ins Präsidium zu kommen, sondern in der dunklen Frühe das Haus umstellt und am Ende einen Schwerverwundeten wegschleppt, muß sehr, sehr gute, handfeste, sofort belastende und rechtfertigende Gründe haben.

Der Publizist Mathias Brodkorb ist bekannt für seinen kritischen und ausgewogenen Journalismus. Er hat wohl in den vergangenen Wochen und Monaten recherchiert und sogar einen Besuchstermin bei Hättasch im Gefängnis absolvieren können. Seine Darstellung des Falls ist heute in der Berliner Zeitung erschienen. Ich las und sehe meine Einschätzung bestätigt: Der Fall ist alles andere als glasklar. Hoffentlich bleiben die Augen der Justitia verbunden, hoffentlich trägt sie am Verhandlungstag keine politische Brille.

Hier ist Brodkorbs Bericht.

-- --

(Ergänzungen, Fundstücke und kritische Anmerkungen richten Sie bitte an [email protected]. Ich werde ausbreiten, was sich ansammelt.)

-- -- -- -- --

Dienstag, 18. November

Aufs Wochenende zu werde ich nach Moskau fliegen und dort einige Tage verbringen. Der Verlag Silene Noctiflora hat eine Einladung ausgesprochen. Ich werde Vorträge halten und an Verlagsveranstaltungen teilnehmen und mir die Zusammenarbeit der Verleger mit Künstlern und einer entstehenden Szene rund um den Verlag anschauen.

Begleiten wird mich an diesen Tagen natürlich Filipp Fomitschow. Er kam vor einem Jahr für einige Monate nach Deutschland, um für seine Doktorarbeit über den deutschen Konservatismus zu forschen. Im Rahmen dieses Aufenthalts referierte er auf einer der Akademien in Schnellroda. Zuletzt haben wir in der 127. Sezession, der Augustausgabe, aus seiner Feder eine umfangreiche Antwort auf die Frage "Wie weiter mit Rußland?" abgedruckt (Heft hier bestellen).

Ich empfehle diesen Beitrag nachdrücklich. Seine Argumentationsführung trägt zu dem bei, was wir im Zuge unserer großen Rußland-Akademie vor bald zwei Jahren mit dem Ziel einer "Ent-Romantisierung" betrieben haben: eine nüchterne Analyse der komplexen innenpolitischen und außenpolitischen Lage Rußlands, ein klarer Blick auf die Probleme und die Notwendigkeiten russischer Politik.

Nüchtern und klar ist das, was ich in Moskau vortragen werde. Damit meine ich natürlich den politischen Teil der Antworten, die nach den vor allem kulturellen Vorträgen zu geben sein werden. Denn neben dem verlegerischen und kulturellen Schwerpunkt wird es natürlich auch um die Lage der rechtskonservativen Opposition in Deutschland gehen, um die Frage der außenpolitischen Orientierung der AfD und darum, inwiefern sich in Deutschland ein selbstbewußtes, nationales Milieu bilde, dem selbstverständlich auch Antaios und die Sezession angehören.

Ist eine solche Reise erklärungsbedürftig? Einige, denen ich von diesem Vorhaben erzählte, meinen, man müsse sich sehr genau überlegen, welches politische Zeichen das sei und welches gegen den Verlag und - indirekt - gegen die AfD gerichtete Kapital der Gegner daraus schlagen könnte.

In der Tat ist ausgerechnet jetzt die Diskussion über die Westbindung und das Transatlantische in der AfD hitzig geworden. Sie ist intern nicht dramatisch, wird aber vom politischen Gegner befeuert. Man möchte einen Riß erkannt haben, in den Keile getrieben werden könnten. Denn seit zwei, drei Jahren manövriert die AfD ohne Streit im Innern - eine Voraussetzung für den Anspruch, eine dezidiert andere Ausrichtung deutscher Politik nicht nur anzukündigen, sondern tatsächlich umsetzen zu wollen.

Dies alles wird am Rande Thema sein. Ich fahre aber nicht als AfD-Versteher nach Moskau, sondern als Verleger.

Natürlich habe ich mit Höcke und anderen aus der AfD über diese Reise gesprochen, habe sie informiert, denn meine Nähe gerade zu Höcke ist kein Geheimnis, und der Skandal, den die deutschen Medien aus einer solchen Vortragsfahrt machen könnten, würde auch ihn streifen. Jedoch sind wir uns einig: Ich fahre ohne politischen Auftrag, und Höcke freut sich auf meinen Bericht und auf ein wenig Konfekt.

Wer mehr erfahren will oder in Moskau lebt oder zufällig dort gerade weilt:

+ Hier geht es zu einer offiziellen Web-Seite, die für den Vortrag wirbt.
+ Den Verlag Silene Noctiflora findet man hier auf Telegram und hier auf Instagram.

Wenn es nicht überhand nimmt, kann ich ein paar Leserwünsche erfüllen, also: ein paar Bücher mit nach Moskau bringen und von dort welche mitnehmen. Bloß muß das nun schnell gehen, mail bitte an tagebuch(at)sezession.de.

-- --

Es ist ja noch immer grundsätzlich so, daß jede Beteiligung von Antaios oder mir selbst am Normalbetrieb zu einem Skandal gemacht wird. Dahinter stecken beim Gegner der politische Reflex und das Bedürfnis, gegen den Feind den Schulterschluß zu üben. Soll sein.

Vor anderthalb Wochen lud mich die AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalts nach Magdeburg ein. Ich sollte als Sachverständiger vor dem Bildungsausschuß meine Meinung zu Pflichtbesuchen von Schülern in Holocaust-Gedenkstätten vertreten. Die AfD ging zurecht davon aus, daß meine Meinung dazu nicht weit ab von einer möglichen offiziellen AfD-Position in dieser Frage liege.

Schon bevor der Ausschuß zusammentrat, hatten alle anderen Fraktionen gemeinsam den AfD-Sachverständigen abgelehnt, also mich. Auf Antrag von Dr. Tillschneider, AfD, wurde die Abstimmung im Raum noch einmal wiederholt - mit dem Ergebnis, daß die vier AfD-Ausschußmitglieder unmittelbar danach unter Protest die Sitzung verließen. Ich schloß mich ihnen an, natürlich.

Wir nahmen dann ein Gespräch zum Thema auf, saßen zu fünft um einen Tisch und wurden konstruktiv.  Es bedeutet nun Arbeit für mich, aber eine schöne! Und hier ist der Link zum Gespräch.

-- -- -- -- --

Dienstag, 28. Oktober

Es ist in den vergangenen Wochen viel passiert und von meiner Seite unkommentiert geblieben. Das hat drei Gründe:

Erstens ist die Arbeit an den Büchern und am Messeauftritt tagesfüllend: Der SeitenWechsel in Halle/Saale wird meinen Verlag bestens vorbereitet erleben, und ich hoffe, Sie haben sich alle schon angemeldet. Wenn nicht: Veranstalterin Susanne Dagen empfiehlt den online-Vorverkauf dringend, denn es kann leicht passieren, daß die Tageskasse wegen Überfüllung keine Karten mehr verkaufen darf. Also: hier entlang!

Zweitens: Das, was vorfällt, muß von uns nicht tagesaktuell gedeutet werden. Das tun andere rascher und mit großer Verbreitung. Mich interessieren die Hintergründe, die Mechanismen und kräftigen Schwungräder, und dafür steht unter anderem alle zwei Monate ein Heft der Sezession zur Verfügung (das jüngste, Thema "Arbeit", kann hier eingesehen und erworben werden).

Drittens: Ich arbeite seit Wochen am 100. Kaplaken, und das bedeutet, daß ich viel lese, vieles noch einmal lese, gründlich nachdenke und ab und an schreibe, sofern sich der schmale Durchgang in die Magische Realität öffnet. Das ist der Titel dieses Kaplakens, das ab heute vorbestellt werden kann. (Abonnenten der Reihe erhalten es signiert!) Es wird als Einzelband erscheinen und die Reihe abschließen, bevor sie mit der nächsten Dreierstaffel neu beginnen soll.

-- --

Vielleicht sollten wir mal einen Kalender installieren, auf dem abzulesen ist, welcher Antaios-Autor wann wo einen Vortrag über eines seiner Bücher halten oder daraus vorlesen wird. Gibt es aber nicht, diesen Kalender, und deshalb nun hier folgender Hinweis:

Am kommenden Freitag, den 31. Oktober, wird Dr. Thor v. Waldstein in Berlin in der "Staatsreparatur" referieren, und zwar über ein sehr interessantes Thema: "Die Selbstzerstörung des Völkerrechts". Wer da Carl Schmitt in den Raum treten hört, liegt richtig. Und ich kann verraten, daß dieser Vortrag in ein Manuskript für die vorhin bereits erwähnte Reihe Kaplaken münden soll.

Dort liegen bereits drei Essays aus der Feder dieses Autors vor, zwei davon lieferbar, einer im Nachdruck. Was da ist, wird in der Staatsreparatur angeboten, v. Waldstein wird signieren.

Ich kenne den Vortrag und v. Waldsteins Gedankenführung noch nicht, und leider kann ich am Freitag in Berlin nicht dabei sein. Aber hier ist die Einladungsgrafik: Teilnahme nachdrücklich empfohlen!

-- --

Noch einmal SeitenWechsel: Das Antaios-Programm sieht vier Präsentationen vor. Beteiligt daran sind Ellen Kositza, Erik Lehnert, Sophie Liebnitz, Martin Lichtmesz und Shlomo. Im Einzelnen:

Am Samstag, 8. 11., werde ich um 13 Uhr mit Shlomo über seinen Bestseller Bauzeit und die ersten Monate nach seiner Haftzeit sprechen. Der Raum bietet Platz für 200 Hörer, und Shlomo wird natürlich dort und dann am Antaios-Messestand signieren.

Am Sonntag, 9. 11., sprechen Erik Lehnert und ich um 13 Uhr über die Entwicklung der Zeitschrift Sezession und über Lehnerts Buch Wozu Partei?, das seit einigen Monaten vorliegt und bald in die 2. Auflage gehen wird.

Am Sonntag um 14 Uhr findet dann ein Gespräch zwischen Ellen Kositza und Sophie Liebnitz statt: Liebnitz hat unter dem schönen Titel Halbmondsüchtig eine Arbeit über die "Xenomanie in Europa" vorgelegt. Es ist vor zwei Tagen aus der Druckerei gekommen und wird auf der Messe erstmals präsentiert. Das Cover zeigt übrigens die im Stile einer Moschee gebaute Tabakfabrik "Yenize" in Dresden ...

Um 16 Uhr steigen am Sonntag zum Abschluß Martin Lichtmesz und ich in den Ring: Sein Lichtspielführer Lichtmesz ist beim Setzer, das wird ein wertvolles Buch! Sprechen werden wir aber auch über den Essay Smarte Welt, der gerade nachgedruckt und zur Messe vorliegen wird. Selbstverständlich wird auch Lichtmesz signieren.

Hier noch einmal der Link zur Messe. Dort findet man eine Übersicht über das vollständige und hochkarätige Programm, außerdem natürlich den online-Verkauf für Tageskarten und solche, die für das ganze Wochenende gelten.

Antaios wird mit einer besonderen Standgestaltung auftreten und das gesamte Sortiment ausstellen und anbieten. Es werden zwei intensive Tage werden, ich bin mir sicher. Und, dies abschließend: Diese Messe ist neben aller Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgerichtet wird, ein Prüfstein für diejenigen, die sie zu verhindern versuchten und versuchen. Wie weit sind die Gegner zu gehen bereit, setzt sich zuletzt doch eine entschlossene und kriminelle Truppe in Marsch, verkauft man uns das alles wieder als eine notwendige Schutzmaßnahme "aller demokratischen Kräfte in diesem Land"?

Werden sehen. Jedenfalls: Hoffentlich sehen wir uns dort!

-- -- -- -- --

Samstag, 27. September 

Der Antaios-Wandkalender für das Jahr 2026 ist im Druck. Der Künstler Frank J. Schäpel hat 13 seiner Gemälde zur Verfügung gestellt, und dieser Umstand hat bereits für Vorfreude und Verblüffung gesorgt. Warum?

Es ist der selbstbewußte Auftritt eines Malers in unserem Bezirk, und das birgt Risiken: Denn die Kunstszene ist, ähnlich wie die Filmszene, eine durch und durch selbstreferenzielle Angelegenheit, eine Art Förder-, Zitier- und Kritikerkarussell, in das man einsteigen will, um so lange wie möglich mitzufahren.

Schäpel hat Werkphasen durchlaufen, er war Schüler von Baselitz, seine Entwicklungsschritte sind auf seiner Internet-Seite dokumentiert und als ebendiese Schritte klar voneinander geschieden und erkennbar.

Der Antaios-Kalender versammelt ausschließlich Bilder aus der jüngsten Phase, die Schäpels Galerist Thomas Fiebig ("Zentrale Randerscheinung") als Dokumentarmalerei bezeichnet hat. Ich selbst habe Schäpel erst in dieser Werk-Phase entdeckt, und zwar über sein Bild der wie eine Fackel brennenden Notre-Dame in Paris. (So ist das, wenn man in Kunstfragen nur dilettiert und die Sache nur aus der politischen Perspektive im Blick hat, obwohl man ganze Sammlungen neuer Realisten anlegen könnte.)

Jedenfalls besuchte ich Schäpels Ausstellung in Leipzig und schrieb darüber in diesem Tagebuch, und zwar am 31. Oktober. Nun, ein Jahr später, darf ich mich auf den Kalender freuen, dessen Titelbild eben die brennende Notre-Dame zeigt und dessen weitere zwölf Blätter einen beeindruckenden und aufstörenden Durchgang durch Schäpels Schaffen aus den vergangenen Jahren eröffnen.

Kalender 2026Natürlich ist das alles "politisch", indem es nun als Wandgehänge bei Antaios erscheint. Aber bitte: Alles, was die selbstreferenzielle Langeweile im okkupierten Kunstraum der BRD aufmischt (durch eine andere Perspektive, andere Themen, eine unerwünschte Form der Dokumentation), ist politisch. Das darf man nie vergessen: Schon die ERGÄNZUNG ist POLITISCH.

Werbeblock: Den Wandkalender 2026 können Sie hier bestellen, und wie ich in den vergangenen beiden Tagen beobachten konnte, wird die Auflage recht bald aufgebraucht sein. Der Versand findet dann ab Mitte Oktober statt.

Hinweis: Wie in jedem Jahr, geht auch diesmal der erkleckliche Teil des Erlöses als Spende an ein Projekt, das förderungswürdig ist und solide arbeitet. In Wien hat sich die Identitäre Bewegung einen Aktivisten-Keller eingerichtet, sie kann ihn erwerben. Seit August und bis Dezember überweist Antaios nun monatlich 1000 € für die Rate, und die Sache sollte bis Mitte kommenden Jahres erledigt sein. Mit dem Kauf des Kalenders unterstützen Sie also diesen Aufbau, der schon längst läuft.

-- --

Das Selbstreferenzielle, von dem nun die Rede war, ist das Risikolose. Um über eine Branche zu sprechen, in der ich mich auskenne: Diejenigen, die in Frankfurt und Leipzig die Buchmessen gesäubert und zugrunde gerichtet haben, bewegen sich nun untereinander überrraschungslos, spielen an ihren Ständen "independent" und müssen beim Blick in den Spiegel doch zugeben, daß ihnen einer entgegenschaut, der am Tropf hängt, ganz und gar am Tropf:

Kaum ein Buch mehr, das nicht aus Fördertöpfen entstanden ist, kein Podium auf Leseinseln, auf denen nicht vier gleiche Meinungen so tun, als bildeten sie eine Wagenburg gegen eine Übermacht von draußen. Natürlich sitzen da auch Leute, die noch richtig gut schreiben können, in der Sezession sind in jeder Ausgabe Rezensionen abgedruckt, in denen Romane und Sachbücher hervorgehoben werden, die nicht aus unserer Szene stammen.

Aber ein großer Teil des Restlebens der ganzen Branche besteht eben doch aus einem aufgeblähten Kampf gegen einen Gegner, den man braucht, obwohl man ihn ständig loszuwerden versucht: uns. Mit "uns" meine ich die Verlags- und Medienszene, die sich rechts von der Mitte angesiedelt hat. Sie ist auf den beiden großen Branchentreffen nicht mehr erwünscht, und bis auf ein, zwei Unerbittliche haben alle, die ich kenne, den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig längst den Rücken gekehrt.

Nun werden wir uns alle auf der großen alternativen Buchmesse einfinden, die von Susanne Dagen in der Messe Halle/Saale aufgesattelt worden ist. SeitenWechsel heißt es am 8. und 9. November, und die Szene wird von Tichy über Kontrafunk und Junge Freiheit bis zu Antaios den großen Bogen aufspannen - wir selbst werden also mit einem großen Stand vertreten sein.

Die "extreme Mitte" aus Halle mobilisiert dagegen, und wie gut ist es in solchen Fällen, jemanden wie den Stadtverordneten Paul Backmund von der AfD an Bord zu wissen: Er hat in einer kurzen, sehr, wirklich sehr souveränen Stellungnahme die Bettelei des "Wir-Festivals" gegen den SeitenWechsel zurückgewiesen:

Warum wollt Ihr schon wieder Geld? Ihr seid doch "mehr": Warum sollen schon wieder andere dieses "Wir-Festival" finanzieren?

Hier geht es zum Instagram-Kanal Backmunds, er bringt es schön auf den Punkt: Warum brauchen diejenigen, die von sich ständig behaupten, sie seien "die Vielen", ständig Geld für den Kampf gegen etwas, das eine Messe aus dem Boden stampft, ohne daß da Staatsgeld fließen würde und alles gesponsert und gefördert sein müßte?

Am Ende (oder am Anfang) ist das nämlich doch ein Kriterium: ob etwas seine Abnehmer findet, ob eine Arbeit, ein Auftritt, eine Sache so interessant ist, daß es sich trägt, daß es getragen wird, von tausenden Lesern in diesem Fall, die sich auf diese Messe freuen und die wissen, daß dort der andere Wind weht.

Eintrittskarten und Informationen gibt es hier auf der Messe-Seite. Melden Sie sich an, Antaios und Sezession werden auf über 20 Quadratmetern vertreten sein, neben rund sechzig anderen Ausstellern, mit dem gesamten Verlagsprogramm. Backmund hat recht, und ich bin mir sicher: Das wird eine große Sache.

Als ich in meiner kurzen Abschlußrede zum Sommerfest im Juli davon sprach, daß das sogenannte Vorfeld der Partei weit von dieser Partei entfernt seine Eigenständigkeit, Exzentrik, Experimentierfreude und Kraft zu zeigen und ungeschützt, vorläufig und überraschend zu sprechen und zu handeln habe, meinte ich übrigens genau dies.

-- -- -- -- --

Sonntag, 14. September

Am Montag Aufbruch zu einer dreitägigen Vortragsfahrt nach Nordrhein-Westfalen, nicht nach Dortmund diesmal, nicht zu Helferich, sondern auf Einladung der Kreisverbände am Montag nach Düsseldorf (Saal ist voll), am Dienstag nach Witten (Saal ist auch voll) und am Mittwoch nach Bonn, wo offen eingeladen wird, ohne notwendige Voranmeldung, deshalb nachher die Werbegrafik.

Thema an allen Abenden ist die Frage, was zu tun wäre, wenn man Gestaltungsmacht errungen hat, Möglichkeiten sich bieten, gehandelt werden kann. Denn heute wählt NRW kommunal, und es kann auf Tausende neuer Mandate für die AfD hinauslaufen.

Wie sieht das aus, wenn man mitbestimmen, Entscheidungen treffen und Kompromisse aushandeln kann? Wo ist die Richtschnur, gibt es einen Leitfaden, wie könnten Düsseldorf, Witten und Bonn aussehen, wenn die AfD diese Städte politisch prägen dürfte: wie nach den ersten hundert Tagen, wie nach einer und nach zwei Legislaturperioden.

Ich will ganz und gar nicht sagen, daß man darüber reden dürfen muß, weil die Grünen auch darüber reden durften, jahrelang, bis es ans Umsetzen ging und weit darüber hinaus - obwohl diese Grünen bis heute auch nicht annährend so viele Wähler hinter sich scharen konnten, wie die AfD es schon tat und heute wieder tun wird.

Man kann in diesem Land, das sollte Konsens sein, nicht mehr unbedingt und mit Erfolg darauf pochen, daß dieselben Spielregeln für alle gelten. Die Grünen hatten es leichter, aber die AfD ist aus dem Stand weiter gesprungen als die Grünen mit viel Anlauf. Das hat Gründe. Auch darum wird es gehen.

Vielleicht wird es in der Diskussion mit den Zuhörern zuletzt auch darum gehen müssen, warum in der nordrhein-westfälischen AfD die Stimmen nicht verstummen, die eine Brandmauer im Innern der Partei fordern, um den Erbauern der Brandmauer von außen ein Argument dafür zu liefern, die Steine beiseitezuräumen.

Mit Erfolg hat der Landesvorstand in NRW deshalb den grundsätzlich argumentierenden, mit dem "Vorfeld" gut vernetzten und weltanschaulich stabilen Bundestagsabgeordneten Helferich aus der Partei ausgeschlossen, obwohl ihn die Fraktion in Berlin aufgenommen hatte.

Das bedeutet für meine kleine Fahrt: Es wird in Düsseldorf und Bonn auf jeden Fall zu Gegendemonstrationen kommen, und obendrein haben sich dort die Kreisverbände gegen den Druck ihres Landesvorstands zur Wehr zu setzen gehabt, um meine Vorträge zu ermöglichen.

Werden sehen, ob, wenn die Veranstaltungen gelaufen sind, dem ein oder anderen klarer ist, warum man sich nicht vom Gegner diktieren läßt, wer als Referent tragbar ist und wer nicht. Ich fordere deshalb vor allem die Befürworter einer Brandmauer im Innern auf, sich an einem der drei Abende an der Diskussion zu beteiligen - namentlich die Herren Vincenz und Neuhoff.

Alle anderen werden sehen und hören, daß man selbst dann, wenn man aus einem Bundesland anreist, in dem die AfD bei der Bundestagswahl alle, wirklich alle Direktmandate holte, dennoch sehr nüchtern erklären kann, warum Bäume nie in den Himmel wachsen.

-- --

Zum Thema "Brandmauern im Innern" und der tatsächlichen Gefahr eines "Entzugs des passiven Wahlrechts" von Fall zu Fall haben Erik Lehnert und ich jüngst zwei Podcasts aufgenommen, einmal zusammen mit Martin Sellner und dem Influencer Shlomo, das andere mal mit Joachim Paul, der in Ludwigshafen nicht als Bürgermeisterkandidat antreten darf, obwohl seine Partei auch dort das Direktmandat holte.

Ich nutze die Gelegenheit, auf dieses noch recht junge Podcast-Format hinzuweisen und den Link zu einer Unterseite zu setzen, auf der man alle bisherigen Folgen sowie kleinere Lesestücke finden und hören kann. Außerdem ist dort auch ein Abonnement des Podcasts möglich - kostenfrei natürlich.

Hier ist der Link.

-- --

Bleibt für heute noch eine Kleinigkeit, die zu erwähnen notwendig geworden ist, weil manche Leser nicht begreifen, wie ein Verlag arbeitet. Es handelt sich dabei ausschließlich um neue Leser, die erstmals ein Buch bei uns bestellten, weil sie erst über Shlomos Gefängnisaufenthalt auf uns stießen.

Rund 300 seiner Bücher hat Shlomo signiert, und sie sind an diejenigen Leser verschickt worden, die zuerst bestellt hatten. Wir rechneten damit, daß wir diese dreihundert Vorbestellungen binnen einer Woche beisammen haben würden - tatsächlich dauerte es nur wenige Stunden.

Kurzum: Selbst wer am 8. Juli rasch bestellte, als die Welle losbrach, muß nicht mehr auf jeden Fall zu den 300 Ersten gehören und sollte sich deshalb bitte nicht beschweren, weder telefonisch noch per mail. Wir haben die Bestellungen exakt nach Eingang ausgedruckt und sogar etwas mehr als nur 300 signierte Exemplare von Bauzeit verschickt.

Unser Verlag arbeitet ausgesprochen sorgfältig und erfüllt oft ausgefallene Leserwünsche. Wir führen beispielsweise Wartelisten für vergriffene Titel, von denen manchmal ein altgewordener Kunde ein Kistchen zurückschickt, weil er weiß, daß seine Kinder für das, was ihn interessierte, nur eine Altpapiertonne übrighaben.

Also Leute, Leser, die Ihr neu dabei seid und uns ein wenig verwechselt: Wir sind nicht der Sommerschlußverkauf, sondern ein (mittlerweile muß man es so sagen!) alteingesessener Verlag, der fein und genau arbeitet und immer brav erfüllt, was er ankündigte. Werdet Ihr sehen, wenn Ihr noch ein bißchen dabeibleibt ...

-- -- -- -- --

Montag, 25. August

War dieser Sommer groß? Ist er es noch? Er ist vor allem einer, in dem die Rolle Deutschlands, Spielball zu sein, auf beschämende Weise noch deutlicher sichtbar geworden ist als in den Jahren zuvor. Man schaut sich das an und mag es nicht mehr kommentieren, oder?

Peter Sloterdijk notierte einmal:

Mir kommen die Welt von heute und ihre Debatten mit jedem Tag mehr vor wie ein aus dem Ruder gelaufenes Luhmann-Seminar. Die basale Intuition der Luhmannschen Denkweise bewahrheitet sich immer stärker: Wir haben es überall mit Beobachtungen zweiter Ordnung zu tun, Beobachtungen von Beobachtungen von Beobachtungen. Die Zeit der schlichten Meinungsäußerungen ist vorüber. Alle werden beim Beobachten beobachtet und überwacht, die Sekundärbeschreibungen übernehmen das Kommando.

So ist es, und daran möchte man sich nicht beteiligen, nicht, wenn man so arbeiten möchte und kann wie ich.

-- --

Termine für die kommenden Wochen - ein spontaner, einer in alter Tradition:

1. Signierstunden mit Shlomo in Schnellroda am Samstag, 6. September

Ende kommender Woche wird die erste Auflage des Buchs Bauzeit von Aron Pielka alias "Shlomo" im Verlag angeliefert. Shlomo muß 300 Exemplare signieren und kommt dazu nach Schnellroda. Diese 300 Exemplare sind für diejenigen Leser bestimmt, die als erste bestellten, und wer hätte es gedacht: Sie waren nach wenigen Stunden vorbestellt.

Nun haben wir uns Folgendes gedacht: Wenn Shlomo sowieso hier ist und signiert, könnte er jedem Leser, der anreist, ebenfalls eines der druckfrischen Bücher signieren - sogar so, wie man es macht, wenn man den Autor antrifft: persönlich, mit dem Namen drin.

Dies ist also eine offene Einladung: Jeder, der möchte, kann sich am 6. September, einem Samstag, zwischen 12 und 17 Uhr im Gasthof "Zum Schäfchen" sein Exemplar signieren lassen.

Wichtig ist außerdem folgende Information: Wir beginnen mit dem Versand der vorbestellten Bücher erst nach dieser Veranstaltung. Wer vorbestellt hat, aber am 6. September persönlich vorbeikommt und sein Buch abholt, wird aus der Liste der Vormerker ausgetragen. Niemand soll also ein zweites, nicht benötigtes Exemplar zugeschickt bekommen.

Deswegen geben wir Shlomos Buch auch nur in den Verlagsräumen am Rittergut aus: Dort stehen unsere Vertriebsrechner, dort können Bestellungen ausgetragen oder variiert werden. Mit den Büchern geht es dann in den Gasthof zur Signierstunde.

Der Wirt bietet den Tag über Getränke und Speisen an. Und wer einen Abend unter anderen Lesern verbringen will, kann übernachten, sollte aber rasch buchen. Der Gasthof hat dreißig Zimmer. Ausweichen kann man ins Motel an der B180 in Steigra.

Wollen wir wetten, daß über 200 Leser diese spontane Veranstaltung besuchen werden? Für den Wirt und für uns selbst wäre es hilfreich, die Zahl grob abschätzen zu können. Für eine kurze mail an [email protected] sind wir dankbar - sie muß nicht sein, ist aber hilfreich.

2. Sommerakademie zum Thema "Arbeit"

Sie ist fast ausgebucht. Wir haben noch ein gutes Dutzend freier Plätze. Ausführlichere Informationen gibt es hier, das digitale Anmeldeformular findet sich auf der Startseite rechts und hier direkt.

Diese Akademien haben eine in unserer Szene mittlerweile unerreichte Tradition: Die erste fand zum Thema "Mythos" im August 2000 statt, damals noch in Thüringen in einem Landseminar-Haus der evangelischen Kirche, die erst nach unserer dritten Veranstaltung in ihren Räumen die Türen vernagelte.

Waren andere Zeiten. Glaubt man kaum, wissen vor allem diejenigen nicht, also ganz und gar nicht, die heute teilnehmen und damals noch gar nicht auf der Welt waren. Alles fand in einer "Sicherheit des Schweigens" statt, die heute obsolet ist. YouTube etwa wurde erst 2005 gegründet und von uns erstmals 2011 genutzt. Akademie-Berichte blieben bis 2009 den Abonnenten der Sezession und den Förderern des (mittlerweile aufgelösten) Instituts für Staatspolitik vorbehalten.

Der Umstand, daß mittlerweile von fast allen Vorträgen Mitschnitte in bester Qualität erscheinen, hat aber nicht zu einem Mangel an Präsenz vor Ort geführt. Die Akademien in Schnellroda sind nicht nur Bildungs-, sondern auch Vernetzungstreffen.

Interessant ist der Altersabstand, den ich mittlerweile zu den Teilnehmern habe. Um 2000 war die Hälfte älter als ich, die Altersgrenze von 35 Jahren galt schon damals. Erik Lehnert, seit 2003 dabei, und ich haben das mal durchgerechnet: Für die bisher 51 Akademien haben wir insgesamt rund 5500 Teilnehmerplätze angeboten, rund 1400 verschiedene junge Leute haben sie gefüllt.

Kaum einer, der heute im Beritt eine Rolle spielt, war nicht schon einmal da. Das ist sozusagen das Traditionsargument. Das ganz nüchterne lautet: Das Thema "Arbeit" ist ein zentrales - KI, Sie verstehen? (Anmelden mit den Links oben.)

-- -- -- -- --

Freitag, 25. Juli

Späte Auskunft: Seit Montag ruht der Verlag. Das bedeutet: Alle Mitarbeiter sind im Urlaub, die Schreibtische sind verwaist, die Post holt keine Büchersendungen ab, bestellt werden kann, online oder telefonisch, aber man muß eben ein bißchen warten, bis es wieder losgeht.

Es ist still im Haus. Man denkt nach, die Zeit tropft, was war? Soviel Aufregung und Rätselraten und Streit um Krah, mit Krah, mit anderen Besserwissern - und keine Handhabe, das auf eine gute Art zu beenden.

Im Grunde habe ich nichts dagegen, daß einer die Reißleine zieht, sich neu aufstellt, sich neu erfindet. Bloß: Schneid muß das haben, oder es ist ein Rückzug in die Ruhe, herausgelöst aus der Front, mal ins Hinterland, auftanken, neu aufstellen.

Krah tut, als hätte er Schneid. Dabei ist das, was er vorschlägt, kalter BRD-Kaffee. Ich will heute lesen, nicht kommentieren, daher bloß dieses eine kurze Beispiel:

Krah twittert:

Die Lösung vieler Probleme der öffentlichen Ordnung liegt nicht nur in besserer Polizei, sondern auch in sozialer Kontrolle. Wenn Hans in der Schule ein Bully ist, aber ein begeisterter Fußballspieler, der regelmäßig trainiert und aufs Sportgymnasium will, dann wird ein kluger Lehrer den Jugendtrainer kontaktieren und nicht die Polizei rufen oder zum x-ten Male die überforderte Mutter einbestellen. Das Problem bei den Migranten ist oft, dass keine solchen Ansprechpartner bekannt sind und diese auch nicht kooperieren. Das zu ändern ist aber keine „Selbstaufgabe“, sondern der Weg, um die ständigen und sinnlosen Polizeieinsätze in Schulen zu verringern. Die Ordnung muss gelebt und in der Gesellschaft hergestellt werden, Polizei und Justiz sind immer nur ultima ratio und das Eingeständnis eines vorangegangenen Ordnungsverlustes.

Schattenmacher antwortet:

Aber das ist der selbe Manipulationsansatz, den der Staat, in welchem wir jetzt bereits leben, bis an die Grenzen seiner Wirksamkeit ausgereizt hat, bevor er feststellen musste, dass es Milieus gibt, die ideologisch zu kompromisslos, oder sozial zu fremd oder zu verwahrlost sind, als dass man Zugriff auf sie erlangen könnte.

Für gewöhnlich gibt es unser Staat irgendwann auf, die Mittel weiter zu eskalieren und lässt die Probleme weiter wuchern, zumindest solange keine schwersten Straftaten begangen werden. Deshalb ist er überhaupt erst in solche Bedrängnis geraten: Er vermag es weder seine rechten Abweichler zurück in die Mitte zu ziehen, noch seine migrantischen Parallelgesellschaften an die eigene Werteordnung zu binden, zumal beide mittlerweile Wege gefunden haben, materiell von ihrer Rolle als Opponenten zu profitieren.

Den selben Ansatz wieder von vorne aufzurollen, ohne sich dabei grundsätzlich neuer Methoden zu bedienen, kommt dem Versuch gleich, die BRD dort schlagen zu wollen, wo sie nie schwach aufgestellt war. Der Elefant im Raum ist hingegen jene Handlungslinie, die man als Management der harten Mittel umschreiben könnte. Erneut stoßen wir auf den Widerspruch, zwischen dem, was die grundgesetzliche Ordnung zulassen will und dem, was in der (historischen) Realität machbar ist.

Der Konflikt verläuft hier nicht mal mehr notwendigerweise zwischen linker und rechter Weltanschauung (man denke an die Institutionen sozialistischer Staaten in ihrer revolutionären Phase) sondern ganz fundamental zwischen manipulativ-weicher (Pareto-Klasse 1) und erzwingend-harter Staatsführung (Pareto-Klasse 2). Die Hoffnung, man könnte bis ans Ende der Zeit ohne letztere auskommen wirkt jeden Tag ein bisschen schräger.

So ist es, und das wird interessant in den kommenden Wochen und Monaten: dieses ganze Innovative als das entlarven, was es ist - der Härte ausweichen.

-- -- -- -- --

Donnerstag, 10. Juli

Wir haben das Sommerfest gefeiert, wie es sich gehört. Es war ein Fest! 600 Leser, Autoren, Podien, Vorträge, Gespräche, Freude, bißchen Antifa-Folklore, wenig Polizei, wenig Partei.

Hier ist ein erster Mitschnitt, der Auftakt, den Erik Lehnert und ich machten. Er stand unter der Fragestellung Wozu Partei?. So heißt Lehnerts neuer Essay, der in der Reihe Kaplaken erschienen ist und hier bestellt werden kann. Dazu gibt es den Nachdruck seines ersten Kaplakens: Wozu Politik? - hier einsehen und bestellen.

Ich werde nun nach und nach die Videos des Sommerfests auf YouTube freigeben. Freuen Sie sich auf Gespräche über Carl Schmitt und Jean Raspail, auf das Literarische Trio und einzelne Präsentationen, auf Shlomo und Outdoor Illner. Abonnieren Sie den Kanal Schnellroda, dann versäumen Sie nichts - hier finden Sie ihn.


-- --

Übrigens war das Sommerfest für mich nach der Abreise der Gäste noch nicht zu Ende. Nach dem Fest war vor der Arbeit: Es waren Gäste aus Rußland da, deren Verlag zwei erste Übersetzungen aus dem Deutschen präsentierte. Wir diskutierten und verhandelten über eine weitreichende Kooperation.

Dieser russische Verlag ist ein Glücksfall. Hier ist seine Instagram-Seite, hier sein Telegram-Kanal. Die Machart der Bücher ist fein, die Übersetzung und die Nachworte der Bändchen von Mohler (Gegen die Liberalen) und Kaltenbrunner (Elite) sind ausgezeichnet, die Papier- und Druckqualität zeugen von Gespür für Qualität, die Graphik ist ausgesucht.

Silene Noctiflora heißt der Verlag - das ist die Acker-Lichtnelke, die in Jüngers Das abenteuerliche Herz eine Rolle spielt. Kann man sich mehr wünschen? Eine Einladung nach Moskau ist ausgesprochen, werde sehen.

"Weitreichende Kooperation" bedeutet, daß wir einen Exklusivitätsvertrag unterzeichnet haben, der Verleger und ich. Silene Noctiflora hat das Vorrecht auf die Auslandsrechte in russischer Sprache für unsere Bücher. Es ist das erste Mal, daß ich so eine umfassende Kooperation eingehe.

Grund dafür ist die überzeugende Arbeit. Kein englischer, französischer, anderssprachiger Verlag hat bisher mit einer auch nur annähernden Sorgfalt gearbeitet. Dabei ist die Bitte darum stets der Inhalt meiner ersten mails und Gespräche mit ausländischen Verlegern:

Niemand von uns muß an Auslandslizenzen Geld verdienen; aber eines erwarte ich: Qualität. Das gebietet allein schon der Respekt vor unserer Arbeit. Die Übersetzung muß sauber und kenntnisreich sein, das Druckergebnis kein Lappen, sondern etwas, das von der Freude der Verleger am schönen, haltbaren Buch zeugt. So arbeite ich, wenn ich übersetzen lasse, so erwarte ich es von denen, die unsere Bücher übersetzen möchten.

Zuletzt erhielt ich aus England die Übersetzung eines Buchs von Martin Lichtmesz zur Durchsicht und Freigabe. Das war KI-Schrott, debiles Kauderwelsch, eine unbemühte Frechheit. Die Druckwerke aus diesem Nicht-Verlag waren lappiges Druck-on-Demand, amazon-gekoppelt, also die komplette Brühe. Natürlich gab es dafür keine Freigabe. Anders eben Silene Noctiflora. Ich bin sehr froh darüber - und sehr gespannt auf die Reise.

-- --

Türöffner zum russischen Verlag und Garant der hohen Standards bei den Übersetzungen und Nachworten ist der junge Wissenschaftler und Publizist Filipp Fomitschow. Sie kennen ihn aus seinen Texten für die Sezession und seinem so wichtigen und kenntnisreichen Vortrag über die Denk-Strömungen in Rußland.

Fomitschow hat mit dem Serben Dušan Dostanić und mir zusammen den Kaplaken-Band Auswege. Eine Suche veröffentlicht und ihn zeitgleich in Rußland erscheinen lassen. Die zweite Auflage ist gerade eingetroffen - hier einsehen.

Fomitschow referiert - das kommt jetzt leider sehr kurzfristig - heute Abend in Potsdam. Bitte, für Kurzentschlossene: Hier ist der Ankündigungstext.

Wie weiter mit Russland?

„We are fighting a war against Russia“ – mit ihrer herausgepolterten Aussage vor dem Europarat hat die damalige Außenministerin Baerbock Anfang 2023 einen Tiefpunkt markiert in den deutsch-russischen Beziehungen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ergeht sich die Bundespolitik aber immer wieder in Kriegsrhetorik.

Immerhin: In Ostdeutschland sieht man die Vorgänge differenzierter, teilweise mit Fassungslosigkeit. „Nie wieder Krieg mit Russland“, die Losung ist seit 1945 Teil der ostdeutschen DNA, was politisch und gesellschaftlich immer wieder zu Verwerfungen führt. Doch werden die mahnenden Stimmen überhaupt noch gehört?

Wir unternehmen einen Exkurs in die deutsch-russischen Beziehungen. Zu Gast ist der russische Historiker Fillipp Fomitschow. Mit ihm sprechen AfD-Fraktionschef Dr. Christoph Berndt und Fraktionsgeschäftsführer Dr. Erik Lehnert. Die Veranstaltung findet am 10. Juli, ab 18 Uhr im Landtag statt. Eintritt ist frei, eine Anmeldung braucht es nicht.

-- --

(Ergänzungen, Fundstücke und kritische Anmerkungen richten Sie bitte an [email protected]. Ich werde ausbreiten, was sich ansammelt.)

-- -- -- -- --

Mittwoch, 2. Juli

Für heute zwei Anmerkungen und Informationen:

1. Das Straßenverkehrsamt behauptet, Mücheln sei gesperrt und müsse umfahren werden. Das stimmt nicht: Es gibt am Kreisel, auf den man von Braunsbedra (also der A9) her stößt, eine Ampelschaltung. Man wartet ein wenig und kommt durch - lassen Sie sich nicht beirren, wenn Sie am Samstag zu unserem Fest anreisen.

Die Antifa aus Halle/Saale behauptet, unser Fest sei eine rechte Kaffeefahrt. Das stimmt. Es ist außerdem eine Weinmeile, eine Bierverkostung, ein Wurststand, eine Gesprächsrunde, eine Vortragsveranstaltung, ein Kuchenbasar, ein Buchhandel und Teil von Unserdemokratischesdeutschland.

Aus diesem Grund haben wir die Folkloretruppe aus Halle dazugeholt. Sie ist in die Jahre gekommen, wird mit Fotografen und bemalten Bettlaken die Straße besiedeln und Kein-Kuchen-für-Nazis verzehren. Uns zuliebe kommt auch ein wenig Polizei. Sie wird das Wimmelbild bereichern und vervollständigen.

Es ist also alles wie immer. Man trifft in entspannter, politischer Stimmung auf Freund und Feind, unterscheidet sie voneinander, holt sich sein Teilnehmerbändchen und plaudert los.

Geparkt wird hinterm Dorf auf der Wiese, Einlaß ist an der Verlagsscheune, mit den Fotografen kann jeder aufwendig über Motive sprechen - das Schubsen überlaßt mir. Habe ich erwähnt, daß Einlaß ab halb elf ist, hinten an der Verlagsscheune? Bis Samstag also!

-- --

2. Die neue Kaplakenstaffel ist eingetroffen, mit den Essays 97 bis 99. Es sind Bände von Martin Lichtmesz (Smarte Welt), Armin Mohler (Die nominalistische Wende) und Erik Lehnert (Wozu Partei?).

Abonnenten der Reihe erhalten die Staffel automatisch und zum ermäßigten Preis zugesandt.

+ Wer abonnieren möchte, kann das hier tun,
+ wer die 33. Dreierstaffel erwerben möchte, ohne ein Abonnement abzuschließen, findet hier den Link.
+ Jedes der Bändchen kann natürlich auch einzeln bestellt werden.

Wir hätten die Abonnenten gern VOR dem Sommerfest beliefert, aber das ist terminlich nun nicht möglich. Etliche Abonnenten werden zu Gast auf dem Sommerfest sein und die Bücher gleich mitnehmen wollen, vielleicht sogar signiert. Dasselbe gilt für alle anderen nachgedruckten und vorbestellen Bändchen der Reihe:

Hermann Heidegger: Heimkehr 47 - hier bestellen.
Erik Lehnert: Wozu Politik? - hier entlang.
Martin Lichtmesz: Besetztes Gelände - hier zu haben.

Von mir selbst ist ein weiteres Mal Provokation nachgedruckt worden, selbstredend signiere ich jedes einzelne Bändchen. Ich war mir schon einmal sicher, diesmal ist es gewiß: eine weitere Auflage wird es nicht geben. Für jeden, der nun zuschlagen möchte: hier ist der Link.

Kurzum: Wir bitten alle Gäste des Sommerfests darum, die Vorbestellung nachzuvollziehen und beim Buchkauf vor Ort anzugeben, daß wir die online-Bestellung stornieren sollten. Wir wollen Doppellieferungen vermeiden. Jeder Kaplaken-Abonnent, der die neue Staffel mitnehmen möchte, sollte dies ebenfalls unbedingt an der Kasse mitteilen.

Zuletzt: Nie gab es mehr lieferbare Kaplaken. Das ist nicht schlecht, oder? Stöbern Sie hier mal im Bücherschrank. Nicht ohne Grund spricht die Presse von der wichtigsten rechten Reihe seit Gründung der BRD ...

Aber noch einmal: Jeder, der zum Sommerfest kommt, sollte nun gerade NICHT online vorbestellen, sondern an den beiden Festtagen mitnehmen, was er benötigt.

-- -- -- -- --

Samstag, 28. Juni

Martin Sellner und Maximilian Krah werden im Rahmen des Antaios-Sommerfests keine Debatte auf öffentlichem Podium führen.

Natürlich gäbe es viel zu besprechen; jedoch ist Sellner die Agenda Krahs nicht klar genug. Warum präsentierte Krah bei Correctiv und t-online seine Neudeutungen des Remigrationskonzepts? Und mehr: Sellner stehe mit dem, was er vorschlage und plane, vermutlich nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes.

Schlimmere und verlogenere Medien als Correctiv und t-online gibt es kaum. Correctiv orchestrierte maßgeblich jene Kampagne gegen die AfD und uns alle, die auf einer erfundenen Potsdamer "Deportationskonferenz" fußte. Mit solchen Plattformen zu sprechen und dabei nicht nur eine experimentelle und vom bisherigen Konsens abweichende Meinung zu präsentieren, sondern einen zentralen Kopf des Vorfelds juristisch zu markieren, ist das Überschreiten einer der feuerroten Linien.

Meine Gespräche und Korrespondenzen mit Sellner und anderen in den vergangenen Tagen sprechen Bände: An eine sachliche Debatte ist nicht zu denken, solange Krah diesen Verhaltensfehler nicht als solchen versteht und ihn vor der Kamera wiederholen könnte. Denn es ist eine politisch recht leichte Übung, sich als nunmehr gemäßigt zu präsentieren und dem Kontrahenten justitiable Betonköpfigkeit zu unterstellen.

Alles andere ist längst Gegenstand unserer Debatten hier auf diesem Blog: juristische Bewertungen, Parallelgesellschaft oder Strategie der Sammlung, Remigration in welchem Umfang, mit welchen Zielgruppen und Zielländern, mit welchem Personal, welchen Mehrheiten, welchem finanziellen Aufwand, welcher Härte und Dringlichkeit undsoweiter.

Wir werden weitere Beiträge veröffentlichen, überraschende Positionen, die das Volk nicht in Frage stellen, sondern das Eindimensionale mancher Betrachtungsweise benennen und ins Realistische auffächern.

Als Verleger hoffe ich auf das zweite Buch aus der Feder Krahs, denn ein Kopf ist er fraglos.

-- --

Unnötig, zu ergänzen, daß das Sommerfest auch ohne diese hochgejazzte Debatte ein volles, interessantes Programm bieten wird, oder? Es geht am Samstag um 11 Uhr los und endet am Sonntag gegen 13 Uhr.

Ein Dutzend Autoren wird anwesend sein, das literarische Trio wird über neue Bücher sprechen, das Werk Carl Schmitts wird verhandelt werden, Raspail wäre am 5. Juli 100 Jahre alt geworden - das wird eine Themenstunde füllen.

Wir werden Lyrik hören und über Geschichtspolitik diskutieren, über Geschlecht und Politik und die Frage, wozu eine Partei taugt. Wir werden AfD-Mandatsträger begrüßen, Vorfeld-Größen, Influencer, auch solche, die wieder in Freiheit sind. Wir werden vor allem mit sechshundert Lesern das verwirklichen, was dieses Fest zu einem Fest macht: einen Ort der freien Rede, der guten Stimmung, der kulturellen Kraft.

(In Klammern meine dringende Bitte: Wer doch nicht kommen kann, melde sich umgehend unter anmeldung(at)schnellroda.de - noch immer harren dutzende Leser auf der Warteliste. Sogar am Tag zuvor können wir noch abtelefonieren und nachrücken lassen. Dank!)

-- -- -- -- --

Sonntag, 22. Juni

Die USA haben Israels Schläge gegen den Iran  mit einem eigenen Schlag unterstützt. Man nimmt es zur Kenntnis, die hellsichtigen Beobachter hatten es vorhergesagt. Ob die Bombardierung dreier Atomanlagen effektiv war, ist nicht so wichtig. Entscheidend ist das deutliche Zeichen: Die mächtigste Militärmacht der Welt legitimiert das Vorgehen Israels und spricht eine Warnung aus.

International haben wir nichts zu sagen, wieder einmal. Es ist unerheblich, ob wir empört, erfreut oder schulterzuckend darauf reagieren.

In unserem weltanschaulichen Lager gibt es dies alles, insbesondere auch in  der AfD. Wie in so vielen anderen Lagen zeigt sich, wie heterogen und sogar gegensätzlich unsere Antworten auf grundsätzliche Fragestellungen ausfallen. Der Grund dafür ist, daß die unterschiedlichen Standpunkte und Lagefeststellungen nicht zusammengeführt und in einer übergeordneten Perspektive gebündelt sind.

Interessant ist, wie rasch die eine der anderen Seite das Recht und den Verstand abspricht, eine andere Meinung zu haben. Diese denunziatorische Methode trifft exemplarisch den Bundestagsabgeordneten Torben Braga, der ebenso umsichtig wie zurückhaltend argumentierte und dennoch dafür aus den Reihen seiner Partei scharf angegriffen wird. Man sollte sich seine Stellungnahme und die Kommentare darunter unter folgendem Aspekt einmal ansehen:

Alle unsere Meinungen zum Thema werden aus einer Position der Schwäche heraus gebildet. Man kann das Völkerrecht zitieren und darauf hinweisen oder pochen, daß Angriffskriege nicht gestattet seien; man kann diejenigen, die so etwas tun können, empört darauf hinweisen, daß sie es nicht tun sollten; man kann, wie Jürgen Elsässer, ankündigen, man werde alle Trump-Taler einschmelzen lassen, sollte er in den Krieg einsteigen; man kann die Frage stellen, warum man den Krieg gegen den Iran nicht einen Krieg nennt, den im Gazastreifen auch nicht, den in der Ukraine aber schon.

Man kann denjenigen, die Militäroperationen durchführen und aus Konflikten Kriege werden lassen, Machtmißbrauch vorwerfen und dabei implizit behaupten, daß man, hätte man selbst die Macht, so nicht handeln würde. Aber noch einmal: So redet nur, wer zu schwach dazu ist, tatsächlich vor einer solchen Entscheidung zu stehen. Denn eines haben wir doch mittlerweile begriffen, oder? Machtpolitik kommt vor Recht, auf allen Ebenen, Innen wie Außen. Auch wir hielten das, ergäbe sich die Möglichkeit, für selbstverständlich.

Björn Höcke hat das in einer noch nicht ausreichend beachteten, kurzen Rede im Rahmen der aktuellen Stunde im Thüringer Landtag umrissen: Es geht um einen unserer Lage angemessenen "deutschen Standpunkt", und der kann derzeit oft nur darin bestehen, in Trippelschrittchen Handlungsspielraum zu gewinnen. Nicht-Beteiligung wäre schon viel.

-- --

Ich kann auf zwei weitere Videos hinweisen, sie kommen aus unserem eigenen Beritt: Ellen Kositza hat nach langem wieder zwei Buchbesprechungen aufgezeichnet. Zum einen stellt sie die 32. Kaplaken-Staffel vor, und das Besondere dabei ist, daß sie natürlich auch auf ihr eigenes Bändchen zu sprechen kommt: Geschlecht und Politik ist - wenn wundert es? - der am stärksten nachgefragte Essay der Dreierstaffel. Ein paar sind noch da, die 2. Auflage wird bereits gedruckt.


Im zweiten Video bespricht Kositza das neue Buch von Mathias Brodkorb. Sie erinnern sich? Er legte zuletzt die eminent wichtige Arbeit über das Treiben des Verfassungsschutzes vor: Gesinnungspolizei im Rechtsstaat?, die nicht nur uns auf eine faire Weise abklopft und einordnet, sondern die Praxis des Verfassungsschutzes grundlegend infrage stellt.

Nun hat Brodkorb nach Postkolonialen Mythen geschaut und sie in vier völkerkundlichen Museen aufgefunden - in einer Dürftigkeit, die ihn (diesen Eindruck hat man bei allen seinen Büchern) intellektuell beleidigt. Brodkorb rückt die Mythen zurecht, besser: Er wischt sie vom Tisch. Sein Credo: wenn schon Aufarbeitung, dann bitte sauber und satisfaktionsfähig.

Hier ist die Video-Rezension. Natürlich zielt auch sie darauf ab, daß Sie, werte Leser, zum Buche greifen. Das geht spielend über antaios.de.


-- -- -- -- --

Montag, 9. Juni

Wir haben einen ausführlichen Podcast mit Maximilian Krah "am Rande der Gesellschaft" veröffentlicht - man kann ihn sich auf unserem YouTube-Kanal ebenso anhören wie auf den gängigen Hörkanälen oder auf Twitter.

Es ist nicht erklärungsbedürftig, wenn man mit einem Autor und Politiker ein langes Gespräch führt und die Öffentlichkeit daran teilhaben läßt. In diesem Fall hat die Öffentlichkeit darauf gewartet, denn sie nimmt wahr, daß Krah seine Sprache und seine politische Stoßrichtung verändert hat.

Wir machen das an vier Punkten fest: Zum einen geht Krah davon aus, daß seine Partei und Teile des rechten Lagers dem Gegner Argumente an die Hand geben und Anlässe bieten, repressive Maßnahmen zu ergreifen. Zweitens hat sich Krah vom Konzept der Assimilation und der dafür notwendigen Remigration abgewendet und ein Modell ins Gespräch gebracht, das von Parallelgesellschaften ausgeht und nur darin die Chance sieht, daß die Deutschen in ihrem eigenen Land so deutsch wie möglich bleiben.

Vehement waren und sind - das ist der dritte Punkt - Krahs Attacken gegen den Aktivismus, wie ihn vor allem die Identitäre Bewegung vertritt und übt - und die in ihrer ursprünglichen und unabhängigen Form nun aufgelöste Junge Alternative es tat.

Der letzte Punkt betrifft das Rechtsverständnis Krahs: Er hat nichts dagegen, daß man ihn als einen Rechtspositivisten beschreibt, der von der Gültigkeit des Rechts jenseits von Machtfragen ausgeht, die Auslegung des Rechts also von der Frage entkoppelt, wer überhaupt in der Lage ist, das Recht wirkmächtig in seinem Sinne auszulegen.

Weil Krah für Antaios an einem neuen Buch sitzt (Zukunft von rechts) und als einer der fünf bekanntesten AfD-Politiker über die Partei hinaus prägend spricht und auftritt, war es wichtig, daß wir uns an der Klärung zentraler Fragen versuchten. Hier ist das Ergebnis:

-- -- -- -- --

Mittwoch, 28. Mai

Mancher wird vom neuerlichen Aufguß der Causa Matthias Helferich etwas mitbekommen haben. Die Kurzfassung lautet: Zehn und zwölf Jahre alte Chat-Fetzen mit NS-Humor der geschmacklosen Sorte werden Helferich zugeschrieben. Er selbst dementiert.

Das war's. Warum? Weil immer noch drei Dinge gelten: Erstens gilt die Unschuldsvermutung. Solange Helferich nicht niet- und nagelfest nachgewiesen ist, daß er da chattete, war er es nicht.

Zweitens sind private Chats nichts, was die Öffentlichkeit interessieren darf. Es ist, als habe jemand am Tresen etwas dahergelabert - im Suff oder aufgedreht oder bei geöffnetem Dampfventil oder alles zusammen. Das bleibt am Tresen und ist keine öffentliche, belastbare Aussage, kein "Statement", kein Programm. Genau für so etwas sind ja Tresen da: Wörter und Wendungen abladen, ungeschützt posaunen, Katharsis mittels Karneval.

Drittens: Selbst wenn er es war - es ist eine Dekade her, und der Mensch entwickelt sich, auch der Mensch Helferich. Hätte er es so am Chat-Tresen gesagt: Heute würde er es am Chat-Tresen nicht mehr sagen, ganz gewiß nicht, und zwar nicht aus taktischen Erwägungen heraus nicht mehr, sondern, weil die Tresen-Jahre vorbei sind und kein dümmlich Wort mehr das Gehege der Zähne verlassen darf.

Mehr gibt es zu dieser Sache nicht zu sagen, hätte es zu dieser Sache nicht zu sagen gegeben - jedoch muß man sich nun doch äußern, leider: Denn zwar ist das Vaterland in großer Not; aber Parteifreunde Helferichs sähen die Chance zur Linderung dieser Not dadurch immens vergrößert, daß Helferich von der politischen Bühne verschwände und die AfD sich sauberer präsentieren und den objektiv agierenden Gegner durch diesen Hygieneschritt um seine starken Argumente bringen könnte.

Zu meiner (inhaltlichen) Verzweiflung agiert der Europaabgeordnete Hans Neuhoff so. Er ist zugleich Mitglied des Landesvorstands der AfD NRW, dem Landesverband also, in dessen Dortmunder Bezirk Helferich eine der bundesweit vorbildlichen und beachteten Kreisbüro-Arbeiten verrichtet.

Neuhoff referierte in Schnellroda stark über die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs und liegt mit seinen geopolitischen Einschätzungen auf Höcke-Linie. Was aber den Umgang mit dem Parteikollegen Helferich betrifft: Hier überschreitet er im Gleichschritt mit dem Landesvorsitzenden Martin Vincentz rote Linien. Das sehen etliche Flaggschiffe der AfD-Spitze so, nicht zuletzt das bereits erwähnte.

Neuhoff will drei Dinge nicht begreifen: Zum einen sieht er nicht, daß seine jahrelangen Bemühungen, Helferich politisch mundtot zu machen, nicht fruchteten. Helferich ist über einen vorzüglichen Listenplatz erneut in den Bundestag eingezogen, und dort wird er - im Gegensatz zu seiner ersten Legislatur - als Mitglied der AfD-Fraktion geführt. Es ist also trotz aller Schmutzkampagnen für Helferich Normalität eingekehrt, und dabei hätte man es bewenden lassen können.

Warum? Die Antwort berührt die zweite Begriffsstutzigkeit der Kämpen um Neuhoff und Vincentz: In einer so starken und so breit gefächerten Partei wie der AfD ist spielend, wirklich spielend Platz für eine Menge Neuhoffs und Helferichs - man muß sich nicht begegnen und muß sich vor allem nicht in die Quere kommen. Neuhoff bespielt ein anderes Segment als Helferich. Das ist offensichtlich, und dabei könnte man es belassen.

Letztlich ist so ein aus den Fugen geratender Konflikt ein Ausdruck von Führungsschwäche. Zumindest die Führung eines Landesverbands (noch dazu eines so eminent potenten wie NRW) sollte in den vergangenen zehn Jahren eines begriffen haben: Die aus Antifa-Recherchen gespeisten Berichte des SPIEGEL über mutmaßliche Helferich-Aussagen haben nicht Helferich zum Ziel. Hier wird eine Methode ausprobiert:

Ist es möglich, in die recht geschlossen agierende AfD Keile zu treiben? Läßt sich jemand gegen seine eigene Partei instrumentalisieren? Führen alte, nicht eindeutig zugeordnete, unerhebliche Tresen-Chats dazu, daß einer der bekannten und erfolgreichen jungen Abgeordneten am Ende aus der Partei entfernt wird?

Sollte diese Methode Erfolg haben, wird sie wieder und wieder angewandt werden. Leider stehen die Chancen für den Erfolg dieser Versuchsanordnung nicht schlecht. Damit ist nicht der mögliche Parteiausschluß Helferichs gemeint, sondern überhaupt der Umstand, daß Politiker wie Neuhoff und Vincentz die Argumentation erklärter Feinde der AfD aufgreifen, um sie gegen einen Parteikollegen zu wenden.

Sich aus dem Arsenal der Antifa und des Verfassungsschutzes zu bedienen, ist das Überschreiten einer roten Linie. Es gibt für ein solches Verhalten keine Rechtfertigung. Antifa und VS sind Institutionen mit totalitärer, mindestens aber post-demokratischer Herangehensweise. Das haben dutzende AfD-Politiker und Juristen ausgeführt und ihrer Argumentation im Kampf um die Partei zugrundegelegt. Dies zu unterlaufen, ist parteischädigend.

Niemals nämlich darf man sich vom Gegner (vom Feind) sagen lassen, wer in die eigenen Reihen gehört und wer nicht mehr; niemals darf man Material, das diese Vereine zur Verfügung stellen, in ernster Absicht verwenden: Man unterstützt damit ihr Bemühen um den Anstrich der Rechtschaffenheit und Objektivität.

Spätestens der Bundesvorstand müßte solchem Verhalten ein rasches Ende setzen. Aber auch dort agiert man indifferent. Nach einer Debatte um die Causa Helferich verließ eine nicht freigegebene Pressemitteilung die Bundesgeschäftsstelle, in der es hieß, der Bundesvorstand stelle sich hinter die Bemühungen des Landesvorstands NRW. Diese Mitteilung war nicht abgestimmt und nicht vorgesehen. Trotzdem wurde sie nicht zurückgezogen, sondern nur moderat angepaßt, nachdem die Kritik daran doch recht laut war.

Die Verhaltensrichtlinien sind klar, oder? Aber es scheint, als sei auch die AfD schon von Partikularinteressen verlaust. Dabei ist doch das Vaterland in großer Not, undsoweiter.

-- --

Gestern Nachmittag eine der seltsamsten Begegnungen bisher an der Haustür. Vor Wochen war ja eine Frau da, die behauptete, mit mir seit 15 Jahren nach islamischem Recht verheiratet zu sein. Sie habe als Kind nur überlebt, weil ich sie beschützten konnte, als ich auf der Flucht vor der nigerianischen "Schwarzen Hand" bei ihren Eltern geklingelt und um Unterschlupf gebeten hatte. Sie, damals sieben Jahre alt, habe damals den genialen Einfall gehabt, mich als behinderten Knecht auszugeben und mit einer Schaufel in der Hand sinnlose Tätigkeiten ausführen zu lassen.

(Diese Frau schrieb nach unserem Gespräch noch drei mails an den Vertrieb und zwei handschriftliche Briefe an mich, in denen sie an die unvergeßlichen Discoabende mit Friedrich Merz und Alice Weidel erinnerte. Danach brach es ab, seither ist Funkstille.)

Jedenfalls, gestern an der Tür: ein junger Mann. Scheitel, Sonnenbrille, nicht sehr groß, Muskeln, eine Herrentasche mit Querriemen vor der Brust, Strohhut, weißes Hemd. Er fixierte mich und sagte dann leise vor sich hin:

Da sind Sie also tatsächlich.

Dann sagte er nichts mehr, sondern schwieg und stand da wie jemand, der streng nachdenken muß, weil er auf das Entscheidende nicht kommt.

Ich fragte, ob er mir sagen wolle, wie er heiße und was er wolle. Der Mann blickte nicht auf, sondern antwortete nach einer kurzen Spanne, in der er an seiner Quertasche nestelte:

Ich habe die Tiere versorgt und in der Hütte im Garten eine Weile gesessen und mir die Bilder angeschaut. Es war aber niemand dort.

Ich bin in solchen Momenten immer sehr höflich, weil ich für Leute, die nicht viel von sich wissen, gründlich etwas übrig habe. Wer weiß schon, woher sie so gestimmt sind und was ihnen widerfuhr, daß sie aufbrechen und einen Halt aufsuchen müssen, einen Ort, mit dem sie eine Hoffnung oder ein Vorhaben verbinden, jedenfalls etwas Notwendiges, und sich mitteilen.

Ich bedankte mich also und fragte, wo man wohl die Nacht verbringen wolle. Schon ein halbes Dutzend Mal habe ich solchen Leuten ein Zimmer im "Schäfchen" besorgt, manchmal dort noch eine gemeinsame Mahlzeit bestellt, um den Mensch zu ergründen. Denn der Mensch ist dem Menschen ein Mensch, und eines möchte ich nicht: einen Hölderlin verkennen, wenn er nach seiner Flucht aus Bordeaux mit brennenden Füßen vor meiner Türe steht, oder den Lenz, der ins Gebirg muß und noch einmal Halt macht.

Der junge Mann aber reagierte auf meine Frage ganz ungewöhnlich. Er sprang fast einen Meter zurück und zischte, daß er mit dem Auto hierher gefahren sei und nun wieder aufbräche, denn in diesem Dorf sei niemand sicher, vor allem ich nicht, und ich solle mich vorsehen. Sprach's, drehte sich um und ging.

Was soll ich sagen? Die Tiere waren versorgt, den Ziegen war Heu vorgeworfen, die Hühner aßten auf einem Teppich von Korn, die Ente jätete, freigelassen, am Spinat. Die Tür zur Hütte stand offen. Der Sessel war so gerückt, daß man sitzend die Bilder betrachten konnte, die sonst im Rücken stehen.

Wer war das? Was trieb ihn her? Wo ist er jetzt und was hat er vermessen? Man denkt an Filme und Kubin, an Bruegel auch, Bosch und Tübke. Einmal stand einer im Büro und musterte. Seither steckt der Schlüssel nicht mehr außen. Aber der Garten ist wie ein Waldrand, und das Gebüsch aus Holunder, Weißdorn, wilder Zwetschge und Flieder dämmrig.

-- -- -- -- --

Mittwoch, 21. Mai

Der Germanistikprofessor Torsten Hoffmann war hier schon einmal Thema. Er lehrt in Stuttgart über die Literatur- und Kulturpolitik der Neuen Rechten und ist eine echte Granate, oder anders gesagt, mit Ernst Jünger: eine bestens platzierte Mine, die ständig so lautlos hochgeht, daß es nie einer mitbekommt.

Helfen wir ihm ein bißchen, er gehört ja gewissermaßen zum Team, vergißt das bloß manchmal: Hoffmann ist absoluter Spezialist für die Abweidung der vielfältigen Förderlandschaft unseres universitären Systems. Seine Methode erinnert an jene langen Saugarme, mit denen Schwimmbecken im Außenbereich von Fusseln, Klopapierfetzen, Nasenschleim und Haaren gereinigt werden.

Jüngst gab Professor Hoffmann dem linksradikalen (sagt man so) Magazin analyse&kritik (ak), das außer Benedikt Kaiser niemand liest, den ich kenne, ein Interview. Es geht darin um Hoffmanns einziges Thema: die Literatur- und Kulturpolitik der Neuen Rechten.

Man muß dieses Interview nicht lesen, wirklich nicht. Ich las es auch bloß deshalb, weil Hoffmann und ich vereinbart haben, daß ich alles gegenlese, was er sagt und schreibt, auch dann, wenn der Schuß schon aus dem Rohr ist und der Bleibatzen auf dem Weg zum Ziel aus der Flugbahn geplumpst ist, wie immer. (Er liest ja auch alles von mir, selbst Zeugs, das ich noch nicht geschrieben habe.)

Was sagen Hoffmann? Er enttarnt zurecht und zum 18. Mal unsere Strategie, Journalisten ins Haus gelockt und verarscht zu haben. Ging nicht mit jedem, wäre mit ihm natürlich nicht gegangen, nicht mit ihm! So naiv ist er nämlich nicht, und der Eindruck, er lebe in seiner Besserwisserei doch von der Gnade der späten Lektüre, soll sich bittebittebitte nicht festsetzen.

Hoffmann zur "Homestory-Epoche" über Schnellroda:

Im Rückblick muss man sagen, dass das extrem naiv war, weil die Geschichten oft von Journalist*innen geschrieben wurden, die nicht über die metapolitischen Strategien Bescheid wussten und dann überrascht waren von den großen Bücherregalen, die sie vor Ort sahen. Kubitschek wurde im Spiegel nicht im Politikteil, sondern im Kulturteil lesend vor seiner Bücherwand abgebildet.

Ja bitte, Leute: Hätte ich den angereisten Kulturteil vor meine Baseball-Schläger-Sammlung (gebraucht, noch eingeschweißt, bereits kaputt) führen sollen? Gäbe es hartes, ehrliches Feuilleton - dann vielleicht ja. Aber diese zarten Seelen mit dem Lektürehorizont von "Conny liest Hoffmann"? Eben.

Aber weiter: Hoffmann gibt im Gespräch Einblick in seine Methode und präsentiert sein analytisches Besteck. Er zeigt uns dabei, warum es problematisch ist, daß Bücher auf unterschiedliche Weise gelesen und gedeutet werden können:

Wenn man im Internet nach Rezensionen zum Roman »Lichtungen« von Iris Wolff recherchiert, der 2024 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, stößt man auch auf Kubitscheks Besprechung im Blog seiner Zeitschrift Sezession. Das heißt, ohne aktiv den Kontakt zur Neuen Rechten zu suchen, gelangt man auf ihre Medien und bleibt dort vielleicht hängen.

(Sachen gibt's! Hängenbleiben! Das Internet muß wohl in weiten Teilen neu programmiert werden.)

Gleichzeitig wird mit »Lichtungen« das gemacht, was Kubitschek in seinem Aufsatz »Selbstverharmlosung« als eine der zentralen metapolitischen Strategien der Neuen Rechten vorstellt: Verzahnung. Man nimmt sich eine etablierte Stimme, die nicht im Verdacht steht, politisch rechts zu sein, um zu behaupten, dass sie Ähnliches sagt wie man selbst.

(Diese von Hoffmann erstmals aufgedeckte Methode ist echt dreckig weit weg von Anstand und Originalität. Was für eine schäbige Freude, in einem Roman, den man nicht selbst geschrieben hat, ähnliche Gedanken wie die eigenen aufzufinden und sie zu VERZAHNEN!)

Im Fall von »Lichtungen« schreibt Kubitschek, es handele sich um einen Heimatroman. Die Pointe ist aber, dass bei Wolff Heimat explizit antinationalistisch gedacht wird. Das verschweigt er und suggeriert damit, dass jemand wie Wolff kompatibel mit Denkfiguren der Neuen Rechten sei.

(Schreibe zehn mal auf und diskutiere mit einem Neurechten Deiner Wahl darüber: Heimatromane sind immer nationalistisch, Heimatromane sind immer nationalistisch, Heimatromane sind immer ...)

Leute, Leute, es brandet auf, immer öfter: das große Gelächter. Der Mann ist wirklich Präsident der Internationalen Rilke-Gesellschaft. Ich sach mal: Du mußt Dein Leben ändern, denn Dein Blick ist vom Vorübergehn der Streber so trüb geworden, daß er nichts mehr hält ...

-- --

Einmal, das war im Herbst 99, war ich im Harbachtal unterwegs, im rumänischen Siebenbürgen von Hermannstadt nach Schäßburg, zu Fuß, auf Bauernkarren, wieder zu Fuß, in die Stadt hinein in einem Auto dann, das angehalten hatte, ohne Daumen, einfach so. Hatte drei Ausgaben von "Mein Kampf" im Gepäck, alle Goebbels-Tagebücher, vor allem aber den totalen Rilke, zur Vorbereitung auf mein Eintrittsgesuch an die Internationale Rilke-Gesellschaft.

In einer Kneipe machte ich Fotos von mir vor der Bücherwand des Wirts, die war riesig, zog sich sogar über den Tresen. So ein Angeber, so ein fieser Selbstverharmloser: Da will man was essen und vor allem was trinken, und dann sitzt man verwirrt vor Büchern und weiß nicht, ob man aus Versehen im Kulturteil des Hauses abgestiegen ist und aus dieser Verzahnung je wieder ins Offene findet.

In Schäßburg wollte ich einen Hügel hinauf, um von oben die deutsche Kulisse zu betrachten, dieses deutsche Potemkin: leergefallen, die Siebenbürger alle weg, irgendwo bei Böblingen und Stuttgart und Ulm angekommen und verschämt den Dialekt verbergend – diesen herrlichen, das R rollenden, die Worte gurrenden, weichkauenden, hervorküssenden Dialekt.

Schäßburg, nüchtern betrachtet minus Romantik: komplett heruntergekommen, irre Plattenbauten mit Treppen ins Nichts und herausgekippten Wänden, Wasser aus Rissen und Ritzen und bröckelnden Balkonen, aber Wäscheleinen und Stühle darauf, ein groteskes Vertrauen in die Stabilität von ein bißchen Stahlbeton und Rostgeländer.

Die Altstadt: malerischer Zusammenbruch, ein Stilleben mit Wurm im Apfel, aufgepickter Frucht, Schimmelstellen und Geziefer. Das Fachwerk: angestückt, ausgesägt, eingesunken, geborsten, ruinös, kaum einer mit Herkunft wohnte noch dort, andere nun aber, nicht heimisch, sondern auf der Durchreise für ein halbes Jährchen Seßhaftigkeit über den Winter, danach das Haus abrißreif.

Jedenfalls, ich weiß nicht mehr, wo genau, erstieg ich, nach zwei Bierchen an einem Kellerausschank das Hügelchen, darauf ein Schulgebäude, ein Gemeindesaal, ein Vereinsheim, weiß ichs noch? Was ich aber sicher weiß: Es standen dort Bänke im Saal mit Tischen davor, und ich geriet in ein Konzert, wörtlich geriet ich hinein und nicht so schnell wieder hinaus…

… und, wie scheen das gespielt hat, was da studiert hat Klavier und Künste und hat Bartok im Kopf, viele Stückchen von ihm, und keines wie das andere, aber alle ein bißchen schief. Bloß nicht daß man denkt, das liegt am Klavier oder an die linke Händ, verstehst du, sondern war so gewollt vom Bartok, daß man genauer hinhorcht, als tät einer die Sprache anders sagen, nicht genau die man kennt, ein bißel Fremdsprache so, nit schwer, eine leichte, bißel ähnlich, nah, mit neue Tön und Wörter, und wenn man hört und stille sitzt, lernt mers, wohl nit gleich, aber dann schon. Man lernt und versteht, und es ist schon interessanter als das, was mer immer hört sonst, ist, als dürft mer auch gehen, weggehen, dürft aber wiederkommen, müßt nit bleiben bei die Kinder wo jetzt in Deitschland sind, weil: ist bißel fremd dort, war ich zum Besuchen, schmeckt nit, geht nit, will nit …

Ich saß in der Schulbank neben einem alten Mann, früher Lehrer, der mirs später angetrunken ungefähr so erklärte, während wir weiterbecherten, ehrlich gesagt kräftigst. Saß dort und konnte es nicht glauben, daß mitten im Verfall, in der Auflösung, dem Ende, dem Abgang, der Ausschabung, mitten im Almabtrieb einer ganzen Kultur diese Stunde gelang.

Man sitzt, hört sich ein, will mit dem Hören nicht mehr aufhören und begreift dabei endlich etwas vom Leben, von seinem Geheimnis, seinem Zauber, seiner Zähigkeit, seinem Drang und Willen und Augenblick, seiner Lust daran, zu sein, bloß das, mehr nicht, das aber so richtig… Das kann man sein: auf einmal zuhause. Denn auf fremden Plätzen war doch eines täglich ausgetretnen Brunnensteines Mulde manchmal wie ein Eigentum ...

(Wer nicht sieht, was daran nationalistisch ist, muß es erforschen -- lassen.)

-- --

So, und zuletzt für heute ein Veranstaltungshinweis. Antaios gibt ja eine Roman-Reihe heraus, sie ist auf zehn Bände angewachsen, kann man hier einsehen und natürlich bestellen: Fünf Reihen-Abos sind noch zu haben, dann fehlt schon der nächste Band.

Diese Roman-Reihe ist Thema im Kulturhaus Loschwitz von Susanne Dagen, und zwar am kommenden Montag um 20 Uhr. Professor Hoffmann wird leider nicht anwesend sein. Die Veranstaltung ist bis auf zehn letzte Plätze ausgebucht, hier kann man noch aufspringen. Es werden (fast) alle Romane dort zu haben sein, und ich schreib gerne was rein in die Bücher.

Bis Montag also!

-- -- -- -- --

Donnerstag, 1. Mai

Es vergeht keine Woche ohne Presseanfragen. Seit Montag waren es drei. Der Bitte eines polnischen Journalisten um ein Hintergrundgespräch werde ich entsprechen - die Erfahrungen mit ausländischen Publizisten ist um Welten besser als die mit deutschen.

Wallasch hat ein Interview vorgeschlagen und eine erste Frage geschickt. Ich kam bisher nicht dazu, aber natürlich wird etwas daraus: Er gehört zu denen, die unabhängig denken, Fragen stellen können und sich übermorgen nicht mit Kritik zurückhalten, wenn sie anderer Meinung sind. So soll es sein.

Und da ist noch diese Tante. Ich stelle ihre komplette Anfrage mal hier ein, dazu meine Antwort. So sind sie. Bei Lina Engel, deren Bande Leuten mit Hämmern die Fußgelenke zertrümmerte und mit Kopfschlägen bleibende Hirnschäden herbeiführen wollte, veröffentlichte der Öffentlich-rechtliche eine dreiteilige Erklär-Serie: immerhin sei es - ehrenwert! - gegen "Nazis" gegangen.

Bei Shlomo hingegen pfeffern der staatlich finanzierte und der staatlich eingebettete Journalismus hinterher. Dabei hat hier einer bloß seine (krasse) Meinung gesagt. Aber vielleicht ist das Bearbeiten sensibler Seelen mit verbalen Hämmern wirklich gefährlicher als der antifaschistische Terror.

-- --

Sehr geehrter Herr Kubitschek,

mein Name ist Nora Nagel und ich bin Redaktionsleiterin beim ZDF Magazin Royale (Produktionsfirma: UE GmbH). Derzeit recherchieren wir gemeinsam mit Christian Fuchs von der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ zu politischen YouTubern. Daher haben wir folgende Frage an Sie und bitten um Antwort bis spätestens Montag, 5. Mai 2024, 10 Uhr. Ich wäre Ihnen darüber hinaus dankbar, wenn Sie mir den Eingang meiner Fragen mit einer kurzen Rückantwort bestätigen würden.

In einem Video von Ihrem YouTube-Kanal „Kanal Schnellroda“, hochgeladen am 17. Mai 2024, haben Sie „Charlotte Corday“ und „Shlomo Finkelstein“ bzw. Aron Pielka zu Gast. Mittlerweile wurde Aron Pielka wegen seiner Videos vom Amtsgericht Köln 2020 in zehn Fällen, u.a. wegen Volksverhetzung, zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. In seinen Videos soll er u.a. Korane verbrannt haben, antisemitische Stereotypen verbreitet haben, außerdem sollen in seinen Videos Hakenkreuze zu sehen sein. Seit August 2024 sitzt Pielka in Haft. Wie stehen Sie heute zu Ihrer Verbindung zu Pielka?

Ich bitte um Rückmeldung bis spätestens Montag, 5. Mai 2024, 10 Uhr, und danke Ihnen schon einmal vorab für Ihre Mühe.

Mit freundlichen Grüßen

Nora Nagel

Redaktionsleitung

Mobil +49 xxx

Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld UE GmbH
Vitalisstraße 164
50827 Köln

-- --

Werte Frau Nagel,

Ihre Nachricht landete im Spam. Zu Ihrer Frage: Aron Pielka ist Leidtragender einer inakzeptablen Gesinnungsjustiz. Er wird ein Buch schreiben. Es wird in meinem Verlag erscheinen.

Gruß! Kubitschek

-- -- -- -- --

Sonntag, 27. April

Zwei Hinweise nach einer Lesestunde im frühlingsschönen Garten und einer Hörstunde im Büro, das nun wieder gründlich aufgeräumt ist:

1. Las mich in der neuen Ausgabe des "Journals für christliche Kultur" fest, der 11. CRISIS. Auf diese Zeitschrift, die erst im Jahr 2022 gegründet worden ist, hatte ich zum Auftakt dieses Tagebuchs hingewiesen, und zwar anläßlich des Themenheftes "Krieg".

Auch Heft 11 ist, wie überhaupt jede CRISIS, ein Themenheft. Es widmet sich dem weltweiten Problem, der historischen Katastrophe und den schrecklichen Beispielen der "Christenverfolgung - gestern und heute".

Neben grundsätzlichen Beiträgen über den Sinn des Martyriums und die Verehrung derer, die ein solches Zeugnis für ihren Glauben ablegen mußten, sind es vor allem Detailberichte, die mich fesselten. Mich hat beispielsweise seit den frühesten Neunzigern die radikal-faschistische, mystische Legion des Erzengels Michael fasziniert, die in Rumänien unter ihrem legendären und früh ermordeten Anführer Corneliu Zelea Codreanu einen ganz eigenen Stil und eine auf dem Selbstopfer beruhende Erneuerungsbewegung ausgestaltet hatte.

Ab 1945 wurden die Legionäre und ihre Jugendorganisationen rücksichtslos verfolgt und ausgerottet. Im CRISIS-Heft findet sich die Analyse des sogenannten Pitesti-Experiments, in dem mittels körperlicher, psychischer und geistiger Folter der christliche Glaube der jungen Häftlinge gebrochen und in sein Gegenteil umgeformt werden sollte und wurde. Die Autoren beschreiben dieses Experiment als kommunistischen, antichristlichen, wissenschaftlich unterfütterten Vorgang, der in seiner Kälte und Planmäßigkeit seinesgleichen suche.

Eingebettet ist diese Analyse in eine Darstellung des Schicksals der rumänisch-orthodoxen Kirche unter dem Kommunismus an sich. Auch Rußland und Serbien werden historisch abgehandelt. Das Heft schlägt den Bogen aber weiter zu den Tragödien des nahöstlichen Christentums und dem, was in der Ukraine und im Baltikum gegen russisch-orthodoxe Gemeinden zugelassen und vom Westen beschwiegen wird.

Das Beschweigen, das "Tabuthema Christenverfolgung" ist wiederum Thema eines systematischen Beitrags, und ein wenig umschifft wird dabei die Rolle Israels, das den eigenen Orthodoxen, den radikalen Juden, bei deren Kampf gegen die Christen im Heiligen Land nicht in den Arm fällt.

Es ist Hohn, daß das Abendland sich selbst einer Überfremdung öffnete, die das Dach, das über dem europäischen Christentum aufgespannt bleiben sollte, längst einzureißen begonnen hat.

Empfehlung also: Lesen Sie CRISIS 11, Thema "Christenverfolgung". Bestellen können Sie das Heft hier.

-- --

2. Susanne Dagen hat dem Publizisten und Buchautor Ralf Schuler auf Nius ein ebenso kluges wie souveränes Interview gegeben. Sie saß mit ihm fast eine Stunde lang im Studio und sprach über ihre berufliche Herkunft aus einem Buchhandel, der sich seit der Aufbruchszeit kurz nach der Wende über die Jahre und bis heute dramatisch kastriert und inhaltlich verengt hat.

Dagen erklärt das Format "Aufgeblättert. Zugeschlagen", das sie seit 2018 gemeinsam mit Ellen Kositza veranstaltet, berichtet von ihrer Politisierung im Rahmen der von ihr initiierten "Charta 2017" und wirbt für ihre eigene Buchmesse, die Anfang November unter dem Titel "Seitenwechsel" erstmals veranstaltet werden wird.

Hier ist das ganze Gespräch. Sehenswert!

-- -- -- -- --

Freitag, 25. April

Über den Versuch linker Studentengruppen, in Würzburg rund um den Geschichtsprofessor Peter Hoeres ein "neurechtes Netzwerk" auszumachen, schrieb ich hier. Die Sache war für die beiden Angeprangerten, Professor Hoeres selbst und den Akademischen Rat Benjamin Hasselhorn, nun ausgestanden.

Die Neue Zürcher Zeitung hatte schon am 9. April in ihrer Deutschland-Ausgabe das Wesentliche zusammengefaßt und als Ergebnis notiert, daß der Konflikt nun beigelegt worden sei. In diesem Artikel wurde auch auf meinen Beitrag Bezug genommen:

Der neurechte Verleger Götz Kubitschek, Mitbegründer des IfS, erklärte jetzt, dass Hasselhorns damalige Beiträge keinerlei programmatische Ausrichtung gehabt hätten. Er bestätigte zudem dessen Darlegung, sich aufgrund inhaltlicher Differenzen von der Zeitschrift «Sezession» abgewendet zu haben. Hasselhorn habe den Kurs missbilligt, den das Magazin 2014 eingeschlagen habe, so Kubitschek, indem es «Pegida-freundlich, Höcke-nah, grundsätzlich, nicht liberalkonservativ, politisch-romantisch, expressiv» geworden sei.

So etwas schreibt man so klar, um dabei zu helfen, daß ein begabter Wissenschaftler nicht nach einem Jahrzehnt noch über den Kontext seiner frühen Texte stolpere.

Bemerkenswert am Fall Hoeres/Hasselhorn ist, daß es zu einer breiten Welle der Solidarisierung kam. Die NZZ hatte auch das vermerkt:

Hunderte Wissenschafter erklärten sich mit Hoeres und Hasselhorn derweil in einem Aufruf solidarisch. Man wisse beide fest auf der Seite der Demokratie und der deutschen Verfassungsordnung, heisst es darin. Für eine Gefahr für die Demokratie halte man vielmehr die «Extremisten», die die Mitglieder des Lehrstuhls für Neueste Geschichte der Universität zu Opfern einer Kampagne gemacht hätten, um ihren Ruf zu zerstören. Der Aufruf wurde auch von namhaften Historikern wie Jörg Baberowski und Andreas Rödder unterzeichnet.

Das ist etwas Neues, das ist ein Zeichen dafür, daß sich eine Front gegen die Unverfrorenheit des Einsatzes von denunziatorischen Mittel und Kontaktschuld-Argumenten zu bilden beginnt. Diese Front wird noch nicht souverän gehalten. Der Selbsterklärungsaufwand ist noch immer erheblich, und die Frage ist, wer an die Seite von Hoeres und Hasselhorn getreten wäre, hätten die beiden lapidar "Na und?" geantwortet.

Jedenfalls: "Die Hochschulleitung werde auch in Zukunft ihre Fürsorgepflicht vollumfänglich wahrnehmen und die Freiheit von Forschung und Lehre gewährleisten", konnte die NZZ notieren. Eine abgeschlossene Angelegenheit also.

Warum aber Hasselhorn, der tatsächlich vor über zehn Jahren unter Pseudonym für die Sezession geschrieben hat, gestern, am 24. April, in der Welt noch einmal nachlegte, erschließt sich mir nicht. Es ist in seiner Schilderung einer "Hexenjagd" davon die Rede, daß er stets versucht habe, unserem fundamentaloppositionellen Weg einen realpolitischen, arbeitsfähigen entgegenzusetzen. Als er sich damit auf verlorenem Posten habe stehen sehen, habe er jeden Kontakt zu uns abgebrochen. Hasselhorn schreibt:

Aus meiner heutigen Sicht habe ich bei all dem zwei Fehler gemacht: Ich wurde nicht hinreichend misstrauisch, als man mir die Veröffentlichung unter Pseudonym empfahl mit der Begründung, ich wolle ja noch etwas werden. Außerdem habe ich aus der seit 2015 zu beobachtenden sukzessiven Radikalisierung der AfD deutlich zu spät die Konsequenz des Parteiaustritts gezogen. Engagiert habe ich mich dort ohnehin nicht. Ich bin jedenfalls schon vor langer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass „rechts“ nicht meine politische Richtung ist, „neurechts“ schon gar nicht.

Ich sehe in dem, was Hasselhorn für politisch vernünftiger hält als die AfD, einen Erkenntnisrückschritt. Er ist mittlerweile in die CSU eingetreten und mag den von seiner neuen Partei mitgetragenen Maßnahmenstaat, die absurde Verschuldung, die kosmetischen Korrekturen am Vorgang der Überfremdung und die post-demokratische Entwicklung für das halten, was machbar und geboten sei.

Über so etwas kann ich nur den Kopf schütteln, und er ist darin seinem Geschichtslehrer Weißmann ähnlich, der noch Wochen vor dem Ende der Corona-Maßnahmen zur Impfung aufrief und dies mit Gehorsam und Volksgesundheit begründete.

Was mich nun aber aufbringt, ist Hasselhorns Bestreben, seine frühe publizistische Tätigkeit zu einem Fehler und unsere redaktionelle Umsicht zu einem Alarmsignal umzudeuten. Man kann, wenn man ganz gut aus der Sache herauskam, "auch mal einfach die Klappe halten" (um einen guten Freund zu zitieren). Das schrieb ich nun Herrn Dr. Hasselhorn, und ich schrieb weiter:

Aber die Rolle des Handtuchs, an dem sich jeder die Fingerchen abwischen darf, um mit sauberen Händen weiterzumachen: Diese Rolle nimmt man in meinem Alter und nach allem, was man tat und ausstand, nicht mehr an.

Ich will präzisieren: Handtuch war ich nur ein einziges Mal, da ging es richtig um was und das ist lange her. Aber ein wenig gegen das eigene Interesse schreibe ich schon, ab und an. So etwas geht leichter von der Hand, wenn die Reaktion auf den entlastenden Artikel in einem "Danke" besteht oder in einem heimlich und unter Pseudonym vor die Verlagstür gestellten Bierkasten. Ur-Krostitzer bitte. Oder Apoldaer Glockenhell.

Jedoch: An Hasselhorn schrieb ich ins Off. Zurück kam nämlich eine automatisch generierte Mail: Man befinde sich nun bis zum 15. Oktober in Elternzeit.

-- --

Nun aber konstruktiv: Staatspolitik! Etliche unserer Leser dürften sich noch an die fünf Bände des Staatspolitischen Handbuchs erinnern, ach: mehr! Bei Tausenden (klingt gut!) sollten sie im Regal stehen - wir hatten sie immer wieder nachgedruckt, das war wirklich ein starkes Projekt.

Das Staatspolitische Handbuch ist seit zwei Jahren vergriffen, an eine Neuauflage haben wir nicht mehr gedacht, dafür aber an eine Digitalisierung der hunderten Beiträge zu Leitbegriffen, Schlüsselwerken, Vordenkern, Deutschen Orten und Deutschen Daten.

Diese Digitalisierung würde uns zum einen eine Verlinkung der Artikel untereinander und zum anderen eine Erweiterung ermöglichen: Es sind längst weitere Leitbegriffe und Schlüsselwerke hinzugekommen.

Schwererwiegend: Für den Band über die Vordenker war damals von Karlheinz Weißmann (neben Erik Lehnert der Herausgeber) das Kriterium festgelegt worden, es würde nur aufgenommen, wer nach 1945 noch publiziert habe. Deshalb fehlten in diesem Band die halbe KR, aber auch Köpfe wie Nietzsche. Das würden wir nun ergänzen können.

Jedenfalls: Das Staatspolitische Handbuch ist nun also komplett online verfügbar, und zwar hier unter der Domain staatspolitik.de. Unter diesem Namen war bis vor einem guten Jahr die Arbeit des Instituts für Staatspolitik dokumentiert. Jedoch ist dieses Institut mittlerweile aufgelöst, das wissen Sie alle und kennen die Gründe. staatspolitik.de ist also auch ein wenig Nostalgie...

Die digitale Version des Staatspolitischen Handbuchs ist in dieselben Kategorien eingeteilt wie die fünfteilige Buchreihe. Man kann innerhalb dieser Kategorien stöbern, kann die Beiträge einzelner Verfasser studieren, kann nach Namen, Begriffen, Schlagwörtern suchen.

Maßgeblich Ellen Kositza und Karl Sternau haben diese Digitalisierung erarbeitet und betreut. Aber wir brauchen nun auch die Mitarbeit unserer Leser, also Ihre Mitarbeit. Sie sehen, daß wir die Deutschen Daten mit der schlichten Jahreszahl und die Leitbegriffe mit dem entsprechenden Begriff bebilderten. Für die Schlüsselwerke werden derzeit noch gute Cover-Abbildungen nachgetragen, für etliche ist das schon geschehen.

Wichtig wäre es nun, aus der Leserschaft selbstgeschossene, also gemeinfreie Bilder zu den deutschen Orten zu erhalten, farbig oder schwarz-weiß. Wir können nicht einfach aus dem Netz Bilder holen. Sie sehen auf der Startseite unter staatspolitik.de das Beispiel "Oderbruch". So wollen wir bebildern, also besser quer- als hochformatig.

Unter [email protected] kann man Bilder einreichen, unter der Kategorie Deutsche Orte (hier verlinkt) findet man alle gesuchten Gebäude und Landschaften. Dasselbe gilt für die Vordenker, aber hier wird es schwierig: Woher sollte jemand frei zugängliche Aufnahmen von Konrad Lorenz oder Ernst Jünger nehmen, an die wir nicht auch herankämen?

Fangen wir also mit den Deutschen Orten an. Und bitte: Klicken Sie sich durch das digitale Handbuch. Die Startseite ist so gebaut, daß nur die ersten drei Beiträge von uns festgelegt sind. Alle anderen werden mit einem Zufallsgenerator stets neu gewürfelt. Viel Freude damit!

-- -- -- -- --

Freitag, 4. April

Neulich ging ich über Land an einer Dorfstraße entlang. Blaulicht an der Kurve, in langsamer Fahrt näherte sich ein Bundeswehr-Konvoi, angeführt von Feldjägern. Ich zählte zwei Dutzend Fahrzeuge, darunter drei Schützenpanzer, bereift natürlich, keine Ketten.

Die Luft war lau, die Feldblusen aufgekrempelt, die noch bleichen Unterarme lagen auf den Rahmen der geöffneten Seitenfenster. Die Gesichter jung, weiße, junge Haut, einer winkte, konnte ein Zufall sein. Es war jedenfalls die vierte Kolonne, die ich binnen zweier Wochen fahren sah.

Ich war gern Soldat, obwohl ich nicht zum Soldaten geboren bin und von der Härte der Ausbildung in der Fernspähkompanie 200 an meine Grenzen geführt wurde. Ich habe etwas von einem Sanitäter in mir, das will man mit zwanzig nicht zugeben, später geht es.

Egal. Ich erinnere mich jedenfalls daran, daß wir damals nicht darüber nachdachten, für welchen Ernstfall wir ausgebildet und wofür wir eigentlich kämpfen würden, träte er ein. Es war vage: Deutschland.

Das schreibe ich ohne Erinnerung an ein Pathos oder eine mobilisierende Großerzählung, und ich bin mir sicher, daß es sie heute noch viel weniger deutlich gibt als damals. Aber dennoch fahren junge Männer (und wenige Frauen) im Konvoi auf Übungsplätze und zurück in die Kaserne, zeigen sich nach Jahrzehnten wieder in Uniform in der Öffentlichkeit und halten es für selbstverständlich, das Kriegshandwerk zu erlernen.

Björn Höcke hat Anfang März auf seinem Telegram-Kanal (den zu abonnieren ich hier dringend empfehle - er schreibt dort alles selbst) darüber nachgedacht, warum gerade jetzt zur Wiedereinführung der Wehrpflicht aufgerufen werde, und er hat zwei Argumente dafür angeführt, daß die Verpflichtung der in Frage kommenden schwachen Jahrgänge von ihm nicht unterstützt werde:

Wofür genau sollen junge Deutsche im Ernstfall ihr Leben geben? Für die vielbeschworenen »westlichen Werte«? Die sind längst zu einer hohlen Phrase verkommen. Für die Geld- und Rohstoffinteressen eines kleinen Machtzirkels, der durch die direkten Verhandlungen zwischen den USA und Rußland um seine »Investitionen« in der Ukraine gebracht werden könnte? Wollen wir dafür unsere wenigen Kinder hergeben?

Und weiter:

Die besten Soldaten, die Deutschland wirklich liebten und dienen wollten und das oft in Elite- und Spezialeinheiten taten, wurden in großen Teilen von einer politischen Führung vergrault. Mit dem heute tonangebenden Personal in den Führungsebenen ist eine schlagfertige Truppe völlig illusorisch — selbst wenn man Billionen hineinpumpt. Hier ist ein grundlegender Neustart vonnöten, der mit der Regeneration soldatischer Tugenden und Traditionspflege beginnen muß.

Sein Fazit:

Das Bekenntnis der AfD zur Wehrpflicht ist grundsätzlicher Natur und fußt auf nationalstaatlichen, demokratischen und patriotischen Ideen, die ihre Wurzeln in den Befreiungskriegen gegen die Napoleonische Fremdherrschaft haben. Sie ist kein Selbstzweck. Sie kann nur dort praktiziert werden, wo Nation, Demokratie und Patriotismus intakt sind.

So ist das, so muß der Politiker einer Alternative für Deutschland argumentieren, und es geht mich immer wieder hart an, daß diese Formulierungen eines grundlegenden Dilemmas nicht längst zur Leitlinie dieser Partei geronnen sind: ja zum Staat, aber nicht zu seinem Zustand, ja zur Wehrfähigkeit, aber nicht für eine antideutsche Staatsidee, ja zu Askese und Sparsamkeit, aber nicht aufgrund woken Gewäschs und für den grünen Kapitalismus, undsoweiterundsofort.

Ich will aber zu der kleinen Beobachtung vom Anfang zurückkommen: Höcke argumentiert auf dem seltenen Niveau eines grundsätzlich denkenden Politikers, und das immer schon komische Bild vom modernen Soldaten als eines "Staatsbürgers in Uniform" setzt ungefähr diese Flughöhe bei jedem Unteroffizier voraus.

Das alles war schon immer und ist heute noch viel deutlicher großer Quatsch. Es ist, als würde man Informatikern empfehlen, nur unter demokratischen Verhältnissen zu programmieren - und davon ausgehen, sie hätten dies verinnerlicht.

Die Soldaten, die ich fahren sah, werden den Dienst nicht quittieren, weil die Staatsziele nicht stimmen und Vaterlandsverräter die Leitlinien der Politik festlegen. Diese Soldaten werden, wenn sie scharf üben und sich auf einen Einsatz vorbereiten, nicht darüber nachdenken, wie sie vor, während und nach dem Gefecht das Grundgesetz an den Mann bringen könnten, und zwar nicht das überdehnte, sondern das eigentlich gemeinte ... Sie werden sich darauf konzentrieren, ihr Zusammenspiel zu ölen und reibungslos vorzutragen, den Feind zu bekämpfen, keine Fehler zu machen und aufeinander aufzupassen.

Ich bin mir sicher, daß sie dies in jedem System tun würden, denn es ist ihr Beruf, und der Blickwinkel verengt sich im Ernstfall darauf, das, was man lernte, abzuspulen. Danach mag man wieder groß denken oder über das wahre Leben im falschen nachgrübeln, also darüber, wie es dazu kommen konnte, daß einen die Grünen in einen Krieg schickten.

Aber schon in der Atmosphäre offener Fenster entlang von Dorfstraßen und im Konvoi spielen solche reiferen Überlegungen, glaubt mir, überhaupt keine Rolle.

-- --

Die neue Sezession ist da, die 125., und ich will sie loben. Das tue ich nicht für jedes Heft, man ist ja selbstkritisch geworden über die Jahre, und es gibt vieles, das der lesende Rechte abonnieren und lesen kann, von Tumult angefangen über Freilich und Info-Direkt und Kehre bis - naja - Cato. Aber auch online: die Aster beispielsweise.

Dennoch meine ich, daß die Sezession nach wie vor in ihrem Gefechtsabschnitt konkurrenzlos agiert, und das neue Heft belegt das deutlich. Warum? Weil es nicht viel erwartbare Kost anbietet.

Heft 125Es ist dies das Thema, das mich umwälzt. Unsere ganze "Szene", dieser ganze rechte, neurechte, konservative, konservativ-libertäre Vortrieb: Der ist so oft so leicht auszurechnen. Das liegt am Konservativsein an sich, aber es liegt auch an der Partei. Unter ihren Fittichen ist wenig Platz für Experimentelles, raue Töne, ungeschütztes Sagen, für den Mut der Unabhängigkeit und ein hochgerecktes Kinn.

Wer ist noch "Vorfeld" ganz und gar? Wer denkt noch nicht innerhalb der Leitplanken geistiger Parteidisziplin? Wer denkt neu nach, abschätzig, pathetisch, glasklar, schneidend, rücksichtslos, unbequem?

Kommt mir jetzt nicht mit kaputten Typen: Ich rede nur mit und von solchen, die einen Text zustande kriegen, der zu wirken beginnt wie eine "lautlose Mine" (Ernst Jünger), die in zehn, hundert, tausend Gemütern verlegt worden ist.

Also: Das neue Heft hat etwas davon, es hat etwas vom Gelärme Weggeneigtes, Grundsätzliches, etwas auf den Leser Hingeneigtes, Drängendes. Mehr will ich gar nicht sagen. Es ist ein gutes Heft. Schauen Sie hier ins Inhaltsverzeichnis, und bestellen Sie das Heft - das hat es verdient. Danke.

-- -- -- -- --

Montag, 24. März

Susanne Dagen und Ellen Kositza haben die 20. Folge des Literarischen Trios "Aufgeblättert - Zugeschlagen. Mit Rechten lesen" absolviert und dazu die Influencerin Charlotte Corday eingeladen. Gedreht wurde, wie fast immer, im Buchhaus Loschwitz, das seit dreißig Jahren von Dagen und ihrem Mann geführt wird.

Corday brachte Bernd Stegemanns Auseinandersetzung Was vom Glauben bleibt mit. Dieser linke Dramaturg und (ehemalige) Wagenknecht-Vertraute spürt in diesem Buch den gefallenen religiösen Begriffen und Überzeugungen nach und offenbart sich als Schmitt-Leser. Unsere Zeitschrift hat auch diesen Stegemann längst rezensiert, nun war das Gespräch darüber an der Reihe.

Wer Bilder von M. C. Escher mag, sollte Wackelkontakt von Wolf Haas lesen. Kositza ist von diesem Roman begeistert, Dagen auch, Corday nicht so sehr. Escher: Das sind diese Bilder von Treppen, die im Kreis führen, obwohl man immer nur hinaufsteigt, von zwei Händen, die einander malen, und Leitern, die so ganz sicher nicht in einem Säulengang stehen können. Escher heißt die Hauptfigur in einem Roman, in dem immer der eine die Geschichte des anderen weiterliest, bis beide aufeinander- und wieder auf den Anfang treffen. Glänzend komponiert, sehr unterhaltsam.

Zuletzt Dagen: Sie nahm sich den schmalen, aber gewichtigen Roman Maifliegenzeit von Matthias Jügler vor und präsentierte ihn als eine schockierende Geschichte über den vorgetäuschten Kindstod in der DDR und die Freigabe der Säuglinge zur Adoption. Die Suche nach dem verlorenen Kind ist in die Metapher des Angelns verpackt: Warten, Gründeln, Aufsteigen, Oberfläche - eine einfache, klare, kunstvolle Sprache, keine Ironie, keine Überzeichnung, ein Ostroman.

Hier ist der Mitschnitt des Trios.

-- --

Ein zweites: Der Freiheitliche Akademikerverband Kärnten (FAV) lädt für Mitte April erneut zu einer politischen Tagung ins abgelegene, aber schöne Sirnitz ein. Das Tagungsprogramm ist rund um das Thema "Die Rechte zwischen Meta- und Realpolitik" und stark bundesdeutsch eingefärbt. Es referieren Erik Lehnert („Alternativen zum Parteienstaat“) und Benedikt Kaiser („Die Gründungsjahre der Neuen Rechten“), Bettina Gruber ("Die Rechte, der Liberalismus und die Freiheit") und ich selbst ("Rechte und Form").

FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker („Österreich im Interregnum“) und der Tiroler FAV-Obmann Fabian Walch („Schnittstellen zwischen Meta- und Parteipolitik“) werden über die aktuelle politische Situation in Österreich und die künftige Rolle der FPÖ sprechen, und der Wiener Verleger Konrad Weiß wird über Jean Raspail vortragen - sein (also Raspails) Geburtstag jährt sich im Juli zum 100. Mal.

Die Unterbringung erfolgt vor Ort. Die Teilnahmegebühr für Schüler, Studenten und Präsenzdiener beträgt 199 Euro für zwei Übernachtungen inklusive Vollpension, für Verdiener 249 Euro. Es besteht auch die Möglichkeit bei reduziertem Preis lediglich die Vorträge ohne Übernachtungen zu besuchen.

In der Einladung heißt es weiter: Es ist dem FAV in diesem Jahr zudem gelungen, für junge Interessenten bis 25 Jahre das Akademiewochenende zu einem Aktionspreis von 99 Euro anzubieten. Das Kontingent ist allerdings begrenzt und wird nach Reihenfolge der Anmeldungen vergeben.

Anmeldung und weitere Informationen zur Veranstaltung erhalten Sie unter: [email protected]

-- -- -- -- --

Sonntag, 16. März

Gestern in Berlin auf der Feier "Tausend Tage Kontrafunk". Man trifft Leser, Bekannte, vor allem aber auf ein anderes Publikum als jenes, das wir Anfang Juli zu unserem Sommerfest versammeln werden.

Burkhard Müller-Ulrich hat großartiges geleistet und im Herbst seinen Sender auf noch mehr Aktualität umgebaut. Zum tausendsten Tagestag hat er die Finanzierungsidee eines "Bunds" präsentiert - der Kontrafunk möchte mehr sein als Radio und soll zu einer Gemeinschaft des gesunden Menschenverstands ausgebaut werden.

Das war das Thema des ersten Festvortrags: Norbert Bolz rief die Epoche des Gesunden Menschenverstands aus. Sein Vortrag war erwartbar eloquent, bediente aber das simpelste Ressentiment: Den herrschenden Wokismus setzte er mit der Tugend der Askese gleich und präsentierte als Gegenentwurf die "schöpferische Zerstörung" Schumpeters, die er wiederum als libertär verortete und als Königsweg zu mehr Wohlstand für alle präsentierte.

Diese Musk-Weidel-Bolz-Linie ist das Gegenteil von dem, was ein alternativer Entwurf sein sollte, und es befremdet mich immer, wenn ich solches aus dem Munde von Leuten höre, die der Staat bezahlt. Das Libertäre kennt kein Abstammungs-Wir, keine Schicksalsgemeinschaft, kaum etwas Schon-Gegebenes. Es ist ein Erfolgreichenkonzept, eines für eine Leistungsgemeinschaft, die ahistorisch und ortlos denkt und agiert und auf zynische Weise "den Markt" alles erklären und rechtfertigen läßt.

Den Wokismus hat man anders anzuspringen. Er ist ja selbst schon immer asozial und das Gegenteil von ökologisch und achtsam.  Es gibt kaum etwas Rücksichtsloseres und Hybrideres als den "grünen Kapitalismus", der für das gute Gefühl und den sauberen Konsum in seinen Klientelzonen andernorts Verwüstung anrichtet. Sein Parteiarm hat soeben ein Milliardenprogramm ausgehandelt und dafür gesorgt, daß die Pfründe nicht austrocknen.

Nach Bolz sprach Hubertus Knabe. Er warnt seit Monaten immer vehementer vor dem Kurs der AfD, die zu Rußland mindestens dieselbe Nähe und Distanz aufbauen möchte wie zu den USA. Man erwartete von ihm eine Einordnung seiner Skepsis und Warnung, und so kündigte er sich auch an.

Aber dann trug Knabe eine halbe Stunde lang aus der Neuausgabe seines Buchs Tag der Befreiung? vor - er reihte mit Blick auf den Zusammenbruch der Ostfront im Frühjahr vor achtzig Jahren und die brutale Rote Armee Gräuelbericht an Gräuelbericht, merkte nicht, daß immer mehr Zuhörer den Saal verließen und mußte von Müller-Ulrich aufgefordert werden, endlich zum Ende zu kommen.

Das war kein Festvortrag, und darüber hinaus war es ein Bärendienst, den er dem so wichtigen Thema der deutschen Opfer nach dem Ende der Kampfhandlungen leistete. (Knabes schockierendes Buch kann man hier bestellen.)

Bleibt noch Raymund Ungers Lesung aus seinem gerade erschienenen Roman KAI, sprich: KA-I (hier einsehen und bestellen). Er trug den Prolog und einen Auszug aus einem späteren Kapitel vor - dystopisch, mitten in der nächsten Stufe des Transhumanismus angesiedelt, hirnverändernde Nano-Impfungen, Beuge-Lager, Spritzenzwang.

In seiner kurzen Vorrede erklärte Unger, daß er gern sein fiktionales Talent herausstellen würde. Jedoch sei das, was er niedergeschrieben habe, eher ein Bericht über Verfahren, Pläne und Techniken, die unter Laborbedingungen bereits erprobt würden.

Das ist interessant: Man hört sich's an, die Leute, fast 800 an der Zahl, hören sich's an, aber es entsteht nach solchen als Gewißheit geäußerten Behauptungen kein schockiertes, keine aufgeregtes Gemurmel im Saal. Was ist das für eine Stimmung? "Mag so sein", oder: "Wissen wir eh schon", oder "Heute dies, morgen das"? Immerhin hat da jemand, der schon kluge Bücher schrieb, gesagt, man könne mittlerweile per Impfung Nano-Partikel so einspritzen, daß sie das Gehirn manipulierten.

Viele Menschen halten mittlerweile alles für denkbar und vieles für möglich. In solchen Bereichen kommt man mit gesundem Menschenverstand nicht weit. Man muß über Spezialistenwissen verfügen oder schlicht über die schiere Menge von acht Milliarden Menschen nachdenken, über ihre Manipulierbarkeit, darüber, daß zwei Drittel davon überflüssig sein könnten (nicht meine Worte), und über die Überschreitung des Menschen. Unger wählte für seine  Gedanken und Überlegungen nun als Ausdrucksmittel den Roman. Ich meine, daß das Gründe hat.

Tausend Tage Kontrafunk - Gratulation, Durchhaltevermögen! Wer den Sender noch nicht kennt oder hört - auf kontrafunk.radio/de kann man das nachholen und tun. Dort findet man auch Hinweise zum Unterstützer-Bund.

-- --

Zu unserem Sommerfest, 5./6. Juli, eine kurze Anmerkung: Wir haben bereits rund 450 Anmeldungen erhalten. Es wird eng, aber ausweiten können wir nicht, bei 600 ist Schluß. Anmeldeformular ist hier zu finden, und gleich die Bitte: Wer sich schon eintragen ließ, aber doch nicht teilnehmen kann, sollte das bitte so rasch wie möglich mitteilen und außerdem nicht vergessen, das Zimmer freizugeben, das er buchte. Ich hörte, daß in der nahen Umgebung binnen weniger Tage alles belegt worden ist.)

-- --

(Ergänzungen, Fundstücke und kritische Anmerkungen richten Sie bitte an [email protected]. Ich werde ausbreiten, was sich ansammelt.)

-- -- -- -- --

Mittwoch, 26. Februar

Ende Januar ist mir im Rahmen unserer Winter-Studientage erstmals der Kragen geplatzt. Ich schubste Antifa-Fotografen von der Straße und schlug einem die Kamera aus der Hand. Spiegel-TV hat eine Filmsequenz davon veröffentlicht, "recherche-nord" auch. Nun ermittelt die Polizei wegen Nötigung.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Mei­ne Reak­ti­on war nicht “pro­fes­sio­nell”. Pro­fes­sio­nell war es wohl, sich zehn Jah­re lang an der Qua­dra­tur des Krei­ses zu ver­su­chen: das Absur­de hinzunehmen.

Die Ver­suchs­an­ord­nung ist näm­lich immer die­sel­be: Meh­re­re, meist ver­mumm­te Anti­fa-Foto­gra­fen ver­schan­zen sich hin­ter einem bis zur Schmerz­gren­ze aus­ge­reiz­ten Recht auf Pres­se­frei­heit. Sie foto­gra­fie­ren nicht nur mich und ande­re “Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens” dut­zen­de Male an sol­chen Tagen, son­dern auch jeden ein­zel­nen Teil­neh­mer, die Autos der Teil­neh­mer, die Num­mern­schil­der, den Auto­in­nen­raum, durch die Fens­ter unse­re Ver­an­stal­tung, jeden Pas­san­ten, der zufäl­lig vor­bei­kommt, jedes Kind.

Dies alles scheint vom Recht auf Recher­che gedeckt zu sein, obwohl es mit einer jour­na­lis­ti­schen Bericht­erstat­tung über eine Ver­an­stal­tung, deren Inhal­te per Video­mit­schnitt und schrift­lich in Form von Arti­keln von uns sowie­so ver­öf­fent­licht wer­den, nichts mehr zu tun hat.

Straf­bar wird das Vor­ge­hen der Foto­gra­fen erst, wenn Bil­der auf­tau­chen, die man zwar schie­ßen durf­te, aber nicht ohne Zustim­mung der Foto­gra­fier­ten ver­öf­fent­li­chen. Aber da die­se Ver­öf­fent­li­chun­gen unter Pseud­onym oder ganz ohne Urhe­ber­an­ga­be erfol­gen, weiß man nicht, wel­cher Foto­graf ange­zeigt wer­den müß­te. Man ist von vorn­her­ein im Hintertreffen.

Die Poli­zei schrei­tet seit zehn Jah­ren, seit also erst­mals sol­che Foto­gra­fen auf­tauch­ten, nicht gegen die­se Pra­xis ein. Manch­mal ver­hin­dert sie die gröbs­ten Unver­schämt­hei­ten, aber das alles ist kein Schutz, ist nicht viel wert. Was jedoch sehr wohl ver­hin­dert wird: Ver­su­che von unse­rer Sei­te, das in jeder Hin­sicht über­grif­fi­ge Foto­gra­fie­ren wenigs­tens zu erschwe­ren, indem man selbst mit der Kame­ra vor deren Kame­ras han­tiert oder hal­be Stun­den lang mit Papp­schil­dern und Regen­schir­men Ein­gän­ge und Geh­we­ge abschirmt.

Wir neh­men das alles also seit zehn Jah­ren hin, drei, vier Mal im Jahr, kön­nen nicht inter­ve­nie­ren, war­nen unse­re Teil­neh­mer vor, las­sen es lau­fen. Man kann gegen die RAF-Anspie­lung “Kubit­schek, aus der Traum. Bald liegst Du im Kof­fer­raum” nicht vor­ge­hen, nicht gegen Pla­ka­te, die zu Gewalt auf­ru­fen, nicht gegen die Frech­heit von Leu­ten, die wis­sen, daß sie nicht mit blu­ti­gen Nasen den Heim­weg antre­ten müs­sen, selbst dann nicht, wenn kei­ne Poli­zei “zu ihrem Schutz” in der Nähe ist.

War­um platz­te mir am Sams­tag vor vier Wochen der Kra­gen? Ich ging wie immer gegen halb acht in der Frü­he eine ers­te Run­de und woll­te im Gast­hof früh­stü­cken. Da stan­den schon die Foto­gra­fen bereit. Ich igno­rier­te “pro­fes­sio­nell”. Aber drin­nen berich­te­te man mir, daß seit sie­ben Uhr mit Blitz­licht durch die Gar­di­nen in die Gäs­te­zim­mer im Erd­ge­schoß foto­gra­fiert wor­den sei. Offe­ne Bade­zim­mer, der eine zog sich gera­de an, Schla­fen­de, jemand föhn­te sich die Haare.

Ich kom­me mir nun, schrei­bend, schon wie­der so zahm vor, so erklä­rend und abwä­gend. Dabei ist der Fall klar: Das ist längst kein Jour­na­lis­mus mehr, das war noch nie einer. Das ist das Geschäft von Schmeiß­flie­gen, und ich per­sön­lich wür­de mich nicht beschwe­ren, wür­de mich einer vom Hof prü­geln, wenn ich gera­de ver­sucht hät­te, in sei­ne Gemä­cher zu filmen.

Bloß kann ja von Prü­geln in mei­nem Fall kei­ne Rede sein. Das alles war abge­bremst, war im Grun­de schon wie­der hilf­lo­ses Geschub­se und eine sinn­lo­se Tele­fo­nie­rerei mit der Poli­zei, die an die­sem Tag in Halle/Saale zum Wahl­kampf­auf­takt der AfD alle Hän­de voll zu tun hatte.

– –

Leser­zu­schrift, vom Abend:

Ich bin über das Ver­hal­ten von Götz Kubit­schek erschro­cken. Mit die­sem Verhalten/ die­ser Aggres­si­vi­tät leis­tet er dem Geg­ner eine Steil­vor­la­ge, und das Ver­hal­ten bewirkt nichts oder das Gegen­teil vom dem, was beab­sich­tigt ist. Deutsch­land und sei­ne  journalistisch/politischen Ver­hält­nis­se wird man nur poli­tisch ver­än­dern kön­nen, indem man Gesetze/Regeln erlässt, die solch ein Ver­hal­ten der Pres­se ver­un­mög­li­chen. Die 68er haben 50 Jah­re Vor­sprung, wir brau­chen Geduld und Sou­ve­rä­ni­tät und nicht solch ein Ver­hal­ten von einem unse­rer bes­ten Män­ner. Dan­ke den­noch, und alles Gute für die Zukunft.

– – – – –

Mon­tag, 24. Februar

Auf dem Gang zum Wahl­lo­kal Begeg­nun­gen. Man ruft ein­an­der die Anwei­sung zu, das Kreuz unbe­dingt an der rich­ti­gen Stel­le zu machen, bie­tet direk­te Wahl­hil­fe in Dop­pel­ka­bi­nen an, fragt, wie oft man heu­te in wel­cher Ver­klei­dung schon wäh­len war, und ver­nimmt den doch um eini­ges sub­ti­le­ren Spruch, daß Sach­sen-Anhalt nur völ­lig blau zu ertra­gen sei.

Das CDU-Ehe­paar zieht vor­bei, mit Sohn, die Frau grüßt freund­lich, der Mann kann das nicht mehr, es geht ein­fach nicht mehr, und sein Sohn macht es ihm nach. Das ist so recht ein trau­ri­ger Vor­gang. Warum?

Die­ser Mann ist in Berei­chen enga­giert, die das Dorf nicht nur bele­ben, son­dern an sei­nen Fes­ten tra­gen. Auf der Ebe­ne der Nach­bar­schaft, des Ein­sat­zes, des Ehren­amts und des alt­ein­ge­ses­se­nen Blicks auf das Not­wen­di­ge schlägt Leis­tung immer Gesin­nung, immer. Was inter­es­siert es die Blas­ka­pel­le, den Hei­mat­ver­ein, das Sprit­zen­haus und den Dorf­teich, wo einer sein Kreuz gemacht hat, bevor er zu Trom­pe­te und Kas­sen­buch, Stra­ßen­be­sen und Laub­re­chen greift?

Aber der Wahl­tag ist eben ein Gesin­nungs­tag, und der Auf­trag, den Anfän­gen zu weh­ren, ist kein leich­ter. Es muß depri­mie­rend sein, zwar der bun­des­weit stärks­ten Kraft anzu­hän­gen, aber in einer Gemein­de zu leben, in der bis 18 Uhr fast 50 Pro­zent der Wäh­ler bei der AfD ihr Kreuz gemacht haben werden.

Das jeden­falls sind die Zah­len, die in der Knei­pe ab halb acht kur­sie­ren. Auf einem Zet­tel wird vom Jugend­klub her das Aus­zäh­lungs­er­geb­nis her­ein­ge­reicht. Es geht aber ein biß­chen unter, weil die Bay­ern in der 90. Minu­te das 3:0 machen und zeit­gleich auf drei Han­dys der Tor-Alarm anspringt.

Man gra­tu­liert mir, was selt­sam genug ist, und ist erstaunt, als ich erklä­re, daß es für Gra­tu­la­tio­nen kei­nen Anlaß gebe: Ich hiel­te nicht mit den Bay­ern. Das “Du wie­der!” höre ich noch, wäh­rend ich mei­nen Deckel bezah­le. Dann zie­he ich ab.

– –

War­um sind bun­des­wei­te 20,8 Pro­zent für die AfD kein sen­sa­tio­nel­ler Erfolg?

1. In einer Lage, die so desas­trös ist wie die Deutsch­lands, ist es kein Ver­dienst, jeden fünf­ten Wäh­ler zu gewin­nen. Es ist selbst dann kein Ver­dienst, wenn man die Mobi­li­sie­rung der Zivil­ge­sell­schaft, ihr Gere­de von der Brand­mau­er und die Kri­mi­na­li­sie­rung der AfD in Rech­nung stellt. Jeder fünf­te: Das ist das, was schon seit drei Jah­ren vor­han­den ist, eine Mischung also aus Mer­kel­jah­ren und Ampel­ver­sa­gen, die Fol­ge eines Rea­li­täts­schocks, das Ergeb­nis der nahe­lie­gen­den Suche nach einer Alternative.

2.  Die AfD war nicht in der Lage, eine Stra­te­gie zu for­mu­lie­ren und Regie­rungs­fä­hig­keit auf allen Ebe­nen zu signa­li­sie­ren. Wel­che sym­bol­po­li­ti­schen Hand­lun­gen am Tag nach der Wahl, wel­che Schrit­te in den ers­ten hun­dert Tagen? An wel­chen Stell­schrau­ben kann und wird sofort gedreht wer­den? Wer wird Innen‑, wer Außen‑, wer Wirt­schafts- und wer Finanz­mi­nis­ter? Man kann Geg­ner und Medi­en mit Kraft­si­gna­len und Exper­ti­se beschäf­ti­gen. Vor allem aber kann man aus stra­te­gi­scher Klar­heit Leit­sät­ze, Bild­spra­che, Stoß­rich­tung und Mar­ken­kern ablei­ten: So will man aus­se­hen, so will man wirken.

3. Wenn das, was nun erreicht wur­de, schon seit rund drei Jah­ren vor­han­den ist, heißt das: Neu­es Poten­ti­al wur­de nicht erschlos­sen. Hart aus­ge­drückt: Die Par­tei sta­gniert in ihrer Ent­wick­lung. Daß die CDU das Pro­gramm der AfD kopiert habe, kann als Aus­re­de nicht her­hal­ten: Wer 20 Pro­zent hält, darf eine sol­che Her­aus­for­de­rung nicht nur hilf­los beschrei­ben, son­dern muß klas­si­sches CDU-Poten­ti­al links lie­gen­las­sen und dort angrei­fen und abgra­ben, wo sich Ris­se zei­gen: über­all dort näm­lich, wo die Lebens­wirk­lich­keit nicht mehr recht bewäl­tigt wer­den kann und sich zu Wort mel­det. Dazu Bestands­pfle­ge und Aus­bau: Jung­wäh­ler, Selb­stän­di­ge, klei­ne Leute.

4. Man hat die Jung­wäh­ler aus der Hand gege­ben, hat ihr sprung­haf­tes Wahl­ver­hal­ten nicht zur Vor­aus­set­zung einer Kam­pa­gne gemacht, ging also davon aus, daß die­ses ein Mal gewon­ne­ne Feld nicht noch ein­mal neu erobert wer­den müs­se. Daß die AfD andert­halb Mona­te vor der Wahl ihre Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on auf­lös­te, war in die­sem Zusam­men­hang der ent­schei­den­de Feh­ler. Die JA ver­knüpf­te die Par­tei mit dem krea­ti­ven, expe­ri­men­tel­len, mit­rei­ßen­den Vor­feld in den Sozia­len Medi­en, sie ließ die AfD pro­vo­ka­tiv, beweg­lich, zukünf­tig wir­ken und nahm ihr das Gesetz­te. Sie ver­kör­per­te die “Par­tei ande­ren Typs”, die “Bewe­gungs­par­tei”. Von die­ser Aus­strah­lung war nicht mehr viel zu spüren.

5. Das Ver­hält­nis zwi­schen den “gebrauch­ten Bun­des­län­dern” (Knei­pe) und den “fri­schen” ist das­sel­be wie das zwi­schen erfolg­rei­chen Lan­des­ver­bän­den und Bund: Man hat nicht viel mit­ein­an­der zu tun. Die Unter­schie­de sind gewal­tig. Viel­leicht haben die Auf­trit­te von Elon Musk und zuletzt die von J. D. Van­ce das Feuil­le­ton, die poli­ti­sche Klas­se und Groß­stadt­bla­sen irri­tiert. Der typi­sche AfD-Wäh­ler aus dem Saa­le­kreis und dem Erz­ge­bir­ge hat sich eher die Fra­ge gestellt, war­um die kla­re­ren Wor­te zur sozia­len Fra­ge von der Links­par­tei kommen.

– –

Zwei ers­te Telefongespräche.

Der Autor: Jetzt ist es vor­bei, haben Sie nun wie­der Zeit? – Immer. – Stimmt nicht. – Was wol­len Sie? – Ich darf mal zitie­ren, aus dem letz­ten Rund­brief, ja? “Je rascher die AfD Fahrt auf­nimmt, des­to wich­ti­ger scheint es mir zu sein, daß wir den Man­da­ten die Geschich­te, die Kul­tur und das Ver­zweig­te hin­ter­her­kar­ren. Bloß Par­la­ment? Gott bewah­re.” – Ja, und? – Las­sen Sie die Par­tei end­lich Par­tei sein. Machen Sie, was nur Sie können.

Der Poli­ti­ker: Wir müs­sen reden. – Natür­lich. Wor­über? – Über die sta­gnie­ren­de Ent­wick­lung, den Par­la­ments­pa­trio­tis­mus, die welt­an­schau­li­che Ahnungs­lo­sig­keit, die wohl­fei­le Kli­en­tel-Bespa­ßung, das Ver­si­ckern des Pro­tests, des Zorns im Betrieb. – Nur Aus­tausch, oder hast Du was vor? – Wir haben noch viel vor, mein Lie­ber. – Gut. Wann? – Noch in die­ser Woche. – Wo? – Laß uns wan­dern gehen.

– – – – –

Mon­tag, 10. Februar

In Mün­chen sol­len am Wochen­en­de über 300 000 besorg­te Bür­ger gegen den Rechts­ruck in der Gesell­schaft, das Abbrö­ckeln einer Brand­mau­er und für Demo­kra­tie demons­triert haben. Ich habe mir die Bil­der des Auf­laufs ange­schaut, Film­schnip­sel gese­hen – und habe ein paar Anmer­kun­gen dazu:

1. Es ist uner­heb­lich, ob zehn- oder fünf­zig­tau­send Leu­te mehr oder weni­ger dabei waren. Der Platz war voll, und klar ist, daß sich trotz win­ter­li­cher Tem­pe­ra­tu­ren deut­lich mehr Demons­tran­ten auf­ge­macht hat­ten als zu bes­ten PEGI­DA-Zei­ten. Das bedeu­tet: Die Geg­ner der AfD sind in der Lage, Mas­sen zu mobilisieren.

2. Es ist aus die­sem Blick­win­kel her­aus eben­so uner­heb­lich, ob die Orga­nis­tio­nen, die zu die­ser Macht­de­mons­tra­ti­on auf­ge­ru­fen haben, vom Staat direkt und über Netz­wer­ke finan­zi­ell aus­ge­rüs­tet wor­den sind. Es gibt genü­gend Bei­spie­le für staat­li­ches Han­deln gegen die Oppo­si­ti­on, das nicht ver­fing. Hier ver­fing es aber, und das bedeu­tet, daß die Leu­te die erzähl­te Geschich­te von der gefähr­de­ten Demo­kra­tie ent­we­der glau­ben und ernst­neh­men oder aber das Spiel, das gegen die natio­na­le Oppo­si­ti­on getrie­ben wird, gut­hei­ßen. Jeden­falls sitzt die Über­zeu­gung tief, daß man sich nun ver­tei­di­gen müsse.

3. Die Auf­de­ckung der Finanz­strö­me und der per­so­nel­len Netz­wer­ke wird unter den gege­be­nen Umstän­den kei­ne Aus­wir­kung haben. Sie dient allein der Vor­be­rei­tung von Ent­schei­dun­gen, die getrof­fen wer­den müs­sen, sobald die AfD Gestal­tungs­macht errun­gen hat. Von der CDU ist in die­ser Hin­sicht rein gar nichts zu erwar­ten. Sie ver­steht die Demons­tra­tio­nen, die sich auch gegen sie und ihr Abstim­mungs­ver­hal­ten rich­ten, als Auf­for­de­rung, kei­nen wei­te­ren Schritt mehr auf die AfD zuzugehen.

4. Sei­ne poli­ti­schen Haus­auf­ga­ben zu erle­di­gen, bedeu­tet in die­sem Fall: die Mecha­nis­men des Zusam­men­spiels zwi­schen staat­li­chen Stel­len und staat­li­cher Mit­tel­ver­ga­be auf der einen und zivil­ge­sell­schaft­li­cher Umset­zung auf der ande­ren Sei­te genau nach­zu­zeich­nen und eige­nes effek­ti­ves Regie­rungs­han­deln dage­gen zu ana­ly­sie­ren und vorzubereiten.

– –

War erneut, also zum zwei­ten Mal in der Gale­rie “Zen­tra­le Rand­er­schei­nung” in Leip­zig. Dort stellt der­zeit der Zeich­ner Chris Löh­mann aus Königstein/Sachsen aus, und zwar noch bis zum 8. März.

Ich war auf Hin­weis eines Freun­des dort. Was ist das Fas­zi­nie­ren­de an die­ser Kunst? Also zunächst: Es ist eine, man sieht das auf den ers­ten Blick und muß dafür kei­ner­lei Kennt­nis­se über Kunst­theo­rie oder gra­phi­sches Hand­werk mit­brin­gen. Das, was an den Wän­den hängt, spricht für sich und bedarf kei­ner zusätz­li­chen Erläuterung.

Dazu fol­gen­de Beob­ach­tung: Unter den Besu­chern ent­stand die Über­le­gung, wel­ches die­ser Bil­der man sich wohl ins Zim­mer hän­gen wür­de. Man muß­te den ande­ren die eige­ne Wahl zei­gen, konn­te sie aber nicht benen­nen. Denn es fiel auf, daß den Bil­dern kei­ne Titel bei­gege­ben waren und daß man sie wäh­rend des Gangs durch die Räu­me nicht ver­mißt hat­te, jetzt, für den Hin­weis an die ande­ren aber schon.

Löh­manns Zeich­nun­gen, klei­ne­re, groß­for­ma­ti­ge, sind alle­samt akri­bisch, klein­tei­lig aus­ge­führt. Sie zei­gen DDR-Kul­tur­land­schaft, vie­les rui­nös, “Lost places”, dazu mythi­sche Ele­men­te, Orden, Toten­köp­fe, vie­ler­lei Gestal­ten, die Gleich­zei­tig­keit von Geschich­te, Erin­ne­rung, momen­ta­nem Zustand, Asso­zia­ti­on und Vision.

Löh­mann, so berich­te­te es der Gale­rist, kon­zi­piert sei­ne Arbei­ten nicht. Er beginnt irgend­wo und macht von dort aus wei­ter. Es kann im Zen­trum des Bil­des begin­nen, aber auch am Rand. Das alles ist frag­los so gekonnt und mit einem sol­chen Durch­hal­te­ver­mö­gen aus­ge­führt, daß es dem Künst­ler als Aus­drucks­zwang im Nacken sit­zen muß – anders sind die dut­zen­den und hun­der­ten Stun­den, die für die­ses Werk auf­ge­wen­det wer­den müs­sen, nicht zu erklären.

Also: soll­te man sich anschau­en. Kunst ist näm­lich nicht rechts und nichts links, son­dern Kunst. Wenn sie dann noch ein State­ment abgibt: bit­te. Löh­manns Stand­punkt lau­tet wohl, daß sein Werk ziem­lich genau zeigt, wie sehr man hei­misch sein kann, ohne je an Folk­lo­re und “Hei­le Welt” gedacht zu haben. Ver­ste­he ich sofort.

Hier kann man die Kurz­be­schrei­bung sei­nes Werks ein­se­hen und den Aus­stel­lungs­ka­ta­log her­un­ter­la­den.

– – – – –

Mon­tag, 27. Januar

Die Fra­ge, war­um unser Blog so lan­ge still war, ist berech­tigt. Vie­le Leser stell­ten sie, besorgt oder unge­dul­dig, sogar unwirsch: wie es sein kön­ne, daß gera­de jetzt, wenn so vie­les in Bewe­gung gera­te, von uns kei­ne Ori­en­tie­rung und kei­ne Speer­spit­zen­tex­te kämen.

Die Ant­wort auf die­se Fra­ge besteht aus drei Teilen:

1. Was der­zeit geschieht, ist Sache der AfD, denn über sie ver­su­chen us-ame­ri­ka­ni­sche Inter­es­sens­grup­pen, die par­tei­po­li­ti­sche Struk­tur in Deutsch­land auf­zu­bre­chen und eine alter­na­ti­ve Koali­ti­on unter der Füh­rung von Merz zu ermöglichen.

Es ist bis jetzt nicht deut­lich gewor­den, war­um nament­lich Elon Musk die­ses Enga­ge­ment an den Tag legt und am Sams­tag mit einer Video-Bot­schaft zum Wahl­kampf­auf­takt der AfD in Hal­le zuge­schal­tet wer­den konn­te. Nichts von sol­cher Grö­ßen­ord­nung geschieht, ohne daß es einen Preis hät­te. Des­halb birgt das, was nur gesche­hen kann, weil man die­se Schüt­zen­hil­fe annimmt, neben der gro­ßen Chan­ce auf den Durch­bruch das eben­so gro­ße Risi­ko einer Fest­le­gung und Abhängigkeit.

Wir über­bli­cken das noch nicht und wol­len wenig spe­ku­lie­ren. Und weil es noch nie unse­re Auf­ga­be war, Mas­se zu erzeu­gen und den Boh­rer zu ver­grö­ßern (das machen Wal­l­asch, Sell­ner, Tichy, Kon­tra­funk, xyz stän­dig und gut), dür­fen Ent­wick­lun­gen auch ein­mal lan­ge abhän­gen, bevor wir sie filetieren.

2. Wäh­rend die Par­tei ihre Arbeit macht, machen wir unse­re. Es ist die Arbeit von Ver­le­gern, Redak­teu­ren und Ver­an­stal­tern. Die­se Arbeit muß sorg­fäl­tig und mit dem Blick auf die gro­ßen Bögen geleis­tet wer­den. Ein Roman wie Der alte Pfar­rer wirkt nicht wie die Video­bot­schaft eines stink­rei­chen liber­tä­ren Olig­ar­chen mit größt­denk­ba­rer Staats­nä­he. Aber er bringt einem Teil der Leser bei, daß es unter den Men­schen im Grun­de immer wie­der um das­sel­be geht – um die­sel­ben Grund­kon­flik­te, die zwi­schen den­sel­ben Cha­rak­te­ren aus­ge­tra­gen werden.

Und mehr und ganz anders: Ein Roman muß gar nichts leh­ren. Er kann auch ein­fach ein groß­ar­ti­ges Ver­gnü­gen sein, eine fei­ne All­tags­flucht ermög­li­chen, wesent­lich sein, den Her­kunfts­fa­den weit hin­ter ver­meint­li­che Schnit­te und Stun­den Null span­nen, undsoweiter.

Was haben wir also in den ver­gan­ge­nen zwei Wochen gemacht? Wir haben eine neue Kapla­ken-Staf­fel fer­tig­ge­stellt und in den Druck gege­ben. Wir haben außer­dem die Bän­de 9 und 10 unse­rer Roman-Rei­he vor­be­rei­tet. Sie durch­lau­fen nun die End­kor­rek­tur und wer­den vor Ostern noch erscheinen.

Vor allem aber haben wir die 124. Sezes­si­on zusam­men­ge­stellt, redi­giert und für den Druck fer­tig­ge­macht. Sie wird in der kom­men­den Woche aus­ge­lie­fert und hat “Ame­ri­ka” zum The­ma. Ursprüng­lich dach­ten wir an ein Heft zur Fra­ge “Was ist rechts?” Aber der Sieg Trumps leg­te einen The­men­wech­sel nahe. Man kann das Heft hier ein­se­hen und bestel­len. Abon­nen­ten kön­nen ab dem 8., 9. Febru­ar mit der Aus­lie­fe­rung rechnen.

Par­al­lel zum The­men­heft ver­an­stal­te­ten wir am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de unse­re Stu­di­en­ta­ge in Schnell­ro­da. Acht Refe­ren­ten tru­gen vor 130 jun­gen Teil­neh­mern zu unter­schied­li­chen Aspek­ten des Kom­ple­xes “USA” vor – wir wer­den die Mit­schnit­te aller Vor­trä­ge auf dem Kanal Schnell­ro­da bei You­Tube ver­öf­fent­li­chen, ver­mut­lich mor­gen bereits den ersten.

3. Dies alles hat die Tage mehr als aus­ge­füllt, die Arbeit endet fast nie vor dem Abend­brot, son­dern viel zu oft erst dann, wenn auf der Lis­te der Auf­ga­ben das letz­te Häk­chen gesetzt ist. Wir sind ent­schie­den der Mei­nung, daß jeder das tun soll­te, was er am bes­ten kann, und daß es auf genau die­sem Feld für ihn kei­ne Aus­re­den geben darf.

Nun ist die Aka­de­mie gemeis­tert, nun sind die Bücher und ist das Heft im Druck, nun schau­en wir mal, was wir an Sub­stan­ti­el­lem zur gro­ßen Eupho­rie bei­tra­gen kön­nen – oder ob es das ist, was womög­lich die meis­ten unse­rer Leser erwar­ten: prü­fen­de Schlu­cke und dann etwas Was­ser in den Wein …

– – – – –

Don­ners­tag, 19. Dezember

Der Ein­druck der Heil­lo­sig­keit ver­stärkt sich von Tag zu Tag. Es ist etwas Boden­lo­ses, Halt­lo­ses, das um sich greift wie das “Nichts” in Micha­el Endes unend­li­cher Geschich­te. (Im Buch kann es nie­mand beschrei­ben, bloß: Es ist ein Sog und es ist so da, daß man es nicht fixie­ren kann, nicht fest­ma­chen – nicht bekämpfen.)

So ist das. Was ist Ober­flä­che, was wesent­lich? Es läuft ab, das Bän­del­chen, mit dem die­se Spiel­uhr auf­ge­zo­gen wur­de, ver­schwin­det im Innern der Mecha­nik, und wir krie­gen es nicht zwi­schen die Fin­ger. Gegen die Bewe­gungs­ge­set­ze einer ent­grenz­ten, nach den Not­wen­dig­kei­ten einer Mas­sen­ge­sell­schaft ein­ge­rich­te­ten Welt ist kein Kraut gewach­sen. Man kann sie zu for­mie­ren ver­su­chen, aber das tun nicht wir der­zeit, ganz sicher nicht.

Wir haben kei­ne for­mie­ren­de Idee, und viel­leicht wol­len vie­le von uns kei­ne haben, son­dern spre­chen wie Libe­ra­le von der Freiheit.

Ist es Spiel­trieb, ist es Unernst, ist es die fata­le Fehl­ein­schät­zung, wo nicht den Tiger, da wenigs­tens das Schwein rei­ten zu wol­len? Ich neh­me Män­ner wahr, die viel wis­sen, sehr viel, und die das Alter haben, in die­sem Wis­sen und in ihrem Lebens­stand recht sicher zu ste­hen. Aber für ein biß­chen Betei­li­gung an der Gesell­schaft des Spek­ta­kels reden und twit­tern sie sich öffent­lich und zu spä­ter Stun­de um Kopf und Kragen.

Frü­her unab­hän­gi­ge Köp­fe unter­wer­fen sich den Spiel­re­geln der Par­tei­en­de­mo­kra­tie, for­dern geis­ti­ge Dis­zi­plin  – nicht ent­lang einer akri­bi­schen Wahr­haf­tig­keit oder einer For­mal­stren­ge in Wort und Satz, son­dern abge­mes­sen dar­an, was “der Par­tei” scha­den und die Betei­li­gungs­ru­he stö­ren könnte.

Poli­tik als die “Kunst des Mög­li­chen” – Vor­sicht, Vor­sicht, daß die­se For­mel nicht zu rasch bei der Hand ist. Sie macht viel zu oft aus der Poli­tik eine “Kunst des unris­kier­ten, des ein­ge­paß­ten Lebens” und wür­digt sie zu einem Ver­wal­tungs­vor­gang herab.

So vie­les von dem ist ver­wirk­licht wor­den, was unmög­lich zu sein schien! Und immer ist es zuvor von denen für unmög­lich erklärt wor­den, die das Vor­ha­ben an den Maß­stä­ben einer auf Absi­che­rung bedach­ten Beamt­ensee­le abzirkelten.

Wir müs­sen das Wesent­li­che, das ermög­licht wird, weil ein paar Leu­te ganz und gar dar­an und an sich glau­ben, außer­halb des Appa­rats suchen. Auf Buch­mes­sen geschieht nichts Wesent­li­ches mehr, in staat­li­chen Kul­tur­ein­rich­tun­gen auch nicht, und dort, wo Par­tei­en ihre Hand dar­auf legen, schon gar nicht.

Aber es gibt Bei­spie­le, Men­schen, Orte, Wag­nis­se, das mit Gott­ver­trau­en ange­gan­ge­ne, ange­sprun­ge­ne Werk, das von denen für unmög­lich erklärt wor­den sein mag, deren Vor­stel­lung­kraft vom Kras­sen sich auf Ein­schnit­te ins Lohn­ge­fü­ge und einen leich­ten Schwips beschränkt.

Ich mag es, wenn Leu­te betrun­ken sind von ihrem Werk, von ihrer Idee, von der Ver­wirk­li­chung eines gro­ßen Pla­nes – wenn also das so recht eigent­lich Unmög­li­che auf die Bereit­schaft trifft, alle Kräf­te zu über­span­nen  – in dem Bewußt­sein, am Ende viel­leicht auf Halb­fer­ti­gem zu sit­zen, eine Art Rui­ne zu hin­ter­las­sen, aber: was für eine!

Ein Bei­spiel, und zwar kei­ne Rui­ne, son­dern etwas von dem, das exem­pla­risch wer­den könn­te: Ich stieß vor eini­gen Jah­ren auf das Bau­ta­ge­buch eines Klos­ters, das sich dar­an mach­te, sei­ne Kir­che auf­zu­rich­ten. Der Mönch, der die­ses Tage­buch im Inter­net führt, muß ein begab­ter Foto­graf sein, und der Abt des Klos­ters, der wohl alle Bau­zeich­nun­gen selbst anfer­tig­te, ist wie ein Faß vol­ler still­ge­wor­de­ner Gärung, ist jemand, der fer­tig ist mit der Gestal­tung und Beschrei­bung sei­ner Idee.

Die Inter­net­sei­te des Klos­ters ist hier zu fin­den, und hier ist das Bau­ta­ge­buch hin­ter­legt. Wie geht das, so zu bau­en, also so etwas Schö­nes und Gewag­tes auf­zu­rich­ten gegen das Nichts? Ich sehe den Staat nicht betei­ligt, bloß Mön­che, Gläu­bi­ge, Spen­der, Hel­fer – und Gott, oder anders aus­ge­drückt: den Glau­ben dar­an, etwas Wesent­li­ches ange­gan­gen zu haben, das weit ober­halb der Ober­flä­che rück­ge­bun­den ist und wurzelt.

Man kann das unter­stüt­zen. Hier ist der Film dazu:


– –

Kositza, Licht­mesz und Som­mer­feld haben in den ver­gan­ge­nen Wochen ihre Weih­nachts­emp­feh­lun­gen schon abge­ge­ben. Ich habs nicht recht­zei­tig geschafft, und hole es nun nach – lesen Sie das bit­te als Jahresende-Empfehlung.

Denn klar ist, daß ich Ihnen unter der Rubrik “Schau­en” den Antai­os-Kalen­der für das Jahr 2025 ans Herz legen möch­te. Er gefällt unse­ren Lesern bes­ser als der mor­bi­de Grab­stein-Kalen­der, des­sen letz­tes Blatt (Jochen Klep­pers Grab) gera­de in andert­halb Tau­send Küchen, Arbeits­zim­mern, Toi­let­ten hängt.

Fürs nächs­te Jahr haben wir zwölf Orte aus der Mit­te Deutsch­lands foto­gra­fie­ren las­sen – aus Thü­rin­gen, Sach­sen und Sach­sen-Anhalt, mit einem Schwer­punkt natür­lich rund um Schnell­ro­da: Kyff­häu­ser, Bad Fran­ken­hau­sen, Mem­le­ben, Mer­se­burg, Ober­wie­der­stedt – ich habe den Kalen­der am Stamm­tisch im Schäf­chen auf­ge­blät­tert, die Tref­fer­quo­te beim Erra­ten war nicht schlecht.

150 Exem­pla­re haben wir noch, das war vor einem Jahr mit den Grab­stei­nen ganz anders … Was hin­ge­gen wie­der­um sein wird: Wir unter­stüt­zen mit dem Erlös aus die­sem Ver­kauf ein Pro­jekt. Das waren in der Ver­gan­gen­heit eine Kir­chen­re­no­vie­rung, der Soli­fonds von Ein­Pro­zent, IB-Struk­tu­ren und Weih­nachts­gel­der an Publi­zis­ten, die so etwas als Selb­stän­di­ge sonst nicht erhalten.

Dies­mal geht der Ertrag nach Schle­si­en, aus der Mit­te Deutsch­lands also in eines der ver­lo­re­nen Ost­ge­bie­te. Wir unter­stüt­zen Sprach­schu­len, die in Som­mer­kur­sen das Sprach­ver­mö­gen deutsch­stäm­mi­ger Kin­der för­dern. Staats­mit­tel gibt es dafür im Grun­de kei­ne mehr. Also sprin­gen wir ein.

Den Kalen­der kann man hier erwer­ben.

Und noch eine zwei­te Emp­feh­lung, ein knap­per Roman, der mich fes­sel­te, weil mich eine Fra­ge inter­es­siert, seit ich vom Schick­sal ande­rer zu lesen begann: Wie wur­de und wird mit Men­schen ver­fah­ren? Was wird ihnen ange­tan, weil einer denkt, er dür­fe das?

Ich habe den Roman Der Afrik aus der Feder Sven Reckers für die 123. Sezes­si­on bespro­chen. Hier ist der Text:

Auf der Gemar­kung der Gemein­de Pfaf­fen­wei­ler bei Frei­burg gibt es einen Wein­hang, der den Namen »Afri­ka« trägt. Dort ste­hen seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts Reben. Man hat­te Wald gero­det und das Holz ver­kauft, um aus dem Erlös hun­dert­drei­und­zwan­zig Armen die Über­fahrt nach Alge­ri­en zu bezah­len. Dort, so blies man ihnen ein, war­te ein mühe­lo­ses, jeden­falls sehr viel bes­se­res Leben auf sie.

Die Rei­se dau­er­te fünf Mona­te, etli­che star­ben schon auf dem Weg nach Mar­seil­le, vie­le vor der Küs­te Alge­ri­ens, in einer Qua­ran­tä­ne, die eine Hun­ger- und Seu­chen­höl­le war. Dann an Land: kar­ger Boden, kei­ne Arbeit, Krank­hei­ten, Lebens­ver­su­che und immer Hun­ger. Hil­fe­ru­fe nach Hau­se ver­hal­len: Nie­mand will die­je­ni­gen, die man glück­lich los­ge­wor­den ist, zurück­ho­len. Und so schafft es nur ein ein­zi­ger aus Pfaf­fen­wei­ler wie­der nach Hause.

Sven Recker hat die Geschich­te die­ses Rück­keh­rers erzählt. Die Form, die er dafür wähl­te, besticht. Er schreibt im »Du«, die Sät­ze sind knapp, oft nicht voll­stän­dig, nie über­flüs­sig. Sie arbei­ten sich in die Geschich­te hin­ein vor­an. Mit dem »Du« spricht Recker den­je­ni­gen an, der in Ver­ges­sen­heit gera­ten war, den man also fort­ge­schafft hat­te nach Alge­ri­en, der dort über­lebt hat­te, nach­dem sei­ne Mut­ter zugrun­de­ge­gan­gen war, der zum Sol­da­ten gemacht wor­den war und irgend­wann irgend­wie zurück­ge­fun­den hat­te, um außer­halb des Dorfs zu leben. Man nann­te ihn den »Afrik«.

In Reckers Roman ist der Afrik beses­sen von dem Gedan­ken, den Wein­berg Afri­ka zu unter­höh­len und einen Erd­rutsch aus­zu­lö­sen, um Pfaf­fen­wei­ler zu ver­schüt­ten. Das »Du«, mit dem Recker sei­ne Geschich­te erzählt, macht den Afrik zum ver­schüt­te­ten Nächs­ten, gräbt ihn aus, holt ihn aus der Ver­ges­sen­heit zurück. Er wird plas­tisch, erhält eine Ver­gan­gen­heit, lebt in der Gegen­wart und könn­te über einen Jun­gen, der mit einem Zet­tel in der Hand vor sei­ner Tür steht, auch in eine Zukunft finden.

Das ist sehr gekonnt: Der »Afrik« weiß mit die­sem Jun­gen, der aus Alge­ri­en her­über­fand und des­sen Vater er wohl ist, nichts anzu­fan­gen und sucht Rat auf der Gemein­de. Er lau­tet: Wer­de ihn los, gib ihn weg, bring ihn zu den Non­nen ins Irrenhaus.

Die Geschich­te könn­te sich also wie­der­ho­len, aber es kommt anders, und die­se Wen­dung, von der man hofft, daß es zu ihr kom­men möge, ist so undra­ma­tisch erzählt, daß sie in ihrer gan­zen lebens­ver­än­dern­den Dra­ma­tik erst ins Bewußt­sein gelangt, wenn das Buch schon zu Ende ist: Der Afrik belas­tet sich, um frei zu wer­den von dem, was ande­re raten. Es ist, als habe er zuletzt zu sich gesagt: »Du – mach es anders!«

Man kann Der Afrik von Sven Recker hier bestel­len.

– –

(Ergän­zun­gen, Fund­stü­cke und kri­ti­sche Anmer­kun­gen rich­ten Sie bit­te an [email protected]. Ich wer­de aus­brei­ten, was sich ansammelt.)

– – – – –

Bin in Erfurt, um der Post-Demo­kra­tie bei ihrer Ent­ste­hung und Pro­fi­lie­rung zuzu­schau­en. Das geht so: Man parkt am Land­tag, löst einen Park­schein und wird dabei bereits gesich­tet. Man betritt die Besu­cher­schleu­se und schüt­telt dort den Jour­na­lis­ten ab, der pene­trant immer die­sel­be Fra­ge stellt. Sie lau­tet: wie man es mit sei­nem Gewis­sen ver­ein­ba­ren kön­ne, als Feind der Demo­kra­tie demo­kra­ti­sches Gelän­de zu betreten.

Im Foy­er des Land­tags: alles vol­ler Demo­kra­ten, alles schwarz von Leu­ten, die das, was gleich gesche­hen wird, für völ­lig legi­tim hal­ten: dem Wahl­ver­lie­rer CDU mit den Stim­men aller Par­tei­en, die nicht AfD hei­ßen, den Pos­ten des Minis­ter­prä­si­den­ten zu ver­schaf­fen – mit­hin den Wahl­sie­ger AfD nicht an der Gestal­tungs­macht zu betei­li­gen und das Nahe­lie­gen­de und Auf­ge­tra­ge­ne zu igno­rie­ren: eine Regie­rung aus AfD und CDU unter der Füh­rung eines Minis­ter­prä­si­den­ten Höcke.

Mario Voigt, der CDU-Kan­di­dat, reüs­sier­te im ers­ten Wahl­gang. Er wur­de mit den Stim­men der Links­par­tei gewählt, denn über eine eige­ne Mehr­heit ver­fügt die Koali­ti­on aus CDU, BSW und SPD nicht. Sym­bo­lisch, also mit iko­ni­schem Poten­ti­al ver­se­hen, das Bild, als der schei­den­de Minis­ter­prä­si­dent Rame­low auf sei­nen Nach­fol­ger Voigt zutritt und ihn zur sozia­lis­ti­schen Wan­gen­be­rüh­rung umfängt.

Das sind wenigs­tens kla­re Ver­hält­nis­se. Das ist Wäh­le­ri­gno­ranz und ganz sicher kei­ne sta­bi­le Ange­le­gen­heit. Der Löwen­an­teil der Arbeit wird dafür auf­ge­wen­det wer­den müs­sen, daß die­ses müh­sa­me Bünd­nis nicht aus­ein­an­der­bricht. Inhalt­li­cher Kitt ist nicht vor­han­den, allein der Druck, gegen die AfD bestehen und sich der nahe­lie­gen­den Alter­na­ti­ve wider­set­zen zu müs­sen, ist eine Art Bindemittel.

Gibt es so etwas wie eine post-demo­kra­ti­sche Läh­mung? Ja. Denn das, was wir in Thü­rin­gen stu­die­ren, ist die Ver­än­de­rung der Spiel­re­geln wäh­rend des Spiels. Es ist so, als gäbe es plötz­lich kein Abseits mehr. Zwar ist es die Auf­ga­be eines Poli­ti­kers, stets gute Mie­ne zum Spiel zu machen. Aber man muß den Kakao, durch den man gezo­gen wird, nicht auch noch trinken.

Aus die­sem Grund trat Höcke heu­te nicht als Kan­di­dat für das Amt des Minis­ter­prä­si­den­ten an: Man kann, wenn die Regeln nicht mehr fest­ge­schrie­ben sind, das Spiel nicht mehr mit­spie­len. Denn man kennt die Regeln nicht mehr.

Man muß nach­den­ken und vor­aus­schau­en: Ist die Ver­bots­dis­kus­si­on nur eine Droh­ge­bär­de? Nie­mand kann die­se Fra­ge hieb- und stich­fest beant­wor­ten, da hel­fen auch gele­ak­te Pro­to­kol­le nicht wei­ter, die zei­gen, wie unsi­cher sich der Geg­ner in der Ein­schät­zung der Chan­cen ist: Post-Demo­kra­ten wer­den sich die Legi­ti­mi­tät ihres Ver­hal­tens zurecht­le­gen und die Zer­schla­gung der Oppo­si­ti­on durch den Staat im Nach­gang lega­li­sie­ren lassen.

Man geht wie­der. Über­all ste­hen und spre­chen die­je­ni­gen in klei­nen Grup­pen, die sich den Land­tag und die Regie­rung für wei­te­re Jah­re unter den Nagel geris­sen haben. Man spürt, wie es sie stört, die­je­ni­gen sehen zu müs­sen, die das wis­sen. Res­te von post-demo­kra­ti­scher Scham – aber eben nur Res­te. Sie wer­den es sich rest­los zurecht­le­gen und schönreden.

Ich mei­ne, daß man Höcke anmerkt, wie kon­ster­niert er über die post-demo­kra­ti­sche Unver­fro­ren­heit sei­ner poli­ti­schen Geg­ner ist. Er trat nach der Far­ce vor die Kame­ra und argu­men­tier­te kämp­fe­risch. Aber jemand wie er, der viel weiß aus der Geschich­te, auch aus der des Par­la­men­ta­ris­mus, weiß das, was er heu­te sah, schon zu deu­ten: Es war bezeichnend.

– –

Pas­send zur Fra­ge des Strei­tens als einer urde­mo­kra­ti­schen Tugend liegt Ellen Kositz­as neue Video-Rezen­si­on vor. Sie emp­fiehlt das neue Buch der Phi­lo­so­phin Sven­ja Flaß­pöh­ler. Strei­ten ist nicht ver­nich­ten, sich mes­sen ist sport­lich, Nie­der­la­gen akzep­tie­ren zu kön­nen wie­der­um Kern demo­kra­ti­scher Auseinandersetzungen.

Wie nun also? Ist die CDU der Geg­ner oder im Ver­bund mit den ande­ren Kar­tell-Par­tei­en bereits die­je­ni­ge Grö­ße, die der AfD die Feind­schaft erklärt hat und nur dann zufrie­den sein wird, wenn die­ser Kon­kur­rent nicht alle vier Jah­re besiegt wer­den muß, son­dern auf­ge­hört hat zu existieren?

Das sind wich­ti­ge, an Carl Schmitt ent­lang ver­han­del­te Fra­gen. Hier ist das Buch von Flaß­pöh­ler, hier die Bespre­chung von Kositza:

– – – – –

Jaja, das ist jetzt die Fra­ge, nicht? War­um bleibt Höcke in Thü­rin­gen? War­um geht er nicht nach Ber­lin? Sol­ches woll­ten bis­her von mir eine Dame vom SPIEGEL, eine von der WELT, ein Herr vom Deutsch­land­funk, einer von einem Recher­chen­etz­werk, einer aus Washing­ton und einer aus Nor­we­gen erfah­ren. Und jemand von der ZEIT natürlich.

Wir waren wan­dern, Höcke und ich, vor eini­gen Wochen, und das, was nun ent­schie­den ist, war The­ma. Bit­te: nicht daß einer vom SPIEGEL oder aus Nor­we­gen denkt, ich hät­te wesent­li­chen Anteil an einer Ent­schei­dung von sol­cher Trag­wei­te. Man ist als Freund in sol­chen Lagen eine Echo­wand, wirft zurück, was gesagt wird, und for­dert das Sagen her­aus, und die­ses Sagen, das Aus­spre­chen, die plas­ti­sche und arti­ku­lier­te Vor­stel­lung des­sen, was wäre, wäre es so oder so, ist ein Schritt auf die Ent­schei­dung hin.

Ent­schei­dun­gen wie die von Höcke fal­len letzt­lich emo­ti­ons­los. Das muß so sein. Wo wären wir, folg­ten wir Stim­mun­gen? Wo stün­de Höcke, wür­de er nicht abwä­gen, son­dern stie­ße expres­siv vor und zurück wie einer, der ein Dar­stel­ler ist, einer fürs Spek­ta­kel, für die nächs­te Schlagzeile?

Letzt­lich emo­ti­ons­los, das heißt: Die Abwä­gung bezieht die Gestimmt­heit zunächst mit ein. Sie lau­tet: Höcke zeigt, daß er dort, wohin er zog, zuhau­se ist und daß er die­sem Zuhau­se poli­tisch geben möch­te, was ihm zusteht: Schutz in schwe­rer Zeit, Ent­wick­lungs­ru­he, Hoff­nung, Zuver­sicht, das Gan­ze ohne jede Nai­vi­tät als eine Auf­ga­be begrif­fen, die in zähem Klein­klein, in Beharr­lich­keit und lang­sa­mem Umsteu­ern geleis­tet wer­den muß.

Nie­mand, der dort steht, wohin Höcke gelangt ist, macht sich etwas vor. Er schon gar nicht. Und des­halb ver­liert die Gestimmt­heit als Ton ihre Kraft, je näher man einer Ent­schei­dung kommt. Am Ende sprach mehr, viel mehr für Thü­rin­gen und gegen Berlin.

Vor allem dies: Die AfD hat in Thü­rin­gen die Land­tags­wahl ohne jeden Zwei­fel und gegen den gebün­del­ten Wider­stand aller ande­ren Par­tei­en gewon­nen. Die poli­ti­schen Geg­ner haben die­sen Sieg igno­riert, die Medi­en haben nicht inter­ve­niert, die Zivil­ge­sell­schaft hat den Staats­streich von oben zur Ver­tei­di­gungs­leis­tung einer wehr­haf­ten Demo­kra­tie erklärt.

Dies war noch ein­mal ein Schock, trotz aller Des­il­lu­sio­nie­rung, und die­sen Schock muß man als Par­tei und als Spit­zen­kan­di­dat erst ein­mal ver­kraf­ten. Und mehr: Den Wäh­lern, die den Wahl­sie­ger wähl­ten, muß man erzäh­len, war­um es scho­ckie­rend ist, was gera­de geschieht. Denn “die Medi­en” erzäh­len es anders. Höcke wie­der­um wird es für sei­ne Wäh­ler gera­de­rü­cken kön­nen, weil er in Thü­rin­gen bleibt.

Auch das ist eine Beson­der­heit: Der Thü­rin­ger Weg ist inner­halb der AfD der­je­ni­ge, der bis­her am wei­tes­ten führt, weil er vom Spit­zen­kan­di­da­ten und vom längst­die­nen­den Lan­des- und Frak­ti­ons­chef der AfD Schritt für Schritt geplant, began­gen und aus­ge­baut wor­den ist und wird.

Aus­bau­en bedeu­tet: nicht nur loya­le, son­dern vor allem gute, geeig­ne­te Leu­te nach­zie­hen, mit­neh­men, aus­bil­den, vor­be­rei­ten – und jede Appease­ment-Poli­tik unter­bin­den. Die­se Weg­be­schrei­bung ist erneut in der Erklä­rung vor­han­den, die Höcke abgab, nach­dem er sei­ne Frak­ti­on und den Lan­des­ver­band über sei­ne Ent­schei­dung infor­miert hat­te. Er teilt nicht nur mit, son­dern erklärt.

Einer­seits weiß ich, daß im Bun­des­tag jeder gebraucht wird, der einen deut­schen Stand­punkt ver­tritt. Um ein Bei­spiel zu nen­nen: Not­wen­dig ist jede Stim­me, die sich gegen die Kriegs­het­ze stellt und sich für eine schnel­le Been­di­gung des Ukrai­ne-Krie­ges, für die Sou­ve­rä­ni­tät Deutsch­lands und für eine euro­päi­sche Sicher­heits­ar­chi­tek­tur unter Ein­be­zie­hung Ruß­lands einsetzt.

Ande­rer­seits haben die Thü­rin­ger die AfD erst­mals in einer Par­la­ments­wahl zur mit Abstand stärks­ten Kraft gemacht. Die Kar­tell­par­tei­en haben nun – getrie­ben durch Macht­in­ter­es­sen und das Ziel, den Wahl­ge­win­ner zu blo­ckie­ren – ein AfD-Ver­hin­de­rungs­bünd­nis geschmie­det. Das macht vie­le Thü­rin­ger fas­sungs­los. Immer mehr von ihnen fra­gen sich, ob sie noch in einer Demo­kra­tie leben. In einer sol­chen Situa­ti­on hät­te mein Gang nach Ber­lin so auf­ge­faßt wer­den kön­nen, als hiel­te ich die Lage im Frei­staat für hoffnungslos.

Das Gegen­teil ist der Fall: Die AfD Thü­rin­gen hat sich eine exzel­len­te Aus­gangs­ba­sis erar­bei­tet. Sie wird die inne­ren Wider­sprü­che die­ser neu­er­li­chen lin­ken Koali­ti­on durch pro­fi­lier­te Oppo­si­ti­ons­ar­beit auf­zei­gen und immer wie­der deut­lich machen, daß es kein Wei­ter­so geben kann. Sie wird die unüber­hör­ba­re Stim­me der Ehr­li­chen, Anstän­di­gen und Flei­ßi­gen sein. Und sie wird dar­über hin­aus mit aller Kraft für den Frie­den, die Frei­heit und unse­re Iden­ti­tät streiten.

Ich mache mei­ne poli­ti­sche Arbeit für Deutsch­land und Thü­rin­gen aus Thü­rin­gen her­aus, weil ich Thü­rin­gen lie­be und genau hier mei­nen Weg für die Men­schen und mei­ne Par­tei wei­ter gehen will!

Es wäre leich­ter gewe­sen, nach Ber­lin zu gehen. Es ist schwe­rer, so erfolg­reich zu arbei­ten, daß die Geg­ner damit begin­nen müs­sen, ihre “Brand­mau­er” abzu­tra­gen. Thü­rin­gen ist einer der Orte, an denen das Vor­ha­ben gelin­gen kann.

– –

Das Jahr ist noch nicht zu Ende, das Ver­le­ger­jahr schon. Was jetzt nicht längst im Druck ist oder schon zum Ver­sand bereit­liegt, gehört bereits in den Januar.

Mit der Ver­le­ge­rin und Buch­händ­le­rin, Poli­ti­ke­rin und Kul­tur­instanz Susan­ne Dagen das Ver­le­ger­jahr vor­bei­zie­hen zu las­sen und sei­ne Schlüs­sel­mo­men­te zu kom­men­tie­ren – das ist ein bereits tra­di­tio­nel­les Unterfangen.

Gedreht haben wir in Losch­witz. Es geht um den Cor­rec­tiv-Skan­dal und das Erfolgs­buch Remi­gra­ti­on, das uns die­ser Skan­dal bescher­te, um das Com­pact-Ver­bot und die Chif­fren, die das alles zei­tigt. Es geht um die Buch­mes­sen, die zu Toten­mes­sen wer­den und um eige­ne Plä­ne. Und wir geben Weih­nachts­emp­feh­lun­gen. Hier ist das Gespräch:

– – – – –

Don­ners­tag, 14. November

Wäh­rend die Ampel­ko­ali­ti­on zer­bricht und ihre Prot­ago­nis­ten um sich bei­ßen, wäh­rend das AfD-Ver­bots­ver­fah­ren ven­ti­liert wird und Trump sein Kabi­nett auf­baut und Per­so­nal­ent­schei­dun­gen trifft, deren Aus­wir­kun­gen auf die Euro­pa­po­li­tik des Hege­mons unklar blei­ben – wäh­rend viel pas­siert, schrei­tet auch die Ver­fes­ti­gung und Kon­so­li­die­rung der neu­en Nor­ma­li­tät im vor­po­li­ti­schen Raum voran.

Die­se neue Nor­ma­li­tät ist das urei­ge­ne Pro­jekt von Ver­la­gen, Publi­zis­ten, Ver­an­stal­tern, also: das Zusam­men­spiel von Text, Buch, Ort, Per­sön­lich­keit und Szene.

In der kom­men­den Woche ist Wien Schau­platz gleich zwei­er hoch­ka­rä­ti­ger Ver­an­stal­tun­gen, und zwar an zwei Aben­den hin­ter­ein­an­der – Mitt­woch und Don­ners­tag, jeweils in der Sala Ter­re­na im Fer­di­nan­di­hof, Wehr­gas­se 30, Wien.

Am Mitt­woch, den 20. Novem­ber, wird auf Ein­la­dung der Zeit­schrift Abend­land Gene­ral­ma­jor Rober­to Van­n­ac­ci vor­tra­gen. Das freut mich des­halb sehr, weil Van­n­ac­cis Ita­li­en-Best­sel­ler Il mon­do al con­tra­rio von Antai­os ins Deut­sche über­tra­gen und unter dem Titel Ver­dreh­te Welt. Eine Bestands­auf­nah­me ver­öf­fent­licht wor­den ist.

Gene­ral Van­n­ac­ci wird ab 19.30 Uhr refe­rie­ren, und zwar auf Eng­lisch. Das soll­te indes kein Hin­de­rungs­grund sein: Er ist ein Mann kla­rer Wor­te und als Red­ner poli­tisch ver­siert. Die Euro­pa­wahl hat ihm im Som­mer ein Man­dat in Brüs­sel beschert, er nimmt es für die Lega Nord wahr.

Bücher haben wir nach Wien gelie­fert, man wird sie dort erwer­ben und natür­lich signie­ren las­sen kön­nen. Wer nicht anrei­sen kann, fin­det das Buch hier auf antaios.de.

Am Don­ners­tag, den 21. Novem­ber, sind dann der lang­jäh­ri­ge FAZ-Redak­teur und Autor Lorenz Jäger sowie unse­re Autorin Caro­li­ne Som­mer­feld zu Gast im Fer­di­nan­di­hof, und zwar auf Ein­la­dung des Karo­lin­ger-Ver­lags. Die Ver­an­stal­tung beginnt eben­falls um 19.30 Uhr.

Som­mer­feld wird Jäger über des­sen umfang­rei­ches Werk befra­gen: Phi­lo­so­phi­sche, poli­ti­sche und his­to­ri­sche The­men wer­den im Mit­tel­punkt ste­hen – und sicher auch Annä­he­rungs­ver­su­che an die Macht hin­ter der Macht: Som­mer­felds jüngs­tes Buch über Ver­schwö­rungs­theo­rien hat unter ande­rem von der Lek­tü­re des Werks Hin­ter dem gro­ßen Ori­ent. Frei­mau­re­rei und Revo­lu­ti­ons­be­we­gun­gen pro­fi­tiert. Ver­faßt hat es vor Jah­ren – Lorenz Jäger. Wir haben es hier neu in unser Sor­ti­ment auf­ge­nom­men.

Also: Das wer­den zwei span­nen­de Aben­de. Anmel­dun­gen sind jeweils nicht erfor­der­lich, pünkt­li­ches Erschei­nen ist auch des­halb sinn­voll, weil die Anzahl der Plät­ze beschränkt ist. Ein Ein­tritt wird nicht erho­ben. Wäre ja ger­ne sel­ber dort – aber Wien ist weit.

– –

(Ergän­zun­gen, Fund­stü­cke und kri­ti­sche Anmer­kun­gen rich­ten Sie bit­te an [email protected]. Ich wer­de aus­brei­ten, was sich ansammelt.)

– – – – –

Don­ners­tag, 31. Oktober

Heu­te ein Hin­weis, ein Zufalls­fund, also einer, nach dem man nicht suchte:

In Leip­zig sind Bil­der eines Malers zu sehen, der in Vech­ta gebo­ren wur­de, in Ber­lin lebt und Schü­ler von Georg Base­litz war. Frank Schä­pel (hier sei­ne Inter­net­sei­te) stellt noch bis zum 7. Novem­ber in der Gale­rie “Zen­tra­le Rand­er­schei­nung” in der Lud­wig­stra­ße aus.

Unter dem Titel “Rea­li­tä­ten” sind rund drei­ßig Gemäl­de ange­ord­net. Ich stieß vor gut andert­halb Jah­ren auf Schä­pel, als ich im Netz nach einer Illus­tra­ti­on für einen Bei­trag über die Kir­che “Not­re Dame” in Paris such­te. Er hat­te den bren­nen­den Dach­stuhl eines Turms gemalt, wie eine Fackel, groß­for­ma­tig, soweit ich das sehen konnte.

Ich schau­te mich in sei­nem Werk um, er kann wirk­lich malen und malt die Wirk­lich­keit. Das ist viel. Neu­lich schau­te ich erneut nach Schä­pels Arbei­ten, ange­sto­ßen durch mein Gespräch mit dem Maler Franz Ulrich Gött­li­cher – hier ein Link. Ich sah, daß er in Leip­zig aus­stell­te und fuhr die­ser Tage hin.

Ich kann den Besuch nur emp­feh­len. Das Werk ist eigen­ar­tig. Es ist in drei Räu­me auf­ge­teilt, his­to­risch, poli­tisch, reli­gi­ös. Die Hän­gung ist vom Künst­ler selbst. Sie hat mich sehr überzeugt.

Der Gale­rist Tho­mas Fie­big schreibt im Vor­wort zum Kata­log, Schä­pels Bil­der sei­en Moment­auf­nah­men rea­ler Ereig­nis­se. “Reli­giö­se Erschei­nun­gen, Ver­bre­chen im Migra­ti­ons­kon­text, Coro­na­po­li­tik und das Leid von Deut­schen im zwei­ten Welt­krieg sind nicht gera­de The­men, die gern und oft publi­ziert oder ander­wei­tig dar­ge­stellt wer­den.” Und wei­ter: “Der Künst­ler bezeich­net sei­ne Kunst selbst als Dokumentarmalerei.”

Ich ver­stand, nach­dem ich mir eine Stun­de Zeit genom­men und alles in Ruhe betrach­tet hat­te, Schä­pel als den Ver­tre­ter einer Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit jen­seits jener “vor­ge­stanz­ten Guck­lö­cher”, vor denen Peter Hand­ke in sei­ner so immens wich­ti­gen Win­ter­li­chen Rei­se zu den Flüs­sen Donau, Save, Mora­wa, oder: Gerech­tig­keit für Ser­bi­en mehr als drin­gend gewarnt hat.

Schä­pel nimmt wahr, wie man auch wahr­neh­men kann. Er behaup­tet in und mit kei­nem sei­ner Bil­der, daß man nur so und nicht anders wahr­neh­men dür­fe. Er hängt neben den Sek­ten­selbst­mord in Jones­town ein Bild über das Son­nen­wun­der und die Mari­en­er­war­tung in Herolds­bach, 1949.

Man sieht also einen Lei­chen­tep­pich neben einer Hoff­nungs- und Neu­gier­men­ge, bei­de Gemäl­de schwarz­weiß und ein wenig pas­tel­lig, sel­be Grö­ße, die einen aus Wahn tot, die ande­ren  – was jetzt: auch ein wenig wahn­haft oder doch nur gläu­big und man­che auf ein Sen­sa­ti­ön­chen aus? Jeden­falls: stark.

Hier ist der Link zur Inter­net­sei­te der Gale­rie, ganz unten ist eine Tele­fon­num­mer ange­ge­ben, 0162 4359461, unter der man auch für außer­halb der Öff­nungs­zei­ten (Fr-Sa 15–19 Uhr) einen Ter­min ver­ein­ba­ren kann. Als ich anrief, hat­te ich Glück: Es waren sowie­so Besu­cher ange­kün­digt, ich konn­te mit rein­rut­schen. Viel­leicht kann man sogar erfra­gen, ob der Künst­ler noch ein­mal vor Ort sein wird. Ich hat­te da kein Glück.

– –

Gro­ße Freu­de berei­tet uns die Arbeit an unse­rer Lis­te der hun­dert Roma­ne, die wir auf die Jah­re von 1924 bis 2024 set­zen und der Lis­te ent­ge­gen­stel­len, die der SPIEGEL vor zwei Wochen ver­öf­fent­licht hat. Wir klim­per­ten die­se Lis­te im Rah­men des Pod­casts mit Chris­toph Berndt durch, in der letz­ten Vier­tel­stun­de, hier der Link zum Nachhören.

Leh­nert, Kositza, ein Lite­ra­tur­ex­per­te unter unse­ren Lesern und ich sind fast fer­tig mit der Zusam­men­stel­lung. Wir wer­den in vier Etap­pen ver­öf­fent­li­chen: von 1924 bis 1932, von 1933 bis 1945, von 1946 bis 1989 und von 1990 bis heu­te. Man­che Jah­re sind gera­de­zu über­frach­tet, ande­re dürr. Aber wir füll­ten jedes.

– –

(Ergän­zun­gen, Fund­stü­cke und kri­ti­sche Anmer­kun­gen rich­ten Sie bit­te an [email protected]. Ich wer­de aus­brei­ten, was sich ansammelt.)

– – – – –

Sams­tag, 19.Oktober

Kositza und ich waren auf der Buch­mes­se in Frank­furt. Dort sind wir jedes Jahr für einen Tag, seit wir kei­nen eige­nen Stand mehr betreiben.

Nach den prä­gen­den Mes­sen von 2017 und 2018 (als wir mit weni­gen Qua­drat­me­tern die Bericht­erstat­tung domi­niert hat­ten) waren wir in eine Sack­gas­se abge­scho­ben wor­den – es lohn­te sich danach nicht mehr, nicht die Zeit, nicht das Geld, und vor allem paß­te es uns nicht, am Kat­zen­tisch gedul­det zu sein.

Über­haupt die­se Mes­se: Vor zwan­zig Jah­ren noch qualm­te man mit Gün­ter Maschke und Lorenz Jäger die Stän­de voll und ging in min­des­tens vier Hal­len auf zwei Ebe­nen durch Gas­sen vol­ler Leben. Über­all ver­hock­te Exis­ten­zen, die fürs Buch alles gaben, ob als Ver­le­ger, Autor, Buch­händ­ler oder Rezensent.

Aber jetzt? Mit Müh und Not sind es drei Stock­wer­ke, die Gän­ge zu breit, die Stän­de zu flä­chig, lau­ter Aus­stel­ler dabei, die nichts Ernst­haf­tes mit Büchern vor­ha­ben: Län­der­ver­tre­tun­gen, poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen, die Bun­des­bank … Alles wirkt, als sei es egal und gehe sowie­so zu Ende.

Jeden­falls: Kositza hat­te sich bereits online akkre­di­tiert, ich selbst noch nicht, denn mei­ne Nei­gung, an staats­geld­ge­stütz­ten Stän­den ent­lang­zu­schlen­dern und staats­geld­ge­stütz­te Bücher “unab­hän­gi­ger” Ver­la­ge zu begut­ach­ten, hielt sich in Gren­zen. Aber man fährt dann doch los, um zu schau­en und viel­leicht doch etwas auf­zu­stö­bern, das man im Netz nicht fin­den würde.

Ankunft also, Gang zum Akkre­di­tie­rungs­schal­ter im Mes­se­turm, prä­pa­riert mit der jüngs­ten Sezes­si­on und dem Per­so­nal­aus­weis; aber wie der jun­ge Mann mei­nen Namen ein­tipp­te, plopp­te es auf, und das Gesicht vor dem Bild­schirm zeig­te den Aus­druck dis­kre­ter Panik.

Der Sach­be­ar­bei­ter am Nach­bar­bild­schirm wur­de im sel­ben Moment auf­merk­sam und unter­brach sei­ne Arbeit. Er trat hin­ter sei­nen Kol­le­gen, ein Blick, dann ver­schwand er in einem Räum­chen, um zu tele­fo­nie­ren. Man signa­li­sier­te mir, daß es einen Moment dau­ern kön­ne und daß man nun ande­re Anfra­gen bear­bei­ten werde.

Wie lan­ge dau­ert es, bis man begreift, daß es sich nicht um einen tech­ni­schen Vor­gang, son­dern um eine Maß­nah­me han­del­te, die es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht gab, jetzt aber schon? Als ich nach fünf Minu­ten frag­te, ob es Pro­ble­me gebe, sag­te man mir, daß ich eine von knapp zwan­zig Per­so­nen sei, deren Name auf einer “Watch-Lis­te” ste­he und über deren Zutritts­ge­neh­mi­gung zur Mes­se nun die Mes­se­lei­tung ent­schei­de. Dies kön­ne dauern.

Kositza zog los, ich war­te­te. Lei­der muß ich ein­ge­ste­hen, daß ich in sol­chen Lagen nicht zu den­je­ni­gen gehö­re, die sofort zu fil­men, zu kom­men­tie­ren und zu kon­fron­tie­ren begin­nen. Natür­lich hät­te man einen Skan­dal dar­aus machen kön­nen, und viel­leicht wäre es das bes­te gewe­sen, auf der Hacke umzu­dre­hen und kund­zu­tun, daß man sich ganz sicher nicht von jeman­dem auf eine spe­zi­el­le­re Wei­se über­prü­fen las­se, weil man eine Bücher­schau besu­chen wolle.

Und so lehnt man dann so läs­sig wie mög­lich (in mei­nem Fall also: null) an einer Säu­le und beob­ach­tet den Mit­ar­bei­ter dabei, wie er alle paar Minu­ten sein Han­dy checkt, um zu sehen, ob er mir eine Pres­se­kar­te aus­stel­len dür­fe oder nicht. Und ich sah ihm an (ich sah es ihm wirk­lich an), daß er mir eine Ableh­nung erst dann signa­li­sie­ren wür­de, wenn er zuvor ein paar Sicher­heits­leu­te her­an­ge­wun­ken hätte.

Aber dann ein erleich­ter­tes Win­ken: ich dür­fe. Rasch druck­te er aus, nahm mir sogar das Fal­ten auf die Scan­grö­ße für den Ein­laß ab, ent­schul­dig­te sich für die Umstän­de und über­hör­te mei­ne Fra­ge, ob man die­se Watch-Lis­te irgend­wo ein­se­hen kön­ne, also viel­leicht auch inof­fi­zi­ell. Nur dies sag­te er eben: Es sei­en knapp zwan­zig Namen.

Die Stun­den bis zum Abend: gedul­de­ter Gang. Erst am spä­ten Nach­mit­tag wur­den die Bücher wie­der inter­es­san­ter. Zuvor war alles über­la­gert von Gedan­ken und vom Ver­such, durch Zuhil­fe­nah­me einer jener belieb­ten Denk­fi­gu­ren mit der eige­nen Rol­le zurecht­zu­kom­men: Dadurch, daß die Lei­tung der Buch­mes­se über mei­ne blo­ße Anwe­sen­heit aus der Lage her­aus ent­schied, habe sie sich “zur Kennt­lich­keit ent­stellt” – wie zuvor schon die Thü­rin­ger Land­tags­ver­wal­tung, der Ver­fas­sungs­schutz und Spie­gel TV.

“Zur Kennt­lich­keit ent­stellt” – was für eine Phra­se! Als ob das irgend­ei­ne Sau inter­es­sier­te! Und es war ja dann auch so, als mir der Herr Ham­me­leh­le vom SPIEGEL über den Weg lief und frag­te, was ich denn auf der Buch­mes­se such­te. Ich sag­te, daß ich mir Autos anschau­en wol­le, was auch sonst, und ob er wis­se, wo es wel­che gebe. Dann erzähl­te ich ihm die Ein­laß-Geschich­te. Sei­ne Ant­wort war ent­waff­nend: Er gra­tu­lier­te mir, denn offen­sicht­lich hät­te ich es ja doch geschafft.

Ent­spann­ter kann man es nicht sehen, und es ist alles in Ord­nung. Aber zu gern wüß­te ich, wer sonst noch drauf­stand auf die­ser Liste.

– –

Mei­ne Schil­de­rung über die sonn­täg­li­che Heim­su­chung durch die drei Fra­ge­zei­chen von Spie­gel TV (sie­he unten, 10. Okto­ber) hat vie­le Leser amü­siert. Inter­es­sant ist, daß die­je­ni­gen, die ich seit drei­ßig und mehr Jah­ren ken­ne, das Gan­ze sar­kas­tisch lasen. So mein­te ich es auch. Hier das, was mir einer aus Wolf Bier­manns Sta­si-Bal­la­de schickte:

Mensch­lich fühl′ ich mich verbunden
Mit den armen Stasi-Hunden
Die bei Schnee und Regengüssen
Müh­sam auf mich ach­ten müssen
Die ein Mikro­phon einbauten
Um zu hören all die lauten
Lie­der, Wit­ze, lei­sen Flüche
Auf dem Klo und in der Küche
Brü­der von der Sicherheit
Ihr allein kennt all mein Leid

– – – – –

Don­ners­tag, 10. Oktober

Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag rief mich die Jüngs­te an die Tür. Es sei einer vom SPIEGEL da, der mich spre­chen wol­le. Es war gegen 10, man kam von der Früh­mes­se, man beginnt gera­de die aus­führ­li­chen, ruhi­ge­ren Brie­fe zu lesen und zu schrei­ben – und weiß genau, daß man dem Herrn vom SPIEGEL vor drei Tagen absa­gen ließ, genau­er: daß man nie zuge­sagt, son­dern ein Gespräch rund­weg abge­lehnt hat­te, und zwar mit deut­li­chen Worten.

Nun steht er unten vor der Haus­tür, also auf mei­nem Grund und Boden, zwi­schen den am Vor­tag geern­te­ten Hok­kai­do-Kür­bis­sen, die zum Trock­nen aus­lie­gen, und dem Wurf klei­ner Kat­zen, deren Neu­gier und Sorg­lo­sig­keit mit jedem Tag char­man­ter wird.

Man öff­net die Tür und hat gleich das Objek­tiv einer Kame­ra im Gesicht hän­gen, hört die Ham­pel­mann­fra­ge, die man noch nie beant­wor­tet hat – aber die Fra­ge­stel­ler wach­sen nach wie Ohren­haa­re: Wie groß der Ein­fluß auf die rechts­extre­me Sze­ne in Deutsch­land sei. Drei Mann hoch rück­ten die an, einer hält das gro­ße Mikro­fon, das immer so aus­sieht, als hät­te man eine graue Kat­ze ohne Kopf über ein Nudel­holz gezo­gen. Der größ­te stemmt die Kame­ra, der Zap­pel­phil­ipp stößt Wor­te aus.

Als ich mich hin­ter den Tür­rah­men zurück­zie­he, um der Auf­nah­me zu ent­ge­hen, stößt der Gro­ße nach und tritt um ein Haar auf eine Kat­ze, die geti­ger­te, die vor Neu­gier­de platzt und vom SPIEGEL noch nichts weiß.

Kame­ra aus, run­ter vom Hof, Anstand ler­nen, aber auch danach nicht wie­der­kom­men, vor allem nicht am Sonn­tag, und von Mon­tag bis Sams­tag schon gar nicht.

Zwei Stun­den spä­ter sind drei Anru­fe auf­ge­lau­fen: Man sehe Leu­te durchs Dorf streu­nen und jeden anquat­schen. Es ist halt wie immer. Aber als ich kurz vor Mit­tag mit den Mut­ter­zie­gen an der Lei­ne und den Dies­jäh­ri­gen in frei­er Freu­de über den Hof zur Wei­de zie­hen will, ste­hen die drei Fra­ge­zei­chen wie­der fil­mend an der Mau­er und has­peln über die Dorf­stra­ße hinterher.

Was mache ich mit den Kerls? Soll­te man coo­ler sein, Dop­pel­korn aus­schen­ken, schön rotz­frech dum­mes Zeug reden, unver­wert­ba­re Sül­ze? Kann ich nicht. Bin ich nicht. Das ist es näm­lich, in nuce: Die Haut ist NICHT dicker gewor­den, und mir macht die­ses Spiel kei­nen Spaß, ich bin nicht Krah und nicht Sellner.

Also dre­he ich um, zer­re die Zie­gen hin­ter mir her und beschimp­fe das Trio, das mitt­ler­wei­le die Stra­ße blo­ckiert. Mir rutscht dabei der Ver­gleich “wie die Schmeiß­flie­gen” her­aus, also, falls das mal online geht: Das ist kei­ne KI, so bin ich wirk­lich – WIRKLICH erzürnt über Typen, die am Sonn­tag Repor­ter spie­len und nicht wis­sen, daß selbst Rechts­extre­me einen Ruhe­tag sehr zu schät­zen wissen.

– –

Ges­tern lief im ZDF eine Doku­men­ta­ti­on über die Früh­pha­se der AfD. Hans-Olaf Hen­kel und Thi­lo Sar­ra­zin kom­men zu Wort, eben­so Köl­mel, Gen­te­le, Adam und noch ein paar, die nicht mehr mit­ma­chen, weil ihnen das, was kam, zu radi­kal wurde.

Ich kann mich nicht ent­schei­den, wer den grö­ße­ren Unfug erzählt, Hen­kel oder Sar­ra­zin. Der eine behaup­tet, Höcke habe deut­li­che Anklän­ge an den Natio­nal­so­zia­lis­mus, der ande­re zer­mürbt sich dar­über, daß man mit­ge­hol­fen habe, ein Mons­ter zu erschaf­fen, und nun wer­de man es nicht mehr los.

Mit­ten­drin Höcke und ich, mons­trös hin­ter Schreib­ti­schen und auf Tri­bü­nen. Jus­tus Ben­der von der FAZ darf uns deu­ten, er sitzt neu­tral und wie ein Kon­fir­mand mit Halb­glat­ze auf Stahl­rohr­mö­beln und weiß nicht recht. Ich mei­ne, man sieht ihm die Wun­de noch immer an, die wir ihm schlu­gen, als wir den Ver­kauf des Ver­lags Antai­os an einen Loki-Ver­lag vor­täusch­ten und dem spek­ta­kel­gei­len Ben­der die­se Sto­ry auf­ben­der­ten. Er brach­te sie brüh­warm zur Mes­se­er­öff­nung 2018 – und spür­te hilf­los über Stun­den, wie ihm die­se Brü­he unters Hemd rann …

Hin­ge­gen Mela­nie Amann, SPIEGEL: aus­ge­reift, bedeu­tungs­er­le­digt. Hier tut jemand so, als habe er ganz, ganz früh begrif­fen, wie per­fi­de es von mir war, dar­über nach­zu­den­ken, wie man die Lucke-Hen­kel-AfD kapern und auf rechts dre­hen könn­te. Sie hat­te das wahr­ge­nom­men und berich­tend nicht ver­hin­dern kön­nen. Der SPIEGEL – eine Platz­pa­tro­ne; Frau Amann – eine, die alles gab.

Wißt Ihr was? Ihr müßt damit leben, muß ich auch: Ihr damit, daß Ihr mit Eurer Medi­en­macht ein Mons­ter erschaf­fen habt, obwohl es nur um die sehr nahe­lie­gen­de und sehr nor­ma­le Ergän­zung des Par­tei­en­spek­trums ging; ich damit, daß, egal wer am Sonn­tag vor der Tür steht und Fra­gen stellt, am Ende immer das­sel­be her­aus­kommt – näm­lich etwas, das die­je­ni­gen, die in den kom­men­den Mona­ten kapie­ren wer­den, war­um es die AfD geben muß, davon abschre­cken soll, sie für nor­mal zu halten.

Es ist ein Thea­ter­stück, mehr nicht mehr. Es wird noch fünf­zig­mal gege­ben wer­den, die Rol­len sind ver­teilt, die Ver­se sim­pel, und es ist völ­lig egal, ob ich etwas umzu­schrei­ben oder noch ein­mal in ande­ren Wor­ten genau­er zu erklä­ren versuche.

Hier kann man sich den Film anschauen.

Es war übri­gens Nico­le Diek­mann, die mich davon zu über­zeu­gen ver­such­te, es wür­de dies­mal, für das ZDF, anders sein, ganz anders als sonst. In einer letz­ten Mail, die sie schrieb, um doch noch Auf­nah­men zu erwir­ken, unter­lief ihr ein Feh­ler. An ihrer Mail hing der Ver­lauf einer Kor­re­spon­denz mit Jan Loren­zen, der den Film mach­te und ver­ant­wor­tet. Das war aufschlußreich.

– –

Es gibt, ich wie­der­ho­le mich seit Mona­ten, die rüh­ren­de kon­ser­va­ti­ve Über­zeu­gung, die Rea­li­tät wer­de sich gegen die Ideo­lo­gie durch­set­zen. Ich hal­te die­se The­se für ein sehr fahr­läs­si­ges “Hän­de-in-den-Schoß”. Alle mei­ne Erfah­run­gen, gera­de auch die bei­den oben geschil­der­ten, ver­wei­sen auf das Gegenteil:

Die Pro­pa­gan­da ist gegen­über der Rea­li­tät sehr lan­ge und immer wie­der aufs Neue wirk­mäch­tig. Erzäh­lun­gen, Ver­dre­hun­gen, Lügen, vor allem Bil­der, Sze­nen, unter­ge­leg­te Musik kön­nen die Wahr­neh­mung der Rea­li­tät ver­ne­beln und ver­hin­dern oder die Schlüs­se, die zu zie­hen wären, blockieren.

Ich bin dem Sen­der Auf1 und sei­nem Kopf, Ste­fan Magnet, dank­bar, daß wir über die­ses The­ma aus­führ­lich spre­chen konn­ten. Das Video ist seit eini­gen Tagen ver­füg­bar – hier ist es. Gegen­öf­fent­lich­keit, Gegen­pro­pa­gan­da ist in ihrer Bedeu­tung kaum zu über­schät­zen. Die Bür­ger, Wäh­ler, Leser brau­chen eine zwei­te Erzählung.

– – – – –

Don­ners­tag, 3. Oktober

Der 3. Okto­ber, der an den Fest­akt zur Ver­ei­ni­gung zwei­er deut­scher Teil­staa­ten erin­nern soll, wird gegen den 9. Novem­ber, den Tag des Mau­er­falls, emo­tio­nal immer den Kür­ze­ren ziehen.

Das liegt nicht nur dar­an, daß gelenk­te Freu­de gegen­über unge­zü­gel­ter Begeis­te­rung stets wirkt wie eine frei­wil­li­ge Über­ga­be neben einem auf­ge­ramm­ten Burgtor.

Es ist aber noch etwas ande­res: Am 3. Okto­ber schwan­te es den Bür­gern der DDR längst, daß von ihrer Art zu wirt­schaf­ten und zu gewich­ten kaum etwas übrig blei­ben wür­de. Und mehr: daß es dem Wes­ten wohl gestat­tet sei, dem Osten etwas vor­zu­ma­chen, und zwar im dop­pel­ten Wortsinne.

Es gibt mitt­ler­wei­le eine Rei­he erhel­len­der Bücher zum The­ma einer eigen­stän­di­gen und mehr und mehr selbst­be­wuß­ten Ost­iden­ti­tät. Von die­sem Selbst­be­wußt­sein konn­te am 3. Okto­ber 1990 kei­ne Rede sein. Ich ver­wei­se immer wie­der auf das Buch Das Licht, das erlosch von Ste­phen Hol­mes und Ivan Kras­tev. Die­ses wich­ti­ge Werk ist vor fünf Jah­ren erschie­nen, und sei­ne The­sen sind natür­lich längst wei­ter­ge­dacht wor­den. Zu nen­nen wäre Post­trau­ma­ti­sche Sou­ve­rä­ni­tät aus der Feder von Kuisz und Wigu­ra – ich habe es für die 121. Sezes­si­on rezensiert.

Man kann den Haupt­ge­dan­ken von Hol­mes und Kras­tev auf zwei Begrif­fe brin­gen: Aus der Nach­ah­mungs­be­geis­te­rung der­je­ni­gen, die für die Wen­de gestrit­ten hat­ten, wur­de nach rund andert­halb Jahr­zehn­ten ein Nach­ah­mungs­ver­bot – impli­zit aus­ge­spro­chen und expli­zit umge­setzt von den­je­ni­gen, die in den Län­dern des ehe­ma­li­gen Ost­blocks ver­blie­ben waren und nun dar­an gin­gen, für die­je­ni­gen Poli­tik zu machen, die sich Mühe gege­ben hat­ten und ent­täuscht wor­den waren.

Ich wer­de in einer Woche wie­der über Iden­ti­täts­fra­gen refe­rie­ren und dabei genau auf die­se Abläu­fe Bezug neh­men: wie also aus einer ehr­li­chen Nach­ah­mungs­be­geis­te­rung eine aus­sichts­lo­se Nach­ah­mungs­an­stren­gung, dann eine ers­te Nach­ah­mungs­skep­sis und ein mani­fes­ter Nach­ah­mungs­un­mut gewor­den sind, und wie das am Ende umschlug in eine Bestands­auf­nah­me des­sen, was die­je­ni­gen, die sys­tem-mora­lisch ohne eige­nes Ver­dienst in der Vor­hand waren, eigent­lich alles nicht begrif­fen haben – seit bald 35 Jah­ren nicht begriffen.

Aus die­ser Bestands­auf­nah­me lei­ten sich ein Ost­stolz, eine Ost­iden­ti­tät ab, die Leh­nert und ich lie­ber die Iden­ti­tät der deut­schen Mit­te nen­nen. Sie ist immer deut­li­cher wahr­nehm­bar. Sie ver­schaff­te sich zuletzt sicht­bar Aus­druck in den Ergeb­nis­sen der drei Land­tags­wah­len in Thü­rin­gen, Sach­sen und Brandenburg.

Als ich heu­te am Vor­mit­tag für eine hal­be Stun­de in der Lau­be eines Nach­barn saß, um für jedes Bein einen Vod­ka zu kip­pen, stie­ßen wir nicht auf die Wen­de an, son­dern auf “das jan­ze Deutsch­land” und auf “Hög­ge”. Alle stie­ßen an, kei­ner fand’s komisch, kei­ner hat Das Licht, das erlosch gele­sen, aber alle wis­sen sehr genau, was mit Nach­ah­mungs­un­mut gemeint ist und sagen ohne Fuß­no­ten das­sel­be, was die Autoren kom­pli­ziert aus­drü­cken: daß näm­lich das, was wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren beschert beka­men, nicht erhofft wur­de, als man die Mau­er ein­riß und sich dem Wes­ten anschloß.

Wer von der Arro­ganz, von der hier die Rede ist, das Neu­es­te ver­neh­men will, kann im Fol­gen­den bei Minu­te 11.45 ein­stei­gen und ein biß­chen zuhö­ren. Sol­che Reden sind für das ost‑, das mit­tel­deut­sche Gemüt gera­de­zu Identitätstorpedos:

– – – – –

Frei­tag, 23. August

Ges­tern Abend war ich mit mei­nem Sohn im Land­tags­ge­bäu­de in Erfurt. Simon Kau­pert (Film­kunst­kol­lek­tiv) prä­sen­tier­te dort sei­nen Film über Björn Höcke. Er dau­ert 100 Minu­ten und trägt den Titel “Der lan­ge Anlauf”. Kau­pert, von dem Initia­ti­ve, Dreh­buch und Schnitt stam­men, durf­te Höcke andert­halb Jah­re lang beglei­ten und auf Archiv­ma­te­ri­al aus der Früh­zeit der AfD und von den Auf­trit­ten Höckes aus die­ser Zeit zugreifen.

Fünf Weg­ge­fähr­ten und poli­ti­sche Publi­zis­ten äußern sich inner­halb einer beson­de­ren Ver­suchs­an­ord­nung über Höcke als Per­sön­lich­keit und Poli­ti­ker, über den Weg der AfD und die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Höcke, über sei­ne Auf­ga­be und die Hoff­nung, die man mit ihm ver­knüpft. Zu Wort kom­men Dani­el Hasel­off (der in den Thü­rin­ger Land­tag ein­zie­hen wird), Bene­dikt Kai­ser, Ste­fan Möl­ler (Par­la­men­ta­ri­scher Geschäfts­füh­rer der AfD-Frak­ti­on in Thü­rin­gen), Robert Tes­ke (Büro­lei­ter Höckes) und ich selbst.

Die­se Stel­lung­nah­men, Erzäh­lun­gen und Ein­schät­zun­gen durch­zie­hen den Film als zwei­te von vier Erzähl­ebe­nen. (Die ers­te, die Grund­la­ge, bil­den natür­lich die Auf­nah­men, die Höcke als Poli­ti­ker, Red­ner, Mode­ra­tor, Den­ker zeigen.)

Die drit­te Ebe­ne besteht aus Annä­he­rungs­auf­nah­men am Kyff­häu­ser: Sie zei­gen den schla­fen­den Bar­ba­ros­sa und das aus dem Berg rei­ten­de Pferd mit Kai­ser Wil­helm im Sat­tel, und sie sug­ge­rie­ren, daß wir auf etwas war­ten könn­ten, näm­lich durch­aus auf “den Mann, der hilft” (Ste­fan George).

Das ist stim­mig: Kau­pert greift auf, was zugleich vie­le erwar­ten und etli­che ver­stört, wenn sie an Höcke den­ken. Robert Tes­ke bringt das gegen Ende des Films auf den Punkt, wenn er von der über­bor­den­den Heils­er­war­tung spricht, die Höcke ent­ge­gen­ge­bracht wird von Anhän­gern und Wäh­lern, und er berich­tet, wie wich­tig es sei, die­se Leu­te zu brem­sen und ihnen den Unter­schied zwi­schen Guru und Poli­ti­ker zu verdeutlichen.

Die­ses Rau­nen­de wird des­halb von einer vier­ten Ebe­ne abge­fan­gen und inter­pre­tiert: Wir sehen in meh­re­ren Abschnit­ten die Ent­ste­hung eines Ölge­mäl­des, das sehr zöger­lich, dann aber bestimmt ange­gan­gen und fer­tig­ge­stellt wird.

Kau­pert und sein Film­kunst­kol­lek­tiv hat­ten den Abend als Kino­abend insze­niert, mit Ein­tritts­kar­ten, Film­pla­ka­ten, mit Pop­corn und Geträn­ken, und es war wirk­lich gro­ßes Kino. Der Film strahlt in sei­ner Mach­art und allei­ne schon durch sein Vor­han­den­sein nach anstren­gen­den Mona­ten Selbst­be­wußt­sein aus.

Die Zugän­ge zu Par­tei­ta­gen, Bür­ger­dia­lo­gen und Vor­trä­gen sind aus der Per­spek­ti­ve der Mit­ar­bei­ter und Beglei­ter gefilmt, das Lau­te, Umring­te, Begeis­ter­te, Anstren­gen­de, Demü­ti­gen­de (in Hal­le, vor Gericht) und Pro­fes­sio­nel­le – das alles kommt ins Bild, und das ist eine beson­de­re Form des bild­li­chen Erzäh­lens, denn es gibt im Film kei­nen über­ge­ord­ne­ten Spre­cher, kei­nen Redak­teur. Und: Kaum je hat jemand Höcke bei der Arbeit im Gar­ten, am Holz, in sei­nem Büro und unter­wegs auf Feld­we­gen fil­men und zei­gen dürfen.

Höcke dank­te nach der Auf­füh­rung dem Fil­me­ma­cher Kau­pert, und ich will das ver­stär­ken: Kau­pert ist ein sel­te­ner Vogel. Er ver­fügt über die mitt­ler­wei­le rare Eigen­schaft der Begeis­te­rungs­fä­hig­keit für eine Sache, die aus der Idee zur Form fin­den muß und deren Ver­wirk­li­chung weit wich­ti­ger ist, als die Fra­ge danach, ob am Ende mate­ri­ell etwas dabei her­aus­springt. Kau­pert woll­te die­sen Film machen, punkt.

Ist der Film zu lang? Wel­che Rol­le spie­len die musi­ka­li­schen Unter­tö­ne? Ver­steht, wer nicht so eng dran ist an Höcke, wor­um es jeweils geht und war­um das nun wich­tig ist und zum Gesamt­bild gehört, das von die­sem Mann und Men­schen gezeich­net wird?

Ich sprach mit man­chem Zuschau­er über die­se Punk­te, hat­te den Film ja auch schon gese­hen, in einer vor­läu­fi­gen Fas­sung, und selbst man­ches ange­merkt. Und ich kann nur sagen: Schau­en Sie sich die­se Arbeit an, ganz, Details noch ein­mal, und dann notie­ren Sie bit­te, was Sie zu sagen haben, und schi­cken es mir zu: [email protected], denn ich will sam­meln und ord­nen und ver­öf­fent­li­chen, und zwar etwas von dem, das die­se Leis­tung wür­digt und aus der Distanz zu erken­nen glaubt, was man anders sieht, als ich es sah und aufschrieb.

Und Lob, Leu­te, Lob. Denn: Gab es so etwas schon ein­mal, so ganz ohne Staats­geld und fet­tes Team? Eben. Des­halb noch dies: Unter­stüt­zen kann man das Film­kunst­kol­lek­tiv, indem man pro­jekt­be­zo­gen über­weist oder – noch bes­ser – eine Dau­er­för­de­rung abschließt, also monat­lich einen Betrag über­weist. Für bei­des gibt es hier For­mu­la­re und Knöpf­chen. Und nun: Film ab!

– – – – –

Mitt­woch, 14. August

Jetzt sit­zen wir alle vor den Bild­schir­men und ver­schaf­fen uns einen Über­blick zur Auf­he­bung des Com­pact-Ver­bots, nicht wahr? Wir sol­len fei­ern, schreibt Mar­tin Sell­ner. Er über­nimmt die­sen Auf­ruf von Jür­gen Elsäs­ser, dem Grün­der und Chef­re­dak­teur des Com­pact-Maga­zins, den man hier mit sei­ner Frau und einem sei­ner Mit­ar­bei­ter boden­stän­dig auf einem Sofa sit­zen sieht, froh dar­über, daß es nun zunächst wei­ter­ge­hen darf mit sei­nem Heft.

Elsäs­ser hat allen Grund, sich zu freu­en und sehr erleich­tert zu sein. Ver­mut­lich kann sich das Aus­maß die­ser Erleich­te­rung, die­ser Freu­de über die Mög­lich­keit, nun doch noch wei­ter­ma­chen zu dür­fen, nur der­je­ni­ge vor­stel­len, der eben­falls eine Zeit­schrift oder einen Ver­lag grün­de­te und ihn als Lebens­werk begreift und lebt.

Ich war in den ver­gan­ge­nen Wochen mehr als ver­är­gert über Stim­men aus unse­ren Rei­hen, die ihren Äuße­run­gen über die Aus­he­be­lung der Pres­se- und Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit eine Distan­zie­rungs­no­te vor­an­stell­ten. Ist es nicht genau das, was solch ein Ver­bot bezweck­te, unter ande­rem: die Sor­tie­rung der Sze­ne in fein­sin­nig und schmie­rig, dif­fe­ren­zier­ter und grö­ber durch die Sze­ne selbst?

Als ob nur das eine zu einem irgend­wie gear­te­ten Erfolg füh­ren kön­ne, sogar bes­ser ohne das ande­re! Als ob es einen Grund in Elsäs­sers Schreib- und Redak­ti­ons­wei­se gäbe, der ein Ver­bot recht­fer­ti­gen oder wenigs­tens nahe­le­gen würde!

Sym­bol­po­li­ti­sche Akte, Über­grif­fe, Straf­ak­tio­nen kön­nen zwar nicht jeden, aber doch nicht weni­ge von uns tref­fen. Daß in sol­chen Momen­ten vor­be­halts­lo­se Ver­tei­di­gung der eige­nen Linie die ein­zig rich­ti­ge Reak­ti­on sein muß, soll­te längst gelernt wor­den sein. Aber wir sahen und merk­ten uns, daß es so nicht war und ist.

Fei­ern also? Nein, Leu­te. Elsäs­ser soll fei­ern, er wird es mit einem Schau­er tun, der ihm über den Rücken läuft, wenn er dar­an denkt, was wäre, hät­te er das Eil­ver­fah­ren auf gan­zer Linie ver­lo­ren. Es ist doch eine die­ser Ent­we­der-oder-Lagen, in die man als älte­rer Herr nicht mehr kom­men möch­te: wei­ter­ma­chen dür­fen oder eben nicht. Also, fei­ert dort!

Wir fei­ern nicht, wir haben eine Gruß­nach­richt geschickt, und nun schau­en wir uns das Gan­ze an und den­ken dar­über nach. Eine ers­te juris­ti­sche Ein­schät­zung hat Alex­an­der Wal­l­asch auf sei­ner Sei­te ver­öf­fent­licht, und zwar von Ulrich Vos­ger­au, der zum Anwalts­team gehört. Vos­ger­au spricht von einem “ambi­va­len­ten Sieg”, was er dar­un­ter ver­steht und war­um ihn die Urteils­be­grün­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts über­rascht hat, kann man hier nach­le­sen.

Das hat alles sei­ne Berech­ti­gung und ist unter den gege­be­nen Umstän­den ein Maxi­mum. Aber es darf uns nicht dazu ver­lei­ten, den “Rechts­staat” zu fei­ern und in ihm einen Garant dafür zu sehen, daß letzt­lich doch alles nach demo­kra­ti­schen Spiel­re­geln und mit ein­klag­ba­rer Fair­neß ablaufe.

Es ist nicht so.

1. In Thü­rin­gen, Sach­sen und Bran­den­burg kämpft eine tap­fe­re Par­tei gegen die in Anschlag gebrach­ten Staats­mit­tel um jede Stim­me; der Ver­fas­sungs­schutz ist mit tau­sen­den Mit­ar­bei­tern zu einer Spit­ze­l­in­sti­tu­ti­on auf­ge­baut wor­den, die Ergeb­nis­se lie­fern muß. Alle Ein­stu­fun­gen, Mar­kie­run­gen, Infil­trie­run­gen und Ver­leum­dun­gen durch die­se Behör­de sind wei­ter­hin in Kraft, in Pla­nung, in vol­lem Gan­ge, sys­te­misch vor­ge­zeich­net. Dazu hat ja Mathi­as Brod­korb alles gesagt.

2. Nan­cy Fae­ser wird nicht zurück­tre­ten, sie wird im kom­men­den Jahr abge­wählt wer­den, das ist alles, was ihr wider­fah­ren wird. Sie wird nicht als Pfu­sche­rin, als anti­fa­schis­ti­sche Erfül­lungs­ge­hil­fin in die Geschich­te der BRD ein­ge­hen, son­dern gar nicht. Ein Nie­mand wird in Bio­gra­phien ein­ge­grif­fen und unter guten Leu­ten Ver­hee­run­gen ange­rich­tet haben, ohne jemals dafür zur Rechen­schaft gezo­gen wor­den zu sein. So ist unser gan­zer Staat: ein Para­de­bei­spiel für die Bana­li­tät der Funk­tio­nä­re, die selbst juris­ti­sche Klat­schen schul­ter­zu­ckend hin­neh­men und sich selbst nie infra­ge stellen.

3. Es bleibt auch nach dem Teil­sieg im Eil­ver­fah­ren die gru­se­li­ge Über­tra­gung des Ver­eins­rechts auf ein pri­va­tes Unter­neh­men. Das Gericht stell­te aus­drück­lich fest, daß es den Ver­eins­cha­rak­ter der GmbH Elsäs­sers eben­falls erken­ne. Eine sol­che Auf­fas­sung wäre, wenn sie im Haupt­sa­che­ver­fah­ren bestä­tigt wür­de, ein ähn­li­cher Damm­bruch wie die Bewer­tung des eth­ni­schen Volks­be­griffs als ver­fas­sungs­feind­li­che Meinung.

4. Und die gro­ßen Blät­ter und öffent­lich-recht­li­chen Häu­sern sind auf Fae­ser-Linie, immer noch. Erin­nern wir uns an das Jubel­ge­wit­ter, das sich ent­lud, als Fae­ser ver­kün­de­te, was die­se da alle erhofft hat­ten: end­lich ohne anstren­gen­den Argu­men­te ein­fach ver­bie­ten kön­nen! Nun geht es viel­leicht doch nicht so ein­fach, aber das führt nicht zu Beschei­den­heit, son­dern nur zu Unwil­len gegen­über den Stüm­pern, die das verbockten.

5. So auch die Poli­ti­ker, die nicht der AfD ange­hö­ren: Sie grei­fen die Teil­re­vi­si­on des Com­pact-Ver­bots auf, um Fae­ser zu kri­ti­sie­ren, aber natür­lich nicht, um die eben auf­ge­lis­te­ten, grund­sätz­li­chen Fra­gen zu stel­len. Ihnen geht es allein dar­um, daß man das, was man tat, ein­fach bes­ser hät­te abdich­ten sol­len. Fae­sers Dilet­tan­tis­mus habe dem Kampf gegen rechts einen Bären­dienst erwiesen.

Was also bleibt, wenn die Gruß­nach­richt an Elsäs­ser ver­schickt und sich das weni­ge an Genug­tu­ung ver­flüch­tigt hat? Es bleibt das mie­se Wis­sen dar­um, daß Män­ner und Frau­en, die für Deutsch­lands Zukunft um etwas bes­se­res kämp­fen als das, was gera­de und seit Jahr­zehn­ten regiert, jeder­zeit abhän­gig wer­den kön­nen von den Ent­schei­dun­gen eines Sys­tems, das in der Hand der Geg­ner ist.

(Schrieb ich Geg­ner? Noch immer Gegner?)

– – – – –

Sonn­tag, 21. Juli

Wie schreibt man und was schreibt man, wenn alles gesagt ist? Wie führt man ein Tage­buch, wenn man des­we­gen nicht dazu kommt, weil man Brän­de aus­zu­tre­ten und sei­ne Sie­ben­sa­chen zu ord­nen hat, aus dem schlich­ten Grund, weil mor­gen die Uhr anders gestellt sein könnte?

Vie­le Zuschrif­ten und vie­le Gesprä­che, es waren auch Klug­schei­ßer dar­un­ter, und die Ant­wort, die mir ein hoher (also sehr hoher) Staats­be­am­ter auf mei­ne Fra­ge gab, die ich seit fünf Tagen stel­le, wenn ich Exper­ti­se erwar­te (näm­lich, ob es vor­stell­bar sei, daß auch wir ver­bo­ten wür­den), ist mein neu­er Lieb­lings­satz: “Was dach­ten Sie denn?”

Tja, dach­te ich da, ich dach­te mir das schon anders, damals, als wir mit­ten in der Nach­wen­de-Depres­si­on ein ehe­ma­li­ges Rit­ter­gut erwar­ben, das sonst kei­ner, also wirk­lich kei­ner haben woll­te, und mit der Reno­vie­rung und dem Auf­bau des Ver­lags, des Insti­tuts und der Zeit­schrift begannen.

Seit Diens­tag ver­gan­ge­ner Woche fech­ten nun die Juris­ten aus, ob Leu­te wie wir uns das hät­ten den­ken kön­nen, daß es nun so weit gekom­men sei mit der Ach­tung der Poli­tik vor dem Recht und vor allem vor dem Grün­dungs­my­thos der deut­schen Demo­kra­tie: der im Vor­märz erfoch­te­nen Pressefreiheit.

Ich ver­fol­ge die­se Fecht­übun­gen mit gro­ßem Nicht­ju­ris­ten­ver­stand, weil sie sich wie etwas exis­ten­ti­ell Inter­es­san­tes lesen. Unser Blog hat sich mit Tex­ten von Maxi­mi­li­an Krah direkt und von Thor v. Wald­stein grund­sätz­lich an die­sen Übun­gen beteiligt.

Das online-For­mat Frei­bur­ger Stan­dard hat umfas­send und nie­der­schmet­ternd auf Krah geant­wor­tet.

Mathi­as Brod­korb, Ver­fas­ser des so klu­gen, aber wahr­schein­lich wie­der­um wir­kungs­lo­sen Buches Gesin­nungs­po­li­zei im Rechts­staat? hat in der Ber­li­ner Zei­tung einer Poli­tik, die ihre Macht aus­spie­le, weil sie poli­tisch am Ende sei, ein sehr schlech­tes Zeug­nis aus­ge­stellt (hier lesen). Er schreibt als zum Publi­zis­ten gewor­de­ner ehe­ma­li­ger Minis­ter mit dem Unmut des­sen, der den Abbruch der Aus­ein­an­der­set­zung für falsch hält und der ein ande­res Kali­ber von Geg­ner wäre, wür­de er noch Poli­ti­ker sein.

Am Ende ist der inter­es­sier­te, exis­ten­ti­ell inter­es­sier­te Ver­le­ger nicht klü­ger als zuvor, schaut, daß er zurecht­kommt und zieht sich auf die Aus­gangs­the­se zurück, daß, wer im Com­pact-Ver­bot ein Pro­blem des Rechts­staats sehe, den Begriff des Poli­ti­schen verkenne.

Ansons­ten Gemüts­zu­stand daseins­ge­las­sen. Wenn ein­mal klar ist, daß kla­re Kri­te­ri­en nicht mehr vor­han­den sind, dann gilt der inne­re Kompaß. Haben wir uns etwas vor­zu­wer­fen? Aber nein!

– –

Der Vor­trag, den ich vor genau einer Woche zum Abschluß unse­res Som­mer­fes­tes hielt, ist auf You­Tube ver­füg­bar. Er wird in der Wahr­neh­mung zuge­spitzt auf die Aus­sa­ge, daß unser Volk ein Käl­te­bad drin­gend nötig habe und daß der Soli­da­ri­sche Patrio­tis­mus nur mit einem erzo­ge­nen, bis in die ein­fachs­ten Arbeits­be­rei­che hin­ein flei­ßi­gen Volk umzu­set­zen sei.

Ich bin ganz dafür, mit denen, die es nicht mehr aus eige­ner Kraft schaf­fen, soli­da­risch zu sein und ihr Lebens­not­wen­di­ges wür­dig abzu­si­chern. Jedoch ist die abschüs­si­ge Bahn bis dort­hin, wo es gar nicht mehr geht, eine ordent­lich lan­ge Strecke.

Thor v. Wald­stein notier­te in sei­nen oben bereits ver­link­ten The­sen zum Rechts­staat fol­gen­de Sätze:

Seit den 1960er Jah­ren wur­de die Idee des Rechts­staats all­mäh­lich über­la­gert durch das Dog­ma eines pater­na­lis­ti­schen Sozi­al­staats, des­sen Lebens­eli­xier dar­in besteht, den einen zu neh­men, um den ande­ren zu geben.

Die Herr­schaft eines sol­chen Umver­tei­lungs­staats grün­det dar­auf, einer in die Mil­lio­nen gehen­den Zahl von Ali­men­te­emp­fän­gern die Eigen­ver­ant­wor­tung für ihr Leben abzunehmen.

Wald­stein para­phra­siert Ernst Forsthoff:

Es gebe einen gefähr­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen der Geber­lau­ne von „Vater Staat“ und des­sen Macht­a­van­cen gegen­über einer Schar von Kin­dern, von denen er sich wünscht, daß sie nie erwach­sen werden.

Die­ser Befund ist stim­mig für jeden, der wahr­neh­men kann und an einem Werk­tag wäh­rend der Arbeits­zeit in einer belie­bi­gen deut­schen Stadt eine Stre­cke mit der U‑Bahn fährt oder Ein­blick in die “Lebens­ent­wür­fe” in eini­gen belie­bi­gen Dör­fern nimmt. Auch Sta­tis­ti­ken rei­chen hin, natür­lich, bloß sind sie nicht so augen­schein­lich frech.

Ein erzo­ge­nes Volk hin­ter geschlos­se­nen Gren­zen kann soli­da­risch sein und eine Lebens­si­cher­heit ver­brei­ten, die der Traum von Gene­ra­tio­nen war. Ein in immer wei­te­ren Tei­len uner­zo­ge­nes Volk, das auf­grund offe­ner Gren­zen über­rannt wird, darf gar nichts mehr umver­tei­len. Es muß in ein Käl­te­bad, und die­ses Bad muß das ers­te sein, in das hin­ein­plumpst, wer den Schritt über die Gren­ze setzt. Ent­we­der – oder.

Indes: Der Vor­trag war viel mehr als nur die­se Debatte.

– –

In die­sem Zusam­men­hang will ich kurz auf James David Van­ce hin­wei­sen, den Trump vor ein paar Tagen zu sei­nem Kan­di­da­ten für das Amt des Vize­prä­si­den­ten ernannt hat. Ich las die längst welt­be­rühm­te Hill­bil­ly Ele­gie von Van­ce gleich nach ihrem Erschei­nen, 2016, rezen­sier­te sie aber nicht, seltsamerweise.

Ich erin­ne­re mich dun­kel, daß ich schon damals mit Bene­dikt Kai­ser über den Sozia­lis­mus und soli­dar­pa­trio­ti­sche Kon­zep­te sprach und in man­chem dezi­diert wider­sprach, immer aus der War­te des­sen her­aus, der das Wort “unter­pri­vi­le­giert” eben­so für eine Begriffs­ver­ne­be­lung hält wie “rela­ti­ve Armut”. Das hin­der­te uns bei­de nicht dar­an, den Soli­da­ri­schen Patrio­tis­mus als wirk­lich durch­dach­ten Ent­wurf bei Antai­os zu ver­öf­fent­li­chen – Bene­dikt als Autor, ich als Ver­le­ger und Lek­tor, der dadurch viel gelernt hat.

Ich rezen­sier­te Van­ce wohl nicht, weil ich Mate­ri­al sam­mel­te, um in einem gro­ßen Bei­trag vor den feh­len­den Grund­la­gen eines Soli­da­ri­schen Patrio­tis­mus zu war­nen. Ich schrieb die­sen Bei­trag nicht.

Van­ce: Er wuchs genau in die­ser Käl­te auf, die ich oben mei­ne und über die ich in mei­nem kur­zen Vor­trag sage, daß sie natür­lich eine har­te und unge­rech­te Sache sei, daß es aber anders wohl nicht mehr gehe. Van­ce, der buch­stäb­lich im Müll auf­wuchs, in Ver­hält­nis­sen, die in Deutsch­land so nicht vor­stell­bar sind, zog sich am eige­nen Schopf aus dem Sumpf.

Er absol­vier­te die har­te Schu­le des US Mari­ne Corps, stu­dier­te mit die­sem Schliff im Rücken und schloß in meh­re­ren Fächern ab. Neben­bei arbei­te­te er natür­lich, um sich das teu­re Stu­di­um über­haupt leis­ten zu kön­nen. Er ist Katho­lik, ist jetzt 39 Jah­re alt und ver­tritt die Über­zeu­gung, daß Här­te. Dis­zi­plin, Fleiß und der Ver­zicht auf die Gou­ver­nan­te Staat Män­ner und Frau­en zu selb­stän­di­gen, krea­ti­ven und hart arbei­ten­den Bür­gern mache, die sich eine Mün­dig­keit erlau­ben könn­ten, von der zyni­sche und infan­ti­le Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger und Gewerk­schafts­funk­tio­nä­re nur träu­men könnten.

Aber mehr: Van­ce ist, das ist auch mei­ne Mei­nung, der Auf­fas­sung, man müs­se die gigan­ti­sche Markt­macht der Super­kon­zer­ne beschrän­ken, müs­se sie zer­schla­gen, müs­se den klei­ne­ren und mitt­le­ren Selb­stän­di­gen zu Kon­kur­renz­fä­hig­keit ver­hel­fen und die Gemein­we­sen durch eine leben­di­ge Innen­stadt bele­ben und dafür sor­gen, daß das Geld wie­der inner­halb die­ser Struk­tu­ren zu krei­sen beginne.

In der Hill­bil­ly Ele­gie steht dar­über noch nichts, und natür­lich ist der Weg und die Lebens­leis­tung von Van­ce außer­ge­wöhn­lich. Aber es reich­te doch schon hin, wenn klar wäre: Jeder jun­ge Mensch hat eine Aus­bil­dung anzu­tre­ten und abzu­schlie­ßen, wenn er nicht ohne alles und für sehr lan­ge bei Papa und Mama unter­krie­chen woll­te. Denn nie­mand wür­de ihm sein fau­les Leben bezah­len. (Mitt­ler­wei­le ist auch ganz Süd-Sach­sen-Anhalt eine ein­zi­ge Markt- und Ausbildungslücke.)

Van­ce lesen (scheint aber der­zeit ver­grif­fen zu sein). Es den Jugend­li­chen zu lesen geben, dazu – als Kom­ple­men­tär­far­be – von Packer Die Abwick­lung. Das ist schon eine ande­re Stim­mung, wenn man in einem Land zurecht­zu­kom­men hat, das einem sehr wenig dabei hilft. Hier in Deutsch­land wars mal deut­lich bes­ser. Aber der Umweg über “Ame­ri­ka” muß wohl sein, wenn es wie­der deut­scher wer­den soll.

(Geor­ge Packer: Die Abwick­lung – hier bestel­len; Bene­dikt Kai­ser: Soli­da­ri­scher Patrio­tis­mus – hier bestel­len.)

– – – – –

Diens­tag, 18. Juni

Der Prä­si­dent des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz, Tho­mas Hal­den­wang, hat heu­te in einer Pres­se­kon­fe­renz bekannt­ge­ge­ben, daß der Ver­lag Antai­os nun vom Ver­dachts­fall zur gesi­chert rechts­extre­mis­ti­schen Bestre­bung her­auf­ge­stuft wor­den sei. Das hat mich über­rascht. Ich dach­te, wir sei­en das längst.

Jeden­falls kann nun der Dienst alles, was wir ver­le­gen, mit erwei­ter­ten nach­rich­ten­dienst­li­chen Mit­teln lesen und aus­wer­ten. Man wird auf noch mehr Palim­pses­te sto­ßen – und zuvor die­ses Wort nach­schla­gen müssen.

– –

In der ver­gan­ge­nen Woche war ich kaum Ver­le­ger. Zwi­schen den Tele­fon­ge­sprä­chen und Mails hier und da ein wenig Redak­ti­on und ein paar Ent­wür­fe – Freu­de sogar, über die 120. Sezes­si­on, die wie­der ein gutes Heft gewor­den ist, wie ich mei­ne; aber alles das lag wenig beach­tet auf mei­nem Schreib­tisch, hin­ter dem sit­zend ich her­aus­zu­fin­den ver­such­te, was eigent­lich gespielt würde.

Dies klingt dra­ma­tisch. Viel­leicht haben die­je­ni­gen unse­rer Leser und Freun­de recht, die sagen, daß die AfD am Ende nicht anders sei als jede Orga­ni­sa­ti­on, die sich aus­wach­se und ihre Rei­hen fül­le mit Leu­ten, die sich nicht mehr auf den Kampf um den ange­mes­se­nen Platz ihrer Par­tei, son­dern auf den Betrieb inner­halb ihrer Struk­tu­ren und ihre eige­ne Posi­ti­on dar­in konzentrierten.

Aber so ein­fach ist das nicht. Denn nichts davon, was in einer rei­fe­ren Par­tei geschieht, kann das erklä­ren, was in der Basis der AfD einen Schock aus­ge­löst und ihre Wäh­ler ver­är­gert hat, vor allem im Osten: näm­lich daß man am Tag nach einer gewon­ne­nen Wahl selbst dafür sorg­te, nicht mehr als Sie­ger, son­dern als ein in sich zer­ris­se­nes Pro­jekt The­ma zu sein.

Nie­mand kann nach­voll­zieh­bar erklä­ren, war­um sich die AfD-Dele­ga­ti­on bereits am Tag nach der Wahl grün­den muß­te und war­um man nicht abwar­ten woll­te. Man kann im EU-Par­la­ment Son­die­rungs­ge­sprä­che sowohl mit der ID-Frak­ti­on (aus der man gera­de geflo­gen war) als auch mit klei­ne­ren Par­tei­en über eine eige­ne Frak­ti­on füh­ren, ohne schon als Dele­ga­ti­on auf­zu­tre­ten, wochenlang.

War­um dräng­te Hans Neu­hoff auf die Grün­dung der Dele­ga­ti­on? War­um dräng­te er dar­auf, Maxi­mi­li­an Krah unmit­tel­bar danach aus die­ser Dele­ga­ti­on aus­zu­schlie­ßen? War­um ließ man es auf eine “gehei­me” Abstim­mung ankom­men, nach­dem Krah mit­ge­teilt hat­te, daß er frei­wil­lig nicht aus­tre­ten wer­de? War­um sprach die Bun­des­füh­rung nicht spä­tes­tens dann ein Macht­wort – ganz sim­pel mit dem Ver­weis dar­auf, daß der Osten in drei Bun­des­län­dern voll­stän­dig, in den bei­den ande­ren fast flä­chen­de­ckend die AfD zur stärks­ten Kraft gewählt habe, gegen den geball­ten, schä­bi­gen, skru­pel­lo­sen Wider­stand der ande­ren Par­tei­en und der von ihnen erbeu­te­ten und ein­ge­setz­ten Staatsmittel.

Es ist völ­lig uner­heb­lich, ob man Krah mag oder nicht. Es ist völ­lig egal, ob man gegen­über dem Ver­fas­sungs­schutz Erfül­lungs­po­li­tik betrei­ben oder über ihn in schal­len­des Geläch­ter aus­bre­chen will. Und es spielt kei­ne Rol­le, ob der Wes­ten den Osten in jeder Lage ver­steht oder nicht: die poli­ti­sche Lage, die Gefechts­la­ge, die (pro­fes­sio­nell aus­ge­drückt) Situa­ti­on der “Mar­ke AfD” leg­te so glas­klar und banal ein ande­res Ver­hal­ten nahe, daß ich für das, was seit Mona­ten falsch gemacht wird, das rich­ti­ge Wort nicht finde.

Ein Scher­ben­hau­fen. Natür­lich wirkt das Bild der Spit­zen aus den Ost­ver­bän­den, die sich am Sams­tag tra­fen, beru­hi­gend. Bloß: das Momen­tum war der Mon­tag, und Auf­räum­ar­bei­ten oder ein Grup­pen­bild vor zer­schla­ge­nem Por­zel­lan ist nichts, was zieht. Es kit­tet, es beru­higt, mehr nicht.

Es ste­hen drei Ost­wah­len an. Sie sind wich­ti­ger als die Wahl zum EU-Par­la­ment. Aber die heu­ti­ge Umfra­ge aus Thü­rin­gen zeigt, wie sehr die ver­meint­li­che Alter­na­ti­ve zur Alter­na­ti­ve zu zie­hen beginnt: zwar 28 Pro­zent für die AfD, aber schon 21 für das BSW und noch immer 23 für die CDU.

Strahlt nicht der MDR genau jetzt einen sechs­tei­li­gen Pod­cast über den Kampf Sahra Wagen­knechts aus, über ihren tap­fe­ren Wer­de­gang, ihre Intel­li­genz, “Trotz und Treue”, Ost­ver­ste­he­rin? Und ihre Aus­grün­dung? Unzer­strit­ten, unzer­schos­sen, nicht ver­narbt, nicht – müde?

Ich zitier­te wie­der­holt den PR-Bera­ter, der ganz aus der Sicht der Mar­ken­tech­nik (nicht zu ver­wech­seln mit “Mar­ke­ting”) ana­ly­siert, ob die AfD das, was die welt­weit auf höchs­tem Niveau agie­ren­de PR längst über die mensch­li­che Psy­che und das pro­pa­gan­dis­ti­sche Hand­werk weiß, ver­stan­den hat oder nicht. Sei­ne Bilanz ist für die Par­tei ver­hee­rend: Sie weiß mit sich selbst nicht umzu­ge­hen. Er notierte:

Das, was sich am Wahl­sonn­tag im Osten ereig­ne­te, geschah, obwohl die AfD schwach geführt wird und als Orga­ni­sa­ti­on nicht zusam­men­steht. Man schnitt, mar­gi­na­li­sier­te, beschwieg ohne Not den Mann, der an der Spit­ze des Wahl­kampfs stand. Man signa­li­sier­te Unsi­cher­heit, sand­te das Signal aus, man wis­se selbst nicht genau, ob man die­je­ni­ge Kraft sei, die wis­se, was sie wolle.

So etwas wirkt ver­hee­rend. Denn ob man Krah mag oder nicht, ob man die Spit­zen­kan­di­da­tur im Nach­hin­ein für einen Feh­ler hält: alles egal. Für die Mas­sen­psy­che zählt nur, ob man sie unter­hält und beein­druckt, ob man ihr vor-logisch mit­teilt, dass man es anders und bes­ser kön­ne als die Kon­kur­renz – in unse­rem Fall also die­je­ni­gen, die das Land ruinieren.

Steil­vor­la­ge nach Steil­vor­la­ge, in gan­zen Regio­nen wir­ken die Pro­pa­gan­da­mit­tel der Gegen­sei­te nicht mehr. Um wie­viel grö­ßer und sta­bi­ler hät­te der Schritt wer­den kön­nen mit erwach­se­nem Ver­hal­ten der Par­tei und sau­be­rer Koor­di­na­ti­on! Das muss die kri­ti­sche, die zen­tra­le The­se sein. Und die Fra­ge lau­tet natür­lich: Ist den Par­tei­spit­zen klar, was sie anrichten?

Auf die­se Fra­ge habe ich auch nach einer guten Woche, einer schlech­ten, zer­re­de­ten, unehr­li­chen Woche kei­ne Ant­wort. Denn mit dem jeweils klei­nen Ich ist das, was geschah und geschieht, nicht zu erklä­ren. Womit aber dann? Ver­mut­lich muß die Fra­ge nach dem cui bono der Zer­set­zungs­ten­denz von Innen mit mehr Phan­ta­sie gestellt werden.

– – – – –

Pfingst­sonn­tag, 19. Mai

Mor­gen, am Mon­tag, den 20. Mai, bin ich als Red­ner bei Pegi­da vor­ge­se­hen. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zum letz­ten Mal in der Öffent­lich­keit eine Rede hielt. Es ist Jah­re her. Die Grün­de dafür sind vielfältig.

Der wich­tigs­te ist, daß ich den Popu­lis­mus und das Res­sen­ti­ment nicht mag. Bei­des ist not­wen­dig, aber es ist nicht das Geschäft eines Ver­le­gers anspruchs­vol­ler Bücher. Ich pro­bier­te das aus, als Pegi­da zu lau­fen begann, wir waren wirk­lich Mon­tag für Mon­tag dort, oft mit der gan­zen Fami­lie. Ich sprach bei Legi­da und bei Pegi­da, und immer war es so, daß ich eines zu ver­mit­teln versuchte:

Es gibt wuch­ti­ge, klas­si­sche, lite­ra­ri­sche Bil­der und Meta­phern für das, was uns wider­fährt und zuge­mu­tet wird. Und zwei­tens: Wir müs­sen bes­ser sein als die ande­ren, nicht lau­ter, son­dern besser.

Mor­gen also wie­der, nach lan­ger Zeit, um 18.30 Uhr auf dem Neu­markt in Dres­den, vor der Frau­en­kir­che. Wür­de mich freu­en, den ein oder ande­ren Leser aus der Umge­bung zu sehen.

– –

Anony­mi­tät und Radi­ka­li­tät gehen oft Hand in Hand. Wir hat­ten in der 39. Fol­ge unse­res Pod­casts “Am Rand der Gesell­schaft” die Influen­cer “Char­lot­te Corday” und “Shlo­mo” zu Gast. Bei­de ver­ber­gen ihre Iden­ti­tät hin­ter Pseud­ony­men, aber in unter­schied­li­cher Stu­fung: Wäh­rend Corday ihr Gesicht zeigt, aber unter Künst­ler­na­men agiert, influenct Shlo­mo ganz im Ver­bor­ge­nen: Kaum jemand weiß, wie er aussieht.

Im Pod­cast ant­wor­te­te er auf Ellen Kositz­as Fra­ge, war­um er das so hand­ha­be, mit einem Kata­log von Koran­schän­dun­gen, die er aus­ge­führt habe und für die er  – wohl­weis­lich damals schon hin­ter fal­schem Namen und Mas­ke ver­bor­gen – dut­zend­fach mit dem Tode bedroht wor­den sei. Ich selbst war so per­plex über die­se Aus­kunft, daß es mir tat­säch­lich die Spra­che ver­schlug. Dann lei­te­te ich zu einem ande­ren The­ma über.

Mein Stand­punkt ist natür­lich der­je­ni­ge, daß es in jedem Fal­le geschmack­los und unstatt­haft sei, das hei­li­ge Buch egal wel­cher Glau­bens­aus­rich­tung zu schän­den. Es ist – im Fal­le des Korans – einer Mil­li­ar­de Men­schen Grund­la­ge ihres Glau­bens. Die­ses Buch mag für uns völ­lig unin­ter­es­sant und als reli­giö­se Offen­ba­rung irrele­vant sein, es mag ver­hee­ren­de Fol­gen bei sei­nen Lesern aus­lö­sen und die Grund­la­ge der Unter­drü­ckung und der Unter­wer­fungs­for­de­rung sein, die in Sie­ben­mei­len­stie­feln auf uns zusprin­gen. Aber es ist das Buch einer Glaubensgemeinschaft.

Daß ich das im Pod­cast nicht klar­stell­te, liegt an einem Wahr­neh­mungs­li­be­ra­lis­mus, der sich etwa auf einen Ernst Jün­ger zuge­schrie­be­nen, lapi­da­ren Satz stützt: “Dies alles gibt es also.” Im Gespräch die Per­son sich aus­brei­ten, sich ganz zei­gen las­sen – das ist der Ansatz. er taugt nicht für Poli­ti­ker, und beklei­de­te ich in der AfD ein hohes Amt oder säße auf einem wich­ti­gen Man­dat, hät­te das Dos­sier über mich nun eine Sei­te mehr. Aber ich bin Ver­le­ger und Publi­zist und neh­me zunächst wirk­lich erst ein­mal wahr.

Erik Leh­nert, mit dem ich über die Fra­ge tele­fo­nier­te, ist da stren­ger als ich. Er hält Pseud­ony­me und Stim­men aus dem Off für Aus­schluß­kri­te­ri­en, wenn es um Gesprä­che für die Öffent­lich­keit geht. Wor­an liegt es, daß wir nie ent­gleis­ten, daß wir kei­ne Lei­chen im Kel­ler haben und noch immer jeden Satz, den wir äußer­ten, unter­schrei­ben können?

Es liegt auch dar­an, daß der­je­ni­ge, der mit Namen und Gesicht kämpft und nicht in die Anony­mi­tät zurück­tau­chen kann, sehr genau sei­ne lin­ke und sei­ne rech­te Gren­ze kennt. Und anders her­um: Wer die­se Gren­zen kennt, mag kei­nen Grund mehr sehen, sich nicht ganz zu zei­gen und sei­nen Namen darunterzuschreiben.

Im Pod­cast, der ein wirk­lich gutes Gespräch mit den bei­den Influen­cern prä­sen­tiert, füllt die kras­se Shlo­mo-Erklä­rung eine knap­pe Minu­te. Sie prägt den Aus­tausch nicht, aber sie ist ein beson­de­rer Moment und ver­lang­te nach die­sem Nach­trag. Hier ist der Podcast:

– –

Allen freu­di­ge Pfingst­ta­ge! Der Geist ist unser Beglei­ter, er ist Maß­stab, Auf­trag und stif­tet Mut.

– –

(Ergän­zun­gen, Fund­stü­cke und kri­ti­sche Anmer­kun­gen rich­ten Sie bit­te an [email protected]. Ich wer­de aus­brei­ten, was sich ansammelt.)

– – – – –

Diens­tag, 30. April

Vor gut zwei Mona­ten beglei­te­te ich einen Mos­lem zum Frei­tags­ge­bet. Ich hat­te ihn im Zug ken­nen­ge­lernt, er las ein Buch, ich las ein Buch, er kann­te mein Buch und sprach mich an.

Ich beglei­te­te ihn, weil ich erle­ben woll­te, wie es sei, wenn sich ent­wur­zel­te Män­ner tref­fen, um eine der Wur­zeln zu gie­ßen, die sie mit sich tra­gen und die in der Frem­de ent­we­der Halt zu bie­ten ver­mag oder vertrocknet.

Ich traf zur ange­ge­be­nen Zeit am bezeich­ne­ten Ort ein, also kurz nach Mit­tag vor dem Kul­tur­zen­trum des Stadt­teils. Ein gro­ßer Raum dar­in, Mehr­zweck, mit nied­ri­ger Decke und Spros­sen­wän­den, ver­schieb­ba­ren Raum­tei­lern und fadem Lin­ole­um – wir wür­den ihn als Ver­lag, als Sze­ne nie und nim­mer anmie­ten kön­nen, um dar­in eine Buch­mes­se zu ver­an­stal­ten oder ein Fest. Die Mos­lems aber besit­zen einen Ver­trag bis Ende des Jah­res, Frei­tag für Frei­tag, stets für einen hal­ben Tag.

Mah­mud ent­deck­te und begrüß­te mich, es war die typi­sche Ges­te: Er griff mit bei­den Hän­den nach mei­ner rech­ten Hand und hat­te zuvor bei­de Hand­flä­chen kurz an sei­ne Brust gedrückt. Wir betra­ten die fla­che Hal­le. Im Vor­raum hun­der­te paar Schu­he. Ich ließ mei­ne an und rück­te einen Stuhl ganz nach hin­ten an die Wand, setz­te mich und schau­te zu, wie Män­ner, kei­ne Frau­en, nur Män­ner in die Hal­le drängten.

Es waren vor allem jun­ge Män­ner, und es waren Män­ner aus aller Her­ren Län­der: vie­le Ara­ber, vie­le Syrer und Afgha­nen, manch­mal Brü­der, das sah man, weni­ge älte­re Väter mit ihren Söh­nen; klei­ne stäm­mi­ge Tsche­tsche­nen, mage­re schwar­ze Rie­sen unter Tuch, Tschad, Mau­re­ta­ni­en, Hir­ten­au­ra jeden­falls, und ganz sicher noch nicht “ange­kom­men” wie die Tür­ken und Alba­ner, die in Trai­nings­ho­sen erschie­nen, alle vom sel­ben Bar­bier ent­las­sen, ölig, à la Neu­kölln, irgend­wie längst im Geschäft.

Alle Stüh­le waren zusam­men­ge­scho­ben und weg­ge­sta­pelt, denn es wur­den Tep­pi­che ent­rollt, Tep­pi­che in allen Far­ben und Grö­ßen, längs, quer, auch Iso­mat­ten und Ret­tungs­de­cken, Haupt­sa­che irgend­et­was, nie der nack­te Boden. Ich nahm wahr, wie Unter­la­gen gedreht wur­den, damit der Nach­bar Platz dar­auf fand. Ein­la­den­de Zei­chen, aber auch schon inne­re Samm­lung bei man­chem, der Vor­ge­be­te ver­rich­te­te und sich vom Gerü­cke und Gere­de nicht stö­ren ließ.

Die Rei­hen rück­ten auf mich zu, der Raum füll­te sich. Ich wur­de gemus­tert und begrüßt, man bot mir Platz auf einem Tep­pich an, aber ich ver­wies stumm auf mei­nen Stuhl und blieb auch dann sit­zen, als ein Vor­sän­ger anstimm­te, das Gemur­mel ver­stumm­te und die Beter sich aus­rich­te­ten, mit Bli­cken nach links und rechts und letz­tem Geruckel.

Der Sän­ger kam zum Ende. Neben ihm erhob sich ein noch recht jun­ger Mann und setz­te an. Die Stim­me war die eines Offi­ziers: klar, selbst­be­wußt, auch in den Pau­sen, über­legt und über­le­gen, beglei­tet von spar­sa­mer Gestik.

Anru­fun­gen, Ver­beu­gun­gen aus knie­en­der Hal­tung her­aus, vor­ge­beugt ver­har­rend, dann Ent­span­nung und Pre­digt. Das war kei­ne Kon­takt­auf­nah­me mit nach­auf­klä­re­ri­schen Glau­bens­skep­ti­kern, kein Abho­len, kei­ne lit­ur­gi­sche Gefäl­lig­keit. Es war ord­nen­der Ton, Glau­bens­auf­for­de­rung und eine Ansa­ge, ein war­mes und ver­bind­li­ches, befeh­len­des und ver­spre­chen­des Arabisch.

Ich ver­stand natür­lich kein Wort und wan­der­te ab, dach­te zurück an den Got­tes­dienst, in dem wir neu­lich waren: der Pries­ter als Erklär­bär, ohne Auto­ri­tät, unsi­cher, fast ver­le­gen über die alten Riten; viel Ich, viel absur­des Lied­gut, Unver­bind­lich­keit und ein mit alter, gebro­che­ner, schwa­cher Hand ange­setz­ter Leber­ha­ken gegen rechts, der mir nicht weh­tat, mir aber alles ver­gäll­te, was hät­te sein sol­len: Ver­ti­ka­li­tät, sakra­ler Raum, Gottesdienst.

Dann war das Frei­tags­ge­bet zuen­de. Ich habe so etwas unter Chris­ten noch nie erlebt. Mah­mud hol­te mich ab. Die Män­ner stan­den in Grup­pen vor dem Kul­tur­zen­trum, die nächs­ten zwei­hun­dert, drei­hun­dert jun­gen Män­ner dräng­ten in den Saal, mit­ten in einer ost­deut­schen Stadt, alle bereit, an einem Frei­tag­nach­mit­tag sich auszurichten.

War­um sind das so vie­le? – Ganz klar, sag­te Mah­mud, weil der Glau­be wich­tig ist und weil er uns alle ver­bin­det. – Ist das stär­ker als in der Hei­mat? – Auf jeden Fall, vor allem jetzt, wo wir uns durch­set­zen müs­sen. – Gegen wen? – Gegen das, was Euer Sys­tem aus uns machen will. – Was will es denn aus Euch machen? – Kein Glau­be, Kon­sum, Alko­hol, kein Respekt, kei­ne Ehre, nur Ame­ri­ka und die Juden und schwa­che Men­schen, über­all. – Aber das ist unser Land, das ist unse­re Geschich­te, wir sind so gewor­den, wir waren anders, wir haben här­ter gekämpft als Ihr je. – Dann kämp­fe wie­der. Aber glaub mir: kei­ne Chance.

(Unter den drei­hun­dert jun­gen Män­nern der ers­ten Gebets­schicht waren viel­leicht zwan­zig, drei­ßig deut­sche Kon­ver­ti­ten. Man erkann­te sie an den Genen, am Phä­no­typ, am Ver­such, alles so zu machen, wie es im Buche steht. Sie sind wohl zum ers­ten Mal in ihrem Leben unter Män­nern, nur unter Män­nern, klar aus­ge­rich­tet, ein­ge­mein­det, beauftragt.

Ich bin mir sicher: Wir lau­fen in die­sem Bereich auf eine Kata­stro­phe zu, auf einen Kon­ver­si­ons­druck, der auf die Bereit­schaft eines Teils unse­rer Leu­te trifft, das Ange­bot der Unter­ord­nung, der Unter­wer­fung anzu­neh­men. Denn es gibt Män­ner, jun­ge Män­ner, die vor allem unter Män­nern sein wol­len, in star­ken Grup­pen, im Ein­satz. Wenn dage­gen kein Kraut wächst, ver­lie­ren wir sie.)

– – – – –

Diens­tag, 16. April

Der Umzugs­un­ter­neh­mer Sven Ebert hat in der Nacht auf den gest­ri­gen Mon­tag durch einen Brand­an­schlag Tei­le sei­nes Fuhr­parks ver­lo­ren. Ebert sitzt für die AfD im Gemein­de­rat von Schko­pau, sei­ne Fir­ma war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren immer wie­der mit Farb­beu­teln und Schmie­re­rei­en atta­ckiert worden.

Nun muß Ebert den Scha­den auf meh­re­re hun­dert­tau­send Euro bezif­fern, und damit gehört die­ser Anschlag zu den grö­ße­ren, die bis­her gegen AfD-Poli­ti­ker, Unter­stüt­zer und Akteu­re der natio­na­len Oppo­si­ti­on ver­übt wurden.

Das schreibt sich so. Aber was bedeu­tet das eigent­lich? Es bedeu­tet, daß es kei­nen Schutz gibt, kei­ne abschre­cken­den Maß­nah­men, die “der Staat” ergrei­fen wür­de. Er könn­te es. Jedoch spre­chen die Signa­le, die er aus­sen­det, eine ande­re Sprache.

Sven Ebert: Er wohnt eine gute hal­be Stun­de ent­fernt von uns am Stadt­rand von Hal­le in Hohen­schön­wei­den. Sein Haus ist der Land­sitz eines Schot­ten: Ebert hat vor zwei Jahr­zehn­ten einen eige­nen Clan gegrün­det, tritt im Kilt auf, ser­viert Whis­ky, bläst die Lure und war als Ver­an­stal­ter der High­land-Games in Hal­le eine Größe.

Alles an Ebert ist sta­bil, schwer, kräf­tig, begeis­ter­tes Machen und nicht ohne Selbst­iro­nie. Er ist ein Allein­un­ter­hal­ter, eine exzen­tri­sche Figur, der früh­ver­greis­ten Man­dats­trä­ger­ver­nunft sei­ner eige­nen Par­tei unheim­lich oder pein­lich oder bei­des. Sei­ne Meta­phern und Wort­sal­ven sind unge­schützt, direkt, manch­mal schief, immer laut, immer von Her­zen. Als Unter­neh­mer ist er ein extrem erfolg­rei­cher Stratege.

Wir lern­ten ihn ken­nen, als er in Hal­le Pla­kat­wän­de mit dem Kon­ter­fei Pirinccis und dem Cover von des­sen Best­sel­ler Umvol­kung voll­häng­te und für Lesun­gen warb. Damals war Ebert noch Mit­glied der grü­nen Par­tei, ein Urgrü­ner – einer also, des­sen Grill­fleisch von wirk­lich glück­li­chen Tie­ren stammt und bis auf die letz­te Gabel ver­zehrt wer­den muß, wenn man bei ihm am Tische sitzt.

Ebert orga­ni­sier­te hoch­ka­rä­ti­ge Lesun­gen und Dis­kus­sio­nen, Pat­z­elt war bei ihm, vol­les Haus, offe­ne Gesprä­che, und immer ein groß­zü­gi­ges Buf­fet und Geträn­ke und ein schot­ti­scher Ausklang.

Bären­kraft, Mut, kein Mann für Frak­ti­ons­zwän­ge und Netz­wer­ker-Net­tig­kei­ten, offe­nes Visier, Klar­na­me, gan­zer Ein­satz: Und so einem fackeln die den Fuhr­park ab. Das ist ja noch nicht ein­mal Rot­front oder SA. Das sind klei­ne, fei­ge, anony­me Arschlöcher.

Ebert hat­te von denen mal ein paar erwischt, die gera­de dabei waren, AfD-Pla­ka­te zu zer­stö­ren. Er hat mit denen noch nicht ein­mal High­land-Games ver­an­stal­tet, also Baum­stamm­wer­fen oder so, bloß gestellt hat er sie, bis die Büt­tel kamen. Aber ange­zeigt wur­de natür­lich er.

– –

Wo wir gera­de bei der Anony­mi­tät sind: Nach Höckes Fern­seh­du­ell gegen sei­nen CDU-Her­aus­for­de­rer Voigt war gleich das Netz voll mit Bewer­tun­gen, Ana­ly­sen und Kri­tik – letz­te­re auch von rechts, letz­te­re fast immer mit spre­chen­den, also eit­len Pseud­ony­men, die das natür­lich alles bes­ser gemacht hät­ten, weil sie es bes­ser wis­sen, immer.

Bloß: Bescheid­wis­se­rei ist noch kein Machen. Die Ver­suchs­an­ord­nung war also folgende:

  1. Höcke gegen Voigt, zwei Mode­ra­to­ren, also Höcke gegen Voigt und zwei Moderatoren;
  2. hän­gen­de Ver­fah­ren, also Sor­ge, wie­der ein Wort zu sagen, eine Wen­dung zu ver­wen­den, aus denen man Stri­cke dre­hen könnte;
  3. über­haupt: der Nacken­griff der Demo­kra­tie – die­ses ver­schwie­mel­te Sug­ge­rie­ren, Unter­stel­len, Verdächtigen;
  4. ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum, das mit den Pro­pa­gan­da­mit­teln einer anti­deut­schen Staats­idee beharkt wer­den wür­de, wäh­rend­des­sen und danach.
  5. der Druck, die­se Show und Chan­ce zu verhauen;
  6. wis­sen, daß man hin­ter­her “kom­men­tiert” wird, daß man der Gesell­schaft des Spek­ta­kels eine Show lie­fer­te, lie­fern mußte.

Sich in eine sol­che Situa­ti­on zu stel­len – das macht nicht jeder, das besteht längst nicht jeder. Höcke muß das alles machen, er muß bestehen, denn Poli­tik ist Zehn­kampf, für Spit­zen­po­li­ti­ker befoh­le­ner Zehn­kampf, sozu­sa­gen. Egal, ob man hier Stär­ken und dort Schwä­chen hat: Zehn­kämp­fer kön­nen kei­ne ein­zi­ge Dis­zi­plin abwäh­len, son­dern müs­sen antre­ten, immer. Die Sum­me macht’s. Höcke und ande­re sei­nes Kali­bers ste­hen im Trai­ning, müs­sen sich mes­sen – und schla­gen sich gut!

Von Höcke und Ebert weiß man, wo sie woh­nen, wo man sie fin­det, daß sie Frau und Kin­der und einen Ort haben. Sie sind aus­ge­setzt, sie fech­ten nicht unter Pseud­onym, sie haben kei­ne zwei­te Existenz.

Anders aus­ge­drückt: Such­te man unter den Schlau­ber­gern einen, der selbst in den Ring stei­gen wür­de, weil gera­de kein Höcke ver­füg­bar wäre, käme es zu einer Drän­gel­be­we­gung nach hinten …

– –

Eben schrieb ein Leser, man kön­ne noch erwäh­nen, daß unse­re Arbeit hier in eine klei­ne, mie­se CDU-Patro­ne umge­gos­sen und gegen Höcke abge­feu­ert wur­de: ob er sei­ne “Ideen aus dem Nazi­schloss in Schnell­ro­da” bezie­he. Tat­säch­lich nahm ich’s wahr, ver­gaß es aber sofort wie­der – wie immer, wenn einer ver­bal am Ende ist und aus uns Nazis macht, die Bücher verlegen …

– – – – –

Sonn­tag, 7. April

Das Schwie­ri­ge am Beruf des Ver­le­gers und Publi­zis­ten ist, daß man es sagen muß, wenn man sprach­los ist. Als ich ges­tern Spie­gel-online auf­such­te, um zu schau­en, was das Leit­me­di­um unse­rer Trans­for­ma­ti­ons­re­gie­rung der­zeit auf die Agen­da set­zen und in die Köp­fe beför­dern möch­te, war ich geneigt zu schwei­gen, nach­dem ich das etwas wei­ter unten doku­men­tier­te Bild gese­hen hatte:

Es scheint, daß dann, wenn die Guten gegen die Bösen Krieg füh­ren oder wenn es eben der Spie­gel ist, der etwas for­mu­liert (und sei es nur eine Über­schrift) – daß dann also alles sag­bar und ganz logisch ist, wes­we­gen uns der Ver­fas­sungs­schutz seit Jah­ren die Haut abzu­zie­hen versucht.

Ich kann auf den im screen­shot sicht­ba­ren Fami­li­en­bil­dern der ukrai­ni­schen Gen­pool-Ret­tungs­stel­le beim bes­ten Wil­len kei­nen Neu-Ukrai­ner aus­ma­chen, also einen aus Afgha­ni­stan, Nige­ria, Syri­en oder so. (Neben den wei­ßen Kin­dern, Eltern, Frau­en sehe ich bloß ein paar Iko­nen, also ist das alles geseg­net, sogar.)

Ich will mei­ne Hand nicht dafür ins Feu­er legen, daß ehe­ma­li­ge Ost-Polen dar­un­ter sind, oder Ruthe­nen und Bes­sa­ra­bi­en­deut­sche. Aber das wäre ja alles durch das gedeckt, was wir sagen, seit wir uns poli­tisch arti­ku­lie­ren kön­nen: Ukrai­ner ist, wer ukrai­ni­sche Eltern hat (Gen­pool!). Ukrai­ner ist aber auch, wer Ukrai­ner wer­den will und die Sache der Ukrai­ne ganz und gar zu sei­ner Sache macht (Assi­mi­la­ti­on!).

Erset­ze “Ukrai­ner” durch “Deut­scher” – dann bist du ein Fall für den VS. Dreh es wie­der um, dann darfst du ein Röhr­chen fül­len, damit der Gen­pool nicht aus­dünnt, denn wir alle wis­sen, daß es die Bes­ten sind, die fal­len, also die Bes­ten, die das Volk auf­zu­bie­ten hat, das Kol­lek­tiv, das wahr­nehm­bar anders ist als ande­re und sein So-und-nicht-anders-sein ver­tei­di­gen und WEITERGEBEN will. Punkt.

– –

Wäh­rend ich dies schrieb, ent­fiel mir, wor­über ich noch schrei­ben woll­te. War es die Atta­cke eines Syrers, der in Wan­gen im All­gäu eine Vier­jäh­ri­ge nie­der­stach? Wan­gen – das gehört zu mei­ner Hei­mat, das war mit dem Fahr­rad erreich­bar, dort­hin radel­ten wir manch­mal am Wochen­en­de, denn es gab dort eine aus­ge­zeich­ne­te Buch­hand­lung und ein alter­na­ti­ves Kino, und ins huma­nis­ti­sche Spohn­gym­na­si­um in Ravens­burg (Latein, Grie­chisch) pen­del­ten die ferns­ten exter­nen Schü­ler aus Wan­gen an, jeden Mor­gen sehr früh schon unterwegs.

Habe ich je notiert, daß Klaus Schwab, also der Davos-Schwab, der Welt­wirt­schafts­fo­rum-Schwab, an eben­die­sem Gym­na­si­um das Abitur abge­legt hat, also ordent­lich vor mei­ner Zeit? Ich selbst schriebs 1990, in Deutsch, Mathe­ma­tik, Geschich­te und Alt­grie­chisch, und jetzt kommts: Auf Wiki­pe­dia sind im Anschluß an die Geschich­te der Schu­le und die Lis­te der Rek­to­ren soge­nann­te “Per­sön­lich­kei­ten” aus der Schü­ler­schaft auf­ge­führt.

Natür­lich Klaus Schwab, aber eben auch ich. Das ist doch mal fair. Von dem Kir­chen­mu­si­ker Rei­ner Schu­henn an ken­ne ich sie alle noch per­sön­lich, die reüs­sier­ten mit ihrem Kön­nen schon wäh­rend der Schul­zeit. Ich war auch bereits damals in mei­ner Bran­che unter­wegs: vier Jah­re lang Chef­re­dak­teur der Schü­ler­zei­tung, “spohn­tan” hieß sie. (Erst vor einem Jahr sand­te mir ein fünf Jah­re jün­ge­rer Schul­ka­me­rad alle von mir ver­ant­wor­te­ten Aus­ga­ben gescannt zu – so rich­tig schö­ne Fingerübungen.)

Aber wei­ter: Johan­nes Braig bei­spiels­wei­se steht auch auf der Lis­te. Er ist der Sohn des Schul­rek­tors, über den ich im Vor­wort zum Gesprächs­band Unse­re Zeit kommt (mit Karl­heinz Weiß­mann) schrieb: Der alte Braig hat­te mich ins Rek­to­rat geru­fen, als die Mau­er fiel, 1989, denn ich war Schü­ler­spre­cher und kam sehr gut mit die­sem stren­gen, fai­ren, unfaß­bar gebil­de­ten und von einer selt­sa­men Melan­cho­lie umge­be­nen Mann aus.

Sein Sohn nun, Johan­nes Braig, hielt den Schul­re­kord über 3000 Meter. Johan­nes lief mit offe­nen Schnür­sen­keln, sie waren sehr lang, und er sag­te mir, daß er das mache, um sei­ne Schritt­län­ge zu hal­ten. Er gewann als Abitu­ri­ent einen Kunst­preis, weil er aus Ton eine Vase zu for­men in der Lage war, die als per­fekt galt. Als ich sel­ber an der Töp­fer­schei­be im Kunst­raum eine Vase zu gestal­ten ver­such­te, begriff ich, daß er den Preis zurecht ver­lie­hen bekom­men hat­te. Ich ver­mis­se die­sen Ernst.

Was erzäh­le ich da? Ich könn­te noch viel mehr erzäh­len, zu jedem auf­ge­führ­ten Schü­ler, auch etwas über die Leh­rer, von denen zumin­dest einer sich mel­de­te, als Schnell­ro­da so sehr bekannt wur­de und in den Focus geriet. Er mel­de­te sich und lob­te unse­re Arbeit. Aber er füg­te hin­zu, daß ich nie ver­ges­sen soll­te, was er immer im Unter­richt gesagt hat­te, wenn es um Hob­bes und den Levia­than ging: Der Mensch ist dem Men­schen ein Mensch, und das sei zugleich bes­ser und schlim­mer als wenn der Mensch dem Men­schen ein Wolf sei. (Als ob man so etwas ver­ges­sen könnte!)

Jeden­falls: So fädel­te sich ges­tern, beim Kar­tof­feln­le­gen, ein Gedan­ke an den ande­ren, aus­ge­hend von Wan­gen und dem nie­der­ge­sto­che­nen Mäd­chen – und beim Leh­rer noch längst nicht zuen­de. Die­ses Fädeln ist ein Ord­nen, ein Auf­ru­fen, ein Able­gen und eine Ein­bet­tung. Gen­pool, jaja – aber eben auch Prä­gung, vor allem Prä­gung, ein Dün­ger aus Erin­ne­rung und war­mem, sat­tem, näh­ren­dem Bild. (Und dann biegt ein Klaus Schwab so ganz anders ab! Tsts …)

– –

Mitt­ler­wei­le: 320 Anmel­dun­gen fürs Som­mer­fest – 180 freie Plät­ze noch.

– – – – –

Frei­tag, 22. März

Der Schrift­satz, mit dem die Pots­da­mer Aus­län­der­be­hör­de, Fach­be­reich Ord­nung und Sicher­heit, den “Ver­lust des Frei­zü­gig­keits­rechts in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land” gegen Mar­tin Sell­ner fest­stellt, für zunächst drei Jah­re, ist: Zir­kel­schluß, Unter­stel­lung, logi­scher Offen­ba­rungs­eid, Maß­stabs­lo­sig­keit, ein Doku­ment der “Herr­schaft des Ver­dachts” und das eines begriffs­wir­ren Sprachregimes.

Leu­te wie Armin Pfahl-Traugh­ber, Mat­thi­as Quent, Anet­ta Kaha­ne, Andre­as Speit, Georg Rest­le und Vol­ker Weiß haben gan­ze Arbeit geleis­tet: Sie haben Wör­ter ins Schwam­mi­ge umge­deu­tet, mit einer gerichts­fes­ten Aura ver­se­hen und die Tech­nik der Unter­stel­lung in den Rang einer wis­sen­schaft­li­chen Metho­de erhoben.

Behör­den schrei­ben von agi­tie­ren­der Publi­zis­tik und “Wis­sen­schaft” ab. So ist im Schrift­satz das “het­ze­ri­sche, gewalt­be­ja­hen­de und men­schen­ver­ach­ten­de Poten­zi­al” Sell­ners eben­so The­ma wie der Umstand, daß Eth­no­plu­ra­lis­mus nichts ande­res bedeu­te als “aus­gren­zen­den Natio­na­lis­mus” und “Frem­den­feind­lich­keit”. Selbst eine For­de­rung nach “weit­ge­hen­der Wah­rung der Homo­ge­ni­tät der Bevöl­ke­rung” sei bereits ver­fas­sungs­feind­lich, und nicht erst dann, “wenn Homo­ge­ni­tät in ihrer Abso­lut­heit gefor­dert wird”, undsoweiter.

Die zustän­di­ge Behör­de schreibt sogar, sie gehe “in der Sum­me mei­ner Fest­stel­lun­gen” davon aus, daß Sell­ner durch sein Agie­ren “die his­to­ri­sche Ver­pflich­tung Deutsch­lands für den Holo­caust als Grund­la­ge unse­res Staats­we­sens negie­re”. Nicht nur die in die­sem Satz geäu­ßer­te Unter­stel­lung, son­dern sei­ne gan­ze Kon­struk­ti­on ist abenteuerlich.

Mar­tin Licht­mesz wird sich zu Sell­ners Fall aus­führ­lich äußern und den Schrift­satz so genüß­lich zer­le­gen, wie nur er es kann. Aber das Genüß­li­che wird Sell­ner nicht wei­ter­hel­fen, es rückt nur unse­ren Blick auf die­se Far­ce zurecht und kann uns hel­fen, den Humor nicht zu verlieren.

Aber könn­te, nein soll­te der Ansatz, unser Ansatz nicht wenigs­tens par­al­lel zu den Kom­men­tie­run­gen der Macht, die in den Hän­den der Fein­de liegt, ein ganz ande­rer sein? Viel­leicht haben wir zuviel Zeit damit ver­geu­det, auf Argu­men­te der Geg­ner und Fein­de ein­zu­ge­hen – also dort noch immer auf die Macht des Argu­ments zu set­zen, wo es nur noch um Macht geht, die ohne Argu­men­te auskommt.

Unser Ton, der nie wei­ner­lich ist, hat bereits auf­grund die­ser Ver­suchs­an­ord­nung etwas Bit­ten­des, einen Ver­ständ­nis hei­schen­den Grund­ton. Davon müs­sen wir uns lösen, in die­sem Punkt waren wir frü­her schon wei­ter: Wir wer­den die­je­ni­gen nicht über­zeu­gen, die den Ein­satz ihrer Macht­mit­tel nur noch dürf­tig kaschie­ren. Aber wir wer­den die­je­ni­gen begeis­tern, die eben­so angriffs­lus­tig, radi­kal, ver­blüf­fend, krea­tiv, scho­nungs­los, rabi­at, tat­säch­lich begabt für den Sprung ins Offe­ne auf die Zumu­tung unse­rer Zeit ant­wor­ten möch­ten wie wir.

– –

Ein Leser­brief zur Debat­te um den Film “Zone of Inte­rest” über das All­tags­le­ben der Fami­lie Höß neben Ausch­witz. Ich brin­ge ihn in vol­ler Län­ge. Der Ver­fas­ser nennt sich sprenkler@… , aber was er schreibt, klingt nicht nach Was­ser­dü­se und Rasen­flä­che, ganz und gar nicht:

Ich las gera­de die Film­be­spre­chung über “Zone of Inte­rest” auf Ihrem Blog. Inter­es­sant, wie unter­schied­lich man aus der­sel­ben Ecke auf Din­ge bli­cken kann. Es stimmt schon, der Anfang setzt die Meß­lat­te hoch, vie­les danach kommt aber dar­un­ter zu lie­gen. Nicht optisch, die Bil­der waren durch­ge­hend stark: jedoch hört der Film spä­tes­tens zur Hälf­te hin auf, nur zu zei­gen und beginnt zu erzäh­len, ist dabei nicht nur ein­mal auf­dring­lich und plump.

Hed­wig spa­ziert samt Mut­ter durch den Gar­ten und redet ver­son­nen über Blu­men und Schwimm­be­cken, wäh­rend man im Hin­ter­grund Schüs­se hört? Bit­te, die­se Bot­schaft kann man auch ele­gan­ter herüberbringen.

Rudolf ver­kün­det sei­ne Ver­set­zung, Hed­wig fürch­tet, das wun­der­vol­le Grund­stück neben Aus­schwitz I zu ver­lie­ren und läßt die Wut an den ande­ren aus? Ver­ste­he, deut­sche Frau­en schie­ßen nicht, deut­sche Frau­en sind ver­dammt gemein zu pol­ni­schen Dienst­mäd­chen und den­ken nur an die Aza­leen, nicht an das Grau­en hin­ter der Mauer.

So tritt also jeder auf sei­ne Wei­se nach unten, wäh­rend man den Blick stehts aufs Ziel gerich­tet hat, Volk und Blumenbeet.

Die­ser Film hat kei­ne Aus­dau­er. Immer wie­der ver­sucht er, wirk­lich unge­wöhn­lich und nicht direkt zu sein und jedes Mal aufs Neue hält er nicht durch, als wür­de ihm plötz­lich die Unge­heu­er­lich­keit sei­ner eige­nen Bot­schaft bewußt wer­den. Also gleich noch­mal das Gezeig­te, aber sicher­heits­hal­ber unver­schlei­ert dies­mal, nur, damit kei­ne Miß­ver­ständ­nis­se auf­kom­men. Nie wieder.

Das pol­ni­sche Mäd­chen im Nega­tiv wirft beim ers­ten Mal Fra­gen auf, beim zwei­ten Mal leuch­ten die Äpfel weiß hin­ter schwar­zen Schau­feln, und man ver­steht plötz­lich, was sie tut. War­um hier noch wei­ter­erzäh­len? War­um ihr auf dem Weg nach Hau­se fol­gen, den Fil­ter lüf­ten und so mit der unwirk­li­chen Stim­mung bre­chen? War­um wie­der direkt? Jetzt weiß man, sie ist Polin, im Wider­stand und spielt Kla­vier. Sile­sia Film im Abspann, und man denkt sich zum zehn­ten Mal, wie faul und feig die The­men­wahl ist.

Zuge­ge­ben, die Wut aufs Publi­kum half nicht: Alman­knech­te und Michel­fres­sen, alle mit hän­gen­den Schul­tern. Plötz­lich war sich jeder bewußt, Vor­fah­ren zu haben, plötz­lich nicht mehr zufäl­lig auf die­sen Fle­cken Erde gewor­fen, statt­des­sen blu­ti­ge Hän­de und Zäh­ne unter den Soh­len. Und jeder die­ser Vor­fah­ren war Lager­lei­ter im Osten. Wir müs­sen alles bes­ser machen. Viel besser.

Sams­tags, nach der Vor­stel­lung, ging es mit die­sem Bes­ser gleich gut wei­ter: Mar­tin Sell­ner wur­de aus der Schweiz abge­scho­ben. Ein Anfang, immerhin.

– –

Es ist der Demo­kra­tie nicht zuträg­lich, daß alle zum Bekennt­nis der­sel­ben Mei­nung genö­tigt wer­den. Das Bild stammt von der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung zur Leip­zi­ger Buch­mes­se, die noch bis Sonn­tag läuft. Ich wür­de gern die­je­ni­gen zu einem Abend­essen in einer guten Leip­zi­ger Gast­stät­te ein­la­den, die den “Welle”-Effekt, den Gleich­schritt unter­lie­fen und kein Schild in die Höhe hielten.

– – – – –

Sams­tag, 9. März

War­um ich mich, immer­hin gedient und sogar ein­satz­er­fah­ren, nicht aus­führ­lich zur Cau­sa jener vier hoch­ran­gi­gen Offi­zie­re äußer­te, deren läs­si­ges Gespräch über den Ein­satz von Len­kra­ke­ten gele­akt wor­den ist? So frag­te nicht nur einer.

Ganz ein­fach: Es ist irrele­vant, was ich dazu zu sagen habe. Detail­wis­sen, kennt­nis­rei­che Spe­ku­la­ti­on, was haben wir (wir?) falsch gemacht, was kön­nen wir bes­ser machen – alles völ­lig egal.

Mein Ein­wurf wür­de aus die­ser Armee nicht wie­der mei­ne, unse­re Armee machen. Die­se Zei­ten sind vor­bei. Das sage ich nicht als belei­dig­te Leber­wurst, son­dern als jemand, der zu vie­le gute Sol­da­ten frus­triert hat auf­ge­ben und zu vie­le gute Män­ner erst gar nicht zum Zuge hat kom­men sehen. Der Sub­stanz­ver­lust ist bru­tal, die Aus­le­se absurd, dar­über täu­schen ein paar gute Batail­lo­ne nicht hinweg.

Wozu also kom­men­tie­ren, wenn wir gar kei­nen Stand­punkt mehr ein­neh­men müs­sen? Man staunt dar­über, was auf Kar­rie­re­lei­tern ganz oben ange­krab­belt kommt. Man will nie­mals von sol­chen Män­nern geführt werden.

Und im nächs­ten Moment wird einem spei­übel, denn die Strack-Zim­mer­mann faselt und wet­tert wie­der ein­mal, ges­tern gegen des Paps­tes sanf­ten Vor­schlag, man sol­le der Rea­li­tät ins Auge sehen und der Ukrai­ne emp­feh­len, sich drin­gend mit Ruß­land an den Ver­hand­lungs­tisch zu bege­ben. Da kehrt also ein libe­ral­de­mo­kra­ti­scher Dop­pel­na­me, eine katho­li­sche Bürs­te, die männ­li­chen Res­te ukrai­ni­scher Jahr­gän­ge an die Front.

Das sind wir, das ist das, was das Aus­land sieht. Und mit­hört. Das war’s, oder?

– –

Höcke rief an. Wir wol­len bald wie­der ein Stück wan­dern und in Ruhe spre­chen. Aber des­we­gen rief er nicht an. Er teil­te nur kurz mit, daß sei­ne “Immu­ni­tät”, die ihn als Teil der Legis­la­ti­ve vor der Will­kür der Exe­ku­ti­ve schüt­zen soll­te, nun zum ach­ten Mal auf­ge­ho­ben wür­de. Das ist in der Geschich­te des Par­la­men­ta­ris­mus in der BRD ein­sa­me Spitze.

Vor allem aber ist es nicht lus­tig, über­haupt nicht sogar. Zwar wird jedes Schwert zum schar­ti­gen Küchen­mes­ser­chen, wenn man es zu oft und am fal­schen Mate­ri­al ein­setzt – der dro­hen­de Klang der Schlag­zei­le “Ver­lust der Immu­ni­tät” hat sein Poten­ti­al längst ver­spielt; aber das ist es ja gera­de: Woher soll denn noch Respekt vor staat­li­cher Insti­tu­ti­on kom­men, wenn ihr Miß­brauch zuta­ge liegt und ihre Kraft ver­schleu­dert wurde?

Höcke wird sich mit­ten im Wahl­kampf in drei Gerichts­pro­zes­sen gegen die Unter­stel­lung zur Wehr set­zen müs­sen, Mei­nungs­de­lik­te began­gen zu haben. Gera­de in sei­nem Fall liegt der Argu­men­ta­ti­ons­krin­gel, der Selbst­be­stä­ti­gungs­krei­sel aus poli­ti­schem Geg­ner, denun­zia­to­ri­schem Jour­na­lis­mus und Inlands­ge­heim­dienst offen zu Tage: Medi­en­ver­tre­ter recher­chie­ren etwas, das für den Ver­fas­sungs­schutz rele­vant sein könn­te und schrei­ben spä­ter, daß man das beim “Dienst” eben­falls so sehe.

Was Höcke schmerzt, ist nicht die Auf­he­bung sei­ner Immu­ni­tät – er ist sowie­so für die Abschaf­fung die­ses Nicht-Schut­zes: Er die­ne mitt­ler­wei­le nur noch dazu, auf­ge­ho­ben zu wer­den und beim ers­ten Mal den Bür­ger in jedem von uns zu erschre­cken. Aber selbst an die Auf­he­bung der Immu­ni­tät kön­ne man sich gewöh­nen. Sag­te es – und lach­te dann doch.

Was ihn wirk­lich schmerzt, ist der Zeit­ver­lust. Sich mit Gro­tes­ken beschäf­ti­gen zu müs­sen, wäh­rend sein Bun­des­land vor der Wahl steht – das ist schwer zu ertragen.

– –

Die Sell­ner-Fest­spie­le sind auf ihrem Höhe­punkt ange­langt. Zwar war ges­tern Sonn­tag, aber auch der Tag des Herrn sah Sell­ner im uner­müd­li­chen Ein­satz mit dem Vor­schlag­ham­mer: Sell­ner drischt den Begriff “Remi­gra­ti­on” in die Köp­fe, dies­mal auf dem Bal­kon des Gebäu­des der EU-Agen­tur in Wien, mit rie­si­gen Ban­nern (man beach­te das Flug­zeug im “R”) und einer Megaphon-Ansprache.

Als ich ihn ans Tele­fon krieg­te, war er gera­de vom Gebäu­de run­ter und hat­te den Poli­zis­ten sei­ne Per­so­na­li­en ange­ge­ben. Er war sehr zufrie­den, denn mit etwas Lauf­schritt und güns­ti­ger Ampel­schal­tung wür­de er es noch recht­zei­tig zu einem Essen schaf­fen, zu dem sei­ne Fami­lie ein­ge­la­den war. Ande­re wür­den sich fei­ern las­sen, trü­gen ihre Schüt­zen­gra­ben­ge­schich­te wochen­lang vor, zuletzt ver­mut­lich in Rei­men – so nicht Sellner.

Er ist der Pop-Star der Sze­ne, wir haben ihn unter Ver­trag. Die 1. Auf­la­ge sei­nes Buches Remi­gra­ti­on. Ein Vor­schlag, 8500 Exem­pla­re, wird Ende März ver­grif­fen sein.  Auch die 5. Auf­la­ge von Sell­ners Regime Chan­ge von rechts schmilzt ab, und der mit Mar­tin Licht­mesz geführ­te Dis­put Bevöl­ke­rungs­aus­tausch und Gre­at Reset wird bereits nach­ge­druckt – er ist seit Wochen vergriffen.

Für uns als Ver­lag inter­es­sant ist das wie­der­keh­ren­de Pro­blem des Papier­man­gels. Wir dru­cken auf hoch­wer­ti­gem Off­set-Papier, gelb­lich­weiß, 80 oder 90 Gramm, nichts Unge­wöhn­li­ches für die Lie­fe­ran­ten unse­rer Dru­cke­rei­en, sogar sehr gän­gig für jeden Ver­lag, der in Deutsch­land dru­cken läßt. Aber die Lage ist der­zeit wie­der so kri­tisch, daß wir mit der 2. Auf­la­ge das gesam­te rasch ver­füg­ba­re Kon­tin­gent aus­rei­zen wer­den, obwohl selbst damit nicht die gewünsch­te Stück­zahl wird rea­li­siert wer­den kön­nen. Eine Ent­span­nung der Lage ist erst für April signa­li­siert worden.

Sell­ner, des­sen Twit­ter-Account ges­tern wie­der frei­ge­stellt wor­den ist, hat sich übri­gens sehr über die Druck­qua­li­tät und die Farb­ge­bung sei­nes neu­en Buches gefreut. Er hat es seit Frei­tag auf dem Tisch und signiert der­zeit 200 Exem­pla­re für einen ganz beson­de­ren Kun­den. Das ist eine gro­ße Aus­nah­me, ich bit­te dar­um, von Nach­fra­gen abzusehen!

Aber wir pla­nen natür­lich mit Sell­ner als Gast auf unse­rem dies­jäh­ri­gen Som­mer­fest. (Den Ter­min soll­ten Sie sich vor­mer­ken, wir wer­den wie­der­um nur 500 Gäs­ten Platz bie­ten kön­nen: Wir fei­ern am 13. und 14. Juli – aber bit­te: Mel­den Sie sich NOCH NICHT an. Wir geben den Start­schuß nach Ostern!)

– –

(Ergän­zun­gen, Fund­stü­cke und kri­ti­sche Anmer­kun­gen rich­ten Sie bit­te an [email protected]. Ich wer­de aus­brei­ten, was sich ansammelt.)

– – – – –

Sams­tag, 24. Februar

Mos­kau war die ers­te Stadt, in der man mit soge­nann­tem Face Pay die U‑Bahn benut­zen konn­te. Filipp Fomit­schow, ein jun­ger rus­si­scher Wis­sen­schaft­ler, der vor einer Woche im Rah­men unse­rer Win­ter­aka­de­mie zum The­ma “Die ideo­lo­gi­sche Land­schaft Ruß­lands” refe­rier­te, erklär­te es mir: Man hält sein Gesicht in eine Kame­ra, nur für eine Sekun­de, dann geht die Schran­ke auf, man hat bezahlt und kann fahren.

Ich habe nach­ge­schaut, es stimmt: Seit Okto­ber 2021 funk­tio­niert die­ses Sys­tem an 240 U‑Bahnhöfen Mos­kaus. Fomit­schow selbst nutzt Face Pay nicht, aber er berich­te­te, daß sehr vie­le Mos­kau­er die­sen Dienst nutz­ten und nichts dabei fän­den. Über­haupt habe es ihn gewun­dert, daß es in Deutsch­land noch immer etli­che Geschäf­te gebe, in denen man Bar­geld akzep­tie­re oder sogar aus­schließ­lich anneh­me. Zwar sei in Ruß­land der Unter­schied zwi­schen Mos­kau und Pro­vinz enorm; jedoch bar­geld­los bezah­len: Das kön­ne man in jedem Kiosk.

Aus die­ser Schil­de­rung her­aus ent­wi­ckel­te sich ein Gespräch über die Tech­nik und die Moder­ne, kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik und das Neben­ein­an­der von Spit­zen­tech­no­lo­gie und Folk­lo­re, Welt­for­mat und Eigent­lich­keit, Mes­ser­schmidt Me 262 und Braun­hem­den-Auf­tanz, Face Pay und Stel­lungs­krieg wie vor über hun­dert Jahren.

War­um erzäh­le ich das heu­te? Vor zwei Jah­ren griff Ruß­land die Ukrai­ne an. Unse­re Ruß­land-Aka­de­mie kam und unse­re Ruß­land-Sezes­si­on kommt jedoch ohne eine Zei­le über die­sen Krieg aus. Grund ist die tie­fe­re Absicht hin­ter Aka­de­mie und Heft: Wir woll­ten ers­tens Ruß­land ent­ro­man­ti­sie­ren und ein ambi­va­len­tes, unein­heit­li­ches, dis­pa­ra­tes Bild von die­ser Welt­macht ver­mit­teln. Zwei­tens soll­te aber der geis­ti­ge Raum die­ses gro­ßen und groß­ar­ti­gen Lan­des geöff­net werden.

Bei­des ist geglückt, wirk­lich. Fomit­schow trug ent­schei­dend dazu bei, aber auch Leh­nert mit sei­nem Vor­trag über die Deut­schen und die Rus­sen und ihre Nah­fer­ne, Dušan Dosta­nić mit der schwie­ri­gen und lei­der oft bloß pau­schal erzähl­ten Geschich­te zwi­schen Ser­bi­en und Ruß­land und natür­lich Ivor Clai­re, der eine geo­stra­te­gi­sche Skiz­ze zeich­ne­te und alle Kna­ben­mor­gen­blü­ten­träu­me mit Ver­wei­sen auf Macht­lo­sig­keit und Wunsch­den­ken weg­wisch­te und die Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit nannte.

Guck­lö­cher nann­te Peter Hand­ke das, was uns vor­ge­stanzt auf Län­der, auf Schuld und Glanz bli­cken läßt, und min­des­tens hin­ter­fra­gen soll­ten wir stets, wer der Stan­zer war. Bes­ser noch: weg mit der Bret­ter­wand, frei­er Blick, mit denen reden, die scho­nungs­los schau­en. Das haben wir getan, ein lan­ges Wochen­en­de und 80 Heft­sei­ten lang, und es hat mir sehr gut getan, sehr.

Heft 118Auch des­we­gen: An einem Abend, also jetzt gera­de vor genau einer Woche, ver­sam­mel­ten sich von den hun­dert­fünf­zig Teil­neh­mern zwan­zig in unse­rer Biblio­thek und hör­ten einem Spre­cher zu, wie er eine Stun­de lang aus­wen­dig rus­si­sche Lyrik rezi­tier­te, über­setzt natür­lich. Alex­an­der Pusch­kin, Michail Ler­mon­tow, Iwan Tur­gen­jew, Alex­an­der Block, Niko­laj Gumil­jow und Anna Ach­ma­towa –  ich sag­te zu Leh­nert, als wir danach wie­der nach vorn in den Gast­hof pil­ger­ten, daß allei­ne so etwas die Arbeit von zwan­zig Jah­ren loh­ne und daß so etwas die lin­ken Pen­ner, die mor­gen demons­trie­ren wür­den, sicher­lich nicht für mög­lich hiel­ten und ganz sicher noch nie erlebt hätten.

Eine Woche ist es erst her, und heu­te kam Post von einem, der auf ukrai­ni­scher Sei­te an der Front steht. Ich kann ihn ganz ver­ste­hen, auch, wie sehr der Loya­li­täts­raum auf die Kame­rad­schaft zusam­men­schnurrt – eine Erfah­rung, die unse­re jun­gen Män­ner alle­samt nicht mehr machen kön­nen, die ihnen vor­ent­hal­ten wird, denn erfahr­bar ist sie schon, wo man mal zwei Wochen am Stück in einem naß­kal­ten Wald­stück liegt und das übt, was nun an der schreck­li­chen Ost­front wie­der gekonnt wer­den muß.

Und wir haben in unse­ren You­tube-Kanal den andert­halb Jah­re alten Vor­trag von Pro­fes­sor Neu­hoff (AfD NRW, Euro­pa­lis­ten­platz weit vorn) wie­der ein­ge­stellt – er han­delt vom Kon­flikt und vom Krieg in der Ukrai­ne, paßt also zum heu­ti­gen Datum. Neu­hoffs Vor­trag erscheint erneut und just dann, wenn er sich heu­te und mor­gen inmit­ten der nord­rhein-west­fä­li­sche AfD über der Fra­ge, ob man sich von der JA distan­zie­ren sol­le, zu posi­tio­nie­ren hat. Man benimmt sich dort, als hät­te man nichts gelernt und nichts kapiert.

Das sind jetzt Fet­zen, Stück­chen, dar­aus kann die Poli­tik kaum etwas ablei­ten, und vehe­ment rede­te ich, wie auf jeder Aka­de­mie, gegen zuviel Theo­rie und vor allem gegen Jar­gon und geschlos­se­ne Gebäu­de an. Wir sto­chern uns vor­an, ste­cken erkun­de­te Stü­cke ab, das ist viel. Der Stand­punkt ist dabei immer Deutsch­land, wen wundert’s.

(Das Ruß­land-Heft der Sezes­si­on gibt’s hier und Neu­hoffs Vor­trag da.)

– – – – –

Don­ners­tag, 15. Februar

Vor Jah­ren war ich mit der Fami­lie am Mon­te Cas­si­no, süd­lich von Rom. Wir waren dort nicht der wie­der­auf­ge­bau­ten Grün­dungs­ab­tei des Bene­dik­ti­ner­or­dens wegen, son­dern um den deut­schen Sol­da­ten­fried­hof zu besu­chen, auf dem rund 20 000 Gefal­le­ne beer­digt sind. Die­ser Fried­hof ist einer der schöns­ten und wür­digs­ten, die ich kenne.

Die Deut­schen ver­tei­dig­ten 1944 die soge­nann­te Gus­tav-Linie vier Mona­te lang gegen die Viel­völ­ker-Armee, die unter US-ame­ri­ka­ni­scher Füh­rung von Süd­ita­li­en her anrann­te: Neu­see­län­der, Eng­län­der, Inder, Exil­po­len, sogar Bra­si­lia­ner. Die Mon­te-Cas­si­no-Schlacht gilt als eine der längs­ten und für bei­de Sei­ten ver­lust­reichs­ten Schlach­ten des II. Welt­kriegs. Sie wird von der Mili­tär­ge­schichts­schrei­bung in vier Abschnit­te aufgeteilt.

Mich inter­es­siert heu­te, daß die Deut­schen auf Befehl des Ober­be­fehls­ha­bers Feld­mar­schall Albert Kes­sel­ring das Klos­ter auf dem Mon­te Cas­si­no nicht zur Fes­tung aus­bau­ten: Zu wert­voll sei die­ses Kul­tur­gut. Der Abt des Klos­ters bestä­tig­te nach dem Krieg, daß sich die deut­schen Stel­lun­gen gemäß Befehl 300 Meter vom Klos­ter ent­fernt befan­den – und daß kein deut­scher Sol­dat die­sen Befehl unterlief.
Kes­sel­ring hat­te den Alli­ier­ten die­se Maß­nah­me zur Kennt­nis gebracht, und die Geg­ner fan­den im Ver­lauf der ers­ten Schlacht um die Gus­tav-Linie kei­nen Beleg dafür, daß die Deut­schen nur eine Kriegs­list ange­wen­det hätten.

Die zwei­te Schlacht sah einen alli­ier­ten Angriff auf die Cas­si­no-Stel­lun­gen der deut­schen Fall­schirm­jä­ger vor. Sie begann am 15. Febru­ar 1944, also vor 80 Jah­ren, mit erheb­li­chen Ver­lus­ten für die Angrei­fer. Dar­auf­hin bat der neu­see­län­di­sche Gene­ral Frey­berg um Luft­un­ter­stüt­zung und um die Bom­bar­die­rung des gesam­ten Berges.

225 Bom­ber luden rund 500 Ton­nen Spreng- und Brand­bom­ben auf das Klos­ter ab. Es wur­de voll­stän­dig zer­stört, etwa 400 Mön­che und Zivi­lis­ten kamen um, aber kein ein­zi­ger deut­scher Sol­dat. Denn erst nach der Zer­stö­rung rich­te­ten sich die Deut­schen in den Trüm­mern ein und bau­ten die Rui­nen zu einer prak­tisch unein­nehm­ba­ren Fes­tung aus.

Kunst­schät­ze, die unfaß­bar wert­vol­le Biblio­thek und die Gebei­ne des Ordens­grün­ders, Bene­dikt von Nur­sia, waren zuvor unter Mit­hil­fe von Trup­pen der Fall­schirm-Pan­zer-Divi­si­on Her­mann Göring in die Engels­burg in Rom aus­ge­la­gert worden.

Da unse­re Fami­lie eine beson­de­re Bezie­hung zum Orden der Bene­dik­ti­ner pflegt, ist der 15. Febru­ar nicht nur der letz­ten Angriffs­wel­le auf Dres­den wegen ein schwar­zer Tag.

– – – – –

Mitt­woch, 7. Februar

Sechs Tage lang war Mar­tin Sell­ners noch nicht erschie­ne­nes Buch Remi­gra­ti­on. Ein Vor­schlag beim Inter­net-Rie­sen Ama­zon auf Platz 1 der best­ver­kauf­ten Bücher.

Tele­fo­na­te erge­ben ein Volu­men von bis­her rund 7000 vor­be­stell­ten Exem­pla­ren allein über die­sen einen Anbie­ter. Jedoch will Ama­zon den Inhalt des Buchs zunächst prü­fen. Nun dis­ku­tie­ren wir mit Sell­ner und erfah­re­nen Buch­händ­lern dar­über, wie wir damit umge­hen sollten.

– –

Die Lage der natio­na­len Oppo­si­ti­on in Deutsch­land, der wir ange­hö­ren, hat sich wei­ter ver­schärft: Die Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der AfD, die Jun­ge Alter­na­ti­ve (JA), hat ein Eil­ver­fah­ren gegen ihre Ein­stu­fung als “gesi­chert rechts­extre­mis­tisch” ver­lo­ren. Ein Ver­wal­tungs­ge­richt in Köln hält die­se Ein­stu­fung durch das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz für recht­mä­ßig: Die JA ver­tre­te einen an der Abstam­mung aus­ge­rich­te­ten, also eth­ni­schen Volks­be­griff und ver­sto­ße damit gegen das Prin­zip der Men­schen­wür­de, weil sie Abstam­mungs­deut­sche von Paß­deut­schen unter­schei­de und Wert dar­auf lege, daß ers­te­re in der deut­li­chen Mehr­heit blieben.

Die JA ver­tritt also einen Volks­be­griff, wie er von der über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit aller Natio­nen und Völ­ker welt­weit als Selbst­ver­ständ­lich­keit ange­se­hen wird und wie ihn auch Deutsch­land etwa im Rah­men der Defi­ni­ti­on und der pri­vi­le­gier­ten Behand­lung deutsch­stäm­mi­ger Rück­sied­ler aus ehe­ma­li­gen Aus­wan­de­rer­grup­pen zugrundelegt.

Aber es ist wie längst schon: Die Ver­tei­di­gung der Nor­ma­li­tät wird kri­mi­na­li­siert von Leu­ten, die im Sin­ne macht­ha­ben­der Alt­par­tei­en agie­ren und Begrif­fe ver­bie­gen, weil sie von eben die­sen Alt­par­tei­en zum Schutz des Alt­par­tei­en­staa­tes ein­ge­setzt wor­den sind.

Gefähr­lich ist die­ses Affen­thea­ter für die JA, weil sie als Ver­ein orga­ni­siert ist – wie übri­gens jede Par­tei­ju­gend. Ver­ei­ne kann das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um mit einem Feder­strich ver­bie­ten, sofern das, was der Ver­ein tut, gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung ver­stößt und/oder sich gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung richtet.

(Auch hier wie­der das Wort “Völ­ker”: Wel­che wie ver­faß­ten sind gemeint? Die­je­ni­gen, die eth­no­kul­tu­rell als unter­schie­den von ande­ren wahr­nehm­bar sind, soll es ja gar nicht mehr geben.)

– –

Wir alle rech­ne­ten für das so wich­ti­ge Wahl­jahr 2024 (Euro­pa­par­la­ment und drei Land­ta­ge im Osten) mit mas­si­ven Stö­run­gen und Ver­zer­run­gen des in geord­ne­ten Bah­nen vor­ge­se­he­nen Wett­be­werbs um Stim­men­an­tei­le. Die ver­gan­ge­nen Wochen und jetzt die mas­siv auf­kei­men­den Ver­bots­dis­kus­sio­nen, die auf den Par­tei-Rück­raum, auf die Ver­eins­struk­tu­ren des Vor­felds zie­len, haben gezeigt: Unse­re Ver­mu­tung war und ist begründet.

Nicht, daß nicht zuvor schon unlau­ter agiert wor­den wäre von Sei­ten derer, die an der Macht sind: Aber die Unver­fro­ren­heit, mit der ein „Geheim­tref­fen in Pots­dam“ nicht nur erfun­den, son­dern mit toxi­schem Inhalt auf­ge­la­den und begriff­lich in die Nähe natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Eli­mi­nie­rungs­be­schlüs­se gerückt wur­de, hat selbst uns überrascht.

Scho­ckie­ren­der noch als die Erfin­dung und Plat­zie­rung die­ser Kam­pa­gne an sich ist der Umstand, daß ihre Absicht medi­al nicht hin­ter­fragt, son­dern unter­stützt wur­de und daß die­se Unter­stüt­zung sich auf wie­der­um stark staat­lich geför­der­te Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen gegen die AfD aus­dehn­te, obwohl das Demons­tra­ti­ons­recht nicht dafür gedacht ist, daß Regie­rungs­par­tei­en, also Macht­ha­ber, es für sich in Anspruch neh­men, um damit gegen die Oppo­si­ti­on zu agitieren.

Wie stets weiß nie­mand von uns, ob wir uns durch unse­ren Wider­stand und die erneu­te Straf­fung der Oppo­si­ti­ons­ar­beit genau dort­hin bege­ben, wo uns der Geg­ner haben möchte.

Jeden­falls hat die ver­lo­ge­ne Kam­pa­gne für Tage und Wochen fast alle Auf­merk­sam­keit auf sich gezo­gen. Sie hat sie dadurch von ande­ren Ereig­nis­sen und The­men abge­lenkt. Ganz sicher waren und sind die­se ande­ren The­men wich­ti­ger als die Tat­sa­che, daß sich ein paar Leu­te in Pots­dam tra­fen, um über ein The­ma zu spre­chen, das zum Kern jeder natio­na­len Oppo­si­ti­on gehört: über die not­wen­di­ge Schub­um­kehr von Migra­ti­ons­strö­men. Es soll­te sich also loh­nen, zusam­men­zu­stel­len, was unter den Tisch fiel. (Natür­lich die Bau­ern- und Hand­wer­ker­pro­tes­te, aber auch sie sind eher ein Kräu­seln an der Oberfläche.)

Und noch dies: Es hat sich in den ver­gan­ge­nen Wochen – wie stets in kri­ti­schen Pha­sen – her­aus­ge­schält, wer sich nicht nur an die poli­ti­sche Front wäh­len ließ, son­dern front­taug­lich ist und sei­nen Sold zurecht ein­streicht. Der Weg zur Gestal­tungs­macht und zu Deu­tungs­an­tei­len im vor­po­li­ti­schen Raum ist kein Pony­rei­ten, und viel­leicht ist das, was seit Mit­te Janu­ar auf­ge­führt wird, nur eine Fingerübung.

Mag sein, daß dies nicht jedem klar war, der sich expo­nier­te. Aber jetzt muß es jedem klar sein, und jeder soll­te begrif­fen haben, daß auch in die­sem Staat (oder gera­de in die­sem) kei­ner von denen, die seit Jahr­zehn­ten die Macht haben, bereit ist, Macht kampf­los abzu­ge­ben und daß die­se Geg­ner den Kampf dre­ckig füh­ren wer­den. Ein siche­res Indiz dafür ist stets die Behaup­tung, man habe die Demo­kra­tie zu ver­tei­di­gen gegen die Fein­de der Demokratie.

– – – – –

Frei­tag, 2. Februar

Mal ein wenig Werk­statt­be­richt: Seit drei Tagen wird Mar­tin Sell­ners Buch Remi­gra­ti­on. Ein Vor­schlag im deut­schen Buch­sor­ti­ment des Online-Rie­sen ama­zon auf Platz 1 geführt. Wir hiel­ten die­se Pla­zie­rung schon ein­mal, im Som­mer und Herbst 2017, als das Kapla­ken-Bänd­chen Finis Ger­ma­nia von Rolf Peter Sie­fer­le zum Skan­dal­buch der Buch­mes­se in Frank­furt wurde.

Das Feuil­le­ton hat­te damals scho­ckiert reagiert und Sie­fer­les Nacht­ge­dan­ken von der Spie­gel-Best­sel­ler­lis­te ent­fernt – ein bis dato ein­ma­li­ger Vor­gang in der BRD. (Die Bes­ten­lis­te, die der NDR und die Süd­deut­sche Zei­tung gemein­sam erstellt hat­ten, wur­de gleich ganz auf­ge­ge­ben. Sie exis­tiert heu­te in geän­der­ter Form wieder.)

Aber zurück zu Sell­ners Remi­gra­ti­on (das Buch kann hier vor­be­stellt wer­den): Platz 1 bei ama­zon bedeu­tet 250 bis 1000 ver­kauf­te Exem­pla­re pro Tag. Man kann das nicht so genau sagen, denn es kommt auf den Druck an, den die Pla­zie­rung von hin­ten erfährt. Fin­den sich dort – im Janu­ar wahr­schein­li­cher als im Weih­nachts­ge­schäft – eher ruhi­ge Titel ein, kann man ganz vorn lan­den, ohne har­te Kon­kur­renz abhän­gen zu müssen.

Auch das im letz­ten Som­mer erschie­ne­ne Buch von Sell­ner, Regime Chan­ge von rechts, wird her­vor­ra­gend ange­nom­men und rei­tet auf einer zwei­ten Wel­le: Wir lie­fern seit ges­tern die 4. Auf­la­ge aus und haben gleich­zei­tig die 5. in Druck gege­ben. Poli­tik von rechts von Maxi­mi­li­an Krah wird mit­ge­zo­gen: Es lief in den Mona­ten davor etwas stär­ker als Sell­ners Regime Chan­ge, ist nun aber ein­ge­holt wor­den. Die 5. Auf­la­ge wird eben­falls gera­de gedruckt.

In der Zeit ist aus der Feder von Mari­am Lau übri­gens eine gan­ze Sei­te über die Theo­rie-Pro­duk­ti­on unse­res Ver­lags erschie­nen. Sie hat sich neben Sell­ners und Krahs Büchern auch die vor gut sechs Jah­ren erschie­ne­nen Bän­de Das ande­re Deutsch­land (von Erik Leh­nert und Wig­go Mann) und das legen­dä­re Mit Lin­ken leben (lei­der ver­grif­fen) von Mar­tin Licht­mesz und Caro­li­ne Som­mer­feld vor­ge­nom­men und einen Punkt getrof­fen: Damals übten wir uns noch in “brei­te Brust”, heu­te haben wir sie.

Noch im Wind­schat­ten segelt ein ande­rer Coup. Rober­to Van­n­ac­ci, Gene­ral der ita­lie­ni­schen Spe­zi­al­streit­kräf­te, hat im ver­gan­ge­nen Som­mer ein Bre­vier des gesun­den Men­schen­ver­stands vor­ge­legt. Das Buch wur­de im rechts­kon­ser­va­ti­ven, also nor­ma­len Ita­li­en zum Buch des Jah­res, Van­n­ac­ci zunächst beur­laubt. Im Dezem­ber aber wur­de er zum Chef des Gene­ral­stabs der ita­lie­ni­schen Land­streit­kräf­te ernannt – ein Skan­dal für deut­sche Zivil­ge­hir­ne, die davon aus­ge­hen, daß Gesin­nung Kön­nen ersetze.

Jeden­falls: Gene­ral Van­n­ac­cis Buch wird unter dem Titel Ver­dreh­te Welt. Eine Bestands­auf­nah­me zusam­men mit Sell­ners Remi­gra­ti­ons­vor­schlag bei Antai­os erschei­nen. Natür­lich wer­den wir Van­n­ac­ci zu unse­rem Som­mer­fest ein­la­den. Es könn­te dann etwas luf­ti­ger im Vor­trags­saal zuge­hen, denn viel­leicht wer­den wir zu die­ser Lesung nur Gedien­te zulas­sen (und sol­che, die ger­ne gedient hätten) …

Wer­den sehen, wie Lage und Stim­mung sich bis dahin entwickeln.

– – – – –

Mon­tag, 29. Januar

Gemein­sam mit Maxi­mi­li­an Krah war ich zu Vor­trä­gen und Gesprä­chen in Wien und in Buda­pest. Rei­se und Pro­gramm hat­ten wir bereits im Dezem­ber fest­ge­legt. Aber ihre Auf­la­dung erhiel­ten die Besu­che erst in den ver­gan­ge­nen vier­zehn Tagen.

Denn in Öster­reich und in Ungarn, vor allem dort, inter­es­siert man sich nun dafür, wie es mög­lich sei, aus einer pri­va­ten Gesprächs­run­de von CDU- und AfD-Leu­ten ein “Geheim­tref­fen” zu kon­stru­ie­ren und es seman­tisch und emo­tio­nal mit der Wann­see­kon­fe­renz von 1942 zu verknüpfen.

In Wien waren Krah und ich zu Gast in den Räu­men der Öster­rei­chi­schen Lands­mann­schaft, ÖLM. Auf­ga­be die­ses 1880 gegrün­de­ten Ver­eins ist die Betreu­ung und Unter­stüt­zung deutsch­spra­chi­ger Min­der­hei­ten im Aus­land in allen Belan­gen. Ich hat­te im Saal der ÖLM schon im ver­gan­ge­nen Novem­ber vor­ge­tra­gen, damals (es kommt einem vor wie “damals”!) zu Ray Brad­bu­rys Roman Fah­ren­heit 451.

Das For­mat war dies­mal ein ande­res, wir tru­gen nicht ein­fach vor, son­dern ant­wor­te­ten stets bei­de auf Fra­gen zur Lage und zu den Hin­ter­grün­den der Kam­pa­gne. Das war leben­dig, man ergänz­te sich und kam in Fahrt, vor allem, weil man ein­an­der nicht aus­ste­chen woll­te, son­dern gemein­sam an der Lage­fest­stel­lung arbeitete.

In Buda­pest war es anders. Wir waren zu Gast im Insti­tut Imre Ker­té­sz, einer auf­wen­dig reno­vier­ten und her­vor­ra­gend aus­ge­stat­te­ten Jugend­stil­vil­la. Ich trug dort zehn The­sen zur “Lage der natio­na­len Oppo­si­ti­on in Deutsch­land” vor, Krah sprach über das Euro­pa­kon­zept der AfD und gab danach fünf oder sechs Inter­views, wobei neben regie­rungs­nä­he­ren auch oppo­si­tio­nel­le Medi­en­ver­tre­ter zum Zuge kamen (etwa hier).

Ich war im Apar­te­ment “Arthur Koest­ler” unter­ge­bracht, und das Gespräch mit dem Lei­ter des Insti­tuts dreh­te sich gleich um die “Tetra­lo­gie der Schick­sal­lo­sig­keit” von Ker­té­sz (von der ich nur den Band Roman eines Schick­sal­lo­sen gele­sen habe) und über Koest­lers Son­nen­fins­ter­nis. Die Dis­kus­si­on ent­wi­ckel­te sich in Rich­tung ver­schie­de­ner Libe­ra­lis­mus­be­grif­fe und Demo­kra­tie­theo­rien, und ich frag­te mich, als ich in der frei­en Stun­de eini­ges notier­te, wel­cher ande­re AfD-Poli­ti­ker in der Lage gewe­sen wäre, auf Deutsch und Eng­lisch über sol­che The­men so zu spre­chen, daß es sich ins Bild vom Men­schen ausweitete.

Mit Gast­ge­be­rin Mária Schmidt spra­chen wir in klei­nen Run­den über ande­re Din­ge. Erfreu­lich ist jedes Mal wie­der die Offen­heit und Direkt­heit der Leu­te: Dort regiert man längst, dort setzt man um, alles klug und auf Jah­re hin­aus ent­wor­fen. Ich habe wie­der viel gelernt und konn­te unge­schützt nach­fra­gen und nach­boh­ren. (Wäh­rend­des­sen löf­fel­te ich das Mark aus auf­ge­schnit­te­nen Kno­chen und streu­te Meer­ret­tich­kä­se dar­über – auch das mag ich so sehr an die­sen Län­dern, ost­wärts: das Ausgebreitete.)

Das alles vor den Vor­trä­gen. Wir hiel­ten sie nach den Hin­ter­grund­ge­sprä­chen am spä­ten Nach­mit­tag. Ich wer­de die­ser Tage mei­ne The­sen zusam­men­fas­sen und auf Punk­te kon­zen­trie­ren, die mei­ner Mei­nung nach über den Tag hin­aus­wei­sen und wie­der­um Tei­le des­sen beinhal­ten, was am Vor­tag in Wien, in der Woche zuvor in Dort­mund und im Cas­tell Auro­ra in Steyr­egg bei Linz schon zur Spra­che gekom­men war.

Und ich wer­de die­se The­sen an wei­te­ren Orten vor­tra­gen, vor allem im Westen.

Die Lage ist sur­re­al. Der Kan­di­dat der AfD für das Land­rats­amt im Saa­le-Orla-Kreis holt auf dem Höhe­punkt der Anti-AfD-Kam­pa­gne und unter dem Dau­er­feu­er eines ent­hemm­ten poli­ti­schen Geg­ners 48 Pro­zent der Stim­men – gegen alle ande­ren zusam­men; die AfD selbst ver­zeich­net seit zwei Wochen eine Ein­tritts­wel­le; wir selbst sam­meln am lau­fen­den Band Neu­abon­nen­ten und Erst­le­ser ein und arbei­ten im absur­den Tru­bel wie mit Scheu­klap­pen an den Satz­fah­nen der neu­en Bücher von Mar­tin Sell­ner (Remi­gra­ti­on. Ein Vor­schlag) und Rober­to Van­ac­ci (Ver­dreh­te Welt. Eine Bestands­auf­nah­me).

Der­weil ver­tieft der Kom­plex aus Staat, Par­tei­en, Zivil­ge­sell­schaft und Kir­chen den Riß bis zur Unüber­brück­bar­keit. Denn das ist das Ziel der lau­fen­den Kam­pa­gne: die Leu­te auf­ein­an­der­zu­het­zen und dadurch Herr­schafts­si­che­rung zu betrei­ben. Daß dies mit­tels einer Ver­leum­dung geschieht, die vom genann­ten Kom­plex durch­ge­tra­gen wird, ohne nen­nens­wer­ten Wider­spruch, ist ein Offen­ba­rungs­eid. Und es ist das, was mich am meis­ten erschreckt.

– – – – –

Mon­tag, 22. Januar

Das schrieb ich mal, ist viel­leicht drei­ein­halb Jah­re her. Leser haben es aus­ge­gra­ben und mir zuge­schickt. Man muß also ab und an an sich selbst erin­nert wer­den. Und “aus­gra­ben” stimmt schon: Es ist in die­sen drei­ein­halb Jah­ren soviel an Sub­stanz und Dreck drü­ber­ge­häuft wor­den, daß man wirk­lich schach­ten muß. Also:

Jeder weiß doch, daß gera­de eine Demo­kra­tie wie die unse­re zwar stän­dig behaup­tet, nichts und nie­man­den zu unter­drü­cken, aber trotz­dem nur den­je­ni­gen Abweich­ler akzep­tiert, der sich sei­nen Platz macht­voll nahm oder mit einer ihm zuge­wie­se­nen Rol­le zufrie­den ist.

Die AfD ist mitt­ler­wei­le eine star­ke Par­tei, ihr Sie­ges­zug wirk­lich ein Tri­umph. Aber sie scheint immer dann an sich selbst irre zu wer­den, wenn es nach dem Tri­umph­zug, nach den scho­ckie­ren­den Sie­gen um den Auf­bau belast­ba­rer Struk­tu­ren geht – um Dis­zi­plin und Kärr­ner­ar­beit, nicht mehr um den Rausch der gro­ßen Pro­test­wel­len und den Zau­ber des Anfangs.

Die AfD – die geschnit­te­ne Par­tei, die von den “demo­kra­ti­schen Par­tei­en” zum unde­mo­kra­ti­schen Irr­läu­fer gebrand­mark­te Par­tei, die ein­zi­ge Oppo­si­ti­ons­par­tei, der ein­zi­ge Pol­ler, an dem unser Land auf par­la­men­ta­ri­schem Weg Hal­te­taue gegen sei­nen Unter­gang fest­le­gen kann;

die AfD – zugleich Trä­ger und Pro­fi­teur einer unge­heu­ren Hoff­nung, gera­de für den flei­ßi­gen, nicht glo­bal agie­ren­den, nicht ort­lo­sen, son­dern ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten und dadurch per se sozi­al ein­ge­stell­ten Teil unse­res Volkes;

die AfD – eine Alter­na­ti­ve für Deutsch­land, nicht eine für zu kurz gekom­me­ne Über­läu­fer aus den Alt­par­tei­en oder für Leu­te, die im Par­la­ment oder in Abge­ord­ne­ten­bü­ros nach einer Alter­na­ti­ve zu ihrem bis­he­ri­gen Berufs­le­ben suchen …;

die AfD – der erträg­li­che Abweich­ler, der ange­kom­me­ne Gesprächs­part­ner, der oppo­si­tio­nel­le Teil des Spek­ta­kels: was für eine Horrorvorstellung;

die AfD – als ech­te Oppo­si­ti­on, als tat­säch­lich alter­na­ti­ver Macht­fak­tor, als Gegen­ent­wurf zur Alt­par­tei­en­ver­krus­tung: Dafür lohnt es sich, immer wieder.

Es muß in die­sem Gegen­ent­wurf vor allem dar­um gehen, Wider­standstu­gen­den vor­zu­stel­len und auszubilden:

1. Durch­hal­te­ver­mö­gen: Deutsch­land braucht eine poli­ti­sche Alter­na­ti­ve, das ist heu­te so rich­tig wie bei Grün­dung der AfD. Die­se Alter­na­ti­ve ist etwas fun­da­men­tal ande­res als eine Ergän­zung des Alt­par­tei­en­sys­tems. Dar­auf, daß die AfD als Alter­na­ti­ve gebraucht wird, muß sie vertrauen.

2. Unbe­ding­ter Zusam­men­halt: Die Geg­ner (Par­tei­en, Zivil­ge­sell­schaft, Medi­en, Staat) wer­den immer etwas Skan­da­lö­ses fin­den, um die AfD zu dis­kre­di­tie­ren – wenn beim einen nicht, dann beim nächsten.

3. Nach­ah­mungs­ver­bot: die Din­ge anders ange­hen als die ande­ren Par­tei­en, ande­re Voka­beln ver­wen­den, den Kor­rum­pie­rungs­kräf­ten von Par­la­ment und Lob­by­is­mus aus­wei­chen, die eige­ne Daseins­be­rech­ti­gung dar­aus ablei­ten, daß man nicht dazugehört.

4. Bera­tungs­re­sis­tenz: Staat­li­chen Insti­tu­tio­nen wie dem Ver­fas­sungs­schutz, aber auch ver­meint­li­chen Abwä­gungs­in­stan­zen kei­ner­lei Recht ein­räu­men, die AfD nach kom­pa­ti­bel und inkom­pa­ti­bel aus­ein­an­der­zu­sor­tie­ren. Sich vom Geg­ner nicht erklä­ren las­sen, wie man für ihn akzep­ta­bel wäre.

5. Ein­deu­tig­keit: Wenn die AfD sich zer­fa­sert, strei­tet sie. Wie­so öffent­li­cher Rich­tungs­streit? Es hört doch sowie­so kei­ner zu, es pflich­tet doch den bes­ten Vor­schlä­gen kei­ner bei. Theo­rie­ar­beit, Maß­nah­men­ka­ta­lo­ge: ja, für die Schub­la­de, für spä­ter. Für jetzt nur ein Man­tra: Wir leis­ten Wider­stand gegen die ver­meint­li­che Zwangs­läu­fig­keit “alter­na­tiv­lo­ser” Poli­tik. Wir sind ein­deu­tig anders als die andern. Bereits die­ser Ruf reicht für Mil­lio­nen Wähler.

Und zuletzt: Roger Köp­pel, Welt­wo­che, hat in einer Ana­ly­se zur Lage der AfD ein­mal das Bild ver­wen­det von Pech und Schwe­fel, das auf die­je­ni­gen aus­ge­gos­sen wer­de, die als Ers­te die Lei­ter hin­auf­klet­ter­ten, um die Burg zu erobern.

Es ist schä­big von denen, die hin­ter­her­klet­tern, die­ser ers­ten Rei­he die ver­kleb­ten Haa­re und die besu­del­te Wes­te vor­zu­wer­fen. Bloß: Den Anstand, das nicht zu tun, haben vie­le der Nach­züg­ler nicht. Wer bringt ihn ihnen bei? Und wo ist die brei­te Brust, die sich vor die­je­ni­gen stellt, die gekämpft haben und die zurecht und mit sehr gute Argu­men­ten ver­lan­gen kön­nen, daß die Alter­na­ti­ve ihren Weg als Alter­na­ti­ve weitergeht?

– – – – –

Mitt­woch, 3. Januar

Heu­te nur ein kur­zer Hin­weis: Ich warb zwi­schen den Jah­ren um Abon­ne­ments der Sezes­si­on und ver­wies auf Exem­pla­re der Dezem­ber-Aus­ga­be, die wir zusätz­lich zur Buch-Prä­mie bei­le­gen würden.

Dem Auf­ruf, die wich­tigs­te rech­te Zeit­schrift deut­scher Zun­ge zu abon­nie­ren, folg­ten über 90 neue Leser – genau gesagt: 93 seit dem 28. Dezem­ber. Das ist sehr erfreu­lich und ganz rich­tig so. Bloß bringt es uns in fol­gen­de Ver­le­gen­heit: 50 Exem­pla­re der 117. Sezes­si­on sind bei­sei­te­ge­legt, die ers­ten 50 Neu-Abon­nen­ten krie­gen sie, aber 43 wei­te­re wer­den leer ausgehen.

Also: nicht ganz leer. Wir legen älte­re Hef­te bei, aber eben nicht die 117 – älte­re Hef­te und viel­leicht noch eine Zusatz­über­ra­schung. Ich weiß, ich weiß, eigent­lich wäre das nicht nötig, jedoch ist’s ein Ereig­nis: Denn der Schwa­be gibt gern, aber sel­ten. Und jetzt ist gera­de einer die­ser Momente.

Ernst­haft: Dank allen, die nun gezeich­net haben. Wir arbei­ten bereits an der 118. Sezes­si­on, The­ma Ruß­land, das wird ein fei­nes Heft.

Und wäh­rend ich’s schrei­be, fällt mir ein: Die Win­ter­aka­de­mie, The­ma Ruß­land, ist voll, ist über­bucht. 200 Anmel­dun­gen auf 130 Plät­ze – Gott bewah­re, daß nun ein Neu­abon­nent das Heft 117 nicht kriegt UND kei­nen Platz auf der Aka­de­mie. Nicht, daß eine hoff­nungs­vol­le rechts­in­tel­lek­tu­el­le Kar­rie­re mit zwei Dämp­fern beginnt …

Ich wun­de­re mich übri­gens nicht, nicht die Boh­ne. Wäre ich jung, wäre ich Abon­nent und Aka­de­mie-Teil­neh­mer. Ich habe das neu­lich im Halb­schlaf ernst­haft geprüft: Es wäre so.

Wir haben ja damals Monat für Monat auf die JoteF gewar­tet wie auf eine Befehls­aus­ga­be und saßen auf Bur­schen­häu­sern zwi­schen Besof­fe­nen, um dem Pro­se­mi­nars­ge­stam­mel eines armen Füchs­leins bei­zu­woh­nen oder einem von Hegel ein­kas­sier­ten Rene­ga­ten dabei zuzu­schau­en, wie er die Welt­for­mel auf­lös­te – ohne Rest.

Wie schreibt (oder schrieb) man auf Twit­ter? “Dan­ke für 4000 Fol­lower! (Herz­chen, beten­de Hän­de, Herz­chen)”. Also: Dan­ke für 4000 Abos, und bit­te machen Sie sich klar: 4000 Abon­nen­ten für eine anspruchs­vol­le Zeit­schrift – das ist eine ande­re Ansa­ge als 4000 “Freun­de”, die sich durch Pro­fi­le scrollen.

Wer dazu­sto­ßen möch­te: hier abon­nie­ren, ABER ohne Aus­sicht auf Heft 117! Wer lie­ber Ein­zel­hef­te abgreift, von Mal zu Mal, dem sei die fro­he Bot­schaft zuge­ru­fen: Wir dru­cken ab der 118 ein biß­chen mehr, damit die Bestän­de län­ger als einen Monat reichen.

– – – – –

Diens­tag, 2. Januar

Das neue Jahr ist abge­na­belt und schon den zwei­ten Tag alt, aber so recht eigent­lich steht die Zeit noch still, gera­de noch so. Natür­lich wer­den wir an den Durch­brü­chen betei­ligt sein in die­sem Jahr – die Marsch­rou­te ist klar, die Arbeit war­tet und die Zuver­sicht ist ein hel­ler Ton.

Aber jetzt soll’s noch nicht los­ge­hen. Jetzt muß noch ein wenig Ruhe sein. Zunächst will ich näm­lich allen Lesern und Freun­den, Gäs­ten und Autoren ein taten­fro­hes und gedan­ken­schwe­res Jahr 2024 wün­schen – eines, das uns vor­sto­ßen und tie­fer­boh­ren sieht, aber nie abhe­ben und spinnen.

(Es sei denn, dies wäre unse­re Rol­le: der Scha­ber­nack, das Spek­ta­kel, die ver­rück­te Stun­de, wenn alle bier­ernst mei­nen, daß jedes Pro­zent Ret­tung bedeu­te; wenn also jemand kom­men muß und sagen: recht so, und wich­tig und fein ist das alles. Aber denkt mal scharf und kraß und hem­mungs­los nach, denn wir haben es mit einer Zer­stö­rung zu tun, für die man sich zwei Gene­ra­tio­nen lang Zeit ließ, um sie gründ­lich zu erledigen.)

Ich habe die tie­fen, dunk­len  Tage und Näch­te genutzt, um zu lesen und zu hören. Übers Lesen schrieb ich oft, übers Hören sel­ten. Ich spie­le die Gei­ge und kann als bün­disch Gepräg­ter zwei­hun­dert Lie­der klamp­fen, aber trotz­dem kann ich vom Hören nur schrei­ben wie der Ein­äu­gi­ge vom Raumgefühl.

Ich habe vor Mona­ten einen Kanal ent­deckt, den, das ist mei­ne Ver­mu­tung, jemand füllt, den ich ein­mal kann­te, bloß schrift­lich, aber eben doch. Die­se Bekannt­schaft, ein deut­lich jün­ge­rer Mann, war begeis­ternd, weil er, Exper­te, etwas ein­trug, das ich nicht selbst hät­te zusam­men­stel­len kön­nen. Er hat­te Zugän­ge zu Archiven.

Das alles ist völ­lig unpo­li­tisch, es ist kul­tu­rel­ler und künst­le­ri­scher Boden, und wenn man sich was drauf ein­bil­det, Bruck­ner durch­ge­hört zu haben, so, daß man ihn an ein paar Tak­ten erken­nen mag, Wag­ner und Richard Strauß, Schost­a­ko­vitsch und Schu­mann, und vom Oze­an Bach schip­pernd ein paar Küs­ten­strei­fen kennt – dann fin­det man plötz­lich den abge­le­ge­nen Strand, das Neben­tal und die klei­ne Hüt­te und fragt sich, war­um davon nicht Tag für Tag etwas auf­ge­führt wird, so phan­tas­tisch ist das.

Ich tei­le nun aus die­sem Kanal drei Stück. Es ist ein Zufall, daß die­se Wer­ke alle 1934 urauf­ge­führt wur­den. Sie sind alle glei­cher­ma­ßen klas­sisch und modern, und vor allem sind sie so ein­präg­sam, daß man, wenn man ein Ohr für der­lei hat, nach dem zwei­ten Hören denkt, man kenn­te sie schon lan­ge. Also:

vom Slo­we­nen Blaz Arnic (1901–1970) das sym­pho­ni­sche Gedicht “Memen­to Mori”,

vom Japa­ner Koi­chi Kishi (1909–1937) die Sym­pho­nie “Bud­dah” (die Ent­de­ckung der ver­gan­ge­nen Tage)

und vom Deut­schen Hein­rich Kamin­ski (1886–1946) das Orches­ter­werk “Dori­sche Musik”;

Man fin­det von die­sen Wer­ken aus leicht zu den Kanä­len, die der Musik-Grä­ber aus Archi­ven geschürft haben muß. Ich den­ke, daß Leh­nert und ich mit unse­ren Lite­ra­tur­ge­sprä­chen über fast ver­ges­se­ne Schrift­stel­ler auf lite­ra­ri­schem Fel­de ähn­lich arbei­ten. Kul­tu­rel­les Gedächt­nis, Saat­gut­re­ga­le, Gen-Bank. Wir müssen’s auf­be­wah­ren. Alles.

– – – – –

Don­ners­tag, 14. Dezember

In einer Mischung aus Erstau­nen und Gereizt­heit schrieb mir ein Leser auf mein abend­li­ches Sin­nie­ren über die Schlacht­fel­der des Donbas:

In Ihrem Tage­buch­ein­trag vom 9. Dezem­ber wei­sen Sie jun­ge Män­ner an, ihr Müt­chen zu küh­len mit­tels Video­schau. Anlass und Angel­punkt des Ein­trags scheint Ihre jüngs­te Video­er­fah­rung zu sein. Zur Erin­ne­rung: Der Video­raum ist der Erfah­rungs­raum jun­ger Män­ner die hier­zu­lan­de auf­wach­sen, mit­ein­be­grif­fen das Video­spiel. Ange­nom­men Sie wür­den in die­ser Gene­ra­ti­on eine Umfra­ge nach schöns­ten Kind­heits­er­in­ne­run­gen machen: Man wür­de Sie mit Com­pu­ter­spiel­an­ek­do­ten überhäufen.

Die­ser Erfah­rungs­raum hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erwei­tert um ein Gen­re, das einen mas­si­ven Zuwachs erfährt: War­porn. Nein, kein Recht­schreib­feh­ler. Man redet so, da man irgend­wo weiß, womit man es zu tun hat. Instink­tiv und ohne Ihre theo­re­ti­sche Vor­bil­dung wird die Nen­nung als Beschwö­rung ange­se­hen. Eine Beschwö­rung von sol­chem, über das man nicht verfügt.

Jene jun­gen Män­ner ins­be­son­de­re, die sich in Ihre Tagun­gen und Ver­an­stal­tun­gen ver­lau­fen, sind Söh­ne der Por­no­gra­phie, vom Son­der­schü­ler zum Best­ab­itu­ri­en­ten, vom Wort­füh­rer zum Ord­ner. Was das heißt, wis­sen sie zumeist nicht. Schlim­mer noch, daß auch Sie sich dar­über nicht im Kla­ren zu sein scheinen.

Das Leben die­ser Jun­gen ist geprägt von offe­nen Wun­den. Und nein, damit ist nicht das Spek­ta­kel des Octa­gons gemeint, das sich in den letz­ten zehn Jah­ren fest eta­bliert hat und dem das Kriegs­spek­ta­kel nun den Rang abzu­lau­fen beginnt. Bei­des sind Fuß­no­ten zu jenem Wund­ge­schäft, das Ihre Zög­lin­ge zu einer Aus­nah­me­erschei­nung macht. Denn es gab sel­ten ein­zel­ne, und nie zuvor eine Gene­ra­ti­on, die, durch das, was ihnen von früh an zu Gesicht kam, so schwer ver­wun­det wurde.

Sie ken­nen Ihr Publi­kum kaum. Wis­sen nicht, was mitt­ler­wei­le unterhält.

Als ich Ellen Kositza beim Abend­brot die­se Zei­len refe­rier­te und mit einem Abschnitt aus Slo­ter­di­jks Regeln für den Men­schen­park ver­knüpf­te, sag­te sie spon­tan, daß der Mann Recht habe: Ich hät­te wohl tat­säch­lich kei­ne Vor­stel­lung davon, wie sehr sich die Seh­ge­wohn­hei­ten und der Abstump­fungs­le­vel jun­ger Leu­te von dem unter­schei­de, was ich so für gang und gäbe hielte.

(Mich ärger­te das, man will ja nicht der alt­ba­cke­ne Dachs sein, und wie stets in solch argu­men­ta­tiv aus­sichts­lo­sen Lagen brach­te mich das Geräusch des Brot­kau­ens der bei­den jun­gen Damen auf, die ihre Bei­ne noch unter mei­nen Tisch stel­len. Ich ver­bot augen­blick­lich den Han­dy-Kon­sum für den wei­te­ren Abend und sam­mel­te die Gerä­te ab.)

Aber natür­lich war mir spä­ter, als ich nur noch mich selbst Wein schlu­cken hör­te, klar, daß Kositza recht hat­te und daß es Zeit wer­den könn­te, ein jun­ges, abge­stumpf­tes, War­porn-ange­füll­tes Köpf­chen an der Pla­nung von Aka­de­mien und Hef­ten zu betei­li­gen – irgend­ei­nen depres­si­ven Hedo­nis­ten oder Incel­ler, der auf Leveln kämpf­te, von deren Exis­tenz ich nicht die lei­ses­te Ahnung habe.

Aber es ist ja für zyni­sches Gescher­ze viel zu ernst, das alles.

Daher nun Slo­ter­di­jks Sät­ze zu Bes­tia­li­sie­rung, 1999 geschrie­ben, und sein Essay wird – wie ich im Edi­to­ri­al der just ver­sand­ten Sezes­si­on 117 notier­te – im kom­men­den Jahr ein the­ma­ti­scher Schwer­punkt nicht nur des Som­mer­fests, son­dern auch der August-Aus­ga­be sein. Aus Regeln für den Men­schen­park, edi­ti­on suhr­kamp, S. 17ff:

Zum Cre­do des Huma­nis­mus gehört die Über­zeu­gung, daß Men­schen “Tie­re unter Ein­fluß” sind und daß es des­we­gen uner­läß­lich sei, ihnen die rich­ti­ge Art von Beein­flus­sung zukom­men zu las­sen. Das Eti­kett Huma­nis­mus erin­nert – in fal­scher Harm­lo­sig­keit – an die fort­wäh­ren­de Schlacht um den Men­schen, die sich als Rin­gen zwi­schen bes­tia­li­sie­ren­den und zäh­men­den Ten­den­zen vollzieht. (…)

Was die bes­tia­li­sie­ren­den Ein­flüs­se angeht, so hat­ten die Römer mit ihren Amphi­thea­tern, ihren Tier­het­zen, ihren Kampf­spie­len bis zum Tode und ihren Hin­rich­tungs­spek­ta­keln das erfolg­reichs­te mas­sen­me­dia­le Netz der alten Welt instal­liert. In den toben­den Sta­di­en rund ums Mit­tel­meer kam der ent­hemm­te homo inhu­ma­nus wie kaum je zuvor und sel­ten danach auf sei­ne Kos­ten. Erst mit dem Gen­re der Chain Saw Mas­sacre Movies ist der Anschluß der moder­nen Mas­sen­kul­tur an das Niveau des anti­ken Bes­tia­li­tä­ten­kon­sums vollzogen. (…)

Danach folgt eine Absa­ge an das Kon­zept der Abhär­tung durch Aus­set­zung, und Slo­ter­di­jk schlußfolgert,

daß Mensch­lich­keit dar­in besteht, zur Ent­wick­lung der eige­nen Natur die zäh­men­den Medi­en zu wäh­len und auf die ent­hem­men­den zu ver­zich­ten. Der Sinn die­ser Medi­en­wahl liegt dar­in, sich der eige­nen mög­li­chen Bes­tia­li­tät zu ent­wöh­nen und Abstand zu legen zwi­schen sich und die ent­menschen­de Eska­la­ti­on der thea­tra­li­schen Brüllmeute.

(Merkt noch jemand, wie die hilf­lo­se Kul­tur­kri­tik sich in Scha­le wirft – ein Vor­gang, den schon Geh­len müde belächelte?)

– –

Ergän­zung nach Mit­tag. Gera­de schrieb ein Leser noch dies:

Kürz­lich mach­te ich wie­der ein­mal den Feh­ler, in das 4chan-Forum poli­ti­cal­ly incor­rect rein­zu­schau­en. Dort hat­te ein User das von Ihnen the­ma­ti­sier­te Video mit dem ster­ben­den rus­si­schen Sol­da­ten rein­ge­stellt mit dem Kom­men­tar, “Why is it so satis­fy­ing wat­ching zig­gers suf­fe­ring?”, also “War­um ist es so befrie­di­gend, dabei zuzu­se­hen, wie Zig­ger leiden?”

“Zig­ger” ist die abwer­ten­de Bezeich­nung für Rus­sen. Das “Z” bezieht sich auf das tak­ti­sche Zei­chen, das die rus­si­schen Mili­tär­fahr­zeu­ge in der Ukrai­ne tra­gen, und “igger” bezieht sich auf “Nig­ger”.

Ande­re User mach­ten sich eben­falls über die Todes­qua­len des Sol­da­ten lus­tig. Einer mach­te den Vor­schlag, das Video jede Nacht in das Schlaf­zim­mer der Mut­ter des Sol­da­ten zu projezieren.

Auf 4chan wer­den stän­dig sol­che Bil­der und Vide­os ver­öf­fent­licht, und zwar von bei­den Sei­ten, also auch von Usern, die mit der rus­si­schen Sei­te sym­pa­thi­sie­ren. Von denen wer­den dann eben ent­spre­chend Vide­os und Bil­der von ver­letz­ten oder getö­te­ten ukrai­ni­schen Sol­da­ten gepostet.

Das bei Ernst Jün­ger so bedroh­lich wie magi­sche Spre­chen von “Räu­men” und “Zonen” (man den­ke nur an “Köp­pels­bleek” aus den Mar­mor­klip­pen) ist ins vom Gamer-Ses­sel aus Begeh­ba­re ausgeweitet.

– – – – –

Sams­tag, 9. Dezember

Seit die kal­ten Novem­ber­re­gen ein­ge­setzt und die Frost­näch­te Ein­zug gehal­ten haben, den­ke ich viel an die Sol­da­ten in einem Krieg, der hin­ter dem Nah­ost-Kon­flikt zu einem zweit­ran­gi­gen Schau­platz gewor­den ist, aber mit grau­sa­mer Här­te geführt wird. Im Ukrai­ne-Krieg sind nun Käl­te und Näs­se ent­setz­li­che Gegner.

Wer als Sol­dat auch nur ein paar Wochen bei wid­ri­gem Wet­ter und eisi­ger Tem­pe­ra­tur im Frei­en ver­brin­gen muß­te, weiß, wovon ich spreche.

Wir alle waren nie im Krieg. Aber in mei­nem Fall waren die­se Wochen in der Win­ter­kampf­schu­le in Bal­der­schwang zu absol­vie­ren, und die Näch­te, die um kurz nach fünf began­nen, waren so eisig, daß wir in Bewe­gung blie­ben, um nicht zu erstar­ren. (Im Ohr Fet­zen des Skrew­dri­ver-Lieds “The Snow fell”). Ski mit Steig­fel­len, Win­ter­tarn, wil­len­lo­se Stun­den, und das alles war nur Übung. Kein Tod, kei­ne Todes­angst, abseh­ba­res Ende, zwei Wochen eben.

Ent­lang der Front im Don­bas lie­gen sich die Sol­da­ten im zwei­ten Kriegs­win­ter gegen­über, und wer die Bil­der von den Unter­stän­den sieht, in denen die Sol­da­ten kau­ern, muß mit­be­den­ken, daß es nicht um Arbeits­ta­ge mit abend­li­chem Sau­na­gang geht, wie auf den Win­ter­bau­stel­len im Frei­en. Es geht um Tage, Wochen und Mona­te ohne Ende.

Aber zu die­sem Leid, zu die­sen Sze­na­ri­en, die an die Stel­lungs­schil­de­run­gen Ernst Jün­gers aus dem I. Welt­krieg erin­nern und an die Kriegs­brie­fe aus Sta­lin­grad, gesellt sich ein Grau­en, das vor über hun­dert und vor acht­zig Jah­ren noch nicht über den Schlacht­fel­dern kreiste.

In einem Vor­trag über Ray Brad­bu­rys Roman Fah­ren­heit 451, den ich vor Wochen in Wien hielt, hat­te ich es ange­deu­tet: das Grau­en, das einen packt, wenn der Mensch von der Maschi­ne ver­folgt und zur Stre­cke gebracht wird. Ich bezog mich auf den “mecha­ni­schen Hund” im Roman, des­sen Injek­ti­ons­na­del den Staats­feind zur Stre­cke bringt, nach­dem die unfehl­ba­re Nase ihn auf­ge­spürt hat.

Als Bei­spiel unse­rer Zeit führ­te ich die Jagd an, die im Ukrai­ne-Krieg mit bewaff­ne­ten Droh­nen auf Boden­trup­pen gemacht wird. Im Netz gibt es hun­der­te Vide­os, die ahnungs­lo­se oder ver­zwei­felt davon­krie­chen­de Sol­da­ten zei­gen, deren Bewe­gun­gen aus der Luft gefilmt und deren Leben mit einer wie in einem Com­pu­ter­spiel abge­wor­fe­nen Gra­na­te been­det wird.

Ich stieß heu­te, als ich den Front­ver­lauf ein­mal wie­der nach­voll­zie­hen woll­te, auf einen Tele­gram­ka­nal, der sol­che ent­setz­li­chen Vide­os prä­sen­tiert. Ich kann mich nur an weni­ge Wahr­neh­mungs­mo­men­te in mei­nem Leben erin­nern, in denen ich inner­lich vor Ent­set­zen so erstarr­te wie heu­te Abend.

Das eine Mal liegt über vier­zig Jah­re zurück – als mir ein Anti­kriegs­buch aus dem Bestand mei­nes Groß­va­ters in die Hän­de fiel. In die­sem Buch waren Gesich­ter Kriegs­ver­sehr­ter aus dem I. Welt­krieg abge­bil­det, durch die Geschos­se gefah­ren waren und die aus gro­ßen Augen ohne Nase und Kie­fer und aus Mün­dern ohne Stirn, aber mit gräß­li­chen Zäh­nen bestan­den. Die Erschüt­te­rung wirk­te über Tage.

Das zwei­te Mal ergriff mich die­se Erstar­rung, als ich begann, in der Doku­men­ta­ti­on zu lesen, die das deut­sche Bun­des­ar­chiv mit Augen­zeu­gen­be­rich­ten über die Ver­trei­bung der Deut­schen aus den Ost­ge­bie­ten gefüllt hat­te. Ich schaff­te den Band über Böh­men zur Hälf­te, die ande­ren Tei­le ste­hen unan­ge­tas­tet im Bücher­schrank. Aus­weg­lo­sig­keit und Leid sind so ent­setz­lich, daß jede wei­te­re Lek­tü­re zumin­dest mein Gemüt auf lebens­ver­än­dern­de Wei­se berüh­ren würde.

Viel­leicht ein Drit­tes: die Hebung eines Mas­sen­grabs in Bos­ni­en, der ich als jun­ger Offi­zier bei­wohn­te; und ein Vier­tes: der von einem Mob tot­ge­prü­gel­te Mann in einer Klein­stadt im Süden Kame­runs, dem man Hexe­rei nach­ge­sagt hat­te. Als ich dem Geschrei nach­ging, anlang­te und ihn als den Anlaß der Zusam­men­rot­tung zwi­schen den Gaf­fern erspäh­te, tas­te­ten er noch mit einem ver­renk­ten Fin­ger nach etwas im nas­sen Lehm, bevor ihm ein gro­ber Beton­klotz auf den Kopf gerollt wurde.

Und heu­te: Das Film­chen einer ukrai­ni­schen Droh­nen­ein­heit, das mit einer rühr­se­li­gen rus­si­schen Melo­die anhebt und dann in einen Gitar­ren-Trash umkippt, wäh­rend man von oben ein­zel­ne rus­si­sche Sol­da­ten her­an­zoomt, die bereits ver­wun­det und hilf­los in einem zer­split­ter­ten Wald­stück lie­gen, unter Ästen, mit offe­nen Brü­chen, in sich gekrümmt, embryo­nal, bedürf­tig, schutzlos.

Wäh­rend die Droh­ne zoomt, fal­len Gra­na­ten gezielt auf und dicht neben die­se Män­ner. Die Gen­fer Kon­ven­ti­on ist einen Dreck wert, und wenn im Staats­funk von Lie­fer­schwie­rig­kei­ten für Droh­nen­bau­tei­le an der pol­nisch-ukrai­ni­schen Gren­ze die Rede ist, dann spre­chen wir über Ersatz­tei­le für Kampf­mit­tel, aus denen sol­che Fil­me entstehen.

Der letz­te rus­si­sche Sol­dat, der erle­digt wird, liegt ver­wun­det unter Geäst. Die Droh­ne läßt ihre Gra­na­te dicht vor sei­nen Rumpf fal­len. Dann zoomt die Kame­ra auf eine ent­setz­li­che Wun­de und auf einen stum­men Schrei und eine tas­ten­de Hand, die ver­sucht, das zer­fetz­te Auge, den abge­ris­se­nen Kie­fer und den Kno­chen­brei dort­hin zurück­zu­schie­ben, wo ein­mal ein Gesicht war, rund­lich, schon etwas älter.

Das hei­le Auge sucht den Him­mel ab, dann stirbt die­ser Mensch.

Ich möch­te, daß sich jeder mar­tia­lisch gestimm­te jun­ge Mann die­ses Video anschaut, jeder Kriegs­theo­re­ti­ker auch und natür­lich jede grü­ne Kriegs­trei­ber­see­le, die von einer von ihr so nicht vor­ge­se­he­nen Kriegs­mü­dig­keit der Deut­schen faselt und wei­te­re “Anstren­gun­gen” fordert.

(Man möch­te dort Zel­te errich­ten und mit gro­ßen wei­ßen Ban­nern und roten Kreu­zen in sol­che Wäl­der gehen, um jeden, der nicht mehr kann, ins War­me zu holen und ins Leben zu ret­ten. Ich bete nun den gro­ßen ortho­do­xen Abend­hym­nos für bei­de Sei­ten – wohl auch für mich, um die Erstar­rung zu lösen.)

– – – – –

Diens­tag, 28. November

Rand­no­tiz 1: Der schwu­le tür­kisch­stäm­mi­ge Exmos­lem Ali Utlu und die jesi­di­sche Gat­tin des AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Mar­tin Sichert, Ronai Cha­ker, behaup­ten seit Tagen auf allen ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Kanä­len, daß wir “Schnell­ro­daer” nur hete­ro­se­xu­el­le, natio­na­lis­ti­sche Deut­sche ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund in der AfD sehen woll­ten und alle ande­ren Anwär­ter zu ver­hin­dern wüßten.

An die­ser Unter­stel­lung stimmt vor allem eines nicht: Kei­ner von uns ist Par­tei­mit­glied und dort in Lohn und Brot, wo es um die Auf­nah­me neu­er Mit­glie­der geht. Kei­ner von uns kann etwas “ver­hin­dern”.

Herr Utlu ver­öf­fent­lich­te zuletzt eine Kari­ka­tur, auf der ein ihn wür­gen­des Schnell­ro­da sei­nen Traum von der AfD-Mit­glied­schaft zer­plat­zen läßt. Er will nun eine eige­ne Inter­net-Sei­te grün­den, um auf ihr den angeb­li­chen Haß aus unse­rer Rich­tung gegen ihn zu dokumentieren.

Frau Cha­ker-Sichert wie­der­um schrieb ges­tern über einen unse­rer Autoren:

Licht­mesz ist für mich im übri­gen ein lupen­rei­ner Anti­se­mit, denn er hat sich in einer Dis­kus­si­on mit mir, vor Jah­ren schon hin­ter die Hamas gestellt und deren Vor­ge­hen befürwortet.

Ich riet Licht­mesz ab, juris­tisch vor­zu­ge­hen. Man bie­tet Büh­nen und ver­liert Zeit.

Aber über die­sen Haß hät­ten wir sehr gern ein sehr gründ­li­ches Gespräch mit sowohl Frau Cha­ker-Sichert als auch Herrn Utlu geführt, um zu ergrün­den, wie ernst es ihnen mit der deut­schen Sache sei und war­um sie davon aus­gin­gen, daß wir jeden, der es wirk­lich ernst mei­ne, auf sei­ne Her­kunft abklopf­ten und in sein Schlaf­zim­mer späh­ten, um dann den Dau­men zu sen­ken oder zu heben.

Ich habe Frau Cha­ker-Sichert vor eini­gen Wochen und Herrn Utlu vor fünf Tagen Gesprächs­an­fra­gen zukom­men las­sen und bei­den jeweils frei­ge­stellt, ob solch ein Gespräch öffent­lich oder im stil­len Käm­mer­lein geführt wer­den sol­le. Im Fal­le von Frau Cha­ker erfolg­te die Anfra­ge auch über ihren Gatten.

Wie stets ging es mir, uns dar­um, aus dem Schwarz-Weiß des Geze­ters die Abschat­tie­rung der poli­ti­schen Rea­li­tät abzu­lei­ten. Weder Herr Utlu noch Frau Cha­ker-Sichert haben geantwortet.

– –

Rand­no­tiz 2: Der Jun­g­eu­ro­pa-Ver­lag hat heu­te die Fort­set­zung des skur­ri­len Pro­zes­ses um sei­nen Namen erlebt. Der Euro­pa Ver­lag klag­te vor einem Jahr, weil er Ver­wechs­lungs­ge­fahr und damit einen Vor­teil für die Jun­g­eu­ro­pä­er wähn­te, denen das hun­der­te, wenn nicht tau­sen­de Leser qua­si ins Fang­netz spü­len würde.

Schon in ers­ter Instanz ent­schie­den die Rich­ter, daß von einer Ver­wechs­lungs­ge­fahr kei­ne Rede sein kön­ne. Die­se Ein­schät­zung wur­de heu­te bestä­tigt, die Urteils­ver­kün­dung ist am 15. Dezember.

Dem Jun­g­eu­ro­pa-Ver­lag zu die­sem juris­ti­schen Erfolg zu gra­tu­lie­ren, wäre so, als klopf­te man jeman­dem auf die Schul­ter, der die Ziga­ret­te rich­tig her­um im Mund­win­kel hat … (Na klar, Jungs: Glückwunsch!)

– – – – –

Frei­tag, 24. November

Der unga­ri­sche Staats­prä­si­dent Vik­tor Orbán hat zum 90. Geburts­tag der Schwei­zer Welt­wo­che den Fest­vor­trag gehal­ten. Ich emp­feh­le ihn, denn Orbán spricht klar und schnör­kel­los und kommt von der Kri­tik an Euro­pa und am west­li­chen Modell her auf den poli­ti­schen Ansatz sei­nes eige­nen Lan­des zu sprechen.

Die Kern­aus­sa­gen der Bestands­auf­nah­me lau­ten: Euro­pa habe sei­ne stra­te­gi­sche Sou­ve­rä­ni­tät seit lan­gem ein­ge­büßt; in Brüs­sel wer­de kei­ne euro­päi­sche Poli­tik gemacht, son­dern die Herr­schaft der Büro­kra­ten über die Poli­tik vor­ge­führt; die hin­ter Demo­kra­tie­durch­set­zung und Staats­be­frei­ung ver­bor­ge­ne US-Außen­po­li­tik wer­de mitt­ler­wei­le welt­weit als das durch­schaut, was sie sei: knall­har­te Inter­es­sens­po­li­tik; Euro­pa und nament­lich Deutsch­land wer­de als Vasall eines Hege­mons auf Abstieg ver­ar­men, wenn es sich nicht befreie.

Gegen­maß­nah­men skiz­ziert Orbán als Kon­zept der Selbst­ret­tung der Nati­on. Das hal­te ich für ent­schei­dend: Orbán, der mit dem fei­nen Witz des geüb­ten Red­ners und an Gold­waa­gen gewöhn­ten Poli­ti­kers spricht, ist grund­ehr­lich, wenn er das Gewicht Ungarns als zu leicht dafür beschreibt, in Euro­pa aufzutrumpfen.

Es geht im zwei­ten Teil also aus­schließ­lich um den Ver­such Ungarns, mit dem, was auf­ge­bür­det wird, zurecht­zu­kom­men und die Fol­gen für Volk und Nati­on abzu­fe­dern. Orbán weiß um die Ver­füh­rungs­macht der auch in Ungarn omni­prä­sen­ten ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­ho­heit, um ihre Prä­ge­kraft in der All­tags­kul­tur, dem Frei­zeit­ver­hal­ten und für die “Nar­ra­ti­ven” gera­de jün­ge­rer Generationen.

Orbán stellt kurz das “Work-First-Modell” vor, das nach­weis­lich als unat­trak­tiv für Ein­wan­de­rer, also vor allem: für Asyl­be­wer­ber gilt. Staat­li­che Absi­che­rung gebe es nur für die­je­ni­gen, die arbei­te­ten. Er bezeich­net die­ses Modell sogar als “kalt” im Ver­gleich zu dem, was etwa Deutsch­land macht. Das ist es: auf die Robust­heit der eige­nen Leu­te bau­en, um die Beu­te­ma­cher von außen abzuwehren.

Außer­dem streicht Orbán die unga­ri­sche Fami­li­en­po­li­tik her­aus, von der er – wie­der­um sehr ehr­lich – sagt, daß sie noch kei­ne demo­gra­phi­sche Wen­de her­bei­ge­führt habe, aber immer­hin das für Fami­li­en attrak­tivs­te Modell Euro­pas sei, bereits Früch­te tra­ge und damit die Chan­ce für eine Sta­bi­li­sie­rung des Volks aus eige­ner Kraft biete.

Ich will das noch ein­mal beto­nen: Ana­ly­se auf euro­päi­scher, Maß­nah­men auf natio­na­ler Ebe­ne. Wer nach­le­sen möch­te, wie Ungarn die­ses poli­ti­sche Pro­jekt zivil­ge­sell­schaft­lich abzu­si­chern ver­sucht, kann zum Bänd­chen Natio­na­ler Block von Már­ton Békés grei­fen. Orb­ans Rede gibt es hier zu sehen.

Im Ver­lag ist das Weih­nachts­ge­schäft ange­lau­fen. (Wir berech­nen bis Ende des Jah­res 1.50 € für Sen­dun­gen im Inland und lie­fern ab 70 € por­to­frei.) Es ist Jahr für Jahr schön zu sehen, wie das Buch doch Teil der Geschenk­kul­tur bleibt, obwohl ihm vom mobi­len Geschnip­sel und Geglot­ze so sehr zuge­setzt wird.

Bei uns recht­zei­tig ein­ge­trof­fen sind Nach­dru­cke der Essay-Rei­he Kapla­ken. Ich lis­te die Nach­dru­cke mal auf, es sind Samm­ler­stü­cke dar­un­ter und län­ger ver­grif­fe­nes. 65 Bänd­chen sind ins­ge­samt lie­fer­bar, und es gibt immer wie­der Leser, die uns gera­de erst ent­deckt haben, sozu­sa­gen aus dem Main­stream her­über­stol­pernd, und die Gesamt­ab­nah­me zeich­nen. (Recht haben sie! Die Rei­he Kapla­ken ist doch so etwas wie das Kern­holz der Szene …).

Hier also das, was nun wie­der erhält­lich ist:

Bd 79 – Ste­fan Scheil: Der deut­sche Donner
Bd 67 – Armin Moh­ler: Der faschis­ti­sche Stil
Bd 70 – Sophie Lieb­nitz: Antiordnung
Bd 53 – Thor v. Wald­stein: Macht und Öffentlichkeit
Bd 47 – Mar­tin Sell­ner, Wal­ter Spatz: Gelas­sen in den Widerstand
Bd 41 – Jean Ras­pail: Der letz­te Franzose
Bd 29 – Hen­ry de Mon­t­her­lant: Nutz­lo­ses Dienen
Bd 15 – Karl­heinz Weiß­mann: Post-Demokratie

Hier sind alle 65 lie­fer­ba­ren Bänd­chen auf­ge­lis­tet - so vie­le waren es noch nie. Und: Ste­fan Scheils Vie­rer­pa­ket “II. Welt­krieg” ist auch wie­der voll­stän­dig lieferbar.

– – – – –

Sams­tag, 18. November

Also: Wie war das ges­tern vor und auf der Ram­pe (Trep­pe) der Uni­ver­si­tät Wien? Wir muß­ten uns prü­geln, dann gab’s die Kund­ge­bung und für den Abzug wur­de eigens für uns eine Stra­ßen­bahn requi­riert, eine “Bim”. Irgend­wie und immer wie­der irre, das Gan­ze. Dabei ging es doch bloß um ein Buch.

Die Ver­suchs­an­ord­nung habe ich vor zwei Wochen beschrie­ben: Der Ring Frei­heit­li­cher Stu­den­ten (RFS) hat­te zu einem öffent­li­chen Vor­trag in einen der Hör­sä­le der Uni­ver­si­tät ein­ge­la­den. Ich soll­te über den Roman Fah­ren­heit 451 von Ray Brad­bu­ry spre­chen. Das Recht zu sol­chen Ver­an­stal­tun­gen hat der RFS, aber es wur­de ihm ver­wehrt, und eine juris­ti­sche Durch­set­zung mißlang.

Die bis­her noch nicht öffent­lich agie­ren­de Grup­pe namens “Akti­on 451” mel­de­te dar­auf­hin eine Kund­ge­bung auf der Trep­pe zum Haupt­ein­gang der Uni­ver­si­tät an. Kositza und ich kamen mit ein paar Leu­ten kurz vor drei an – da war auf bei­den Sei­ten schon Anti­fa ver­sam­melt, und als sie uns sahen, begann’s zu sum­men wie in einem Wespennest.

Beim Über­que­ren der Stra­ße zur Trep­pe hin wur­den wir ange­grif­fen, sehr plötz­lich und mas­siv. Das letz­te Mal, daß mir so etwas pas­sier­te, ist fast zehn Jah­re her. Damals waren wir auf dem Weg zum Leip­zi­ger Able­ger von PEGIDA. Die Poli­zei hat­te den Opern­platz abge­rie­gelt und uns nur schma­le Durch­gän­ge ein­ge­räumt, die mit­ten durch Pulks ver­mumm­ter Anti­fa führ­ten. Man wur­de mit Schlä­gen ein­ge­deckt, wäh­rend man durchlief.

Ges­tern war es direk­ter, und gut ist es, mit den rich­ti­gen Jungs unter­wegs zu sein, wenn so etwas pas­siert. Die Poli­zei war völ­lig über­rascht, aber bis sie ein­griff, hat­ten wir uns schon Luft ver­schafft, nichts abge­kriegt, aber aus­ge­teilt. (Schön zu sehen, wie sich jun­ge Män­ner in Dresch­fle­gel ver­wan­deln, wenn es sein muß.)

Danach die Kund­ge­bung war gut orga­ni­siert, ich sag­te auch ein paar Wor­te, kaum zu Fah­ren­heit 451, mehr zu den Umstän­den. Ich ver­ste­he ja nicht, wie die Uni­ver­si­tät und die Lin­ke an sich immer wie­der so blöd sein kön­nen, den Wir­bel und die Auf­merk­sam­keit durch ihren Hygie­ne­fim­mel erst zu erzeugen.

Denn: Fahren­heit 451 ist kein rech­tes Buch. Es ist auch kein lin­kes Buch. Es ist kul­tur­kri­tisch, steht in der Tra­di­ti­on hilf­lo­ser Tech­nik- und Gesell­schafts­kri­tik und kann ver­ein­nahmt und als Chif­fre besetzt wer­den. Das haben wir zwei Jahr­zehn­te lang gemacht, aber erst seit ges­tern ist es ganz klar, daß die Zif­fer 451 und Feu­er­wehr­mann Mon­tag als Gestalt, als Typ, nun uns gehören.

Wäre ich im Besitz der Ver­an­stal­tungs­macht, hät­te ich mich zuge­las­sen und ein Podi­um gefor­dert, um mir die Deu­tungs­ho­heit über Fah­ren­heit 451 zu ent­rei­ßen. Aber der Schat­ten ist zu breit, die Lin­ke und die Mit­te kön­nen nicht mehr über ihn springen.

Den Vor­trag hielt ich dann spä­ter in den Räu­men der Öster­rei­chi­schen Lands­mann­schaft. Er ist auf­ge­zeich­net wor­den, wir ver­öf­fent­li­chen ihn bald. Das wird die­je­ni­gen nicht beein­dru­cken, denen egal ist, wor­über wir reden, Haupt­sa­che wir reden nicht. Aber es wird die Ver­ein­nah­mung ver­stär­ken und der Akti­on 451 ein wenig Theo­rie liefern.

Der Abzug von der Trep­pe und die Ver­le­gung zur Lands­mann­schaft war dann noch ein Spek­ta­kel. Die Poli­zei räum­te das aka­de­mi­sche Pro­le­ta­ri­at bei­sei­te, damit wir zur Stra­ßen­bahn kämen. Die wur­de extra auf­ge­hal­ten, und wäh­rend wir durch die Stadt zup­pel­ten, eskor­tier­te die Poli­zei im Lauf­schritt. Sur­re­al, so etwas, aber in der Situa­ti­on ganz logisch und plas­tisch und absurd. Aber auch: ein Erlebnis.

– – – – –

Diens­tag, 14. November

Heu­te kommt Band 5 der Antai­os-Roman­rei­he aus dem Druck. Er ist Abon­nen­ten der Gesamt­rei­he vor­be­hal­ten, das war von vorn­her­ein abge­macht, davon rücken wir nicht ab.

Die ers­ten vier Bän­de der Rei­he sind sehr gut auf­ge­nom­men wor­den, kaum kri­tisch, oft begeis­tert. Jeden­falls hat sich bestä­tigt, was schon frü­he­re bel­le­tris­ti­sche und exklu­si­ve Ver­lags­pro­jek­te ein­brach­ten (Rei­he Mäan­der!): Es schrei­ben ganz ande­re Leser ihre Ein­drü­cke und Fra­gen auf als die­je­ni­gen, die im Blog kom­men­tie­ren oder auf unser poli­ti­sches Pro­gramm reagie­ren. Es ist, als stie­ße man mit sol­chen Büchern auf einen Kern der Leser­schaft vor, der zu den Stil­len im Lan­de gehört (wie Jochen Klep­per das ein­mal ausdrückte).

Autor und Titel des fünf­ten Ban­des ver­ra­ten wir nicht. Das ist eine der sprich­wört­li­chen Kat­zen im Sack, bloß kann ich sagen, daß es bei uns kei­ne trief­na­si­gen und schiel­äu­gi­gen Tier­chen gibt. Es gehört schlicht zu den Ver­le­ger­freu­den, um das Ver­trau­en der Leser auf das Ver­le­ger­händ­chen zu wissen.

Die berüh­rends­ten Brie­fe erhielt ich zu Hase­manns Gefan­gen­schafts­ro­man Nas­ses Brot. Die Lek­tü­re ist zäh wie die end­los lang­sam ver­strei­chen­de Zeit in einem Vieh­wa­gon auf der Fahrt nach Osten, auf einer klir­rend kal­ten Bau­stel­le in der Step­pe und im Durch­gangs­la­ger auf dem Weg in die Hei­mat, auf dem noch an den letz­ten Sta­tio­nen ohne Begrün­dung Gefan­ge­ne aus dem Zug gefischt und zurück ins End­lo­se geschickt werden.

Leser schrie­ben von Tage­bü­chern ihrer Väter und Groß­vä­ter, schil­der­ten den Abbruch der Lek­tü­re und die Wie­der­auf­nah­me nach Tagen der inne­ren Kräf­ti­gung. Einer schrieb, ob es sein müs­se, sol­che Tore auf­zu­sto­ßen. Ich mei­ne: ja, und zwar dann, wenn jemand wie Hase­mann das Tor auf­stößt. Er schrieb ja nur drei Bücher, danach hat­te er etwas erle­digt. Leh­nert und ich wer­den über ihn eine Lite­ra­tur­sen­dung machen.

Wir haben von den Gesamt­ab­nah­men der Roman-Rei­he noch etwa 100 Pake­te zu ver­ge­ben. Im Weih­nachts­pro­spekt, der neben­an gera­de ver­sand­fer­tig gemacht wird, sind die­se Pake­te noch ein­mal und abschlie­ßend im Angebot.

Hier kann man eines davon bestellen.

– – –

Zwei­mal Björn Höcke, ein­mal er selbst, das ande­re Mal die­je­ni­gen über ihn, die ihn nicht ken­nen, aber so tun, als wüß­ten sie Bescheid.

Vor­ab aber Fol­gen­des: Ich gehö­re zu denen, die Höcke am bes­ten ken­nen. Wir haben über unser poli­ti­sches Den­ken, die Suche nach Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten und die Kri­tik an Hin­ter­zim­mer, Eska­pis­mus, poli­ti­scher Melan­cho­lie und sub­stanz­lo­ser Kar­rie­re­ab­sicht bereits gespro­chen und gestrit­ten, als wir alle noch in klei­nen Zir­keln unter der gro­ßen Blei­de­cke saßen und Deh­nungs­übun­gen machten.

Es war im Okto­ber 2013, als ich mit eini­gen mei­ner Kin­der an den Fuß des Han­steins fuhr, um am Auf­takt zur 100-Jahr-Fei­er des damals rich­tungs­wei­sen­den jugend- und reform­be­weg­ten Meiß­ner­tref­fens teil­zu­neh­men. Die Nacht ver­brach­te ich mit der Jüngs­ten, die mir beim Wan­dern noch auf den Schul­tern saß, bei Höcke in Bornhagen.

Als es im Hau­se ruhig war, setz­ten wir uns zum Bier zusam­men, um über die noch sehr jun­ge Par­tei und über Höckes Enga­ge­ment dar­in zu spre­chen, das ihn bereits an die Lan­des­spit­ze Thü­rin­gens gebracht hat­te. Er war vol­ler Opti­mis­mus und berich­te­te von Ver­samm­lun­gen, Zustrom und ers­ten Richtungsentscheidungen.

Ich war skep­tisch, fast spöt­tisch, denn unser bei­der Erfah­rung mit den vie­len Kleinst- und Split­ter­par­tei­en von rechts war ernüch­ternd. Wir hat­ten deren Geh­ver­su­che schrift­lich und in Gesprä­chen beschrie­ben und ana­ly­siert, uns aber nie betei­ligt. “Die Frei­heit” war zuletzt schon als jun­ges Pflänz­chen ver­dorrt, und wir streif­ten sie nur, weil die Emp­feh­lung ihrer Bun­des­spit­ze, der AfD bei­zu­tre­ten, ent­we­der kurz bevor­stand oder schon erfolgt war (ich weiß es nicht mehr).

Spät in der Nacht jeden­falls hat­te mich Höcke mit sei­ner Zuver­sicht doch unsi­cher gemacht. Im Unter­schied zu allen ande­ren Par­tei­grün­dun­gen war die AfD nicht von rechts, son­dern aus der ent­täusch­ten und alar­mier­ten Mit­te der CDU her­aus initi­iert wor­den. Nur ein ein­zi­ges Mal hat­te es etwas Der­ar­ti­ges bis­her gege­ben: Der Ham­bur­ger Rich­ter Ronald Schill war auf Anhieb mit einer eige­nen Lis­te in die Bür­ger­schaft ein­ge­zo­gen, weil auch er den Duft des­je­ni­gen ver­ström­te, des­sen poli­ti­sche Her­kunft kein abge­brann­ter Rand war.

Höcke been­de­te damals unser Gespräch mit den Wor­ten, daß wir mal sehen müß­ten, inwie­weit die Herr­schaf­ten aus der Mit­te für genu­in rech­te The­men offen wären. (Der Rest ist bekannt – samt Bernd Luckes poli­ti­schem Sal­to Mortale.)

Wenn ich dar­über nach­den­ke, wie sehr das libe­ral­kon­ser­va­ti­ve AfD-Lager uns und vor allem Höcke die Schuld zuschob, daß man die für ihren poli­ti­schen Mut bekann­te bür­ger­li­che Mit­te ver­lo­ren und eines der hoff­nungs­volls­ten Par­tei­pro­jek­te aller Zei­ten an den Rand des Abgrunds und dar­über hin­aus gescho­ben hätte!

Höcke gehör­te zu den­je­ni­gen, die sich unter dem Ein­druck die­ser Kri­tik aus den ver­meint­lich eige­nen Rei­hen nicht zu Lands­knechts­na­tu­ren wan­del­ten und sen­gend durch die Par­tei zogen. (Sol­che Kan­di­da­ten gab es.) Was sei­ne par­tei­in­ter­nen Geg­ner unter­schätz­ten und bis heu­te unter­schät­zen, ist die Macht der Begeg­nung und die Über­zeu­gungs­kraft der Persönlichkeit.

Ich habe Par­tei­ver­an­stal­tun­gen erlebt, die feil­schen­den Basa­ren gli­chen, bis zur Rück­sichts­lo­sig­keit laut und geschwät­zig, obwohl vorn einer am Pult stand und sprach – und die zu Räu­men wur­den, in denen man noch den Letz­ten zur Ruhe zisch­te, weil Höcke ans Mikro­fon trat.

Ich ken­ne etli­che Par­tei­leu­te, die, auf­ge­la­den nicht nur von der Lücken­pres­se, son­dern von den eige­nen Leu­ten, in Höcke den dump­fen, rück­sichts­lo­sen Sprü­che­klop­fer sahen – und im Gespräch ihr Feind­bild nicht fan­den, son­dern in einer Mischung aus Ver­wir­rung und Erleich­te­rung kein schlech­tes Wort mehr über die­sen Mann hören woll­ten, son­dern sei­nen Weg akzeptierten.

War­um notie­re ich das alles noch ein­mal, wo ich es schon hier und da beschrie­ben und in unge­zähl­ten Gesprä­chen inner­halb und außer­halb der AfD erzählt habe? Der Anlaß ist bald zwei Wochen alt. Ich hör­te beim Holz­schich­ten im Kon­tra­funk die Sonn­tags­run­de mit Burk­hard Mül­ler-Ulrich und sei­nen Gäs­ten, und es ging um Höcke.

Zu Gast war ers­tens Vera Lengs­feld. Sie lag mir schon vor sie­ben Jah­ren, als ich sie in Son­ders­hau­sen besuch­te, damit in den Ohren, daß in Thü­rin­gen eine fei­ne Regie­rung aus CDU und AfD sofort mög­lich sei, wenn Höcke zurück­trä­te und den Weg frei mach­te für einen Kon­ser­va­tiv­li­be­ra­len in der AfD. Aber schon damals begriff sie nicht, daß sich inmit­ten der Lawi­ne aus Kri­sen, Dys­funk­tio­na­li­tät, Über­frem­dung und Vasal­len­glück die fein­sin­ni­ge Unter­schei­dung zwi­schen der Volks­front von Judäa und der Judäi­schen Volks­front als irrele­vant erwei­sen müs­se, und zwar mit jedem Tag mehr. Sie begriffs wirk­lich nicht, das habe ich jetzt gehört, denn im Kon­tra­funk wie­der­hol­te sie ihren alten Ser­mon, obwohl die AfD auch rund um Son­ders­hau­sen bei über 30 Pro­zent steht.

Dann Ingo Lang­ner, fleisch­ge­wor­de­ne BRD, bis weit in die 2000er Jah­re mit­ten im Kul­tur­be­trieb (dafür muß man sich ja fast schon ver­ant­wor­ten, fin­de ich) und nun neu­er Chef­re­dak­teur bei CATO, dem Maga­zin fürs War­te­zim­mer. Er äußer­te sich am schä­bigs­ten über Höcke und gab dabei zu, die­sen Mann ers­tens gar nicht per­sön­lich zu ken­nen, zwei­tens des­sen Gesprächs­band Nie zwei­mal in den­sel­ben Fluß gar nicht gele­sen, son­dern drit­tens sein Wis­sen über Höcke einer Rezen­si­on die­ses Buches aus der Feder Die­ter Steins ent­nom­men zu haben. Das nen­ne ich Augenhöhe!

Peter J. Bren­ner zuletzt: Autor unter ande­rem bei Tumult, bekannt durch das Abfas­sen von Offe­nen Brie­fen an Redak­tio­nen, deren Weg er als Abon­nent oder Mit­glied nicht mehr tei­len woll­te, nament­lich FAZ (2020) und wbg (2019). Er sieht Höcke “die zwölf Jah­re” bewirt­schaf­ten, kanns aber nicht bele­gen, und in der Sonn­tags­run­de gab er sei­nem ungu­ten Gefühl dar­über Ausdruck.

Burk­hard Mül­ler-Ulrich war irgend­wie kon­ster­niert. Die­ses Gere­de vom Hören­sa­gen her und im Dia­lekt der Wer­te­Uni­on – das gefiel ihm nicht. Aber die­se Leu­te fin­den ja Gehör.

Jedoch: Ich will jetzt mal behaup­ten, daß die kaum wahr­nehm­ba­re Argu­men­ta­ti­ons­li­nie von den Drei­en kaum zu hal­ten sein wird. Es wird sogar ganz schön schwie­rig, wenn ich jetzt mal Höcke zitie­re, ohne ihn gefragt zu haben, ob ich das darf. Aber es paßt halt so gut, und er äußer­te es neu­lich, als wir end­lich wie­der ein­mal ein paar Stun­den wan­dern konn­ten. “Götz”, sag­te er, “das ist alles nicht schön, aber wir ken­nen das ja, oder? Und jeder will sein Süpp­chen kochen. Aber am Ende gehö­ren die eben doch alle zu uns. Und wir brau­chen jeden, wirk­lich jeden, so groß ist die Aufgabe.”

So ist es, und wer das begrif­fen hat, weiß, wie es klingt, wenn man Eng­stir­ni­gen und Korin­then­ka­ckern den Maß­stab erklärt: Unser Volk und unse­re Demo­kra­tie müs­sen geret­tet wer­den, und das ist kei­ne Butterfahrt.

Des­halb, und weil es wich­tig ist, zu sehen, wie einer ant­wor­tet, wenn er mal nach­den­ken darf, bevor er ant­wor­ten muß, emp­feh­le ich als zwei­tes das gro­ße Inter­view, das der sehr gut vor­be­rei­te­te Mar­tin Mül­ler-Mer­tens für Auf1 mit Höcke geführt hat. Hier ist es.

(Ergän­zun­gen, Fund­stü­cke und kri­ti­sche Anmer­kun­gen rich­ten Sie bit­te an [email protected]. Ich wer­de aus­brei­ten, was sich ansam­melt. Jedoch geht es nicht um übli­ches Kom­men­ta­ri­at, son­dern um Fort­schrei­bung. Wir wer­den sehen, wie das klappt.)

– – – – –

Mon­tag, 6. November

Der Druck­aus­ga­be der Sezes­si­on liegt in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den das Lite­ra­tur­heft Pho­no­phor bei. Es ent­hält Kurz­pro­sa aus der Leser­schaft. Wir rie­fen Anfang ver­gan­ge­nen Jah­res erst­mals zur Betei­li­gung auf. Idee und Name gehen auf eine Initia­ti­ve des Sezes­si­on-Autors Dirk Alt zurück: Der “Pho­no­phor” ist eine Art Smart­phone. Er taucht in Ernst Jün­gers Roman Eumes­wil bereits auf und wird indif­fe­rent als Sta­tus­sym­bol, ins­ge­samt aber als pro­ble­ma­tisch beschrieben.

Was mich freut, ist, daß unser Pho­no­phor, Aus­ga­be 4, nun an zwei unter­schied­li­chen Stel­len aus­führ­lich gewür­digt wor­den ist. Die Publi­zis­tin Bea­te Broß­mann hat für das Blog der Zeit­schrift Tumult rezen­siert, Phil­ip Stein und Vol­ker Zier­ke bespre­chen Aus­ga­be 4 im Jun­g­eu­ro­pa-Pod­cast.

Auch Ellen Kositza und ich haben den Pho­no­phor erwähnt, als wir die 116. Sezes­si­on in einem kur­zen Video vor­stell­ten. Dabei ist neben mei­ner Pro­jek­ten grund­sätz­lich ent­ge­gen­ge­brach­ten Skep­sis die Freu­de über die Kon­ti­nui­tät und Qua­li­tät die­ser Bei­la­ge zu kurz gekom­men. Leser frag­ten, ob ich den Pho­no­phor wie­der ein­stel­len wol­le. Aber nein, im Gegen­teil! Wie schon oft, sind wir auch auf die­sem Feld Pio­nie­re und machen, was fehlte.

Um ein wei­te­res Miß­ver­ständ­nis aus­zu­räu­men: Der 4. Pho­no­phor wird jeder 116. Sezes­si­on bei­gelegt, egal ob im Abon­ne­ment oder als Ein­zel­heft erwor­ben – jedoch nur, solan­ge der Vor­rat reicht. (Er ist auf 25 Hef­te geschrumpft.) Bestel­len kann man hier.

Der Ring Frei­heit­li­cher Stu­den­ten (RFS) aus Wien hat mich zu einem Vor­trag an die Uni­ver­si­tät ein­ge­la­den. Man hat das Recht auf öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen in Hör­sä­len, wenn man im Hoch­schul­par­la­ment ver­tre­ten ist, und die­ses Recht will der RFS am 17. Novem­ber wahr­neh­men. Zwar hat die Uni­ver­si­täts­lei­tung den Ver­trag für die­se Ver­an­stal­tung umge­hend gekün­digt, nach­dem bekannt wur­de, daß ich dort vor­tra­gen sol­le. Aber gegen die­se Kün­di­gung wird nun geklagt.

Ich wer­de am 17. auf jeden Fall pünkt­lich an der Uni­ver­si­tät sein und den ver­ein­bar­ten Vor­trag über das Buch Fah­ren­heit 451 von Ray Brad­bu­ry in der Tasche haben. Feu­er­wehr­mann Mon­tag ist eine unse­rer Iko­nen, denn er steht fast allein neben der beläm­mer­ten Mas­se und gegen ihre Domp­teu­re, die das Lesen ver­bo­ten und fast alle Bücher ver­brannt haben. Er steht aber nicht ganz allein, denn man erkennt ein­an­der am Hun­ger auf ande­re Kost als die, die durch die Git­ter­stä­be gereicht wird. Man tas­tet ein­an­der ab, man faßt Ver­trau­en, man sieht eine Lebenstür.

Unse­re Sze­ne hat für Dys­to­pien viel übrig, sie ist hell­hö­rig, hat das geschul­te Gehör derer, die auf­ge­wacht sind und die Schrit­te der Wär­ter stu­die­ren. Legen wir uns wie­der hin oder klop­fen wir die Wän­de ab? Lesen wir, daß es anders sein könn­te oder lie­fern wir die Bücher an die­je­ni­gen ab, die selbst die Erin­ne­rung an sie noch til­gen möch­ten? Begrei­fen wir unser Leben als gol­de­nen Käfig oder sehen wir die Stä­be nicht mehr?

Es gibt unter Umstän­den kein Recht auf den ande­ren Ton an der Uni­ver­si­tät, so naiv bin ich nicht. Aber es wird drin­gend Zeit für einen ande­ren Ton, und wir erhe­ben Anspruch dar­auf. Wenn es also die Mög­lich­keit gibt, sich Zutritt zu ver­schaf­fen und Platz zu neh­men, dann soll­ten wir sie ergreifen.

Wir ergrei­fen sie übri­gens als die­je­ni­gen, die davon berich­ten wol­len, wie schön und befrei­end es ist, sich geis­tig nichts von vorn­her­ein ver­bie­ten zu müs­sen. Ich bemit­lei­de die Ver­tre­ter der Can­cel cul­tu­re. Ich bemit­lei­de sie wirk­lich, denn sie haben sich selbst so vie­les ver­bo­ten, haben sich selbst mit Auf­pas­sern umstellt, sind ein­an­der zu Auf­pas­sern gewor­den, weil sie sich in einem Minen­feld wähnen.

Dabei sind sie bloß Mimo­sen und haben sich Hygie­ne­vor­schrif­ten unter­wor­fen, die das Leben und Lesen zu einer asep­ti­schen Sache machen.

Wir hin­ge­gen müs­sen nicht vor­ein­an­der recht­fer­ti­gen, mit wem wir spre­chen, was wir lesen, wem wir zuhö­ren und von wem wir ler­nen wol­len. Noch nie muß­te ich zu jeman­dem sagen, er sol­le ein Gespräch, das wir führ­ten, so behan­deln, als habe es nie stattgefunden.

Aber wie oft schon sag­ten mir die ver­ängs­tig­ten, ver­zwei­fel­ten, rat­lo­sen, zyni­schen, vor allem aber ver­meint­li­chen Geg­ner, mit denen ich mich traf, um Rede und Ant­wort zu ste­hen, daß das sozia­le Höl­len­tor geöff­net wür­de, käme ans Licht, mit wem sie sich gera­de austauschten.

Denen, die nun die Tür zum Hör­saal ver­na­geln wol­len, muß man die Angst neh­men. Leu­te: Es han­delt sich um einen Vor­trag. Es wird um einen der Klas­si­ker über die Selbst­er­mäch­ti­gung gehen, nach Büchern zu grei­fen, sie nicht zu ver­bren­nen, son­dern zu ret­ten und ihren Inhalt so zu ver­in­ner­li­chen, als sei man selbst die­ses Buch.

– – – – –

Diens­tag, 31. Oktober

Zum ers­ten Mal in mei­nem Leben auf einer Galopp-Renn­bahn: Halle/Saale, Volks­fest­stim­mung, Gulasch und Bier, sie­ben Ren­nen. Was fas­zi­nier­te, wie bei Jägern: die ganz eige­ne Spra­che, die in den Ankün­di­gun­gen und Sie­ger­inter­views eben nicht gepflegt, son­dern ein­fach ver­wen­det wurde.

Da gaben Pfer­de ihr Lebens­de­büt, als begän­ne das Leben erst, wenn man die Renn­bahn betritt. Von Aus­gleichs­ren­nen und Han­di­caps war die Rede, und bei­des hat mit Gewich­ten zu tun, die den Pfer­den ange­hängt wur­den, damit auch ande­re eine Chan­ce bekä­men. Ein Mann knurr­te was von Blen­dern, die sei­ne Drei­er­wet­te ver­saut hät­ten. Dabei hing der Gaul samt sei­nem Jockey mit den gestreif­ten Far­ben bloß im Lot und konn­te nicht vorbei.

Eini­ge Besu­cher mach­ten auf Stil, also Tweed und Karo und Frau­en mit Sonn­tags­rei­ter­mo­de plus hohen Stie­feln und Sekt­glas. An den Wett­kas­sen end­lo­se Schlan­gen, und ein paar Män­ner mit Feld­ste­cher und Notiz­blö­cken setz­ten nicht aus Jux. Ich sprach einen an, aber das Miß­trau­en war grob.

An den Bier­ti­schen und auf der Tri­bü­ne lausch­te ich den Gesprä­chen: nicht ein poli­ti­sches Wort. Aber ein paar Handschläge.

Gespräch mit einem Sicher­heits­exper­ten aus Öster­reich. Er war für die UN-Frie­dens­trup­pe auf den Golan­hö­hen an der syri­schen Gren­ze und hat den Abzug der öster­rei­chi­schen Ein­hei­ten von dort im Jahr 2013 mit­ge­macht. Er ist mit einer Israe­lin ver­hei­ra­tet, lebt in Wien und ist oft in Tel Aviv – Sicher­heits­be­ra­tung für Import und Export.

Wir tra­fen uns in Leip­zig. Sei­ne Ant­wort auf mei­ne Fra­ge, ob Isra­el über­rascht wor­den sei am 7. Okto­ber, ver­blüff­te mich in ihrer Direkt­heit. Er sag­te ers­tens, es sei völ­lig aus­ge­schlos­sen, daß Isra­el im Vor­feld kei­ne Kennt­nis von die­sem Angriff gehabt habe, also wirk­lich völ­lig aus­ge­schlos­sen. Man habe es aus ver­schie­de­nen Grün­den gesche­hen lassen.

Da sind innen­po­li­ti­sche Grün­de zum einen, also Ablen­kung von inner­is­rae­li­scher Span­nung, und zum ande­ren außen­po­li­ti­sche Grün­de, näm­lich die Legi­ti­ma­ti­on für einen mani­fes­ten Gegen­schlag, für den es wie­der ein­mal an der Zeit gewe­sen sei.

Jedoch, zwei­tens: Isra­el habe die eige­ne Grenz­si­che­rung über­schätzt und sei von der Wucht und der Bru­ta­li­tät der Angrei­fer am Boden über­rum­pelt wor­den. Man habe falsch kal­ku­liert, weil man nur weni­ge habe ein­wei­hen kön­nen, also im Grun­de kaum jeman­den von denen, die den ers­ten Wel­len­bre­cher zu bil­den gehabt hätten.

Die Lage sei, drit­tens, mili­tä­risch für Isra­el gut, aber psy­cho­lo­gisch schlecht. Mili­tä­risch: Er selbst ken­ne kei­ne Armee, die am For­ma­len weni­ger inter­es­siert und zugleich so kon­se­quent auf Effek­ti­vi­tät aus­ge­rich­tet sei. Ich ver­mu­te­te, daß dies der Zustand sei, wenn Waf­fe und Bereit­schaft nicht hin­ter Kaser­nen­mau­ern abge­trennt, son­dern lebens­ge­gen­wär­tig sei­en. Er bestä­tig­te und füg­te hin­zu, daß aus die­sem Grund die His­bol­lah nicht wirk­lich ein­grei­fe: Man wür­de nicht das weni­ge an guten Waf­fen und Leu­ten opfern, das bes­ser sei als die Hamas, aber immer noch um Wel­ten schlech­ter als Israel.

Pro­ble­ma­tisch sei der Häu­ser­kampf, das Auf­räu­men in den kilo­me­ter­lan­gen Kata­kom­ben unter dem Schutt, den die Luft­waf­fe pro­du­ziert habe. Eine alte Leh­re aus dem 1. Welt­krieg schon: daß die Stel­lung unter einem ein­mal in sich zusam­men­ge­bro­che­nen Haus siche­rer sei als alles ande­re. Sol­che Höh­len­sys­te­me aus­zu­räu­men, das bedeu­te: Einer ist vor­ne­weg, da gäbe es kei­ne Alter­na­ti­ve, und wenn der nicht mehr sei, dann eben der zwei­te, dann der drit­te. Selbst die wirk­lich guten Ein­hei­ten kämen dabei an ihre Belastungsgrenze.

Psy­cho­lo­gisch sei Isra­el trotz über­wäl­ti­gen­der Lob­by­ar­beit bereits im Hin­ter­tref­fen: Die Hamas spie­le das Spiel mit den Gei­seln sehr geschickt, und die mehr als abschät­zi­gen und rück­sichts­lo­sen Äuße­run­gen höchst­ran­gi­ger israe­li­scher Poli­ti­ker und Mili­tär­an­ge­hö­ri­ger sei­en ein media­les Desas­ter. Aber das sei nicht ein­zu­he­gen: Das sei ehr­lich so gemeint, for­mal schnodd­rig und im Front-Slang derer, die wis­sen, was sie kön­nen, wer der Feind ist und was die­ser Feind täte, wenn er nur könnte.

Aber vier­tens: 350 000 ein­ge­zo­ge­ne, von der Arbeit abge­zo­ge­ne Reser­vis­ten, zig­tau­send aus dem Land geflüch­te­te Arbeits­kräf­te, und eben kei­ne Lehm­hüt­ten plus drei Zie­gen, son­dern eine moder­ne Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft. Jeder Tag ist ein öko­no­mi­sches Desas­ter für Isra­el, jeder Ver­lust reißt eine gra­vie­ren­de Lücke, nicht nur menschlich.

Eine Lösung sei nicht in Sicht. Die Sand­uhr wer­de umge­dreht, wie in der Sau­na. Irgend­wann, viel­leicht in sie­ben, viel­leicht in zehn Jah­ren rie­se­le dann das letz­te Körn­chen, und dann kra­che es wie­der. Aber nun sei man ja erst ein­mal mittendrin.

Sol­che Gesprä­che – was sind sie? Bestä­ti­gun­gen des Geahn­ten, ergänz­te Aspek­te, Ein­übung in eine frem­de Men­ta­li­tät. Vor allem: Berich­te aus der Fer­ne, zu denen man sich nicht ver­hal­ten muß. Wie ich schon schrieb (und der Sicher­heits­be­ra­ter, der mei­nen Bei­trag gele­sen hat­te, bestä­tig­te die­se Sicht­wei­se fast schon emo­tio­nal): Isra­el braucht uns nicht.

– – – – –

Sams­tag , 29. Okto­ber 2023

1999 erreich­te der dama­li­ge Außen­mi­nis­ter Josch­ka Fischer auf dem Son­der­par­tei­tag der Grü­nen im Mai die Zustim­mung sei­ner Par­tei zum Angriff der Nato auf Ser­bi­en und zum Ein­marsch in den Koso­vo. Er argu­men­tier­te damals auf der meta­po­li­tisch jahr­zehn­te­lang vor­be­rei­te­ten Grund­la­ge, daß es nie wie­der zu Faschis­mus und zu Ausch­witz kom­men dürfe.

Meta­po­li­ti­sche Vor­be­rei­tung bedeu­te­te in die­sem Fall, daß die­se Begrif­fe los­ge­löst von ihrer his­to­ri­schen Ein­bet­tung in eine Epo­che zu Chif­fren gewor­den waren. Ihre Wir­kung beruh­te nicht auf Nach­voll­zieh­bar­keit eines statt­haf­ten Ver­gleichs, son­dern auf scho­ckie­ren­der Über­wäl­ti­gung und der Nicht­hin­ter­frag­bar­keit eines Glaubenssatzes.

Nur von der zivil­re­li­giö­sen Auf­la­dung sol­cher kol­lek­ti­ver deut­scher Schuld her ist zu erklä­ren, wie der dis­si­den­te Jour­na­list Juli­an Rei­chelt mit dem Ver­weis auf die Bom­bar­die­rung deut­scher Städ­te die Bom­bar­die­rung des Gaza-Strei­fens durch Isra­el recht­fer­tigt. Am 25. Okto­ber kom­men­tier­te Rei­chelt im Sen­der NIUS:

Bri­ten und Ame­ri­ka­ner hiel­ten es für gebo­ten und mora­lisch ver­tret­bar, den Wil­len der deut­schen Zivil­be­völ­ke­rung durch Flä­chen­bom­bar­de­ments von Städ­ten zu bre­chen. Sie nah­men den Tod hun­dert­tau­sen­der Zivi­lis­ten nicht nur in Kauf, sie ver­ur­sach­ten ihn ganz bewusst, weil sie der (rich­ti­gen) Über­zeu­gung waren, dass es ein befrei­tes und fried­li­ches Euro­pa nur geben kön­ne, wenn Deutsch­land in jeder Hin­sicht gebro­chen wäre.

Rei­chelt steht mit die­ser Argu­men­ta­ti­on nicht nur jen­seits roter Lini­en, die das Kriegs­völ­ker­recht mar­kiert (wobei gleich ange­merkt sei, daß sich der­je­ni­ge, der kann, was er will, um die­ses Recht noch nie groß scher­te); er über­nahm die­sen Offen­ba­rungs­eid vom ehe­ma­li­gen israe­li­schen Pre­mier­mi­nis­ter Naf­ta­li Ben­nett, der bereits am 13. Okto­ber die Fra­ge eines Jour­na­lis­ten nach zivi­len Opfern im Gaza-Strei­fen mit den Wor­ten zurückwies:

Fra­gen Sie mich ernst­haft wei­ter nach paläs­ti­nen­si­schen Zivi­lis­ten? Haben Sie nicht gese­hen, was los ist? Wir bekämp­fen Nazis.

Und wei­ter:

Als Groß­bri­tan­ni­en im Zwei­ten Welt­krieg die Nazis bekämpft hat, hat auch kei­ner gefragt, was in Dres­den los ist. Die Nazis haben Lon­don ange­grif­fen und ihr habt Dres­den ange­grif­fen. Des­halb: Schan­de über Sie, wenn Sie mit die­sem fal­schen Nar­ra­tiv weitermachen.

Ich bin mir nicht sicher, wie wir­kungs­voll die­se Absi­che­rungs­chif­fren heu­te noch sind und ob nicht “Dres­den” als Wort doch einen ande­ren Bei­klang hat als den, der Rei­chelt und Ben­nett im Ohr sit­zen mag. Flo­renz und Elbe und “Wie liegt die Stadt so wüst” klin­gen mit.

Alte Hebel, die so spie­lend ange­setzt wer­den konn­ten und funk­tio­nier­ten, sind jedoch lang­le­bi­ges Gerät. Und so hat ges­tern der israe­li­sche Außen­mi­nis­ter Eli Cohen die (wie­der­um nicht bin­den­de) Reso­lu­ti­on der UN-Voll­ver­samm­lung, die­sen Auf­ruf zur Scho­nung der Zivil­be­völ­ke­rung und zu einem Ende der Kämp­fe, mit den­sel­ben Ver­wei­sen zurückgewiesen.

Wir leh­nen den ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen Ruf der UN-Gene­ral­ver­samm­lung nach einem Waf­fen­still­stand ent­schie­den ab. Isra­el beab­sich­tigt, die Hamas zu eliminieren.

Denn so sei die Welt auch mit den Nazis und der Ter­ror­mi­liz Isla­mi­scher Staat (IS) ver­fah­ren. Des­halb sei die Reso­lu­ti­on ein „dunk­ler Tag für die UN und für die Mensch­heit“, der mit Schan­de in die Geschich­te ein­ge­hen wer­de. (Deutsch­land ent­hielt sich.)

Las ges­tern im neu­en Heft der noch wenig bekann­ten Zeit­schrift CRISIS, einem erst im Vor­jahr gegrün­de­ten “Jour­nal für christ­li­che Kul­tur”. Ver­ant­wort­li­cher Redak­teur ist Gre­gor Fern­bach, der auch den Ver­lag Hagia Sophia betreibt. Dort wird unter ande­rem das Werk des rus­si­schen Phi­lo­so­phen Iwan Iljin gepflegt.

Unse­re Leser haben vor allem nach sei­ner zen­tra­len Schrift Über den gewalt­sa­men Wider­stand gegen das Böse gegrif­fen, und natür­lich ist in der neu­en Aus­ga­be ein Bei­trag über die Gedan­ken­füh­rung die­ses Buches ent­hal­ten. Denn CRISIS 6 beschäf­tigt sich mit dem The­ma “Krieg”.

Das Heft ist in mehr­fa­cher Hin­sicht inter­es­sant. Ich mag es, wenn nicht kom­men­tiert, son­dern zusam­men­ge­tra­gen wird, wenn man etwas lernt und erfährt.

So war mir unter ande­rem die Ver­tie­fung der Glau­bens­spal­tung in der Ukrai­ne nicht bewußt, obwohl ich frü­her in Dör­fern war, in denen neben der Ukrai­nisch-Ortho­do­xen Kir­che (UOK) auch eine grie­chisch-katho­li­sche Kir­che stand. Die­se vor allem west­ukrai­ni­sche Abspal­tung rührt aus dem Jahr 1596, in dem sich die­ser Teil der alten Kie­wer Rus dem pol­nisch-litaui­schen Bund unter­warf und kirch­lich Kon­stan­ti­no­pel ver­ließ und Rom aner­kann­te. Die Lit­ur­gie blieb orthodox.

2018 kam es zu einem zwei­ten Schis­ma, näm­lich zur Grün­dung eines eigen­stän­di­gen, vom rus­si­schen Patri­ar­chat unab­hän­gi­gen ortho­do­xen Kir­chen­tums der Ukrai­ne. Die bei Ruß­land ver­blie­be­ne Ortho­do­xie (die UOK) lös­te sich 2022 eben­falls von Mos­kau – ein tak­ti­scher Schritt, der jedoch nichts aus­trug: Seit Dezem­ber ist sie fak­tisch ver­bo­ten, bekam sofort die Nut­zungs­rech­te im welt­be­rühm­ten Kie­wer Höh­len­klos­ter ent­zo­gen und wird seit Juni auch aus den letz­ten, ihr ver­blie­be­nen Klau­sen und Kir­chen vertrieben.

Im CRI­SIS-Heft schrei­ben Mat­thi­as Matus­sek und die Jour­na­lis­tin Nina Byzan­ti­nia über die­se Vor­gän­ge. Letz­te­re spielt mit ihrem Ver­such, der katho­lisch-grie­chi­schen Kir­che eine inten­si­ve Kon­takt­schuld zum Drit­ten Reich nach­zu­wei­sen, mit dem Feu­er. Man muß nicht tief gra­ben, um Ver­stri­ckun­gen auf allen Sei­ten zu finden.

Dezi­diert ist der Bei­trag Ben­ja­min Kai­sers, der von Eng­land aus mit­ar­bei­tet und sei­nen Bei­trag “Der geis­ti­ge Kampf” mit den Sät­zen beginnt, daß ein tota­ler Krieg tobe, von dem jeder ein­zel­ne betrof­fen sei: Es sei ein Krieg, in dem die eine Sei­te macht­voll behaup­te, daß der Mensch sein kön­ne und sol­le wie Gott, wäh­rend die ande­re Sei­te in die­sem geis­ti­gen Kampf die hei­li­gen Zei­chen auf­ge­rich­tet hal­te oder wie­der auf­rich­te – und zwar zunächst und vor allem in sich selbst.

Sei­en noch der lan­ge, grund­le­gen­de Bei­trag des mir bis­her nicht bekann­ten Publi­zis­ten Wolf­gang Vasicek erwähnt, der den “Krieg als Ereig­nis” und sei­ne “Ein­gren­zung und Ent­gren­zung” sehr kennt­nis­reich und lek­tü­re­ge­sät­tigt behan­delt, außer­dem das Edi­to­ri­al, das die Tra­di­ti­on einer “Seg­nung der Waf­fen” aus­leuch­tet, und das Inter­view mit Ulri­ke Gué­rot, das von Redak­teu­rin Bei­le Ratut geführt wird.

CRISIS ver­folgt einen kon­se­quent christ­li­chen, vor allem ortho­do­xen und west-kri­ti­schen Kurs. Das ist im deutsch­spra­chi­gen Raum eine Lücke, und sie wird nun gefüllt. Heft 6 ist soeben erschie­nen, umfaßt 88 Sei­ten, kos­tet 12.50 € und kann hier bestellt wer­den. Auch ein Abon­ne­ment kann man dort zeichnen.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.