Sezession
27. August 2012

Horrorshow im Sommerloch

Martin Lichtmesz

Nein, ich habe die Horrorshow aus dem Gerichtssaal um den bleichen Psychopathen aus Norwegen nicht mitverfolgt. Ich habe leider schon genug Lebenszeit mit der Analyse dieses Falls verbracht. Und ein Jahr später stelle ich fest, daß ich nichts Wesentliches versäumt habe, und sich am Ende so gut wie alles bestätigt hat, was ich ohnehin von Anfang an vermutet hatte.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Etwa, daß Anders Breivik zwar eine schwere narzißtische Persönlichkeitsstörung hat, aber offenbar voll zurechnungsfähig ist, was nun nach langem Hin- und Her als einstweilen letztgültige offizielle Diagnose gilt. Kein schwerer Psychotiker wäre imstande, die Logistik seiner Tat zu bewältigen. Und der krankhafte Narzißmus ist aus den autobiographischen Passagen seines Paste & Copy-"Manifests" ebenso klar ersichtlich, wie aus seinen berüchtigten Selbstinszenierungen in diversen Fantasieuniformen.

Der für Psychopathen typische extreme Mangel an Empathie für andere Menschen trat während des Prozesses deutlich zutage: bei der Urteilsverkündung und dem Vorlesen der Opfernamen lächelte Breivik triumphierend, erheitert und selbstzufrieden vor sich hin. Schuldgefühle kennt er offenbar keine. Tränen vergoß er nur über sich selbst, etwa als sein jämmerliches Youtube-Propagandavideo im Gerichtssaal vorgeführt wurde, offenbar war er sentimental gerührt über seine endlich geschlagene große Stunde. Made it, Ma! Top of the World!

Schon der "American Psycho" Patrick Bateman wußte, daß die "größte Liebe von allen" die Liebe zu sich selbst ist. Derselbe Mann, der offenbar ohne den leisesten Funken eines Mitgefühls und ohne echte Beziehung zu irgendeinem Menschen ist, behauptet von sich, er habe "aus fürsorglicher Liebe zu seinem Volk" gehandelt. Da denkt man an Mielkes "Aber ich liebe euch doch alle" und die Aussagen ähnlicher Menschheitsbeglücker.

Wobei der Vergleich mit Mielke noch zu schwach ist. Breiviks "Liebe" gleicht derjenigen, die charismatische Sektenführer wie Jim Jones oder Charles Manson für ihre Jünger hatten. Die "Manson-Girls", die Sharon Tate und sechs andere Menschen aufgrund von drogeninduzierten Wahnideen bestialisch ermordet hatten, saßen bei ihrem Prozeß mit dem gleichen Lächeln wie Breivik auf der Anklagebank. Kurze Zeit nach ihrer Verurteilung zerplatzte die Blase der Selbsthypnose und Schuldverleugnung; heute sind die immer noch lebenden und eingesperrten Täterinnen zerknirschte "Reborn Christians".

Von Breivik ist eine solche Umkehr kaum zu erwarten: er hat sich seine Luftblase ganz allein geschaffen, ohne den synergetischen, einhüllenden Massenwahn einer sektiererischen Gruppe, und in diesem Ballon wird er wohl den Rest seines Lebens verbleiben, ehe er in irgendeinen Kreis der Hölle hinabfährt. Die nun bevorstehende jahrelange Isolationshaft wird ihn wohl kaum erschrecken.  Er ist bereits jetzt innerlich wie äußerlich völlig isoliert, allein, autistisch, solipsistisch, dabei universal verachtet und verabscheut, selbst in Kreisen der extremen und militanten Rechten.

Die "Selbstigkeit" gilt in der christlichen Tradition als ein klassisches Attribut der Dämonie und des Teuflischen. David Gelernter, selbst Opfer eines ideologisch motivierten Attentäters, hatte wohl recht, als er schrieb, daß Breivik weder links noch rechts, sondern einfach "böse" sei. Das "Böse" ist eine Realität, kein moralisches Vorurteil. Gestalten wie Breivik erinnern uns immer wieder daran.

For every devil is an hell unto himself; he holds enough of torture in his own ubi, and needs not the misery of circumference to afflict him; and thus a distracted conscience here is a shadow or introduction unto hell hereafter.

Thomas Browne, Religio Medici

Seine Tat war so monströs, daß sie ihm gewiß einen Platz im Gruselkabinett der Geschichte sichern wird, neben anderen Freaks wie Manson, Jones, Whitman oder Bundy. Er gehört eher in diese Familie, als in jene der politischen Attentate und Massenmorde à la Bologna, 9/11 oder Oklahoma City. Hätte er bloß die Regierung angegriffen, hätte er heute vielleicht bedeutend mehr Sympathisanten, als für seine Real-Neuauflage eines Slasher-Streifens aus den Achtziger Jahren, in denen bizarr kostümierte Killer wie "Jason" und "Freddy Krueger" reihenweise Teenager in Feriencamps und ähnlichen Schauplätzen abschlachteten. Stärker noch als alle vorgeschobenen politischen Motive war wohl seine Freude am Töten, und darüber hinaus am Herostratentum. Damit hat er es geschafft, eine ganze Nation zu traumatisieren und sich wie ein Vergewaltiger in ihr Fleisch zu graben.

Daß Breivik die Höchststrafe bekommen würde, war angesichts der Schwere des Vergehens abzusehen, und daß er aufgrund der täterfreundlichen, progressivlinken Gesetzgebung Norwegens nicht mehr als 22 Jahre absitzen muß, ebenfalls. So hat er das liberale System gleich mehrfach zum Narren gehalten: er benutzte den Prozeß als weltweit sichtbare Bühne für seine Selbstdarstellung, mit der Gewißheit, daß er letzten Endes selbst für eine derart präzedenzlose Tat vergleichsweise glimpflich davonkommen würde.

22 Jahre in einem fortschrittlichen skandinavischen Knast für beinah 80 Menschenleben ist ein schlechter, dekadenter Witz. Liest man davon, will man nicht mehr die Hoffnung auf das Jüngste Gericht aufgeben. Breivik hat genau das bekommen, was er wollte, plus der von ihm triumphierend aufgenommenen offiziellen Bestätigung, daß er nicht unzurechnungsfähig sei. Nicht nur hier zeigt sich, daß jede Gesellschaft letztlich die Psychopathen und Amokläufer abbekommt, die sie verdient hat.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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