Sezession
22. April 2013

Guy Debord über Identität und Einwanderung (Fundstücke 15)

Martin Lichtmesz / 30 Kommentare

Einige Leser haben apropos Michel Foucault darauf hingewiesen, daß in der "poststrukturalistischen" Kiste, insbesondere der "Diskursanalyse" einiges steckt, das auch im Kampf gegen die "politische Korrektheit" von erheblichem Nutzen sein kann. Und nicht nur das: Ein Kommentator merkte an, daß der „Dekonstruktivismus“ theoretisch einem "radikalen Dezisionismus des Einzelnen sowie beliebiger Gruppen Tür und Tor" öffnen könne. 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Einen ähnlichen Eindruck hatte schon Armin Mohler, der in den Achtziger Jahren im damaligen konservativen Zentralorgan Criticón regelmäßig über das "wilde Denken" französischer Postmoderner wie Derrida, Lyotard oder Clément Rosset berichtete, die ihm als legitime Erben Nietzsches und Schopenhauers erschienen.

In einem Interview (abgedruckt in dem leider vergriffenen Antaios-Band "Das Gespräch"), antwortete Mohler auf die Frage, warum denn die "Sinnfindung des Menschen" erst "durch nationales Selbstbewußtsein" ermöglicht werde, überraschend lapidar: "Weil wir es sagen." Man mag darin in der Tat eine "dezisionistische", "postmoderne" "Setzung" erkennen.

Der "Postmodernismus" hat auch eine stattliche Anzahl von scharfen Medienkritikern hervorgebracht, wie Paul Virilio, Jean Baudrillard (der als einer der ersten seiner Sparte in dem Essay "Die göttliche Linke" mit den "68ern" abgerechnet hat) und Guy Debord. Debords geniales und immer noch bedeutendes Hauptwerk  "Die Gesellschaft des Spektakels" (1967) eignet sich unter anderem hervorragend als Gegengift zum laufenden "NSU"-Medienspuk und anderen  "skandalokratischen" Hydraköpfen.

"Spektakel" bezeichnet eine Welt, die nur mehr aus wirtschaftlichen/kulturellen/politischen Kulissen und Inszenierungen besteht (Botho Strauß nennt sie die "sekundäre"), die alles und jedes zur "Ware" erklärt, und den einzelnen Menschen zum entwurzelten Konsumenten reduziert, dessen Existenz zunehmend von Surrogaten bestimmt wird. Von Debord führt eine direkte Linie zur Kulturkritik von Michel Houellebeq ("Ausweitung der Kampfzone"), Chuck Palahniuk ("Fight Club"), Giorgio Agamben ("Ausnahmezustand", "Der Mensch ohne Inhalt") und des französischen Autorenkollektivs "Tiqqun" ("Der kommende Aufstand", "Anleitung zum Bürgerkrieg").

Debord war ein kantiger Einzelgänger, der sich schwer in eine Schublade pressen läßt. Auch zum Thema "Einwanderung" hatte er Dinge zu sagen, die für einen als linksstehend wahrgenommenen Intellektuellen ungewöhnlich sind, die indessen auch vielen Rechten nicht gefallen werden, insbesondere der "Hakuna Matata, wenn es keine Moslems gäbe"-Fraktion.

Dabei hat der 1994 verstorbene Debord viele Argumente Richard Millets vorweggenommen (eine Millet-Auswahl wird im Juni in der Reihe "Antaios Essay" erscheinen). Bereits 1985 schien es ihm, als hätte die globalistisch-amerikanische Konsum- und "Spektakel"-Gesellschaft die französische Identität und Kultur weitgehend aufgefressen. Wie Millet beklagt er den Verfall der Sprache und des Denkens.

Nicht nur die Einwanderermassen seien Entwurzelte - die Autochthonen seien es im Grunde nicht weniger, und dies sei der eigentliche Kern des Problems, den keiner sehen wolle. Nach der Amerikanisierung des Lebensstils wolle man Frankreich in einen "Schmelztiegel" nach amerikanischem Vorbild umwandeln. Er rechnete damit, daß dieses Experiment zum Scheitern verurteilt sei und in einem "Blutbad" enden werde.

Besonders folgende Erkenntnis Debords hat gerade für Deutschland eine nicht zu unterschätzende Bedeutung und Aktualität:

Eine einheitliche und relativ zufriedene Gesellschaft ist einleuchtenderweise eher imstande, große Zahlen an Einwanderern aufzunehmen, ohne daß es zu Zusammenstössen kommt, als eine Gesellschaft, die sich selbst vollständig zersetzt.

Hier also, leicht gekürzt, sein Aufsatz "Notizen zur 'Einwandererfrage'".

spectacles

Guy Debord: Notizen zur "Einwandererfrage" (1985)

An der "Einwandererfrage" ist alles falsch, wie an jeder anderen Frage, die in der heutigen Gesellschaft offen gestellt wird; und dies aus demselben Grund: Die Ökonomie - oder genauer gesagt, die pseudo-ökonomische Illusion - hat sie aufgeworfen, und das Spektakel hat sie übernommen.

Man diskutiert über nichts als Dummheiten. Soll man die Einwanderer beschützen oder sie eliminieren? (Natürlich ist der echte Einwanderer nicht derjenige Einwohner fremder Herkunft, der sich dauerhaft niedergelassen hat, sondern derjenige, der sich selbst als anders betrachtet, der von den anderen als anders betrachtet wird, und der auch entschlossen ist, anders zu bleiben. Viele Einwanderer oder ihre Kinder haben die französische Nationalität angenommen. Viele Polen oder Spanier haben sich schlußendlich in der Masse der einst andersartigen französischen Bevölkerung aufgelöst.)

Wie der radioaktive Abfall der Atomindustrie oder die Ölpest im Ozean (Dinge, die in der Regel mit bedeutend geringerem "wissenschaftlichem" Eifer als untragbar identifiziert werden) sind auch die Einwanderer ein Produkt des modernen Kapitalismus, das über Jahrhunderte, Jahrtausende, bis in alle Ewigkeit nicht entsorgt werden kann. Sie bleiben, weil es viel einfacher war, die Juden in den Zeiten Hitlers zu eliminieren als etwa die heutígen Mahgrebiner: denn es gibt in Frankreich weder eine Nazipartei noch den Mythos einer autochthonen Rasse.

Soll man sie also assimilieren oder die "kulturellen Unterschiede respektieren"? Eine falsche, unpassende Alternative. Wir sind nicht imstande, irgendjemanden zu assimilieren: nicht die Jugend, nicht die französischen Arbeiter, nicht einmal unsere Provinzbewohner und unsere alten ethnischen Minderheiten (Korsen, Bretonen), weil Paris, eine zerstörte Stadt, seine historische Rolle verloren hat, die darin bestand, Franzosen zu machen. Wie kann ein Zentralismus ohne Hauptstadt bestehen? Das Konzentrationslager hat aus keinem einzigen deportierten Europäer einen Deutschen gemacht. Die Ausbreitung des konzentrierten Spektakels kann nur uniformierte Betrachter erzeugen.

Um es einfach, in der Sprache der Werbung zu sagen: Man berauscht sich am lukrativen Begriff von den "kulturellen Unterschieden". Was für Kulturen? Es gibt keine mehr. Keine christliche und keine moslemische, keine sozialistische und keine szientistische. Redet also nicht von Abwesenden. Ein einziger Blick sollte ausreichen, um mit voller Evidenz die Wahrheit aufzuzeigen, daß es nichts anderes mehr gibt, als die Erniedrigung jeglicher Kultur durch das globale (amerikanische) Spektakel.

Das Wahlrecht führt in keiner Weise zur Assimilation. Die historische Erfahrung zeigt, daß die Wählerstimme nichts bedeutet, nicht einmal für die Franzosen, die Wähler sind und sonst nichts (eine Partei = eine andere Partei; ein politisches Engagement = sein Gegenteil; und seit neuestem haben die Wahlversprechen, von denen jeder weiß, daß sie nicht gehalten werden, endlich aufgehört, enttäuschend zu sein, da sie sich ohnehin auf keinerlei relevante Probleme beziehen. Wer hat für die Verteilung von Brot gestimmt?). Unlängst wurden erhellende und ohne Zweifel noch heruntergerechnete Statistiken veröffentlicht: 25% aller "Bürger" zwischen 18 und 25 Jahren haben sich aus purem Ekel nicht in die Wahllisten eingetragen. Zählt sie zu den Abstinenzlern, die anders sind.

Manche meinen, das Kriterium der Assimilation sei "die französische Sprache". Lächerlich. Beherrschen etwa die heutigen Franzosen die französische Sprache? Können wir nicht vielmehr deutlich sehen, daß die sprachliche Artikulationsfähigkeit und die klaren Gedankengänge am Verschwinden sind, ohne das Zutun irgendeines Einwanderers?

Welche Lieder hören denn die jungen Leute heute? Wieviele Sekten, die unendlich lächerlicher als der Islam oder der Katholizismus sind, haben heute Macht über die Köpfe der zeitgenössischen gelehrten Idioten bekommen? Reden wir gar nicht erst von den Autisten und Grenzdebilen, an denen diese Sekten nicht interessiert sind, weil diese Rinder bar jeden ökonomischen Interesses sind; also überläßt man ihre Versorgung den öffentlichen Ämtern.

Wir haben uns selbst zu Amerikanern gemacht. Daher verwundert es nicht, daß wir all die Miseren und Probleme der USA auch bei uns antreffen, von der Drogenmafia über das Fast Food bis zur Ausbreitung der Ethnien. Auch Spanien und Italien sind an der Oberfläche (wenngleich ausreichend) amerikanisiert, aber ethnisch unvermischt geblieben. In dieser Hinsicht sind diese Länder um einiges europäischer geblieben (in dem Sinne, wie Algerien nordafrikanisch ist).

Wir haben dieselben Probleme wie die Amerikaner, ohne ihre Macht zu haben. Es ist keineswegs sicher, ob der amerikanische Schmelztiegel noch lange funktionieren wird (besonders im Hinblick auf die anderssprachigen Mexikaner). Dagegen läßt sich mit Sicherheit sagen, daß er bei uns nicht einen Augenblick funktionieren kann.

Denn es sind die USA, die das Zentrum der heutigen Lebensart sind, sie sind das Herz des Spektakels, dessen Pulsschlag bis Moskau und Peking gehört wird; und sie werden es nicht zulassen, daß sich irgendeiner seiner lokalen Subunternehmer selbständig macht (man muß verstehen, daß es sich hier leider um eine tiefergehende Art der Unterwerfung handelt, als jene, auf deren Zerstörung oder Abmilderung die übliche Kritik des "Imperialismus" abzielt).  Hier sind wir nichts mehr: Kolonisierte, die nicht imstande waren, sich aufzulehnen, die großen Ja-und-Amen-Sager im Dienste der Entfremdung durch das Spektakel.

Woher also plötzlich dieser wiederentdeckte Anspruch auf Frankreich angesichts der Ausbreitung von Einwanderern jeglicher Couleur, als hätte man uns etwas gestohlen, das ansonsten noch ganz das Unsere wäre? Was wäre das denn eigentlich? Woran glauben wir denn, oder vielmehr, was geben wir vor, zu glauben? An einen Stolz, der für ein paar seltene Festtage reserviert ist, an denen sich die versklavten Ansässigen darüber beschweren, daß die Metöken ihre Freiheit bedrohen würden!

Die Gefahr der Apartheid? Sie ist gewiß real. Sie ist sogar mehr als eine Gefahr, sie ist ein bereits eingetroffenes Verhängnis (mit seiner Logik der Ghettos, den Konflikten zwischen den Rassen, und, eines Tages, seinen Blutbädern). Eine einheitliche und relativ zufriedene Gesellschaft ist einleuchtenderweise eher imstande, große Zahlen an Einwanderern aufzunehmen, ohne daß es zu Zusammenstössen kommt, als eine Gesellschaft, die sich selbst vollständig zersetzt.

Den frappierenden Zusammenhang zwischen der Evolution der Technik und der Evolution der Mentalitäten habe ich bereits 1973 beschrieben: "Eine Umwelt, die dadurch rekonstruiert wird, daß sie in allzu eilfertiger Weise der repressiven Kontrolle und dem Profit unterworfen wird, wird zur gleichen Zeit zerbrechlicher und lädt damit zum Vandalismus ein. Der Kapitalismus errichtet Imitate aus Plastikramsch in seiner Arena des Spektakels und bringt damit Brandstifter hervor. Ihre Kulissen werden so entflammbar wie eine französische Hochschule."

Dank der Anwesenheit der Einwanderer muß man damit rechnen, daß die herrschenden Mächte auf breiter Basis eine Entwicklung fördern werden, wie man sie im Kleinen an den Zusammenstössen sehen kann, die von wirklichen oder falschen "Terroristen" oder den Fans rivalisierender Fußballclubs inszeniert werden. Man versteht gut, warum die verantwortlichen Politiker (die Führer des Front National eingeschlossen) allesamt daran arbeiten, den Ernst des "Einwanderungsproblems" herunterzuspielen. All die Dinge, die sie konservieren wollen, halten sie davon ab, einem einzigen Problem in seinem wahren Kontext ins Auge zu blicken.

Die einen tun so, als ginge es lediglich um den "guten Willen zum Antirassismus", die anderen, als ginge es darum, Verständnis für ein wohlbemessenes Recht auf eine Art "legitimer Xenophobie" zu erheischen. Sie alle arbeiten zusammen, um diese Frage als die allerdringlichste erscheinen zu lassen, ja sogar als die einzige, die unter all den furchteinflößenden Problemen unserer Gesellschaft überhaupt noch Relevanz hat.

Das Ghetto der neuen Apartheid (in der Variante des Spektakels, nicht in der lokal-folkloristischen Südafrikas) ist bereits hier und jetzt, im heutigen Frankreich, eine Realität: die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist darin brutal eingeschlossen, und sie wäre es auch dann, wenn es keinen einzigen Einwanderer gäbe. Wer hat beschlossen, die Banlieues von Sarcelles und Minguettes zu bauen, und Paris und Lyon zu zerstören? Man kann nicht behaupten, daß sich keine Einwanderer an diesem infamen Werk beteiligt hätten. Aber sie taten es ausschließlich als Befehlsempfänger; das ist das übliche Schicksal des Lohnarbeiters.

Wieviele Fremde gibt es wirklich in Frankreich? (Und zwar nicht nur gemessen am juristischen Status, an der politischen Einstellung und der Hautfarbe). Offensichtlich sind es soviele, daß man sich zuerst eher fragen sollte: wieviele Franzosen gibt es noch und wo sind sie? (Und was kennzeichnet heute einen Franzosen?) Und wie wird es ihm gelingen, Franzose zu bleiben?

Wir wissen, daß die Geburtenrate sinkt. Ist das nicht normal? Die Franzosen können ihre Kinder nicht mehr erhalten.Sie schicken sie mit drei Jahren in die Schule, wo sie mindestens bleiben, bis sie sechzehn sind, damit sie zu Analphabeten ausgebildet werden. Und bevor sie drei jahre alt sind, finden sich mehr und mehr Leute, die sie "unaushaltbar" finden und mehr oder weniger brutal schlagen.

In Spanien, Italien, Algerien, bei den Zigeunern werden Kinder immer noch geliebt. Nicht so im heutigen Frankreich. Weder Mietwohnungen noch Städte werden für Kinder gebaut (was auch die Quelle der zynischen öffentlichen Rhetorik der Urbanisten ist, man müsse "die Städte den Kindern öffnen").  Auf der anderen Seite ist die Schwangerschaftsverhütung allgemein gebräuchlich und die Abtreibung straffrei. Heute sind fast alle Kinder in Frankreich Wunschkinder. Aber der Wähler-Konsument hat keinen freien Willen, er weiß nicht, was er will. Er "wählt" etwas, das er nicht liebt. Seine unzusammenhängende mentale Struktur läßt ihn sogar vergessen, daß er sich eine Sache einmal gewünscht hat, wenn er herausfindet, daß sie ihn enttäuscht.

Durch das Spektakel hat eine Klassengesellschaft systematisch versucht, die Geschichte zu eliminieren. Und nun tut man so, als würde man als einziges Resultat dieser Anstrengung die Präsenz so vieler Einwanderer bedauern, denn durch diese würde ja Frankreich "verschwinden". Was für ein Witz. Frankreich verschwindet aus anderen Gründen, und, mehr oder weniger rasch, auf nahezu allen Ebenen.

Die Einwanderer haben das allerschönste Recht, in Frankreich zu leben. Sie sind die Repräsentanten der Enteignung; und die Enteignung ist in Frankreich zuhause, wo sie in der Mehrheit und nahezu universell ist. Es ist nur allzu bekannt, daß die Einwanderer ihre Kultur und ihr Land verloren haben, ohne einen Ersatz zu finden. Die Franzosen befinden sich jedoch in derselben Lage, was kaum zu übersehen ist.

Angesichts der Egalisierung des gesamten Planeten durch die Misere einer neuen Lebenswelt und eine durch und durch lügnerische Intelligenz, sind die Franzosen, die all dies ohne großen Widerstand (abgesehen von 1968) hingenommen haben, schlecht beraten, zu behaupten, daß die Einwanderer daran schuld seien, wenn sie sich in ihrem eigenen Land nicht mehr heimisch fühlen. Das Gefühl, keine Heimat zu haben, haben sie natürlich völlig zurecht. Denn in dieser schrecklichen neuen Welt der Entfremdung gibt es außer den Einwanderern niemanden mehr, der anders ist.

Auf der Erdoberfläche werden immer Menschen leben, sogar hier,wenn Frankreich lange verschwunden sein wird. Die ethnische Mischung, die dann herrschen wird, kann man nicht voraussehen, ebensowenig wie ihre Kultur oder Sprache. Die zentrale und profund qualitative Frage ist jedoch diese: wird es diesen zukünftigen Völkern durch eine emanzipierte Praxis gelingen, die gegenwärtige Technik zu beherrschen, die das Simulacrum der Enteignung ist? Oder werden sie von ihr noch hierarchischer und sklavischer beherrscht werden, als es heute der Fall ist? Man muß immer mit dem Schlimmsten rechnen und für das Beste kämpfen. Frankreich verdient gewiß eine Klage. Aber Klagen sind vergeblich.

 

Guy Debord  schrieb diesen Text im Dezember 1985 für Mezioud Ouldamer, während dieser an seinem Buch "Le cauchemar immigré dans la décomposition de la France" (Der Alptraum der Einwanderung im Zerfall Frankreichs, 1986) arbeitete. Französisches Original hier, englische Fassung hier.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (30)

Zarathustra
22. April 2013 19:24

blockquote> Hier sind wir nichts mehr: Kolonisierte, die nicht imstande waren, sich aufzulehnen, die großen Ja-und-Amen-Sager im Dienste der Entfremdung durch das Spektakel.

Dieser Gedankenblitz in dem vorstehenden Essay von Guy Debord erleuchtet schlagartig die Landschaft, in der das zeitgenössische Geschehen sich vollzieht.

Die implizite Frage darin, nämlich "warum ein Auflehnen heute nicht mehr stattfinden wird und stattfinden kann", führt direkt in das Zentrum eines Tabus, über das scheinbar Konsens herrscht und dessen Verlogenheit Ernst Nolte so wunderbar "dekonstruiert" hat, um im Jargon der Zeit zu bleiben:

Der epische Kampf zwischen partikulärer Identität (oder Kultur im deutschen Sinne des Begriffs) und Universalismus (der Unkultur des Imperium), der spätestens seit 1914 ein heißer Krieg geworden war, fand seinen tragischen Höhepunkt im Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Der Kampf Deutschlands war nicht als ein Kampf für die Selbstbehauptung des partikularen Großraumes Europa erkannt worden, auch nicht in letzter Konsequenz von der deutschen Führung selbst, und war in den Worten Noltes trotzdem "die letzte Chance" der Auflehnung gegen das Unvermeidliche gewesen.

Europa hatte es vorgezogen, sich mit dem Imperium gegen sein eigenes gravitätisches Zentrum zu verbünden und den ordinären Sieg davonzutragen. Die Folge des Sieges war die Kolonisation durch das Imperium. Der Preis des Sieges war die Preisgabe der europäischen Kultur; ein Pakt mit dem Teufel und ein Wechsel auf die Zukunft Europas der nun zur Zahlung fällig wird. Das große "Ja-und-Amen" des Verrats.

Seither sind wir Europäer Kolonisierte, Entwurzelte, kultur- und heimatlos, Treibgut der Geschichte. Identitäre, die Identität herbei "bassen" wollen, tragische Figuren.

Identität heißt, Geschichte zu haben. Geschichte gibt es nicht mehr für Europa. Jeden Tag blinzeln mir letzte Menschen entgegen.

Oder nicht?

Veritas
22. April 2013 20:05

Identität und Einwanderung, das erhält auch gerade bezüglich des Anschlags in Boston eine besondere Note. Warum sollten junge Tschetschenen ausgerechnet Amerika hassen, den Erzrivalen Rußlands ? Waren die nicht völlig amerikanisiert ? Mit umgedrehtem Basecap plazierte der überlebende Attentäter die Bombe beim Marathon.

Wahrscheinlich haben sich diese Wurzellosen in eine virtuelle Identität geflüchtet, den Dschihad, in dem Nation gar keine Rolle mehr spielt. Auch nur das Gegenstück Amokläufern.

M.L.: Ehrlich gesagt, stoppe ich diesbezüglich meine Spekulationen, weil ich apropos "Terror" so gut wie gar nichts mehr glaube, was die Medien servieren, besonders in den USA.

Mauretanier
22. April 2013 21:25

"Identität und Einwanderung, das erhält auch gerade bezüglich des Anschlags in Boston eine besondere Note. Warum sollten junge Tschetschenen ausgerechnet Amerika hassen, den Erzrivalen Rußlands ? Waren die nicht völlig amerikanisiert ? Mit umgedrehtem Basecap plazierte der überlebende Attentäter die Bombe beim Marathon."

Auf den ersten Blick in der Tat unlogisch, aber im Sinne des von Lichtmesz zitierten Artikels dann eben doch schlüssig.

Zum anderen: Vorstellbar, dass auch tschetschenische Dschihadisten im Sinne des big picture denken und handeln können, und da ist der Hauptfeind des Islams natürlich nicht Russland.

Ob sie völlig amerikanisiert waren ist eine interessante Frage, wer kann heute schon noch behaupten, das nicht zu sein?

Das soll uns aber nicht in davon abhalten gegen die Amerikanisierung zu sein, auch wenn es bedeutet, dass es wir - mindestens - gegen einen Teil von uns selbst sein müssen.

Man darf die Augen nicht davor verschließen, dass wir alle Teil des Problems sind.

Aber das soll uns nicht daran hindern auch die Lösung zu sein.

bernardo
22. April 2013 23:23

"antwortete Mohler auf die Frage, warum denn die „Sinnfindung des Menschen“ erst „durch nationales Selbstbewußtsein“ ermöglicht werde, überraschend lapidar: „Weil wir es sagen.“ Man mag darin in der Tat eine „dezisionistische“, „postmoderne“ „Setzung“ erkennen."

Das ist leider die Art Dezisionismus, die man aus dem Kindergarten kennt. "Ich will aber..." Das besteht vor nichts, was irgendwie erwachsen wäre.

"Nach der Amerikanisierung des Lebensstils wolle man Frankreich in einen „Schmelztiegel“ nach amerikanischem Vorbild umwandeln."

Wer ist "man"? Ohne exakte Feindbestimmung ist keine - intellektuelle oder politische - Kampfhandlung möglich, das müßte jeder "Dezisionist" wissen.

Insofern ist der Text von Debord nur das übliche Gerede, frei nach Heidegger gesagt.

M.L.: Na, ganz so simpel ist es bei Mohler dann doch nicht, und wie immer, wenn er einer Pointe nicht widerstehen konnte, cum grano salis zu nehmen. Er hat dann im selben Interview ausgeführt, daß es ihm vor allem darum geht, ein "Bild" (anstelle rein rationaler Überredungsarbeit) hinzustellen, das naturgemäß den einen mehr, den anderen weniger ansprechen wird. "Und wenn nicht, habe ich eben Pech gehabt."- Debord ist doch kein "Dezisionist". Und nur wenn ein paar blinde Hühner die Körnchen nicht finden, die sie unbedingt finden wollen, heißt das noch lange nicht, daß ansonsten keine Körnchen gestreut seien. Im übrigen wünsche ich viel Spaß bei der "exakten Feindbestimmung", das Gerücht, daß dergleichen heute noch so "exakt" möglich sei, wie sich das manche vorstellen, ist offenbar unausrottbar.

Theosebeios
22. April 2013 23:34

Die zitierte Bemerkung von A. Mohler verblüfft nun doch ein wenig. Ich hoffe, dass er auf die Frage argumentativ noch mehr zu antworten gewusst hatte! Sie erscheint übrigens weniger "postmodern" als autoritär, sofern das Wir etwas anderes ist als die gelebte Volksgemeinschaft in nationaler Form. Der "postmoderne" Denker würde sich auch kaum so ungeschützt äußern, sondern ist bemüht, seine "Dezisionen" vor neugierigen Blicken zu verbergen. Offenbar hat Mohler auch die Frage selbst nicht als unzureichend empfunden. Nur der "Nationalist" (nicht aber der Konservative) wird die Unterstellung wagen, die Selbstfindung des Menschen werde "erst" durch nationales Selbstbewusstsein ermöglicht. Das ist weithin kontrafaktisch. Der Mensch hat viele Möglichkeiten.

Wenn ich mich dunkel und auch noch richtig erinnere, waren Debord und Genossen bei den Frankfurter Spontis in den 70er Jahren durchaus beliebt. Den von Ihnen zitierten Text hat man später wohl nicht zur Kenntnis genommen. (Was sollte man auch immerzu irgendwelchen "Renegaten" hinterherlesen.) Es gab vor 40 Jahren auch kein Migrationsproblem, und durch den Gastarbeiteranwerbestopp bestand der Eindruck, es werde nie eines geben. Eine genaue Analyse der Rahmenbedingungen dieses Anwerbestopps hätte eine andere Perspektive gezeigt, die (statistisch nachweisbar) sofort eintrat. Das Spektakelhafte der gesellschaftlichen Entwicklung wurde natürlich von der Linken (mit mehr oder weniger marxistischem Vokabular) auch so gesehen. Es traf an der Oberfläche auch mit der Kritik "bürgerlicher" Soziologen zusammen.

Liefert uns Debord (im zitierten Text) wirklich einen Erkenntnisgewinn? Ich glaube nicht. Mich persönlich stört an solchen Texten aus der Feder von (im weitesten Sinne) Linksradikalen der Gestus der Unbedingtheit, der nach meiner Erfahrung öfter für den Irrtum als für das Rechthaben spricht.

M.L.: Ich empfinde diese Unbedingtheit auch als überspannt. Die Dinge werden damit in ein allzu grelles Licht getaucht.

Rumpelstilzchen
23. April 2013 08:31

Grau ist alle Theorie und ich ignoriere jetzt einfach mal die geistige Onanie.

In Paris, Toulouse, Lyon gibt es im Moment allabendliche Wachen von jungen Menschen gegen das Gesetz über "die Ehe für alle".
LES VEILLEURS leisten friedlichen Widerstand.

"Wir haben es satt, dass wir als Faschisten und reaktionäre Katholiken verspottet werden",

"Wir wollen einen Mai 2013, einen Gegen-Mai 1968",

dies sind die Parolen der jungen Menschen, die ein Zeichen gegen den Wertezerfall in Frankreich setzen wollen.

Vielleicht könntet Ihr darüber mal berichten.

Rumpelstilzchen
23. April 2013 08:55

Le mouvement des Veilleurs, en marge de la Manif pour tous, appelle à la révolution calme des consciences par l'art et la culture.

Silencieux, les Veilleurs font pourtant grand bruit. Depuis que ce mouvement est né, le 16 avril dernier, en marge de la Manif pour tous, il ne cesse de grandir avec de plus en plus de participants à Paris mais aussi en province, Lyon, Toulouse, Rennes, Toulon, Nantes… À la grande surprise de ses instigateurs, Axel et Alix, ce groupe d'amis appelle à la révolution calme des consciences, par l'art et la culture, à «l'élévation de l'esprit sur la force, l'arme des faibles», pour regagner la liberté confisquée par une société «auto-normée».
À coups de lectures de grands auteurs, de poètes, de philosophes, d'échanges et de méditations, ces Veilleurs improvisent des soirées de «résistance non violente» sur des sites déterminés au dernier instant, en marge des manifestations contre le mariage homosexuel. La dernière veillée, samedi soir avenue de Breteuil à Paris, a réuni 500 jeunes. C'était la cinquième.
L'autre soir, aux Invalides, ils étaient quelque 1500, selon Axel, le jeune homme qui préside à «la spontanéité» de ces veillées. L'impulsion du mouvement a été donnée le soir des 67 interpellations à l'Assemblée nationale.
Assis en silence, «dans la paix, le calme et la détermination», comme le stipulent les SMS qui fixent les rendez-vous à l'improviste, ces veillées contrastent avec les slogans des manifestants contre le gouvernement et le mariage homo. Ici, on lutte avec la culture, l'art, le patrimoine des grands auteurs, de tout bord politique. Pierre-Joseph Proudhon, théoricien de l'anarchie, est lu, dans ses passages sur l'importance du mariage, aux côtés de Charles Péguy, Bernanos ou Aragon.
«Révéler par le beau, par l'universalité de la pensée des auteurs de tous siècles et de toutes sensibilités, avérer le mensonge et la manipulation des politiques par les contradictions, briser cette culture de mort qui hante notre société, semer un espoir de liberté», résume Axel, qui sait bien que ce dernier est impossible sans reconquête de la vérité. Dimanche soir, après la manifestation partie de Denfert-Rochereau à Paris, les Veilleurs veillaient à nouveau…

https://www.lefigaro.fr/actualite-france/2013/04/21/01016-20130421ARTFIG00234-manif-pour-tous-le-mouvement-des-veilleurs-en-plein-essor.php

Inselbauer
23. April 2013 10:01

Natürlich kommt es vor, dass auch ein Linker einmal, nach ein paar Bier, Anflüge elementarer soziologischer Vernunft zeigt. Ich weigere mich aber, mich erstaunt über solche Zeugnisse zu beugen und daraus Ansätze für irgendwelche Argumente abzuleiten. Es muss endlich ein Ende haben mit der ewigen Suhrkamp-Schmökerei und die Illusion vom "herrschaftsfreien Diskurs" muss endlich als rechtsintellektuelle Neurose denunziert werden, wie Sie, Herr Lichtmesz, das schon öfter in einer typisch österreichischen, unvollständigen Selbstironie gemacht haben.
Wenn ein Diskurs ein Herrschaftsinstrument ist, kann es keinen herrschaftsfreien Diskurs geben. So einfach ist das.
Der von Ihnen zitierte Text enthält unter anderem auch das linksradikale Gift der Vorstellung, ein Mensch sei nicht frei, er konsumiere eben und so etwas wie einen freien Willen gebe es nicht. Natürlich ist damit nur das Konstrukt des "Wählers" gemeint und nicht irgendein konkreter Mensch. Dieser dialektische Unsinn bringt mich manchmal dazu, eine Hausdurchsuchung bei jedem Rechtsintellektuellen zu fordern und wie in "F 451" sämtliche Franzmänner und Suhrkamphelden auf der Stelle verbrennen zu lassen.

Nordländer
23. April 2013 10:07

"Ein einziger Blick sollte ausreichen, um mit voller Evidenz die Wahrheit aufzuzeigen, daß es nichts anderes mehr gibt, als die Erniedrigung jeglicher Kultur durch das globale (amerikanische) Spektakel."

Die Kultur ist womöglich gewichen, culture ist indes noch überreich vorhanden im Sortiment.
Fand jetzt eine Enteignung statt oder haben all die jugendlichen Weltamerikaner der verschiedenen Alterstufen, vom kid bis zum silver ager, nicht selber freudig auf das Eigene zugunsten des (All-)Gemeinen verzichtet?
Die Anzahl bloßer Leiber steigt steil an, als Format des Marktes sei hier als illustrierendes Exempel ein beliebtes Produkt der Musikindustrie, der Typus des Schwerverbrecher-Räppers genannt.
Daneben gibt es freilich auch die reinen, gänzlich von ihrem Leib und ihrem Instinkt emanzipierten Geist(er)wesen. Weniger der Soziologe ist gemeint, der naturgemäß mit seinen spezifischen keimfreien Begrifflichkeiten professionell hantiert, sondern der steile akademische Aufstieg der ganz normalen Michaela Müller von nebenan, die nie eine Universität besucht hat, aber etwas aus sich machen will, unter dem emsigen Bestreben, sich gut aufzustellen.

Werfen die Bildungsfernen, die bloßen Leiber, mit Lehmklumpen ("Kartoffel", "Problämm?", "Kanake" ...), so entwickeln die Geisterwesen zunehmend Kommunikationskompetenzen, dereinst Deutsche, mißt man bei ihnen nun erschreckend hohe Autochthonie-Werte. Unentwegt reflektieren bildungsnahe Geisterwesen die Repressionen, so solche ihren Wohlfühlerlebnissen im Wege stehen, so Blockaden beim Optimierungsprozeß des Gesamtkomplexes wellness zu überwinden sind. Die Anzahl wissenschaftlich abgesicherter manuals, den Umgang mit der noch verbliebenen Restmenge an autochthonen Kids betreffend, zeugt von einem recht beachtlichen Marktsegment verglichen mit dem Gesamtangebot verschiedener Medien.

Nur noch eine Frage der Zeit, bis die Volkshochschulen unter dem allgemeinen Trend des Lebenslangen Lernens als Kompetenzerweiterungspaket auch zum Glättungsprozeß, der Behandlung von Oberhemden mit erhitzem Eisen, überhaupt in Sachen skills im Haushaltsbereich wie der Zubereitung einer Tasse Bohnenkaffees unter Zuhilfnahme der Technologie einer Kaffeemaschine etwas mitzuteilen haben.
Nicht zuletzt damit wäre wieder ein weiteres Stück Kultur gewonnen.

Bundschuh
23. April 2013 10:27

Ich denke Debrod hat dieses "Spektakel"-Thema von Foucault übernommen. Debrod verwendet den Spektakelbegriff aber irgendwie überhitzt und letztlich sinnbefreit, wenn er ihn in einen Gegensatz zu Kultur oder Nationalcharakter setzt. Kaum ein Reich hat nicht das Spektakel zur Volksbelustigung genutzt. Von der griechischen Tragödie über römische Gladiatorenspiele bis zu einer Mozart- oder Verdi-Oper oder als degenerierte Endstufe bis zur "Loveparade" (westberliner Provinzposse und - wie ich meine - sehr unamerikanisches Spektakel). Auch ein Championsleage Finale oder der Superbowl sind kulturelle Spektakel.
Nur weil man bestimmte Kulturelle Eigenarten je nach Spektakelelementen gut oder schlecht finden kann, aber sie sind nicht gleich Unkulturen. Auch ist ein Volk nicht deswegen nicht mehr es selbst, weil es mehr Spektakel als früher zulässt oder keine schlechte einheimische Musik im Radio hören will (Radioquoten für französische Musik - wäre das in Deutschland sinnvoll? Wer will wirklich den ganzen Tag Heinz-Rudolf Kunze oder BAP oder Peter Maffay hören?). Das Spektakel spielt in den USA wegen der größeren Macht privater Medienunternehmen eine andere Rolle als in etatistisch geprägten Gesellschaften mit Staatsfernsehen (FR, D). Die Leute wollen immer Spektakel, also werden sie Spektakel kaufen, wenn sie können. Spektakel und Kultur sind kein Gegensatz, alles andere wirft begrifflich falsch, Geschmack und Beschreibung durcheinander.

Noch ein Nachtrag zu Foulcault: Der hat das Spektakel aber keineswegs als uramerikanische Verirrung gesehen. In sein lesenswertes Buch "Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses" beginnt mit der Schilderung der historischen öffentlichen Hinrichtung eines Delinquenten als Spektakel auf einem Marktplatz. Im weiteren Verlauf des Buches geht es um den Rückzug der Strafe aus dem öffentlichen Raum. Das alles wohlgemerkt in Frankreich, nicht den USA. Noch ein Zitat Foulcaults, in dem das Spektakel eine Rolle spielt.

"Das ist ein gewaltiger Irrtum über die Geschichte. Der Nazismus wurde im 20. Jahrhundert nicht von den großen Verrückten des Eros erfunden, sondern von den Kleinbürgern, den übelsten, biedersten und ekelhaftesten, die man sich vorstellen kann. Himmler war eine Art Landwirt, der eine Krankenschwester geheiratet hatte.
Man muß begreifen, daß die Konzentrationslager der gemeinsamen Phantasie einer Krankenschwester und eines Hühnerzüchters entsprossen sind. Krankenhaus plus Hühnerstall: da haben wir das Phantasma, das hinter den Konzentrationslagern steckt.
Man hat dort Millionen Menschen getötet, ich sage dies also nicht, um die Vorwürfe zu entkräften, sondern gerade um es von allen erotischen Werten zu entzaubern, die man ihm zuschreiben wollte.
Die Nazis waren Hausfrauen im schlechten Sinne des Wortes. Sie werkelten mit Lappen und Besen herum und wollten die Gesellschaft von allem säubern, was sie als Jauche, Staub und Schmutz ansahen: Lustmolche, Homosexuelle, Juden, unreines Blut,
Schwarze und Verrückte. Dem Nazi-traum lag gerade dieser vergiftete
Kleinbürgertraum von rassischer Sauberkeit zugrunde. Keine Spur von Eros. Ist das erst einmal klar, so ist durchaus möglich, daß es innerhalb dieser Struktur auf lokaler Ebene sozusagen erotische Beziehungen gegeben hat, die im Zusammenprall die Leiber von Opfer und Henker aneinanderknüpften. Doch das geschah zufällig.
Das Problem liegt vielmehr darin zu begreifen, warum wir uns heute Zugang zu gewissen erotischen Phantasmen über den Nazismus verschaffen wollen. Warum diese Stiefel und Schirmmützen und Adler, von denen man sich oft beeindrucken läßt, zumal in den Vereinigten Staaten? Ist es nicht unsere Unfähigkeit, jene Verzückung den desorganisierten Körper wirklich zu leben, die uns auf einen kleinlichen und disziplinierten Sadismus der Anatomie zurückfallen läßt? Sollte unser Vokabular, das wir haben, um jene große Lust eines explodierenden Körpers zu umschreiben, denn einzig in der traurigen Fabel einer politischen Apokalypse jüngeren Datums bestehen? Können wir die Intensität der Gegenwart nur als Ende der Welt in einem Konzentrationslager denken? Wie arm ist doch unser Bildervorrat! Und wie dringlich ist es, einen neuen anzulegen, anstatt von "Entfremdung"
zu greinen und das "Spektakel" zu verunglimpfen."

Veritas
23. April 2013 12:07

Mauretanier, bzgl. der beweinten "Amerikanisierung aller" (ich bin ja auch kein Fan) läßt sich sagen, daß ein von den meisten Konservativen als deutscher Held verehrter Herrscher bevorzugt französisch sprach. Kant, Mozart und der junge Goethe trugen französische Perücken. Zu allen Zeiten standen wir unter irgendeinem Einfluß, nie war etwas einhundertprozentig "identitär", auch in verklärten goldenen Zeitaltern nicht. Von daher kann man auch nur schlecht bestimmen, was jetzt amerikanisch ist und was von hier kommt.

Was aber wohl zutrifft, ist, daß aufgrund der Ominipräsenz von TV und Internet dieser Effekt der Beeinflussung gründlicher ist, noch das hinterlegendste Dorf wird mit amerikanisch inspirierter Popkultur infiltriert.

Und wenn man nun aus einer völlig anderen Kultur stammt und Immigrant ist, kann es vll sein, daß die identitäre Bodenhaftung überhaupt nicht mehr existiert. Der Dschihadismus ist ja wohl gerade deshalb ein Zeitphänomen, weil er eine virtuelle Identität bietet und gar nicht mehr an ein Territorium anknüpft.

Davon ausgehend stimme ich Herrn Lichtmesz in der Hinsicht auch nicht zu. Man sollte mit den Verschwörungstheorien nicht übertreiben. Es ist heutzutage kein großes Problem, eine Bombe zu basteln und diese amokähnlichen Islamterroristen sind ja nicht auf die USA begrenzt.

Nordländer
23. April 2013 12:27

@ Bundschuh

"Man muß begreifen, daß die Konzentrationslager der gemeinsamen Phantasie einer Krankenschwester und eines Hühnerzüchters entsprossen sind."

KL gab es - z.B. - nach der Oktoberrevolution 1917 unter den comrades Lew Bronstein ("Trotzky"), Uljanow ("Lenin"), Apfelbaum ("Zinoviev") usw.
Einer der KL-Häftlinge war der Geschäftsmann Naftaly Frenkel, über dessen Herkunft verschiedenste Legenden kursieren.
Dieser Naftaly Frenkel war es nun, der hervorragende Ideen entwickelte, den ganzen Betrieb der Lager nach dem Rationalitätsprinzip zu optimieren. Er fand bei den herrschenden Bolschewiki Gehör, und aus seinen Ideen entwickelte sich dann das Gulag-System.

rundertischdgf
23. April 2013 12:39

"Nicht nur die Einwanderermassen seien Entwurzelte – die Autochthonen seien es im Grunde nicht weniger, und dies sei der eigentliche Kern des Problems, den keiner sehen wolle."

Wenn ein Bunderinnenminister einen Typen wie Bushido umarmt, diesen sogar noch vorbildlich nennt, dann ist auch er ein Entwurzelter ohne Orientierung!

https://rundertischdgf.wordpress.com/2013/04/22/herr-bundesinnenminister-was-tun-sie-gegen-kriminelle-auslanderbanden/

Richard Vonderwahl
23. April 2013 13:40

Es gibt für mich kaum eine Lehre, die der rechten, traditionalen Politik entgegengesetzter sein könnte als der Dezisionismus. «Auctoritas, non veritas facit legem» sagte Thomas Hobbes im 16. Jh., als die Grundlagen für ein antitraditionales Europa gelegt wurden. Jeder Traditionale spricht natürlich das genaue Gegenteil. Und so sagte auch Franck Abed kürzlich im Radio, «Il est toujours important de revenir aux fondamentaux et au contexte dans lequel apparaît le mot ou l’idée. Cette idée de droite apparaît clairement comme force politique en 1791 au moment du vote sur la Constitution civile du clergé (...) celles qui désiraient maintenir l’ancienne règle, à savoir une soumission du temporel envers le spirituel, siégeaient à droite.» Und genau diese Ordnung von «temporel» und «spirituel» leugnet der Dezisionismus.

Rumpelstilzchen
23. April 2013 14:26

Vielleicht kann ein Sezessionist mal die über 200 Kommentare im figaro über die "Veilleures " sezieren.
Scheint ein interessantes und authentisches Stimmenbild aus Frankreich zu sein. Und inspiriert vielleicht auch die deutsche Jugend. Merci.

Nordländer
23. April 2013 16:36

@ Veritas

"Zu allen Zeiten standen wir unter irgendeinem Einfluß, nie war etwas einhundertprozentig „identitär“, auch in verklärten goldenen Zeitaltern nicht."

Wer seid Ihr denn genau?

Es ist genau wie mit einem Haus: Man reinigt die Fenster, entfernt den Staub von diesem und jenem Mobiliar, aber - Hand auf's Herz -, irgendwo liegt doch immer noch Schmutz, oder?

"Von daher kann man auch nur schlecht bestimmen, was jetzt amerikanisch ist und was von hier kommt."

Mir gelingt es bei vielem durchaus. Wenn z.B. ein Ewigheutiger "Oh mein Go-ott!" stöhnt oder im Rahmen einer Diskussion "Sinn macht", glaube ich "nicht wirklich", daß diese Redewendungen ursprünglich aus unserem Schwarzwald oder aus Friesland stammen.
Ansonsten ist ein Fremdling nicht das Gleiche wie ein Fremdling. Ein Franzose, geschult in höfischer Art, ein nonchalanter Texaner im karierten Sakko usw., diese Vielfalt der Farben sehe ich nicht gerne beliebig vermengt und verwaschen.

"Man sollte mit den Verschwörungstheorien nicht übertreiben."

Es interessierte mich einmal brennend, falls hier jemand weiß, wann die "conspiracy theorie" als Schlagwort in Mode kam und von welchen Kreisen befördert.

Vorschlag meinerseits für einen Diskurs auf der Rechten:
Unterscheidung zwischen a) Offenkundigkeitstheoretikern (diese behaupten, es gebe in unserer modernen Mediengesellschaft keinerlei geheimen Absprachen)
b) Theoretikern, die mit Hypothesen arbeiten
Feinunterteilung:
I) vernünftig erscheinende Hypothesen
II) gewagte bis sehr gewagte Hypothesen
c) Pseudo-Hypothesen-Produzenten: Autoren bewußt gestreuter Lügengeschichten mit dem Zweck, zum Vorteil der eigenen Gruppe Nebel innerhalb einer politischen Landschaft zu verbreiten

Inselbauer
23. April 2013 17:29

Zum Thema Verschwörungstheorien kann ich ein Zitat vom alten Metternich beitragen, aus der guten alten Zeit der Kabinettskriege:
"Von dem Sinn der Conspiration darf kein Interesse auf das gemeine Volk ausgehen. Die öffentlichen Berichte müssen derart gehalten sein, dass die Liebe zu den Monarchen, wo sie sich doch in Hass umkehrt, nicht aber durch Ideen der Conspiration zwischen ihnen getrübt und von ihrem eigenen Zweck abgeleitet werden."
Jeder kann sich dazu denken, was er will. Metternich war sicher kein Dummkopf.
Herr Lichtmesz, die vorherigen Bemerkungen waren überzogen, es tut mir leid, ich hatte Schwierigkeiten mit dem Finanzamt.

Demo Goge
23. April 2013 18:48

Inselbauer

...ich hatte Schwierigkeiten mit dem Finanzamt.

Uli, Sie sind enttarnt.

Und was soll die überzogene Meckerei am Suhrkamp Verlag.
Er hat Hegels sämtliche Werke herausgebracht und dadurch ist er gerechtfertigt; selbst wenn er sonst nur Mist publiziert hätte - und das hat er - meiner bescheidenen Meinung nach - nicht.

Auch bin ich geistesgeschichtlich nicht ganz so versiert wie Sie und Herr Lichtmesz, aber ich dachte immer - pi mal Daumen - der linke Spinner wäre Sartre und Foucault das ist der vernünftige Rechte.

Um eine menschenmöglich herrschaftsfreie Diskursion zu gewährleisten hat man eben Universitäten eingerichtet - im öffentlichen- und erst recht im Rundfunk-Bereich hat diese natürlich keinen Platz - aber wer würde anderes erwarten. (selbst Habermas wohl nicht wie seine tatsächliche GesprächsFÜHRUNG zeigt)

Veritas
23. April 2013 19:19

Nordländer, gehören Sie dann auch zu denen, die aus der Nase den Gesichtserker und aus der Pistole den Meuchelpuffer machen wollen ? Diese Reinigungsakte müssen auch Grenzen haben.
Ansonsten Zustimmung, v.a. was die affektierte Art zu reden angeht. Erinnert mich an den Englisch-LK in der Oberstufenzeit.

@Inselbauer

Metternich kann man allerdings nicht mehr in die Zeit der absolutistischen Kabinettskriege einordnen. Die große militärhistorische Wende war in dem Fall die Französische Revolution und die Einführung der Wehrpflicht.

Julius
23. April 2013 20:00

Tatsächlich war in den 80er Jahren die "Umvolkung" noch nicht so weit fortgeschritten, so daß die Kulturzerstörung durch den "Amerikanisierung" (damals sprach man auch von Coca-Colonialisierung) stärker ins Auge gefallen ist und viel mehr problematisiert wurde. Zweifellos war die auf diese Weise zu Tage tretende geistige Entleerung eine Vorstufe, nichts anderes als die Herstellung eines Vakuums - ethnic cleansing im geistigen Bereich - als notwendige Voraussetzung der weiteren Entwicklung. Der Niveauverlust auf geistigem Gebiet, dessen Ursachen wiederum vielfältiger Natur sind und hier nicht erörtert werden können, ging der weiteren Auflösung voran. Zutreffend ist daher auch Debords Befund, dass die Ökonomiesierung des Denkens wesentliches Bestimmungsmerkmal dieses Verfalls darstellt. Es ist bezeichnend, dass gerade auch die Integrationsdebatte vielfach in diesem "Diskurs" der Ökonomie verharrt; beispielsweise folgt die Argumentationsstruktur Sarrazins ausschließlich wirtschaftlichen Denkmustern. Doch wäre der Austausch der "autochthonen Bevölkerung" Deutschlands durch ein anderes Volk (oder eher Völkergemenge) annehmbar oder gar wünschenswert, wenn diese gebildeter und wirtschaftlich leistungsfähiger wäre? Genau hier liegt der von Mohler angesprochene, von Lichtmesz meines Erachtens zu Recht als "dezisionistisch" bezeichnete Ansatz: Interessen muss, ja kann man letztlich nicht rational begründen und wo es sich um vitale Interessen handelt dulden sie auch keinerlei Diskussion.
Im Übrigen muss das ersehnte "Multikultopia" schon deswegen "kulturlos" sein, weil es eben im Wesen von Kulturen liegt, sich abzugrenzen, folglich das Fremde auszugrenzen und zumindest niederzuhalten, wenn nicht zu verdrängen. Dass beispielsweise der Islam, in welcher Form auch immer, sehr weit von den Idealen seiner "antifaschistischen" deutschen Förderer abweicht, wurde ja schon vielfach konstatiert. Diese Utopie der Integrationsideologen wird freilich nie Realität: Nach einer Phase der Balkanisierung würde (wird ?) sich eine neue dominante Kultur (aus heutiger Sicht der Islam) durchsetzen. “Dadurch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt. Es verschwindet nur ein schwaches Volk.” (Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen)

ene
23. April 2013 20:39

@ Rumpelstilzchen, 8.55

Die Wächter-Bewegung am Rande der großen Demos ruft zur stillen Bewußtseinsrevolution durch Kunst und Kultur auf.

Die Wächter erregen in der Stille große Aufmerksamkeit seit diese Bewegung am 16. April am Rande der großen Demo entstand; und sie hört nicht auf zu wachsen: in Paris, aber auch in der Provinz, in Lyon, Toulouse, Rennes, Toulon, Nantes. Zur großen Überraschung ihrer Anstifter Axel und Alix ruft diese Gruppe von Freunden zu einer Bewußtseinsrevolution auf; zur Erhebung des Geistes, der Waffe der Schwachen, gegen die Macht - um jene Freiheit wiederzugewinnen, die von der sich selbst normierenden Gesellschaft konfisziert worden ist.

Mit Lesungen der großen Schriftsteller, Dichter und Philosophen, mit gedanklichem Austausch und Meditationen improvisieren die Wächter Abende des gewaltlosen Widerstandes an Orten, die kurzfristig bestimmt werden am Rande der Demonstrationen gegen die Homo-Ehe.

An der letzten Wache , die am Samstagabend in der Rue Breteuil in Paris stattfand, haben 500 junge Leute teilgenommen. Es war die fünfte ihrer Art. Am Abend zuvor, am Invalidendom, waren es etwa 1500, wie Axel berichtet, der den Vorsitz der spontanen abendlichen Zusammenkünfte übernimmt. Den Anstoß zu dieser Bewegung gab der Abend der 67 Interpellationen in der Nationalversammlung.

Die SMS, die zu den spontanen Treffen einladen, legen fest, daß die Teilnehmer schweigend sitzen "friedlich, ruhig und entschlossen", ganz im Gegensatz zu den Slogans der Demonstrationen gegen die Regierung und die Homo-Ehe.

Hier wird mit den Mitteln der Kunst und Kultur gekämpft, mit dem Erbe der großen Autoren jeglicher politischer couleur.
Von Pierre Joseph Proudhon, dem Theoretiker der Anarchie, werden Passagen über die Bedeutung der Ehe gelesen, neben Charles Peguy, Bernanos oder Aragon.

"Durch die Schönheit erheben, durch die universelle Gültigkeit der Gedanken der Autoren aller Jahrhunderte und aller Richtungen die Kultur des Todes aufbrechen, die ein Alpdruck unserer Gesellschaft geworden ist, Hoffnung auf Freiheit säen", so resümiert Axle, der sehr wohl weiß, daß dies unmöglich ist ohne die Wiedererlangung der Freiheit.

Am Sonntagabend, nach der Demonstration, die von Deufert-Rocherau nach Paris führt, werden die Wächter wiederum ihr Wächeramt ausüben...

ene
23. April 2013 20:48

... es muß heißen:

...durch die Wiedererlangung der Wahrheit

Davor noch der Satz: "die Lügen und Manipulationen der Politiker durch ihre Widersprüchlichkeit aufzeigen."

Pardon!

Nordländer
24. April 2013 01:05

@ Veritas

"Nordländer, gehören Sie dann auch zu denen, die aus der Nase den Gesichtserker und aus der Pistole den Meuchelpuffer machen wollen ?"

Zu den absoluten Experten der Rabulistik gehöre ich immerhin. Bevor jemand beschlossen hat, einen Strohmann zu basteln, sich dessen noch gar nicht bewußt ist, rieche ich sofort Lunte und krame schon nach den Zündhölzern in meiner Hosentasche.

"Diese Reinigungsakte müssen auch Grenzen haben."

Ich bin irgendwie, das mag wohl in meinem eher liederlichen Naturell begründet sein, einfach zu träge, jedes einzelne Wort an der Sprachrampe einer erbarmungslosen Selektion zu unterziehen.
Zwar steht man da vor einem Berg an Müll und Schund, es zürnt das Gemüt, der Geist ist willig, jedoch das Fleisch ...?

Pit
24. April 2013 03:59

Wenn ich meine Anmerkung analog einem jüdischen Witz gestalte, wird sie gewiß freundlicher aufgenommen werden.
Also: Itzig antwortet Grün auf die Frage, warum er denn seine häßliche Frau auf Geschäftsreise mitgenommen habe: "Ich konnt und konnt mich nicht entschließen, das Menuwel (Scheusal) zum Abschied zu küssen".

Und so klingt auch Herr Dabord: Folianten voll Geschwafel... um nur das eine nicht sagen zu müssen: Identität ist ethnisch basiert. Franzosen sind Weiße, wer kein Weißer ist ist auch kein Franzose.


M.L.: Aber "Weißsein" allein macht noch keinen Franzosen. Und es geht hier nicht um die "weiße" Identität der Franzosen, sondern um die "französische" Identität der Franzosen. "Weißsein" an sich ist auch noch keine "ethnische" Identität, jedenfalls nicht in diesem Kontext, in dem etwa von der Aufnahme von Polen und Spaniern in die französische Nation die Rede ist. Polen und Spanier sind auch Weiße, aber sie haben eine andere ethnische Identität als Franzosen. Und eine nationale Identität ist auch nicht dasselbe wie eine ethnische Identität. Basken und Bretonen, ebenfalls Weiße, und momentan Angehörige der französischen Nation, haben eine andere ethnische Identität als Franzosen, an der sie zu einem erheblichen Teil auch festhalten. Im übrigen negiert der Text keineswegs die ethnische Basis des Französisch- oder Europäischseins, sondern setzt sie implizit (und an einer Stelle sogar recht explizit, viel Spaß beim Suchen) voraus. Wer lesen kann, ist im Vorteil. Manche können es sich offenbar nicht verbeißen, das Mitdenken abzuschalten, sobald ihre Lieblingsobsessionen hineinfunken. "Folianten voll Geschwafel" gegen zwei Sätze voll multipler Gedankenlosigkeit. Intelligenzkommentare dieser Art wandern ab jetzt in den Spam, nur zur Information.

Rumpelstilzchen
24. April 2013 08:39

Danke @ ene für die Übersetzung

Am bemerkenswertesten finde ich den Satz

REGAGNER LA LIBERTÉ CONFISQUÉE PAR UNE SOCIETÉ AUTO-NORMEÉ

Natürlich ist zu fragen, welche Freiheit gemeint ist und was unter selbstnormierter Gesellschaft genau zu verstehen ist.

Aber, was die "Wächter " und auch die Identitären betrifft ,sind beide Bewegungen zunächst Verweigerungsbewegungen.
Die FAZ titelt am 23.4 auch: " Jung, konservativ ,dagegen" .
Die über 170 Kommentare in der FAZ reichen von spontaner Zustimmung (Frankreichs Jugend bricht auf) bis zur kritischen Zurückhaltung Alt 68-er Provenienz ( sind das Moralwächter ?).
Auch identitär ist ja keine Positivbezeichnung, sondern beschreibt Entwurzelte auf der Suche nach Identität.
Wächter dagegen ist eigentlich schon ein Schritt weiter, insofern damit ausgesagt ist, daß es lohnt zu bewachen. Mit dem Mittel der Gewaltfreiheit.
Während Migrantenmilieus Identitäten ausbilden ( Abgrenzungen aufgrund des Minderheitenstatus) scheinen sich Identitäten langsam auch in authochtonen Milieus auszubilden.
Die theoretische Diskussion wird folgerichtig dann zwischen verschiedenen Milieus stattfinden,
(etwa eine Wertediskussion zwischen christlich und muslimisch)
Die Diskussion wird Wirtschafts- und konsumkritisch sein, aber nicht aus linker Sicht. ( d.h. Nicht auto-normée)

Inselbauer
24. April 2013 09:03

@ Demo Goge
Habe zwar schon selbst einmal einen Uli enttarnt - es war nicht schwer - heisse aber Sigi. Foucault als vernünftiger Rechter, da kann ich nicht mit, für mich ist er ein monströser Klugscheisser.

rosenzweig
24. April 2013 12:06

Debord und Foucault waren deviante Charaktere, deren gefühltes Anderssein als Konsequenz in die erklärte Feindschaft gegenüber der Welt der „Normalen“ führte. Da sie, aufgrund ihres Andersseins, Ungerechtigkeiten und Missstände in der normalen Welt klar(er) sehen und formulieren konnten, erwarben sie sich dadurch auch eine Anhängerschaft unter den Normalen. Diese Charakterisierung trifft auf so gut wie alle Führer und Ideologen von (Revolutions)Bewegungen der Neuzeit zu (von links wie von rechts). Das Ziel der Normalen war es, bestimmte Ungerechtigkeiten abzuschaffen, das Ziel der Andersartigen bestand in der Ausnützung dieses Faktors um die normale Welt als solche zu vernichten. Wir befinden uns in der Kulminationsphase dieses Projektes bzw. seines grandiosen Scheiterns. Als Andersartige werden hier objektive Psychopathen definiert, zu deren Wesensmerkmalen das völlige Fehlen von Empathie und Gewissen gehören. Diese Psychopathen erkennen sich untereinander oft sofort, werden von den Normalen aber unter normalen Umständen, da hinter einer Maske des „Normalen“ verborgen, nicht identifiziert. Das kommunistische System bis 1989 war ein psychopathisches System, welches an der Beharrungskraft der Normalität letztendlich scheiterte. Die Psychopathen des kommunistischen Systems kann man oft daran erkennen, wie sie von überzeugten Kommunisten über Nacht zu erfolgreichen Kapitalisten mutierten. Die Ideologie war für sie immer nur ein Mittel und der Zweck ein ganz anderer. Die Ereignisse in Frankreich zeigen die Beharrungkraft der Normalität. Wer sich die Videos von den Demonstrationen anschaut, sieht da keineswegs die „Ewiggestrigen“ des alten und absterbenden katholischen Milieus, wie es die Systempresse so gerne suggeriert. Wie die Manifestationen zeigen, ist dieses Milieu zwar überwiegend katholisch (in Frankreich) aber keineswegs alt und absterbend, sondern jung und zeugungsstark und, trotz aller Wut, optimistisch und fröhlich. Was für ein Unterschied zu den kranken, gequälten und abgehärmten Visagen der LBGT Fanatiker. Wie ich schon öfters anmerkte, haben die Psychopathen und die unter ihrer Kontrolle stehenden Bewegungen einen entscheidenden Schwachpunkt: sie zeugen nicht. Und das ist schlicht und einfach nicht überzeugend. Das merken sie langsam. Deshalb überhöre man nicht den panischen Unterton, wenn ihre Kohorten schreien: „Eure Kinder werden so wie wir, eure Kinder werden quer.“ Aber die Kinder, die noch aus halbwegs gesunden Verhältnissen kommen, fassen sich dabei inzwischen an den Kopf. Und die Kinder, die aus schon geschädigten Verhältnissen kommen, haben als Weihnachtswunsch Nr.1 einen Papa, der für sie da ist. Sie wissen also noch, was ihnen fehlt und was sie brauchen. Und die Beharrungskraft der Normalität wird es künftigen Generationen zurückgeben. Ich habe Debord und die ganzen Situationisten bei mir im Bücherschrank aber ihr Zauber ist schon lange gebrochen. Gott sei Dank.

M.L.: Die "Normalen" tauchen viel zu spät auf, und haben jedenfalls nicht verhindern können, daß sie nun politisch wie demographisch Besiegte sind, wenn nicht noch ein Wunder passiert.

rosenzweig
24. April 2013 12:58

So ist es halt. Dauert oft seine Zeit, bis man normal wird, bzw. seine Normalität akzeptiert. Und bis man die Psychopathen identifiziert. Dieser demographische Pessimismus übersieht meines Erachtens die zeugungsstarken Subkulturen innerhalb der autochthonen Bevölkerung und ist hervorgerufen durch die vollständige demographische Dominanz der 68er Generation, welche alles überschattet. Ist diese Dominanz auf natürlichem Wege innerhalb der nächsten 20 Jahre gebrochen, werden die Karten neu gemischt.

Nordländer
24. April 2013 13:28

@ M.L.

"Die „Normalen“ tauchen viel zu spät auf ..."

Läßt sich nach den Gesetzen der Kybernetik einfach erklären. Eine Information X sei bereits vorhanden, mit X = "Merkel ist Bundeskanzlerin." Wird nun eine weitere Aussage Y getätigt, mit Y = X = "Merkel ist Bundeskanzlerin", dann ist Y keine Information, sondern Redundanz. Solcherlei "Doppelgemoppel" bildet dann im Gegensatz zur Menge der Informationen nur so eine Art Weißes Rauschen.
Etwas anderes hingegen wäre das erstmalige Auftauchen einer neuen Aussage Z, "Der Schnitt der Bekleidung der Kanzlerin ist ein anderer."
Die Menge der echten Informationen hätte sich jetzt verdoppelt.

Auf dem riesengroßen Markt der Informationsanbieter, die miteinander konkurrieren, muß man sich schon mit einem bunten Füllhorn echter neuer Informationen in Szene setzen.

Einstmals tauchte z.B. die bekannte Unterhaltungssängerin Nena mit dem neuen Konzept ihrer speziellen Schule in Hamburg auf. Noch nicht soo lange ist es her, da kursierte ein Panker mit ziemlich bizarrer Frisur und in unorthodoxem Gewande durch die Fernsehgesprächsrunden, der es zum Schuldirektor gebracht hatte.
Sollte sich ein Informationsanbieter selber wirtschaftlich den Bankerott bescheren, wenn er nur Weißes Rauschen absendet, rückwärtsgewandte Schulmeister einlädt, die dann alte, abgedroschene Verse ala "Der Schüler muß seinen Hosenboden abwetzen, bimsen, bimsen, bimsen!" oder "Ohne Fleiß kein Preis." aufsagen?

Natürlich ist das nur ein Ausschnitt, die Kommunikationen betreffend, die der Verkäufer anbietet. Am anderen Ende dieses Prozesses müssen freilich möglichst viele potentielle Kunden sitzen, die dann an der Neu-Sucht erkrankt sein sollten.
Ohne vorliegende Neu-Sucht haben es Anbieter grundsätzlich sehr schwer, nicht nur Anbieter von Informationen.

Martin Lichtmesz
24. April 2013 15:56

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