Sezession
5. November 2014

Depardieu, Millet und Jürg Altweggs Darmwindfixierung

Nils Wegner

Im Feuilleton der FAZ hat man, gerade in politischen Zusammenhängen, schon etwas länger einen seltsamen Hang zur Fixierung auf Körperlichkeiten und darauf aufbauende Stegreif-Psychoanalyse. Ein frühes Beispiel ist Hermann Kurzkes rezensionistische Aufgeregtheit (FAZ vom 11. April 1992) darüber, daß Hans-Dietrich Sander in einer Ausgabe der Staatsbriefe das George-Zitat (!) brachte, dem russischen Menschen fehle das "Phallische"; selbstverständlich eine besonders bemerkenswerte Stelle in einer Zeitschrift von erheblichem Umfang. Derlei zieht sich bis zum heutigen Tage durch, zuletzt in Antonia Baums frivoler Narbenschau.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Am vergangenen Sonntag hatte sich bereits Jürg Altwegg, dessen Kernkompetenz mir seit jeher schleierhaft ist, im Zuge seiner steten Artikelflut für den Plauderteil der alten Tante aus Frankfurt bereits menschlicher Flatulenzen angenommen. Konkret derer, die Westeuropas prominentestem Steuerflüchtling Gérard Depardieu entfleuchen sollen. Altwegg will so aus seinem Schweizer Wohlfühlghetto heraus in einem Aufwasch Depardieu für dessen Renitenz gegenüber des einst geplanten großen französischen Staatsparasitismus abwatschen – und den Verfasser eines dessen Autobiographie literarisch transzendierenden Essays dafür, daß er ist, wer er ist (mit Altwegg "der Paria der französischen Intellektuellen"): Es handelt sich um Richard Millet.

In diesem Blog war Millet zuletzt vor über einem Jahr mit einem Interview zu Gast; auch die 52. Printausgabe der Sezession läßt sich zum Auffrischen des Gedächtnisses konsultieren. Jürg Altwegg indes scheint die seinerzeitigen Umstände, die zum Verlust von Millets Lektoratsposten beim Gallimard-Verlag führten, angesichts der mangelnden Detailkenntnis in seinem Artikel selbst nur vom Hörensagen zu kennen oder sehr oberflächlich im Internet nachgelesen zu haben; vielleicht erbarmt sich ja Lorenz Jäger seiner und läßt ihm zu Weihnachten die »Verlorenen Posten« Millets zukommen. Heutzutage, wo alle Verlage und Redaktionen das Lektorat wegrationalisieren, müssen sich nun einmal die Autoren wieder selbst darüber informieren (notfalls bei Alain de Benoist), wovon sie eigentlich schreiben. Zumindest wäre das bei einem Renommierblatt wie der Frankfurter Allgemeinen wünschenswert.

Man mag von der Person Depardieus, seinem tobenden Abgang nach Rußland und seinem fortschreitenden äußerlichen Verfall halten, was man will: Von einem weit entfernten Buchbesprecher aus einer Position der Wohlstandsverwahrlosung mit derartiger Herablassung übergossen zu werden, hat der Mann nicht verdient. Was er allerdings verdient hat, ist eine Menge Geld – weswegen Altweggs Pöbelei den massiven Altschauspieler wohl kaum anfechten dürfte, sollte dieser unwahrscheinlicherweise darauf aufmerksam werden. Gewiß erklärt sich ein guter Teil der Bissigkeit des Schweizers auch aus dem maßlosen Staunen darüber, daß einer "sowas" einfach macht und damit auch noch durchkommt. Ich möchte meinen, daß nicht wenige große Verrisse aus den Federn irgendwelcher zeitweiliger high-brows eine erhebliche Neidkomponente enthalten. Selbst wenn er sich seine gemietete Meinung noch soviel Geld kosten läßt, so kann sich ein halbwegs anständiger Autor zwischen all dem rotweinsüffelnden, iPad-tippenden und wichtig dreinschauendem Großkopfgelichter etwa auf der Frankfurter Buchmesse einfach nicht wohlfühlen: dann doch lieber "intellektueller Paria" sein.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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