Sezession
17. Oktober 2017

Auch eine Frankfurter Rundschau

Nils Wegner / 19 Kommentare

Daran, daß Antaios und die nicht unerwartbaren Gegenaktionen – den Regeln des Spektakels folgend, im Wechselspiel mit den Medien – beinahe allein bestimmend für die Messe geworden sind, kommen all die Gegenstimmen nicht vorbei. Man vergleiche dazu einmal exemplarisch die hier chronologisch angeordneten, hilflos-verbitterten Nachhineinstexte der Welt, der Süddeutschen (wo Autor Rühle das Wort "Opfer" so zwanghaft wiederholt, als sei er ein Berliner U-Bahn-Schläger), der Frankfurter Rundschau und des Tagesspiegel.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

(Und aus Anlaß einiger Leserkommentare sei hier noch einmal herausgestellt: Die Frankfurter Rundschau des Herrn Majic, der durch seine frühe, betroffene Berichterstattung die Eskalation mit angeleiert sowie in der Zwischenzeit noch ein paar Texte zum Thema nachgelegt und sicher schon bezahlt bekommen hat, ist bereits seit 2012 insolvent und existiert nur noch, weil sie seit vier Jahren maßgeblich von der FAZ mit durchgefüttert wird – das ist diese absteigende, prätentiöse Wirtschaftswunderzeitung, die immer noch einige für »auf unserer Seite« halten.)

Weitgehend bekannt sein dürfte inzwischen, daß der Haarlose beim Rundgang mit Björn Höcke – dessen geschickt arrangiertes Aktionsphoto nicht nur die Bild als dezenten Verweis auf den durchschnittlichen Antaios-Veranstaltungsteilnehmer plaziert hat – tatsächlich Mitglied von DIE PARTEI und Antifa ist. Folgende Collage haben die fleißigen Bienchen in den dunklen Höhlen des Internets besorgt:

Der oben erwähnte DIE-PARTEI-Stadtverordnete Nico Wehnemann hatte im unmittelbaren Nachgang der Messe-Reibereien eine traurige, traurige Geschichte erzählt, wie ihn ein "Nazi" grundlos niedergerungen habe. Das hat sich inzwischen auch alles als ganz anders herausgestellt, wie sogar das von einem Mitgründer der "Recherche"-Plattform Correctiv geleitete deutsche Buzzfeed zugeben mußte. Die Frankfurter Zelle von DIE PARTEI hat offenbar ein Selbstdarstellerproblem!

Besonders pittoresk kommt der kurze Bericht der Washington Post daher: Da weist die angefragte Sprecherin der Buchmesse die Berichte über ein Handgemenge zurück und betont stattdessen die »unschönen Äußerungen« von rechts.

Durchaus eine sehr selektive Wahrnehmung, wenn man die Liveaufnahmen vom Tumult um die Buchvorstellung von Müller und Sellner zum Vergleich heranzieht:

Dagegen nimmt sich Stefan Laurins Parallelisierung von Antaios, AfD und IB mit der Würdigung kommunistischer Menschenfreunde wie Mao und Stalin (die für einen Herrn Skipik keine weitere "Auseinandersetzung" wert ist) bei Ruhrbarone schon fast langweilig aus – irgendwann ist es auch mal gut mit dem ewig gleich langweiligen Karl Popper, dessen fabel-hafte "offene Gesellschaft" alleine noch im Namen der Soros-Stiftungen unironischen Bestand hat.

Den jüngsten Höhepunkt der Selbstentlarvung dürfte wohl der dem rechten Einschlag der Buchmesse gewidmete, sehenswerte Beitrag in der gestrigen Kulturzeit bei 3sat gewesen sein: Nicht nur wirkt Messechef Juergen Boos (dem wohl bis an sein Lebensende anhängen wird, die "vielen Knöpfe" an einer Flüstertüte nicht bedienen zu können) im vorab aufgezeichneten Interview sehr unvertraut mit seinem abgelesenen Text und »machtlos« (3sat).

Auch durch die Filmschnipsel wissen wir nun, daß Per Leo, Koautor von Mit Rechten reden, sehr wohl die Argumentationsschablone von der rechten Opfer-Grundhaltung pflegt, aber gleichzeitig die theatralische Inszenierung der Buchmesse, die Amadeu-Antonio-Stiftung gegenüber von Antaios zu plazieren, für ebenso albern hält wie unsereins. Seine Metapher vom gerufenen Exorzisten, nachdem man vorher von Legion das Geld angenommen hat, könnte passender nicht sein.

Die Stimme der Vernunft kommt diesmal aus der Schweiz: Der bereits von früher bekannte Marc Felix Serrao hat für die NZZ eine bündige und sachliche Zusammenfassung verfaßt, der sowohl für die Berufsbetroffenen als auch für die sich allzuschnell befriedigt Zurücklehnenden einigen Denk- und Gesprächsanstoß bereithält.

Ein Dammbruch in diese Richtung ist in jedem Fall schon geschafft: Die Wirkung der Beharrlichkeit von Antaios sowie der Präsenz von Björn Höcke (und sicherlich auch des trotz aller Moderatorenbemühungen auf seinem gesprächsoffenen Standpunkt beharrenden Thomas Wagner) war so groß, daß vor dem Hintergrund der am gleichen Wochenende stattfindenden Wahlen heise.de zur Diskussion lädt – wer mittwochabends in München ist, sollte »Recht um!« einen Blick riskieren!

Nun lasse man sich von alldem nicht überwältigen – die mediale Hilflosigkeit hat in Wahrheit wenig mit neurechten Inhalten zu tun, sondern vorrangig mit der Tatsache, daß diese sich nicht mehr einfach durch eine einstimmige Diskurshoheit abdeckeln und als Narrensaum belächeln lassen.

Um so wichtiger ist es jetzt aber, nachzusetzen! Deshalb braucht es nach der obigen Verweissammlung auch keine endlose weitere Akkumulation an Netzartikeln im Kommentarbereich, sondern vielmehr die Nutzung in der je eigenen Auseinandersetzung. Der seit Buchmessebeginn am 11. Oktober immense Abonnenten- und Interaktionszuwachs hier, hier und hier unterstreicht: Das alles haben mittelbar wir in die Welt gesetzt – und wenn es gut ist, darf und muß es jetzt aktiv (und ggf. aggressiv) verbreitet werden!


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (19)

S. J.
17. Oktober 2017 17:11

Was für ärgerliche Verdrehungen der Abläufe sich doch einige gestatten. Der Vorteil der Medienvielfalt ist natürlich, leicht Gegendarstellungen und Korrekturen verbreiten zu können. Der Verlust der einstigen Hoheit tut weh und erklärt wohl auch das bizarr anmutende Festhalten an Klischeebildern. Das bekommen mehr und mehr Leute mit. 

marodeur
17. Oktober 2017 19:12

Das hat Kubitschek wieder geschickt eingefädelt: Randalierende Antifa-Glatzen, Pfeifkonzerte und Zahnpasta-Anschläge auf einer Buchmesse(!). Und all das, damit wir Rechten uns wieder geschickt als Opfer verkaufen können. Wie hat er das nur wieder gemacht, dieser vierschrötige Tausendsassa. War nicht immer das Todschlagargument, dass wir uns in einer Welt aus dubiosen Verschwörungstheorien einkapseln?

Selbstdenker
17. Oktober 2017 20:58

ein sehr guter Beitrag von RT Deutsch( Der fehlende Part)

https://www.youtube.com/watch?v=sWHShyd8CNM

silberzunge
17. Oktober 2017 22:14

Beharrsam zu sein, das ist konservativ und edel. Das haben Kubitschek und alle, die als Zuhörer dort waren, bewiesen. Wie das der Boos überrissen hat, zog er hilflos ab. Das war der Sieg.

Die Linksliberalen verfügen in Wahrheit über keine Stärke; sie haben Angst vor denen, die Standhaftigkeit zeigen. Für viele Konservative/Rechte ist aber auch genau das oft ein Problem, da man für die Demonstration des Widerstands über den Punkt hinausgehen muss, der gesellschaftlich "weh tut", weil man aufbegehren muss und irgendwie als "frech" wahrgenommen wird, was man eigentlich nicht möchte.

Deshalb gebührt Ihnen allen auf der Buchmesse Dank.

E.
17. Oktober 2017 22:18

Besten Dank für diese ausführliche "Quellensammlung" zu den Ereignissen auf der Buchmesse. Ich hoffe, hier schauen neu-interessierte Bürger/Bürgerinnen herein, die jetzt verstärkt ins Grübeln kommen über das, was ihnen im "Mainstream" so als "Fakten" präsentiert wird,  und sich öffnen für das Ungeheure:

Lesen, selber denken, hinterfragen, unvernagelt diskutieren, schreiben, in die Bürgergemeinschaft verbreiten:

meyn geduld hat ursach! 

Nemo Obligatur
17. Oktober 2017 22:58

"...die mediale Hilflosigkeit hat in Wahrheit wenig mit neurechten Inhalten zu tun, sondern vorrangig mit der Tatsache, daß diese sich nicht mehr einfach durch eine einstimmige Diskurshoheit abdeckeln und als Narrensaum belächeln lassen."

Für mich der Satz des Tages. So ist es, Herr Wegner. Der Zeitenwind hat sich gedreht und weht sozusagen "von Osten".

Wenn ich schon diesen tätowierten Kahlkopf sehe mit seinem agressiv vorgestreckten Zeigefinger. Dummheit und Arroganz in einem Gesicht vereint. Solche Leute fand ich immer schon - mit Verlaub - zum Kotzen. Diesen Typus kannte ich schon, als sie in den Neunzigern als Punks auf den Marktplätzen aggressiv gebettelt haben. Da sind mir ja die Zigeuner heute noch lieber.

Lotta Vorbeck
18. Oktober 2017 01:03

@Nemo Obligatur - 17. Oktober 2017 - 08:58 PM

"Wenn ich schon diesen tätowierten Kahlkopf sehe mit seinem agressiv vorgestreckten Zeigefinger. Dummheit und Arroganz in einem Gesicht vereint. Solche Leute fand ich immer schon - mit Verlaub - zum Kotzen. Diesen Typus kannte ich schon, als sie in den Neunzigern als Punks auf den Marktplätzen aggressiv gebettelt haben. ..."

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Es sind eben jene Typen - aka die Fußtruppen des Systems - die für alles sorgen, außer für ihren eigenen Lebensunterhalt.

Lotta Vorbeck
18. Oktober 2017 01:13

@silberzunge - 17. Oktober 2017 - 08:14 PM

"Beharrsam zu sein, das ist konservativ und edel. Das haben Kubitschek und alle, die als Zuhörer dort waren, bewiesen. Wie das der Boos überrissen hat, zog er hilflos ab. Das war der Sieg. Die Linksliberalen verfügen in Wahrheit über keine Stärke; sie haben Angst vor denen, die Standhaftigkeit zeigen. ..."

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Ein angeblich nigerianisches Sprichwort besagt: "Die Stärke des Leoparden besteht in der Furcht vor dem Leoparden." Niemand verkörpert es mit derartiger Glaubwürdigkeit und Authentizität wie Götz Kubitschek: Beharrlichkeit, Prinzipientreue, Intelligenz, Wissen, Eloquenz, Furchtlosigkeit/Mut und Ausdauer lassen den Feind - im konkreten Falle den Herrn Boos nebst seinem kostümierten Megaphonträgerkomparsen - im entscheidenden Moment verdammt alt aussehen.

Der Gehenkte
18. Oktober 2017 12:08

Hier noch mal eine minutiöse Zusammenfassung der ersten beiden Ereignisse - da bleibt wenig Raum für Zweifel. Die Vorfälle sind durch dutzende Kameras und Handys dokumentiert:

Die Wahrheit ist Nazi?

Detlef Neustadt
18. Oktober 2017 12:35

Das Foto eines Primaten auf einer Buchmesse, der vermutlich mit 3 Jahren sein letztes Buch in der Hand hatte, aber augenscheinlich in der Szene einen kleinen Promistatus innehat, spricht Bände und sollte in Erinnerung bleiben; notfalls als Amusement.

Monika L.
18. Oktober 2017 13:51

Toller  Pressespiegel ! Ich mag Wegners Art, komplexe Dinge glasklar und leicht süffisant zusammenzufassen. Beneidenswert. Dazu der elegant anspielende Titel: "Auch eine Frankfurter Rundschau" , sowie das ästhetische schwarz-weiß Foto. Ich mag die  leichte Ungehaltenheit am Schluß ( "es braucht keine weitere endlose Akkumulation an Netzartikeln !) Da hat jemand Stil und Haltung.

RMH
18. Oktober 2017 13:52

Wie ist denn die Meinung von SiN zu dieser Petition?

https://www.openpetition.de/petition/online/charta-2017-zu-den-vorkommnissen-auf-der-frankfurter-buchmesse-2017

Wegner:

Wohlwollend.

Urwinkel
18. Oktober 2017 14:45

Die Megaphon-Szene hat es in sich: Boos erdreistet sich eine legale Veranstaltung zu kapern. Mit einem übergroßen Megaphon, daß dann noch nicht einmal funktioniert. Das ist die kurze Schlüsselszenerie in diesem Drumherumgeplärre. Wie hilflos er darin rumsteht und nichtmal einen Satz ohne Megaphon gen Publikum rausbekommt. Dem souveränen Kubitschek sieht man in diesen Sekundenbruchteilen an, daß SV kein Fernthema für ihn ist: "Fass mich micht an!", sagt er knapp angebunden ohne ihm eine reinzuhauen. Kurz danach zieht Boos kleinlaut ab.

Aristoteles
18. Oktober 2017 15:35

Hier eine interessante Ergänzung zur Meinungsmanipulation (SPIEGEL): https://sciencefiles.org/2017/10/17/vom-mundigen-burger-zum-reiz-reaktions-deppen-spiegelbento-machts-moglich/ Leider sind v.a. junge Menschen Opfer der Propaganda.

Tom Prox
18. Oktober 2017 16:15

Wie elegant und gekonnt dieser Sicherheitsmann am Stand den aggressiven Linken mit der blauen Trainingsjacke zu Boden legte und kampfunfähig hielt, bis ihn die Polizei ablöste, verdient ein echtes Lob , das war einfach Klasse und lernt man in keinem Buch. Körperliche Fitness zahlt sich eben in Extremsituationen immer aus.  Das war EK II verdächtig. Fazit: Patrioten sollten nicht nur Bücher lesen, sondern auch Selbstverteidigung regelmäßig betreiben .

Urwinkel
18. Oktober 2017 18:28

Was wollte der Boos eigentlich sagen? Weiß das hier jemand im fertigen O-Ton? Interessiert mich übrigens mehr als handfeste SV-Strategien.  Trotzdem richtig, T. Prox. Dazu noch allgemein: Die Boosen sind mit Gegenwehr überfordert.

Marc_Aurel
18. Oktober 2017 18:34

Ich glaube zwar nicht, das dieses Vorhaben besonders viel bewirken wird, aber ich habe mit unterschrieben, danke an RMH für den Hinweis: https://www.openpetition.de/petition/online/charta-2017-zu-den-vorkommnissen-auf-der-frankfurter-buchmesse-2017

Bestenfalls landet der eigene Name dann vermutlich auf einer Liste bei irgendeinem Dienst, aber da steht er wahrscheinlich ohnehin schon drauf, also was soll der Geiz ;-)

quarz
18. Oktober 2017 20:02

Ich will nicht verhehlen, dass ich das Aufblitzen von Anstand an unvermuteter Stelle, nämlich in Jakob Augsteins Maßregelung der Seinen, als herzerwärmend empfunden habe. Oder war's doch nur taktische Schadensbegrenzung?

Starhemberg
19. Oktober 2017 16:20

Ich war zum allerersten Mal in meinem ganzen Leben mit Jakob Augstein einer Meinung. Das bereitet mir etwas Sorge....

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