03. November 2017

Mit Linken leben & die Kritik am Universalismus - Ein Leserbrief

von Martin Lichtmesz / 36 Kommentare

Diesen Leserbrief erhielt ich von einem Bekannten, der wertvolles Material zu "Mit Linken leben" beigesteuert hat. Wegen seiner interessanten philosophischen Anmerkungen veröffentliche ich ihn an dieser Stelle als Gastbeitrag.

Lieber Herr Lichtmesz,

In der letzten Woche habe ich das Buch verschlungen, das Sie zusammen mit Caroline Sommerfeld geschrieben haben. Ihnen beiden ist ein echt großer Wurf gelungen, zu dem man nur gratulieren kann! Das fängt schon beim schicken Layout an: Schön, daß das Buch auch in seiner äußeren Farbgestaltung jener Pille ähnelt, die es inhaltlich zu sein beansprucht!

Die triadische Gliederung des Inhaltes ist sachlich zwingend: das Buch muß mit der Diagnose, nämlich mit dem Befund der Spaltung zwischen Rechts und Links beginnen, um dann in den folgenden beiden Teilen die Frage des Umgangs mit dieser Diagnose zu erörtern. Daß dann zunächst die (Un-) Möglichkeiten eines Dialogs zwischen den Lagern erörtert werden, bevor es um die Frage nach dem rechten Lebensentwurf geht, leuchtet ebenfalls ein. Denn am Ende müssen wir Rechten auch dann mit den Linken leben, wenn ein Gespräch nicht möglich ist, und selbst wenn es vereinzelt möglich sein sollte, so kommt es in allerletzter Instanz eben nicht nur darauf an, die eigene Haltung im Gespräch theoretisch zur Geltung zu bringen, sondern vor allem darauf, sie im Leben auch praktisch einzunehmen.

Bewundernswert sind Ihre genauen Beobachtungen, durch die sich der Leser zum großen Teil bestätigt sehen darf: Zum Beispiel deckt sich die Auflistung jener Ansichten, mit denen „man Linke triggern kann“, exakt mit meinen eigenen Erfahrungen (ich selbst streite besonders gerne über die Objektivität ästhetischer Rangkriterien und die Objektivität des Schönen, Wahren und Guten.) Sehr aufschluß- und hilfreich sind zudem die scharfsinnigen Zergliederungen linker Gesprächsstrategien; diese Passagen sind wahre Augenöffner! Um es kurz zu machen: Ihnen beiden ist ein ungemein kluges und tiefsinniges Buch gelungen, das trotz des beeindruckenden existenziellen Ernstes (vor allem in den individualethischen Passagen im vierten Teil, wo es um das "rechte Leben" geht) eine heitere Gelassenheit ausstrahlt. Denn nicht zuletzt ist es sehr flott und witzig geschrieben, sodaß es nicht nur lehrreich, sondern auch wahnsinnig unterhaltsam und kurzweilig geraten ist.

Ich will noch auf zwei Punkte eingehen, die mich bei der Lektüre des Buches (aber auch desjenigen von Martin Sellner über die IB) wieder beschäftigt haben. Sie betreffen jene Fragen, die mir früher Schwierigkeiten bereiteten, manche meiner rechten Einstellungen mit manchen meiner philosophischen Grundüberzeugungen zu vereinen. Es ist ja so, wie Sie schreiben: Man ist nie nur ein Rechter oder nur ein Linker, sondern trägt Aspekte beider Weltanschauungsfamilien in sich, was zuweilen zu inneren Widersprüchen führen kann, an denen man sich dann aber abarbeiten muß.

Die beiden Punkte, um die es mir geht, betreffen die rechte Kritik an einem platten Rationalismus und an einem abstrakten Universalismus.

In Ihrer Auseinandersetzung mit Daniel-Pascals Zorns "Logik der Demokratie" (die ich nicht kenne) verweisen Sie zurecht darauf, daß man eine bestimmte Meinung bereits wegen vorrationaler Ursachen vertrete, bevor man sich um rationale Gründe für diese Meinung bemühe, daß also die eigene Meinung letztlich nicht von rationalen Argumenten, sondern von zum Teil irrationalen Affekten etc. abhänge. Sie ziehen daraus den Schluß, daß logische Argumente häufig lediglich der Durchsetzung jener Meinungen dienten, denen man ohnedies schon emotional bzw. affektiv zugeneigt sei, das heißt ganz unabhängig von möglichen Argumenten für sie. Aus der von Ihnen eingenommenen (hier vor allem an Nietzsche erinnernden) Perspektive erweisen sich rationale Argumente als bloß strategische Instrumente zur Durchsetzung prä- oder irrationaler (Macht-) Interessen.

Ein Vertrauen in die Kraft rationaler Argumente, das diesen prä- oder irrationalen Subtext jedes Streitgespräches ausblendet, erweist sich in der Tat als hoffnungslos naiv. Aber um die relativistischen und machtpositivistischen Konsequenzen zu vermeiden, die sich meines Erachtens aus Ihrer Sichtweise ergeben, wenn man sie verabsolutiert (Platons "Gorgias" lässt hier grüßen), würde ich noch folgendes bedenken: Die Tatsache, daß ich zu einer bestimmten Meinung tendiere, hängt ganz sicher von vorrationalen Ursachen ab (etwa von meiner psychischen Disposition); allerdings hängt die mögliche Wahrheit meiner Meinung von Gründen ab, um die ich mich argumentierend bzw. rational bemühen muss. Und insofern sich nun alle Seiten innerhalb einer Diskussion bzw. eines Streitgespräches jenes Mittels rationaler Argumentation bedienen, erkennen sie alle die – Sorry! ;-) – argumentierende Vernunft als übergeordnete Richterin an, vor der sich alle Interessen zu rechtfertigen haben, vor der also auch die eigene Meinung bestehen können muß.

Und es ist ja tatsächlich so: So sehr unser subjektives Fürwahr-, Fürgut- und Fürschönhalten von Affekten und Emotionen geleitet wird, so sehr können uns unsere Affekte und Emotionen auch täuschen und dahingehend in die Irre leiten, daß wir objektiv Falsches subjektiv für wahr, objektiv Böses subjektiv für gut und objektiv Häßliches subjektiv für schön halten. Insofern sollten wir unsere argumentierende Vernunft auch gebrauchen, um die eigenen Affekte kritisch zu hinterfragen.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (36)

Caroline Sommerfeld
03. November 2017 12:56

Das ist in der Tat eine wesentliche Kritik, haben Sie vielen Dank, auch für das große Lob unseres Buches.

Der bekannte Spruch "What is universalism to the west is imperialism to the rest" (Samuel Huntington) ist der Ansatzpunkt "kommunitaristischer" und in gewisser Hinsicht auch identitärer Universalismuskritik. Die Gebrüder Hartmut und Gernot Böhme haben schon in den 90er Jahren in ihrem Kantkritikbuch "Das Andere der Vernunft" nicht bloß die irrationalen Grundlagen der Vernunftphilosophie (ausgehend von dem, was Nietze und Freud über vermeintlich rein rationale Motive sagen), sondern auch die historisch kontingente Entstehungsgeschichte der spezifisch abendländischen Rationalität und damit auch ihre begrenzte Geltung thematisiert.

Das Problem liegt meines Erachtens im Unterschied zwischen Genese und Geltung. Die Entstehung der (kantischen, abendländischen, Aufklärungs-, "weißen" Vernunft) ist in der Tat kontingent, und reicht daher trotz aller universellen Ansprüche nicht über ebendiesen Entstehungszusammenhang hinaus. Das meint auch der Slogan von Huntington, den viele Identitäre unterschreiben würden. Mit dem ideologiekritischen Blick sieht man die Vermessenheit, Verlogenheit und Gefährlichkeit des Universalismus. Mit diesem Blick ist der Universalismus selber ein später westlicher höchst voraussetzungsreicher Partikularismus.

Nun aber die Geltungsbedingungen (Hallo, Herr Zorn!). Das Besondere der kantischen Entdeckung der Vernunft ist ja, daß sie nicht bloß anthropologisch als menschliche Eigenschaft gefunden wird (also so, wie Aristoteles den Menschen als zoon logon echon beschrieb, das Tier, das Vernunft hat), sondern daß Rationalität ihre eigene Bedingung der Möglichkeit ist. Wenn man sich das als Ebenenmodell vorstellt, steht oberhalb der anthropologischen Vernunft (= der Mensch ist ein kluges, planendes, selbstreflexives Lebewesen) auf der, Kant würde sagen "transzendentalen", übergeordneten Ebene noch einmal die Vernunft. Sie ist dort angesiedelt die Voraussetzung, unter der freies rationales Denken überhaupt möglich ist, unter der man völlig unabhängig von den vielen kleinen empirischen Zusammenhängen, universelle Gesetzmäßigkeiten sieht, die jederzeit für jedermann prinzipiell gelten. Denen kann man sich nicht entziehen (auch wenn man gern irrational sein will, Kant nicht glaubt, oder sehr dumm ist oder einer archaischen Stammeskultur angehört oder sonst etwas).

Das heißt, alles in allem: Identitäre müßten Kantianer sein. Dann könnten sie auf der anthropologischen, historischen, ideologiekritischen Ebene berechtigterweise den falschen, linken, globalistischen Universalismus angreifen, wären aber transzendentalphilosophisch abgesichert, damit sie nicht das Kind der Rationalität mit dem Bade der Rationalitätskritik ausschütten. Ich wäre als Kantianerin dabei.

Maiordomus
03. November 2017 13:12

Ein höchst bedenkenswerter Einwurf, besonders mit den drei Thesen ganz am Schluss, wobei natürlich zum älteren Universalismus auch die jüngere Kritik desselben gehört, siehe den genannten und zitierten Nietzsche. Nach den Identitären als geistige bzw. metapolitische Kampftruppe muss man sich rein philosophisch gewiss nicht als Wegweiser orientieren, die meisten sind noch zu jung, um das zu wissen, was sie über den Universalienstreit wissen sollten, und sie werden in 50 Jahren, für den Fall, dass sie sich täglich mit Philosohie befassen, dies und jenes anders sehen. Es bleibt aber leider dabei, dass die Gelehrsamkeit im Geistesleben häufig einfach das Ross ist, das sich vor jeden Wagen spannen lässt, wobei die Entscheidung für den Wagen und dessen Inhalt wichtiger scheint als die Entscheidung für das Ross. Zu bedenken bleibt, nicht mit bloss mit Fichte oder meinetwegen mit Vittorio Hösle, der oben zitiert ist, dass Ethik nur für den ein Bedürfnis ist, in dem ein Ethos lebt. Dasselbe dient dann wiederum häufig, wie ebenfalls ausgeführt wurde, der Rechtfertigung der Macht, die ganz früher aus dem Geiste der Religion erfolgte, später im Namen der Kultur, was zu den bekannten Kulturkämpfen führt, von denen der Kulturkampf zwischen Links und Rechts nur eine Variante ist.

Monika L.
03. November 2017 13:12

Daß ich das noch erleben darf. Endlich geht es ans Eingemachte. Dort im Keller trifft man auch schon ein paar Liberale, Linke und Zuschauer. Das NZZ-Feuilleton  wird  immer besser:

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

An die Theoriearbeit, Ethnopluralisten !

Franz Bettinger
03. November 2017 17:28

Sie halten Polemik gegen einen ethischen Universalismus für kontraproduktiv? Ethischer Universalismus behauptet, dass es eine Moral gäbe, die für alle an jedem Ort der Welt gelte oder zu gelten habe. Es gibt in jedem Land, auf jedem Kontinent aber unendlich viele Beispiele dafür, wie sehr und auch wieso sich Menschen, Hottentotten, Eskimos, Maori, Kommunisten, Hindus, Mohammedaner oder Mormonen in ihren ethischen Vorstellungen unterscheiden. Zugegeben, es gibt auch 'anthropologische Konstanten'. Augenfällig sind aber vor allem die Unterschiede, im Moment vor allem jene zwischen Moslems und Andersgläubigen und Atheisten. Ob man sich, wie @ Maiordomus meint, 50 Jahre lang täglich mit Philosophie befassen muss, um die Wahrheit zu fassen? Ich hoffe, es geht schneller. Manche, nein ich denke sogar die meisten Wahrheiten stehen hell wie die Sonne am Himmel und können auch von Nicht-Philosophen gut erkannt werden. Dazu ist eine gewisse kindliche Herangehensweise nicht von Nachteil, denn es gibt auch so was wie Verbildung. No harm intended. Also liebe Philosophen auf SiN: "Verzeiht, ich kann nicht hohe Worte machen, und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt ...", bemüht Euch, jenes (angeblich) Schwer-Fassbare mit der Würze der Kürze zum Ausdruck zu bringen, und Ihr werdet sehen, es geht. Und wenn's nicht geht? Steckt vielleicht nur heiße Luft dahinter!

Der_Jürgen
03. November 2017 17:37

Zu dem von Martin Lichtmesz veröffentlichten Brief eines mit Recht zufriedenen Lesers sowie zu Caroline Sommerfelds Antwort auf die von letzterem aufgeworfenen Fragen habe ich nichts anzumerken; da unterschreibe ich gerne alles. Hingegen möchte ich den von Monika L. verlinkten und hoch gelobten Artikel von Rene Scheu in der "Neuen Zürcher Zeitung" kommentieren.

Ja, der Autor argumentiert für einen Mainstream-Journalisten differenziert und trifft mit seiner Kritik an den Linken, die in ihrem blinden Hass auf Europa und seine Traditionen dem Islam, der ihren eigenen Werten förmlich ins Gesicht schlägt, Tür und Tor öffnen, voll ins Schwarze. Hingegen versagt Scheu völlig, wenn es um die Frage geht, im Namen welcher Werte wir den Islam denn eigentlich stoppen sollen. Seine Haltung erinnert mich in mancher Hinsicht an das von mir kürzlich gelesene Buch "Der Selbstmord des Abendlandes" von Michael Ley. Dieses ist durchaus empfehlenswert, weil es eine höchst kompetente Analyse des Islam enthält und klar aufzeigt, welch tödliche Bedrohung dieser für Europa darstellt. 

Was den kritischen Leser nervt, ist zunächst einmal Leys Gejammer über die "importierten Antisemiten", die für das Judentum furchtbar gefährlich seien (offenbar sind die Juden selbst durchaus nicht dieser Ansicht,  denn sonst würden sie die Islamisierung ja nicht nach Kräften fördern, und sie hätten der Umvolkerin Merkel auch nicht bisher elf Preise verliehen); viel wichtiger ist jedoch, dass die Waffen, die Ley gegen den islamischen Fanatismus ins Feld führen will, hoffnungslos stumpf sind. Diese Waffen heissen "Aufklärung" und "Demokratie".

In einer Rezension von Leys Werk (sie könnte von Lichtmesz stammen, aber ich bin nicht sicher), die ich lange vor Leys Opus selbst las, wird auf das grandiose Gedicht "The second coming" von William Butler Yeats hingewiesen, in dem es heisst:

The best lack all conviction while the worst/Are full of passionate intensitiy.

(Die Besten sind des Zweifels voll,die Ärgsten/Sind von der Kraft der Leidenschaft erfüllt.)

Wer, bitteschön, geht für die "Aufklärung", die "Demokratie", das "Grundgesetz" und dergleichen Dinge so furchtlos in den Tod wie der IS-Mann für Allah und den Koran? "Bitte nach Ihnen", sagen wir da alle.

Unseren Widerstandswillen gelähmt haben nicht zuletzt Leute wie der von Rene Scheu über den grünen Klee gelobte Schmalspur-Philosoph Alain Finkielkraut:

"Finkielkraut nennt die (...) Überhöhung der Kultur einen 'Rassismus ohne Rassen'. Ein auf Andersartigkeit beruhender Rassismus vertreibt den auf Ungleichheit beruhenden Rassismus der ehemaligen Kolonialherren. Was sich in beiden Fällen gleicht, ist das Primat des Kollektivs über das Individuum, der Homogenität über die Eigenständigkeit, der Zugehörigkeit über die Freiheit."

Die Rettung des Abendlandes wird nur gelingen, wenn das Kollektiv in der Tat über das Individuum, die Homogentät über die Eigenständigkeit und die Zugehörigkeit über die Freiheit gestellt wird. Die Identitären dürften das kapiert haben, auch wenn sie es natürlich heute noch nicht offen sagen können. 

Liberale Islamkritiker wie Ley und Scheu würden übrigens glaubwürdiger wirken, wenn sie die von ihnen beschworenen Werte der Aufklärung und der Demokratie wirklich konsequent verteidigen würden. Dann könnte man Ihnen Ehrlichkeit zubilligen. Doch würde ich hoch wetten, dass weder einer dieser beiden noch einer der vielen anderen Autoren, die den Islam unter dem Banner der Aufklärung und des Grundgesetzes entgegentreten wollen, je ein Wort der Kritik daran geäussert hat, dass in allen deutschsprachigen und vielen anderen Staaten heutzutage der Glaube an naturwissenschaftlich radikal unmögliche Dinge, die jeder Aufklärung Hohn sprechen, strafrechtlich vorgeschrieben ist und dass Menschen, die nicht an diese Dinge glauben wollen, bisweilen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt werden. Diese Art von Aufklärung und Demokratie ist keinen Pfifferling wert; für sie wird niemand kämpfen und sterben wollen.

Ich hoffe, hiermit mein Scherflein zu der von Monika L. geforderten "Theoriearbeit" beigetragen zu haben. ("Ethnopluralist" bin ich übrigens nur insofern, als ich jede Einmischung des Westens in die inneren Angelegenheiten fremder Kulturkreise ablehne; in Bezug auf den Wert oder Unwert dieser oder jener Kultur schrecke ich hingegen durchaus nicht vor Urteilen zurück.)

quarz
03. November 2017 18:23

Solange der "ethische Universalimus" ein Schlagwort bleibt und nicht als präzise These expliziert wird, ist es müßig, für oder gegen ihn Stellung zu nehmen. Denn in der vagen Andeutung, die durch diesen Begriff kolportiert wird, erstreckt sich ein Spektrum möglicher Positionen, welches wiederum ein spektrales Pendant möglicher Kritiken induziert, das vom offenkundigen Selbstwiderspruch bis zur trivialen (und von niemandem bestrittenen) Wahrheit reicht. Ich bezweifle nicht, dass eine dieser möglichen Positionen zum problematischen Kern linksglobalistischen Denkens gehört, aber diese gilt es eben semantisch freizulegen, bevor man ihr analytisch zu Leibe rückt.

Katzbach
03. November 2017 18:42

Nachtrag zum Artikel in der Zeit.

Es soll vereinzelt vorkommen, dass aus dem Zusammenhang gerissene Sätze in der ZEIT durchaus lesenswert sind. Im Zusammenhang läuft es jedoch auf Lobhudelei der Ansichten des Politbüros hinaus.

Im Fall der NZZ müsste man mutmassen, wenn es nicht mehr schlechter werden kann, kann es nur noch besser werden.

Abgesehen davon gibt es schon gewisse Unterschiede. Eine der Zeitungen wird in einem Land gedruckt, in welchem man sein Sturmgewehr noch bequem unter dem Bett lagern kann.

 

Romat
03. November 2017 20:29

Sehr geehrte Frau Sommerfeld,

Ihre Ausführungen kann man nur unterschreiben. Das Programm einer Vereinigung von universaler Vernunft und konkreter Sittlichkeit, das Sie skizzieren, ist natürlich schon von jemandem exemplarisch durchdacht worden. Nämlich von Hegel (was Sie als Kant-Expertin aber sicherlich wissen).

Leider wird Hegel, ebenso wie der englischprachige Kommunitarismus, in dem es ähnliche Ansätze gibt, von der hier versammelten "Neuen Rechten" viel zu wenig beachtet. Das wäre für sie vermutlich viel fruchtbarer als der ständige um sich selbst kreisende Bezug auf Nietzsche, Schmitt, Jünger, Huntington etc.

Monika L.
03. November 2017 21:29

@Jürgen

Hochgelobt habe ich den Beitrag von René Scheu zwar nicht, aber immerhin kommt etwas Bewegung ins Feuilleton. Da ist die NZZ m. E. interessanter als die FAZ, die mit Don Alphonso einen Lifestylekonservatismus etabliert hat. Als Ventil am Rande. 

Jedenfalls finde ich es höchst anregend, wenn Frau Dr. Sommerfeld und Herr Lichtmesz nach ihrer äußerst gelungenen pädagogischen Kür ( Mit Linken leben) recht schnell zur philosophischen Pflicht übergehen. Um dann vielleicht nochmal eine theologische Kür hinzulegen ( man darf noch träumen) . 

Monika L.
03. November 2017 21:39

P. S. Individualität und Kollektivität sehe ich als gleichursprüngliche Merkmale von Personsein an ( sog. "christliches Menschenbild"). In den westlichen liberalen Gesellschaften ist der individuelle Aspekt überbetont. Und es wird wohl Zeit für ein kollektives Gegengewicht. ( Allerdings nicht in Form  orientalischer Clans und  Tribalisierung. Das wäre eine Rückentwicklung kollektiver Gesellschaftsformen.) Liest man Sieferle, läuft es aber darauf hinaus. 

S. J.
03. November 2017 21:46

Der Streit um einen ethischen Universalismus erklärt sich mutmaßlich über die rein theoretischen Annahme, irgendjemand, womöglich die andere Seite, könne eine zwingende, eine allgemeingültige Erklärung formulieren, die alle anderen existierenden Deutungen oder Orientierungen der Lächerlichkeit preisgeben könnte. Den Gedanken finde ich nicht so entsetzlich. Reine Empirie: Als ob es einmal vorgekommen wäre, dass alle Menschen nur einer Überlegung gefolgt wären.

Mir hat das Buch übrigens sehr gut gefallen. Glückwunsch!      

Der Gehenkte
03. November 2017 23:02

Am Grunde der berechtigten Zweifel des Lesers liegt ein Problem, das ich bereits mehrfach versucht habe anzusprechen, sowohl hier im Forum als auch im privaten Gespräch mit einigen Autoren etc. Weder hier noch dort habe ich Reaktionen erfahren (vom seligen Winston abgesehen), woraus zu schließen ist, daß die Problematik sich jenseits des Blickfeldes befindet. Es geht um die Frage der Setzung vs. (Letzt)Begründung.


Zwar fügt ML hier ein, daß an Pforten geklopft werde, die bereits geöffnet seien, tatsächlich ist er aber einer derjenigen, die bei argumentativem Gegenwind schnell affektiv reagieren und Argumente mit flotter Geste oder flapsigem bis aggressivem Derailing beiseite wischen. Aber auch Kubitschek wiederholt immer wieder diese Geste: Wir fordern nur das Normale, wir brauchen uns nicht zu rechtfertigen etc. und so beeindruckend diese Geste als Standpunkt ist – man kann sie als taktisches Mittel in Abhängigkeit der Situation auch durchaus wohltemperiert einsetzen –, so ausschließlich ist sie auch und so politisch gefährlich zudem.


Ganz banal äußert sich diese „Setzung“ letztlich auch in der mitunter willkürlich erscheinenden Aussiebung von Forumsbeiträgen, wo nicht „unsägliches“ oder "unsagbares", sondern rationale Widerrede von der Mit-Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Gerade hatte @ Dietrich Stahl sich darüber erregt – mit dem ich fast nie übereinstimme, dessen Stimme ich aber trotzdem hören möchte - und wurde von Ellen Kositza lapidar belehrt: Ignorieren sei souverän (wohl sehr sehr frei nach Schmitt) und als ich Thor Waldsteins Vortrag sachlich mit Argumenten kritisierte, war jemand (vermutlich Nils Wegner) der Meinung, daß das nicht in den Jubelchor passte und schaltete es nicht frei.


Lichtmesz' Leser nimmt hier Bezug auf Hösle – vermutlich auf dessen ethisches Hauptwerk „Moral und Politik: Grundlagen einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert“. Aber Hösle ist noch viel interessanter für die rechte Intelligenz, wenn man sich seine frühen Schriften vergegenwärtigt. Hösle ist nämlich Rechtshegelianer („Hegels System“ – eine großartige Gesamtschau Hegels), objektiver Idealist und Letztbegründungsvertreter, also eine scheinbar aus der Zeit gefallene Erscheinung. Hösle kommt vom Transzendentalpragmatismus (Peirce, vor allem Apel) her, wie Habermas, nimmt aber einen ganz anderen Weg und ringt ernsthaft um das Problem der Letztbegründung moralischer Normen und kämpft verbissen gegen alle poststrukturalistische Relativierung. Ich empfehle hierzu: „Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie: Transzendentalpragmatik, Letztbegründung, Ethik“



Das führte ihn schon in den 90er Jahren hin zur Ökologie, die als genuin konservatives Gebiet kenntlich zu machen ist. Auch diese („Philosophie der ökologischen Krise“) stammt aus einer streng begründeten Ethik und litte Hösle nicht unter einem gewissen „vorrationalen“ Liberalismus und einem apriorischen (auch hier also ein anthropologisch unhintergehbares Moment der Setzung) Faible für die parlamentarische Demokratie, dann hätte das ein großer Wurf sein können. Immerhin ist Hösle einer, der seine ethischen Einsichten tatsächlich umsetzt, er ist im Sinne Sloterdijks nicht zynisch und eine Ausnahme – soweit ich weiß, fährt er deswegen z.B. kein Auto.



Und hier ist Hösle der „Neuen Rechten“ weit voraus – er empfindet sein „auf-der-richtigen-Seite-Stehen“ nicht nur, muß es daher nicht setzen, braucht auch nicht die Folgen-Argumentation (X führt zu Y, deshalb gut oder schlecht), sondern kann aus einem festen Fundament heraus argumentieren und tut das auch. Wer das kann, der verträgt auch emotionslos und gelassen – weil in der Vernunft fundiert (siehe Leserbrief) – Kritik und Widerrede. Umgekehrt: Solange man das nicht kann, ist es aussichtslos auf ein Gespräch mit den rational zugängigen Köpfen der anderen Seite auch nur anzustreben. Noch mal anders: Auch ich bin überzeugt, daß wir auf der richtigen Seite stehen, aber Überzeugung reicht nicht ...

Neffe Mannheims
03. November 2017 23:24

Ich empfehle an dieser Stelle den "Objektivismus" der amerikanischen Philosophin Ayn Rand. Ihre Philosophie ist rational und logisch. Ethik, Werte, Recht und Unrecht ... sind nicht subjektiv, sagt der Objektivismus, sondern universell definierbar. Ich halte daher nichts vom Werterelativismus.

Trotzdem sollte jede Kultur und jedes Volk sein Schicksal selbst bestimmen, auch diejenigen Kulturen, die moralisch auf dem falschen Weg sind. Daher halte ich die freiheitlich-weltoffene Position der Identitären, ihren ethnokulturelken Pluralismus, für richtig.

Dass es manche Leute nicht aushalten können, dass es in fernen Ländern Unrecht gibt, kann ich wiederum auch nachvollziehen. Daher schlage ich vor, dass diese Leute sich privat(!) und auf eigene(!) Kosten auf den Weg machen soll, um "die Welt zu retten". Damit habe ich kein Problem - aber ihre Mitmenschen sollen diese Leute bitte damit in Ruhe lassen! Wer die Welt mit dem Geld anderer Leute retten will, ist ein Gutmensch. (Besonder gut geeignet für die Weltrettung sind übrigens Götter. Falls man zufällig einer ist: nur zu! ;-) )

PS: "Mit Linken leben" ist ein geniales Buch! Hoffentlich wird es ein Bestseller.

Neffe Mannheims
03. November 2017 23:46

Meiner Meinung nach stimmt es nicht,  was im Artikel angedeutet wurde, dass man sich eine Meinung durch ein irrationales Gefühl bildet, dass man anschließend rational rechtfertigt.

Denn normalerweise folgen die Emotionen der Vernunft, Emotionen sind also nichts irrationales. Zum Beispiel weiß jeder, der sich von links nach rechts entwickelt hat, dass sich Gefühle verändern können. Als man noch links war, hat man die Rechten gehasst. Im Laufe eines rationalen Erkenntnisprozesses hat dann langsam ein Umdenken stattgefunden und irgendwann wurde man selber rechts. Und nun hasst man die Antifa. Weil es vernünfig ist. Dass heißt, die Gefühle Folgen der Vernunft, sind also nicht irrational.

Es gibt natürlich Menschen, die kein rationales Weltbild haben. Bei denen sind die Emotionen natürlich auch irrational, genau wie ihr Denken. Aber das ist eine andere Geschichte...

 

 

Monika L.
04. November 2017 09:13

Neues von der Debattenfront. In New York lässt man Rechte reden:

http://www.zeit.de/kultur/2017-11/rechtspopulismus-marc-jongen-hannah-arendt-center

 

Stefanie
04. November 2017 09:42

Wirkliche Universalien wird man wahrscheinlich am ehesten in anthropologischen Konstanten finden. Auf solche Kulturübergreifenden Gemeinsamkeiten hat auch schon Huntington hingewiesen. Wenn man auf moralische Grundkonstanten hinaus will, könnte mam auf Jonathan Haidts Model zurückgreifen, der die fünf Dimensionen Fürsorge /Fairness /Loyalität /Autorität und Moralische Reinheitsvorstellungen/ Tabus als Teile eines universellen, moralischen Koordinatensystems bennent.

Das Moralsystem der westlichen Linksliberalen wäre demnach gerade auf der Loyalitäts- und Autortätsebene sehr schwach ausgeprägt, weshalb man das Individuum überbetont und die Verantwortung gegenüber der eigenen Gruppe leugnet. Doch ganz frei von Gruppenloyalitätsdenken sind sie auch nicht. Sie nennen ihre eigene Gruppe "Menschheit " - was nichts ungewöhnliched ist: der Eigenname der meisten Stämme bedeutet "Mensch". Die "Anderen" sind die Barbaren, mit denen man keine gemeinsame Sprache spricht ,  mit denen man deshalb nicht reden darf. Doch auch innerhalb der Barbaren gibt es feine Unterschiede : die einen, die "edlen wilden " brauchen bloss zu Menschenrechten, Demokratie und westlichen Werten bekehrt zu werden. Die anderen, Rechten,  sind viel schlimmer,  denn sie sind von den universalen Werten der Aufklärung abgefallen ind wer sich mit diesen Häretikern abgibt , besudelt sich selbst (Reinheitsvorstellungem/Tabus). Die Linken folgen also einer universellen, religiösen Moral, was sie selbst natürlich weit von sich weisen würden.  Die angeblich "biologistischen" Erklärungsmuster aus Sozialbiologie und evolutionärer Psychologie decken, finde ich , noch am ehesten die Universalien auf,  von denen die "Aufgeklärten" alles ableiten wollen.

Simplicius Teutsch
04. November 2017 11:16

Ich muss vorab einräumen, dass ich noch keines der angesprochenen beiden Bücher („Mit Linken leben“; „Mit Rechten reden“) gelesen habe.

@ Neffe Mannheims – Guter Einwand, das sehe ich auch so: „… die Gefühle folgen der Vernunft ...“  (- Sexuell durch urtriebige Hormonausschüttungen bedingte Gehirn-Blackouts seien hier mal unberücksichtigt.)

 Es ist unsere je eigene (oft unzureichende oder auch falsche) Analyse der Sachverhalte und Machtverhältnisse, die unsere stets vorurteilsbeladenen Gefühle maßgeblich hervorbringt. Aber Vorurteile sind a priori ja nicht unvernünftig, vor allem dann nicht, wenn sie (z.B. für Opportunisten) zeitgemäß zutreffend sind.

Und deshalb ist die intellektuelle, publizistische und alltägliche Kärrnerarbeit (Kärrner = Wagenzieher) von Lichtmesz, Kubitschek, Sellner, Kositza, Identitäre, etc., etc. bezüglich einer vorbildlichen Interpretation der Welt für uns Rechte (oder muss ich jetzt schon sagen: für uns "Nicht-Linke!") so eminent wichtig. Auch die AfD hat in diesem Zusammenhang ihre politische Funktion zu erfüllen, nämlich die Dinge ins rechte Licht zu rücken; aber das wissen Leute, wie Gauland, Meuthen, Weidel, Höcke, Poggenburg, etc. - Denen vertraue ich. Im Gegensatz zu einer Giftschlange, wie der Petry.

 

 

S.J.
04. November 2017 13:44

@ Monika L.

Und nachdem man Marc Jongen hat reden lassen, haben offensichtlich nur wenige Augenblicke später die Telefonleitungen und Tastaturen geglüht. Der linksliberale Mainstream stimmte sich ab. Und global, man muss sich das vorstellen, erscheinen nun Bestürzungsartikel voller Warnungen, nur weil Marc Jongen in New York sprach, nicht allzu weit entfernt von der Freiheitsstatue (offiziell: Liberty Enlightening the World). Man beachte ferner die Wortwahl in dem von Ihnen erwähnten ZEIT-Kommentar; da sind Sätze, die können unmöglich mit den ureigensten Anliegen des Liberalismus in Einklang gebracht werden. Es ist eine Schande. Der Liberalismus der Gegenwart ist intellektuell bankrott. Es wundert mich deshalb nicht, dass in diesem Lager in dichter Serie pompös klingende Einschüchterungsvokabeln ersonnen und medial aufgepumpt werden, mit denen man den politischen Gegner überhäuft ( wie Lichtmesz und Sommerfeld ausführlich darlegten). Für etwas Besseres reicht es nicht mehr. 

@ Caroline Sommerfeld

Sie würde ich gerne darum bitten, aus den gerade genannten Gründen - und weil sie eine sattelfeste Anhängerin Kants sind - der politischen Linken die Konsequenzen des bekannten kategorischen Imperativs für den gesellschaftlichen Alltag zu unterbreiten. Es fängt schließlich bei den Grundlagen an. Das freie Wort ist ein allgemeines Gesetz.  Was stört die Liberalen, wenn Marc Jongen in New York spricht?

deutscheridentitärer
04. November 2017 14:11

@der Gehenkte

Ihr Beitrag ist eine sehr interessante Ergänzung zu dem ebenfalls sehr interessanten Leserbrief.

Mein Rechts-werden ging einher mit der (ob nun tatsächlichen oder vermeintlichen) Einsicht, dass es keine absolute Wahrheit, jedenfalls keine absolut geltende Begründung einer solchen geben kann.

Diese Meinung wurde durch Zorn (dessen konkrete politische Standpunkte ich für offensichtlich falsch halte, aber dessen philosophischer Ansatz mir grds. schlüßig erscheint) einigermaßen erschüttert.

Ich bin philosophisch nicht gebildet, so dass ich vor dem Problem stehe, der Argumentation eines großen Denkers nichts entgegensetzen zu können, sondern auf dazu auf einen anderen großen Denker angewiesen bin.

Im Zuge meiner durch Zorn veranlassten Recherche bin ich dann auf Apel gestoßen und seinen Streit mit Popper/Albert.

Dieser Streit scheint keinen klaren Sieger gehabt zu haben. Im öffentlichen Bewusstsein scheint mir allerdings die Vorstellung herrschend, dass eine LEtztbegründung moralischer Normen nicht möglich sei.

Was nun die unterhalb philosophischer Grundsatzfragen befindliche politische Orientierung angeht, so gibt es neben dem dominierenden relativistischen Strang auch einen absoluten, etwa vertreten durch C.S. Lewis und andere katholische Denker.


Corvusacerbus
04. November 2017 14:53

Universale Werte? Relative Werte. Das zu erörtern ist metapolitisch hoch interessant, wobei sich diese Erörterung auf viele viele geschehene Erörterungen stützen kann. So weit, so gut. Politisch ist das alles nur und insoweit von Interesse, als das Metapolitische die Voraussetzungen des Politischen erörtert und im Raum des Denkens diese Voraussetzungen auch schafft. Im Raum des Politischen aber schafft das Recht diese Voraussetzungen; hier geht es also nur mittelbar um Werte. Unmittelbar geht es um Regeln, um Verfassung/en, um Recht und Gesetz und um Gewohnheiten und Handlungspraxis der Menschen, denen Möglichkeiten und Chancen zu schaffen, aber auch Schranken und Grenzen zu setzen sind. All das bezieht sich auf ihm vorausgehende Werte, geht aus ihnen hervor und beruft sich auf sie (wobei Werte wiederum auch als Rückwirkung auf Regeln entstehen bzw. sich verändern). Aber der Staat hat keine Oberhoheit über Werte, er ist kein Schiedsgericht über sie. Er hat die Herrschaft des Rechts zu gewährleisten, operativ durchzusetzen und zu sichern, basta! Deshalb übrigens, weil sie mit ihrem Handeln im exekutiven Amt, sehenden Auges und also zustimmender Ermöglichung der nachhaltigen Kollateralschäden, die "Herrschaft des Unrechts" eidwidrig ermöglicht hat, gehört Merkel vor Gericht. Nicht wegen falschen Denkens und Fühlens, dämlicher und falscher Meinungen oder wegen ihrer un-, halb- und unterbewußt gefühlten, geahnten, gespürten oder auch bewußt gedachten, beglückt bejahten oder auch verzagt bezweifelten, als universell, relativ oder wie auch immer selbstwahrgenommenen Werte (Die Anklage ruft den bayerischen Ministerpräsidenten als Kronzeugen in den Zeugenstand!). Politisch ist es mit den Werten also so eine Sache; yep, what is universalism to the west, is imperialism to the rest ... and may I elaborate on this: what is values for some, is ideology for many. Werte sind Gedanken. Werte gehören zu den Voraussetzungen, die der Einzelne kennen sollte, die der Staat zu kennen, zu respektieren und zu gestalten hat, die unserem Handeln und dem Agieren des Staates vorausgehen, die wir und er aber nicht geschaffen hat und nicht erschaffen können. Wie gesagt, die Erörterungen zum Universalismus und/oder Relativismus von Werten, von Kultur und generell dem Gewordensein des Hier und Jetzt sind super interessant und metapolitisch höchst bedeutsam. In der politischen Verteidigung Europas und seiner Lebensweisen ist es nur ein mittelbares Element und wir werden die global betrachtet relative Bedeutung unserer Werte zur Kenntnis zu nehmen haben. Unsere Kräfte sollten wir dann darauf lenken, die Souveränität des deutschen Nationalstaates zu erhalten. Nicht aus nationaler Gefühligkeit, die hat ihren Ort, wenn die Feuer prasseln und die Lieder erklingen, sondern weil der Nationalstaat die einzige reale Heimat unserer Lebensweise, unseres Rechts, unseres Wohlstandes, unserer Nation und unseres Volkes ist. Dieser Nationalstaat ist der territoriale, völkerrechtliche und demokratiepolitische Raum, in dem unsere Werte unbedingt sind und universelle Gültigkeit haben, so relativ sie darüber hinaus sein mögen. Ich zitiere in diesem Zusammenhang und abschließend Christoph Blocher, den alten Weisen aus Herrliberg und Männedorf (aktuelle Weltwoche Nr. 44.17, S. 33), der begriffen hat, daß die Verteidigung unserer Lebensweise damit steht und fällt, unser Recht und unsere Gesetz mit Zähnen und Klauen zu verteidigen und reale Gültigkeit zu verschaffen (mon dieu et mon droit ... und: Eigenes Recht, nicht fremde Richter). Der aber auch weiß, daß Recht und Gesetz auf volatilen Fundamenten ruht, auch weil der Mensch nun mal ist wie er ist, und der weiß, daß ausgerechnet in der Justiz die Selbstrelativierer und Selbstzerstörer aktiv sind: "Die richterliche Unabhängigkeit ist hochzuhalten, damit die Richter machen können, was sie müssen, und nicht, um zu machen, was sie wollen". Dieser Satz sollte in Bronze geschlagen und dann im Großen Sitzungssaal des Bundesverfassungsgerichtes neben den Bundesadler an die Stirnwand genagelt werden.

Jürg_Jenatsch
04. November 2017 18:22

Der Leserbriefschreiber sollte sich auch die Aussagen Sieferles hinsichtlich des Spannungsfeldes zwischen empirischer Moral und universeller Ethik, die oftmals selbstreferentiell ist, zu Gemüte führen. Im übrigen erachte ich auch den Glauben an deren Allgemeingültigkeit für sachlich falsch. Was wirklich allgemeingültig ist, das ist das starke Gefühl für empirische Moral, die der Verwandtenselektion entspringt. Diese Moral ist im Gegensatz zur europäischen Ethik wirklich weltweit gültig.

S.J.
04. November 2017 18:31

Sehr geehrte Frau Kositza, sehr geehrter Herr Kubitschek,

haben Sie Mitleid mit Leuten wie mir, denen scheinbar nur Altersweitsichtigkeit statt Altersweisheit zuteil wird und die darob die eigenen Tippfehler erst bemerken, wenn es schon zu spät ist. Spendieren Sie uns bitte eine Editierfunktion für die eigenen Beiträge. Ich leide sehr.

Kositza: Ohnee, und grad ich!! ICH bin normalerweise die Freischalterin, die sämtliche Kommentare vor Freistellung redigiert, bis aufs Komma! Gut, ich schalte selten frei. Machen andere öfter. Ich bin doch selber eine Schlamperliese, die sich duaerend vertpitt in aller hektik.  

 

Zarathustra
04. November 2017 19:32

»Wenn die Identitären gegen den ethischen Universalismus polemisieren, wenden sie sich also selbst gegen einen wichtigen Aspekt der europäischen Identität«.

So ist es! Aber dieser universalistische Aspekt ist genau der Aspekt, der unbedingt überwunden werden muß, wenn es auch in Zukunft überhaupt eine europäische Identität geben soll: Solange das bisherige Selbstverständnis, das problemlos mit Begriffen wie »subjektiv« und »objektiv« operiert, nicht überwunden ist, läßt sich die globale Angleichung von Lebensaspekten nicht aufhalten. Denn: Wenn Menschen schließlich Vernunftwesen sind und es eine einheitliche »menschheitliche« Vernunft gibt, warum sollten Europäer an ihren partikularen Lebens- und Seinsweisen festhalten, die nicht von jedem intelligenten Allerweltsmenschen beliebiger Herkunft als »an sich vernünftig« anerkannt werden?

Wenn Erfahrung letztendlich nur situationsbedingt ist, und es keine für das generische »ζωῖον λόγον ἔχον« grundsätzlich verschlossenen Erfahrungsmöglichkeiten gibt, die im starken Sinne identitäts- und vollzugsbedingt sind, warum sollten »partikulare« Erfahrungen überhaupt politisch wegweisend sein?

Wenn Erkenntnis nur Logos, d.h. (wie Heidegger es richtig übersetzt:) Auflesen und Aufnehmen dessen, was es an sich gibt, ist, dann kann jedes Pochen auf das identitätsbedingt Erkennbare bestenfalls Teilaspekt einer umfassenden planetarischen Weltvernunft und schlimmstenfalls ewiggestriges Hinterwäldlertum, uneinsichtiger »Sonderweg«, kleingeistige »Abschottung« etc. sein.

Solange sich das rechte Lager weigert, sich mit diesen Fragen ernsthaft zu beschäftigen, d.h. solange es, statt den denkerisch mühsamen Weg »vom Subjekt zum Dasein« einzuschlagen, sich in der universalistischen Seinsvergessenheit christlicher Prägung einrichtet und gegen konkrete Universalismen polemisiert, ohne den Universalisten in sich selbst zu besiegen (welcher meint, das Recht auf Verschiedenheit ließe sich »nur im Rahmen einer universalen Ethik begründen«), gibt es keine Rettung.

    Zarathustra

 

Utz
04. November 2017 22:24

 @ Neffe Mannheims

Dass es manche Leute nicht aushalten können, dass es in fernen Ländern Unrecht gibt, kann ich wiederum auch nachvollziehen. Daher schlage ich vor, dass diese Leute sich privat(!) und auf eigene(!) Kosten auf den Weg machen soll, um "die Welt zu retten". Damit habe ich kein Problem - aber ihre Mitmenschen sollen diese Leute bitte damit in Ruhe lassen! 

Nein, es ist nicht in Ordnung, wenn Leute auf eigene Kosten "die Welt retten". Wenn sie damit in ihrer Vermessenheit und Unfähigkeit langfristige Folgen abzuschätzen, für andere(!) Schaden anrichten, kann man das nicht gut sein lassen. Beispiel: Bill Gates läßt in Afrika Kinder impfen, aus Spaß an der Freud, weil das gut für sein Image ist. Daß dadurch mehr Menschen überleben, um die er sich dann nicht mehr kümmert, die ihrerseits wieder Kinder bekommen, die nur in eine Welt voller Not hineingeboren werden, ist ihm offensichtlich egal. Die daraus entstehenden Flüchtlinge gehen ihn auch nichts an, aber sie belasten uns.

Neffe Mannheims
04. November 2017 23:31

@ Utz

So wie ich die Vorstellung der Identitären zur kulturelle Selbstbestimmung verstehe, bedeuter diese, dass sich jeder um sich selbst kümmern soll und sich der Westen nicht in die Angelegenheiten fremder Kulturkreise einmischen soll. Das würde in diesem Fall bedeuten, dass man es den Afrikanern selbst überlässt, ob sie ihre Kinder impfen lassen wollen oder nicht und dass sie selber entscheiden sollen, ob sie den Bill Gates mit seinem Geld in ihre Länder einreisen lassen wollen. Mündige Menschen sollten für ihr Handeln und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, selber verantwortlich sein. Ich finde, die Idee, es sei die"die Bürde des weißen Mannes" erwachsene Afrikaner zu betreuen und sie zu bevormunden, in diesem Beispiel, sie vor dem impf-wütigen Bill Gates zu beschützen, sollte man verwerfen.

Andrenio
05. November 2017 16:09

.4312 Ich – Macht

Die verstreuten Elemente, die das Ich bilden, sind nicht in irgendeiner zugrundeliegenden Substanz enthalten (die in der Sprache des modernen Moralismus Vernunft genannt werden kann usw.), sondern im Selbsterhaltungstrieb, also im Machtbedürfnis. Gegen äußere Feinde schaffen sie eine Allianz und einen Zusammenschluss. Damit diese jedoch erreicht werden können, wird die Hierarchisierung der Bestandteile des Ich oder die Ablehnung derjenigen nötig, die der Selbsterhaltung nicht dienen (Kampf der Persönlichkeit mit ihrem eigenen Ich).

Panajotis Kondylis

Maiordomus
05. November 2017 17:40

Als Bilanz der neueren Debatten, auch dieser, einschliesslich Bilanz der Erfahrungen an der Buchmesse: Jetzt die Schwerpunkte wohl noch stärker auf die Metapolitik legen statt auf Aktivitäten z.T. auf der Strasse oder gar auf Schiffen. Dass in Frankfurt die Position nicht nur gehalten wurde, sondern sogar ausgebaut, scheint mir ein Zeichen in die richtige Richtung zu sein. In diesem Sinne würde für die Zukunft gelten: Eher mehr Lichtmeszismus, dafür den Sellnerismus eher etwas zurücknehmen.

Benno
05. November 2017 20:36

Die Jugend will Aktivismus, Maiordomus, und das ist auch gut so. Ich wüsste auch nicht, warum das eine das andere ausschliessen sollte. Eine Bewegung wie die IB lebt vom Schwung, den sie erzeugt. Man kann da nicht die ganze Zeit Feinjustierungen vornehmen und sich "etwas zurücknehmen".

Utz
05. November 2017 22:01

 Ich finde, die Idee, es sei die"die Bürde des weißen Mannes" erwachsene Afrikaner zu betreuen und sie zu bevormunden, in diesem Beispiel, sie vor dem impf-wütigen Bill Gates zu beschützen, sollte man verwerfen.

Einverstanden! Es würde auch reichen, wenn der weiße Mann, den impfwütigen Weißen Bill Gates "betreuen" würde. Dann bliebe die Selbstbestimmung der Völker gewahrt.  :) 

folz-friedl
06. November 2017 11:43

Dies ist für mich tatsächlich das "rechte" Buch zur rechten Zeit. Bereits mehrfach geäußerten Komplimenten betreffend analytische Schärfe, Humor und Witz der Darstellung kann ich mich nur vorbehaltlos anschließen! Eine Art Handbuch außerdem, dessen ich mich wohl immer wieder bedienen werde, wenn ich mich in Gestrüpp und Unterholz des scheinbar allumfassenden linken Umfelds zu verfangen drohe.

Es gibt da einen Aspekt linken Seins und Bewusstseins, den ich für ganz wesentlich, sogar für zentral halte: Linke sind Gläubige, säkular Gläubige zwar, was aber die Überzeugten nicht weniger rabiat, und die Mitläufer nicht weniger gefährlich macht. Indem die Möglichkeit irgendeiner Form von Transzendenz komplett geleugnet wird, der Marxismus aber ein System ist, das paradiesische Zustände in der Immanenz, im Hier und Jetzt verspricht, läuft das Bestreben nach Verwirklichung dieser Utopie immer und ausnahmslos auf Totalitarismus hinaus. (Hölderlin: "erst das hat den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.")

In der Praxis äussert sich das so, dass ab einem gewissen Punkt mit Linken nicht mehr zu reden ist, weil man irgendwann auf eine dogmatische, von voraussetzungslosen Grundannahmen geprägte Haltung stößt, deren Hinterfragen auf wahlweise ärgerliche, arrogante, süffisante oder panische Abwehr stößt. Vergleichbar einem - nicht unbedingt klinischen - Wahnsystem, das durchaus einer in sich geschlossenen und stimmigen Logik folgt, nur dass eben die Prämisse falsch ist und grundsätzlich nicht zur Diskussion stehen darf.

Den beiden Autoren nochmals Dank und Glückwunsch zu diesem, um die ewige Kanzlerin zu zitieren, wirklich "hilfreichen" Text!

 

Gotlandfahrer
06. November 2017 12:50

Zunächst darf ich mich dem Lob für das großartige Buch MLL anschließen.  Es fasst herrlich all das zusammen und ergänzt es phantastisch klar und greifbar, was man als rechtschaffender Mensch erdulden muss. Ich bin noch nicht ‚durch‘, aber was ich bisher las ist mir eine echte Bereicherung. Vielen Dank dafür an CS und ML!

Der hochreflektierende und in redlichster Absicht im Ringen um Wahrhaftigkeit verfasste Leserbrief offenbart aus meiner Sicht, dass der Kern des westlichen Schismas aber noch nicht ganz herausgeschält ist. Denn wir arbeiten uns - so empfinde ich es - alle noch zu sehr an den sichtbar werdenden Widersprüchlichkeiten des geistig-moralischen Set ups im Westen als solchen ab. Wir sagen zum Beispiel, jenes hier ist doch unlogisch oder falsch und suchen nach pathologischen Mustern, die die aus unserer Sicht offenkundigen Inkonsistenzen als kulturell bedingten Selbsthass oder interessensgelenkte Manipulationsergebnisse erklären.

Ich mag mich ebenso auf einem unfruchtbaren Pfad bewegen, aber mich dünkt, der alte Kant hat als das vielleicht größte ‚Medium‘ der germanischen Seele unseren widersprüchlichen Präferenzmix aus Freiheitsliebe und Harmoniewunsch derart in Worte gegossen, dass wir dazu verdammt sind, an diesem zum vielleicht größten Trugschluss unserer Geschichte verdichteten Leitsatz zugrunde zu gehen: Handle stets so, dass es allgemeines Gesetz sein könnte.

Wobei ich nicht glaube, dass ein einzelner Mensch, so groß sein Schaffen auch sein mag, selbst diesen Einfluss gehabt haben kann, sondern eher, dass er derjenige war, der mit diesem Satz am passendsten dem Ausdruck verliehen hat, was der große Organismus der westlichen (vor allem der deutschen) Stämme ohnehin gefühlt hat. So wie jetzt nicht Merkel die Dinge treibt, sondern diejenige ist, die am geschicktesten den Elefanten reitet, während er dorthin zieht, wo er ‚hinfühlt‘.

In meinen mittlerweile bei sehr grundsätzlichen, oft verhaltenspsychologisch ausgerichteten Gesprächen mit Linken (wenn sie denn noch stattfinden, bei den meisten habe ich es einfach aufgegeben, vielleicht löst MLL meine Sperre ja wieder), nehme ich wahr, dass sich Linke ganz am Ende nämlich stets auf genau dieses Kant’schen Imperativ berufen (wenn sie ihn denn kennen, sonst tun sie es moralinsauer, aber im Kern auf gleicher Logik beruhend). Sie meinen damit den großen geistigen Freifahrtsschein in der Hand zu haben, denn müsste ein ‚allgemeines Gesetz‘ nicht das sein, was wir alle wollen?

Ich kenne die philosophische Grundlagenliteratur nicht gut genug, vielleicht wurde mein Punkt ja auch längst widerlegt (Hinweise gern), aber die Gretchenfrage scheint mir zu sein, diesen Kant’schen Trugschluss als Ursache des großen ‚Clusterfucks‘ zu entlarven (hier irrt in Folge also nicht nur Goethe…): Denn ein ‚allgemeines Gesetz‘ kann selber nichts sein, an dem sich ein Handelnder orientieren könnte. Welches ‚allgemeine‘ Gesetz? Das allgemeine Gesetz, dass den Sklavenhandel im alten Rom regelte? Die in vielen Ländern allgemein geltende Scharia? Das gerade am Ort und zur Zeit des Handelnden gültige allgemeine Gesetz kann es auch nicht sein, denn dann bräuchte es keiner Interpretation, zu der der Kant’sche Imperativ einen Rat beisteuern würde. Der mit diesem Rat versorgte ist vielmehr auf sich selbst zurückgeworfen, er selbst muss also einen Maßstab finden. Folgerichtig staunt Kant über ‚die Moral in mir‘ und ruft zur mutigen Nutzung des eigenen Verstandes auf.

Und da sind wir bei dem Leserbrief, denn auch der Schreiber offenbart sich als jemand, der Kant und die Vernunft an sich fehl einschätzt:

„Und insofern sich nun alle Seiten innerhalb einer Diskussion bzw. eines Streitgespräches jenes Mittels rationaler Argumentation bedienen, erkennen sie alle die – Sorry! ;-) – argumentierende Vernunft als übergeordnete Richterin an, vor der sich alle Interessen zu rechtfertigen haben, vor der also auch die eigene Meinung bestehen können muß.“ Nope. Rationale Argumentation findet nur innerhalb eines Raumes mit als gültig anerkannten Axiomen statt. Die bekannte Mathematik ist nur dann rational-logisch, sofern man ‚annimmt‘ bzw. ‚setzt‘, dass Null eine Zahl ist oder dass jede Zahl einen Nachfolger hat.  Sprachlogiker werden sicherlich haufenweise Beispiele bringen können, an denen klar wird, dass zwei sich in ihrer Schlussfolgerung ausschließende Sätze trotzdem selber ‚wahr‘ oder zumindest formal ‚logisch‘ sind. Hinzukommt, dass in den meisten Streitfragen gar nicht die Informationen verfügbar sind, die eine Argumentation ‚vernünftig‘ vervollständigen und abschließend rein formal logisch klären können.

Der Imperativ wurde ersonnen und ausgesprochen, um im Zuge der aufgekommenen Aufklärung die naturwissenschaftlich zumindest drohende Widerlegung Gottes und des Königs abzuwenden. Und zwar in dem man durch ihn postulierte, eine absolut wissenschaftliche Wahrheit könne nicht allgemein und sicher festgestellt werden, sondern jeder müsse schon seinen eigenen Verstand nutzen (also kommt mir nicht damit, dass es gemäß Eurer Messungen Gott oder meinen König nicht geben kann).

Das Nutzen des eigenen Verstandes kommt der Freiheitsliebe der Germanen entgegen, die zum Beispiel anders als die Lateiner ihre Siedlungen nicht rasterförmig, sondern in losen Haufen anlegen. Andererseits entspricht der Imperativ trotzdem auch dem Harmoniewunsch, denn man soll sich ja an einem ‚allgemeinen‘ Gesetzt orientieren. Da dies wie gesagt aber nicht absolut ist, ist damit dem Relativismus Tür und Tor geöffnet. Im Glauben, hiernach handelnd nun eine unfehlbare Leitlinie zu haben, halluziniert der gutmütige Germane, die nur hier im Westen und nur jetzt in diesem mickrigen Epöchlein propagierten Moralsätze seien das ‚allgemeine Gesetz‘, an dem man sich ‚mit eigenem Verstand‘ ausrichten könne (was unabhängig von etwaiger Richtigkeit ein Widerspruch in sich bleiben muss).

Die alten Volksweisheiten waren da schon weiter, als die großen Denker. Denn während Kant mit seinem Imperativ den Relativismus begründete, wussten die Alten schon, dass es eher heißen muss

‚was Du nicht willst das man Dir tut, dass füg‘ auch keinem anderen zu‘.

Damit umgeht man die Falle des Relativismus, weil jeder für sich klar wissen kann, was er nicht will. Diesen Leitsatz kann man dann auch entsprechend logisch spiegeln zu

‚und was der andere nicht mit sich tun lassen will, dass lass auch Dir nicht gefallen‘.

Schon wäre unseren fehlgeleiteten Kantianern klar, dass kein Jungmuselmane es wollen würde, wenn ihm sein Heimatland mit kulturfremdem Anspruchsstellern überhäuft würde, die in absehbarer Zeit das Land der Seinen übernehmen und ihm damit die Heimat stehlen.

Damit ist auch klar, warum die rote Armee als einzigen Ort in Königsberg das Mahnmal Kants verschonte und verehrte.

Gotlandfahrer
06. November 2017 13:13

@ Neffe Mannheims:

Unbedingt Jonathan Haidt The Righteous Mind: Why Good People Are Divided by Politics and Religion lesen (auch von ML wurde das hier empfohlen). Oder, wenn im Englischen nicht sattelfest ebenfalls von Haidt: Die Glückshypothese: Was uns wirklich glücklich macht. Die Quintessenz aus altem Wissen und moderner Glücksforschung

Klingt esoterisch, ist es nicht. Dann lässt sich aber nachvollziehen, warum die Rationalität der Intuition folgt.

Vadomar Tuonawa
06. November 2017 22:03

Noch ein paar Gedanken zum Grund (2) der angeblichen Kontraproduktivität identitärer Polemik:

Ich halte die behauptete Logik dieses Grundes nicht für zwingend, denn die Ablehnung des Universalismus' unter gleichzeitiger Promotion von Ethnopluralismus muss nicht zu Widersprüchen führen. Der Ethnopluralist verbietet einem Volk nicht, seine überlieferte Kultur und Identität freiwillig aufzugeben und sich mit Haut und Haar einer universalistischen Bewegung zu verschreiben. Er hätte beispielsweise einem zentralasiatischen Staat nicht verboten, sich im Sinne einer 'Freiheit zu' der Sowjetunion anzuschliessen, lediglich der Zwang hierzu, also das Fehlen einer 'Freiheit von', ist aus ethnopluralistischer Sicht abzulehnen.

Dessen ungeachtet gerät man bei tiefergehender Analyse aber auch mit dieser Sichtweise in Schwierigkeiten, denn auf welche Art 'frei' wäre ein solcher Staat in seiner Entscheidung tatsächlich gewesen? Handelte es sich dabei um die Entscheidung von Diktatoren -evtl. sogar unter Anwendung korruptiver Mittel- könnte wohl kaum behauptet werden, der Staat habe sich in Gänze, d.h. inkl. des Volkes, freiwillig dem Sozialismus verschrieben. Kam aber umgekehrt der Entscheid auf demokratischem Wege zustande, müsste zu dessen internationaler Akzeptanz erst die universelle Akzeptanz demokratischer Entscheidungen vorausgesetzt werden.

Ich behaupte nicht eine Lösung für dieses Universalimusproblem zu haben, jedoch scheint mir aus den beschriebenen Gründen die behauptete Logik etwas perforiert, zumindest aber nicht zwangsläufig zu sein.

 

Franz Bettinger
07. November 2017 05:00

@ Gotlandfahrer:

Sie haben recht: Kant hat unrecht. "Kant hat unsere germanische Seele, den Präferenz-Mix aus Freiheitsliebe und Harmonie-Wunsch, in Worte gegossen: Handle stets so, dass es allgemeines Gesetz sein kann. Die Linke beruft sich am Ende meist auf diesen Kant'schen Imperativ. Die Aufgabe scheint mir zu sein," so schreiben Sie sinngemäß, "diesen Kant'schen Trugschluss als Ursache des großen 'Cluster Fuck' zu entlarven, der uns wider die Natur knebelt: Denn so ein Allgemeines Gesetz, das für jeden an jedem Ort und zu jeder Zeit gültig wäre, kann es nicht geben. Welches denn? Das Lex, dass den Sklavenhandel in Rom regelte? Die in vielen Ländern geltende Scharia?" Hier übernehme ich und fahre fort: Das Kriegsrecht, welches uns zu Töten erlaubt? Die Euthanasie-Regeln in Afrika? Oder lieber die der Eskimos? Die Geburts-, Herren- und Kasten-Rechte der Hindus?

Und nun die Überraschung: Hindus, Eskimos und Afrikaner sind uns Aufgeklärten Denkern einen gewaltigen Schritt voraus. Weil sie ihrer Natur folgen, ihrem Instinkt und weit weniger ihrem Verstand. Und ihre Natur sagt ihnen: Dass der Löwe das Recht hat, zu töten und andere Tiere zu fressen, auch wenn die ganz unschuldig sind, ja sogar Frauen und Kinder; letztere ganz besonders. Und auch, dass der Bantu-Häuptling dasselbe Recht hat. Und der Schamane ein ähnliches. Und dass die Söhne der Edlen mehr Rechte haben als die Söhne der Ziegen-Hüter und Kot-Brenner. Anders gesagt: Es gibt keine Gleichheit, und die Unterschiede sind äußerst relevant, auch die, die durch nichts entstehen als durch die Geburt oder das Erbe.

Die Gretchen-Frage ist also: Gibt es ein Geburts-Recht? Kant sagt: Nein. Die Natur aber beweist das Gegenteil. Oder es gäbe keine Löwen, keine Pyramiden, keine Könige, keine Reichen. Was es stattdessen im Reiche Utopias gäbe? Na, Schrauben. Die sind gleich.

Es gibt keine Gerechtigkeit. Deprimierend? Nö. Im Gegenteil. Sind denn Schrauben glücklich? Na also! Nur in einer Welt großer Unterschiede kann man träumen. Als Kind träumte ich, mal Prinz zu werden und alle Schneewitchens der Welt "heimzuführen". Träumen ist schön, es motiviert, und manchmal gehen Träume sogar in Erfüllung.

"Und nun ist auch unseren fehlgeleiteten Kantianern klar, dass kein Jung-Muselmane es wollen würde, wenn ihm sein Heimatland mit Kultur-fremdem Anspruchs-Stellern überhäuft würde, die in absehbarer Zeit das Land der Seinen übernehmen und ihm damit die Heimat stehlen." Ja, ja, die Moslems wissen das längst. Die Linken werden es nie lernen.

TheGreatVermin
07. November 2017 08:58

Zum Gegensatz zwischen abstraktem Universalismus und Ethnopluralismus empfiehlt sich die Lektüre eines Distichons von Hölderlin:


"Wurzel allen Übels

Einig zu sein, ist göttlich und gut; woher ist die Sucht denn

Unter den Menschen, daß nur Einer und Eines nur sei?"

Zur Erläuterung:

"Nur Eines": die Einheit des abstrakten Universalismus, der kulturelle Unterschiede nivelliert.

"Einig sein", Einigkeit: eine Verbundenheit im Gespräch zwischen Unterschiedlichen, die sie selbst bleiben und trotzdem nicht solipsistisch in sich selbst verkapselt sind.

Robert
21. November 2017 09:21

Eine ethische Letztbegründung liegt nicht im Universellen, sondern ist nur aus der evolutionären Bedingtheit des Menschen abzuleiten (siehe das Konzept „Evolutionäre Ethik“) .D. h.:
Es gibt zwar die gesamte Menschheit betreffende anthropologische Gemeinsamkeiten der bislang vom Menschen entwickelten Ethiken, sogenannte Universalien, diese sind aber i. W. so unterschiedlich, wie es die Völker und Kulturen sind. Auch Ethiken, und daraus abgeleitete Moralen sind als Anpassungsprodukte im Laufe der sozio-kulturellen Evolution hervorgegangen.
Eine universelle Ethik hingegen kann nur auf der Basis eines universell konzipierten Menschen Sinn machen.
Will man sich auf eine universelle Ethik einlassen, müsste man die dieser Menschheitsvision  entgegenstehenden, real existierenden kulturellen Unterschiede auch in dieser Hinsicht einebnen.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die einander ausschließend gegenüberstehen, diverse Mischformen führen vor allem aus evolutionärer Perspektive zu Widersprüchen!
Entweder man akzeptiert die von uns Rechten (ich verwende „Rechte“ mit aller gebotenen Vorsicht als Arbeitsbegriff!) nicht nur gewollten, sondern – und das ist der alles entscheidende Punkt – die naturwissenschaftlich bestätigte und evolutionär sinnmachende Diversität allen Lebens und Lebensformen, bis hin zu den geistig-kulturellen Produkten, d. h. ohne irgendwelche Einschränkungen oder man akzeptiert sie nicht oder nur einen Teil davon, macht Einschränkungen, weil man z. B. meint, die Letztbegründung könne nur in einer weltweit gültigen Ethik, Gesetzgebung, Charta, oder Ä.  gefunden werden.
Eine evolutionäre oder Naturethik gibt hingegen folgende Begründung:


Die Letztbegründung für das Recht auf Existenz, ob als Individuum oder als Großgruppe Volk, Völkerfamilie, usw., liegt eben in letzter Konsequenz in diesen Lebens-(Gemeinschaftsformen) selbst – und nicht bei irgendeiner (von wem eigentlich bestimmten?) Autorität außerhalb (Ein alter, aber hier sehr gut passender Spruch: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir „Gott“).
Der Glaube, daß Setzungen von Recht, Moral, usw. nach außen, sprich: an interessensfremde Sphären delegierbar und dort einklagbar und in guten Händen wären, wird doch tagtäglich ad absurdum geführt. Ebenso wenig taugt eine universelle Ethik als ein rein moralisches Argument oder als sogar Appell gegenüber unseren Gegnern.
Im Gegenteil: Der Verzicht auf Eigenmächtigkeit, die Forderung nach eigenen Regeln zu leben, die Berufung auf eine „höhere“ Gerechtigkeit, ist doch die logische Voraussetzung für eine Welt des entmündigten Bürgers, der sich seiner Verantwortung die Dinge selbst in die Hand zu nehmen  gerne entledigt – und genau das eben ist das Wunschbild, der herbei geträumte Menschentypus aller Ein-und Hinter-Weltler, - also unserer geistig-politischen Antipoden!
Solange wir in einer Welt der Diversität, mit entsprechenden verschiedenen Eigeninteressen leben – und das ist ja wohl die Welt, die wir Rechte auch in Zukunft so erhalten wollen - ist eine weltumspannende Ethik, die allen konkurrierenden, divergenten Interessen von Menschengruppen gerecht werden sollte, reine und gefährliche Utopie.
Denn  im Gegenteil: Solche Konzepte können im Handumdrehen als Machtinstrumente von den das Weltgeschehen beherrschenden Gruppen zur Unterdrückung der aus diesem Kreis Ausgeschlossenen werden. Und dies findet ja wohl vor aller unserer Augen statt: Denn die UNO - wie seinerzeit der „Völkerbund“ –  funktioniert ja genau in dieser Weise und seine behauptete Funktion als Friedensstifter hat sich i. W. überhaupt nicht bewahrheitet, ja wurde sogar von ihr selbst konterkariert.
Natürlich können sich nichtsdestoweniger (Zweck-)Gemeinschaften bilden, die ähnlich gelagerte, gemeinsame kulturelle oder politische Interessen verfolgen, sogar verbindliche Werte formulieren – diese werden aber immer lokal bzw. kontinental begrenzte sein!
Andererseits ist ein dogmatischer Umgang mit dem Globalismus-Begriff ebenso völlig verfehlt.
Darin liegt mein Vorwurf an die Identitären, nämlich an dem starren und andererseits philosophisch kaum dargestellten und deswegen auch  nicht begründeten Umgang mit Begriffen, wie eben dem hier fraglichen Globalismusbegriff.
D. h., differenziert mit diesem Begriff umzugehen hieße, ganz klar die Frage zu behandeln, in welcher Hinsicht weltumspannende Ideen, Errungenschaften uns einerseits in unserer Existenz tödlich bedrohen können und wo wir sie andererseits für unsere Zwecke verwenden bzw. adaptieren können.
Wer nicht als Einsiedler in einer Höhle lebt oder leben will, soll sich einmal darüber im Klaren werden, wie sehr sein Leben von technischen Produkten in jeder Sekunde bestimmt wird.
Wer kategorisch und prinzipiell gegen Globalismus ideologisch zu Felde zieht, müsste konsequenterweise sich schnellstens in eben diese Höhle zurückziehen, denn: alle Produkte in unserer zivilisatorischen Umgebung sind ohne internationalen geistigen und materiellen Austausch nicht denkbar (Wissenschaft, Technik, Verkehr, Medizin, usw.). Hier ist tatsächlich unsere Erde in letzter Zeit sehr, sehr klein und überschaubarer geworden.
Daß dies aber keineswegs einer McDonaldisierung etc. das Wort redet, sollte aber dennoch klar sein.
Denn wo es um die  Bewahrung unserer Kultur, vor allem ihrer Grundlagen geht – dazu gehört, um bei diesem Beispiel zu bleiben,  auch die Esskultur,  unsere Einstellung zur Gesundheit, eine diätetische Lebensführung, usw. ist eine kompromisslose Gegnerschaft von uns Rechten zu dieser Form von Internationalisierung angesagt.
Das ist also insbesondere kein Plädoyer für einen faulen Kompromiss zwischen Globalismus und Identitätsbewahrung, sondern  dahinter steckt die einzig mögliche Lösung zur theoretischen und praktischen Überwindung von vordergründig widersprüchlich erscheinenden Begriffen und Prinzipien:
Anpassung, Veränderung, ja!, aber so, daß sie unsere Identität im Kern nicht nur gefährdet, sondern sogar im Gegenteil noch stärkt. Daß dies möglich ist, hat schließlich die gesamte menschliche Entwicklung bis heute herauf gezeigt.
Es geht also um eine kulturgerechte Adaption technisch-zivilsatorischer Errungenschaften, was wiederum letztendlich unserem Wesen und Existenz als Kultur- und Abstammungsgemeinschaft dienlich sein sollte.
Kurz:     Gerade dort, wo der Universalismus/Globalismus uns ausschließlich zu einem universell denkenden und getriggerten Wesen machen kann und will, sind wir zu größtem Widerstand herausgefordert. Und das wäre u. a. insbesondere bei einer universell verbindlichen Ethik resp. Moral, die sich ausschließlich an eine einheitliche Menschheitsherde richtet, gegeben.
Wem die Zustände diesbezüglich, die in unseren Landen schon lange herrschen noch immer nicht genügen bzw. sie nicht in dem  globalistischem Zusammenhang sieht, möge vielleicht zwischendurch (wieder oder erstmals) bei Orwells „1984“ nachschlagen, dessen Vision von den realen Entwicklungen, wie es scheint, zumindest schon eingeholt wurde.
Sogenannte Menschenrechte, die über den Rechten von Völkern stehen, die dazu dienen diese auszuhebeln und ihnen damit zu schaden, sind die zwingende Konsequenz davon.
Wer also die „Menschenrechte“ in diesem Sinne durchschaut hat, wird sich sicher damit nicht schwer tun, diese in den Zusammenhang mit einer „universellen Ethik“ à la Hans Küng zu bringen.
Eine für uns Rechte, sprich Eigenmächtige, ist, wie ich meine, eine adäquate Ethik immer eine den Lebensgesetzen entsprechende – und die ist, wie das Leben selbst, immer selbstreferentiell.

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