25. Februar 2019

Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz: das Beispiel Laurin

Martin Lichtmesz / 29 Kommentare

Als Co-Autor von Mit Linken leben möchte ich mir im folgenden ein Musterbeispiel für manche Analysen in Sommerfelds und meinem Buch ansehen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich meine diesen Text eines Genossen namens Stefan Laurin, der dem Vernehmen nach genügt hat, die Studienstiftung des deutschen Volkes (ist dieser Name überhaupt noch grundgesetzkonform?) derart einzuschüchtern, daß sie Götz Kubitschek von einer Podiumsdiskussion ausgeladen hat. Laurin selbst schreibt lustigerweise regelmäßig für die linksradikale Jungle World, die auch schon mal vom Verfassungsschutz "beobachtet" wurde.

Er wäre an sich nicht der Rede wert, wäre er nicht ein besonders entlarvendes Beispiel für das sogenannte "Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz" (LSG), das meine Co-Autorin und ich als Frucht langer Erfahrung formuliert haben. Es versteht sich von selbst, daß dieses "cum grano salis" als ironische Faustregel zu verstehen ist, wie andere Internet-"Gesetze" à la Godwin's law, Poe's law oder Hanlon's Razor.

Im unserem Buch Mit Linken leben ist es so formuliert:

Alles, was professionelle »Entlarver« und »Aufklärer« gegen »Rechts« über Rechte schreiben, ist eine Projektion ihrer eigenen Charaktereigenschaften, Denkstrukturen und Modi operandi. Immer. Ausnahmslos.

Man könnte es etwa so vereinfachen:

Alles, was Linke über Rechte sagen, schreiben, denken, trifft immer und ausnahmslos auf sie selber zu.

Das war bewußt pointiert formuliert, aber inzwischen kommt es selbst mir immer weniger wie ein (halbernster) Scherz vor. Das LSG trifft mit einer beängstigenden, mitunter haarsträubenden Häufigkeit zu.

Da ich das projektive Verhalten inzwischen auch häufig bei Nichtlinken, etwa bestimmten Typen von Konservativen (ich denke hier natürlich vor allem an die "Cucks"), beobachten konnte, schlage ich folgendes Korrolarium vor:

Je stärker und häufiger jemand in einer Diskussion eigene Denk- und Verhaltensweisen auf den anderen projiziert, umso linker ist er.

Nun haben etliche Leser eingewandt, daß wir es uns damit allzu leicht machten, denn auf diese Weise könne man jede Form der Kritik automatisch abprallen lassen, indem man sie einfach zurückspiegelte. An sich stimmt das freilich. Allerdings verpflichtet skeptische Distanz zu sich selbst nicht zum Dummstellen, und irren kann und darf man sich immer. Manchmal ist tatsächlich nur einer von beiden der Dumme, der Unaufrichtige, der pathologisch Agierende. Das Dilemma ist Folgendes:

  • Wer dumm ist, weiß nicht, daß er dumm ist, denn dann wäre er ja intelligent.
  • Wer projiziert, weiß nicht, daß er projiziert, denn dann wäre er ja selbstreflexiv.
  • Wer nicht sinnentnehmend lesen kann, weiß nicht, daß er nicht sinnentnehmend lesen kann, denn sonst könnte er ja sinnentnehmend lesen.

Mit anderen Worten läuft alles auf ein Mißverhältnis zwischen den Diskussionspartnern hinaus, das auf einem Mangel an Selbstreflexion beruht - dieser kann einen der beiden oder auch alle beide betreffen. In einer solchen Lage (und sie ist die häufigste) kann man den Disput letztlich nicht objektiv auflösen oder entscheiden. Es wird keinen Schiedsrichter geben, häufig nicht einmal zwischen denen, die auf gleicher Augenhöhe diskutieren (denken wir an Adorno und Gehlen). Das können manche Menschen, die mit aller Gewalt Recht haben wollen (wie etwa der bedeutende deutsche Philosoph Daniel-Pascal Zorn) nicht akzeptieren, weshalb sie darauf bestehen, im bescheidenen Gefolge Platons "Redner und Richter in einer Person" sein zu wollen.

Mangel an Selbstreflexion ist bei der heutigen Linken chronisch, wenn nicht konstitutiv geworden. Wie Kleine-Hartlage beschrieb, lebt ein Linker in einem permamenten Zustand kognitiver Dissonanz, da sein Welt- und Menschenbild auf unhaltbaren Prämissen aufbaut, die ständig unter dem Beschuß der Wirklichkeit stehen. Aber je größer die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, zwischen Innenwelt und Außenwelt, umso größer die Inkongruenz und die kognitiven Schnitzer, die sich eine Person leistet. Und häufig wird auch ihre Abwehrhaltung und Intoleranz gegenüber Kritik und Dissens umso größer sein.

Um nach diesem theoretischen Exkurs wieder auf den Genossen Laurin zurückzukommen, so liefert er, wie gesagt, ein besonders stupendes Beispiel des LSG. Und zwar so: Nachdem Laurin verkündet hat, daß er sich weigert, sich mit Kubitschek "auf ein Podium" zu setzen, wirft er Kubitschek ein "puddinghaftes Ausweichen vor dem harten Konflikt" vor. Nachdem er wortreich erklärt hat, er wolle an der Diskussionsrunde nicht teilnehmen, weil er dort mit Kubitschek diskutieren müßte, schreibt er, über das "rechte Denken" müsse

... geredet und gestritten werden. Auf Bühnen und mit Texten, in klaren Worten und mit der nötigen Härte. Das geht allerdings nicht mit Menschen wie Kubitschek, die zwar auf „Rittergütern“ leben, allerdings den offenen Streit scheuen und sich stattdessen hinter scheinbar wortgewaltigen Scharaden verstecken.

Ein offener Streit, den er wohlgemerkt eben selbst verweigert (seine eigene Teilnahme), ja verhindert hat (Kubitscheks Teilnahme). Genausogut könnte er sagen: "Ich will mit Kubitschek keinen offenen Streit führen, weil Kubitschek keinen offenen Streit führen will." Die "klaren Worte" und die "nötige Härte" sollen nur die mundtot und jeder Plattform beraubten Rechten zu spüren bekommen, man selber entzieht sich lieber dem Ungemach der kritischen Auseinandersetzung. Mit anderen Worten, die linke Blase soll ungestört weiterblubbern, es soll über, aber nicht mit Rechten geredet werden, dennoch ist es Kubitschek, nicht er, Laurin, der "den offenen Streit scheut". Das ist ein performativer Widerspruch, der so irre ist, daß ich mich wundere, wieso diese hanebüchene Argumentation niemandem in der Studienstiftung aufgefallen ist.

Wenn ich nun versuche, mich in Laurins schiefe Argumentation hineinzuversetzen, so verfolgt er offenbar eine doppelte Taktik: Mit Kubitschek kann und soll man nicht reden, denn er ist

a) brandgefährlich "für die Ideen der Aufklärung und die Moderne mit ihren Versprechen". Er steht damit laut Laurin quasi in einer Reihe mit einem Frank-Walter Steinmeier, der "dem iranischen Regime auch in meinem Namen zum 40. Jahrestag der islamischen Revolution gratuliert" hat und mit einer Katrin Göring-Eckardt, weil sie berüchtigterweise getweetet hat, sie wünsche sich, daß „in den nächsten vier Jahren jede Biene und jeder Schmetterling und jeder Vogel in diesem Land weiß: Wir werden uns weiter für sie einsetzen!“ (kein Scherz, bitte nachlesen).

b) ohnehin kein seriöser Diskussionspartner, weil er, jetzt wird's originell, "ein Kind der Postmoderne" sei:

Er meidet klare Aussagen, bleibt im Ungefähren, verweigert sich in Debatten jeder Auseinandersetzung mit offenem Visier.

Nun ja. Erstens wurde Kubitschek bis dato kein einziges Mal zu einer öffentlichen Debatte zugelassen, und zweitens kann man beispielsweise diesem Text Kubitscheks (der für das Thema der Podiumsdiskussion hochrelevant ist) zumindest eines mit Sicherheit nicht vorwerfen - daß er klare Aussagen und das offene Visier meidet. Im Gegenteil, ich vermute stark, daß es vielmehr die Klarheit der Aussagen und Gedanken ist, vor denen Laurin so panische Angst hat. Abgesehen davon, wäre das alles noch lange kein Grund, ihn aus einer Debatte auszuschließen. Unsere Podien, Foren und Talkshows sind bekanntlich voll mit Schwafelbaronen, die viel Dampf verbreiten und "klare Aussagen meiden".

Oder es handelt sich hier um den klassischen Zirkelschluß der Linken, die in ihre eigene Falle tappen und davon ausgehen, daß die Rechten ohnehin nur "Mimikry" und ähnliches betreiben: Kubitschek sage nicht, was wir glauben, was er eigentlich sagen will oder was wir von ihm hören wollen oder kapieren können, sondern etwas anderes, das wir nicht hören, nicht glauben und nicht kapieren wollen oder können, ergo rede er nicht "mit offenem Visier".

Wie gesagt handelt es sich hier um ein Muster, das wir in Mit Linken leben anhand des Büchleins Aufstehen, nicht wegducken von Heiko Maas behandelt haben (schon der Titel ist ein Fall von LSG): "Um der demokratischen Debattenkultur zu schaden", so Maas,

würden »die Rechtspopulisten in Sachen Kommunikation zweigleisig vorgehen«: einerseits durch »Gesprächsverweigerung« (z.B. in Dresden und anderswo grundlos »Volksverräter!« rufen), andererseits würden sie sich teuflischerweise in den »Systemmedien« und deren »Diskussionsforen « breitmachen, wie etwa diverse »AfD-Funktionäre«, die in Massen »in die Talkshows drängen«. Mit anderen Worten: Schlimm ist nicht nur, daß Rechtspopulisten die Diskussion verweigern, schlimm ist auch insbesondere, daß sie an der Diskussion teilnehmen wollen.

Das Muster wird einem beim Leben mit Linken immer wieder begegnen. Ein Beispiel aus dem Materialfundus zu unserem Buch: Ein Leser der Sezession bot einer Person aus seinem Bekanntenkreis, die mit ihm ein "Problem" hatte, weil sie "das Private und das Politische nicht trennen" (also seine bloße Anwesenheit nicht ertragen) konnte, per E-Mail ein offenes, klärendes Gespräch an. Nachdem ihm diese lang und breit ausgeführt hatte, warum sie das ablehne, schloß sie ihre Antwort mit den Worten:

Wir werden uns sowieso nicht mehr viel über den Weg laufen, weil du Gespräche und Konfrontationen, die dich im "Bekanntenkreis" erwarten würden, ohnehin als linke Pest antizipierst und diese letztendlich scheust, aber wenn dir doch danach ist, meld' dich...

Was er ja eben gemacht hatte. Auch hier: Performativer Widerspruch und Projektion des eigenen Verhaltens reinsten Wassers.

Im Grunde könnte Laurin ehrlich sein, und es dabei belassen, zu sagen: Ich will nicht mit Kubitschek diskutieren, und will nicht, daß überhaupt jemand mit ihm diskutiert, ich will, daß er der Paria bleibt und ich das Kastenmitglied, aus dem einfachen Grund, weil er ein Rechter ist und ich als Linker die Diskurshoheit behalten will. Das wäre allerdings etwas dürftig und durchsichtig, und darum muß er hinzudichten, daß Kubitschek ohnehin nicht diskutieren will und kann.

Noch ein Beispiel für das LSG liefert Laurin. "Die Hysterie ersetzt zunehmend das nüchterne Denken", schreibt er, während sein eigener Text vor Hysterie und Angstschweiß geradezu stinkt: Angst nicht nur vor der schrecklichen, apokalyptischen Gefahr für "Aufklärung und Moderne", die durch die Rechten und andere droht, aus deren "Überzeugung im Endziel die Vernichtung des anderen hervorgehen muß" (LSG?), sondern wohl auch vor rhetorischer und argumentativer Unterlegenheit, vor der drohenden öffentlichen Blöße durch Kubitscheks angeblich nur "vermeintliche" Wortgewalt, die er sich kleinreden muß, mit anderen Worten vor der echten offenen Auseinandersetzung und dem wirklich harten Streit.

Aber weil er das nicht zugeben kann, muß er sein eigenes, performativ manifest gewordenes "Puddinghaftes" auf Kubitschek projizieren und sein "Ausweichen" zum heroischen Widerstandsakt stilisieren. Debattenverweigerung wird zum A und O des Bürgerkriegs, damit die Rotfront regieren kann. Linke Diskurshoheit durch Mundtotmachen, Stigmatisieren und Ausschaltung der Konkurrenz. Nichts anderes haben wir Rechten immer schon gesagt.

An dieser Stelle wird sein Text unfreiwillig komisch, seine Verbissenheit pathetisch. Schon die bloße Einwilligung zu einer, keuch, Podiumsdiskussion käme für ihn einem Waterloo oder Stalingrad, einer "Kapitulation", dem Ende der Demokratie, dem Sinken "der Fahne vor dem Feind in den Staub", "einem Gewinn" der Rechten "im Raumkampf" gleich, ohne daß Kubitschek "sich dafür wenigstens in eine Auseinandersetzung begeben müsste." Na, diese Auseinandersetzung hätte Laurin ihm ja liefern können und ihm zeigen, wer hier der Pudding oder Paria ist. Die Chance hat er vertan. Großes Vertrauen scheint der Kämpfer für Demokratie und Aufklärung ja nicht in seine Argumente gehabt zu haben. Kapitulation ist ihm angeblich ein Fremdwort, aber die Schlacht verweigert er.

Laurin widerspricht unserem alten Freund Per Leo, der uns Rechte insgesamt als eher harm- und substanzlos darstellt:

Keine Idee, kein Problembewußtsein, keine Analyse. Keine Schärfe, weder im Schreiben noch im Auftreten. Nur das nebulöse Gerede von der Bedrohung des eigenen Volkes …

Was ich übrigens für reine Taktik halte: Leo schreibt hier wider sein besseres Wissen. Er ist der Showman einer Nummer, die ihm dankbar von jenen abgekauft wurde, die sie zu ihrer Beruhigung nötig hatten; er hat sich damit allerdings auch in einer bestimmten Rolle eingesperrt und eine Menge Feindseligkeit von links eingebrockt. Aber er ist wohl ernsthaft der Meinung, daß man der Rechten am effektivsten den Wind aus den Segeln nehmen kann, wenn man sie ignoriert und ihre vermeintlichen "Provokationen" ins Leere laufen läßt.

Dem widerspricht Laurin:

Es stimmt nicht, wenn Leo und seine Mitautoren schreiben „Sie müssen, um als Rechte zu existieren, gegen uns reden.“ Eine solche mit Egozentrik gepaarte Hybris verkennt, dass es im Kern die Ideen der Rechten sind, die zunehmend die gesellschaftliche Debatte bestimmen. Aus dem völkischen Denken entwickelte sich gegen Ende der sechziger Jahre die Idee des Ethnopluralismus. Sie ist der ideelle Kern einer immer populärer werdenden Identitätspolitik, die Menschen nicht mehr als Individuen mit denselben Rechten sieht, wie es die Erklärung der Menschenrechte beschreibt, sondern als Teil von Gruppen, Ethnien, Kulturen oder Religionen. Nein, die Rechten haben es nicht nötig, gegen das von Leo imaginierte „uns“ zu reden, um zu existieren. Ihre Vorstellungen sind wirkmächtig und gewinnen an Einfluss.

Dem stimme ich im wesentlichen zu, allerdings, wohl nicht überraschend, mit einer durchaus anderen Bewertung und Perspektive. Wir sind heute die Zeugen des Zusammenbruchs universalistischer Utopien und Experimente voller falscher Versprechen, die sich irreführenderweise als "Aufklärung" ausgeben und denen, um die Worte Laurins zu benutzen, "jede faktische Grundlage fehlt". Wer diesen Utopien und Versprechen anhängt, und zunehmend die kognitive Dissonanz verspürt, die sie erzeugen, wird naturgemäß Angst haben.

Das rechte Denken ist nicht "apokalyptisch", sondern realistisch. Die Linke will das nicht wahrhaben, und spielt darum mit der Rechten "Ich seh etwas, was du nicht siehst". Nicht die Rechten "haben die Krise heraufbeschworen", sondern die Anhänger und Betreiber der universalistischen Utopien und "historisch einzigartigen" Experimente, die nun unsanft aus ihren Träumen erwachen. Sie ernten die Quittung für das, was sie selbst gesät haben. Die Rechten sind die Überbringer der schlechten Nachricht und dienen ihnen als Sündenböcke für ihr eigenes Versagen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (29)

Franz Bettinger
25. Februar 2019 09:17

Diesem Laurin ist, wie er schreibt, "Kapitulation gänzlich fremd". Und deshalb zieht er nicht in die Schlacht gegen Götz Kubitschek? Das ist schon ein Brüller. Auf so etwas Verdrehtes muss man erst mal kommen. Wenigstens hat der Salonkolumnist erkannt, dass er es wirklich mit einem Feind zu tun hat. Einen Gegner könnte er kaufen, Feinde nicht. Gegen Feinde muss man siegen oder untergehen. Und deshalb ist es klug für diesen Linken davonzulaufen. Laurins Heil liegt in der Ferne, aus der er stänkernd den Starken markieren kann; nicht im Kampf der Worte und Argumente; so viel kapiert hat dieser Bonhomme. - "Wir Linken sind es erst, die den Rechten unfreiwillig zu Kontur verhelfen. Statt sie in ihrer Unschärfe zu zeigen oder sie zu zwingen, die eigene Position zu schärfen, ersparen wir uns und ihnen zu oft diese Mühe, indem wir scharfe Grenzen gegen sie ziehen." Nein, uns Rechten zur Kontur verhelfen, tut ihr, wenn ihr weglauft! Damit zeigt ihr den Unterschied auf zwischen uns Rechten und Euch Linken! Was für eine Un-Logik und Rechtfertigungs-Suada Laurin da absondert! Zum Totlachen, wer dafür noch Humor aufbringen kann.

quarz
25. Februar 2019 09:53

Die Diskursverweigerung ist das Eine. Wenn es denn aber doch zum Diskurs kommt, dann greift Plan B der Strategie: die Weigerung, den Gegner beim Wort zu nehmen. Spielt der Rechte nicht die ihm zugedachte Rolle als Klischee-Bösewicht mit ganz bestimmten Merkmalen, Ansichten und Motiven, sondern äußert Dinge, die dem Publikum irgendwie plausibel vorkommen könnten, dann verstellt er sich. Und es wird zur dringlichsten Aufgabe des linken Aufklärungshelden, ihm die Larve vom Gesicht zu reißen und Letzteres zur Kenntlichkeit zu entstellen. Wenig anderes trägt so sehr zur Nervosität von Kolumnisten im Wächteramt bei wie der Verdacht, rechte Positionen könnten unter der trügerischen Rede ihrer Proponenten beim schlichten Volk in den Ruf der Plausibilität geraten. Da hat sich der Floskelschrank bereits mit einschlägigem Vokabular zur Beschreibung der Gefahr gefüllt. Der Rechte habe "Kreide gefressen" und er verwende "Codewörter" und es wird ihm als besondere Verschärfung seiner ohnehin schon menschenverachtenden Schurkerei angerechnet, dass er diese durch sein scheinbar vernünftiges Reden der Kenntlichkeit entzieht. Aber da hat er die Rechnung ohne den Restle und seine wackeren Mitstreiter im medialen Gastwirtgewerbe gemacht. Sie werden schon dafür sorgen, dass alles, aber auch restlos alles, was der Gegner in Wort und Schrift äußert, äußern wird und äußern könnte, als Beleg für die Falschheit seiner Thesen, die Niedrigkeit seiner Gesinnung und die Niedertracht seines Strebens gewertet werden kann. Die Generalstrategie des linken Framing-Manuals ist die Nichtfalsifizierbarkeit des eigenen Standpunktes.

Niekisch
25. Februar 2019 10:38

Sich mit diesen Laurins an einen Tisch setzen bringt nichts. Die zerreden und verdrehen eh alles. Angriff ist besser: Viele, viele Veranstaltungen eignen sich zu Wortergreifung und Protest. Und wenns dann mal auf die Mütze gibt: das überlebt man meistens.

Fritz
25. Februar 2019 11:50

Das eigenartige Phänomen, dass man einerseits fordert, die Rechten zu "stellen" und ihnen argumentativ entgegen zu treten und andererseist bestrebt ist, möglichst jedes Aufeinandertreffen mit ihnen zu vermeiden, ist mir auch schon aufgefallen.

Der Gehenkte
25. Februar 2019 11:58

Eine saubere Analyse einer wenig sauberen Denunziation. Verdrießlich daran ist, daß die Laurins dieser Welt noch immer bestimmen können, wer dem allgemeinen Publikum etwas zu sagen hat und wer nicht.

Es bleibt also die Kardinalfrage offen: Wie gelingt es uns, diese Podien zu erklimmen. Ich halte das für essentiell, denn solange die Laurins Torwächter bleiben, ist der rechten Hälfte der Vernunft der Weg in die Öffentlichkeit verwehrt und erst auf dieser Grundlage kann man Strohmänner wie "Rechtsextremismus" oder "nicht auf der Grundlage des GG stehend" u.ä. aufbauen. Laurin hat ja insofern recht, als daß diese Pappkameraden schnell zusammenklappen würden, fände die öffentliche Debatte statt. Er muß es also ablehnen.

Daher bleibt die Aufgabe bestehen: Der Gegner muß uns kennenlernen, dann werden viele in seinen Reihen die Fronten wechseln oder aber die Verlogenheit der eigenen Protagonisten erkennen. Dieser Teufelskreis muß durchbrochen werden, weshalb ich auch nicht viel von "Man kann mit denen nicht reden" halte. Mag sein, daß dem so ist - aber man muß es trotzdem immer wieder probieren! Dort zumindest, wo es sinnvoll erscheint.

All das auf der Grundlage: "Das rechte Denken ist nicht "apokalyptisch", sondern realistisch." Unser größter Trumpf!

Niekisch
25. Februar 2019 12:20

"andererseits bestrebt ist, möglichst jedes Aufeinandertreffen mit ihnen zu vermeiden"

@ Fritz 11:50: das ist praktische Dialektik, zu theoretischer sind die nicht mehr fähig.

Gotlandfahrer
25. Februar 2019 12:25

Hochgeschätzter ML,
das mit der Projektion bei Linken und auch all das andere halte ich für richtig und hervorragend zusammengefasst.

Es erklärt aber alles nicht die Dynamik des Prozesses, in dem wir uns bewegen. Denn die genetische Disposition und Verteilung von Eigenschaften dürfte sich nicht geändert haben, die Entkopplung von Haltung und Lebenswirklichkeit aber schon.

Aus meiner Sicht stellt sich im erreichten Transaktionskostenstadium unserer Gesellschaft die Frage, ob der Mensch tatsächlich über seine geistigen Mittel frei verfügen kann, oder ob wir nicht doch der Energieeffizienz folgende Endstücke eines Systems "Mensch" sind, das sich nicht um barocke Altstädte und kultiviertes Benehmen schert. Unter Umständen sind wir "Neurechten" die Anomalie, da wir uns dem zyklischen Zug zum Chaos widersetzen. Oder auch diese Anomalie gehört dazu, einfach weil sie Ausdruck der evolutorisch herausgespielten Ordnungsfähigkeit eines sich aus dem Strom der Unordnung windenden Schreies nach Existenz ist.

In jedem Falle habe ich soeben Herrn Laurin folgenden Kommentar geschrieben, mal schauen ob es dort veröffentlicht wird:

Werter Herr Laurin,
Ihr Brief ist hoch interessant, da sich an ihm herauskristallisiert, wie Wahrnehmung, Kommunikation und Feedback in menschlichen Gruppen - trotz objektiver Selbstwidersprüchlichkeiten im Aussagensystem - zu trügerischen Wahrheitsübereinkünften führt. Vereinfacht: Groupthink.

Je nach Zustand des Systems kann dies dann zu historisch gut belegten, immer wieder auftauchenden Massenhysterien und „Räuschen“ führen. Meiner Vermutung nach geschieht dies dann nicht trotz, sondern sogar allein aufgrund der menschlichen Fähigkeit zu abstraktem Denken. Mir ist neulich dafür der Begriff „Intelligenzinduzierter Illusionismus“ in den Sinn gekommen, der mir geeignet erscheint, um das Phänomen zusammenzufassen.

Ein Kennzeichen für die dem Rausch vorangehende, komplexe Wechselwirkung ist stets, dass ein hoch erregter Teil der Gruppe sich selbst dazu aufgerufen fühlt, andere Teile der Gruppe dazu aufzurufen, gegen das absolut Böse „tätig“ zu werden. Der Kipp-Punkt hin zum Rausch ist dann erreicht, wenn diejenigen, die den öffentlichen Diskurs beherrschen (und der Diskurs wird kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert, vertrauen Sie da ganz auf Foucault), nach schrittweise erreichter Homogenisierung ihres umgebenden Referenzsystems, nur noch in einem monodirektionalen Nachahmungswettbewerb „punkten“ können. Dann schwillt der „Gesang“ in der Mehrheits-Filterblase derart an, dass die Erregung auf alle, die nicht nicht dabei sein wollen oder können, überschwappt.

Daher sind Aussagen wie „Wir sind mehr“ oder „Wir sind 87%“ ein verlässlicher, beunruhigender Indikator dafür, dass ein solcher Punkt erneut nahe bevorsteht.

Was hat das jetzt mit Ihrem Brief zu tun?

Ganz einfach: Ihr Eifer, mit dem Sie hier aufgrund einer drohenden Untat zu einem Handeln auffordern („lassen Sie es“), steht, soweit werden Sie mir zustimmen können, ganz und gar im Einklang mit der aktuell, sagen wir: „mehrheitsfähigen“ „Haltung“.

Gerade Sie, der Sie sich so ausdrucksstark auf die Aufklärung beziehen, werden wissen, dass Aufklärung zunächst und vor allem die Befreiung von Alternativlosigkeit war. Und zwar durch Einführung des Zweifels als Mittel des kontinuierlichen Tests der eigenen Hypothesen. Sie werden ebenfalls wissen, dass Fortschritt nie von „der Mehrheit“ erdacht oder erreicht wurde, sondern von Individuen und Minderheiten. Und dass diese sehr oft dafür zunächst als Spinner, Außenseiter, ggf. sogar als „gefährlich“ bezeichnet wurden, insbesondere immer dann, wenn deren Ideen denen, die den Diskurs beherrschten, nicht dienlich erschienen.

Nun gehört es ebenso zum Phänomen des Rausches, dass sich die in ihm Getriebenen nie als Teil eines solchen empfinden, sondern sich stets in bester Absicht handelnd wähnen. Das macht die besondere Schwierigkeit unserer derzeitigen Situation aus, denn wenn es nun mal keinen objektiven Beobachter zweiten Grades geben kann, der ein akzeptiertes Urteil fällt, wie soll dann noch vermittelt werden können, wenn mindestens eine von zwei Seiten diesem Rausch verfallen ist? Die dem Rausch Verfallenen werden stets darauf hinweisen, dass sie es gerade nicht sind, sondern die anderen, die die Voraussetzungen eines Diskurses nicht mehr erfüllen.

Es ist die Tragik der menschlichen Intelligenz, dass sie noch keinen Weg gefunden hat, sich selbst auf den Zustand eines Rausches zu testen. Dabei gibt es geeignete Indikatoren.
Einer ist zum Beispiel die Prüfung der eigenen (eben „mehrheitsfähigen“) Rede auf Merkmale der Projektion. Lesen Sie bitte einmal Ihren Text aus der Sicht eines völlig Unbeteiligten, sagen wir aus Sicht eines Außerirdischen, der weder der einen noch der anderen Seite zuneigt.

Was wird der Außerirdische über Sie denken, wenn er einige historische Eckpunkte der deutschen Geschichte kennt und dann zum Beispiel Ihre folgenden Passagen liest:

„Demokraten dürfen nie kapitulieren. Ein solches Handeln ist als schändlich zu bezeichnen. Da mir der Gedanke an Kapitulation gänzlich fremd ist, habe ich nicht vor, mich an einer solchen zu beteiligen, auch wenn Sie es sind, die die Fahne vor dem Feind in den Staub sinken lassen.“

Nun bin ich kein Außeririscher, aber ich unterstelle, ein solcher würde sich an die Rhetorik einer einschlägig bekannten Geisteshaltung erinnert fühlen, die Sie ja gerade als das, was es zu bekämpfen gilt, herausstellen.

In der Psychologie nennt man dies - von Schulen unabhängig - Projektion: Projektion ist ein Abwehrmechanismus. Der Begriff Projektion umfasst das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konfliktes durch die Abbildung eigener Emotionen, Affekte, Wünsche und Impulse, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen können, auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt.

Ich möchte Sie damit nicht pathologisieren, nur einen Hinweis darauf geben, dass Sie sich fragen sollten, von welcher Art innerem Gefühl Sie tatsächlich beseelt sind.

Denn auch folgendes könnten Sie wissen – und wenn nicht, machen Sie sich bitte zügig damit vertraut: Nicht unsere Intelligenz und Rationalität bestimmt unser Denken und Handeln, sondern unsere Intuitionen. Je intelligenter wir sind, desto überzeugender können wir diese nur anderen und uns selbst gegenüber verargumentieren. Und ich halte Sie für sehr intelligent.

Ein weiterer Indikator, den man zur Selbstprüfung betrachten kann, um festzustellen, wie weit man Teil eines Rausches geworden ist, ist die Isolierung eines einzelnen Zielkriteriums als alle anderen „übertrumpfendes“.
Denn wenn Sie schreiben:

„Sie (die Idee des Ethnopluralismus) ist der ideelle Kern einer immer populärer werdenden Identitätspolitik, die Menschen nicht mehr als Individuen mit denselben Rechten sieht, wie es die Erklärung der Menschenrechte beschreibt, sondern als Teil von Gruppen, Ethnien, Kulturen oder Religionen.“

Dann möchte ich zunächst Sie selbst bemühen:
„Man mag das als Kinderei abtun, im Kern ist es jedoch nichts anderes als eine Abkehr von der Aufklärung.“

Denn Sie zeigen zwar ein beachtliches Vermögen in abstraktem Denken, täuschen sich mit Ihrem gefühlt naheliegenden Schluss aber darüber hinweg, dass es selbstverständlich immer mehrdimensionale Abhängigkeiten sind, die einen lebensweltlichen Zusammenhang kennzeichnen. Ihr Wunsch, die Erklärung der Menschenrechte (die im Übrigen selbst sehr differenziert ausfallen, und nicht für ein „passt immer“ geeignet sind) als Erst- und Letztbegründung für vollständige Unerheblichkeit der menschlichen Eingebundenheit in Gruppen, Ethnien, Kulturen oder Religionen heranzuziehen, ist Ausdruck des Strukturwunsches in einer Zeit, in der der „Poststrukturalismus“ Strukturen als solche nicht mehr gültig sein lassen will. Während die Strukturen, die uns sein ließen, aber komplexe, mehrdimensionale sind, ersetzen Sie diese nach dem Schleifen durch eine schöngeistige Leitlinie. Diese ist so schön, dass ihr niemand widersprechen mag, aber eben auch zu schön, um mit ihr etwas konkret anfangen zu können, außer eben zum Abtrag all dessen, was zum Beispiel auch Sie in die Lage versetzt hat, einen Brief an die „Studienstiftung des deutschen Volkes“ zu richten.

Ihr Ideal ist es, die Welt zu einer Fläche zu machen, die wie der Straßenverkehr nach einem Satz von Ordnungsregeln „gemanagt“ wird. Kriegste halt ein Ticket, wennde zu schnell fährst. Aber so funktioniert Welt nicht.

Nichts Anderes trägt, so wie ich es sehe, ein Herr Kubitschek vor. Alles andere ist dumme und/oder böswillige Unterstellung.

Andere dazu aufzufordern, der einzigen Opposition im Lande keine Bühne zu bieten ist dumm. Sie sind nicht dumm. Lassen Sie es.

Laurenz
25. Februar 2019 14:42

Ist es wirklich sinnvoll, dem linken Zwerg diese Aufmerksamkeit zu schenken, auch wenn diese Aufmerksamkeit brillant verbrieft ist? Im Angesicht des Kubitschek-Artikels "Die Selbsterdrosselung der „Zivilgesellschaft“", erscheint mir die logische Essenz wie "die Sonne geht im Osten auf". Nichts gegen das LSG, wobei dieses Gesetz wohl schon zur Zeit des Königs Gilgamesch gültig war. Mordete, wenn ich mich recht erinnere, nicht auch Gilgamesch, wie Alexander der Große, seinen besten Freund? Bereits früher mutmaßte ich, daß zu öffentlichen Auftritten ein gewisser Narzißmus, ein zumindest beschränkter Hang zum Exhibitionismus nötig sei, das betrifft wohl alle Menschen, egal welcher politischen oder kulturellen Couleur und kommt auch bei den Charakteren von Tieren vor.

Was die Intelligenz der Selbsterkenntnis angeht, so wählte Karl Lagerfeld seine private Einsamkeit selbst, weil Ihm fast niemand gut genug war, trotz oder gar wegen Seiner medialen Größe? Ich selbst bin ein Klugscheißer und Rechthaber und entstamme einer Familie von Klugscheißern und Rechthabern in unterschiedlichen Graden der Intensität. Der Unterschied zu meiner Familie ist, daß ich ob dieses Umstands weiß. Macht mich dieser Erkenntnisgewinn jetzt intelligenter oder besser? Zugegeben, in Konflikten mit meinem sozialen Umfeld, gelingt es mir ab und an, gemäß Castaneda, welcher mich erst auf die Tatsache meiner Klugscheißerei/Rechthaberei hingewiesen hatte, meinen eigenen Charakter zu umgehen und zu erkennen, daß hin und wieder auch andere, z.B. andere Foristen auf SiN, Recht haben und klugscheißen dürfen.

Ich bin Carlos Castaneda daher tiefen Dank schuldig, weil ich Ihm das nie sagen konnte, aber immerhin hatte ich seine Bücher bezahlt. Und wenn wir das, was Herr Lichtmesz hier trefflich beschrieben hat, auf alle verallgemeinern würden, bleibt nur die Logik und das bessere Argument, wenn wir uns im Disput befinden, insoweit es dazu überhaupt kommt. Da es sich bei Linken um den Erfolg beim Verkauf einer Zivilreligion handelt, stehen dem linken Hirten, die oppositionellen Rechten als Vertreter der rationalen Machbarkeit gegenüber. Es kann daher nur eine historisch traditionelle Verteufelung der rechten Ketzer geben, alternativlos.

Ist die Wahrscheinlichkeit nicht doch recht hoch, als im letzten Artikel von Frau Kositza, "Das war's. Diesmal mit: rechten Frauen und linken Männern", als Frau Kositza im Urlaub eine Kirche zum Gebet suchte und keine fand, mindestens ein Kind ein "Dankgebet" gegenüber dem gnädigen Schicksal gen Himmel stieß und lieber dem "Heidenspaß" gefrönt hätte?

Der_Juergen
25. Februar 2019 16:20

Ich protestiere! Ich protestiere ganz entschieden! Zwar mag ich den Stefan Laurin gar nicht, aber ich finde es geradezu niederträchtig, ihn dermassen zu verhöhnen. Schliesslich ist nicht jeder Leser intelligent genug, um auf Anhieb zu erkennen, dass das eine heimtückische und boshafte Satire ist, mit einem fiktiven Laurin-Text aus irgendeiner Zeitung als traurigem Höhepunkt.

Nein, lieber Lichtmesz, so geht das nicht! Sie haben das Recht, Laurin zu kritisieren, scharf sogar, aber Sie haben nicht das Recht, ihn in einer Satire, die die wenigsten Leser als solche durchschauen können, als Volltrottel darzustellen! Auch dogmatische Linke besitzen ein Recht auf Schutz vor solch perfider Verspottung.

RMH
25. Februar 2019 16:25

Lichtmesz trifft den Nagel wieder auf den Kopf - sein Bemühen, dass es auch noch der letzte kapiert, lässt den Artikel zwar etwas ausufern, aber solchen Jammer-, Rechtfertigungs- und Zirkelschlusslinken wie dem Herrn Laurin sei doch empfohlen, sich einmal ernsthaft mit dem letzten real existierenden Sozialismus zu beschäftigten, denn dort war man deutlich weiter und konsequenter, was das Thema Diskursverweigerung anging. So lies man den Oktoberklub artig einflößend singen:

"Und ich lernte: Die uns hassen, sind nicht plötzlich unser Freund. Auch wenn wir sie loben lassen, was uns trennt, sie sind uns feind. Und ich lernte aufzupassen." (Aus dem Lied "Ich bin wie alle blindgeboren").

LotNemez
25. Februar 2019 17:14

Spielt hier jemand Schach?
Die schwache, zirkelschlüssige Argumentation der Laurin-Linken erinnert mitunter an ein immer hilfloseres Hin-und-Hergeschiebe ihres Königs, welcher seinerseits von einem nervösen Springer und ein paar schwachen Bauern dürftig gedeckt wird.

Erst fällt die Dominanz über den Gegner, dann die eigene, verschränkte Deckung, dann folgt die Verdrängung aus der Mitte, dann beginnt das große Schlagen und Jagen.
Sprich: Erst bröckelt die Überlegenheit des Arguments, dann schwindet die Rückendeckung für das Scheinargument, dann fällt die Diskurshoheit, dann muss nach und nach aufgesteckt werden.

Dem schwächeren (teilweise auch unglücklicheren) Spieler schwant früh, dass die Situation zu den eigenen Ungunsten kippt; und zwar bereits einige Züge bevor sich der Gegner seiner Überlegenheit bewußt wird.

Er könnte jetzt aufgeben, aber Ergeiz und Scham, vielleicht Alternativlosigkeit, vielleicht die Sitten des Spiels, nötigen ihn zum Weitermachen.

Insofern regt sich der Verdacht, dass hier jemand tatsächlich bereits seiner Niederlage entgegenbangt, mit der leisen Hoffnung, die Umstehenden würden seinen Angstschweiß nicht riechen. Dabei noch schlüssig zu denken (vom Schlagabtausch mit offenem Visier ganz zu schweigen) - durchaus eine hohe, für Laurin zu hohe Kunst.

Atz
25. Februar 2019 18:22

Ungarn macht Sozialpolitik, nimmt Kohle in die Hand um die systematische Benachteiligung von Ehepaaren mit Kindern im Land abzumildern.

Linky: Orban will die Wurfprämie!! Frauenrechte sind ihm s*egal.

Brain: Das klingt aber echt menschenverachtend. Das finde ich voll Moppelkotze.

Linky: Mich schckiert das total aber das ist eben die Politik von Orban, der die Menschenwürde und die Rechte der Frauen mit Füßen tritt. Gegen die Politik dieses autokratischen Antisemiten müssen wir aufstehen. Kein Fuß breit für Orban!!

usw.

Ich sehe da bei Laurin noch was anderes am Werk: Nach meiner Erziehung spricht man miteinander und gegeneinander, nicht schlecht über jemanden der nicht da ist. Wenn jemand schon so diese Bereitschaft hat, dem Diskurs auszuweichen, aber dann doch über denjenigen exzessiv zu reden, dann ist da was faul. Wo ist denn da das "offene Visier"?

Franz Bettinger
25. Februar 2019 18:45

@Laurenz: Sie schreiben: "Ich bin ein Klugscheißer und Rechthaber und ich entstamme einer Familie ebensolcher. Ich weiß um diese Tatsache. Macht mich diese Erkenntnis nun intelligenter oder besser?"

Eindeutig Ja, es macht Sie intelligenter. Ob es Sie besser macht? - Jedenfalls gehören Sie zu den wenigen, die ihr Erkenntnisorgan (das Gehirn) nicht verkümmern lassen, sondern es fordern und es dadurch zu einem der Evolution vielleicht einmal dienlichen Instrument schleifen. Ich selbst empfinde geradezu eine Lust, mit wirklich geistig offenen Menschen reden zu können, erst recht wenn diese gebildet und intelligent sind, was, der Seltenheit dieser Spezies geschuldet, äußerst selten vorkommt. Manchmal treffe ich solche Menschen auf SiN, manchmal lernt man sich sogar persönlich kennen, manchmal wird man durch ein Treffen gar glücklicher - und manchmal sogar besser. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt, nicht wahr.

Franz Bettinger
25. Februar 2019 18:51

Ich glaube, der phänomenale Schönhuber-Auftritt in Gottschalks Late Night Show 1992 war der Linken bzw. Deep State eine Lehre, die sie nie vergessen und aus der sie (leider) gelernt haben, sich nicht öffentlich und fair mit denen anzulegen, die das System durchschaut und recht haben und deshalb Rechts sind.

LotNemez
25. Februar 2019 19:15

@Laurenz
"Zugegeben, in Konflikten mit meinem sozialen Umfeld, gelingt es mir ab und an, gemäß Castaneda, welcher mich erst auf die Tatsache meiner Klugscheißerei/Rechthaberei hingewiesen hatte, meinen eigenen Charakter zu umgehen und zu erkennen, daß hin und wieder auch andere, z.B. andere Foristen auf SiN, Recht haben und klugscheißen dürfen."

Ich bin (fast) sprachlos. Sie machen ihrem Ruf als "echter Ketzer" (O-Ton eines Foristen) alle Ehre, indem Sie hier am eigenen Beispiel!! einen blinden Fleck ansprechen, den wir gern und zu Recht dem Gegner attestieren, der aber tendenziell jeden Diskursteilnehmer und unser Lager im Ganzen spätestens dann betrifft, wenn sich uns die Opportunisten anschließen und es um Teilhabe am "sozialen Kapital" (Bourdieu) geht - eine Revolution ist nicht das Umwerfen des gesamten Spieltisches, mit ihr vollzieht sich lediglich eine Neubewertung der Spielchips. Auch die Konservative Revolution wird diesem Gesetz unterworfen sein.

Zurück zu ihren Schlussfolgerungen aus der Lektüre Castanedas: Meinen Respekt für diese entwaffnende Ehrlichkeit. Und ich hatte schon halbwegs beschlossen, ihre Einträge (teilweise werden Sie doch sehr persönlich, nicht immer notwendigerweise) nicht mehr zu lesen. Wie gut, dass ich so inkonsequent bin.

Den besagten blinden Fleck beschreibt auch
@Gotlandfahrer, wie ich finde, äußerst treffend:
"Ein Kennzeichen für die dem Rausch vorangehende, komplexe Wechselwirkung ist stets, dass ein hoch erregter Teil der Gruppe sich selbst dazu aufgerufen fühlt, andere Teile der Gruppe dazu aufzurufen, gegen das absolut Böse „tätig“ zu werden. Der Kipp-Punkt hin zum Rausch ist dann erreicht, wenn diejenigen, die den öffentlichen Diskurs beherrschen (...), nach schrittweise erreichter Homogenisierung ihres umgebenden Referenzsystems, nur noch in einem monodirektionalen Nachahmungswettbewerb „punkten“ können. Dann schwillt der „Gesang“ in der Mehrheits-Filterblase derart an, dass die Erregung auf alle, die nicht nicht dabei sein wollen oder können, überschwappt."

Im Rausch zählt das Argument nicht mehr als solches, es gerät zur rituellen Litanei, zur Gesinnungsformel. Sollten wir diesen Kipppunkt noch nicht vollumfänglich erreicht haben, in dem eine kritische Masse in einen kollektiven Rauschzustand fällt - und ich glaube, das ist so - dann gilt es, weiterhin um das bessere Argument zu ringen, gilt also dies:

@Der Gehenkte:
"Daher bleibt die Aufgabe bestehen: Der Gegner muß uns kennenlernen, dann werden viele in seinen Reihen die Fronten wechseln oder aber die Verlogenheit der eigenen Protagonisten erkennen."

Frieda Helbig
25. Februar 2019 19:16

@Gotlandfahrer:
Wurde ja veröffentlicht inkl. "witziger" Antwort.

Der Kommentarbereich unter dem Originalartikel ist erheiternd: Auf die Frage, warum K. ein Rechtsradikaler sein, antwortet Laurin: "Völkisches Denken, damit hat sich die Sache erledigt." Mh, und was ist völkisches Denken, achja stimmt, rechtsradikal...noch Fragen? ;-)

RMH
25. Februar 2019 20:22

"Ich glaube, der phänomenale Schönhuber-Auftritt in Gottschalks Late Night Show 1992 war der Linken bzw. Deep State eine Lehre,"

@Bettinger,
Jörg Haider hatte aber auch seine starken Momente im deutschen TV, u.a. bei Böhme und einmal bei dem Küppersbusch, der jetzt nur noch hinter den Kulissen wirksam ist (lesson learned).

Laurenz
25. Februar 2019 21:04

@Franz .... Castaneda, oder besser, sein vielleicht virtueller Meister Don Juan, behauptet, unser Charakter sei weitestgehend festgelegt. Ist es nicht so, daß auch die Schulmedizin besagt, daß in den ersten 6 Lebensjahren unsere Persönlichkeit weitestgehend geprägt wird? Auch deswegen proklamierten wohl die Jesuiten: "Gib mir ein Kind die ersten sechs Lebensjahre und es gehört ein Leben lang der Kirche. (Und dann macht mit Ihnen, was ihr wollt.)"

@LotNemez ... ja, da haben Sie wohl Recht, ich werde auch im Falle des Falles persönlich. Ich habe nichts gegen das sehr deutsche Sprichwort über das Echo des Waldes :-)

ede
25. Februar 2019 23:58

Das LSG ist bewiesen, sehr hübsch.
Ich habe auch eins gefunden. Wenn man unsicher ist, was richtig oder falsch ist, muss man nur nachschauen, was die Grünen dazu sagen, das ist immer falsch.

Boreas
26. Februar 2019 10:40

Früher erkannte man die Irren daran, das sie irgendwann die Templer aus dem Hut zogen. Heute verweigern sie den Diskurs und regen sich auch noch darüber auf. Und vor allem: Keine guten Gesichter! Das hat schon Hans Blüher erkannt.

Waldgaenger aus Schwaben
26. Februar 2019 10:51

In der oberen Mitte der 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts reiste ich öfters mit dem Auto über die DDR nach Polen.
Die Grenzer an der DDR-Westgrenze waren noch sehr dienstbeflissen. An der DDR-Ostgrenze schon deutlich entspannter und Polen tiefenentspannt. Die machten halt ihren Job und nicht mehr sein musste.

Linke C- und D-Promis wie dieser Laurin gleichen vielleicht diesen Grenzern. Man macht halt seinen Job. Auf Podiumsdiskussionen mit Gleichgesinnten ein paar auswendig gelernte Sätze runterspulen, aus Textbausteinen einen Artikel gegen Rechts zusammenschrauben, das ist relativ chillig. Aber eine Podiumsdiskussion mit echten Rechten?

Da müsste man ja ein paar Aufsätze lesen, vielleicht sogar Bücher. Und nicht nur lesen, sondern sogar auch verstehen.
Und nicht nur verstehen, sondern sogar auch darüber nachdenken. Und nicht nur darüber nachdenken, sondern sogar sich überlegen, was man auf das eine oder andere Argument erwidern sollte, wenn es käme.

Viel zu stressig. Lieber eine Begründung zusammen googlen, warum man Rechten kein Forum für ihre menschenverachtenden , völkischen, intoleranten Parolen bieten darf.

Vielleicht ist das eine Erklärung.

heinrichbrueck
26. Februar 2019 11:11

Unser Zwergenkönig ist im Krieg?
„Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen.“ (Sunzi)
Seine Erziehung befindet sich im letzten Zustand, wie die ganze Nachkriegsrepublik in diese Richtung gefördert und gelenkt wurde. Hätte Rumpelstilzchen einen Butler gehabt, die solcherart erzogenen Handlanger eigneten sich hervorragend, den Namen zu verschleiern und der Königin das erste Kind zu rauben.

Monika
26. Februar 2019 11:50

Jungs, man muss diesen Text von Herrn Laurin nicht rannehmen, um an diesem das LSG zu verifizieren !!!
Das ist doch Pillepalle. Die entscheidene Stelle in Laurins Text ist doch folgende:

" Eine solche mit Egozentrik gepaarte Hybris verkennt, dass es im Kern die Ideen der Rechten sind, die zunehmend die gesellschaftliche Debatte bestimmen. Aus dem völkischen Denken entwickelte sich gegen Ende der sechziger Jahre die Idee des Ethnopluralismus. Sie ist der ideelle Kern einer immer populärer werdenden Identitätspolitik, die Menschen nicht mehr als Individuen mit denselben Rechten sieht, wie es die Erklärung der Menschenrechte beschreibt, sondern als Teil von Gruppen, Ethnien, Kulturen oder Religionen. Nein, die Rechten haben es nicht nötig, gegen das von Leo imaginierte „uns“ zu reden, um zu existieren. Ihre Vorstellungen sind wirkmächtig und gewinnen an Einfluss. Sie sind dabei, die Ideen der Aufklärung und die Moderne mit ihren Versprechen in die Defensive zu drängen."
Wenn dem so ist, dass ( gefährliche ?) rechte Ideen zunehmend die Debatte bestimmen, dann ist es ein sträflicher Leichtsinn der Linken, einer Diskussion auszuweichen ! Vertraut man plötzlich nicht mehr der eigenen moralischen Überlegenheit ?
Eine Absage aus Unsicherheit ? Das lässt tief blicken.
Indem die Linke sich intellektuell schont, schont sie allerdings auch die intellektuelle Rechte . Fazit:
mindestens gähnende Langeweile.....

Ostelbischer Junker
26. Februar 2019 21:27

,, Demokraten kapitulieren nie''

Stellt schon mal den Sekt im Führer^#*Innenbunker kalt, die Geächteten klopfen bald ans Tor.

Michael B.
27. Februar 2019 09:42

> Dass die Rechte dafür besonders anfällig sein KÖNNTE (These!), ist mutmaßlich in ihrem starken Bedürfnis nach Einigkeit begründet.

Das halte ich fuer ein Geruecht. Schildwaelle inklusive Selbstreinigungen mit extremem pH-Wert haben auch linke Parteien doch nun schon ueber lange Zeit wiederholt exerziert.

Rechte sind nicht bessere Menschen, das sollten sie sich nicht einbilden. Unter entsprechenden Umstaenden transformieren sie als Gruppe wie jede andere Gruppe auch. Die Gruppe als solche und das normierende Gruppendenken sind hier m.E. das Problem.

Ich persoenlich bin weder rechts noch links, die meisten solcher Kategorien charkterisieren meine Stellung in und meinen Blick auf die Welt einfach nicht passend. Und als Individuum gesehen, ist mir natuerlich die Fragilitaet dieses - individuellen - Zustands im Vergleich zu Gruppen sehr bewusst. Seien es tribale Strukturen wie die der hereinflutenden Goldstueckchen oder ideologische Gleichrichter auf unterirdischem Niveau wie die deutsche Zeitgeistgesellschaft, gegen die man immer umfangreicher gezwungen wird, anzutreten. Denn ich habe eigentlich Besseres zu tun.

Das ist uebrigens ein Punkt, den man viel oefter und staerker explizit machen sollte: Die meisten Leute gehen anderen Dingen nach als Politik, auch mit Herz und Verstand. Bei mir ist das eine berufliche Verbindung aus Wissenschaft und IT. Das fuellt eigentlich grosse Teile meines oeffentliches Leben der Interaktion mit der Gesellschaft, stattdessen muss ich mich mit politischem Unrat befassen, ueber den man schon einmal hinweg zu sein schien. Das haelt die mir wesentlichen Dinge auf bzw. wirft sie mittlerweile sogar in breiter Front zurueck. Das ist das Schmerzhafte und das wird letztlich extrem viel kosten.

Michael B.
27. Februar 2019 10:25

Ooops, wie bin ich denn in diesen thread gerutscht? Koennte man das in den Passenden verschieben (https://sezession.de/60261/die-afd-braucht-ein-starkes-umfeld)

heinrichbrueck
27. Februar 2019 10:31

@ Gotlandfahrer
Die Nummer mit dem Außerirdischen funktioniert nicht. Sie können als Mensch einen Außerirdischen nicht denken, es sei denn, der Außerirdische wäre auch ein Mensch. Sie könnten auch sagen, was würde ein hungriger Wolf denken, wenn er Laurin und Gotlandfahrer sieht. Frißt der Wolf Laurin, weil Gotlandfahrer der bessere Demokrat scheint? Sie müssen schon, ohne Hilfe des Außerirdischen, beweisen, ob Demokratie möglich ist.

Zooey
27. Februar 2019 22:06

Schwach ist doch, dass die Studienstiftung eingeknickt ist (wie ich anderswo lese, nicht allein wegen dem Laurin). Das ist doch keine Art - und dann mit dieser hanebüchenen Begründung, Kubitschek stehe nicht auf dem Boden des Grundgesetzes (blitzt da nicht die ungute Blut und Boden-Metaphorik auf?).

MartinHimstedt
27. Februar 2019 23:38

Am 5. Mai trifft nun Karlheinz Weißmann auf Jakob Augstein – und zwar auf Schloss Ettersburg. Einer von Augsteins Redakteuren hat seinen Unmut via facebook bereits kundgetan: Jakob Augstein (Zitat: "Refugees welcome") ist jetzt "Wasserträger der radikalen Rechten", der Konservative Weißman macht ein "rechtsradikales" Magazin. Man darf gespannt sein, wie das Ganze weitergeht. Von Augstein erwarte ich indes gar nichts. Vielleicht ist ja jemand in der Nähe. Ich bin sicher, man bekommt seine 10€ wieder, wenn es abgesagt wird:

https://schlossettersburg.de/kultur/kalender/e/jakob_augstein_und_karlheinz_weiszmann-78.html