Per Leo zur Leipziger Buchmesse

Per Leo, Co-Autor des Buches Mit Rechten reden hat im Freitag einen Kommentar zur Leipziger Buchmesse und den dortigen "Verlage-gegen-Rechts"-Zirkus veröffentlicht.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Er mahnt dar­in das empör­te Volk zur Cool­ness, wirkt dabei aller­dings selbst ziem­lich ver­bis­sen. Er hat etwas zu zer­kau­en, etwas abzu­ar­bei­ten an den Rech­ten. Wie schon in sei­nem Buch müht er sich ab, mit einem Phä­no­men fer­tig­zu­wer­den, von dem er selt­sam fas­zi­niert zu sein scheint.  Sei­ne Argu­men­ta­ti­on folgt aus den The­sen von Mit Rech­ten reden (zu deren Kri­tik sie­he hier, hier, hier und hier)Kurz gefaßt: Empö­rung über ihre “Pro­vo­ka­tio­nen” mache die Rech­te stark, ergo müs­se man ihnen nur gelas­sen begeg­nen, damit ihnen die Heiß­luft ausgehe.

Das Dilem­ma des “Kamp­fes gegen Rechts” laute:

Ent­we­der, so lie­ße es sich umschrei­ben, ihr nehmt unse­re Prä­senz auf der Buch­mes­se hin; dann sind wir der »rechts­in­tel­lek­tu­el­len Nor­ma­li­tät«, um die es uns geht, einen guten Schritt näher gekom­men. Oder ihr macht uns zum Dau­er­the­ma, zum Skan­dal, zum Objekt eurer Stö­run­gen; dann betreibt ihr unfrei­wil­lig unser Geschäft.

Dem stim­me ich zu, aller­dings möch­te ich anmer­ken, daß all dies kei­nes­wegs so eine “Rie­sen­gau­di” ist, wie Leo es hin­stellt; und der “Skan­dal” allein reicht nicht, um ein erfolg­rei­ches “Geschäft” zu betrei­ben, es bedarf auch einer trag­fä­hi­gen Sub­stanz, wes­halb eine alter­na­ti­ve Stra­te­gie die Baga­tel­li­sie­rung und Lächer­lich­ma­chung ist, wie sie etwa Ulf Pos­ch­ardt neu­lich apro­pos Uwe Tell­kamp betrieb, als er vom “voll­kom­men über­schätz­ten Theo­rie-Ramsch­la­den der Rech­ten, dem soge­nann­ten Anta­lya-Ver­lag von Ruth Kubit­schek (oder so)” schrieb.

Auf die­ses Dilem­ma gäbe es nach Leo vier Reaktionen:

1. Igno­rie­ren und wei­ter fes­te druff à la Anti­fa, was letz­te­re wie eine SA-Trup­pe daste­hen läßt. Bringt nichts, ins­be­son­de­re wenn es schlau gekon­tert wird.

2. Her­um­ei­ern à la #ver­la­ge­ge­gen­rechts oder wei­land der Deut­sche Bör­sen­ver­ein und “Aus­stel­ler wie Antai­os irgend­wie akzep­tie­ren, aber irgend­wie auch nicht”. Das Ergeb­nis führt zum “per­for­ma­ti­ven Wider­spruch, im Namen von ‘Viel­falt und Mei­nungs­frei­heit’ nicht für, son­dern gegen den Ein­schluss einer unlieb­sa­men Mei­nung zu pro­tes­tie­ren”. Und mit ins­ge­samt 13 Ver­an­stal­tun­gen, “auf denen die ‘demo­kra­ti­sche’ Gesin­nung viel Mes­se­raum und Mes­se­zeit zur Selbst­dar­stel­lung ein­neh­men wird”, wird all dem, was “von ‘rechts’ bejaht wird” per Nega­ti­on reich­lich Raum und Schall­ver­stär­kung gegeben.

3. Der drit­te Ansatz wäre “kol­lek­ti­ves Beschwei­gen”, also Tot­schwei­gen, das aber “lei­der [sic] nur in Dik­ta­tu­ren orga­ni­sier­bar” sei. Das wäre Leo am liebs­ten, und hier malt er aus, wie lächer­lich der böse Ver­lag plötz­lich daste­hen wür­de, wenn sich kein Mensch für ihn inter­es­sie­ren wür­de. Das wäre qua­si der Her­ku­les-Griff, der den Rie­sen Antai­os hoch­hebt und ihm den lebens­spen­den­den Kon­takt mit  dem Boden entzieht.

Ohne ihre Fein­de wären die Rech­ten schließ­lich auf sich selbst zurück­ge­wor­fen. Wie das aus­sä­he, ließ sich in den ruhi­ge­ren Momen­ten der Frank­fur­ter Buch­mes­se erah­nen. An ihrem Stand muss­ten die Antai­os-Mit­ar­bei­ter qua­si im Minu­ten­takt maschi­nen­ge­tipp­te Manu­skrip­te zurück­wei­sen, die ihnen deut­sche Grei­se zur Ver­öf­fent­li­chung anbo­ten. Und auf ihren Podi­en muss­ten sie sich not­ge­drun­gen mit sich selbst unter­hal­ten, was meist unbe­hol­fen wirk­te, zuwei­len aber auch sehr komisch. (…) So sähe sie aus, die hart erkämpf­te rechts­in­tel­lek­tu­el­le Nor­ma­li­tät auf der Buch­mes­se: Allein unter 7.300 Aus­stel­lern, Hor­den von Eso­te­r­i­ko­mas auf Klos­ter­frau Melis­sen­geist und der klei­ne, böse Akif. Stress ohne Ende, null Adrenalin.

Hier ist der Wunsch Vater des Gedan­kens von Gevat­ter Leo. Leo hat sich in Frank­furt ein, zwei­mal am Antai­os-Stand bli­cken las­sen, und zwar noch in den eher ruhi­ge­ren Tagen vor dem Wochen­en­de. In den drei Tagen, an denen ich dabei war, herrsch­te bei uns stän­dig Betrieb und Besuch, es gab vie­le und gute Gesprä­che mit Lesern und Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Geg­nern, und ich für mei­nen Teil bin kei­nem ein­zi­gen deut­schen Greis begeg­net, der mir ein maschi­nen­ge­tipp­tes Manu­skript anbot.

Auf dem Podi­um haben wir exakt das­sel­be getan, was auch die ande­ren Ver­la­ge vor uns getan haben, die sich eben­falls mit ihren eige­nen Autoren unter­hal­ten haben. Und was den Auf­tritt von Pirincci betrifft, eine Ver­schnauf­pau­se zwi­schen zwei Anti­fa­at­ta­cken, so ver­schweigt Leo den klit­ze­klei­nen Umstand, daß der Zuschau­er­be­reich geram­melt voll war und aus allen Näh­ten platz­te. Also mei­net­hal­ber kön­nen wir es wei­ter auf die “rechts­in­tel­lek­tu­el­le Nor­ma­li­tät” ankom­men las­sen, mir wäre es alle­mal lie­ber gewe­sen, in Ruhe mein Buch vor­zu­stel­len, als in den Popu­lis­ten­mo­dus über­ge­hen und gegen Anti­fa­chö­re anschrei­en zu müssen.

Der Kern der Sache ist wohl die­ser: Leo kann sich offen­bar nicht zu dem Gedan­ken durch­rin­gen, daß das Wie­der­auf­tau­chen rech­ten Den­kens, rech­ter Intel­lek­tu­el­ler, rech­ter Lite­ra­tur, rech­ter Par­tei­en usw. im wei­tes­ten Sin­ne irgend­et­was mit rea­len, kon­kre­ten Din­gen, mit einer ver­än­der­ten Wirk­lich­keit (etwa durch die Flücht­lings­kri­se) zu tun hat. In sei­ner Phan­ta­sie wür­den sich “die Rech­ten” (für die unser Ver­lag auf der Buch­mes­se nur pars pro toto steht) in Luft auf­lö­sen, wür­den die Lin­ken sie igno­rie­ren, tot­schwei­gen, oder sich nicht mehr so leicht­fer­tig “pro­vo­zie­ren” lassen.

Aber die Reiz­bar­keit der Lin­ken hat zwei Grün­de: der eine liegt in ihrem zuneh­mend ver­zerr­ten, ich nen­ne es “uto­pi­schen” Ver­hält­nis zur Rea­li­tät, an deren äußerst unbe­que­me Tat­sa­chen sie die “Rech­ten” hart­nä­ckig erin­nern wie die Erin­ny­en (und umge­kehrt wird jeder als “rechts” ein­sor­tiert, der dies tut). Dar­um braucht es 80 Ver­la­ge, um einen ein­zi­gen zu über­tö­nen und zu über­stim­men (und dies ver­geb­lich). Der Boden, auf dem der Rie­se Antai­os steht, ist nicht etwa das fal­sche und unge­schick­te Ver­hal­ten der “Pro­vo­zier­ten”. Es ist die Wirk­lich­keit selbst, sodaß die Stim­me der Rech­ten heu­te nicht mehr zu igno­rie­ren ist, und sich ihr Chor ste­tig vergrößert.

Der zwei­te Grund ist, daß das rech­te Feind­bild für die Lin­ke kon­sti­tu­tiv ist, mal wie Opi­um, mal wie Speed wirkt. Man kann es an der Ver­ve und der Lust an der Mobil­ma­chung der “Ver­la­ge gegen Rechts” sehen, die sich größ­ten­teils aus dem lin­ken Spek­trum rekru­tie­ren.  Um sich zu recht­fer­ti­gen, bedarf die Lin­ke der Folie der per­ma­nen­ten “Faschismus”-Bedrohung. (Es ver­hält sich also auch hier genau umge­kehrt, wie in Mit Rech­ten reden dargestellt.)

4. Nach­dem er ver­sucht hat, uns lächer­lich zu machen, schlägt Leo vor, es könn­ten doch “alle, die sich dem ‘Kampf gegen rechts’ ver­schrie­ben haben, die Rech­ten ja aus­nahms­wei­se mal als Geg­ner ernst neh­men.” Man könn­te es gar, huch, “zum Äußers­ten kom­men las­sen und in ein paar der aus­ge­stell­ten Bücher rein­schau­en.” Das wäre in der Tat eine pri­ma Opti­on, und Leo ver­sucht dem Leser Mut zu machen, daß ein sol­cher Akt gar kei­ne Hexe­rei sei. Wenn man etwa mit Kubit­schek spräche,

… wür­de man mer­ken, dass er viel weni­ger sou­ve­rän wirkt, wenn er auf Höf­lich­keit und Iro­nie reagie­ren muss, als wenn ande­re auf sei­ne Anstö­ßig­keit hin aus­ras­ten. Vie­le nicht zu Ende gedach­ter Gedan­ken wür­de man bemer­ken, vie­le nur müh­sam kon­trol­lier­te Affek­te, aber auch einen über­ra­schen­den Schuss schwä­beln­den Humors.

Leo sug­gie­riert hier allen Erns­tes, daß man Kubit­schek aus der Fas­sung brin­gen kann, wenn man ihm mit “Höf­lich­keit und Iro­nie” begegnet!

Das klingt fast schon nach Hei­ko Maas, der in sei­nem Buch Auf­ste­hen statt weg­du­cken den genia­len Rat­schlag erteilte:

Soll­ten etwa »die Rech­ten sich, und sei es zum Schein, auf die Debat­ten ein­las­sen, soll­ten wir ihnen zuhö­ren. Das sind sie nicht gewohnt. Sie rech­nen damit, daß gleich ent­rüs­tet ent­ge­gen­ge­hal­ten wird, sobald sie mit ihren Pro­vo­ka­tio­nen begin­nen. In der Out­law-Ecke füh­len sie sich wohl – wenn man sie mit Respekt behan­delt, sind sie schon verunsichert.«

Ich habe aller­dings ein biß­chen eine ande­re Erin­ne­rung an unser Zusam­men­tref­fen auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se am Stand von Klett-Cot­ta, als Kubit­schek, Kositza, Som­mer­feld und ich uns mit Leo und sei­nem Co-Autor Dani­el Pas­cal Zorn auf ein Gläs­chen zusam­men­setz­ten. Es war ein ganz nor­ma­les Gespräch, ohne “Pro­vo­ka­tio­nen”, mit einer selbst­ver­ständ­li­chen Höf­lich­keit, die nicht all­zu groß­ar­tig über­ra­schend oder ent­waff­nend wirkte.

Leo nahm gegen­über Kubit­schek viel­mehr eine gera­de­zu anhim­meln­de Hal­tung an, und beton­te, daß nur wir, die neu­en Rech­ten, sein Buch ver­ste­hen kön­nen, da es doch schließ­lich für uns geschrie­ben sei (wie viel Mühe hat­te er sich gege­ben, es mit vie­len eso­te­ri­schen Anspie­lun­gen, etwa auf Tris­tesse Droi­te zu spi­cken!). Kubit­scheks Bespre­chung in der Sezes­si­on gehö­re zum Bes­ten, was die­ser je geschrie­ben habe, er habe eben das lite­ra­ri­sche Gespür, das so vie­len feh­le, und das man brau­che, um einen sol­chen Text zu lesen. Schließ­lich muß­te Leo auch nach schlüs­si­ger Argu­men­ta­ti­on Kubit­scheks zuge­ben, daß Her­fried Münk­ler sich in der Cau­sa Sie­fer­le in der Tat äußerst nie­der­träch­tig ver­hal­ten habe.

In mei­nem eige­nen Gespräch mit Leo kann ich mich eben­falls an zwei Momen­te erin­nern, in der sei­ne eige­ne Sou­ve­rä­ni­tät deut­lich ins Wan­ken geriet. Ich sprach ihn auf sei­ne Dar­stel­lung mei­nes Auf­tritts im Talk im Hangar‑7 an, in der er behaup­te­te, ich habe den Namen mei­nes Kon­tra­hen­ten Eilen­ber­ger absicht­lich ver­ball­hornt, um ihm pro­vo­zie­ren (was gene­rell mein Ziel gewe­sen sei). Als ich ihn auf die Tat­sa­che ver­wies, daß die­ser mich bereits zu Beginn der Run­de mit der Nen­nung mei­nes bür­ger­li­chen Namens pro­vo­ziert hat­te, und mich auch sonst reich­lich unter­grif­fig atta­ckiert hat­te, bemerk­te ich eine deut­li­che Ver­un­si­che­rung über sein Gesicht huschen. Sei­ne Dar­stel­lung des Gesche­hens, die sei­ne The­se vom Pro­vo­ka­ti­ons­mo­dus der Rech­ten stüt­zen soll­te, ist nach­weis­bar, objek­tiv falsch, für mich gene­rell die “smo­king gun” sei­nes gan­zen Konstrukts.

Ein zwei­ter Moment der Ver­un­si­che­rung flitz­te über Leos Gesicht, als ich ihn im Rah­men der Ras­sis­mus­fra­ge auf die Exis­tenz von Grup­pen­schnit­ten und Glo­cken­kur­ven ver­wies, wenn es dar­um geht, Aus­sa­gen über die Eigen­schaf­ten bestimm­ter Grup­pen zu tref­fen (etwa IQ-Ver­tei­lung). Er blick­te drein, als hät­te er einen sol­chen Gedan­ken noch nie in sei­nem Leben gefaßt.

Im Anschluß an die Buch­mes­se und die Auf­merk­sam­keit, die die bei­den Bücher Mit Lin­ken leben und Mit Rech­ten reden erfuh­ren, gab es Gesprä­che zwi­schen Kubit­schek und Leo, die Debat­te um das The­ma sei­nes Buches öffent­lich aus­zu­tra­gen, ganz im Sin­ne der Rede, die die Autoren von Mit Rech­ten reden am Ende ihres Buches Kei­ra Knight­ley in den Mund legten:

Jede Sei­te sucht sich vier, sechs oder acht gute Frau­en und Män­ner aus, die dann zu einem ver­ab­re­de­ten Zeit­punkt jeweils paar­wei­se zusam­men­kä­men, um auf zivi­li­sier­te Wei­se mit­ein­an­der zu reden. Und zivi­li­siert heißt in die­sem Fall nicht: sich gut ver­ste­hen. Son­dern, um es mit einer Lieb­lings­vo­ka­bel of your friend Char­lie Schmitt zu sagen: ein­ge­hegt zu streiten.

Eine gera­de Teil­neh­mer­zahl wäre sinn­voll, weil wir uns dann, qua­si im Modus von Heim- und Aus­wärts­spiel, pari­tä­tisch mal an einem von euch, mal an einem von uns vor­ge­schla­ge­nen Ort tref­fen könn­ten. Es gäbe kei­ne Vor­be­din­gun­gen. Nie­mand müss­te sich zu irgend­et­was beken­nen oder von irgend­et­was distan­zie­ren. Und es gäbe auch kei­ne Ver­pflich­tung auf fair play. Wir ver­trau­en dar­auf, dass sich unter ver­nünf­ti­gen Leu­ten ver­nünf­ti­ge Gesprä­che von allein erge­ben. Oder, wenn nicht, man es auch zum Äußers­ten kom­men lie­ße – und über das Reden spräche.

Was die The­men betrifft, wäre alles Mög­li­che denk­bar. Sol­che, bei denen ver­mut­lich die Fet­zen flie­gen wür­den, wie Demo­kra­tie, deut­sches Volk, Faschis­mus, Mei­nungs­frei­heit, Ein­wan­de­rung, Hei­mat oder Erin­ne­rungs­kul­tur. Aber ger­ne auch sol­che, bei denen sich Gesprä­che ent­wi­ckeln kön­nen wie auf einer Zug­fahrt zwi­schen Unbe­kann­ten: über Lite­ra­tur, Aus­lands­er­fah­run­gen oder Wege der poli­ti­schen Sozia­li­sa­ti­on. Nett wäre auch ein Erfah­rungs­aus­tausch zwi­schen Sol­da­ten, die ihren Arsch fürs Vater­land hin­ge­hal­ten, und Zivis, die Win­deln an Wehr­machts­är­schen gewech­selt haben.
Überlegt’s euch mal.

Nu ja, wir hät­ten nicht lan­ge über­legt, im Gegen­satz zu Per Leo, der zunächst zwar sei­ne Bereit­schaft erklär­te, aber mit aller­lei gewun­de­nen Aus­re­den (unter ande­rem muß­ten auch er und sei­ne Autoren selbst Dampf aus der lin­ken Ecke abweh­ren) eine kon­kre­te Pla­nung auf den St. Nim­mer­leins­tag ver­schob, bis irgend­wann end­gül­tig Funk­stil­le herrsch­te (auch Dani­el-Pas­cal Zorn, ein ganz eigen­ar­ti­ger Fall, den ich hier viel­leicht ein­mal geson­dert behan­deln wer­de, hat sich ziem­lich rasch aus dem Staub gemacht.) So doll scheint sein Inter­es­se an der Sache selbst offen­bar nicht gewe­sen zu sein, abseits davon, daß er sich ins Gespräch gebracht und ein paar Bücher ver­kauft hat. Am Ende war es nur “Lite­ra­tur”!

Ganz im Sin­ne sei­ner fixen Ideen stellt Leo in sei­nem Arti­kel auch den Inhalt des Buches von Som­mer­feld und mir, Mit Lin­ken leben, völ­lig ver­zerrt dar. Es ent­hül­le “das Erfolgs­ge­heim­nis der Rech­ten im Zeit­al­ter Donald Trumps: ein unter­neh­me­ri­sches Ver­hält­nis zur Reizbarkeit.”

Es ist das glei­che Mus­ter wie in Mit Rech­ten reden: Leo tut so, als wäre die “Reiz­bar­keit” der Lin­ken etwas, wor­aus wir freu­dig Kapi­tal schla­gen wür­den, woge­gen wir dar­in in ers­ter Linie ein Minen­feld und eine Gefahr sehen, die wir stän­dig abweh­ren müs­sen, und die buch­stäb­lich unse­re Exis­tenz, unse­ren Brot­er­werb und unse­re sozia­len Bin­dun­gen und Ein­bin­dun­gen bedroht. Die­se Reiz­bar­keit dann im Gegen­an­griff aus­zu­nut­zen, ist nur ein sekun­dä­rer Schritt, den sich belei­be nicht jeder leis­ten kann, und der wohl­do­siert sein muß.

Leo klam­mert sich obses­siv an die Vor­stel­lung, daß unser gan­zes Den­ken und Trach­ten auf “Pro­vo­ka­ti­on” grün­de, anstel­le eines Ein­tre­tens für die Din­ge, die wir tat­säch­lich und allen Erns­tes für wahr und rich­tig und ver­tei­di­gens­wert hal­ten. Er über­sieht, daß schon unse­re blo­ße Exis­tenz  in den Augen der Lin­ken “Pro­vo­ka­ti­on” ist, daß sie es als Unver­schämt­heit betrach­ten, daß wir es wagen, Wider­spruch ein­zu­le­gen. Leo kehrt Wir­kung und Ursa­che um, was sich etwa in die­sem Satz zeigt:

Gan­ze Kapi­tel wid­men die Autoren der Fra­ge, durch wel­che Ges­ten und Sät­ze sich »lin­ke« Empö­rung trig­gern lässt.

Die­se Fra­ge wird in Wahr­heit in nur einem Kapi­tel behan­delt, in Form einer Lis­te, die auf­zeigt, was de fac­to die­se Empö­rung trig­gert. Es ist kei­ne Anlei­tung, son­dern ein Inven­tar.

Selt­sam ist auch die­se Bemerkung:

Nach einem Begriff oder auch nur einer prä­zi­sen Beschrei­bung der »Lin­ken« wird man in dem Buch ver­geb­lich suchen.

Gas­lich­tern oder App­er­zep­ti­ons­ver­wei­ge­rung? Hier lügt Leo ent­we­der sei­nen Lesern oder sich selbst etwas vor, denn in Wahr­heit ist unser Buch rand­voll mit Mate­ri­al zur Fra­ge, wen oder was wir als “Lin­ke” bestim­men (weit­aus mehr, als er und sei­ne Co-Autoren anzu­bie­ten haben, um “Lin­ke”, “Rech­te” oder gar “Nicht-Rech­te” zu bestim­men). Dabei beto­nen wir expli­zit, daß es die Rech­ten oder die Lin­ken in einer völ­li­gen Ein­deu­tig­keit nicht gibt, wir daher eine solch “prä­zi­se Beschrei­bung”, wie sie Leo ver­mißt, nicht anbie­ten kön­nen oder für ver­fehlt hielten.

Unser Ansatz ist gleich­sam phä­no­me­no­lo­gisch: Wir beschrei­ben detail­iert ein Syn­drom oder einen Kom­plex aus Bruch­li­ni­en, die sich zu der heu­te viel­dis­ku­tier­ten “Spal­tung” oder “Pola­ri­sie­rung” der Gesell­schaft addie­ren. “Rechts” und “links” sind in die­sem Kon­flikt kon­text­ab­hän­gi­ge Begrif­fe, im Fal­le von “rechts” meis­tens eine Fremd­zu­schrei­bung, die jedoch klar erkenn­ba­ren Mus­tern folgt.

Nicht zuletzt beschäf­tigt uns die Fra­ge nach dem “mora­li­schen” und “sozia­len Kapi­tal” lin­ker Ideo­lo­ge­me (wie “Welt­of­fen­heit”, “Tole­ranz”, “Viel­falt”), wobei wir zu den glei­chen Schluß­fol­ge­run­gen wie Alex­an­der Grau kommen.

Som­mer­feld und Licht­mesz stu­die­ren kei­nen Feind, um ihn sich dann stra­te­gisch für den Kampf zurecht­zu­le­gen, sie erspü­ren eine feind­li­che Umwelt. Sie wit­tern die »Lin­ken« wie eine bedroh­li­che Spe­zi­es, in deren Habi­tat sie ein­ge­drun­gen sind.

Auch hier hat Leo die Rei­hen­fol­ge nicht ver­stan­den oder nicht ver­ste­hen wol­len: Wir beschrei­ben kein Habi­tat, in das wir “ein­ge­drun­gen” wären, son­dern viel­mehr eines, aus dem wir und ande­re zuneh­mend aus­ge­schie­den und ver­drängt wor­den sind, weil wir einen bestimm­ten Kon­sens auf­ge­kün­digt haben. Die “Spal­tung der Gesell­l­schaft” ist ja nichts ande­res als die Kri­se um die Gestal­tung und den Zustand des gemein­sa­men Habi­tats. Als “bedroh­li­che Spe­zi­es” wer­den dann viel­mehr wir selbst gestem­pelt, nicht umge­kehrt. Auch das haben wir mehr­fach belegt und nachgewiesen.

Der Titel unse­res Buches ist nicht umsonst gewählt: Es zielt auf eine Grat­wan­de­rung zwi­schen Angriff und Aus­gleich oder “modus viven­di” ab, da wir eben kei­ne Bür­ger­krie­ger sind. Wir “erspü­ren” auch nicht bloß eine Umwelt, son­dern wir lie­fern eine Gesell­schafts­ana­ly­se und die Kri­tik einer prak­ti­zier­ten Ideo­lo­gie, die ver­kürzt gesagt auf die Schaf­fung eines “Neu­en Men­schen” aus­ge­rich­tet ist. Das kann man nun, wenn man die­ser Ansicht ist, als unzu­tref­fend oder unzu­rei­chend kri­ti­sie­ren, aber so zu tun, als wüß­ten wir nicht haar­ge­nau, wovon wir spre­chen, ist unred­lich. Leo betreibt hier eine sich hart­nä­ckig blind, taub und stumm stel­len­de Fort­set­zung der selt­sa­men Spie­gel­fech­te­rei, die für Mit Rech­ten reden so kenn­zeich­nend ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (11)

Durendal

15. März 2018 18:00

Aus Worten wie denen von Leo klingt eine Form der Angst vor Wettbewerb durch, die typisch für die Spätphasen von Machtakteuren ist. Mit dieser Angst ist meistens auch eine Radikalisierung verbunden, denn die sich gegenteilig zur Utopie entwickelnde Wirklichkeit bedroht mehr als nur den noch vorhandenen Einfluss, die Anerkennung und die Pfründe.

Wenn die bösen Rechten doch nur endlich still wären könnte man noch etwas länger in der Illusion einer heilen Welt leben. Auch das eigene Gewissen, dem langsam klar wird wo die von einem mitverantwortete Utopie absehbar enden wird, wäre dann vielleicht vorläufig noch etwas ruhiger.

Solche Personen werden sich also weiter radikalisieren und nach stärkerer Repression rufen, wofür sie aber immer grellere Feindbilder brauchen werden um dies vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Sie werden sich also immer weniger auf das beziehen wollen, was auf konservativer Seite tatsächlich gesagt und gedacht wird.

Das wird vielleicht nocheinmal zehn Jahre lang für diese Personen funktionieren. Dann könnte alles sehr schnell gehen, und eines Tages wird man dann erklären, dass man ja nicht wissen konnte wie problematisch die Lage wirklich war. Vieleicht wird man auch darauf verweisen, dass man selbst auch nur ein Opfer der allgemeinen Täuschung war oder dass die eigenen Schriften und Äußerungen stets verborgene Zeichen des Widerspruchs enthalten hätten.

Caroline Sommerfeld

15. März 2018 18:42

Bestürzend falsch ist am Ende des "Freitag"-Artikels von Leo die "ewige Verlockung zur Regression" aufseiten der unverbesserlich rückwärts- und triebwärts gewandten Rechten, und daß wir uns "der Führung der eigenen Instinkte" überließen.
Könnte es sein, daß hier mal wieder jemand projiziert und unser ewiggültiges Gesetz bestätigt?
Es ist nämlich seit jeher die Rechte, die das Rausplauz-Authentische der Linken angegriffen hat. Von Plessner und Gehlen bis Cora Stephan gibt es dazu eine Menge zu lesen. Und jetzt meint Per Leo, daß er uns mitteilen muß, w i r wären auf dem Instinktetrip? Unser "Tugendkatalog" am Schluß von "Mit Linken leben" bringt doch gerade ein paar "Verhaltenslehren der Kälte": Form gegen Instinkt! Cool down, Leo.

Stresemann

15. März 2018 19:09

Sehr tapfer, wie sich Martin Lichtmesz, Caroline Sommerfeld und auch Durendal als Kommentator zur Diskursunfähigkeit oder Diskursunwilligkeit von Leo äußern. Hätte jener auch nur ansatzweise das eine oder andere Buch aus dem Antaios-Verlag wirklich rezipiert, dann käme er doch nicht auf solche unsinnigen Aussagen. Entweder er kann es nicht, oder er kann es und belügt die Adressaten seiner Einlassungen. Ich weiß jetzt selbst nicht ganz genau, was schlimmer ist: Dummheit oder Lüge. Beides jedenfalls langweilt mich immer mehr zu Tode. Dafür ist das Leben echt zu kurz, um sich mit den Regressionserscheinungen irgendwelcher unfähigen Diskurswächter zu beschäftigen. Wobei es ehrenwert ist, wenn manche dies dann doch tun - um eben diesen Bereich der Wirklichkeit sinnvollerweise auch auzuleuchten. Respekt für diese Art von Kärrnerarbeit! Vlt kommt ja in nicht alzu ferner Zukunft die Zeit, in der diese Kärrnerarbeit nicht mehr notwendig sein wird. Weil das "sapere aude" wieder gelebt wird. Die Hoffnung stirbt zuletzt...

nigromontanus

15. März 2018 19:56

Ich würde an dieser Stelle sogar behaupten, daß ein breiter Teil dessen, was man als "Neue Linke" (die Post-68er-Sphäre in Abgrenzung zum klassischen Marxisten) bezeichnen könnte, tatsächlich in vielen zentralen Punkten lediglich als Aversion "gegen rechts" ihren eigentlichen Antrieb zieht.
Bereits bei der Wahl 2018 fand ich es faszinierend, daß bei SPD- oder Grünen-Reden der einzig wirklich begeisterte, authentische Applaus aufbrandete, wenn es gegen die AfD oder die Rechten im Allgemeinen ging.
Als Begründung für die Notwendigkeit der EU wird zumeist darauf hingewiesen, daß man ein erneutes Aufkommen von Nationalismus verhindern wolle.
Der aktivste Teil der linken Szene nennt sich bezeichnenderweise "Anti-fa". (Und dieser aktive Teil bringt nicht mehr zustande als Saufen, Schnorren und Terroranschläge - komplett destruktives, parasitäres Verhalten also.)
Und generell scheint der Großteil links-"progressiver" Programmatik sich primär am konservativen Bestand abzuarbeiten, sei es Familie, sei es Nation, sei es Identität, sei es das Geschlechterverhältnis oder ethische oder soziale Ideale: die komplette neue Linke scheint primär damit beschäftigt, den Berg des Bestehenden, das man durchweg als "rechts" begreift und als Feindbild, abzutragen, bis nichts mehr davon übrig ist. Das Glück des Linken scheint einzig darin zu bestehen, nichts "rechtes" mehr auf diesem Planeten mehr zu dulden. Aber ein eigenes Programm, abgesehen von plattem Hedonismus und der unglaublich realistischen Vorstellung, den Staat abzuschaffen und ihn gleichzeitig dazu zu verdonnern, sich von ihm den kompletten Lebensunterhalt bezahlen zu lassen, weil diese teuflische patriarchalische Struktur einem das doch schuldet, ist kaum auffindbar.
Nimmt man die Rechte als Feindbild und als letzte verbliebene Wahrer und Kämpfer dessen, was noch immer als europäischer "Bestand" übriggeblieben ist, fort, stürzt die Neue Linke sinnentleert in sich zusammen, weil da kaum noch etwas Eigenes, Konstruktives existiert, das sie wirklich antreiben würde.

Waldgaenger aus Schwaben

16. März 2018 07:08

Der Kampf gegen Rechts kann Leo zufolge wohl nur erfolgreich sein, wenn ein Perseus diese Medusa enthauptet, ohne sie anzublicken. Sein Buch wäre dann das verspiegelte Schild der Athene.
Aber spiegelt das Schild richtig, oder verzerrt es?

Alveradis

16. März 2018 08:53

nigromontanus
15. März 2018 19:56
Ich würde an dieser Stelle sogar behaupten, daß ein breiter Teil dessen, was man als "Neue Linke" (die Post-68er-Sphäre in Abgrenzung zum klassischen Marxisten) bezeichnen könnte, tatsächlich in vielen zentralen Punkten lediglich als Aversion "gegen rechts" ihren eigentlichen Antrieb zieht."

Es bleibt ja auch nicht viel anderes übrig, wenn man von den Puppenspielern durch ein extrem komplexes System aus Opferhierarchien kaum noch durchsteigen kann und sich an der zentralen Botschaft, der weißen Schuld festhalten muss und dadurch für reale Machtverhältnisse blind gemacht wurde.

Daher hatte ich ja unter einem anderen Artikel zur Buchmesse den potenziell Demonstrierenden einen Spruch zur Verfügung gestellt, den sie rufen können: " Nazis vertreiben, die Zinsknechtschaft muss bleiben". Sie haben ein Problem, sobald sie die Augen öffnen. Kaum strecken sie die Fühler aus dem Gehäuse, dass ihnen bereitet wurde, müssen sie erschrocken den Rückzug antreten. Wenn man aber "Rechts" attackiert ist man für einen Moment in Sicherheit.

Ist es nicht bemerkenswert, dass ein US General, der die Auflösung der homogenen europäischen Völker verlangte so was wie ein verborgener Held der Linken ist, die sich auch nicht mehr darüber wundern können, dass der größte Schwung der "Bewegung" von Organisationen kommt, die durch einen Finanzoligarchen finanziert werden?

"Rechts" steht für Weiß, Mann und Massenmord - Massenmord ist weiß - "weißer Mann" steht für "Rechts" und Massenmord. Mehr zu wissen ist nicht nötig. Das ist sicherer Boden.

Wer die Befreiungstheorie eines Franz Fanon - nur so ungefähr aus der Erinnerung - "wenn ein Kolonisierter einen Kolonisator tötet sterben zwei - der Kolonisierte und der Kolonisator und übrig bleibt ein freier Mensch " oder die anti- Weißseinstheorie z.B. von Noel Ignatiev " Weißsein ist eine Form rassischer Unterdrückung. … Es kann keine weiße Rasse ohne das Phänomen weißer Vorherrschaft geben. … Verrat am Weißsein ist Loyalität zur Menschheit. … " in ihrer genozidalen Substanz aufgesaugt hat, kann unter dieser Einwirkung auch kleinste Bemühungen weißes Überleben verteidigen zu wollen nicht hinnehmen und dort liegt die Wurzel des Fanatismus wie auch des Suchtcharakters, der durch das seelische Leid, das durch den eingeträufelten Selbsthass hervorgerufen wird und irgendwie regelmäßig gelindert werden muss und die unentwegt angestachelte Empörungs- und Protestroutine herausgebildet wird.

Es ist nicht einmal nötig, dass die genozidale Ideologie bewusst, also sprachlich aufgenommen und begriffen ist, die emotionale Durchdringung genügt völlig und drückt sich in den Verschleierungsbegriffen "Weltoffenheit", "Toleranz", "Vielfalt" aus, die um JEDEN Preis durchgesetzt werden müssen.

Dieser süßlich, schwammige Anstrich schützt vor dem Entsetzen, das den Überlebensinstinkt angesichts des geplanten Völker- / Rassenmordes aktivieren würde. Die Begriffe schützen davor das Projekt zu Ende zu denken. Das ist der Grund für die infantilen lalala Bunt Events, die die Zukunft im Bild eines farbenfrohen Kinderfestes einfrieren müssen. Der kindliche Traum schützt vor der herandrängenden Realität. Kandel ist überall. Inzwischen schützt man sich bereits mit Regenschirmen! Bald werden sie in großen, bunt bemalten Kartons dastehen, die nur noch zwei Löcher haben um die Beine durch zu stecken.

Mir sind politische Begriffe inzwischen relativ egal. Mir scheint die Rechts Links Trennung oder die Frage ob Europa wieder christlich wird eher störend. Für mich ist der Maßstab unser Überleben. Was diesem Ziel nutzt kann aus vielen Ideologiebaukästen kommen, denn unser Volk ist keine Konstruktion vom Reißbrett, wie behauptet wird, sondern hat einen Charakter, der wieder gefunden und befreit werden muss. Deshalb interessiert es mich, was uns auf der tiefsten Ebene verbindet, egal ob das nun im politischen Spektrum links oder rechts ist. Auch wenn ich hier her komme, dann bin ich auf der Suche.

Carlos Verastegui

16. März 2018 16:05

Es ist zwar sehr richtig, "vernünftigen Menschen" wie Leo ein wenig ihr Vernunft- und Moralmonopol anzugehen, doch, ich frage mich, ob abgesehen von Brillianz und Richtigstellungen damit irgendetwas erreicht wird? Klar, eine Öffentlichkeit wird gewiss erreicht damit, aber, gleiches können Leo & Co. von sich behaupten. Ich habe bis heute keinen Sinn darin gefunden, auf Leute einzugehen, mit denen man keine gemeinsame Diskussionsbasis hat, und die selbst Minima wie "Wahrheit", "Anstand", "Fairplay" zu Schlagworten ummünzen. Am Ende läuft sowieso immer alles auf Unterstellungen, Andeutungen und hausierengehen mit der eigenen moralischen Überlegenheit hinaus. Zum "Reden", "Dialogieren", "Diskutieren" gehört notwendig die liberale Clubkultur, d.h. es funktioniert nur, wenn man in den Grundfragen übereinstimmt und niemand den Dingen bis auf den Grund geht. Die von Lichtmesz dargestellte Konstellation zeigt, dass hier der gute Wille (Leos) einfach nicht auf der Höhe oder nur vorgetäuscht war. So läuft es aber immer.

links ist wo der daumen rechts ist

16. März 2018 19:28

Operative Gelassenheit

Da sitze ich doch gerade in meinem Lieblingsohrensessel, habe die Lektüre des Kurzportraits über von Manstein in Knopps „Hitlers Krieger“ beendet (gar nicht sooo schlecht, auch Journalisten können gelegentlich schreiben), mache mir so meine Gedanken über den Begriff „operativer Rückzug“, denke, dass doch sehr viele der bekannten Generäle mit H. darüber in Streit gerieten, manchmal durften sie, meistens nicht, wurden – vorübergehend - entlassen. Überlege des weiteren, dass als Meister des strategischen Rückzugs (wenn es darum ging, möglichst viele der eigenen Leute unversehrt nach Hause zu bringen) v.a. diese zwei umstrittenen Österreicher galten, Rendulic und Löhr. Letzterer in Jugoslawien hingerichtet, von den Briten ausgeliefert. Brisante Erinnerungspolitik.
Und gab’s da nicht auch das Phänomen des „wandernden Kessels“, der Name Busse taucht auf, denke an meinen Großvater, der, zeitlebens überzeugter Sozialist und stolz darauf, in seiner Jugend Jura Soyfer gekannt zu haben, in seinen Erzählungen vom Krieg mit allergrößtem Respekt von „Generaloberst Busse“ sprach, also der war es, der ihn nach Hause brachte…
Das alles müsste ich nachlesen in Massons Buch über die Wehrmacht mit dem schönen schlichten Balkenkreuz auf dem Umschlag. Und dann auch gleich die passende Schlüsselstelle in Guy Sajers Buch „Denn dieser Tage Qual war groß“ heraussuchen…
Aber die Begriffe verschwimmen, ein Flimmern oder Flirren oder Sirren, wie die Birkenblätter im Wind, von denen Tucholsky sprach. Stumme Zeugenschaft…
„Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die Birkenblätter –?“
Und eine Benn’sche Müdigkeit übermannt mich.

Die Bücher zu weit weg, das Aufstehen eine Qual, aber dieses verfluchte Handy, diese Neugier, was so vorgeht, also doch noch schnell nachsehen, was „in der Welt draussen“ geschah, auch was zwischenzeitlich auf SiN geschrieben wurde.
Und plötzlich bin ich wieder hellwach, als ich folgende Passage lese:

Es ist nämlich seit jeher die Rechte, die das Rausplauz-Authentische der Linken angegriffen hat. Von Plessner und Gehlen bis Cora Stephan gibt es dazu eine Menge zu lesen.

- und das nicht nur, weil ich vor kurzem an diesem Ort Plessner und Cora Stephan in einem Atemzug genannt habe.

Ich widerspreche ungern, und schon gar nicht einer Caroline Sommerfeld, aber, perdon: Gehlen, okay, war ein konservativer Knochen ein Leben lang, und das war auch gut so, aber Plessner und Stephan „seit jeher rechts“?

M.L.: Das hat Sommerfeld doch nie gesagt!

Ich würde eher sagen, dass die beiden eine Entwicklung hinter sich haben, die nicht uninteressant ist.
Und weil dann auch dieses berühmte Buch aus den 90ern genannt wird (dessen Autor mir partout nicht einfallen will):
Plessner war Bestandteil dessen, was für die Zwischenkriegszeit in besagtem Buch „Testraum“ hieß, die Mobilmachung der Avantgarde, ehe er dann im Exil den „verschütteten Horizont des Humanismus“ wiederentdeckte und mit vielen anderen in Verbannung oder Gefängnis nur noch den „Text-Raum der Geschichte“ ausloten konnte, wie Krauss, Elias, Auerbach, Kantorowicz. Heimat in der Fremde.

Und gab es nach 1989 nicht wieder diesen „Testraum der Geschichte“? Stephan war ja nur eine von vielen.
Wenn es in den 20ern unter dem Stichwort der „Neuen Sachlichkeit“ eine eigenartige Verbrüderung der Söhne mit den wilhelminischen Großvätern gegen die als peinlich empfundenen Väter des expressionistischen Unmittelbarkeits- und Wahrheitsanspruches war, so galt Ähnliches in den 80ern:
Die (schweigenden) Väter waren verpönt, die (anrüchigen) Großväter wurden wiederentdeckt.
Zudem die Abkehr vom Authentizitätsgeschreibe einerseits und dem endgültigen Kehraus mit der handlungshemmenden Kritischen Theorie. Habermas war das Feindbild schlechthin, sogar besonnene Leute wie die Assmanns redeten einer „Theorie des unkommunikativen Handelns“ das Wort. Und Benjamin und Kracauer waren ja schon „herausgelöst“ worden, Plessner ein Bundesgenosse.
Botho Strauß’ „Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muß sein: ohne sie!“ war kein rechtes Diktum allein.

Damit zusammenhängend die generelle Frage für mich:
Ob dieser „Testraum“ wieder zum „Text-Raum“ wird, hängt vor allem davon ab, ob der neue gemeinsame Feind (damals Totalitarismus von rechts/links, heute „Globalismus“) uns noch Zeit lässt – und nicht den Sack irgendwann zumacht.

Aber bis dahin bitte gnädigst um operative Gelassenheit, taktische Rückzüge sind keine Schande, es muß nicht jeder Fußbreit Boden gehalten werden, auch wenn’s darum geht, wer oder was seit jeher rechts gewesen sei.
Und an strategische Rückzüge mit „verbrannter Erde“ will ich gar nicht denken.

links ist wo der daumen rechts ist

16. März 2018 22:04

Ich gestehe, ich bin nachhaltig verwirrt.

Meine Feststellung:
perdon: Gehlen, okay, war ein konservativer Knochen ein Leben lang, und das war auch gut so, aber Plessner und Stephan „seit jeher rechts“?

Entgegnung M.L.:
Das hat Sommerfeld doch nie gesagt!

Zitat C.S.:
Es ist nämlich seit jeher die Rechte, die das Rausplauz-Authentische der Linken angegriffen hat. Von Plessner und Gehlen bis Cora Stephan gibt es dazu eine Menge zu lesen.

Ich bin aber lernfähig.

M.L: "Es gibt seit jeher die Rechte" ist ja nicht gleich "ist seit jeher rechts".

W. Wagner

17. März 2018 09:11

Zur Buchmesse: Danke für die Filmchen als Tagesberichte auf YouTube (Kanal Schnellroda), wie stets schön zusammengestellt.

Andreas Walter

17. März 2018 21:49

"Handgemenge, Polizeieinsätze und lautstarke Proteste sind noch von der Frankfurter Buchmesse in Erinnerung. Nun gibt es diese Bilder wieder – diese [sic] Mal aus Leipzig. Auch hier sind rechtsorientierte Verlage der Auslöser."

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article174656696/Antaios-auf-Buchmesse-Ein-Dialog-auf-Augenhoehe-findet-nicht-statt.html

Das ist die Bildunterschrift eines Artikels heute in der Welt Online. Wie so oft und gerne wird auch hier mal wieder Ross und Reiter verwechselt. Der Auslöser der "Handgemenge, Polizeieinsätze und lautstarke[n] Proteste" sind nämlich nicht die Konservativen und Patrioten, sondern ungehobelte, aggressive Menschen meist aus dem linken politischen Spektrum, welche die aktuell noch gültigen Gesetze zur Meinungsfreiheit weder akzeptieren noch respektieren wollen.

Denn nicht vergessen, liebe Welt. Die Einheimischen waren hier zuerst da. Viel viel später erst kamen die Marxisten und noch später auch die Ausländer, die hier in der überwiegenden Mehrheit auch nur zum Geld machen oder abstauben da sind.

Marxisten sind aber auch nur Abstauber, Diebe, denn sonst würden sie nicht anderen ständig etwas wegnehmen wollen, "umverteilen" wollen, sondern würden einfach etwas eigenes auf die Beine stellen, was von wert und bestand ist.