Syrien – Notizen einer politischen Reise (4)

von John Hoewer -- Der überwiegend christlich geprägte Ort Maalula liegt rund 60 Kilometer nördlich von Damaskus.

 Gastbeitrag

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Man erreicht ihn über die M5-Auto­bahn, die Damas­kus mit Homs und Alep­po ver­bin­det. Etwa eine Stun­de dau­ert die Fahrt. Die Wagen­ko­lon­ne braust aus der Stadt. Nach eini­gen beleb­ten Außen­be­zir­ken fährt man hin­ter eini­gen Check­points auf die Auto­bahn. Sie wird am Fahr­bahn­rand gesäumt von klei­nen Ver­kaufs­lä­den, eini­ge kaum mehr als ein Pavillon.

Nur einen Kilo­me­ter wei­ter ändert sich die Sze­ne­rie ein­dring­lich. Hier lie­gen die Orte, deren Namen sinn­bild­lich für vie­les steht, was in der west­li­chen Hemi­sphä­re über den Kon­flikt in Syri­en berich­tet wurde:

Ost-Ghou­ta, über fünf Jah­re lang eine Fes­tung diver­ser isla­mis­ti­scher Milizen.

Die Stadt Duma, die bereits zu Beginn des Krie­ges von »Rebel­len« besetzt wur­de und seit 2013 von Regie­rungs­trup­pen umzin­gelt wurde.

Haras­ta, einer der letz­ten Kes­sel, den die syri­sche Armee im Früh­jahr 2018 freikämpfte.

Die Auto­bahn führt mit­ten hin­durch. Hier steht kaum ein Stein mehr auf dem ande­ren. Ehe­ma­li­ge Indus­trie­ge­bie­te, eine Poli­zei­ka­ser­ne, Auto­häu­ser, kom­plet­te Ort­schaf­ten. Eine ein­zi­ge Trüm­mer­wüs­te, bis zur Unkennt­lich­keit zer­stört. Alle paar Kilo­me­ter fol­gen Check­points. Die Sol­da­ten tra­gen kaum ein­heit­li­che Klei­dung. Vie­le haben nicht ein­mal Stie­fel. Sie tra­gen Turn­schu­he, man­che auch Sport­ja­cken oder zivi­le Hosen anstel­le eines Uni­form­teils. Ihre Geweh­re sind uralte Kalasch­ni­kows, oft ohne Schul­ter­stüt­ze. Die Sol­da­ten haben sie abge­stellt oder in ihren klei­nen Häus­chen abge­legt. Sie win­ken und salu­tie­ren mit freund­li­chem Gesicht.

Nach einer Wei­le bie­gen wir ab auf eine Land­stra­ße, pas­sie­ren eini­ge Ort­schaf­ten in der Wüs­te, klei­ne begrün­te Oasen. In der Wei­te des Lan­des lie­gen ver­ein­zel­te Gehöf­te inmit­ten der kar­gen Land­schaft, wäh­rend wir dem Qalamun-Gebir­ge immer näher kom­men. Da liegt es. Das Berg­dorf Maalu­la. Es ist male­risch ein­ge­faßt in die Gebirgs­land­schaft. Bei­na­he schüt­zend, wie eine Haus­wand, erhebt sich in ihrem Rücken ein Felsen.

Es herrscht geschäf­ti­ges, aber den­noch ruhi­ges Trei­ben. Mopeds sau­sen über die Kreu­zung, an der Dorf­be­woh­ner ein Motor­rad repa­rie­ren. Bau­ar­bei­ter schlep­pen Werk­zeug und Mate­ri­al über die Stra­ße. An eini­gen Häu­sern wird gebaut. Fast ver­träumt sind die wei­ßen Häu­ser in den Berg gezo­gen. Auf den Flach­dä­chern hängt die Wäsche zum Trock­nen und über allem wachen zwei welt­be­kann­te christ­li­che Pil­ger­or­te: das Klos­ter zu Ehren der Mär­ty­rer Ser­gius und Bac­chus sowie das Klos­ter der Hei­li­gen Thekla.

Post­kar­ten­idyl­le. Man möch­te sich kaum aus­ma­len, dass hier noch vor weni­gen Jah­ren bru­tal gekämpft wur­de. Isla­mis­ti­sche Rebel­len hat­ten den Ort über­fal­len und ter­ro­ri­siert, Men­schen ver­schleppt, ermor­det. Die Hei­lig­tü­mer der Kir­chen geschän­det, ver­brannt und gestoh­len. Wohl um so ver­lo­cken­der für die Isla­mis­ten, daß Maalu­la ein Zen­trum auch der ara­mäi­schen Spra­che ist, der Spra­che Jesu.

Bru­tal wüte­ten die Scher­gen von Al-Nus­ra und ande­rer bar­ba­ri­scher Mili­zen. Noch heu­te sind in den Klös­tern die Schän­dun­gen sicht­bar. Brand­fle­cken und Löcher zeich­nen Gemäl­de und Iko­nen, zer­stör­te Hei­li­gen­fi­gu­ren, Ein­schuss­lö­cher. An meh­re­ren Stel­len im Ort wer­den die gefal­le­nen Sol­da­ten als Mär­ty­rer ver­ehrt. Auf Bil­dern und Gigan­to­gra­fien sind sie abge­bil­det, meist in Flecktarn und ent­schlos­se­ner Mimik. Eine brei­te Alli­anz hat­te den Ort befreit, frei­ge­kämpft von mona­te­lan­ger Ver­skla­vung und mör­de­ri­scher Barbarei.

Gemein­sam mit der syri­schen Armee und Kämp­fern der His­bol­lah bra­chen ein­hei­mi­sche Frei­wil­li­gen­ver­bän­de das Regi­ment der isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­ten, in der kriegs­het­ze­ri­schen Pro­pa­gan­da des Wes­tens als »Oppo­si­ti­ons­kräf­te« ver­schlei­ert. Unter den Kriegs­to­ten der Isla­mis­ten hät­ten sie kaum Syrer iden­ti­fi­ziert, sagen die Ein­hei­mi­schen. Dafür Kämp­fer aus zig Nationen.

Mit erns­ter Stim­me berich­ten die Gemein­de­mit­glie­der von den Kämp­fen. Von Ihren Ver­lus­ten. Die Schil­de­run­gen sind ein­dring­lich, teil­wei­se grau­sam. Die Küh­le des in Stein gehaue­nen Gebets­rau­mes legt sich merk­lich über die Haut, als der Vor­sit­zen­de der Gemein­de von den Gräu­el­ta­ten der Isla­mis­ten berich­tet. Aber auch vom muti­gen Wider­stand, von der heroi­schen Gegenwehr.

Man führt uns noch in den Hof des Gebäu­des, ein wun­der­schö­nes Atri­um. In einem klei­nen Ver­kaufs­raum wird selbst­ge­mach­ter Wein gereicht, freund­li­che älte­re Damen ver­kau­fen Sou­ve­nirs. Neben dem Kir­chen­ge­bäu­de räu­men fran­zö­si­sche Frei­wil­li­ge Trüm­mer auf. Sie gehö­ren zur Orga­ni­sa­ti­on SOS Chré­ti­en d’O­ri­ent, einer kon­ser­va­ti­ven-christ­li­chen Hilfsgesellschaft.

Von der Stra­ße aus hat man einen wei­ten Blick über das Land. Strah­lend blau­er Him­mel steht über der Step­pe. Immer noch etwas unwirk­lich das Gan­ze. Ein paar Meter die Stra­ße rauf ste­hen die Res­te eines Hotel, im Vor­feld ein Gebäu­de­kom­plex, eben­falls in Trüm­mern. Oft ist auf den ers­ten Blick nicht klar, ob etwas gera­de im Roh­bau ist oder durch Kampf­hand­lun­gen zer­stört wur­de. Hier ist es ein­deu­tig. Ein jün­ge­rer Mit­ar­bei­ter schießt Fotos von den Rui­nen. »Meinst Du, wir haben noch Zeit, daß ich da mal rein kann? Gibt bestimmt gute Bil­der.« Ein stren­ger Blick reicht, es ihm auszureden.

Wei­ter unten im Dorf liegt das Klos­ter der Hei­li­gen Thek­la. Von einer Ter­ras­se aus kann man wun­der­bar über den Ort schau­en. Wäh­rend das syri­sche Fern­se­hen unse­re Abge­ord­ne­ten im Gespräch mit den Klos­ter­frau­en filmt, schau­en wir fas­zi­niert dem All­tags­trei­ben auf dem klei­nen stau­bi­gen Platz hin­ter­her. Eine Bäcke­rei, in der das typi­sche Fla­den­brot geba­cken wird. Dane­ben eine Art klei­ner Super­markt, des­sen Kühl­schrank mit kal­ten Geträn­ken lockt. Eini­ge Dorf­be­woh­ner schrau­ben an einem Las­ter, wäh­rend unse­re Fah­rer Tee trin­ken und Ziga­ret­ten rau­chen. Immer wie­der das Hupen der vor­bei­rau­schen­den Mofas, deren Rost man noch aus gut 20 Metern fast schme­cken kann. Wir besu­chen noch eini­ge ande­re Orte. Sie alle waren Schau­platz bru­ta­ler Kampfhandlungen.

Auf dem Weg zurück nach Damas­kus hal­ten wir an einem Gebäu­de­kom­plex, der mehr oder weni­ger mit­ten in der Wüs­te liegt. Ein moder­nes Gebäu­de, gro­ße Glas­fas­sa­de. Davor ein gro­ßer Park­platz und eine Art klei­ner Frei­zeit­park für Kin­der, der einen Spiel­platz, Schau­keln, Rut­schen, ein Karus­sel und sogar einen klei­nen Auto­scoo­ter bereithält.

Im ers­ten Stock eröff­net sich ein rie­si­ger Gast­raum, in den meh­re­re hun­dert Leu­te pas­sen. Das Restau­rant ist gut besucht. Vie­le Fami­li­en sit­zen hier, in der Luft steht der Dampf aus unzäh­li­gen Was­ser­pfei­fen. Älte­re Män­ner trin­ken Faß­bier aus gro­ßen Glas­krü­gen, auch Jack Dani­els-Fla­schen ste­hen teil­wei­se auf den Tischen.

Ser­viert wird die übli­che Kom­bi­na­ti­on. Erst unzäh­li­ge Sala­te, Humus und Pas­ten, dann gefüll­tes Gebäck. Als Haupt­gang üppi­ge Fleisch­plat­ten. Gegrill­te Lamm­spie­ße, Kebab, Hähn­chen­flü­gel, als Bei­la­ge Pom­mes, Reis und gebra­te­ne Zwie­beln. Danach Bakla­va und Eis. Wir sit­zen bunt gemischt. Nur die Abge­ord­ne­ten pla­zie­ren sich meist gegen­über der syri­schen Par­la­men­ta­ri­er. Der Dol­met­scher kommt kaum dazu, an sei­ner Limo­na­de zu trin­ken. Seven up scheint hier eine Art heim­li­ches Natio­nal­ge­tränk zu sein.

Im Son­nen­un­ter­gang errei­chen wir die Außen­be­zir­ke von Damas­kus. Auf dem Weg dort­hin ein gemisch­tes Bild. Teil­wei­se ärm­li­che Gegen­den, aber vie­ler­orts auch äußerst schö­ne Land­an­we­sen. Eini­ge Orte schei­nen ver­las­sen, in ande­ren wird gebaut, repa­riert, gear­bei­tet. Was ver­stört ist der vie­le Müll, der über­all ent­lang der Stra­ßen liegt.

In einem der Außen­be­zir­ke ver­fährt sich das vor­aus­fah­ren­de Poli­zei­au­to. Müh­se­lig muß die gan­ze Kolon­ne in einem rump­li­gen Nadel­öhr wen­den, das sich durch die Hügel um Damas­kus zieht. Für die Bewoh­ner des etwas abge­hängt wir­ken­den Stadt­teils ein offen­bar ulki­ges Schau­spiel, das sie inter­es­siert verfolgen.

Der spä­te Frei­tag­abend ist dann tat­säch­lich die ers­te Mög­lich­keit, sich das Nacht­le­ben der syri­schen Haupt­stadt anzu­schau­en. Gemein­sam mit ein paar Ein­hei­mi­schen zie­hen wir zu Fuß los, um in der Nähe des Hotels ein Taxi her­an­zu­win­ken. Der Wagen ist ein uralter Dacia, des­sen Rück­bank mit einem ganz merk­wür­di­gen Bezug über­zo­gen ist. Fast wie Wol­le. Zu viert quet­schen wir uns auf die Rück­bank. Das Wagen­in­ne­re ist in vio­let­tes Licht getaucht, wäh­rend wir zu lau­ten Tech­no­k­län­gen gen Stadt­zen­trum fahren.

Ein Bekann­ter möch­te uns mit­neh­men zu einem Freund, der im Krieg schwer ver­wun­det wur­de. Wir war­ten in einer Bar in einem mus­li­misch gepräg­ten Vier­tel, doch das Tref­fen kommt nicht zustan­de. Dafür hat mir einer unse­rer ein­hei­mi­schen Kon­takt­leu­te ein Geschenk mit­ge­bracht: eine rie­si­ge Ton­flie­se mit dem Kon­ter­frei des Prä­si­den­ten Assad. Wir dra­pie­ren sie pro­mi­nent auf einem der frei­en Stüh­le und trin­ken unse­re Frucht­säf­te aus. Alko­hol wird hier nicht ausgeschenkt.

Der syri­sche You­tuber »Tre­ka Z« ver­spricht jedoch, uns noch auf die Par­ty­mei­le zu füh­ren. Wir zie­hen los durch die engen Gas­sen der Alt­stadt. Es ist sehr belebt, über­all fla­nie­ren Leu­te, schie­ben sich durch die zuge­park­ten Sei­ten­stra­ßen. Was auf­fällt, ist die Gelas­sen­heit. Kein Gebrüll und kein Gekei­fe, wie es etwa in unse­ren Städ­ten die Näch­te des Wochen­en­des prägt. Nie­mand »führt sich auf«. Kei­ner­lei Aggres­si­on liegt in der Luft.

Auch wir als West­eu­ro­pä­er wer­den nicht wirk­lich wahr­ge­nom­men, wo uns unser Beglei­ter Tre­ka nicht freu­dig als Gäs­te aus Deutsch­land vor­stellt. Weni­ge Geh­mi­nu­ten spä­ter errei­chen wir eine Art Aus­geh­stra­ße. Hier reiht sich Bar an Bar, Restau­rant an Restau­rant. In einem klei­nen Park sit­zen Jugend­li­che und fei­ern. Ein Geschäft bie­tet Cock­tails to go an. Poli­zei sieht man kei­ne. Nur an weni­gen Ecken sit­zen Sol­da­ten an Plas­tik­ti­schen und hal­ten Wache.

Uns ver­schlägt es in eine Art Knei­pe in einer wei­te­ren Sei­ten­stra­ße. Wir sit­zen mit eini­gen unse­rer ein­hei­mi­schen Bekann­ten an einem grö­ße­ren Tisch. Es gibt syri­sches Bier und Wein, dazu Erd­nüs­se und ähn­li­che Knab­be­rei­en. Einer unse­rer Bekann­ten erkennt einen wohl recht pro­mi­nen­ten syri­schen Schau­spie­ler, der sich sodann zu uns gesellt. Man kommt ins Gespräch, auch mit ande­ren Gäs­ten. Ein­bli­cke in das See­len­le­ben die­ses Vol­kes, das – und das drückt sich in aus­nahms­los jedem Gespräch wäh­rend der Rei­se aus – sehr gut Bescheid weiß über die welt­po­li­ti­sche Lage, die sich um ihr Land entspannt.

Trotz der Rück­kehr der Nor­ma­li­tät, leicht ist das Leben hier nicht. Nicht zuletzt die Sank­tio­nen hal­ten Syri­en am Boden. Das Land ist vom inter­na­tio­na­len Zah­lungs­ver­kehr abge­kop­pelt, aus­län­di­sche Inves­ti­tio­nen aus dem Wes­ten sind nahe­zu ver­un­mög­licht. Auch die syri­sche Zen­tral­bank ist im Faden­kreuz des Sank­ti­ons­re­gimes. Die Wäh­rung liegt am Boden, Löh­ne wur­den durch die Infla­ti­on mas­siv entwertet.

Die Syrer, mit denen wir spre­chen, bekla­gen sich bit­ter­lich über die Poli­tik des Wes­tens, der noch immer die­je­ni­gen unter­stützt, die Syri­en mit Krieg und Ter­ro­ris­mus über­zo­gen haben. Dafür, daß vie­le Syrer in den Wes­ten aus­ge­wan­dert sind, haben eini­ge Ver­ständ­nis, aber den­noch in der Regel kei­ne all­zu hohe Mei­nung über die­je­ni­gen, die ihr Land in sei­nen schwers­ten Zei­ten im Stich gelas­sen haben – ins­be­son­de­re jetzt, wo der Krieg been­det sei. V

iele beto­nen die natio­na­le Ein­heit, loben die syri­sche Armee für das ent­schlos­se­ne Han­deln gegen die Ter­ror­mi­li­zen. Aber auch Kri­tik dar­an wird geäu­ßert, daß Regie­rung und Ver­wal­tung oft zu lang­sam, zu trä­ge und inef­fi­zi­ent sei­en. Es sind offe­ne Wor­te, vor­ge­tra­gen mit Inbrunst und ech­ten Emo­tio­nen von Men­schen, deren Her­aus­for­de­run­gen und Erfah­run­gen von denen der uns­ri­gen Gesell­schaft kaum wei­ter weg sein könn­ten. Mit dem Kra­kee­le derer, die sich in unse­ren Städ­ten breit­ge­macht haben, hat all das nichts gemein. Es ist viel­mehr beein­dru­ckend, wie sehr die Men­schen hier an einen Wie­der­auf­bau und eine natio­na­le Aus­söh­nung glauben.

Irgend­wann nach Mit­ter­nacht bre­che ich mit einem ande­ren Dele­ga­ti­ons­teil­neh­mer auf. Der Rest bleibt noch und durch­zieht wei­ter das Nacht­le­ben von Damas­kus, in dem wil­de Geburts­ta­ge gefei­ert wer­den und die Stra­ßen bis in die Mor­gen­stun­den vol­ler Men­schen sind, die ihr Wochen­en­de bege­hen. Gemein­sam mit Tre­ka und unse­rem Kame­ra­team nut­zen wir auch am Sonn­tag, dem letz­ten Tag vor der Rück­rei­se, eine kur­ze Pau­se, um allei­ne in die Stadt auf­zu­bre­chen. Wir wol­len noch ein paar Stra­ßen­sze­nen fil­men. Und ein ori­gi­nal syri­sches Shawar­ma essen an einer der vie­len Imbißbuden.

Es ist strah­len­der Son­nen­schein, man kann noch ohne Pull­over in der Son­ne ste­hen. In der Nähe des Par­la­ments durch­strei­fen wir eine Ein­kaufs­stra­ße. Hier gebe es das bes­te Shawar­ma, meint Tre­ka, der Blog­ger mit den Dre­ad­locks. Für umge­rech­net etwa 1,50 € bekom­men wir eine klei­ne Rol­le Fla­den­brot, das ent­we­der mit Fleisch vom Rin­der- oder Hähn­chen­spieß gefüllt ist, und ein Joghurtge­tränk. Die Kame­ras sor­gen für Begeis­te­rung bei den Pas­san­ten und der Beleg­schaft des Imbis­ses, die hin­ter ihrem Tre­sen stumpf Ziga­ret­ten raucht.

Wie auch sonst bei Aus­flü­gen abseits des Pro­to­kolls kön­nen wir wie selbst­ver­ständ­lich ohne Beglei­tung hin, wo wir wol­len. Auch, daß wir mit Kame­ras fil­men, stellt kein Pro­blem dar. Der­lei Auf­la­gen, über die eini­ge bun­des­deut­sche Jour­na­lis­ten stets kla­gen, die aus Syri­en berich­ten wol­len, daß uns Mit­ar­bei­ter des Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­ri­ums beglei­ten müss­ten, uns über­wa­chen oder gar unse­re Noti­zen und Film- und Foto­auf­nah­men kon­trol­lie­ren, gibt es nicht. Ob man uns heim­lich beschat­tet oder es eben hilft, nicht als Feind­pro­pa­gan­dist mit Pres­se­aus­weis auf­zu­tre­ten – man weiß es nicht.

Der deut­li­che Ein­druck, den man jedoch nach nun einer Woche in Syri­en hat, ist der, daß ver­mut­lich fast alles, was man in der bun­des­deut­schen Öffent­lich­keit über Syri­en vor­ge­setzt bekommt, falsch oder ver­zerrt ist. Vor dem am Nach­mit­tag ange­setz­ten Tref­fen mit dem Prä­si­den­ten des syri­schen Par­la­ments, dem letz­ten Ter­min der Rei­se, schau­en wir für eini­ge Zeit dem geschäf­ti­gen Trei­ben der syri­schen Haupt­stadt zu.

Wir sind uns einig in der Hoff­nung, das Land möge wie­der voll­stän­dig auf die Bei­ne kom­men. Am nächs­ten Mor­gen wird es heim­wärts gehen. Über die Auto­bahn bis in den Liba­non, durch den Berufs­ver­kehr Bei­ruts und per Bil­lig­flie­ger direkt zurück in das spät­herbst­lich ver­reg­ne­te Ber­lin. Bereits am Mor­gen nach der Wie­der­kehr wird die Dele­ga­ti­on in einer Pres­se­kon­fe­renz der Öffent­lich­keit ein ers­tes Fazit dar­stel­len. Danach wird es dar­an­ge­hen, zu schau­en, was aus den ein­dring­li­chen und unmit­tel­ba­ren Ein­drü­cken die­ser Rei­se zu ent­wi­ckeln sein wird.

Poli­tisch, par­la­men­ta­risch. Aber auch menschlich.

– – –

Unser Autor John Hoe­wer bereis­te mit einer Grup­pe von AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten um Frank Pase­mann Syri­en und wirk­te als Orga­ni­sa­ti­ons­re­fe­rent der Rei­se. Teil 1, 2 und 3 der per­sön­li­chen und locke­ren Syri­en­no­ti­zen sind hier, hier und hier abrufbar.

In einem der fol­gen­den Print­hef­te der Sezes­si­on wird Hoe­wer aus den theo­re­ti­schen Erfah­run­gen eine prak­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se destil­lie­ren, wie sie von Flo­ri­an San­der (im ver­grif­fe­nen Heft 93) so her­vor­ra­gend for­mu­liert wur­de, so daß bei­de Arti­kel eine auf­ein­an­der bezo­ge­ne Sym­bio­se rech­ter geo­po­li­ti­scher Ana­ly­se bil­den werden. 

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Kommentare (2)

Maiordomus

19. März 2020 20:37

Am Essen hat sich in den letzten 30 bis 50 Jahren nicht viel geändert, das berührt nachgerade wohltuend.
Für die Lage der Christen in Syrien wäre gewiss CSI, Christian Solidarity International, hilfreich mit seinem informativen Periodicum.

Gibt es eine "rechte geopolitische Analyse"? War mir bis jetzt nicht bekannt, es sei denn aus den Berichten von Kuhenelt-Leddhin, dem über eine Dutzend Sprachen geläufig waren, nicht zuletzt das Arabische. Beim obigen Text hätte man, wenn es schon eine Art Tagebuch ist, noch gerne eine Datierung gesehen.

Laurenz

20. März 2020 12:13

Abgesehen davon, daß es mich einen feuchten Kehricht interessiert, ob Jesus Aramäisch oder Kishuaheli sprach, fand ich den Beitrag wieder gut. Der Reisebericht strahlt grundsätzlich eine extrem kindliche Naivität aus. Natürlich waren der Libanon und der Anti-Libanon im weiteren Sinne das intellektuelle Zentrum des Christentums vor der islamischen Eroberung. Wenn es jemals etwas Kreatives im Christlichen gab, dann dort. Was mir etwas im Bericht fehlt, seitens des auffälligen Mülls, links und rechts der Straßen (war auch in Spanien vor 30 Jahren nicht anders) ist es der generelle Bezug zur dortigen Umwelt. Die gesamte Levante wurde landschaftlich schon vor 4.500 Jahren durch Menschen ruiniert, wie wir dem Gilgamesch-Epos entnehmen können. Und nur unter den Römern trat eine ökologische Erholung ein, die durch die islamische Eroberung zunichte gemacht wurde. Ist doch kein Wunder, daß alle zu uns wollen, was dann allerdings den Effekt hat, daß es bei uns in hundert Jahren dann genauso öde aussieht, wie in Syrien.
Was ebenso, zumindest politisch, etwas fehlt, ist der Bezug zum Westen, der Herkunft der Reisegruppe. Den vielen Assad-Beseitigern, wie Altmeier, ist das Schicksal der dort lebenden Menschen doch völlig egal. Und wem das Schicksal der Menschen in den Kriegsgebieten der Levante völlig egal ist, dem ist auch unser Schicksal gleichgültig. Die Altmeiers müssen weg.