Ted Kaczynski, Martin Heidegger und die Erniedrigung des Menschen

In meinem Nachruf auf Theodore Kaczynski habe ich dessen zentrale Gedanken nur gestreift, da ich davon ausging, daß die meisten Leser mit ihnen vertraut sind. Ich bin der Ansicht, daß Kaczynski als Denker sehr ernstzunehmen ist. Seine Technologiekritik ist nicht unbedingt originell und steht in einer langen Tradition, wird von ihm aber auf eine radikale und logische Spitze getrieben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es gibt bei Kac­zyn­ski kei­nen Kom­pro­miß mit dem “Sys­tem”: Die tech­no­lo­gi­sche Gesell­schaft, wie sie sich seit der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on mani­fes­tiert hat, müß­te rest­los von die­sem Pla­ne­ten verschwinden.

Im Vor­wort zum Band Tech­no­lo­gi­sche Skla­ve­rei, der auch die gül­ti­ge Fas­sung sei­nes Mani­fests “Die tech­no­lo­gi­sche Gesell­schaft und ihre Zukunft” ent­hält, faß­te Kac­zyn­ski sein Den­ken in vier Kern­the­sen zusam­men, die da wären:

1. Der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt führt uns in eine unver­meid­li­che Kata­stro­phe. (Dazu gleich mehr.)

2. Nur der Zusam­men­bruch der moder­nen tech­no­lo­gi­schen Zivi­li­sa­ti­on kann die Kata­stro­phe ver­mei­den. (Was frei­lich eine Art “Prä­ven­tiv­ka­ta­stro­phe” wäre, um ein noch grö­ße­res Unglück zu vermeiden.)

3. Die poli­ti­sche Lin­ke bil­det die vor­ders­te Front der tech­no­lo­gi­schen Gesell­schaft zur Abwehr der Revolution.

Kac­zyn­ski hielt The­men wie z. B. “Ras­sis­mus”, “Sexis­mus”, Schwu­len­rech­te, Tier­rech­te, Indi­ge­nen­rech­te, Anti­ko­lo­nia­lis­mus etc. und “sozia­le Gerech­tig­keit” im All­ge­mei­nen für blo­ße Ablen­kun­gen des Sys­tems, um vom eigent­li­chen Pro­blem abzu­len­ken und wahr­haft revo­lu­tio­nä­re Bewe­gun­gen zu zer­set­zen und zu ersti­cken. Der Köder ist hier die hyper­mo­ra­li­sche Mis­si­on: Lin­ke bei­ßen an, weil sie ihrer Nei­gung zur Über­an­pas­sung ent­ge­gen­kommt und ihnen Gele­gen­heit gibt, ihre Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le zu kanalisieren.

Man könn­te ergän­zen, daß fol­ge­rich­tig das­sel­be auch für rech­te Bewe­gun­gen zutrifft, die fast immer nur Reak­tio­nen auf lin­ke Agen­den sind, vom Kampf gegen Trans­gen­der-Pro­no­men bis zum Kampf gegen den “Gro­ßen Austausch”.

Hin­ter jedem die­ser Pro­ble­me las­sen sich mit Leich­tig­keit (auch) tech­no­lo­gi­sche Ursa­chen aus­fin­dig machen:  Rasant stei­gen­des glo­ba­les Bevöl­ke­rungs­wachs­tum eben­so wie die mobi­len Mög­lich­kei­ten, gan­ze Bevöl­ke­run­gen von einem Kon­ti­nent auf den ande­ren zu trans­por­tie­ren. Auch Patho­lo­gien wie “white guilt” oder ega­li­tär-uto­pi­sche Ideen, die die mul­ti­kul­tu­rel­le Ideo­lo­gie prä­gen, könn­te man theo­re­tisch auf eine men­ta­le Dege­ne­ra­ti­on durch die tech­no­lo­gi­sche Opti­mie­rung des Wohl­le­bens zurückführen.

4. Es bedarf einer neu­en revo­lu­tio­nä­ren, inter­na­tio­na­len Bewe­gung, die sich der Eli­mi­na­ti­on der tech­no­lo­gi­schen Gesell­schaft verschreibt.

Die­se Bewe­gung müs­se aus oben genann­ten Grün­den rigo­ros alle (zumin­dest poli­tisch korrekten/“woken”) Lin­ken aus­schlie­ßen, eben­so wie alle “Neu­ro­ti­ker, Faul­pel­ze, Unfä­hi­ge, Schar­la­ta­ne, Per­so­nen ohne Selbst­dis­zi­plin”, also das übli­che Gemen­ge, das sich heu­te in Ame­ri­ka soge­nann­ten “Wider­stands­be­we­gun­gen” anschließt. Kac­zyn­ski betont, daß es sich hier um kei­ne “poli­ti­sche” Revo­lu­ti­on im enge­ren Sin­ne han­delt: “Ihr Ziel wird sein, nicht Regie­run­gen, son­dern die öko­no­mi­schen und tech­no­lo­gi­schen Grund­la­gen der bestehen­den Gesell­schaft zu stürzen.”

Die ers­te The­se, von der sich alle ande­ren ablei­ten, ent­spricht dem mitt­ler­wei­le berüch­tig­ten Anfang des “Mani­fests”:

Die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on und ihre Fol­gen sind eine Kata­stro­phe für die Mensch­heit. Zwar ist die Lebens­er­war­tung derer, die in “hoch ent­wi­ckel­ten” Län­dern leben, dadurch bedeu­tend gestie­gen, gleich­zei­tig aber ist eine Desta­bi­li­sie­rung der Gesell­schaft ein­ge­tre­ten, das Leben bringt kei­ne Erfül­lung mehr, Men­schen sind Demü­ti­gun­gen unter­wor­fen, psy­chi­sche Lei­den sind weit ver­brei­tet (in der Drit­ten Welt auch kör­per­li­che Lei­den) und der natür­li­chen Welt ist schwe­rer Scha­den zuge­fügt wor­den. Die tech­no­lo­gi­sche Fort­ent­wick­lung wird die Lage wei­ter verschlimmern.

Die tech­no­lo­gi­sche Gesell­schaft selbst ist also bereits eine “Kata­stro­phe”, wer­de aber in eine noch grö­ße­re füh­ren. Wie wird sie aus­se­hen? Dar­auf gibt es meh­re­re Antworten.

Die hand­fes­te­re, mate­ri­el­le Opti­on wäre eine Umwelt­ka­ta­stro­phe von immensem Aus­maß. Dar­auf lag aller­dings nicht Kac­zynskis Haupt­au­gen­merk. Son­dern auf der ande­ren, der “Kata­stro­phe der mensch­li­chen Wür­de”, in der die Spe­zi­es Mensch zu einer skla­ven­haf­ten und ernied­rig­ten Mas­se redu­ziert wird (“reduc­tion of the human race to a degra­ded and ser­vi­le condition”).

Dies geschieht dadurch, daß das mensch­li­che Ver­hal­ten voll­stän­dig durch die Tech­no­lo­gie kon­trol­liert wird, bzw. durch jene, die die­se Tech­no­lo­gie kon­trol­lie­ren (oder glau­ben, sie zu kon­trol­lie­ren, wäh­rend sie auch nur Zau­ber­lehr­lin­ge höhe­ren Gra­des sind). Das ist mei­ner Auf­fas­sung nach der Kern des “Gre­at Reset”, auf einen sehr ein­fa­chen Punkt gebracht.

Kac­zyn­ski betont, daß dies kei­ne exzen­tri­sche Mei­nung sei, und ruft als Kron­zeu­gen war­nen­de Stim­men aus dem tech­no­lo­gi­schen Bereich auf. Er nennt die Namen Bill Joy, Mar­tin Rees und Richard A. Pos­ner, aber auch “Klas­si­ker” wie Jac­ques Ellul und Lewis Mum­ford. Man könn­te hier an unzäh­li­ge dys­to­pi­sche Sci­ence-Fic­tion-Roma­ne und ‑fil­me den­ken, die der­ar­ti­ge Befürch­tun­gen dra­ma­ti­siert und arti­ku­liert haben.

Die­ser Aspekt der Ernied­ri­gung und Ver­skla­vung des Men­schen erscheint mir von gro­ßer Bedeut­sam­keit. Er ist aller­dings den meis­ten Men­schen wesent­lich schwe­rer zu ver­mit­teln als die Vor­stel­lung einer Umwelt­ka­ta­stro­phe, etwa in Form der Apo­ka­lyp­sen, wie sie auch die Kli­ma­wan­del­pro­phe­ten ausmalen.

Der Grund ist, daß sich die Men­schen außer­or­dent­lich schnell an Ernied­ri­gun­gen und Ver­skla­vun­gen gewöh­nen, sofern sie mit einem gewis­sen Kom­fort und opi­ati­schen Ablen­kun­gen ein­her­ge­hen. Dafür muß frei­lich auch immer ein Preis gezahlt wer­den. Kac­zyn­ski spricht von einem gestör­ten “power pro­cess”, nach dem jeder Mensch ein Bedürf­nis habe: Er besteht aus den Ele­men­ten Ziel, Anstren­gung und Errei­chen des Ziels.

Damit unser Leben Sinn und Antriebs­kraft hat, brau­chen wir alle “Zie­le, die zu errei­chen Anstren­gung erfor­dert”, und es müs­sen wenigs­tens eini­ge die­ser Zie­le erreich­bar sein. Dies gibt den Men­schen “Selbst­ach­tung, Selbst­ver­trau­en und Mach­ge­fühl”. Ist die­ser Pro­zeß gestört, set­zen patho­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen ein:

Lan­ge­wei­le, Mut­lo­sig­keit, schwa­che Selbst­ach­tung, Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le, Defäi­tis­mus, Depres­sio­nen, Angst- und Schuld­ge­füh­le, Frus­tra­ti­on, Feind­se­lig­keit, Miss­hand­lun­gen von Frau und Kin­dern, unstill­ba­rer Hedo­nis­mus, abnor­mes Sexu­al­ver­hal­ten, Schlaf­stö­run­gen, Ess­stö­run­gen etc.

Hin­zu kommt ein vier­tes Ele­ment, das Kac­zyn­ski “Auto­no­mie” nennt. Es bezeich­net das Maß an Ent­schei­dungs­frei­heit und Kon­trol­le, das die meis­ten Men­schen brau­chen, um ihre Zie­le durch­zu­set­zen und ihren “power pro­cess” in Gang zu hal­ten. Tech­no­lo­gie und Kyber­ne­tik zie­len aber dar­auf ab, den Men­schen ihre Ent­schei­dun­gen abzu­neh­men und sie zu steuern.

Ist die­ser Weg aber erst ein­ge­schla­gen, ist es eines Tages end­gül­tig vor­bei mit der mensch­li­chen Auto­no­mie: Die Tech­no­lo­gie wird die tota­le Kon­trol­le über das mensch­li­che Ver­hal­ten übernehmen.

Auch gegen die mit der Tech­no­lo­gi­sie­rung ein­her­ge­hen­de Uni­for­mie­rung haben die Men­schen in der Regel wenig ein­zu­wen­den. Das kön­nen wir täg­lich im All­tag beob­ach­ten, und das ist eine der vie­len bit­te­ren Leh­ren aus der Zeit der “Pan­de­mie”.

Die Men­schen ver­ste­hen auch mehr­heit­lich nicht, was ernied­ri­gend dar­an sein soll, etwa vom per­ma­nen­ten Star­ren auf klei­ne Bild­schir­me, die man stän­dig in der Hand mit sich trägt, und den dar­aus resul­tie­ren­den Dopa­min­schü­ben abhän­gig gemacht zu wer­den. Man kann es über­all beob­ach­ten: Der Griff zum Smart­phone bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit ist bei­na­he schon zur auto­ma­ti­sier­ten Ges­te gewor­den. Und dies ist nur ein klei­nes, beun­ru­hi­gen­des Detail inner­halb einer grö­ße­ren Problematik.

Die mensch­li­che Wür­de und Frei­heit im Sin­ne wie sie Kac­zyn­ski meint, ist nur mehr jenen Men­schen ein Anlie­gen und ihr Ver­lust eine Kata­stro­phe, die noch so etwas wie eine See­le ver­spü­ren. Das ist auch der Grund, war­um die geis­ti­gen Vor­an­trei­ber der Tech­no­lo­gi­sie­rung wie Yuval Hara­ri so vehe­ment dar­auf behar­ren, daß “wir” kei­ne “geheim­nis­vol­len See­len”, son­dern “hack­ba­re Tie­re” ohne Wil­lens­frei­heit seien.

Kac­zyn­ski geht davon aus, daß der Mensch vor allem bio­lo­gisch bestimmt sei. Er benutzt das Wort “See­le” an nur einer Stel­le des “Mani­fests”:

Es mag eine imma­te­ri­el­le mensch­li­che See­le geben oder nicht, aber wenn es sie gibt, wirkt sie deut­lich schwä­cher als die bio­lo­gi­schen Mecha­nis­men auf das mensch­li­che Ver­hal­ten ein. Denn wenn dies nicht der Fall wäre, wären die For­scher nicht in der Lage, mensch­li­che Gefüh­le und Ver­hal­ten mit­tels Dro­gen und Strom so leicht zu manipulieren.

Er geht also davon aus, daß es tat­säch­lich mög­lich ist, die Bio­ein­heit Mensch zu “hacken” wie einen Com­pu­ter. Es han­delt sich hier­mit um eine sehr rea­le Gefahr.

“See­le” ist ein Begriff mit einem sehr wei­ten Bedeu­tungs­feld. Ich schla­ge vor, damit als eine Art kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner jenen Teil in uns zu bezeich­nen, der gegen die Aus­sicht revol­tiert, sich zum tech­no­lo­gisch gesteu­er­ten Bio­ro­bo­ter machen zu lassen.

In einem Brief an Lutz Damm­beck schrieb Kaczynski:

Gefie­le es Ihnen, wenn die Men­schen in einer vir­tu­el­len Welt leben? Dass Maschi­nen klü­ger sind als Men­schen? Dass Men­schen, Tie­re und Pflan­zen künf­tig Pro­duk­te von Tech­nik sind? Wenn Ihnen das nicht gefällt, ist für Sie die Com­pu­ter- und Bio­wis­sen­schaft offen­sicht­lich gefährlich.

Was ist das in uns, dem all dies nicht “gefällt”? Was ist es, das Abscheu, ja sogar Grau­en emp­fin­det vor der “schö­nen neu­en Welt”?

Wer weiß, wor­um es hier geht, weiß auch oder spürt zumin­dest intui­tiv, was gemeint ist, wenn wir von einer “See­le” reden. Wer es hin­ge­gen nicht weiß, dem wird es auch eine noch so logi­sche Argu­men­ta­ti­on nicht begreif­lich machen kön­nen. Dort, wo es ihn schmer­zen soll­te, spürt er nichts mehr. Das Organ wur­de ampu­tiert, und die Ope­ra­ti­on hat nicht ein­mal einen Phan­tom­schmerz hinterlassen.

Kier­ke­gaard schrieb in Ent­we­der-Oder:

Das wirk­lich Gefähr­lichs­te und Schlimms­te (sich selbst zu ver­lie­ren) kann in der Welt so still hin­ge­hen als wäre es nichts. Kein ande­rer Ver­lust kann so still hin­ge­hen; daß man einen Arm, ein Bein, fünf Taler, ein Weib usw. ver­liert, das merkt man doch!

Es ist auch die­se Art Kata­stro­phe, die Mar­tin Heid­eg­ger vor­ran­gig vor Augen hat­te, als er vor den Gefah­ren für das “Sein” warn­te, die aus der Ent­fal­tung der Tech­nik erwach­sen. In sei­ner Ein­füh­rung in die Meta­phy­sik schrieb er 1935:

Die­ses Euro­pa, in heil­lo­ser Ver­blen­dung immer auf dem Sprun­ge, sich selbst zu erdol­chen, liegt heu­te in der gro­ßen Zan­ge zwi­schen Ruß­land auf der einen und Ame­ri­ka auf der ande­ren Sei­te. Ruß­land und Ame­ri­ka sind bei­de, meta­phy­sisch gese­hen, das­sel­be; die­sel­be trost­lo­se Rase­rei der ent­fes­sel­ten Tech­nik und boden­lo­sen Orga­ni­sa­ti­on des Normalmenschen.

Wenn die hin­ters­te Ecke des Erd­balls tech­nisch erobert und wirt­schaft­lich aus­beut­bar gewor­den ist, wenn jedes belie­bi­ge Vor­komm­nis an jedem belie­bi­gen Ort zu jeder belie­bi­gen Zeit belie­big schnell zugäng­lich gewor­den ist, wenn man ein Atten­tat auf einen König in Frank­reich und ein Sym­pho­nie­kon­zert in Tokio gleich­zei­tig “erle­ben” kann, wenn Zeit nur noch Schnel­lig­keit, Augen­blick­lich­keit und Gleich­zei­tig­keit ist und die Zeit als Geschich­te aus allem Dasein der Völ­ker geschwun­den ist, wenn der Boxer als der gro­ße Mann des Vol­kes gilt, wenn die Mil­lio­nen­zah­len von Mas­sen­ver­samm­lun­gen ein Tri­umph sind – dann, ja dann greift immer noch wie ein Gespenst über all die­sen Spuk hin­weg die Fra­ge: wozu? wohin? – und was dann?

Heid­eg­ger hat­te damals den Rund­funk vor Augen (das Fern­se­hen stand noch in den Kin­der­schu­hen), aber die­se Zei­len beschrei­ben in voll­kom­me­ner Wei­se jenen Welt­zu­gang, der sich voll­ends mit der Ankunft des Inter­nets mani­fes­tiert hat, des­sen Kenn­zei­chen “Schnel­lig­keit, Augen­blick­lich­keit und Gleich­zei­tig­keit” und inzwi­schen auch per­ma­nen­te All­ge­gen­wär­tig­keit sind.

Mit dem Schwund der qua­li­ta­ti­ven Zeit wird aber auch der Raum (oder viel­leicht genau­er: das Raum­ge­fühl) auf­ge­zehrt, wird boden-los. Die Welt wird “flach”, wie der Glo­ba­li­sie­rungs­a­po­lo­get Tho­mas L. Fried­man 2004 schrieb, und dadurch wer­den auch der Mensch und sein Den­ken und Füh­len, sei­ne gan­ze Exis­tenz, sein “Dasein”, wie Heid­eg­ger sagen wür­de, “flach”. Das bedeu­tet “Entor­tung” und “Ver­wur­ze­lung”, und sie ist eine bei­na­he zwangs­läu­fi­ge Fol­ge der uner­bitt­li­chen Ent­fal­tung der Technik.

Auch die “Ent­zau­be­rung” der Welt wird damit vor­an­ge­trie­ben. An ihre Stel­le tre­ten künst­li­che Wel­ten in unse­ren Gehir­nen. Hier ist auch kein Platz mehr für so etwas wie Ehr­furcht vor dem Erha­be­nen oder Numi­no­sen, vor dem Hier und Jetzt des Ein­ma­li­gen und Unwiederholbaren.

Die Welt scheint nur mehr als Quel­le zu die­nen, um Mil­li­ar­den digi­ta­le Abbil­der von ihr zu erstel­len und via Insta­gram, Twit­ter und Face­book zu ver­brei­ten. Wenn man so will, kann man auch dies als eine Art der Selbst­tran­szen­denz deu­ten, als einen Ver­such, Sein und Zeit durch Digi­ta­li­sie­rung gleich­sam ein­zu­frie­ren, zu spei­chern, zu kon­trol­lie­ren. Damit ein­her geht auch ein zuneh­men­der Ver­lust an Rea­li­tät, des Selbst wie auch der Welt, in der es lebt.

An die­ser Stel­le kom­men mir eini­ge Zei­len aus dem Track “Red Queen” von Coil in den Sinn:

Now you’­ve absor­bed it into your system
Now that you’­ve allo­wed it to be true
Now that you’­ve neu­tra­li­sed it, made it safe, made it yours
Now that you’­ve been pho­to­gra­phed, recorded
What are you gon­na do?
Is it so unsafe when you are
Inse­cu­re in the space whe­re you are?
Is it so, real­ly so,
Is it more real?
Is it more yours?
Is it more real, for you,
Than it is for him or me?
And the peo­p­le who per­cei­ve it
Repeat it, distort it, impro­ve it, update it
Slight­ly chan­ge it
And the­se peo­p­le belie­ve it
And wri­te it all up for you
And is it more real?

Eine wei­te­re wich­ti­ge Erkennt­nis, die ger­ne ver­ges­sen oder über­se­hen wird, weil wir in einer tech­no­lo­gi­schen Welt leben wie die Fische im Was­ser, und dies seit vie­len Gene­ra­tio­nen, ist die­se: Daß die Tech­no­lo­gie der ent­schei­den­de Motor sozia­ler Ver­än­de­run­gen und damit auch poli­ti­scher Umwäl­zun­gen ist. Sie ist schon ziem­lich alt und nimmt etwa in der mar­xis­ti­schen Theo­rie einen pro­mi­nen­ten Platz ein (vgl. etwa Ernst Nol­tes Mar­xis­mus und Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, 1983).

Dies ist wohl auch einer der Grün­de, war­um rech­te, kon­ser­va­ti­ve, “reak­tio­nä­re” usw. Bewe­gun­gen seit 230 Jah­ren schei­tern oder nur vor­über­ge­hen­de Sie­ge erzie­len kön­nen: Die Grund­la­gen des­sen, was sie vor dem Zugriff des “Pro­gres­si­ven” bewah­ren wol­len, wer­den unwei­ger­lich frü­her oder spä­ter von der nächs­ten Wel­le der indus­tri­el­len oder tech­no­lo­gi­schen Revo­lu­ti­on auf­ge­löst und hin­weg­ge­fegt werden.

Unter die­sem Blick­win­kel kann man auch die gesell­schaft­li­chen Ent­wür­fe der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, der faschis­ti­schen Bewe­gun­gen und “natio­na­len Sozia­lis­men” der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts sehen: Die Tech­nik soll kon­trol­liert und genutzt wer­den, ohne zu einer Auf­lö­sung gewis­ser tra­di­tio­nel­ler Lebens­for­men, Insti­tu­tio­nen, Wer­te, Bin­dun­gen und Hier­ar­chien zu füh­ren, ohne Entor­tung, Ega­li­ta­ris­mus und Kos­mo­po­li­tis­mus, kom­mu­nis­ti­sche Kol­lek­ti­vi­sie­rung auf der einen oder libe­ra­le Indi­vi­dua­li­sie­rung auf der ande­ren Sei­te zur Fol­ge zu haben.

Die sozia­len Fol­gen von Tech­no­lo­gi­sie­rung und Indus­tria­li­sie­rung sol­len von einem ent­schlos­sen ideo­lo­gisch gefes­tig­ten (also nicht tech­no­kra­ti­schen), auto­ri­tä­ren Staat gesteu­ert und kana­li­siert wer­den. Im güns­tigs­ten Fall soll die Tech­nik den als “boden­stän­dig” wahr­ge­nom­me­nen Mäch­ten zu Hil­fe kom­men, der Nati­on, dem Volk, dem anti­li­be­ra­len Staats­ap­pa­rat oder der Ras­se durch Euge­nik und Zuchtwahl.

Die­se Ver­su­che sind geschei­tert, und dies nicht nur durch mili­tä­ri­sche Nie­der­la­gen. Die Fra­ge dahin­ter bleibt wei­ter­hin offen.

Guil­laume Faye ver­such­te sie in sei­nem uto­pi­schen Ent­wurf Ein Tag im Leben des Dimi­t­ri Leo­n­i­do­witsch Oblo­mow durch eine radi­ka­le Zwei­tei­lung der Gesell­schaft zu lösen: In sei­nem zukünf­ti­gen “archäo-futu­ris­ti­schen” Eura­si­schen Impe­ri­um, das aus der Asche eines kata­stro­pha­len Zusam­men­bruchs ent­stan­den ist, ist die Nut­zung der Hoch­tech­no­lo­gie, bis hin zu Bio­ro­bo­tik und trans­hu­ma­nis­ti­schen Ein­grif­fen einer klei­nen, wei­sen Über­men­schen-Eli­te vor­be­hal­ten, wäh­rend das ein­fa­che Volk ein glück­li­ches, prä-indus­tri­el­les, “tra­di­tio­na­lis­ti­sches” Leben im ewi­gen Kreis­lauf des Seins führt. Er stell­te sich vor, daß auf die­se Wei­se das im Grun­de Unver­ein­ba­re und Gegen­sätz­li­che zu einem har­mo­ni­schen Gan­zen ver­eint wer­den könnte.

Heid­eg­ger nun fuhr fort:

Der geis­ti­ge Ver­fall der Erde ist so weit fort­ge­schrit­ten, daß die Völ­ker die letz­te geis­ti­ge Kraft zu ver­lie­ren dro­hen, die es ermög­licht, den (in Bezug auf das Schick­sal des “Seins” gemein­ten) Ver­fall auch nur zu sehen und als sol­chen abzu­schät­zen. Die­se ein­fa­che Fest­stel­lung hat nichts mit Kul­tur­pes­si­mis­mus zu tun, frei­lich auch nichts mit einem Opti­mis­mus; denn die Ver­düs­te­rung der Welt, die Flucht der Göt­ter, die Zer­stö­rung der Erde, die Ver­mas­sung des Men­schen, der has­sen­de Ver­dacht gegen alles Schöp­fe­ri­sche und Freie hat auf der gan­zen Erde ein Aus­maß erreicht, daß so kin­di­sche Kate­go­rien wie Pes­si­mis­mus und Opti­mis­mus längst lächer­lich gewor­den sind.

Als Heid­eg­ger im Som­mer­se­mes­ter 1935 die­se Vor­le­sung in Frei­burg hielt, hat­te er noch die Hof­fung, daß das “nach­bar­reichs­te und so das gefähr­dets­te und in all dem das meta­phy­si­sche Volk”, die Deut­schen unter dem Natio­nal­so­zia­lis­mus dem “Zan­gen­druck” wider­ste­hen und einen Weg jen­seits von “Ruß­land” (Bolschewismus/Kommunismus) und “Ame­ri­ka” (Liberalismus/Kapitalismus) fin­den könn­te. Dies wür­de frei­lich (in mei­nen Wor­ten, nicht in denen Heid­eg­gers) eine Art Hegung der Tech­nik und das Wun­der einer “boden­stän­di­gen” Orga­ni­sa­ti­on des Nor­mal­men­schen vor­aus­set­zen, ermög­licht durch die Ent­fal­tung “geschicht­lich geis­ti­ger Kräf­te aus der Mit­te” des Abendlandes.

Dies blieb ein Phi­lo­so­phen­traum. Der “drit­te Weg” war sei­nen Gegen­spie­lern inner­lich zu ähn­lich. Die sich anbah­nen­de “Herr­schaft der Mana­ger” und Tech­no­kra­ten war ein Zeit­phä­no­men, das die unter­schied­li­chen poli­ti­schen Sys­te­me mit­ein­an­der ver­band, nicht zuletzt, weil sie die­sel­be Tech­no­lo­gie benut­zen. Auch das mag man als “gegen­stre­bi­ge Fügung” betrach­ten.  Deutsch­land ver­fiel von innen den­sel­ben Kräf­ten der Moder­ne wie sei­ne Gegen­spie­ler, und wur­de im Zan­gen­griff Ruß­lands und Ame­ri­kas zermalmt.

Heu­te hat die “Meta­phy­sik” der ” trost­lo­sen Rase­rei der ent­fes­sel­ten Tech­nik und boden­lo­sen Orga­ni­sa­ti­on des Nor­mal­men­schen” mehr oder weni­ger auf dem gan­zen Pla­ne­ten gesiegt, nicht nur im Wes­ten, son­dern auch in Chi­na, Ruß­land oder Indi­en. Dar­an wird auch eine “mul­ti­po­la­re” Welt­ord­nung nichts ändern.

Ich über­las­se Ted Kac­zyn­ski das Schlußwort:

Neh­men wir an, das Sys­tem über­lebt die Kri­se in den nächs­ten Jahr­zehn­ten. In die­ser Zeit muss es ihm gelun­gen sein, sei­ne Haupt­pro­ble­me zu lösen oder wenigs­tens zu kon­trol­lie­ren, beson­ders das Pro­blem der »Anpas­sung« der Men­schen ans Sys­tem; im Klar­text, die Men­schen müs­sen so gefü­gig gemacht wer­den, dass ihr Ver­hal­ten das Sys­tem nicht län­ger bedro­hen kann.

Ist das ein­mal erreicht, gibt es kei­ne Hür­den mehr für die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung, und die logi­sche Kon­se­quenz wür­de dar­in bestehen, alles auf der Erde voll­stän­dig kon­trol­lie­ren zu kön­nen, ein­schließ­lich der Men­schen und aller ande­ren wich­ti­gen Lebensformen.

Das Sys­tem könn­te dann zu einer ein­heit­li­chen, mono­li­thi­schen Orga­ni­sa­ti­on wer­den oder mehr oder weni­ger frag­men­tiert sein und aus einer Rei­he von neben­ein­an­der exis­tie­ren­den Orga­ni­sa­tio­nen bestehen, die gleich­zei­tig mit­ein­an­der koope­rie­ren und kon­kur­rie­ren, so wie heu­te Regie­rung, Unter­neh­men und gro­ße Orga­ni­sa­tio­nen sowohl mit­ein­an­der koope­rie­ren als auch konkurrieren.

Mensch­li­che Frei­heit wird dann so gut wie ver­schwun­den sein, weil Ein­zel­per­so­nen und klei­ne Grup­pen den gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen macht­los gegen­über­ste­hen, die mit Super­tech­no­lo­gien und einem Arse­nal von fort­schritt­li­chen psy­cho­lo­gi­schen und bio­lo­gi­schen Metho­den zur Mani­pu­la­ti­on von Men­schen aus­ge­rüs­tet sind, ganz abge­se­hen von Instru­men­ten zur Über­wa­chung und dem Mono­pol phy­si­scher Gewalt.

Nur eine klei­ne Grup­pe von Men­schen hat dann wirk­li­che Macht, und selbst die­se wer­den nur eine begrenz­te Frei­heit haben, denn auch ihr Ver­hal­ten wird regu­liert wer­den; ganz wie unse­re Poli­ti­ker und Auf­sichts­rä­te ihre Macht­po­si­tio­nen heu­te nur so lan­ge hal­ten kön­nen, wie ihr Ver­hal­ten inner­halb gewis­ser enger Gren­zen bleibt.

(“Die tech­no­lo­gi­sche Gesell­schaft und ihre Zukunft”, Abschnitt 163).

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (76)

Maiordomus

14. Juli 2023 11:52

Vorauszusetzen, dass man die Gedanken von Kaczynski kennt, kann bei gebildeten Konservativen und Rechten wirklich nur Kopfschütteln
auslösen und bei mir die Vermutung aufkommen lassen, dass ich ML leider doch überschätze.

ML: Das setze ich erstens doch gar nicht voraus, darum ja auch dieser Text. Zweitens, Konservative und Rechte, die alles Ernstes es bislang geschafft haben, Kaczynski zu ignorieren, können so "gebildet" nicht sein.

Beeindruckend sind die Zitate von Kierkegaard und Heideggerim unteren Teil des für mich doch eher mühsam zu lesenden Aufsatzes, was diese sagten, hat indes "unsereiner" schon vor 60 Jahren gewusst, als wir diese Autoren zu lesen begannen und es bestätigt sich traurigerweise. Dazu braucht man keinen UNA-Bomber oder sonstige verlorene Psychopathen. Wenn sich schon mit einem verfemten Aussenseiter befassen, dann immer noch lieber den gerne Hegel zitierenden beinamputierten jetzt offenbar entlassenen politischen Gefangenen  H.M., der hoffentlich noch am Leben ist und vor dem ich als Lehrer der Ethik meine Achtung nie preisgegeben habe. 

MARCEL

14. Juli 2023 11:54

Eine weitere wichtige Stimme wäre Albert Caraco (1919-1971 Suizid).
Aber nichts für schwache Nerven, da Caraco nur noch den Tod als Ausweg, gleichsam als "die Revolution"ansieht, die notfalls jeder selbst ins Werk setzen kann.
Starker Tobak

Gimli

14. Juli 2023 11:56

Habe ich das Zielbild für den vom Joch der Technologie befreiten Menschen überlesen? Ich glaube, ich kann den Autor verstehen, meine aber, dass sein Ansinnen Unsinn ist. Die technologische Entwicklung ist mE logische Folge aus der Evolution des Homo sapiens, Werkzeuge zu bauen und Wissen weiterzugeben. Innewohnende normale tierische Faulheit und Hierarchiestreben (beides tief genetisch) treibt den Erfindergeist. "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden."(irgendein Schweizer Autor)  Diese unmögliche Einfriedung des Geistes gilt auch für das noch nicht Bekannte. Und dann noch gefragt: Ist ein überlegener Intellekt einer Spezies nicht auch gekränkt und unwürdig behandelt, wenn er Krankheiten und allerlei Unbill des Lebens ausgesetzt ist - und das im vollen Wissen über ein alternatives Leben? Der Quantenphysiker, der einen Pflug lenkt, sozusagen? Hmmh ...

paterfamilias

14. Juli 2023 12:37

"Es gibt bei Kaczynski keinen Kompromiß mit dem 'System': Die technologische Gesellschaft, wie sich sich seit der industriellen Revolution manifestiert hat, müßte restlos von diesem Planeten verschwinden."
Warum sollte ich weiterlesen, wenn mir ein angeblich großer Denker schon im zweiten Absatz so daherkommt? Nur ein weiterer Apokalyptiker also, insofern den von ihm verhassten Linksextremen völlig identisch. Dieses Denken braucht keiner, kann weg.
Wenn mir irgendwann nach Weltuntergang und Totalitarismus zugleich ist, komme ich vielleicht auf ihn zurück. Unterdessen lebe ich ganz gern in der "technologischen Gesellschaft", in der ich mich nicht in unbehandelte Tierhäute kleiden muss und Strom aus der Steckdose kommt. Ich muss halt nur auch mit ihren Schattenseiten leben, und dafür hätte ich gerne Lösungsideen. Aber nein, die ganz große Katastrophe soll es sein.
Sehr ärgerlich, dass einem hier solche weltfremden Spinner als ernsthafte Diskussionsgrundlage hingestellt werden.
 
 
 

MarkusMagnus

14. Juli 2023 13:03

Ich denke die Amische in den USA haben einen ganz guten Kompromiss gefunden. Wobei es auch dort Unterschiede gibt.
Bei manchen sind sogar Autos erlaubt,  bei manchen nur Kutschen. Manche haben Telefon und Elektrizität, Andere wiederum nicht. 
Aber im Grossen und Ganzen leben sie so wie man leben sollte 

Franz Bettinger

14. Juli 2023 13:35

Ted K's Grund-These von der bösen Technologie, die es zu beseitigen gälte, ist nur irre. Das Feuermachen verdammen, nur weil man damit auch (unnötig) einen Wald abfackeln kann? Den Speer verfluchen, weil er auch Falsche treffen kann? Düngemittel ablehnen, nur weil sie der Überbevölkerung der Erde Vorschub leisten? Schmerzmittel ablehnen, nur weil sie auch missbraucht werden könnten? Irre! - T.K’s Denken erinnert an Pol Pot und Mao’s Kultur-Revolution. T.K. sehnt sich zurück nach essentiellen Problemen wie der Futtersuche und des über den Winter Kommens. Ja, dann soll er doch in der Mongolei siedeln, da wird er fündig und, auf sich allein gestellt, nicht mal den 1. Winter überstehen. Diskutieren kann man über die Maßlosigkeit von Entwicklungen, den Machbarkeits-Wahn und über das Dogma vom nötigen Wachstum, ja, aber doch nicht über die Technik an sich.

Karl

14. Juli 2023 14:05

Nur ein kleiner Korrekturvorschlag: müsste es in folgendem Textausschnitt nicht "Entwurzelung" (statt "Verwurzelung") heißen:
"... und dadurch werden auch der Mensch und sein Denken und Fühlen, seine ganze Existenz, sein “Dasein”, wie Heidegger sagen würde, “flach”. Das bedeutet “Entortung” und “Verwurzelung”, und sie ist eine beinahe zwangsläufige Folge der unerbittlichen Entfaltung der Technik."

Mitleser2

14. Juli 2023 14:29

"These 2. Nur der Zusammenbruch der modernen technologischen Zivilisation kann die Katastrophe vermeiden."
Wieviele Menschen überleben den Zusammenbruch (die Präventivkatastrophe)? Würde gerne Meinungen dazu hören. 
Und welche Katastrophe ist größer, die von These 1 oder 2? Oder anders gefragt: Woher weiß er, dass die Präventivkatastrophe "harmloser" ist?

Gotlandfahrer

14. Juli 2023 14:53

1/3
Mir ist nicht klar geworden, wer das "System" ist. Die Technik? Die Unterwerfung des Menschen unter die Technik, selbst wenn es "Zauberlehrlinge höheren Grades" gibt, die – ihr auch nur gehorchend – der Technik mit Unterwerfungsmanagement dienen, setzt einen Willen der Technik und/oder einen dem Menschen nicht mehr zugänglichen Selbsterhaltungsmechanismus der Technik voraus. Die Apologeten der KI wollen uns einreden, die Technik hätte schon oder könnte bald ein Bewusstsein haben. Das sehe ich nicht, es sind nur beeindruckend schnell ablaufende rechnerische Operationen ausgeführt mit Strom auf leblosem Silizium. Kein Blut, kein Schweiß, keine Tränen. Kein Sex und kein Tod. No fucking way, Blechbüchse.
Es mag Erfordernisse der Technik geben, die die Technik eines Tages auf Kosten der menschlichen Freiheit zu erhalten im Stande ist, wogegen der Mensch sich dann nicht mehr wehren kann. Nach dem Motto: Du musst heute auf die Tomaten verzichten, weil Dein Kontostand für das Datenvolumen eingesetzt werden muss. Aber selbst dies führt nicht ausweglos für alle zur Entwürdigung und Aussichtslosigkeit, denn gerade ein gemeinsamer Feind gäbe hervorragenden Lebenssinn für die Menschen ab, man denke an das Heldentum in der Matrix. 

Gotlandfahrer

14. Juli 2023 14:53

2/3
In meinem Umfeld haben sich zum Beispiel gerade angepasste (!) junge Leute für die Abmeldung aus "sozialen Medien" entschieden, um nur noch die als nützlich empfundenen Messaging Dienste zu nutzen. Andere, Eltern, Wokelinge durch und durch, erleben gerade, wie ihre 12jährige mit der Umstellung auf ein altes Tastenhandy wieder ein fröhliches Kind wird. Und alle wollen weiterhin Verreisen, eine digitale Himalaya-Tour gilt noch nicht als befriedigend.
Wenn mit „System“ stattdessen die „systematische“ Dämlichkeit der Menschen gemeint ist, zum Beispiel wenn diese mehrheitlich ihre körperliche Selbstbestimmtheit aufgeben, um ins Kino gehen zu dürfen: Ja, die gibt es, die gab es aber immer schon, das ist nicht das Wesen der Technik. Technik selbst ist wie ein Faustkeil. Es kommt drauf an, wer ihn in welcher Absicht benutzt. Damit bleibt alles Entscheidende in der Sphäre der Menschen und wie schon immer ist bedeutsam, wer die Zauberlehrlinge höherer Ordnung sind. Wenn es ein „System“ gibt, dann das von machtgeilen, perversen Menschen. 
Die frohe Botschaft: Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht mehr los. Bestes Beispiel ist doch dieses Forum, damit ein Kreis, der ohne die Technik so nicht zusammengefunden hätte. Auch der Kaczynski hätte ohne die industrielle Revolution, wäre er überhaupt geboren worden, seine Gedanken nicht verbreiten können. Meine Wenigkeit wäre in jungen Jahren an der Seitenkrankheit verendet. 

Gotlandfahrer

14. Juli 2023 14:53

3/3
Man sollte auch die menschlichen Schwächen, den Wunsch nach Erfolg durch Anpassung, das Wahrnehmungsunvermögen und die Komfortzonenverharrung, nicht mit allgemeiner Seelenlosigkeit gleichsetzen. Auch im dämlichsten Klimakleber oder der umnächtigsten Teddybärwerferin steckt eine Seele, die eigentlich mehr will, als Fressen, Ficken, Fernsehen. Es kommt auf die Führung des Volkes an, DAS ist das Problem. 
Und ja, doch, eine multipolare Welt wird daran etwas ändern: Je multipolarer die Welt, je näher beieinander die Interessen der Führer und Geführten, desto mehr kann Technik zum Segen werden, umgekehrt, in der Hand von Wahnsinnigen, die die WHO kapern, wird sie zum Fluch.
Konzentrieren wir uns auf die falschen Herren dieser Welt, auch indem wir die Technik nutzen, nicht fürchten.

Adler und Drache

14. Juli 2023 15:45

Verlust von Würde und Freiheit - ist dies tatsächlich Folge der Industriellen Revolution und der Technisierung der Welt, oder handelt es sich hier um eine optische Täuschung?
Wovon geht man aus: Davon, dass der Mensch Würde und Freiheit naturgemäß besitzt? Und sie immer noch besitzen würde, wenn nicht ... (man ergänze nach Belieben)?
Genauer: Was erwartet man?
Und wenn es nun so wäre, dass Würde und Freiheit rar gesäte Güter wären, schon immer waren? Dass man dergleichen nur gewinnt, indem man einen bestimmten Weg geht und nicht erwarten kann, dass dies zur Grundausstattung des "Menschen an sich" gehört? 
Es schwingt bei den Aussagen von TK so ein Ton von beleidigter Leberwurst mit, weil die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte oder könnte. Der christliche Blick ist der des Erbarmens auf den gefallenen Menschen, der utopistische Trieb ist Rachsucht an dem, der (oder das) als Verursacher (oder Ursache) für die Malaise identifiziert wird. Aber die Malaise war schon immer da, sie ist dem Menschen und mit dem Menschen der Welt gegeben. 

Maiordomus

14. Juli 2023 15:48

Die Thematik ist von Günter Anders im Sinne der prometheischen Scham auf ganz anderem Niveau und von philosophiegeschichtlicher Bedeutung aufgegriffen und aufgearbeitet worden. Anders war auch schon eine ganz andere Liga als die ebenfalls überschätzte auf genaue Recherche nicht erpichte Intellektuelle Hannah Arendt. Die beiden waren, wie auch Heidegger, vorübergehend in einer erotisch-geistigen Beziehung. Der Mensch kann sich nicht vorstellen, was er herstellt. Dem  Weiterdenken dieser Problematik hat sich jenseits von Kulturpessimus der hevorragende Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Kaeser gestellt. 

RMH

14. Juli 2023 16:12

Im Gegensatz zu Maiordomus finde ich es gut, dass M.L. die Thesen T.Ks hier erneut thematisiert und zur Debatte stellt.
T.K. hat Inhalte geschrieben, da könnte man fast schon meinen, jemand anderes hätte die Bombenanschläge gemacht, nur um ihn und damit seine Aussagen nach Belieben diskreditieren zu können (wovon ich selbstredend nicht ausgehe).
Jetzt, wo T.K. seine Strafe bis zum letzten (Tod im Gefängnis) abgesessen hat, hat es keinerlei Houtgout mehr, sich mit seinen Schriften zu befassen. Sein Schuldkonto ist ausgeglichen. Ergo: Danke an M.L. für den Artikel!

Le Chasseur

14. Juli 2023 16:33

@Martin Lichtmesz:
Kennen Sie die Bücher "Das Ende der Megamaschine" von Fabian Scheidler und "Die Megamaschine" von Claus Eurich? Falls ja, gibt es bei den beiden Autoren Überschneidungen mit Kaczynski?

ML: Kenne beide nicht.

Utz

14. Juli 2023 16:35

@ M. Lichtmesz: Danke@ MarkusMagnus: Danke für die ErinnerungAnsonsten: Wenn man sagt: 'Es kommt darauf an, was man mit Technik anfängt, das Messer kann zum Brotschneiden und zum Töten verwendet werden', dann hat man das Problem noch nicht verstanden: Das Messer hat ein Eigenleben. Leider bin ich weder philosophisch gebildet, noch sprachgewandt. Wäre ich eines von beidem, könnte ich erklären, was ich meine. So aber kann ich nur sagen: Bloß weil Kaczynski Bomben verschickt hat, darf man nicht meinen, er sei zu keinem vernünftigen Gedanken fähig.

Niekisch

14. Juli 2023 16:48

Mir kam da sofort der Gedanke auf, wie dieser Kaczynski wohl den historischen Nationalsozialismus in Bezug auf die Technik eingeordnet hat, wenn er sich denn damit beschäftigt hat. Ist nicht auch der Bauernsohn vom Reichserbhof 1944/45 über das Aluminiumleiterchen in seinen Düsenjäger Me 262 geklettert, um der RAF entgegenzufliegen? Gab es jemals ein politisches System, das auf extremere Art und Weise Technik und Boden miteinander zu vereinen versucht hat als diese Bewegung? 

t.gygax

14. Juli 2023 16:48

@gimli
Das Zitat ist aus Dürrenmatts Physikern, und zwar sagt die Hauptperson Möbius dies, nachdem er resignierend erkennt, daß seine Zurücknahme seiner destruktiven wissenschaftlichen Tätigkeit das Unheil nicht stoppen kann, weil sich machtbessene und verrückte Personen ( bei Dürrenmatt eine Psychiaterin..) seiner Forschungen bemächtigen.
Dürrenmatt ist mit seiner resignativen Sicht ( zumindest in seiner mittleren und späten  Schaffensphase) ganz nah bei der Technikkritik etwa von Kazcinsky, und wer da noch etwas tiefer gehen will: Goethe, Faust - Tragödie II.Teil " Am Ende hangen wir doch ab von Kreaturen, die wir machten ", dies angesichts der Erschaffung des künstlichen Menschen Homunculus, der auch nur dem Verderben entgegen geht.

ede

14. Juli 2023 17:00

Ich meine auch, dass Kaczinski "als Denker ernstzunehmen" ist, wenngleich ich vor Lichtmeszs Beiträgen nichts von ihm wusste. 
Er kreist m.E., durchaus auch sehr scharfsinnig, wie so viele vor ihm, um die Frage nach dem Sinn des Lebens. 
Um es kurz zu machen, der Sinn besteht einfach darin am Leben zu bleiben. Leben als Schaf ist zweifellos besser als ein toter Held zu sein. Immerhin verbleibt noch die Chance ein lebendiger Held zu werden.
"Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" ist da eine einschlägige Parabel von Solschenitzin. 
Die Technologiefrage hat Bettinger treffend beantwortet. 
Klar kann Technologie in den Weltuntergang führen. Keine aber auch. 
 

Der Gehenkte

14. Juli 2023 17:11

Sicher, man kann fragen: wenn wir einen Heidegger haben, wozu brauchen wir dann einen Kaczynski? 
Den Fehler, den einige Kommentatoren immer und immer wieder machen, ist, die Thematisierung eines Denkers/Werkes/Gedankens auf SiN zu generalisieren und sogleich zu unterstellen, daß die Autoren nun auf diese Position einschwenken und wenn es sich um marginalere oder fragwürdigere Quellen handelt, auch gleich den Sinn des Unterfangens infrage zu stellen nach dem Motto: Habt ihr keine anderen Probleme? Uns steht das Wasser bis zum Hals, und ihr redet über X/Y ...
Dieses Reden aber ist wichtig, denn es ist - Bereicherung. Gerade ML hat zuletzt immer wieder versucht, das Periphere in die Mitte zu holen. Wen dieser Akt, dieser Ansatz stört, der kann auch mal schweigen, anstatt das Gespräch sofort zur Entgleisung zu bringen. Wer hingegen seinen Horizont erweitern will, darf das tun. Es werden auch wieder grundsätzlichere Fragen besprochen werden. Dieser Blog ist ein Sammelsurium und ein Versuchsgelände und kein Leitfaden. 
Mir ist jedenfalls zum ersten Mal deutlich geworden, warum es lohnen könnte, Kaczynski zu beachten - deswegen werde ich ihn nicht gleich gegen meinen Heidegger austauschen. 

Laurenz

14. Juli 2023 17:21

@MarkusMagnus .. auch wenn bei ensprechenden innerehelichen Debatten über Kulturelle Aneignung Bill Burr Seiner (schwarzen) Frau empfiehlt, die Verwandtschaft nicht mit dem Flugzeug zu besuchen, sondern zu laufen, will Dave Chappelle weder nach Afrika zurück noch mit den Amischen tauschen. Er liebt Seinen Porsche. https://youtu.be/-kVoVUe9rQw
@ML .... das Befassen mit dem Ted-Kaczynski-Manifest bleibt arg theoretisch. Leute, die wie Ted Kaczynski oder auch meine Wenigkeit, wie die Eremiten leben, haben eine soziale Schwäche. Wie viele Follower Kaczynskis haben einen technologielosen Lebenswandel eingeschlagen oder lebten mit ihm im Wald? Der Verzicht auf Kunstdünger kostet sofort 4-5 Milliarden Menschen das Leben. Der Rest wird die vorhandenen Wälder vernichten, da man auch auf fossile Energieträger verzichten muß. Der Krieg, die Gewalt ist das entscheidende Momentum für Technik. Der Mensch suchte immer nach überlegener Technik, um Mitbewerber auszuschalten. Kaczynski ging als Una-Bomber in die Geschichte ein. Warum hat er seine Opfer nicht mit dem Knüppel erschlagen?

heinrichbrueck

14. Juli 2023 17:33

Die Roboter übernehmen menschliche Arbeit; fährt so ein Terminator über die bäuerlichen Felder, verlieren die Tagelöhner ihre Arbeitsberechtigung. Dem Bauer wird die Arbeit erleichtert, aber er wird seinen Arbeitstag behalten. Beschäftigungslosigkeit der menschlichen Massen, die einen Planeten kahlfressen können, wird nicht sein Problem sein. Er verfolgt seine Ziele, mit Unterstützung des technologischen Fortschritts. Ist dieser Bauer auf der spirituellen Ebene nicht angekränkelt, seine Durchsetzungskraft nicht durch sexuelle Revolution, Drogen, Hollywoodabhängigkeit, unterminiert, wird sein Dasein überdauern, in die nächste Generation weitergeführt. Liegt das Hauptschlachtfeld auf der spirituellen Ebene, stelle ich mir die Frage, inwiefern die Technik die Moral untergräbt, und der Überlebenskampf auf der nationalen Ebene versiegen kann. Ob Waldmenschen- und Barbarentum zunichtegemacht werden können, von einem programmierten Roboter, ist eine Frage des Umgangs. 

heinrichbrueck

14. Juli 2023 17:33

Vom Germanen, der mit seinem Pferd durch den Wald schlendert, zum Deutschen, der mit seinem Unimog durch die Lanschaft brettert, dürfte es keinen großen Unterschied geben. Warum sollte der Internet- bzw. Raumfahrer der Zukunft, einen anderen Seelenhaushalt haben?

ML: Weil der "Seelenhaushalt" mit dem Dasein in (einem konkreten) Raum und (einer konkreten) Zeit zu tun hat.

War der Terminator die sexuelle Revolution? Ausleseprinzip, Kampf ums Dasein, behalten ihre Gültigkeit. Die Entfernung des Volkes, die biologische Grundordnung, aus der Geschichte, dafür ist die Politik zuständig.

ML: Die Politik folgt der Technologie.

In diesem Bereich ist die Volksgemeinschaft interessant, und nicht eine Menschheit ohne konkreten Lebenswert. Vom Nutzen eines kurzen Lebens, für den Normalsterblichen, ohne dieses Leben zu überfrachten. 

Mitleser2

14. Juli 2023 17:35

@paterfamilias: "Sehr ärgerlich, dass einem hier solche weltfremden Spinner als ernsthafte Diskussionsgrundlage hingestellt werden."
Ja, sehe ich auch so. Und die Kommentare gehen ja fast alle in diese Richtung. Vielleicht sollte ML noch nachschieben, was ihn an dieser schrägen Person so fasziniert. Für Rechte im realen Leben in 2023 völlig unerheblich und absurd, auch wenn er angeblich Linke gehasst hat. 
 

Ein Fremder aus Elea

14. Juli 2023 18:03

Es mag eine immaterielle menschliche Seele geben oder nicht, aber wenn es sie gibt, wirkt sie deutlich schwächer als die biologischen Mechanismen auf das menschliche Verhalten ein. Denn wenn dies nicht der Fall wäre, wären die Forscher nicht in der Lage, menschliche Gefühle und Verhalten mittels Drogen und Strom so leicht zu manipulieren.

Das ist ein Trugschluß, der einem Professor der Mathematik nicht passieren darf. Die Seele steht nicht in Konkurrenz zu den biologischen Mechanismen, sondern steuert sie, wenn sie nicht durch äußere Einflüsse wie Drogen oder Kopfabschlagen daran gehindert wird.

Ein Fremder aus Elea

14. Juli 2023 18:14

Ich schlage vor, damit als eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner jenen Teil in uns zu bezeichnen, der gegen die Aussicht revoltiert, sich zum technologisch gesteuerten Biorobotern machen zu lassen.

Nicht ungeschickt, aber in diesem Fall ist es am besten sich an die klassische Ansicht, wie von Plotinos wiedergegeben, zu halten, wonach die Seele schlicht das "Naturgesetz" ist, nach welchem sich unser Geist verhält.

Dieses Gesetz sieht vor, die Welt durch die Tat aus der Wahrnehmung nach dem Willen zu gestalten, und wenn Wahrnehmung und Wille dabei zu manipulierten Objekten werden, ist das ein Gesetzesverstoß durch Sabotage der Wirkung des Gesetzes.

Sie können sich diesen Gedankengang sparen mit Ihrer Definition, aber es ist besser es nicht zu tun.

Ein Fremder aus Elea

14. Juli 2023 18:25

Was Kaczynski's 2. Punkt angeht: Daß die Katastrophe erst endet, wenn die jetzige Zivilisation endet, ist trivial, denn sie ist ja ein Symptom derselben, aber was das Ende angeht, da möchte ich doch zwischen dem Verlust der Fähigkeit, Maschinen zu bauen, und der Abkehr von den Prinzipien, welche die Weiterentwicklung von Maschinen an die erste Stelle stellen, unterscheiden.

Carsten Lucke

14. Juli 2023 18:31

@ Franz Bettinger 
Ich kann beim besten bzw. schlechtesten Willen in dem hochinteressanten und spannenden Aufsatz (incl. der Zitate) keine Ablehnung "der Technik an sich" entdecken ! Wäre doch auch absurd, käme er ja ohne Schreib- und anderer Technik schon mal gar nicht aus. - Als ob Technik eine Erfindung des Menschen ist. Es gab sie schließlich (mindestens) seit Anbeginn des irdischen Lebens, und sie wurde von den Ur- bis zu den heutigen Menschen in zahllosen Fällen nachempfunden, verwendet und sogar weiterentwickelt.
Vielmehr hat der Text doch m.E. die teilweise, aber für das Leben entscheidende Pervertierung der Technik zum Thema, nämlich den Punkt, an dem sie, statt zum Über- und Wohlleben beizutragen, das Gegenteil bewirkt.
Oder muß ich meine Lesetechnik ändern ?

Gracchus

14. Juli 2023 18:38

Sehr guter Beitrag. Auch wenn man Ks Verzweiflung und seine " "Lösung" nicht teilt: Das Thema - "Erniedrigung des Menschen" (durch Technik) - stellt ein ernstes, aktuelles Problem dar, ein Dilemma, weil nicht zu lösen. Man wird auf Technik und deren Weiterentwicklung nicht verzichten wollen und können. Die Folgen für das Menschsein sind unabsehbar, schon jetzt aber katastrophal. An Ks Revolution glaube ich allerdings nicht - also abgesehen davon, dass sie unwahrscheinlich ist und ich keine konkrete Vorstellung davon gewinne, wäre sie auch in meinen Augen keine Lösung. Ferner denke ich, dass sich der Mensch - und auch nur individuell - zur Freiheit hin entwickelt. Es ist also nicht so, dass der Mensch ohne Technik frei wäre, er ist auch zum physischen. Überleben auf Technik angewiesen. 

Ein Fremder aus Elea

14. Juli 2023 18:43

Zur gehegten Technologie: Warum nicht? Nur, so lange Kontrolle das Ziel ist, wird es nichts. Ich glaube auch nicht daran, daß die Elite von der Technik kontrolliert wird, jedenfalls auf keine stabile Weise.

Das Kontrolldenken trifft auf Allmacht, die Gefahr heute ist ja nicht mehr zu verhungern, sondern der allmächtige Gegner, welchen man nur durch noch mehr Allmacht kontrollieren kann. Und KI wird tatsächlich Allmacht hervorbringen. Und niemand darf sie also in die Finger kriegen. Aber die einzige Weise, das zu verhindern, besteht in der eigenen Allmacht.

Nein... das wird immer neue Paranoia und Schismen hervorbringen. In etwa so wie der Rubin im Dschungelbuch.

Oder das Feuer seit Prometheus' Zeiten.

Aber vielleicht, wenn die Seele des Menschen dies erkennt, liegt in ihrem Gesetz ja ein Ausweg.

Wahnsinnistkeinemeinung

14. Juli 2023 20:00

Wie immer ein genialer Text, dem ich dieses Video meines ehemaligen Lehrers beifügen: https://www.youtube.com/watch?v=SIpVMgHIIEE  Danke Herr Lichtmesz!

Rheinlaender

14. Juli 2023 21:26

Ich kann in Kaczynski, einem Mehrfachmörder und gemeingefählichem Irren mit pathologisch asozialer Veranlagung, kein Vorbild erkennen. Sein Manifest hätte auch von jedem beliebigem linkem Nihilisten stammen können. Wenn Kaczynski aufrichtig gewesen wäre, hätte er bei der Umsetzung seiner Vision einer Entvölkerung der Erde bei sich selbst angefangen. Offenbar war nur sein Narzissmus noch stärker als sein Nihilismus.

Le Chasseur

14. Juli 2023 21:29

@Niekisch"wie dieser Kaczynski wohl den historischen Nationalsozialismus in Bezug auf die Technik eingeordnet hat, wenn er sich denn damit beschäftigt hat. Ist nicht auch der Bauernsohn vom Reichserbhof in seinen Düsenjäger Me 262 geklettert, um der RAF entgegenzufliegen? Gab es jemals ein politisches System, das auf extremere Art und Weise Technik und Boden miteinander zu vereinen versucht hat als diese Bewegung?"
Ordoliberal schrieb kürzlich zu einem anderen Thema: "[D]as reaktionäre Kleinbürgertum und Teile des Adels haben die [Nazi-]Bewegung unterstützt, weil sie in ihrer antikapitalistischen Rhetorik von "Blut und Boden" und "Volk und Brauchtum" ihren eigenen vormodernen Traum einer Bauern-, Handwerker- und Soldatengesellschaft wiederzuerkennen glaubten. Auch der Nationalprotestantismus und sogar Teile des Katholizismus fielen auf die - ein Urbedürfnis der Deutschen bedienende - Propaganda einer romantischen Vormodernität herein. Ein Missverständnis, das stimmt schon."
Das ganze war eine Masche. Natürlich setzte auch der Nationalsozialismus voll auf die Technik und ein durchtechnisiertes System, in dem der Einzelne als Rädchen zu funktionieren hatte. Man denke auch an das Motto: "Du bist nichts, dein Volk [=das System] ist alles."

Le Chasseur

14. Juli 2023 21:33

@ede"Klar kann Technologie in den Weltuntergang führen. Keine aber auch."
Wie wollen Sie mit Steinäxten und Keulen den Weltuntergang herbeiführen?

Gracchus

14. Juli 2023 23:16

@Adler und Drache: Das ist auch mein Einwand. K sagt es selbst: Wenn die biologischen Mechanismen den Menschen stärker beherrschen als Geist und Seele, dann war er auch vor der industriellen Revolution nicht frei, eigentlich nie. Frei wird er, indem er sich Geist und Seele zuwendet und sich mehr und mehr davon leiten lässt. Das ist m. E. die Lehre aller kontempativen  Schulen (natürlich mit Unterschieden je nach religiöser Tradition). 
Die Technik ist nicht neutral, sondern das Werk der paradiesischen Schlange. Technik ist der Ersatz für das verlorene Paradies der Unwissenheit. Freud sprach ja auch vom menschlichen Prothesengott. Man muss ja auch sehen, dass alles Technik wird. Es kommt vermeintlich auf die richtige Sex-, Meditations- oder auch Kommunikationstechnik an. Alles Wissen wird genutzt, um hieraus eine (manipulative) Technik zu machen. 
Die christliche Tradition (aber auch Sufismus und jüdische Mystik) setzen dagegen auf das Herz.  
 

Blue Angel

14. Juli 2023 23:27

Interessanter Artikel. Danke dafür.

nom de guerre

15. Juli 2023 00:04

Guillaume Fayes Erzählung ist ein interessanter Ansatz, ich hätte seine Utopie jedoch glaubhafter gefunden, wenn er die Geschichte nicht aus dem Blickwinkel eines Angehörigen der hochtechnisierten Elite, sondern des einfachen Volkes geschrieben hätte. Die normalen Leute in seiner Welt werden in dem vorindustriellen Zustand, in dem sie leben (müssen), künstlich festgehalten, denkt man das Ganze zu Ende, dürfte dort keine noch so kleine Erfindung gemacht werden, da diese zur nächsten und zur übernächsten führen könnte, was das Verharren in dem von den Eliten festgelegten Zustand beenden würde. Neuerungen erhalten sie nur von den Eliten (kann mich vage an Hybridwesen erinnern, die die Schafherden vor Wölfen schützen sollen) und trotz einer gewissen Mitbestimmung nur so weit, wie diese es für richtig halten. Ist das nicht ebenfalls eine Erniedrigung der Mehrzahl der Menschen? Und ist es in so einer Welt nicht auch angelegt, dass die Eliten irgendwann die Mehrheit als eine Art „niedrigere Wesen“ betrachten werden, mit denen sie nach Belieben verfahren können? Mir fiel es bei der Lektüre schwer, mir das alles als dauerhaft harmonisches Zusammenleben vorzustellen. Nicht zuletzt würde sich wohl keine Mehrheit mit einer medizinischen Versorgung auf dem Niveau vorindustrieller Zeiten zufriedengeben, wenn für die Eliten vermeintlich "fortschrittlicher" Transhumanismus zu haben wäre (ich glaube, es war von künstlichen Gebärmüttern und ähnlich Ekelhaftem die Rede).

ede

15. Juli 2023 00:39

@le Chasseur, nun, Variationen des Weltuntergangs an sich sind viele vorstellbar und noch mehr unvorstellbar. 
Auf die Menschheit der Steinzeit bezogen hätte der Yucatan Meteorit vermutlich auslöschend gewirkt. Vielleicht hätte sich ohne Technologie (insbesondere Waffen) auch eine Tierart mit großer Schnauze und großem Gehirn entwickelt? 
Mit unserem heutigen Technologien würde bspw. dieser Meteorit die Menschheit zwar drastisch reduzieren (wegen Hunger), aber vermutlich nicht zum Aussterben bringen. Der Schlüssel ist die Nutzung technologischer Energiequellen, mit denen könnte man auch im Keller Kartoffeln anbauen und Hühner halten. Atomkraftwerke, Wasser - und Ölpumpen brauchen jedenfalls kein Tageslicht. 
 
 

Franz Bettinger

15. Juli 2023 01:14

Womöglich bin ich diesem T.K. schon mal begegnet. Es muss 1995 oder '96 gewesen sein oben in Idaho (nicht weit weg vom späteren Ort seiner Verhaftung, südl. von Lincoln), als wir über mehrere Tage hinweg den einsam und wild gelegenen Selway River runter paddelten. Aus den Augen dieses Mannes trat einem nur eins entgegen: Hass. Weil wir aus purem Spaß auf dem Fluss waren? Weil unsere Boote aus Plastik waren statt aus Birkenrinde? Der Mann fuhr einen alten wuchtigen SUV und raste damit rücksichtslos auf der schmalen dirt road entlang, die den Fluss zu Beginn noch begleitete. Ein Wahnsinniger, der wohl dachte „Was tun diese Neopren tragenden Aliens in meiner Welt?“

Kurativ

15. Juli 2023 01:22

Ich habe auch einmal so gedacht. Aber nur kurz. Man verwechselt hier Angewiesenheit (natürlich, positiv) mit Abhängigkeit (neurotisch, unnatürlich). Jeder Organismus steht mit seiner Umgebung im Austausch. Diesen Austausch zu begrenzen kann man machen. Aber man sollte sich dann nicht über die Nachteile beim Gegenüber beschweren. Möglicherweise wird sich die Menschheit irgendwann mit Atom oder Gen selber auslöschen. Aber die Hoffnung dieses zu verhindern zu können, ist auch nur wieder eine irre Idee

ricogatto

15. Juli 2023 04:01

Der Edle wird im Zeitalter der KI-Gehirnchips, wie damals vor den Toren Trojas, nach Ruhm streben und seinen Geist und Körper stärken. Die Vielen aber waren immer satt wie das Vieh!

MarkusMagnus

15. Juli 2023 09:52

Kaczynski hat ja alleine in einer Hütte gelebt, aber der Mensch ist ein soziales Wesen. So kann man nicht leben.
Eher so in die Richtung Amische, nur eben mit Waffen. Also in wehrhafter Gemeinschaft.
Da gab es mal einen Vorfall in Waco als das FBI die Farm dieser Davidianer gestürmt und angesteckt hat. 
Die haben keine Bomben verschickt, die wollten nur ihrer Ruhe vom Staat.  
Aber dann kamen die Buchstabenbehörden mit konstruierten Anwürfen um dort eine Razzia zu machen...der Rest ist bekannt.
Das was auch einer der Gründe für das Attentat in Oklahoma City 1995.
 

Der Gehenkte

15. Juli 2023 10:22

Dsi Gung war im Staate Tschu gewandert und nach dem Staate Dsin zurückgekehrt. Als er durch die Gegend nördlich des Han-Flusses kam, sah er einen alten Mann, der in seinem Gemüsegarten beschäftigt war. Er hatte Gräben gezogen zur Bewässerung. Er stieg selbst in den Brunnen hinunter und brachte in seinen Armen ein Gefäß voll Wasser herauf, das er ausgoß. Er mühte sich aufs äußerste ab und brachte doch wenig zustande.
Dsi Gung sprach: „Da gibt es eine Einrichtung, mit der man an einem Tag hundert Gräben bewässern kann. Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?“ ...
 
Der Gärtner richtete sich auf, sah ihn an und sprach: »Und was wäre das?« Dsi Gung sprach: „Man nimmt einen hölzernen Hebelarm, der hinten beschwert und vorn leicht ist. Auf diese Weise kann man das Wasser schöpfen, daß es nur so sprudelt. Man nennt das einen Ziehbrunnen.“
Da stieg dem Alten der Ärger ins Gesicht, und er sagte lachend: „Ich habe meinen Lehrer sagen hören: Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er all seine Geschäfte maschinenmäßig; wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz. Wenn einer aber ein Maschinen­herz in der Brust hat, dem geht die reine Einfalt ver­loren. Bei wem die reine Einfalt hin ist, der wird ungewiß in den Regungen seines Geistes. Ungewißheit in den Regungen des Geistes ist etwas, das sich mit dem wahren SINNE nicht verträgt. Nicht daß ich solche Dinge nicht kennte: ich schäme mich, sie anzuwenden.“ …
Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland

RWDS

15. Juli 2023 11:20

Der Smartphone-Bildschirm scheint mir, in Zeiten wo man sich ohne Orientalenhorden nicht mehr im Freibad abkühlen kann, ein zu vernachlässigendes Problem zu sein. Aber jeder zieht die Grenze seiner Systemkritik nun einmal selbst. 

Artabanus

15. Juli 2023 12:28

Technologie an sich war noch nie ein Problem. Kazcinsky war da auf einer falschen Fährte. Das Problem sind immer menschliche Irrtümer, an denen auf Teufel komm' raus festgehalten wird. Es gibt z.B. in der momentanen Mainstream-Wissenschaft so viele Irrtümer an denen dogmatisch festgehalten wird und die tatsächlich zu einer Demütigung der Menschheit geführt haben und unsere Existenz bedrohen. Beispiele für solche nachweislich falschen Dogmen, die extrem schädlich, demütigend und gefährlich sind gibt es zur Genüge, ich beschränke mich hier aber nur auf die beiden Themen "Corona" und "Klima" als Beispiele, da die Diskussion sonst ausartet und vom Thema abgleitet.
 

Ein Fremder aus Elea

15. Juli 2023 12:50

Wahnsinnistkeinemeinung,

ich hoffe, Sie sind Jurist, andernfalls Sie ein Denken vermittelt bekommen hätten, welches Ihnen nichts nützt.

Siriusstar

15. Juli 2023 12:51

1.) Völker und Nationen besiedeln den Weltraum in ihrer Vielgestaltigkeit oder 2) globalistisch, nur wenige bzw. ein Konglomerat,  als Cyborg oder Chi(Ki)- Borg, machen dies.
Das rien ne va plus, einerlei ob via Injektion oder Atomkrieg, fehlgeschlagenem herumspielen an der Fruchtbarkeit, Steinzeitdegeneration, ist natürlich immer machbar. 

Ein Fremder aus Elea

15. Juli 2023 15:22

Artabanus,

mit Dogmen und mit Wissenschaft hat das beides nichts zu tun, sondern einzig und allein mit Medienkontrolle.

Die Frage müßte also lauten, ob Massenmedien gefährlich sind.

Sind sie's?

Ich meine, es gibt in der Wissenschaft verschiedene Fakultäten, und jede Fakultät legt die Standards fest, nach denen jemand zum Professor wird. Noch nie hat jemand in der Physik was über das Wetter oder das Klima veröffentlicht, weil derartige Aussagen nach den Standards der Physik, x-mal wiederholtes Experiment im Konfidenzintervall, unhaltbar sind. Diesen Umstand haben die Massenmedien in den letzten 40 Jahren genau 0-mal problematisiert.

Angenommen es gäbe sie nicht, dann würde die Leute doch zum lokalen Physiker gehen, um sich zu informieren, und der würde ihnen den Stand der Wissenschaft erklären. Da es sie aber gibt, wenden sich die Leute lieber ihnen zu.

Und bei Covid läuft genau dasselbe, nur mit Pharmavertretern und einigen wenigen Medizinern, welche die Materie halbwegs verstehen.

Technik ist nicht das Problem? Nie?

Le Chasseur

15. Juli 2023 15:23

@RWDS"Der Smartphone-Bildschirm scheint mir, in Zeiten wo man sich ohne Orientalenhorden nicht mehr im Freibad abkühlen kann, ein zu vernachlässigendes Problem zu sein."
Das Smartphone ist mit daran schuld, dass die Orientalenhorden sich in deutschen Freibädern tummeln. Zuerst haben sie via Smartphone und Internet vom Lebensstandard im gelobten Land Deutschland Kenntnis erlangt, und dann haben sie mithilfe des Smartphones ihre Anreise organisiert.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/fluechtlinge-smartphones-setzen-asylpolitik-unter-druck-100.html

Le Chasseur

15. Juli 2023 15:32

@ede"Variationen des Weltuntergangs an sich sind viele vorstellbar und noch mehr unvorstellbar. Auf die Menschheit der Steinzeit bezogen hätte der Yucatan Meteorit vermutlich auslöschend gewirkt."
Sie setzen Weltuntergang mit dem Aussterben der Menschheit gleich. Für mich bedeutet Weltuntergang, wenn durch ein Ereignis alles höhere Leben auf dem Planeten ausgelöscht wird und höheres Leben auf lange Sicht unmöglich ist (wegen extremer Kälte, extremer Hitze, fehlender Atmosphäre, schädlicher Strahlung...). Der Extremfall wäre natürlich das Zerbrechen des Planeten Erde.

Utz

15. Juli 2023 17:24

@ Artabanus
Gäbe es keine Technologie gäbe es auch kein "Corona" und kein "Klima". Es gäbe Leute, die mit zum Himmel gereckten Händen schreien würden: "Die Welt geht unter! Kehret um und tued Buße!" . Das gab es in früheren Jahrhunderten zur genüge. Sie würden das ein paar dutzendmal wiederholen und ein paar wenige würden ihnen tatsächlich nachlaufen. Für die meisten Menschen wäre das weder gefährlich noch bedrohlich. Wir leben aber in einer Welt mit Technologie, deshalb waren und sind die Einschränkungen durch diese beiden Themen und das Leid, das sie verursacht haben, elementar.

Ordoliberal

15. Juli 2023 17:56

Die Technikangst der seinsgründelnden Konservativen ist doch uralt. Dafür muss man nun wirklich keinen Bomben werfenden Anarchisten lesen. Diese Angst ist allerdings ebenso populistisch und nicht zuende gedacht wie die utopischen Träume der Progressiven von einem sorgenfreien Staat ohne Hierachien. Beide, die Progressiven und die Konservativen, gehen von folgenden zwei Prämissen aus: 1) Die Gesellschaft entwickelt sich in eine "Richtung" (erwünscht oder unerwünscht), die man vorhersehen kann, und 2) ein Gesellschaftszustand kann von Menschen fixiert werden, sei es durch politische, technische oder moralische Mittel. Beide Prämissen sind falsch.
Es ist typisch für hochbegabte Mathematiker und Naturwissenschaftler wie Kaczynski, dass sie die Möglichkeiten der Technik überschätzen und die Natur des Menschen verkennen. Woraus folgt denn, dass eine so hochtechnisierte Gesellschaft, wie Kaczynski sie fürchtet, stabil ist? Man werfe einen Blick in die Geschichte! Wieviele städtische Hochzivilisationen sind an inneren Konflikten untergegangen und durch primitive Bauerngesellschaften ersetzt worden? Ist es denn nicht viel wahrscheinlicher, dass der "Great Reset" statt eines großen Sprungs nach vorn einen Rückfall in religiös beherrschte Clangesellschaften bewirkt?
Kaczynski ist ein Historizist und Romantiker. Wie praktisch alle Illiberalen. Das heißt, er verbreitet in seinen Schriften genau die Krankheit, die er zu kurieren versucht.

Niekisch

15. Juli 2023 19:54

"Das ganze war eine Masche. Natürlich setzte auch der Nationalsozialismus voll auf die Technik und ein durchtechnisiertes System"
@ Le Chasseur, 14.7. 21:29: Also sozusagen reine Bauernfängerei. Meinen Sie das ernsthaft? Wenn ja, dann erklären Sie bitte, warum bereits im Frühjahr 1933 in Preußen durch Justizminister Kerrl das"Preußische Erbhofgesetz" geschaffen wurde, wodurch z.B. der Bauer nur noch Personalkredite aufnehmen durfte, also gerade nicht der Technik Vorrang geben konnte, indem er sich überdimensionierte Maschinenparks zulegte.

Le Chasseur

15. Juli 2023 22:56

@Niekisch
"erklären Sie bitte, warum bereits im Frühjahr 1933 in Preußen das"Preußische Erbhofgesetz" geschaffen wurde, wodurch z.B. der Bauer nur noch Personalkredite aufnehmen durfte, also gerade nicht der Technik Vorrang geben konnte, indem er sich überdimensionierte Maschinenparks zulegte."
Vermutlich wurde das gemacht, damit keine Arbeitsplätze verloren gehen, bzw., damit neue Arbeitsplätze in der Landwirtschaft geschaffen werden? Wir sind uns doch einig, dass Hitler und die Nationalsozialisten nicht technikfeindlich waren, sondern im Gegenteil sehr auf die Technik setzten (ich sage nur Volksempfänger). In der Endphase des Krieges hoffte man bekanntlich, mit der "Wunderwaffe", also Technik, das Blatt zu wenden. Herf sprach vom "reactionary modernism", Jacques Bergiers Definition von Faschismus lautete "Magie plus Panzerdivisionen". Es kann natürlich sein, dass Hitler, wenn er einer Wagner-Oper lauschte, auch den Träumen einer vormodernen, nicht-technologisierten Gesellschaft nachhing. Aber es war ihm klar, dass eine Abkehr von der Technik über kurz oder lang zu einer Übernahme durch einen anderen Staat geführt hätte (ganz abgesehen davon, dass so eine Politik sicherlich auch zu erheblichen Widerständen in der Bevölkerung geführt hätte).

Sandstein

15. Juli 2023 23:42

@ordoliberal hat bisher den klügsten Kommentar abgeliefert. Wieso maiordomus und andere so feindlich und bissig reagieren erschließt sich mir nicht. Bin froh dass ML das Thema aufgegriffen hat und nur, weil man etwas diskutiert muss man noch lange nicht Position XY unterstützen. Insofern sind einige Reaktionen hier völlig daneben. Sehe das insgesamt auch eher als Bereicherung und werde mich im anstehenden Urlaub mit Technologie Kritik auseinandersetzen. Insofern vielen lieben Dank!

Laurenz

16. Juli 2023 09:20

@Sandstein @Ordoliberal
Fahren Sie weg im Urlaub? https://sezession.de/67746/schnellroda-sonst-eine-perle Wie sollten die Teilnehmer dahin kommen? Mit öffentlichen Verkehrsmitteln? MS reist, wie einst Mozart, per Kutsche an? An jeder Tankstelle befindet sich ja auch ein Mietstall mit Pferdeknecht. Die theoretische Auseinandersetzung mit der Technik-Kritik ist mit Verlaub, (ohne den Artikel angreifen zu wollen, der ja eher neutral über Kaczynski reportiert,) für'n Arsch. Machen Sie das doch praktisch. Schalten Sie den Strom ab, zumindest für 12 Stunden am Tag & pumpen Sie Ihren Wasserbedarf mit der Hand aus dem Boden. Kühlschrank, macht bei einem modernen Gerät 10% Ihres Strombedarfs aus, fällt eh flach, wenn Sie den Strom abschalten & waschen natürlich mit der Hand & im Holzofen-Herd oder -boiler das Wasser dazu kochen. Nach einem halben Jahr berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen. Satelliten werden militärisch nicht zu vermeiden sein. GPS-Satelliten sind mitten im äußeren van-Allen-Gürtel lokalisiert, damit auch weibliche Grüne den Weg an die Front finden. Astronomie ist zwar spannend, keine Frage, aber alle Gelder, die außerhalb des militärischen Komplexes für die Weltraumforschung ausgegeben werden, sind quasi im Ofen verfeuert.

Maiordomus

16. Juli 2023 10:37

@Sandstein. Meine Haltung bitte nicht als feindlich und bissig interpretieren. Stärker als andere hier gehe ich die Thematik von der Geschichte der Naturwissenschaften, der Technik und der Mathematik an mit permanenter Orientierung nach den ganz grossen Pionieren ab der Antike, aber auch Lionardo Newton, Kepler, Galilei, Daniel Bernoulli, der Geschichte des Thermometers  und Barometers, in welchem Bereich der Genfer Revolutionär Micheli du Crest, Bahnbrechendes geleistet hat, der aber aus ganz anderen Gründen als der UNA-Bomber lebenslänglich in Einzelhaft gehalten wurde, wo er um 1754 seine Höhe über Meer mit selbst gebasteltem Barometer auf umgerechnet10 Meter getroffen hat usw. Die grossen Techniker u. Mathematiker incl. Pascal, Frege, Bolzano, auch Einstein, Planck waren durchwegs Philosophen u.als Techniker "der Natur Arbeiter" jenseits eines dümmlichen Pessimismus oder Optimismus Diener der Menschheit, wusste im Gegensatz zu den Klimagläubigen und Politrechthabern auch, dass sie nichts wussten, was enormes Wissen voraussetzt. 

Niekisch

16. Juli 2023 11:43

@ Le Chasseur 15.7. 22:56: Angesichts zu befürchtenden Badeschlusses verweise ich auf das Schlüsselwerk des NS selber von Paul Krannhals, "Die organische Weltordnung", das noch im Juni 1944 Friedrich Alfred Beck in seinem Buch "Aufgang des germanischen Weltalters" auf S. 66 ff. ausführlich zitiert. Die Bodengebundenheit verbunden mit der technischen Entwicklung im Rahmen organischer Ordnung stehen weltanschaulich im Wert gleich. Das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar. 
Hitlers Nachpfeifen von Wagner- Ouvertüren hat damit wenig bis garnichts zu tun. 

RMH

16. Juli 2023 12:02

"Dafür muss man nun wirklich keinen Bomben werfenden Anarchisten lesen."
@Ordoliberal. Man DARF sie aber lesen und auch durchaus mit der Arbeit daran einen Gewinn oder zumindest Schlüsse ziehen. Sie scheinen ihre Kenntnisse über T.K. nicht unbedingt durch echte Quellenlektüre gewonnen zu haben. Daher, ad fontes. Das Manifest bspw. hat gar nicht so viele Seiten.
Ich würde mich auch nicht als Apologet von T.K. sehen, aber das, was er geschrieben hat, ist jedenfalls klar über einem simplen "Wir müssen die Menschheit streng reduzieren, dürfen uns nicht mehr vermehren etc."-Niveau, was andere, die keine Bomben gebastelt haben, von sich geben und die deshalb ganz offen diskutiert werden. Natürlich läuft jeder, der ein Thema in den Mittelpunkt stellt (hier: Technik), Gefahr, als Schwarz-Weiß-Maler und Monokausalist gesehen zu werden, aber lesen und disktuieren beinhaltet gerade die Kritik die folgt und Bombenschmeißer ist eben keine Kritik an den konkreten Inhalten (die Sie im weiteren ihres Beitrages dann schon bringen - ich hänge mich evtl. zu sehr am Einleitungssatz auf).

Umlautkombinat

16. Juli 2023 12:58

@Laurenz, reden Sie doch nicht immer ueber Dinge, die den Informationserwerb ueber Google uebersteigen.
 
Wann und wie(!) etwas verwertbar ist, ist vorher nie zu sagen. Zahlentheorie war einmal ein Orchideenzweig selbst fuer viele Mathematiker, Kryptographie allerdings ist nicht ohne machbar. Auch KI waren einmal nur akademisch interessante Neuronale Netze. 
 
Wenn - hypothetisch - ein Astronom einen Gammastrahlenblitz von Sagittarius A (der ist damit auch schon 25000 Jahre real unterwegs) in 500 Jahren auf der Erde ankuendigen kann, dann moegen sich doch ein paar Hintern hier auf diesem Kruemchen bewegen wollen. Oder sei es nur ein kleinerer haesslich reflektionsarmer Asteroid, der nach ein paar Tausend Jahren in der Oortschen Wolke ploetzlich meint, hier auf Kollisionskurs auftauchen zu muessen.

FraAimerich

16. Juli 2023 13:05

Es kann - rein lebenspraktisch - mitunter durchaus ratsam sein, bestimmte Dilemmata, in die der Mensch hineingeboren (um nicht zu sagen: hineingekreuzigt) wurde, gar nicht erst ernsthaft "ergründeln" zu wollen und sich stattdessen zu bemühen, erst einmal das eigene Überleben zu sichern und die sich ergebenden Problemfelder und Kosten der eigenen Freiheiten in "ordoliberaler" Weise anderen "Marktteilnehmern" zuzuweisen. 
Aber ob es wirklich klug ist, an den Ursachen oder auch der neuen Qualität eines - im obigen Text von ML ausdrücklich benannten - Problems förmlich vorbeizuschielen, wenn man sich gerade erst aufreizend lässig an die Erkenntnisspitze eines Hayek'schen Dreiecks der Weltauffassung gesetzt hat, stelle ich hiermit im aufrichtigen Bemühen, den Sonntagsfrieden zu halten, vorsichtig infrage.  

Ordoliberal

16. Juli 2023 13:18

1/2
@RMH Sie haben Recht. Ich habe die Quelle nicht gelesen, sondern mich auf Lichtmesz' Zusammenfassung gestützt. Ich will auch gar nicht in Abrede stellen, dass die Originaltexte interessant sind. Zudem verstehe ich jeden, der das Leben in der Industriegesellschaft als problematisch empfindet. Die Entwicklungen in der Informatik, vor allem in der Kommunikation, dem Handel, der Robotik, im Data Mining und in der Künstlichen Intelligenz sehe ich ja auch mit gemischten Gefühlen. Aber ich komme eben auch nicht umhin, Gehlens Feststellung zu akzeptieren, dass das Tier in der Natur lebt, der Mensch jedoch in der Kultur. Der Mensch ist das einzige Tier, das spricht und Werkzeuge benutzt. Darin ist die Möglichkeit einer Industriegesellschaft schon enthalten. Die Sprache enthält schon die Fähigkeit zum Vertrag und damit zum Handel, zum Recht und zur Staatsbildung. Sie enthält auch schon die Möglichkeit zur Begriffsbildung und damit zur Wissenschaft. Und das Feuer und der Faustkeil enthalten schon die Möglichkeit zur Stahlerzeugung und damit zur Maschine. Es ist falsch, die Industriegesellschaft als "unnatürlich" für den Menschen zu betrachten.

Ordoliberal

16. Juli 2023 13:19

2/2
Die Romantiker behaupten, dass uns die Technik der Natur entfremdet und den Mächtigen ein Mittel in die Hand gibt, uns zu unterdrücken. Nun ist die Natur aber selbst der größte Mörder und Unterdrücker und nur die Technik gibt uns ein (trügerisches) Gefühl der Macht über sie. Der nackte Mensch, der über die Natur triumphiert - ist das denn nicht schon das Großartigste an ihm? Besteht darin denn nicht gerade seine ganze Freiheit und Größe im Vergleich zum Tier?
Und was die Mächtigen angeht: Die haben noch immer einen Weg gefunden, die Schwachen und Besitzlosen zu unterdrücken, in primitiven wie in hoch technisierten Gesellschaften. Aber es war die Technik, die den Herrn, den Sklaven und die Peitsche überflüssig gemacht hat und sie durch den Chef, den Angestellten und den Arbeitsvertrag ersetzt. Rückschritt oder Fortschritt? Schicksal oder Zufall? Dekadenz oder Triumph? Ich sage: Besser als Pol Pot oder der Islam.

Ein Fremder aus Elea

16. Juli 2023 13:31

Ordoliberal,

Sie haben schon recht, Kaczynski's Angst ist uralt, allerdings ging es einstmals nur um den verlorenen Frieden: Prometheus wächst die Leber nach, Fortschritt wird gemacht, dann kommt der Adler von Neuem, Krieg zerstört das Gewonnene, und dann geht's von vorne los.

Zum ersten spielt es bei diesem Sachverhalt eine Rolle, wie schnell sich der Zykel wiederholt. Zum zweiten, wie gründlich. Und zum dritten, und davon handelt Kaczynski, was passiert, wenn er zum zu gestaltenden Objekt wird.

Nicht, daß Kaczynski das so sagen würde, aber das ist das Interessante an dem, was er schreibt: die psychologischen Auswirkungen davon, daß die Menschen sich zunehmend als Gesellschafts- und/oder Technikplaner verstehen, nämlich daß sie sich dadurch gegenseitig immer tiefer in Unfreiheit bringen, so daß sie zu immer höheren Allgemeinheitsgraden aufsteigen müssen, um ihre Freiheit darin zu finden, die Menschen noch vielschichtiger zu koordinieren.

Das ist eine neue Erscheinung, von welcher Kaczynski schreibt, also daß alles verplant ist außer dem Aufstellen neuer Pläne, und er hat darauf mehr oder weniger ein Monopol, jedenfalls kenne ich keinen anderen Autor, welcher sich speziell damit auseinandergesetzt hat.

Sandstein

16. Juli 2023 13:38

@maiordomus 
danke für die Klarstellung und dann habe ich Ihre. Kommentar falsch interpretiert: für Ihre Verhältnisse war das aber zugegeben sehr straff formuliert. Danke für die Erläuterungen!
@laurenz
..es geht doch nicht um ein praktisches Experiment, sondern eine theoretische Auseinandersetzung mit Technik und der Wechselwirkung neuer Technologien und dem Menschen. Ich lese gerne Science Fiction (Scalzi, Asimov..) und kenne natürlich auch Dystopien wie Soylent Green. Ich weiß, wie anstrengend das überleben in der Natur mit wenigen Hilfsmitteln sein kann und bin gottfroh, dass wir der Natur einiges abtrotzen konnten. Ich will trotzdem in keiner    virtuellen Welt leben. Und ich fahre mit meiner kleinen Familie und per Auto ins Schwäbische zu Verwandten, wird also kein Flug auf die Malediven werden.

Maiordomus

16. Juli 2023 14:06

@Ordoliberal. Gut, dass Sie hier debattenkompatibel bleiben; wobei zur wahren Skepsis, auch Klima- und Impf-Skepsis gehört, dass man über das banale Herumgoogle- und sonstige vermeintliche Wissen, auch Mehrheitswissen hinaus sich einen aufgeklärten Skeptizismus erarbeitet hat, siehe das Wissen um Grenzen des Wissens bei Sokrates, Kepler, Kant, die besseren Positivisten incl. Logik der Forschung-  Bis man jedoch selbst im mathematisch-physikalischen Bereich in den Bereichen der Indetermination gelangt ist, in die "Wolke des Nichtwissens", übrigens ein Werk der abendländisch-westlichen Mystik, muss man, wie in der Klimageschichte, viel geschuftet haben und noch weiter schuften. Von der exakten logisch-mathematischen, auch sprachanalytischen Knochenarbeit und der vorbehaltenen Detailrecherche z.B. in Sachen Klimageschichte und Geschichte der Naturwissenschaften als Geschichte des Strebens und Irrens und wieder Falsifizierens gibt es keine Dispens. Keine 10 Stunden bleibt einer unbelehrt. Das  Minimimum wäre, konkrete Irrtumsbedingungen anzugeben, bei denen man  als Gelehrter seinen Posten räumen und auf seine Pension verzichten würde, was z.B. Minimalbedingung für Klimaprognosen mit Kostenfolgen sein sollte. 

Utz

16. Juli 2023 14:56

Der Mensch kann nicht "natürlich" leben, da gebe ich Ordoliberal recht. Und "Mutter Natur" ist (siehe Slavoi Zizek) alles andere als mütterlich zu den Menschen. Insofern sind wir wohl verdammt mit der Technik zu leben, zuzusehen, wie diese einer inneren Dynamik folgt, die wir nicht aufhalten können, sprich: sich immer weiter entwickelt, und darauf zu warten, daß unsere Inkompatibilität mit der von uns selber geschaffenen Technik dazu führt, daß wir große Teile der Menschheit ausrotten.Aber wir müssen das nicht gut finden. Wir dürfen darüber nachdenken, ob wir nicht wenigstens da und dort versuchen können bremsend einzugreifen. 

Artabanus

16. Juli 2023 15:05

@Utz
Der Begriff Technologie ist zu breit und zu allgemein um einen Erkenntnisgewinn zu bringen. Corona und Treibhauseffekt beruhen beide auf Pseudowissenschaft. 
Und wie ist damals das Christentum zur alleinigen Religion Europas geworden? Ohne moderne Medien ging der Prozess langsamer als heute, aber er war doch mindestens genauso erfolgreich. Denn so wie bei Corona und Klima wurde auch damals das Narrativ von der Regierung mit großem Aufwand unter das Volk gebracht.
Die größte Schwäche des Menschen ist seine Leichtgläubigkeit und die Schwierigkeit das einmal geglaubte zu hinterfragen.

FraAimerich

16. Juli 2023 15:08

@Maiordomus
 
Wenn ich das Wort "Menschheit" höre, entsichere ich normalerweise meinen Carl Schmitt. Natürlich nicht am Sonntag und schon gar nicht Ihnen gegenüber. 
Aber auch dann, wenn man so weise ist zu wissen, daß man letztlich "nichts" weiß, muß oder will man doch hin und wieder Entscheidungen treffen, Positionen beziehen, urteilen. Gerade Sie führen uns das hier doch auch immer wieder profund vor, oft mit interessanten/entlegenen Literaturhinweisen.
Warum Sie TK im Vergleich zu HM so viel negativer beurteilen, wäre interessant zu erfahren, dürfte aber wohl den Rahmen des Angemessenen sprengen. 

Niekisch

16. Juli 2023 15:57

"das Tier in der Natur lebt, der Mensch jedoch in der Kultur. Der Mensch ist das einzige Tier, das spricht und Werkzeuge benutzt. Darin ist die Möglichkeit einer Industriegesellschaft schon enthalten. Die Sprache enthält schon die Fähigkeit zum Vertrag"
@ Ordoliberal 13:18: Nach der sog. "Wau-Wau" - Theorie sind tierische Laute causa der menschlichen Sprache und die Krähe z.B. benutzt Werkzeuge. Also bitte Vorsicht und die 3 anthropologischen Hauptthesen Markus Gabriels beachten:
"Unser Tierbegriff wird immer in Anbetracht des Menschen entworfen, von dem wir in unserer Betrachtung des Tierreichs unseren Ausgangspunkt nehmen. Was uns als tierisch erscheint, entnehmen wir demnach bewusst oder unbewusst unserer eigenen Natur und projizieren dies dann mehr oder weniger unkritisch auf die anderen Lebensformen. An die Stelle der Frage, wie sich der Mensch zum Tier verhält, tritt die Frage, wie sich der Mensch als Tier bestimmt." 
weiter II.

Niekisch

16. Juli 2023 16:09

II. Der Mensch ist das Tier, das keines sein will. Indem der Mensch seine eigene "Animalität" feststellt, ist er zugleich bestrebt, sie abzustreifen und sich mit demjenigen Teil seiner selbst zu identifizieren, durch den er sich von den anderen Tieren unterscheidet.
Der Mensch ist das einzige uns bekannte Tier, während die anderen Lebensformen uns zutiefst fremd sind und in Wirklichkeit nicht nach Menschenmaß als Tiere bestimmt werden sollten." ( Gabriel Markus, Der Mensch als Tier - Warum wir trotzdem nicht in die Natur passen, Ullstein 2022, S.298 )
Der "anthropologische Dualismus", die These, dass ein Mensch aus zwei Bestandteilen, einem tierischen, unvernünftigen Teil und einem spezifisch menschlichen, meist als höherwertig betrachteten Teil besteht, könnte eine der Ursachen dafür sein, daß die Technisierung uns aus natürlich-organischer Betrachtung löst,ja regelrecht überwältigt.

t.gygax

16. Juli 2023 16:35

Kleine Leseempfehlung für alle , die eine grundsätzliche Zustimmung zur Technik und damit auch zum technischen Fortschritt aus einer ganz ungewohnten Perspektive einmal kennenlernen möchten:
Werner Georg Haverbeck, Die andere Schöpfung- Technik unser Schicksal
Fischer TB 1974, Perspektiven der Anthroposophie
H. ist auch deshalb so interessant, weil er aus der damals extrem kritischen Anthroszene kommt, in der u.a. auch das Fernsehen nicht wegen seiner Inhalte, sondern wegen der Technik abgelehnt wurde, und trotzdem ausgehend von Rudolf Steiner, den er  besser kennt als die heutigen Anthros, eine Bejahung der Technik als Selbstverwirklichung des Menschen formuliert.
Nebenbei: H. war einer der ersten Anti-AKW Leute der 70er Jahre, an der Gründung der GRÜNEN beteiligt-wie wie viele Anthros damals- , was Gretchen Dutschke in ihrer Biographie anerkennend erwähnt, und zudem der Entwickler des studiums generale an den Ingenieursfachhochschulen, er nannte seinen Modellversuch 1972 in Bielefeld "Sozialwissenschaft für Ingenieure".
Einziger Nachteil: die Anthros der alten Schule schrieben manchmal sehr schwer verständliche Sätze, wie auch Steiner, der manchmal unverständlich ist.

Niekisch

16. Juli 2023 17:32

"Nun ist die Natur aber selbst der größte Mörder und Unterdrücker..."
@ ordoliberal 13:19: Bringen Tierspezies andere Tierspezies an den Rand des Untergangs oder entnehmen sie nur zum Eigengebrauch ohne den Bestand an sich anzutasten? Was hingegen macht der Mensch? Sie wissen es. War es im übrigen nicht höchstwahrscheinlich so, daß die Menschenmütter zunächst wie die Affen die Jungen unter dem Bauch angeklammert mit sich trugen und dann zum aufrechten Gang übergingen, als dies untunlich wurde. Sodann entstand zur Verständigung beim Laufen zum koordinierten Jagen und Sammeln die Sprache. Triumph über die Natur oder evolutive Entwicklung in der natürlichen Umgebung bis zur Übersteigerung in der "neolithischen Revolution", aus der heraus die anthropozentrische Sicht der Dinge entstanden sein dürfte?
Insofern könnte der Nationalsozialismus seit dem neolithischen Umbruch den ersten ernstzunehmenden Versuch unternommen haben, natürliche Gegebenheiten und technischen Fortschritt wieder in Einklang zu bringen, z.B. mit der Reduzierung der Bevölkerungszahl von  Großstädten, Einpassen von Bauwerken in die Landschaft usw.

herbstlicht

16. Juli 2023 17:40

@Maiordomus, 16. Juli 2023 14:06, schrieb:
»bis man jedoch selbst im mathematisch-physikalischen Bereich in den Bereichen der Indetermination gelangt ist, in die "Wolke des Nichtwissens", «
Am Rande: eine wesentliche Einsicht in den Harten Wissenschaften, in den letzten 200 Jahren, besteht darin, daß selbst im Rahmen der Klassischen Physik die Welt nicht berechenbar ist in dem Sinn, daß eine analytische Lösung des Modells nicht existiert.  Die Entwicklung des Systems hängt dann oft so drastisch von den Anfangsbedingungen ab, daß diese gar nicht hinreichen gut ausgemessen werden können. (Chaotische Systeme).  "Mehr Rechenleistung" --- wie Laplace bei seinem Dämon oder "unser L." gelegentlich meinten --- nutzt da gar nichts; wie "irre" Konvergenzbereiche aussehen können kan man sich am Beispiel der Mandelbrot-Menge anschauen.

Laurenz

16. Juli 2023 18:19

@Sandstein, RMH, Ein Fremder aus Elea & Umlautkombinat
Hören Sie alle doch bitte auf, daherzureden. Lese die ML-Artikel sehr genau. Da steht alles drin, was nötig ist. Unsere Technik-Befürchtungen liegen in der Kontrolle über uns, in der Reduzierung unserer Freiheit, die wir nicht wollen. Sammle keine Treuepunkte im Supermarkt, weil man damit nur einen minimalen Betrag dessen, was die damit verbundenen Informationen wert sind, erhält. Kaczynski wußte als Mathematiker genau über Asteroiden & Gamma-Blitze Bescheid. Kaczynski war sich auch dessen bewußt, was sein angewandtes Manifest bedeuten würde, nämlich daß womöglich 7 Milliarden drauf gehen. Deswegen ist das Manifest ja auch gescheitert, weil es für die Masse Mensch nicht real erlebbar ist. Nur die paar dann überlebenden Zeugen Kaczynskis könnten dann beurteilen, ob die Rückkehr zum Krieg mit Pfeil & Bogen, wie Knüppel richtig war. Kaczynski hat kein theoretisches Konzept verfaßt.

Laurenz

16. Juli 2023 18:20

@Sandstein, RMH, Ein Fremder aus Elea & Umlautkombinat (2)
Kaczynski hat kein theoretisches Konzept verfaßt. Dann hätte er auch an der Uni bleiben & einen Vortrag in Schnellroda halten können. Kaczynski verstand sein Manifest praktisch. Es sind 100e Videos im Netz, wie man sich eine Hütte/Haus im Wald baut, Influencer Business. Die Frauen in diesem Gewerbe erhöhen, wie gehabt, die Reichweite mit nackter Haut. Ziehen Sie, werte Teilnehmer, einfach in den Wald.

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