Warum ist Akif Pirinçci verurteilt worden?

Ich vernahm zuerst mit ungläubiger Verwunderung, dann mit Bestürzung, daß Akif Pirinçci allen Ernstes wegen „Volksverhetzung“ zu neun Monaten Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die­se Ver­het­zung will der Staats­an­walt in einem in Juni 2022 erschie­ne­nen Text mit dem Titel „Alle lie­ben rechts“ ent­deckt haben (hier archi­viert).

Nament­lich geht es um ein Bruch­stück die­ses einen, lan­gen Monstersatzes:

Obgleich die Infla­ti­on aktu­ell die 8‑Pro­zent-Mar­ke knackt, die Ener­gie­prei­se durch die Decke schie­ßen, die Aus­län­de­re­sie­rung des Lan­des mit völ­lig Unge­bil­de­ten und Inkom­pa­ti­blen rasend vor­an­schrei­tet, täg­lich gan­ze Dau­er-Hartz-IV-Hee­re her­ein­ge­holt wer­den, die explo­die­ren­de Kri­mi­na­li­tät mit zwei Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen pro Tag, ja sogar Schlach­tun­gen und Köp­fun­gen von Men­schen auf offe­ner Stra­ße einen archai­schen Cha­rak­ter wie zu Bar­ba­ren­zei­ten annimmt, ein Eigen­heim – eine Selbst­ver­ständ­lich­keit noch vor drei­ßig Jah­ren selbst für Arbei­ter­fa­mi­li­en – nicht ein­mal mehr für die Mit­tel­schicht finan­zier­bar ist, der deut­sche Durch­schnitts­rent­ner sich gegen­über dem ita­lie­ni­schen wie ein Stra­ßen­bett­ler aus­nimmt, das hei­mat­li­che Land­schafts­bild sich in einen Indus­trie­park und in eine stäh­ler­ne und beto­nier­te Müll­hal­de ver­wan­delt, man ihm anstatt sei­ne indi­ge­ne Kul­tur jene von irgend­wel­chen Mos­lems oder Afros vor­setzt, die Schma­rot­zer sich in staat­li­chen Ver­sor­gungs­an­stal­ten mikro­ben­ar­tig immer wei­ter ver­meh­ren, ja, obwohl die­se und noch mehr von ganz oben anbe­foh­le­nen Ver­hee­run­gen sein im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes arm­se­li­ges Dasein bestim­men, kann der Deut­sche gar nicht abwar­ten, noch eine wei­te­re Schip­pe auf sei­nem Rücken drauf­ge­legt zu bekommen.

Um es genau­er sagen, um die­sen Teil:

… man ihm anstatt sei­ne indi­ge­ne Kul­tur jene von irgend­wel­chen Mos­lems oder Afros vor­setzt, die Schma­rot­zer sich in staat­li­chen Ver­sor­gungs­an­stal­ten mikro­ben­ar­tig immer wei­ter vermehren…

Es sind in die­sem Text ganz klar die „Schma­rot­zer“, die sich „mikro­ben­ar­tig“ ver­meh­ren. Was die Staats­an­walt­schaft dar­aus gemacht hat, kann man auf Wiki­pe­dia nachlesen:

Im Sep­tem­ber 2023 erhob die Staats­an­walt­schaft Bonn Ankla­ge gegen Pirin­çci wegen Volks­ver­het­zung, weil er im Juni 2023 in sei­nem Blog von Mus­li­men und „Afros“ geschrie­ben hat­te, die 2015/16 als „Schma­rot­zer“ nach Deutsch­land gekom­men sei­en und sich „mikro­ben­ar­tig immer wei­ter ver­meh­ren“ wür­den. Außer­dem unter­stell­te er, sie wären für eine „bis heu­te nicht abrei­ßen­de Serie bes­tia­li­scher Ver­bre­chen vor allem an Frau­en“ ver­ant­wort­lich. Hier­durch sta­chel­te er nach Ein­schät­zung der Staats­an­walt­schaft zum Hass gegen Tei­le der Bevöl­ke­rung auf und griff die Wür­de ande­rer Men­schen an.

Die Gum­mi­wör­ter „Haß“ und „Men­schen­wür­de“ müs­sen also ein­mal mehr dafür her­hal­ten, har­sche Kri­tik an har­schen Miß­stän­den zu unterbinden.

Na gut: strei­chen wir “harsch”. “Kri­tik” ist bereits uner­wünscht, auch wenn sie mit fei­ne­rem Flo­rett geübt wird.

Die­ser immer rigo­ro­se­ren Beschnei­dung der Mei­nungs- und Aus­drucks­frei­heit steht eine kom­ple­men­tä­re Baga­tel­li­sie­rung eben die­ser Miß­stän­de gegen­über, dar­un­ter veri­ta­ble Ver­bre­chen, die man mit Fug und Recht als „bes­tia­lisch“ bezeich­nen kann.

Eben wur­de in Mei­nerz­ha­gen ein 16jähriger von einem dut­zend Ara­ber zu Tode geprü­gelt. Wir erin­nern uns, wie Pirin­çcis Aus­stieg aus dem Main­stream und der fei­nen Gesell­schaft begann: Im Jahr 2013 mit dem Arti­kel „Das Schlach­ten hat begon­nen“, des­sen Anlaß eine sehr ähn­li­che Blut­tat war: Der Fall Dani­el S. aus Kirchweyhe.

Der 25 Jah­re alte Lackie­rer wur­de eben­falls von einem migran­ti­schen (in die­sem Fall tür­ki­schen) Mob ins Koma getre­ten, nach­dem er einen heroi­schen Streit­schlich­tungs­ver­such unter­nom­men hat­te, dann noch eine Wei­le künst­lich am Leben erhal­ten, ehe die Appa­ra­tu­ren abge­schal­tet wurden.

Ein frap­pie­ren­des, bit­te­res Déjà-vu, aus­ge­rech­net zum Zeit­punkt der Ver­ur­tei­lung und Kri­mi­na­li­sie­rung Pirin­çcis wegen blo­ßer Worte.

Damals schrieb ich über sei­ne Polemik:

Der pro­vo­zie­ren­de Text ist viel­leicht die not­wen­di­ge Roß­kur, um der gezielt weich­ge­spül­ten und ver­lo­ge­nen Bericht­erstat­tung der Mehr­zahl der Medi­en ein Gegen­ge­wicht zu geben.

Es mag auch sein, daß Pirin­çci mit sei­nen dras­tisch-céline­sken For­mu­lie­run­gen ähn­li­ches im Sinn hat­te, wie es Götz Kubit­schek in der aktu­el­len Druck­aus­ga­be der Sezes­si­on aus­drückt: näm­lich dem “halb ver­stor­be­nen, halb ver­fet­te­ten Deutsch­land” einen kräf­ti­gen Tritt in den Hin­tern zu ver­pas­sen, “um zu sehen, wo noch ein Mus­kel zuckt: kein öko­no­mi­scher Mus­kel, son­dern einer, der den kul­tu­rel­len, eth­ni­schen, see­li­schen Selbst­er­hal­tungs­trieb in Gang” zu set­zen vermag.

Sein Auf­schrei hat jeden­falls nichts gehol­fen, nie­man­den wach­ge­rüt­telt, der etwas hät­te ändern kön­nen, und kein kom­men­des Unheil ver­hin­dert. So geht es uns Kas­sand­ren immer. Für Pirin­çci begann mit die­sem Text ein Kami­ka­ze­flug. Der auf Kra­wall gebürs­te­te Über­brin­ger der unlieb­sa­men Nach­rich­ten wur­de dif­fa­miert, ver­bannt, ver­leum­det und finan­zi­ell rui­niert – was immer­hin zeigt, wie hart sei­ne “Bra­chi­al­kri­tik den Zen­tral­nerv des herr­schen­den Mei­nungs­ma­cher-Milieus getrof­fen hat” (Thors­ten Hinz).

Seit 2013 sind noch vie­le wei­te­re jun­ge und älte­re Men­schen, Män­ner wie Frau­en (und auch Kin­der), Opfer von Migran­ten­ge­walt gewor­den, von Kör­per­ver­let­zung über Ver­ge­wal­ti­gung bis hin zu Mord und Tot­schlag (die­se Tat­sa­che fest­zu­stel­len bedeu­tet kein pau­scha­les Urteil über Migran­ten, Aus­län­der, Flücht­lin­ge oder Asy­lan­ten, auch nicht über “Mos­lems und Afros”). Auch der Schock der „Flücht­lings­kri­se“ hat bei den herr­schen­den poli­tisch-media­len Eli­ten kei­nen Hand­lungs­be­darf geweckt. Sie trei­ben statt­des­sen unge­rührt ihre Ein­wan­de­rungs­po­li­tik wei­ter vor­an, und ver­fol­gen uner­bitt­lich all jene, die es wagen, die­se Din­ge anzusprechen.

Das Urteil ist empö­rend, skan­da­lös. Soll­te es tat­säch­lich voll­streckt wer­den, dann wäre das ein bedenk­li­cher Prä­ze­denz­fall. Seit dem Ende der DDR ist kein Schrift­stel­ler mehr wegen eines blo­ßen Tex­tes zu Gefäng­nis­haft ver­ur­teilt wor­den. Es wäre sehr schlecht, wenn der Staat wie­der beginnt, sich an ein sol­ches Vor­ge­hen zu gewöh­nen (was er im Grun­de eh schon gemacht hat, wenn man sich ansieht, wie der “Volksverhetzungs”-Paragraph abge­se­hen von Schrift­stel­lern rou­ti­ne­mä­ßig ange­wandt wird.)

Der Pro­zeß selbst war offen­bar eine rei­ne Far­ce. Nicht unwit­zig ist dar­an das Detail, daß sowohl der Staats­an­walt als auch der Ange­klag­te und sein Ver­tei­di­ger (Mus­ta­fa Kaplan, der “Anwalt der Bösen”) “Migra­ti­ons­hin­ter­grund” haben. Nur der Rich­ter ist “bio­deutsch”, und sein über­eif­rig har­tes Urteil mag viel­leicht sogar auf gewis­se eth­ni­sche Cha­rak­ter­zü­ge hin­wei­sen, die man den Deut­schen nachsagt.

Knast für die­se paar Satz­tei­le wäre wohl­ge­merkt auch dann pure Tyran­nei, wenn Pirin­çci tat­säch­lich geschrie­ben hät­te, „Mos­lems und Afros ver­meh­ren sich mikro­ben­ar­tig“. Wür­de man statt­des­sen, was weiß ich, „Nazis“, „Rechts­extre­mis­ten“, „Bio­deut­sche“, “Reichs­bür­ger” oder „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker“ ein­set­zen, wür­de sich nie­mand auf­re­gen, denn das sind ja kei­ne geschütz­ten Grup­pen, von denen man annimmt, daß sie so etwas wie „Men­schen­wür­de“ besä­ßen oder über­haupt voll­wer­ti­ge Men­schen seien.

Unter­gan­gen in die­ser inqui­si­to­ri­schen Schnit­zel­jagd nach Wör­tern und Kom­ma­stel­len ist das eigent­li­che The­ma des inkri­mi­nier­ten Tex­tes, geschil­dert ent­lang des Fil­mes „The Vil­la­ge“ von M. Night Shya­mal­an (die­ser wur­de vor Jah­ren auf Anre­gung von Erik Leh­nert im Rah­men der Aka­de­mie in Schnell­ro­da gezeigt, als wir dort noch Film­aben­de machten.)

Pirin­çci stellt völ­lig zu Recht fest, daß das Schreck­bild des „Rech­ten“, das das pri­mi­ti­ve­re Feind­bild „Nazi“ abge­löst (na, ich wür­de eher sagen: erwei­tert) hat, die Rol­le einer Waf­fe spielt, die all jene, die immer noch wider­spens­tig sind und Kri­tik am „grün-lin­ken Bull­do­zer“ (das fin­de ich ange­sichts der maß­geb­li­chen Betei­li­gung der CDU an der all­ge­mei­nen Platt­ma­che etwas zu eng gefaßt) zu äußern wagen, per Ruf­mord zum Schwei­gen zu bringen:

Rechts ist ein dif­fu­ser Begriff, mit dem Salon­kom­mu­nis­ten in der Regie­rung und in den Medi­en­häu­sern jeden oppo­si­tio­nel­len Gedan­ken abweh­ren und dif­fa­mie­ren kön­nen. Wenn man Kri­tik an Coro­na-Maß­nah­men übt, ist man rechts. Wenn man die Hun­der­te ermor­de­ter blut­jun­ger Men­schen durch Aus­län­der beklagt, ist man rechts. Wenn man die offe­ne Zur­schau­stel­lung von Intim- und Geschlechts­le­ben von Per­ver­sen nicht mit­fei­ert und sich davor ekelt, ist man rechts. Rechts kann gegen­wär­tig jeder­zeit und gegen alles als Waf­fe ein­ge­setzt wer­den, um die eige­nen grün-lin­ken Quatsch­theo­rien und hand­fes­ten Schand­ta­ten gegen das eige­ne Volk durchzudrücken.

Nie­mand will sich dem Ver­dacht, auch nur ein klein biß­chen rechts zu sein, aus­set­zen, denn dies bedeu­te­te den gesell­schaft­li­chen und exis­ten­ti­el­len Tod, der durch bra­chia­les Can­celn von oben aus­ge­führt wird – über den Umweg von Arbeit­ge­bern, kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen, medi­al und immer offen­sicht­li­cher vom Verfassungsschutz.

Es ist schon gera­de­zu fan­tas­tisch, wie die­se Stra­te­gie immer wie­der funk­tio­niert. So brach­te es der Staat im August-Sep­tem­ber 2018 fer­tig, einen Rie­sen­zir­kus „gegen Rechts“ zu insze­nie­ren, nach­dem in Chem­nitz ein Deutsch­ku­ba­ner von drei ara­bi­schen Asyl­be­wer­bern ersto­chen wur­de. Flugs war das Pro­blem der Aus­län­der­ge­walt und ‑kri­mi­na­li­tät vom Tisch gewischt, da es ja eine weit­aus schlim­me­re Sache als einen Mes­ser­mord zu bekämp­fen galt, näm­lich die “Instru­men­ta­li­sie­rung von rechts”.

Das inkri­mi­nier­te Stück ist ein sehr guter, les­ba­rer, schwung­vol­ler Text. Marc Pom­me­re­ning kom­men­tier­te auf Twit­ter:

Pirinccis Text ist eine gut­ge­laun­te Pole­mik, ein treff­lich geschrie­be­ner Rund­um­schlag. Wie bei Hen­scheid sind die Krass­hei­ten Kunst. Pirinccis Ver­ur­tei­lung ist auch ein Angriff auf die Kunstfreiheit.

In der Tat sind es nicht die Krass­hei­ten an sich, die zur Ver­fol­gung des Autors geführt haben, son­dern ledig­lich die Tat­sa­che, daß er auf der „fal­schen“ Sei­te steht. Er „darf“ nicht, was Hen­scheid durf­te, was Deniz „Völ­ker­ster­ben von sei­ner schöns­ten Sei­te“ Yücel darf oder Sybil­le Berg oder Oli­ver Poll­ak oder Böh­mer­mann oder wer auch immer im medi­al-lite­ra­ri­schen Zir­kus die „rich­ti­ge“ Sache vertritt.

Ich selbst ken­ne Pirin­çci seit 2015 per­sön­lich und habe ihn ein paar Mal in Wien getrof­fen. Nach sei­ner Ver­ban­nung aus dem Main­stream erschie­nen ein paar sei­ner Bücher bei Antai­os, und kurz­fris­tig war er sogar unter den Autoren die­ses Blogs ver­tre­ten. 2017 war er wacke­rer Mit­strei­ter unse­res inzwi­schen schon legen­den­um­wo­be­nen Auf­tritts auf der Frank­fur­ter Buchmesse.

Tuvia Tenen­bom, der sich mit Pirin­çci zu einem aus­gie­bi­gen Inter­view getrof­fen hat, schrieb über ihn in sei­nem Buch Allein unter Flücht­lin­gen:

Akif ist der poli­tisch unkor­rek­tes­te Mensch, der mir je begeg­net ist. Ein Trin­ker, ein Rau­cher, ein Mann des Flei­sches – und ein Mann, der frei ist.

Die­se Sze­ne sei­nes Buches ist mir im Gedächt­nis geblieben:

Eini­ge Momen­te spä­ter zieht Akif lan­ge an sei­ner Ziga­ret­te, sieht mir tief in die Augen und sagt: “Bald wer­den Sie und ich alt sein. Unse­re Kno­chen wer­den weh tun, unse­re Orga­ne wer­den nicht mehr funk­tio­nie­ren, und wir wer­den in die Höhe flie­gen. Sie zu Gott und ich zu Allah.”

Er berührt mich. Tief.

Falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Akif ist ein Künst­ler. Ein Schrift­stel­ler. Ein frei­er Geist.

Ich hat­te schon län­ger nichts mehr von ihm gehört, und rief ihn letz­ten Frei­tag an, um zu hören, was er sel­ber über sei­ne Ver­ur­tei­lung zu sagen hatte.

Die Fra­ge schien ihn jedoch kaum zu inter­es­sie­ren. Im Hand­um­dre­hen war er bei sei­nem aktu­el­len Lieb­lings­the­ma gelan­det: der geplan­ten Ver­fil­mung sei­nes 2021 erschie­ne­nen Romans Odet­te, bei der er selbst die Regie über­neh­men will.

Das Dreh­buch für die­se im Jahr 1983, in Pirin­çcis Jugend­zeit, ange­sie­del­te tra­gisch-roman­ti­sche Lie­bes­ge­schich­te ist fer­tig, die Vor­be­rei­tung schon weit fort­ge­schrit­ten, und nun muß für ange­mes­se­ne Finan­zie­rung gesorgt werden.

Über eine Stun­de lang sprach Pirin­çci über die Hand­lung, das Cas­ting, die Musik und etli­che geplan­te „skan­da­lö­se“ Sze­nen. Die­sen Modus kann­te ich bereits: Schon in frü­he­ren Gesprä­chen schwelg­te er ger­ne in fan­ta­sie­vol­len und ver­blüf­fen­den Dreh­buch­ideen, die schon durch das blo­ße Erzäh­len einen Film in mei­nem Kopf ent­ste­hen ließen.

Was sei­ne fil­mi­schen Vor­bil­der und Inspi­ra­tio­nen anging, warf er mir am lau­fen­den Band cine­as­ti­sche Bäl­le zu, die ich als ein­schlä­gig Vor­be­las­te­ter natür­lich alle­samt auf­fan­gen konnte.

„Das grü­ne Zim­mer“, ein eher obsku­rer Film von Truf­f­aut? Na klar, das ist der, in dem der Regis­seur selbst die Haupt­rol­le eines Man­nes spielt, der einem schwer­mü­ti­gen Toten­kult ver­fal­len ist. Die engels­glei­che Frau­en­stim­me auf dem epi­schen Sound­track von „Spiel mir das Lied vom Tod“, als Clau­dia Car­di­na­le in der stau­bi­gen, frisch in der Wüs­te errich­te­ten Wes­tern­stadt ankommt? So etwas ähn­li­ches hat er sich für den Film vorgestellt!

Wir spra­chen auch über die dra­ma­tur­gi­schen Vor­zü­ge eines Films, der in den acht­zi­ger Jah­ren spielt, ohne Smart­phones, Inter­net und ubi­qui­tä­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten, als die Men­schen ein­an­der noch Geheim­nis­se sein konn­ten und sich nicht vor und nach jedem Ren­dez­vous gugel­ten, um einen „Back­ground-Check“ zu machen.

Und wäh­rend er lei­den­schaft­lich, fast schon wie ein Beses­se­ner mit Tun­nel­blick, über sein Film­pro­jekt sprach, däm­mer­te mir, was er eigent­lich im Her­zen ist: Kein Poli­ti­ker, kein Theo­re­ti­ker, schon gar kein “Volks­ver­het­zer”, son­dern ein Autor, ein Schrift­stel­ler, ein ech­ter Künst­ler, ganz dem Drang hin­ge­ge­ben, Geschich­ten zu erzäh­len, Cha­rak­te­re zum Leben zu erwe­cken, schö­ne, mit­rei­ßen­de, ehr­li­che Din­ge zu schaffen.

Und ich den­ke, daß man auch sei­ne poli­ti­schen Pole­mi­ken mit dem Bewußt­sein lesen muß, daß hier ein Mann spricht, der in ers­ter Linie ein Künst­ler ist. Pom­me­re­ning hat also völ­lig Recht, wenn er betont, daß es in sei­ner Cau­sa nicht nur um „Mei­nungs-“ , son­dern auch um „Kunst­frei­heit“ geht.

Wel­chen künst­le­ri­schen Rang man ihm dabei zuspre­chen möch­te, ist dabei völ­lig unerheblich.

Ich lese ihn stets mit gro­ßem Ver­gnü­gen, ich mag sei­nen Witz, sei­ne Mensch­lich­keit, sei­ne ver­blüf­fen­de Direkt­heit und Offen­heit (genau jene Eigen­schaft, die ihn, in Ver­bund mit einer gewis­sen trot­zi­gen Hem­mungs­lo­sig­keit den Kopf gekos­tet hat), ja sogar sei­nen berüch­tig­ten Exhibitionismus.

Die mit­un­ter der­be Spra­che, die vie­le Leser eher abschreckt oder abstößt, und die sei­ne Kri­ti­ker als wohl­fei­le Ziel­schei­be nut­zen, ist nie die Haupt­sa­che, son­dern Wür­ze, Schock­mit­tel, Dra­ma, wenn nicht gar Not­wen­dig­keit, in einer Zeit, in der die Intel­lek­tu­el­len zu fei­ge sind, sich bru­ta­len Wahr­hei­ten zu stel­len und sie direkt und unver­blümt anzusprechen.

Daß er ger­ne über das Ziel hin­aus und sich damit manch­mal unnö­tig ins eige­ne Knie schießt – geschenkt! Diplo­ma­tie und Zurück­hal­tung sind nicht sei­ne Sache. Die schlüpf­ri­gen Bemer­kun­gen über Lui­sa Neu­bau­er zum Bei­spiel hät­te er sich spa­ren kön­nen. Das ändert nichts dar­an, daß die Frei­heits­stra­fe von vier Mona­ten auf Bewäh­rung, die er dafür auf­ge­brummt bekom­men hat, ein blan­ker Irr­witz ist.

Mein Lieb­lings­buch unter sei­nen Streit­schrif­ten ist Die gro­ße Ver­schwu­lung (unter sei­nen Roma­nen Yin aus dem Jahr 1997, in dem es um sehr ähn­li­che Din­ge geht).

Trotz sei­nes Titels kom­men Homo­se­xua­li­tät oder Homo­se­xu­el­le dar­in nur ganz am Ran­de vor. Das Buch ist eine Abrech­nung mit der Geschlech­ter- und Fami­li­en­po­li­tik (nicht nur) der BRD mit­samt ihren sehr nega­ti­ven Fol­gen für die Bezie­hun­gen zwi­schen Män­nern und Frau­en (Zitat auf dem Buch­rü­cken: “Deut­sche! Irre Wis­sen­schaft­ler wol­len Euch Eure Geschlech­ter wegnehmen!”).

In einer Rezen­si­on schrieb ich: 

Pirin­çci liebt das Geheim­nis, den fun­ken­schla­gen­den Kon­flikt, den Unter­schied, die Anzie­hung und Absto­ßung zwi­schen Mann und Frau; die Vor­stel­lung, die Geschlech­ter ihrer Pola­ri­tät zu berau­ben, ist ihm ein unsag­ba­rer Hor­ror. Zwi­schen den Zei­len wer­den auch Trau­er, Schmerz und Ekel spürbar.

Pirin­çci schreibt über den Geschlech­ter­krieg als Vete­ran und Kom­bat­tant, nicht als distan­zier­ter Beob­ach­ter. Er will, daß ihn auch der Mann auf der Stra­ße und an der Bar ver­ste­hen, der jun­ge Kerl, der sei­ne wich­tigs­ten Schlach­ten vor sich hat, eben­so wie der geschie­de­ne, vom Staat geschröpf­te Fami­li­en­va­ter, der sich vol­ler Nar­ben in den Ruhe­stand zurückzieht.

Und auch in die­sem Buch ist er ein knall­har­ter Rea­list, der sich und der Welt nichts vor­ma­chen will:

Jeden­falls steht für Pirin­çci fest, daß sozi­al­po­li­ti­sche Expe­ri­men­te fun­da­men­ta­le bio­lo­gi­sche Gege­ben­hei­ten nicht aus der Welt schaf­fen kön­nen. Im als „Pro­phe­tie“ gekenn­zeich­ne­ten Schluß­ka­pi­tel läßt er alle Zügel schie­ßen: mit grim­mi­gen Humor schil­dert er den Unter­gang Deutsch­lands und des deut­schen Vol­kes „wie wir es ken­nen“ als grau­sa­mes Sze­na­rio, in dem, wie in der Geschich­te üblich, die Frau­en die Beu­te der männ­li­che­ren Män­ner werden.

Es ist bezeich­nend, daß dem Staat ange­sichts sol­cher Bücher nichts Bes­se­res ein­fällt, als ihren Autor ein­buch­ten zu wol­len. Immer­hin ist das eine recht deut­li­che Bank­rott­erklä­rung, die Feig­heit und Dumm­heit zugleich offenbart.

Ich hof­fe, daß Akifs Beru­fung Erfolg haben wird.

– – –

Von Pirincci sind der­zeit fol­gen­de Bücher erhältlich:

Akif auf Ach­se. “Das Schlach­ten hat begon­nen” und ande­re Tex­te – hier bestel­len.
Der Über­gang. Bericht aus einem ver­lo­re­nen Land – hier bestel­len.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (31)

kikl

12. Februar 2024 14:12

Die politische Verfolgung von Akif Pirincci ist beschämend für Deutschland. Falls die Entscheidung des Amtsgerichtes Bonnes bestand haben sollte, dann müssen wir hoffen, dass Akif irgendwo im Ausland politisches Asyl erhält. 
Herr Pirinccis Äußerungen seien ein Angriff auf die Menschenwürde und das Aufstacheln zum Hass. Mir kommen die Tränen.
Wir entsinnen uns daran, wie Ungeimpfte als überflüssiger Wurmfortsatz bezeichnet wurden, der entfernt werden könne, folgenlos. Wir wissen wie aus tausenden Kehlen täglich in Deutschland gebrüllt wird: Ganz Hamburg (Dresden, Köln, ...) hasst die AFD. Die staatliche Hetzkampagne gegen Rechte, die letztlich eine verleumderische Aufstachelung zum Hass darstellte - die Wannseekonferenz 2.0 - folgenlos... usw....
Das Muster ist immer das gleiche. Wenn der Täter ein Guter und das Opfer ein Rechter = Böser ist, dann ist es keine strafbare Volksverhetzung. Sobald ein "Rechter" die gleiche Sprache verwendet, hagelt es Strafen.
"Volksverhetzung" ist ein verfassungswidriger Gummiparagraph. In Deutschland ist die Justiz von Links unterwandert, was Folge der Richterwahlverfahren ist. Diese Richter missbrauchen den Gummiparagraphen § 130 StGB im politischen Meinungskampf, indem sie Oppositionelle sanktionieren, um die Herrscher vor der Kritik zu schützen.

Klaus Kunde

12. Februar 2024 15:10

Ein weit zurückliegendes Schlüsselerlebnis, das zur ersten Korrektur der politischen Ausrichtung des einst linksliberalen Zeitgenossen führte: Die Causa Ernst Nolte, öffentlich besser publik geworden als Historikerstreit. Noltes provokante Thesen, eigentlich ja Fragen, sind bisher unbeantwortet geblieben, auch von ihm selbst. Seinen, nennen wir ihn mal, phänomenologischen Ansatz zur Deutung des Faschismus, beförderten ihn, den einstigen Primus der deutschen Zeitgeschichtler, zum Paria seiner Zunft. Zum Verharmloser des NS, zum unverbesserlichen Leugner des Holocaust und Sympathisanten des Neonazismus. Als Student konnte ich seinen Abstieg am Berliner Friedrich-Meinecke-Institut live miterleben. Nicht, daß ich ein vehementer Vertreter von Noltes Thesen war. Prägend und fortwirkend blieb für mich die Erkenntnis, wie es schon seinerzeit, 1986, mit der Freiheit von Forschung und Wissenschaft in Deutschland bestellt war. Hier zum Thema, eine erstaunlich objektive Betrachtung des Protagonisten in einer Doku des BR: https://www.youtube.com/watch?v=0l2ZWRqDtZc
Pirinccis KZ-Rede von 2015, vorsätzlich mißverstanden, seine mediale Kreuzigung nebst finanzieller Vernichtung, blieben mir gleichfalls in unguter Erinnerung. Seine Aburteilung als Volksverhetzer konnte nicht überraschen. Nicht auszuschließen, daß auch Noltes Thesen heutzutage justiziabel wären.
 

Laurenz

12. Februar 2024 15:14

Ich, persönlich, kann an den zitierten Aussagen Pirinçcis kein Falsch finden. Sehe auch keine Volksverhetzung, da Er ja nur Realitäten schildert, was auch dann keine Verhetzung darstellt, wenn die Aussagen subjektiver Wahrnehmung geschuldet sein sollten. Woher will der Hanswurst-Richter wissen, ob er Recht hat? Es liegt ja auch keine Offensichtlichkeit in irgendeinem Gesetz zugrunde. Wir stellen als Menschheit ungefähr dieselbe Biomasse, wie Ameisen auf dem Planeten dar, sind also mit dieser Gattung statistisch durchaus vergleichbar. Jeder Mensch schleppt alleine im Magen 1 KG Bakterien mit sich herum. Wir sind also untrennbar mit Mikroben in Symbiose verbunden. Der zuständige Richter könnte ja mal einen VHS-Kurs in Biologie besuchen. Anzügliche Bemerkungen gegenüber Langstrecken-Luischen bringen die Strafe ein, die heute sonst für Sexualdelikte ausgesprochen werden. Hier handelt es sich also um das politische Urteil eines Möchtegern-Freislers. Frau Weidel mußte ja auch die Bezeichnung "Nazi-Schlampe" ertragen, 10 Mio. Bürger sich vom BuntenPräsidenten Steinmeier als Ratten & von MdB Strack-Zimmermann als Schmeißfliegen straflos bezeichnen lassen. Das Schlimme an dieser totalitären Tendenz deutscher Justiz ist die Provokation der Eskalation.

Waldgaenger aus Schwaben

12. Februar 2024 15:40

Ich war auch schockiert, als ich von dem Urteil las.  Das Komma vor "die Schmarotzer" trennt klar innerhalb einer Aufzählung. Man kann den Text eigentlich gar nicht so verstehen, dass damit die "Muslime und Afros" gemeint sind. 
Sind wir schon so weit? Texte werden absichtlich falsch verstanden, um Autoren einsperren zu können. Bleibt es bei dem Urteil, kann man eigentlich über gewisse Themen nicht mehr schreiben, oder nur in einfacher Sprache.
Solche Vorkommnisse sind es, die mich wieder zum AfD-Wähler machen, trotz deren aberwitzigen aussenpolitischen Vorstellungen.

Monika

12. Februar 2024 15:42

Warum ist Akif Pirincchi verurteilt worden? Inzwischen scheint mir das eher eine rhetorische Frage. Warum ist er nicht schon nach seiner Rede zum 1. Jahrestag von Pegida in Dresden am 19.Oktober 2015  zu einer Haftstrafe, sondern "nur" zu einer hohen Geldstrafe  verurteilt worden ? Wenn heuer 9 Monate drin sind, dann wäre schon 2015 mehr  möglich gewesen. Damals sind selbst rechte Befürworter von Akif ins Wanken geraten. Die Pegida-Teilnehmer wollten mit einem Pfeifkonzert  einen Abbruch der Rede herbeiführen, allerdings nicht bei der umstrittenen "KZ-Passage", sondern erst bei Akifs Schilderung der schlimmen Folgen der Masseneinwanderung, die sich in der Folge bewahrheitet haben ( Die Kölner Silvesternacht hatte noch nicht stattgefunden). Das "KZ-Zitat" war damals  übrigens genauso aus dem Zusammenhang gerissen und falsch dargestellt worden, wie jetzt das  "Schmarotzer-Zitat". Es hatte m.E. sogar noch mehr Sprengkraft. Ich empfand die Rede damals als prophetisch. Im Rückblick könnte es gar eine historische Rede gewesen sein. Übel, wenn es jetzt zum Präzedenzfall kommt. Das dient gewiß nicht der Demokratieförderung!

Maiordomus

12. Februar 2024 16:30

Pirincchi war und ist nicht meine Nummer, und er wird es auch nicht sein, vermute in ihm das Phänomen der Überintegration. allerdings im Rahmen der Meinungsfreiheit, vgl. Deutschland ein Stück Scheisse und dergleichen, was bei Linken noch längst für Ministeramt oder Bundestagsvice  wählbar macht usw., sicher jenseits von Gut und Böse, würde es aber wie Pirincchi gelten lassen, so lange es nicht als Parteistrategie ausgegeben wird, so eher nicht. Es stimmt indes meines Wissens nicht, dass reiner Orwellscher "Verbrechdenk" in Deutschland nach der DDR-Zeit nicht schon zuchthauskompatibel praktiziert worden wäre, oder täusche ich mich betr. zum Beispiel der Verurteilung von Horst Mahler, der sich meines Erachtens in den letzten ungefähr 45 Jahren oder überhaupt nie im eigentlichen Sinn kriminell benommen zu haben scheint? Zumindest nicht in der gewalttätigen Art von Alt-Aussenminister Fischer vor freilich schon mehr als 50 Jahren, letzterer wird in der neuesten Weltwoche als "Polit-Star" einer alpinen Multiquatsch-Veranstaltung der Wurstprominenz vorgestellt. @Monika sieht es wohl richtig, auch mit Sellner, der mit Einreiseverbot Schweiz bedroht wird. wiewohl er nie einen Polihzisten zusammengeschlagen hat usw.     

RMH

12. Februar 2024 16:38

Das ganze bestätigt 2 Punkte:

Die PISA-Studien bescheinigen seit dem Jahr 2000 den Schülern in Deutschland immer weniger Lesekompetenz und Kompetenz, einen Text richtig erfassen zu können. Dieser Kompetenzverlust muss schon deutlich früher als die PISA-Studien eingesetzt haben, denn er ist offenbar auch bei Juristen - obwohl gerade die sehr genau lesen können müssten - eingetreten, die noch nicht zur Generation PISA zählen. Wenn die Staatsanwälte und der Richter dieses Falls hingegen den Text richtig verstanden haben, dann urteilen sie nach einer Tendenz und setzen sich damit des Verdachts aus, nicht unabhängig zu entscheiden.
§ 130 StGB bedarf einer kritischen Revision und grundlegenden Überarbeitung im Hinblick auf Bestimmtheit und Erfassung auch ethnisch deutscher Bürger. Am besten wäre jedoch, man würde das Ding abschaffen, mindestens aber deutlich entschlacken und für die Teile, die man zur Staatsräson erklärt, klare, eigene Tatbestände schaffen. Ich sehe keinen echten Sinn und Zweck in dieser Vorschrift. Ein Volk, welches es prinzipiell nur noch als Passgemeinschaft geben darf, soll verhetzt werden. Was soll das bitte schön sein? Verhetzen? Aufhetzen, weghetzen, hetzen, aber verhetzen? Setzen, sechs ....

Maiordomus

12. Februar 2024 16:45

PS. @Waldgänger. Was Pirincchi praktiziert, ist "einfache Sprache", siehe den Bundespräsidenten oder den bei den AfD-Gegendemonstrationen gebräuchlichen Wortschatz.  

Maiordomus

12. Februar 2024 17:03

@Klaus Kunde. Nolte war noch um 1970 und später an der Universität Zürich für Analyse des Faschismus mehr oder weniger normaler Seminargegenstand. Meinungsverschiedenheiten wurden, wenn schon, rein schulmässig ausgetragen und konstituierten kaum oder nur in schon zuvor bestehenden Ansätzen Freund-Feind-Lager. Galt sogar auch noch für ein Carl-Schmitt-Seminar, bei dem immerhin bei der Ausschreibung angekündigt wurde, dass es sich um die analytische Leistung eines "kompromittierten" Denkers handle.  

Eo

12. Februar 2024 17:58

 
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Wir sehen's doch imgrunde alle, 
sofern nicht  vollends idiologisch vernagelt mit eim Brett vorm Kopf, was hierzulande in Diesland so alles falsch läuft, und doch wagen es noch immer nur wenige, das offen und auch öffentlich eben direkt und unverblümt auszusprechen. Und dies dürfte dann wohl der Grund sein, warum das, was so viele insgeheim beklagen, nun mal nicht besser sondern immer schlimmer wird.
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Mitleser2

12. Februar 2024 20:05

@RMH: "Wenn die Staatsanwälte und der Richter dieses Falls hingegen den Text richtig verstanden haben, dann urteilen sie nach einer Tendenz und setzen sich damit des Verdachts aus, nicht unabhängig zu entscheiden."
Genau so ist es ja. Die haben den Text sehr wohl verstanden. Aber auch gerade bei Richtern und Staatsanwälten zeigen sich die Resultate des Marsches durch die Institutionen. 
 

Artabanus

12. Februar 2024 20:40

Die Deutschen Staatsexperimente seit Bismarck haben eine auffällige Tendenz hin zum Totalitären.
Das Urteil gegen Herrn Pirincci ist daher wenig überraschend. 

Oderint

12. Februar 2024 20:54

Eine Haftstrafe wegen eines geschriebenen Satzes, das ist völlig unverhältnismäßig. Andererseits geht es einfach nicht, Menschengruppen pauschal mit niedrigen Lebensformen gleichzusetzen, das ist der erste Schritt hin zum Genozid - siehe die israelische Ungeziefervernichtungsrhetorik in Bezug auf Gaza.
Ich hätte Pirincci für intelligenter gehalten.

Peter Thomas

12. Februar 2024 21:01

Das Hauptmerkmal des totalitären Regimes: die Pervertierung der Sprache. Die Sprache wird abgelöst von dem, worüber zu sprechen wäre. Im totalitären Regime ist es verboten, mit der Sprache die Realität abzubilden. Geboten ist vielmehr, mit jedem Sprechakt jenem Phantasma zu huldigen, welches vom Regime als "Ziel der Geschichte" behauptet wird. 
Die behaupteten Ziele sind dabei beliebig. Die "Befreiung der Arbeiterklasse" ist genauso beliebig und sinnfrei wie die "Rettung des Klimas". Das Gesprochene ist seiner Verständigungsfunktion beraubt. Nun kann das Regime aus den gesprochenen Wörtern alles ihm Nützliche zusammenlügen: "Denkmal der Schande". "Schusswaffen gegen Flüchtlinge." "Schmarotzer, Schamarotzer, Schmarotzer".
Es gilt nicht länger, was gesagt wurde. Es gilt, was hätte gesagt werden können. Und was im schlimmsten Falle hätte gesagt werden können, gilt von nun an als Schuldbeweis.

Waldgaenger aus Schwaben

12. Februar 2024 21:56

@Majordomus
ich meinte die "leichte Sprache"  https://de.wikipedia.org/wiki/Leichte_Sprache
Davon sind "Bundespräsidenten oder der bei den AfD-Gegendemonstrationen gebräuchliche Wortschatz" nicht mehr weit weg. 
 

ede

12. Februar 2024 22:39

Ich komm ja aus dem Land der "staatsfeindlichen Hetze". Für Abreissen der DDR Fahne konnte man schon mal 1Jahr ohne Bewährung abfassen. 
Es geht nicht um Text, es geht um Geist. Der "kleine Akif" ist Künstler, kein Wissenschaftler. Vollkommen richtig von ML dargestellt. 
Er wird in der Berufung freigesprochen werden. Wenn nicht werden wir Briefe schreiben und seine Bücher kaufen und hoffentlich seinen Film mitfinanzieren. 
PS.: Also meine Frau ist nun irgendwie unpolitisch. Die glaubt nicht mal mir (oder schon gar nicht). Aber die sogenannten Katzenkrimis von Pirinci hat sie regelrecht verschlungen. Die kann man vielleicht neu auflegen? 

brueckenbauer

12. Februar 2024 22:56

Ich könnte mir vorstellen, dass Pirincci eines Tages der deutsche Céline sein wird. Nicht nur, aber vor allem seines Stils wegen.

Gracchus

12. Februar 2024 23:34

Eine Farce, ganz richtig.
Ich kenne freilich die Sachen Pirinciis nicht - nur @Maiordomus "einfache Sprache"? Der zitierte Satz spricht eher dagegen. Dafür ist er schon zu lang. "Einfache Sprache", wie sie heute gefordert oder gefördert wird, ist nicht nur eine Frage des Wortschatzes; sie kennt nur Subjekt - Prädikt - Objekt; dafür keine Relativsätze, keine Parataxen, keine rhetorischen Mittel wie Ironie oder Hyperbel, auch keine Neologismen.
Ich bin auch dafür, den 130 StGB zu streichen. Nur - der Amtsrichter hätte gar nicht so entscheiden müssen. 

Franz Bettinger

13. Februar 2024 05:40

Obgleich... die Schmarotzer sich in staatlichen Versorgungsanstalten mikrobenartig immer weiter vermehren …“ Rein semantisch bezieht sich dieser Teilsatz - und insbesondere die Schmarotzer darin - nicht auf Ausländer (sonst müsste es heißen: "… die sich wie Schmarotzer...“), sondern auf alle denkbaren Schmarotzer, womit auch asoziale Deutsche gemeint sein können. Jedenfalls werden da weder bestimmte Personen noch Personen-Kreise benannt. Betroffen fühlen kann sich (muss aber nicht), wer sich selbst als Schmarotzer einschätzt. Zu wieviel Jahren Knast wurde übrigens Jan Böhmermann verknackt, der das türk. Staatsoberhaupt (der Kunst halber) als Ziegen-Ficker titulieren durfte? Hab’s vergessen. - Nein, die Berufungsrichter werden sich nicht genau so dumm entblößen. Ich wette auf Freispruch, und aus finanz. Gründen ganz wichtig: Freispruch ohne Auflage!  Eine Auflage (und sei sie auch noch so gering) sollte Pirincci nicht akzeptieen, sonst kann man ihn wirklich finanz. ruinieren.

Olmo

13. Februar 2024 06:33

Pirinçci ist mir sympathisch, außerdem trifft er den richtigen Ton. Warum soll man jetzt noch nett sein? Obwohl, wenn ich mir die Aufnahmen meiner hassenden Landsleute aus der Ferne so anschaue, wie sie für ihre Demokratie demonstrieren, diese Stimmen, diese Gesichter, dieser peinliche Gesang, diese dämlichen Sprüche, daneben der schändliche Zustand in dem sich Land und Volk befinden, auch jene meiner Landsleute tun mir leid, sie werden  verlieren, selbst dann, wenn sie gewinnen. 

anatol broder

13. Februar 2024 08:05

@ mitleser2, rmh
zusätzlich wird der unabhängige richter mit einem ungerechten urteil zu einem persönlichen feind des angeklagten.

Franz Bettinger

13. Februar 2024 08:16

Pirincci würde ich mit Thomas Bernhard vergleichen, nur dass Akif mMn besser schreibt.  

das kapital

13. Februar 2024 08:40

Aufforderung zur Selbstzensur. Einfach mal 9 Monate im Knast zum Nachdenken über die Meinungsfreiheit. Hat bei Michael Ballweg geklappt, klappt doch sicher auch beim kleinen Akif, dem jetzt 9 Monate im staatlichen Kloster zur Meditation über die Meinungsfreiheit von einem besonders staatsgläubigen und gesetzes-treuen Bonner Amtsrichter verordnet worden sind.  ///  Urspünglich ging es doch bei 130 StGB mal um die Leugnung des Holocaust und ähnliches Zeug. In diesem Rahmen war das auch mal beim Bundesverfassungsgericht geprüft und für konform mit der Meinungsfreiheit erklärt worden. Das "Dritte Reich" ist eine Geschichte des nationalen Misserfolgs mit Millionen von Toten, zerstörten Städten und einem dauerhaften Verlust vieler kostbarer Landstriche. Das Werk von 30 Generationen ist in nur 6 Jahren ausgelöscht worden. Durch nationale Selbstüberschätzung und skrupellose menschenverachtende Machtpolitik. Dass ein Anknüpfen an diese menschenverachtende Ideologie staatlicherseits verhindert wird, ist für den hiesigen Beiträger akzeptabel. /// Daß die Regierigen nun aber alles rechts diskreditieren wollen, was ihnen widerspricht , geht gar nicht. Rechts also konservativ bzw. nationalliberal ist doch erstmal eine ganz und normale und nachvollziehbare Geisteshaltung. Das eigene geht vor. Blut ist dicker als Wasser. Deutsch sein ist mehr als von Nancy Faeser express eingebürgert worden zu sein. Das macht laut Behörden Martin Sellner zum Paria. /// Wer Bauern, die ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen, den Fuhrpark abbrennt, und mehr als 500.000 Euro Schaden anrichtet, tut dies um den Habeck, den Scholz und den Steinmeier zu "verteidigen.". In was für einer Republik leben wir, wenn Bundespräsident und Bundesregierung dazu auffordern, "die Demokratie zu verteidigen" , und so Brandstifter auf den Plan rufen ? Bisher blieb sowas der NPD vorbehalten (Brandstiftung in Nauen z.B.) Jetzt richten die von sich selbst überzeugten Demokraten von Bundesregierung, SPD, Grünen und FDP nicht nur durch das Regieren, sondern auch durch die Aufforderung, mit allen Mitteln die Demokratie zu verteidigen Schaden an. Ist das Volksverhetzung, wenn die Bundesregierung aufruft und die gehorsame Basis der Bundesregierung bäuerliche hart arbeitende und hart wirtschaftende Betriebe abfackelt?

anatol broder

13. Februar 2024 08:52

@ gracchus, maiordomus
immerhin haben die anderen kommentatoren und ich durch die einfache sprache (überschrift) erfahren, dass der verurteilte mann pirinçci heisst. soweit seid ihr mit euren analysen nicht gekommen.

KlausD.

13. Februar 2024 09:11

Und Akif Pirincci ist kein Einzelfall, gegen Sven Liebich aus Halle geht der Machtapparat in ähnlicher Weise vor.
https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/halle/rechtsextremist-sven-liebich-anklage-prozess-100.html 

das kapital

13. Februar 2024 09:29

@ Artabanus"Die Deutschen Staatsexperimente seit Bismarck haben eine auffällige Tendenz hin zum Totalitären." ///Bitte nicht Bismarck diskreditieren. Der hatte geopolitisch mehr Durchblick, als jeder seiner Zeitgenossen. Und als die heute Regierenden. Allerdings taugt er mit "gegen Demokraten helfen nur Soldaten" nicht zum Leumundszeugen für Demokratie. ///Die Quellen, aus denen sich eine wirkmächtige deutsche Demokratie speisen kann, sind die Frankfurter Paulskirchenverfassung von 1848 / 49 und die Bonner Republik. Die Bonner Republik hat uns - im Rahmen der durch NATO und USA deutlich eingeschränkten Souveränität - wirtschaftlichen und politischen Erfolg ermöglicht. Der ist in der Berliner Republik ganz und gar verloren gegangen. ///Der Hauptstadtumzug nach Berlin war ein historischer Fehler. In Westberlin hat man keine eigenständige Leistung mehr erbracht und viel zuwenig selbst erwirtschaftet und immer nur um Westmilliarden gebettelt. In der "Hauptstadt der DDR" hat man die anderen 14 Bezirke systematisch ausgeplündert, damit der Westen mal sehen sollte, wie prima Sozialismus funktioniert. Diese Subventionsmentalität bestimmt auch 34 Jahre nach der Wende das Denken und Handeln auf Landesebene Berlin. Diese Mentalität hat jetzt auch auf den Bund übergegriffen. Bloss ist kein großer Bruder da, der die Subventionsgelüste der Ampel bezahlen kann. Mit Bonn als Hauptstadt und der rheinischen Mentalität wäre Deutschland weniger verelendet, als es heute durch die Akteure der Berliner Republik verelendet wird.

fw87

13. Februar 2024 10:28

Die Zitate, die von Pirincci angeführt werden, gefallen mir sehr gut: Eine lebendige und kreative Sprache. Natürlich sehr pointiert. Aber warum nicht, wenn man die Wahrheit so gut darstellen kann? Heute haben wir ja leider oft journalistischen Einheitsbrei. Da liegt dann natürlich der Gedanke nahe, dass man künftig die KI alles machen lässt. Bei Pirincci merkt man aber den Menschen dahinter und das wird eine KI nicht ersetzen können. Vielleicht wird das die Zukunft des Journalismus: kleinere Magazine, bei denen dann Leute wie Pirincci arbeiten. Für den Leser wäre das jedenfalls ein Gewinn. 

Artabanus

13. Februar 2024 10:37

@Das Kapital
Volle Zustimmung dass die Wiedereinsetzung Berlins als "Reichshauptstadt" absolut verhängnisvoll war. Die Bonner Republik war eine Erfolgsgeschichte, vor Allem weil die Leute nach dem verlorenen Krieg bescheiden geworden waren und keinerlei Deutsches Großmachtstreben mehr vorhanden war.
Dieses Großmachtstreben ist in der Groß-BRD wieder voll da, wenn auch in modifizierter Form (Migrationsweltmeister, Klimaweltmeister, Deutsches Geld in alle Welt verschenken) und gerade wird auch der Kriegshunger wiedererweckt.
Was Bismarck angeht, so muss man seine Reichsgründung im Nachhinein als katastrophalen Fehler erkennen. Er hat dadurch nicht nur Preußen zerstört, sondern ganz Deutschland ruiniert. Mit der Erweiterung des Norddeutschen Bundes zum Deutschen Reich ist er über's Ziel hinausgeschossen. Sich Frankreich zum Feind zu machen war ein geopolitscher Fehler. Und seine Innenpolitik war furchtbar.

rotenburg

13. Februar 2024 10:51

Erst einmal soll niemand wegen eines Meinungsdeliktes im Gefängnis sitzen. 
Die Sympathien für Pirincci erschließen sich mir aber nicht. Auch, wenn es keinen Volksverhetzungsparagraphen gäbe, sollte man Mensche nicht als  "Schmarotzer" bezeichnen, egal welcher Nationalität.
Und: Wenn jemand in der Auseinandersetzung mit Frauen, egal ob diese nun grün, links, kommunistisch oder was auch immer sind, fast zwanghaft übers "ficken" schreibt, dann ist das kein Ausdruck von "Kunst", sondern schwerwiegender psychischer Probleme. 
Das ist auch eine der Fehlentwicklungen in westlichen Gesellschaften, dass sich inzwischen jede Form von deviantem Verhalten als "Kunst" deklarieren lässt.

Sandstein

13. Februar 2024 11:19

Ich lese Pirincci eigentlich ganz gerne, aber hier und da geht mir die derbe Sprache auch zu weit. Zumal ich glaube, dass die erhoffte Wirkung ausbleibt, wenn man diese Methode bis zum geht-nicht-mehr ausreizt. 
"Und: Wenn jemand in der Auseinandersetzung mit Frauen, egal ob diese nun grün, links, kommunistisch oder was auch immer sind, fast zwanghaft übers "ficken" schreibt, dann ist das kein Ausdruck von "Kunst", sondern schwerwiegender psychischer Probleme. Das ist auch eine der Fehlentwicklungen in westlichen Gesellschaften, dass sich inzwischen jede Form von deviantem Verhalten als "Kunst" deklarieren lässt."
Sehe ich ganz ähnlich, gleichzeitig hat Der-kleine-Akif mit "Die Verfotzung der Republik" einen Volltreffer gelandet. Ich glaube es ist so, wie Lichtmesz schreibt. Der Typ ist ein Künstler, und die haben halt fast alle eine gewisse Macke. Einfach so stehen lassen. Ich sehe da übrigens gewisse Paralellen zu Houellebecq. Der ist auch nicht ganz knusper in der Birne und schreibt trotzdem (?) großartige Bücher.

A P Weber

13. Februar 2024 11:21

Der Angeschuldigte unterschätzt das Unterdrückungssystem, 
der Staatsanwalt mißversteht seine Aufgabe,
der Richter verdreht den Text des Angeklagten,
die Berufungsinstanz läßt grüßen,
der Beobachter wundert sich schon lange nicht mehr...

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