Wenn er am morgigen Samstag zusätzlich in identitärem Umfeld auftritt, werden die Erwartungen hoch sein. Die einladende “Aktion 451” hat ihn in den höchsten Tönen als geistigen Vorreiter der gesamten rechten Politiklandschaft jenseits des Großen Teichs vorgestellt. Und im liberalen Blätterwald der österreichischen Hauptstadt hat es schon entsprechend gerauscht. Diese Gelegenheit läßt sich der Feuilleton, der Yarvin alias “Mencius Moldbug” seit 15 Jahren immer mal wieder als antidemokratischen US-Gottseibeiuns aus dem Hut zaubert, natürlich nicht entgehen.
Einen ernsten Vortragsabend ist Yarvin vielleicht gar nicht (mehr) gewohnt. Zum Ende der ersten Präsidentschaft Trumps wurde die “neoreaktionäre” Bloglandschaft der frühen 2010er Jahre wiederentdeckt und als Teil der aufkommenden Kulturindustrie “dissident rechter” Medienschaffender neu belebt. Und nicht erst seitdem trifft man sich eher auf mondänen Insiderpartys als in verschwörerischen Videokonferenzen.
Erst vor einer Woche fand in den USA unter dem – zugegebenermaßen ziemlich lustigen – Titel “Nick Land Acknowledgement” eine Feier für die zweite Galionsfigur der “Neoreaktion” statt: Nicholas “Nick” Land, “Pate des Akzelerationismus” und Urheber des Begriffs der “Dunklen Aufklärung”, wurde in San Francisco willkommen geheißen.
(Der an Martin Heidegger und den von diesem ausgehenden Poststrukturalisten wie Gilles Deleuze geschulte ehemalige britische Philosophiedozent lebt bereits seit fast 30 Jahren in Schanghai und war mutmaßlich zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten.)
Und nicht irgendwo in San Francisco: sondern in der Villa von David Holz, dem Geschäftsführer der KI-Plattform Midjourney, die auch bei Vertretern unseres deutschsprachigen Milieus zur Bilderstellung beliebt ist.
Ausgerichtet wurde die Veranstaltung vom Gründer des Onlinemagazins Palladium, das offiziell – ironisch? – mit dem Weltwirtschaftsforum verpartnert ist und dessen Herausgebergesellschaft American Governance Foundation mit Geld von Peter Thiel gegründet wurde. Da war es nur standesgemäß, daß sich auf diesem Schaulaufen der Cyberbohème neben einer der diversen Exfrauen von Elon Musk auch Curtis Yarvin die Ehre gab.
Übrigens das überhaupt erste reale Zusammentreffen der beiden obersten “Neoreaktionäre”, die online bereits seit fast 15 Jahren über- und miteinander arbeiten. Weniger standesgemäß war indes, daß der für seine nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich weitläufig mäandernden Ausführungen berühmt-berüchtigte Yarvin den für seine radikalen Ansichten außerordentlich zurückhaltenden Land dort dann kaum zu Wort kommen ließ. Aber in der “Neoreaktion” war und ist eben vieles anders, auch daß der Philosoph relativ kurz und prägnant formuliert, während der Ingenieur ganze Bücher redet.
Nick Lands Rückblick auf die “Neoreaktion”, wozu er dann doch zu Wort kam, hat Vice dankenswerterweise wiedergegeben:
Ich bin immer noch fest überzeugt davon, daß [Yarvins] Regierungsmodell absolut unübertrefflich ist, und es wäre absolut phantastisch, wenn diese Welt in einen Flickenteppich von Mikrostaaten zerschlagen würde und sich neue Möglichkeiten des geopolitischen Experimentierens ergäben.
Sicher, Land ist immer ein Postmarxist geblieben und bis heute dem Konzept der “Deterritorialisierung” nach Deleuze und Guattari verpflichtet. Doch die ganze “Neoreaktion” des Curtis Yarvin ist eben genau das: Idealerweise sollen “Staaten” wie Unternehmen organisiert sein – mit den Bürgern als Anteilseignern, die bei Unzufriedenheit mit Geschäftsführer und Vorstand jederzeit einfach den Laden wechseln können.
So sollen alle politischen Baustellen mittel- bis langfristig nach Marktgesetzmäßigkeiten geregelt werden. (Yarvin hat dazu Aberhunderte Seiten Text verfaßt, der Blick in sein “Formalistisches Manifest” von 2007 ist aber völlig ausreichend.) Das Ganze steht in der Tradition von Hans-Hermann Hoppe: paläo- oder rechtslibertär zwar, aber nichtsdestoweniger libertär.
Von Volk und/oder Gemeinschaft ist dabei keine Rede, ganz im Gegenteil. “Reaktionär” (so man dieses Attribut denn positiv auslegen möchte) ist daran also allenfalls die Form, nicht aber der Inhalt. Und identitär – einer muß es ja mal aussprechen – ist daran überhaupt nichts.
Dazu ließe sich noch viel weiter ins Detail gehen, ideengeschichtlich ist das Ganze tatsächlich interessant. Aber eben nicht anders: Die “Neoreaktion” von Curtis Yarvin, Nick Land und zahlreichen anderen Bloggern ist seit 2014 Geschichte.
Was sich unter Trump I nach dem Zerschellen der Alternative Right etablierte, ausgerechnet unter Biden in Blüte stand und heute auf den Lorbeeren des internationalen Feuilletons ruht, ist keine Ideologie oder “Bewegung”, sondern eine Ästhetik. Ein Vibe, könnte man im derzeit so beliebten Sprachgebrauch sagen. Doch damit ist noch nichts gewonnen, auch wenn hauptamtliche Kulturkämpfer und mißverstehende “Metapolitiker” das nicht gern hören.
In den USA gibt es seit sechs Jahren eine wildwüchsige Nischenszenerie aus Verlagen und anderen Medienprojekten, die zu feiern versteht und mit “Hestia” sogar eine wahnsinnig lustig benamste eigene Zigarettenmarke hat? Nett, aber unterm Strich auch nur eine Konsumidentität (und überdies durchsetzt von sexuell und sonstwie Andersartigen). Teenager vergeben digitale Herzchen für Photos von alten Gemäuern, und der Ü50er Yarvin inszeniert sich mit viel zu großer Motorradjacke als junger Wilder? Unterhaltsam, aber nicht revolutionär.
Wo mehr passieren soll, als daß Unzufriedene ein paar Dopaminschübe einfahren, während die Weltgeschichte um sie herum stattfindet, müßte eine “Neoreaktion” schon andere Form annehmen als “Reaktionen” auf Beiträge in sozialen Medien.
Apropos soziale Medien: Falls in Wien nach dem angekündigten Vortrag noch eine Diskussion stattfinden sollte, wäre das der richtige Aufhänger. Denn ebendort hat Yarvin selbst – gemausert vom Trump-Verächter zum Trump-Enthusiasten – die gesamte historische “Neoreaktion” relativiert und sich selbst in diesem Zusammenhang als “liberaler Trottel und Feigling” bezeichnet.
Auch Nick Land konnte rückblickend nur zutreffend analysieren: Bereits die erste, um so mehr die zweite Wahl Trumps zum US-Präsidenten habe die elitären und antipopulistischen Thesen der “Neoreaktion” eben gerade widerlegt und nicht etwa bestätigt.
Das eröffnet eine Menge interessanter Fragen nach dem Erbe und der Zukunft von Curtis Yarvin und denen, die sich für ihn interessieren. Es steht zu hoffen, daß morgen auch diese Perspektive zur Sprache kommen wird. Die Erfahrung zeigt, daß dieser “Neoreaktionär” erst dann richtig interessant wird, wenn man ihn von rechts angeht – meisterlich vorexerziert schon 2020 bei Hyperpodcastism.
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Nils Wegner hat über die Denkschule der Neoreaktion, ihre Vertreter und deren Platz in der amerikanischen Rechten die einzige deutschsprachige Einführung verfaßt: Neoreaktion und Dunkle Aufklärung. Die rechtslibertäre Versuchung. 2., erweiterte Auflage, 140 Seiten, 14 € – hier bestellen.
