Generell vermeidet sie jegliche Bezugnahme auf die Literatur und die Ansichten aus “unserem” Eck des rechten Spektrums. Das höchste der Gefühle ist eine beiläufige Bemerkung, “rechts” würden sich selbst heutzutage “allein ein AfD-Abgeordneter wie Maximillian Krah oder Neurechte in Schnellroda” nennen, was Glaese per Fußnote mit einem Verweis zu einem Artikel von Ellen Kositza belegt.
Sie zitiert allerdings aus einem anderen titelverwandten Buch, das seinerzeit parallel zu dem unsrigen erschien und ihm in den Rezensionen gelegentlich gegenüber gestellt wurde: Mit Rechten reden von Per Leo mit Zutaten von Daniel-Pascal Zorn und Maximilian Steinbeis. Auf diese recht wirre, heterogen zusammengepappte Nummer stürzte sich das damalige Feuilleton begeistert, weil es die erlösende These anbot, daß Rechte gezielt “provozieren”, um alsdann die Früchte der Empörung zu ernten, indem sie sich als Opfer von Meinungsrepression und ähnlichem “inszenieren”.
Wer sich von ihnen triggern ließe, gehe ihnen auf den Leim, weshalb man ihre Versuche, Aufmerksamkeit zu generieren, ins Leere laufen lassen solle. Als “Provokation” gelten für Leo, von Glaese zitiert, Aussagen wie “Man darf seine Meinung nicht mehr sagen” oder “Die eigentlichen Nazis sind die Linken”, Dinge, die man halt so sagt ohne Berührung mit der Wirklichkeit und aus purer Boshaftigkeit, um linke Leute zu ärgern.
Neun Jahre nach Mit Linken leben und Mit Rechten reden geht Glaese, Jahrgang 1988, Autorin des von Svenja Flaßpöhler herausgegebenen Philosophie Magazins, erneut der Frage nach dem politischen Riß nach (sie verwendet das Wort häufig), der Deutschland durchziehe und “spalte”. Die Einleitung liest sich wie ein Déjà vu und hätte so ähnlich genauso gut in unserem Buch stehen können:
Es ist, als sei ein neuer Ton eingezogen in die Gesellschaft: unversöhnlicher, ungeduldiger, misstrauischer. Themen wie Zuwanderung, Identität oder Sicherheit polarisieren in einem Ausmaß, das Freundschaften belastet, Familien spaltet, Stadt- und Dorfgemeinschaften aufreibt. Das Private, das wir als geschützten Raum sehen wollen, ist politischer geworden, Konfliktlinien reichen tiefer in die Alltagswelt hinein.
Im Gegensatz zu Sommerfeld und mir versteht Glaese ihr Buch nicht als “Ratgeber”, verfolgt aber interessanterweise einen sehr ähnlichen Ansatz. Auch wir versuchten uns an einem Balanceakt zwischen maximaler Zuspitzung und Offenheit in der sachlichen Auseinandersetzung auf der einen und persönlichem Anstand, Pragmatismus und Bürgerkriegsbefriedung auf der anderen Seite.
Auch uns ging es um die Dialektik zwischen “Widerstand und Nähe”, wie Glaese das nennt, und um das Problem, wie man seine Position in Familie, Freundschaften, Partnerschaften und auf dem Arbeitsplatz hält, ohne allzu viel zwischenmenschliches Porzellan zu zerdeppern oder die nicht- und außerpolitischen Dinge aus den Augen zu verlieren. Insofern sehe ich hier eine erstaunliche Kongruenz der Bestrebungen. Unser Hauptziel war freilich, die Widerstandskraft und den Mut unseres eigenen (recht weit gefaßten) Spektrums zu stärken, sowohl argumentativ als auch mental.
Glaese versucht nun etwas ähnliches von links, allerdings ohne sich selber dezidiert als links zu kennzeichnen, was zu unserer damaligen Analyse paßt, wonach Links sich als “das Normale”, Etablierte und ethisch Anerkannte versteht, wogegen “Rechts” die stets unheimlichen “Anderen” in der Gesellschaft markiert, die es einerseits gar nicht geben dürfte, die aber andererseits das System vitalisieren und legitimieren, indem ihnen die Rolle des ewigen Schurken zugedacht wird, gegen den sich “die Demokratie” zu wehren hat.

Es ist bezeichnend, daß Glaese diese Linken (aus unserer Sicht sogar “Linksextremen”) häufig gar nicht als solche kennzeichnet. Das ist nun keine Nebensache, denn in den Situationen, die sie nacherzählt, ist es nicht unerheblich, wer mit wem aus welchen weltanschaulichen Gründen “ein Problem hat”.
Wo unser Buch mit den zwei aufeinanderfolgenden Kapiteln “Wer sind ‘die Rechten’?” und “Wer sind ‘die Linken’?” beginnt, begnügt sich Glaese damit, nur eine Konfliktpartei zu definieren. “Wer ist hier ‘rechts’?” fragt sie im ersten Kapitel, und ihre Antwort ist natürlich getrübt von den handelsüblichen, unquantifizierbaren Kleisterbegriffen, als “Politikwissenschaft” getarnt, die ideologisch-polemischen Ursprungs sind, von ihr aber gehandhabt werden, als hätten sie einen präzisen analytischen Wert (sie glaubt auch an eine obskure Entität namens “die Wissenschaft”).
Ich beginne meine Betrachtungen da, wo Sätze im Spiel sind, die (aus einem Ungleichheitsgedanken heraus) die Menschenwürde oder Demokratie in Frage stellen, beziehungsweise, wo es Hinweise gibt, dass jemand eine Partei wählt, die das tut.
Von dem unseligen linken Soziologen Wilhelm Heitmeyer übernimmt sie den zum Meme gewordenen Begriff der “gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” und verkürzt ihn auf “menschenfeindlich”, “menschenverachtend” oder “menschenabwertend”, was ihn endgültig in den Bereich der Willkür und Beliebigkeit rückt. Man ist hier im Grunde an der Grenze zum ideologischen Kitsch angelangt, jedenfalls läßt man jegliches klare Denken hinter sich, wenn man solche Kategorien für valide hält.
Das kombiniert Glaese mit dem ähnlich schwammigen Schlagwort “Demokratiefeindlichkeit” und identifiziert konform zu den geltenden Sprachregeln “die Demokratie” mit dem herrschenden politischen System, das jegliche Opposition als “antidemokratisch” abstempelt und sich zu diesem Zweck die Definition dieses Begriffs beliebig zurechtbiegt.
Sommerfeld und ich haben in Mit Linken leben ein ganzes Kapitel den suggestiven Gummibegriffen gewidmet, die regelmäßig gegen “rechts” ins Feld geführt werden darunter “Angst/Phobie”, “Haß”, “Rassismus”, “autoritär”, “menschenverachtend” etc. Zum Thema “Demokratiefeindlichkeit” schrieben wir:
Als Rechter wird man heute routinemäßig als »Demokratie-« oder »Verfassungsfeind« tituliert, was in der Regel nicht weiter begründet wird. Wenn man schon zum Hostis humani generis erklärt wird, versteht es sich offenbar von selbst, daß man dann auch gegen »die Demokratie« sein muß. Letztere ist zu einem mystischen Wohlfühl- und Sumswort verkommen, mit dem vage universalistisch-humanitäre »Werte« evoziert werden.
Wer hingegen allzuviel vom »Volk« spricht, vor allem von einem konkreten, spezifisch definiertem Volk, ist kein »Demokrat«, sondern «völkisch«. Die etablierten Parteien und Machteliten geben sich heute als die heroischen »Demokraten« aus und brandmarken ihre Opposition als niederträchtige »Demokratiefeinde«. Das ergibt eine seltsame Konstellation, denn typischerweise fordern die »Populisten« mehr direkte Demokratie und Volksentscheide.
Auf der praktischen Ebene scheint es indes so, als ob die sakrale, unantastbare Aura des Wortes »Demokratie« gezielt dafür benutzt wird, die reale demokratische Partizipation des Volkes zu minimieren und einer zunehmend post-demokratischen Herrschaft Legitimität zu verleihen.
Glaese bewegt sich also trotz all ihrer Differenzierungsbemühungen firm im Rahmen einer Schlagwortsemantik, die dem rechten Spektrum generell und grundlegend einen ethischen Defekt unterstellt. Das wird auch dann deutlich, wenn sie in Frage stellt, ob ein politisches “Feld” sinnvoll ist, in dem es “links und mittig, aber nicht rechts gibt”:
Von “links” zu sprechen ergibt nur Sinn, wenn es auch ein “rechts” gibt. Genauso wie “hell” nur da eine Bedeutung hat, wo es auch “dunkel” gibt.
Die “Rechten” sind demnach die “dunkle” Seite des demokratischen Spektrums. Das “antidemokratische” Krokodil für den “demokratischen” Kasperl zu spielen ist in der Tat ihre strukturelle Aufgabe innerhalb des bundesdeutschen Systems. Auch das wäre ein Beispiel für die Unausweichlichkeit des Schmitt’schen Freund-Feind-Schemas, das Glaese wie Millionen Kommentatoren vor ihr als Imperativ fehlinterpretiert.
So bleibt ihre Definition der “Rechten” ziemlich vage. Sie beteuert gleich zu Beginn daß sie keine Analyse der Gründe schreiben möchte, warum Menschen in Deutschland AfD wählen. Ihr Bild von den “Rechten” bleibt grundsätzlich mit dem wertenden Nimbus des “Dunklen”, “Gefährlichen”, “Menschenfeindlichen” und Proto-Nationalsozialistischen behaftet, auch wenn sie hier viele Grauzonen findet.
Obwohl Sommerfeld und ich in unserem Buch tüchtig gegen Linke aller Art polemisieren (zum Teil satirisch überspitzt), so sind wir weit von einem solchen Manichäismus entfernt. Wir betonen im Gegenteil, daß niemand “nur links” oder “nur rechts” ist, und man in freier Wildbahn allen möglichen Arten von weltanschaulichen Kombinationen begegnen. Als genialer Schlüssel erschien uns die erst jetzt auf Deutsch unter dem Titel Die Macht der Moral erschienene Analyse von Jonathan Haidt, die es erlaubt, politische Dispositionen ohne Wertung zu beschreiben.
Die “Rechten”, die in Glaeses Buch auftauchen, sind nun vorwiegend die ossideutsche, vorwiegend sächsische Provinzvariante, vom AfD-Sympathisanten über den Coronaschwurbler bis hin zum “Dorfnazi” mit fiesen Tattoos und Bandshirts. Das erlaubt ihr ein Bild zu zeichnen, in dem Linke zur Abwechslung mal in der Minderheit sind und sich heroisch gegen den sozialen Konformitätsdruck von rechts stemmen, ausnahmsweise wirklich Risiken eingehen, wenn sie “Haltung zeigen”.
Unser Buch ging von der weitaus häufigeren umgekehrten Situation aus. Basierend auf eigenen Erlebnissen, Erzählungen aus dem Freundeskreis und dutzenden Zuschriften von Lesern der Sezession beschrieben wir, was es bedeutet, als Rechter oder auch nur als Mensch mit von außen als rechts einsortierten Ansichten gegen eine linke, oft hysterisch agierende Übermacht zu stehen, bedroht von sozialer und institutioneller Ausgrenzung, Stigmatisierung, Jobverlust, Verleumdung, Kontaktabbrüchen und im Extremfall physischer Gewalt durch Antifas, manchmal aus völlig nichtigen und irrationalen Gründen. Das sind sehr typische “rechte” Erfahrungen, eine Tatsache, die von Glaese nur ansatzweise anerkannt und beschrieben wird, was das von ihr gezeichnete Bild schief und unproportional macht.
Es ehrt sie immerhin, daß sie sich bemüht, die “Rechten” als Menschen mit guten und schlechten Seiten wahrzunehmen, und nicht als Unmenschen, Werwölfe und Vampire, deren bloße Anwesenheit schon Grund zum Gruseln und beflissenen Distanzieren ist. Sie beschreibt die Erfahrung, Menschen aus Fleisch und Blut und keinem “fernen Zerrbild aus den Medien” zu begegnen.
In ihren Fallbeispielen schildert sie ein paar exemplarische Menschen, die als Linke in Dunkeldeutschland den sozialen Zusammenhalt im Alltag über Ideologie stellen, ohne dabei ihre “Haltung” aufzugeben.
Da gibt es zum Beispiel die Künstlerin Kerstin, die in einem 200-Einwohner-Kaff mithilfe von “inklusiven” Straßenkunst-Aktionen und Workshops Leute mit unterschiedlichen politischen Meinungen zusammenzubringen. Ebenfalls eine Künstlerin ist Grit, die in ihrem Brandenburger Heimatdorf gute Kontakte zu einem rechtslastigen Autorallye-Veranstalter pflegt, obwohl sie sehr unterschiedliche Meinungen haben, was “Geflüchtete und Ausländer” angeht.
Grit will (…) den Feindbildern auf allen Seiten den Boden entziehen. Schließlich, betont sie, sei jeder Mensch mehr als nur seine politische Position.
“Fast ein wenig zu erfunden” klingt die Geschichte des lesbischen Paares Sofia und Linh, letztere vietnamesischer Abstammung, das aufs Land zieht und sich prompt mit einem hilfsbereiten Nachbarn anfreundet, der unverhohlen gesteht, daß er früher in der NPD und heute in der AfD aktiv ist. Er beharrt darauf, daß er “rechts”, aber nicht “rechtsextrem” sei, backt Kuchen für seine Nachbarinnen und verrichtet allerlei handwerkliche Tätigkeiten für sie.
Sina ist eine engagierte Antifaschistin und “Die Linke”-Wählerin, die für ihre Ausbildung zur Fachärztin in einer Arztpraxis in Sachsen arbeitet, deren Chef sich gleich am ersten Arbeitstag als AfD-Wähler und Björn-Höcke-Fan outet. Als er Sina nach ihrer Meinung fragt, weicht sie aus: “Wissen Sie, das Politische habe ich komplett zuhause gelassen.”
Sina beschließt nun, ihren Antifaschismus in die Freizeit zu verlegen und im Rahmen ihrer Arbeit, die sie über die Politik stellt, möglichst neutral zu bleiben und ihre politische Zugehörigkeit zu verbergen. Sie wird dabei ständig mit Ansichten konfrontiert, die in ihrer bisherigen sozialen Blase unüblich sind. Manchmal versucht sie, dezent dagegenzuhalten, betreibt aber im allgemeinen Mimikry und nur “verdeckten Widerstand”, wie Glaese formuliert. Sie vermeidet aber die Eskalation, insbesondere mit ihrem Chef, dem sie trotz seiner konträren Weltanschauung als Arzt und Vorgesetzten zu wertschätzen lernt.
Mit anderen Worten macht sie eine typisch “rechte” Erfahrung. Gratulation!
Andere Geschichten verlaufen weniger harmonisch. Doro etwa ist eine ausgewiesene Antifantin mit 20 Jahren Erfahrung, die seit 2001 in Zittau lebt. Sie hat sich dort in einen Mann verliebt, den sie erst nach geraumer Zeit als “Rechten” identifiziert, nämlich, als sie einer Reichskriegsflagge in seinem Wohnzimmer angesichtig wird. Die beiden brechen einvernehmlich die Beziehung ab, bleiben aber Freunde. “Das war ein Megakonflikt für mich.”
Der nächste Gewissenskonflikt für Doro kommt Jahre später, als sie draufkommt, daß die freundliche Hebamme, die ihr bei einer bevorstehenden Hausgeburt helfen soll, Corona-Maßnahmen ablehnt und ein Video mit einer rechten Sonnwendfeier “zustimmend kommentiert”. Dennoch mußte sie sich mit der Dame arrangieren, da sie der “selbstbestimmten Geburt” den Vorrang vor ideologischer sozialer Hygiene gab.
Wenn Doro auf Demos “Jungfaschos” konfrontiert, dann eher im Geiste eines “Good Cop”, der versucht, mit den jungen Rechten neckisch und humorvoll ins Gespräch zu kommen. Ansonsten geht sie routinemäßig wildfremden Menschen auf den Zeiger, die Tätowierungen oder T‑Shirts tragen, die ihr nicht gefallen. Man will den regionalen Rechten ja keine “Wohfühloase” bereiten: “Man muss die jeden Tag merken lassen: Rechts zu sein ist scheiße.”
Das ist eine typisch linke moralische Kreuzzugsmentalität, die den meisten Rechten oder Konservativen fremd, wenn nicht gar zuwider ist. Nur Linke kommen auf die Idee, in Scharen zu einem rechten Sommerfest anzureisen, um dort Streß zu machen, herumzupöbeln und Denunziationsmaterial zu sammeln. Der Gedanke, unseren Lesern zu empfehlen, Linke aktiv in ihrer “Comfort Zone” anzugreifen oder ständig Mißbilligung ausdrücken, wenn uns mal wieder Gestalten mit linksradikalen Slogans über den Weg laufen, ist uns in Mit Linken leben gar nicht erst gekommen.
Dergleichen ist ohnehin nur dann möglich, wenn man sicher gehen kann, daß man eine mehrheitlich anerkannte oder propagierte Moral hinter sich weiß, selbst wenn man sich wie besagte Doro lokal in der Minderheit befindet (und Moral ist bekanntlich die beliebteste Droge der Linken und die Hauptquelle ihres sozialen Statusdenkens).
Das trifft auch auf die für mich lustigste Episode des Buches zu, die von einem linken, gesinnungsethischen Idealisten handelt, den Glaese nach einer Romanfigur von Erich Kästner “Fabian” nennt. Er ist gelernter Steinarbeiter, der seit einiger Zeit irgendwo in Ossiland in der Lackiererei eines Autoherstellers am Fließband arbeitet. Die Autorin beschreibt ihn als Menschen, “der Wert auf Korrektheit legt. Wenn ihm etwas nicht richtig erscheint, macht Fabian den Mund auf. Egal, ob es darum geht, dass Kollegen nachlässig arbeiten oder Menschenfeindliches von sich geben.”
Seine Stunde, heroisch für die Menschenwürde einzutreten, hat geschlagen, als seine Kollegen bei der Arbeit L’Amour toujours spielen und den inzwischen berüchtigten “alternativen” Text mitzusingen beginnnen.
Zuerst tönen die Kollegen nur mit – “Döp dö dö dö döp” – aber dann wird es verbal. (…) Richtig laute “Vorsänger” habe es nur vier gegeben, sagt Fabian. Aber viele andere in der Linie stimmten summend und pfeifend mit ein, ohne sich daran zu stören, welche Worte da fallen. (…) Kein Teamleiter meldet den Vorfall, kein Kollege kommentiert das Geschehen.
Am nächsten Morgen zeigt Fabian “Haltung”: Er hält theatralisch das Fließband an, was die Firma immerhin 15,000 Euro Verlust pro Minute Linienstopp kostet (haben ihm das seine Arbeitgeber nachgesehen, weil er im Namen der “richtigen” Moral gehandelt hat?), und hält eine feurige Rede gegen den grausigen Ausbruch von Rassismus, den er am Vortag mitanzuhören genötigt war:
“Ich wäre gestern gern im Boden versunken. Ich habe mich für uns geschämt.” Und er fügt hinzu, dass vermutlich auch der polnische Kollege verstanden hat, was da gesungen wurde; dass Fabian so etwas in Zukunft nicht mehr hören will – sonst ist er noch vor den Ausländern weg; dass hier nicht die Meinungsfreiheit eingeschränkt werde, wie die Kollegen gerne behaupten, denn auch die hat Grenzen, wo es hetzerisch und rassistisch wird (…).
Was hat eigentlich der polnische Kollege dazu gesagt? War der wirklich beleidigt, dachte er wirklich, es geht hier auch um ihn? Wie ernst haben Fabians Mitarbeiter ihre Gesangseinlage gemeint und inwiefern haben sie sich einfach einen provokanten Scherz erlaubt?
Und vor allem: Was für Gründe haben sie, daß dieser Text bei ihnen auf Resonanz trifft, daß es ihnen Freude macht, gegen ein Tabu zu verstoßen? Wir sind einmal mehr bei der Grundstruktur des Rechts-Links-Diskurses angelangt, den Sommerfeld und ich als “Ich-seh-etwas-was-du-nicht-siehst”-Spiel beschrieben haben.
Das alles scheint Fabian, der aus rechter Sicht eher wie eine moralinsaure Gouvernante rüberkommt, jedoch nicht wichtig zu sein. Typisch links, denkt er vor allem an Hygiene, daran, wie man böse “Aussagen” deckeln und die Leute moralisch erziehen könnte.
Er sammelt in einem Tagebuch “rassistische” und angebräunte Sprüche seiner Kollegen, die im entsprechenden Kapitel nur teilzensiert und mit Triggerwarnung wiedergegeben werden. Diese leitet er an die Personalabteilung weiter, die von ihm prompt Namen haben will, um den betroffenen Mitarbeitern zu kündigen. Das ist ihm dann doch zu viel, denn er will “niemanden anschwärzen, kein ‘Spitzel’ sein.” Außerdem müsse das Problem strukturell gelöst werden, weshalb er – bezeichnenderweise – am liebsten “Schicht- und Teamleiter, die konsequent intervenieren” installieren will, also eine politisch korrekte Blockwarte am Arbeitsplatz.
Die Episode illustriert auch ein wichtiges Thema des Buches, nämlich die Erkenntnis, daß politische Vorherrschaft nicht durch bessere Argumente, sondern vor allem durch Mehrheitsverhältnisse und sozialen Druck errungen bzw. erzwungen wird.
Blickt die Autorin in den deutschen Westen, ist es plötzlich vorbei mit den Fabians, Sinas und Doros. Sie sind nicht mehr nötig, denn die hiesige linke Hegemonie sorgt dafür, daß die AfD-Wähler in “Orte des Schweigens”, in den Untergrund und die Anonymität abgedrängt wurden. Sie bleiben gleichsam Phantome, die man zwar nur vom Hörensagen kennt, aber trotzdem eifrig und “lautstark” bekämpft. Hier herrscht eisern die “Schweigespirale” Elisabeth Noelle-Neumanns, einer Autorin, deren Bücher vor allem Konservativen als argumentative Waffe dienen.
Glaese zitiert deren Thesen zustimmend und gibt offenherzig zu, daß sie Schweigenspiralen auch positive Seiten abgewinnen kann, führen sie doch beispielsweise auch dazu, daß “verletzende oder gar menschenverachtende Aussagen in der Regel nicht schamlos getätigt werden.” Die Grenze zwischen dem “gesellschaftlich wünschenswerten liberalen Anpassungsdruck” und ungesunder, übermäßiger Diskursbeschneidung verläuft allerdings fließend.
Glaese kapiert, daß der Druck das Bedürfnis nach Ventilen erzeugt, daß Verschweigen und Sprachgouvernantentum auf die Dauer keine Problem löst, sondern nur unter den Teppich kehrt. Überhaupt begreift sie erstaunlich viel, etwa daß Polarisierung keine Einbahnstraße ist, daß homogene Gemeinschaften Vorteile mit sich bringen (sie zitiert sogar Robert Putnam), daß Migration ernsthafte Probleme und Überlastungen mit sich bringt oder daß ethnokulturelle Aspekte auch bei Migrationshintergründlern eine große Rolle spielen, was sich etwa im abweichenden Wahlverhalten von Spätaussiedlern einerseits und Menschen aus dem Nahen Osten und Nordafrika andererseits widerspiegelt.
Demgegenüber stehen viele recht einfache Dinge, die sie hartnäckig nicht begreifen will, etwa warum die AfD zurecht die politische Neutralität von öffentlichen, mit Steuergeldern (auch der AfD-Wähler) finanzierten Institutionen fordert anstelle ihrer einseitigen totalen Propagandamobilmachung im Dienste des herrschenden Parteienkartells (das nennt Glaese dann “Kritik”). Ähnliches gilt für Unternehmen, Vereine und Kirchen, die ebenso einseitig den gängigen zivilgesellschaftlichen Imperativen und Moden folgen, vor allem wohl, weil sie damit soziales Prestige via “Virtue signalling” ernten können.
Letzten Endes ringt sie sich nach einem etwas ermüdenden, stets linke oder linksliberale Sensibilitäten berücksichtigenden Abwägen von Für und Wider dazu durch, für eine “agonale Demokratie” à la Chantal Mouffe zu plädieren und Nicht-AfDler zu ermutigen, “öfter die Diskussion” zu “suchen, auch den harten inhaltlichen Streit. Und zwar gerade dort, wo sie die Diskursnormen auf ihrer Seite haben”, wobei letzteres, so möchte ich hinzufügen, einen größeren Mut des AfDlers erfordern würde, der sich auf solche Diskussionen einläßt, als des “Diskursnormies”. Man solle AfD-Mitglieder, so Glaese weiter, als “Diskursteilnehmer” akzeptieren: “An die Stelle von Stille sollte nicht kommentarlose Duldung treten, sondern aktive Auseinandersetzung.”
Fein. Na, dann mal los!
Und wir? Einige von uns sollten das Buch lesen. Man muß ja wissen, wie es klingt, wenn jemand nicht mehr “kommentarlos duldet” … (hier bestellen).


Rheinlaender
Es könnte gewinnbringend sein, sich Personen wie der Autorin des Buches stärker aus einer psychologischen Perspektive zu nähern. Offenbar neigen Frauen stärker als Männer zum Versuch, Bindungen in einer Gemeinschaft zu stärken, in dem sie das Verhalten ihrer Mitmenschen beobachten und kommentieren, um durch Gewährung oder Verweigerung von Zustimmung den vermuteten Konsens in dieser Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Das macht Frauen prinzipiell zu einer konservativen Kraft. Das Problem bei ist, dass dieser Mechanismus unabhängig von der inhaltlichen Qualität des jeweiligen Konsenses funktioniert. Früher schaute die CDU-wählende alte Dame aus dem Fenster und strafte zu kurze Röcke oder unziemliche sonntagliche Tätigkeit mit missbilligenden Lästereien und Ausgrenzungsversuchen, während heute die junge progressive Autorin ins Internet schaut und ansonsten ganz ähnlich zu agieren scheint. Wenn es Männern gelingt, den dahinter stehenden Konsens zu korrigieren, werden auch die entsprechenden Frauen wieder eine konstruktive Rolle einnehmen, indem sie ihre kleinen und großen Lästereien gegen die richtigen Ziele richten. Immerhin hat die Autorin mit ihrem weiblichen Gespür für Stimmungen scheinbar erkannt, dass sich der Konsens zu wandeln beginnt, weshalb sie sich nach Rechts durch Anerkennung einzelner Tatsachen absichert.