So geschehen auf einer Konferenz im Rahmen einer UNO-Generalversammlung in New York, wo letzten November ein Drittel der Juden für einen linken, muslimischen Bürgermeister gestimmt hat.
Van der Bellen [sprach] von „Verletzungen des Völkerrechts“ und „Kriegsverbrechen“, beispielsweise wegen erzwungener Absiedlungen von im Westjordanland ansässigen Palästinenserinnen und Palästinensern. Die Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu begebe sich auf „gefährliches Terrain“, warnte das Staatsoberhaupt. Diese Vorgangsweise werde längerfristig nicht belohnt werden.
Die Reaktion aus Israel war bezeichnend, stereotypisch. Van der Bellen wurde von Israels Außenminister Gideon Sa’ar mitgeteilt, daß er sich als Präsident eines ehemaligen Täterlandes lieber keine Unverschämtheiten dieser Art erlauben solle:
„Jemand, der ein Land vertritt, dessen Vergangenheit mit den schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das jüdische Volk verbunden ist, wagt es, eine falsche Anschuldigung gegen den jüdischen Staat zu erheben, der nach wie vor gegen eine dschihadistische Achse kämpft, die unerbittlich versucht, ihn auszulöschen“, schrieb der israelische Außenminister auf X.
Das erste, was Saar einfiel, war also das altbewährte “guilt tripping” und die Berufung auf das vergangene Leiden seines eigenen Volkes, womit für Leute seiner Gesinnung jegliche weitere Diskussion überflüssig ist.
Von dieser Erbschuld zumindest auf Probezeit befreit wähnt sich nun wohl auch FPÖ-Parteichef Herbert Kickl, der sich offenbar mit Hilfe des emsigen parteiinternen Lobbyisten Harald Vilimsky, der 2009 noch das „Schweigen der westlichen Gemeinschaften“ zur „Operation Gegossenes Blei“ angeprangert hatte, endgültig auf die bedingungslos pro-israelische Seite ziehen ließ.
In der Ansprache, die Kickl am 16. September auf einer Konferenz im Europäischen Parlament in Straßburg vor Repräsentanten der Likud-Partei gehalten hat, war viel von “Freundschaft” und “Partnerschaft” und “Allianz” auf Augenhöhe die Rede. In Wahrheit handelte sich um eine Art Bewerbungsrede, in der Kickl vor seinen Schirmherren in spe den kompletten ideologischen Katechismus des Rechtszionismus herunterbetete, bis hin zu jedem einzelnen Artikel der dubiosen IHRA-Definition von Antisemitismus, die den Hauptzweck verfolgt, die Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen Israels sowie die Politik der israelischen Lobbys unkritisierbar zu machen.
Er versicherte den anwesenden Likudniks Ariel Bulshtein und Ariel Kellner (es kostet mich angesichts Kickls Reinigungsbedürfnis übermenschliche Kraft, hier nicht an den berüchtigten Schmäh von Jörg Haider zu denken), Österreich werde sich als „treuer und unerschütterlicher Freund Israels“ erweisen, sollte er jemals Bundeskanzler werden. Er machte bis in seinen Sprachgebrauch hinein seine Bereitschaft deutlich, Israels Wünsche ohne Wenn und Aber zu erfüllen und dessen Kritiker mit der bewährten Waffe des Antisemitismus-Stigmas zu brandmarken.
Mit diesem Kotau wollte Kickl vermutlich mehr als nur präventiv die zu erwartenden Boykotts verhindern, die ihm im Falle einer Kanzlerschaft nach dem Vorbild der schwarz-blauen Regierungen von 2000 (verhängt von Netanjahu himself) und 2017 voraussichtlich blühen würden. Jedes Wort war sorgfältig abgewogen, um seinen neuen “Freunden” seine absolute Linientreue unter Beweis zu stellen, ihnen nach dem Mund zu reden, und sich ihnen als ihr gehorsamer Golem anzudienern (mit der österreichischen Neutralität, die Kickl früher so am Herzen lag, wäre dann wohl auch Sense).
Er werde die österreichische Botschaft à la Trump von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen, versprach Kickl, er werde die “historische Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Judäa und Samaria ernstnehmen” (also die Annexion des Westjordanlandes und den Ausbau völkerrechtswidriger jüdischer Siedlungen unterstützen), und ganz Österreich mit zionistischer Propaganda zubomben:
Wir werden eine fundierte Holocaust-Aufklärung unterstützen, und die Bewahrung des jüdischen Erbes in Österreich. Zugleich wollen wir eine lebendige, zukunftsorientierte Partnerschaft aufbauen. Sie sollen nicht nur in Regierungserklärungen sichtbar sein, sondern an Universitäten, in Unternehmen, in Gemeinden, in Museen, in Klassenzimmern, und in den alltäglichen Begegnungen, aus denen Freundschaften entstehen sollen.
Das alles wäre nicht vollständig ohne das für seine Adressaten überaus bedeutsame Signal, daß der Nasenring des Schuldkults und der moralischen Erpressbarkeit (euphemistisch “Verantwortung” genannt) immer noch unverrückbar fest sitzt. Die “Partnerschaft” und “Zusammenarbeit” mit Likud erfülle “uns alle” schließlich nicht nur mit “Freude”, so Kickl, sondern auch “mit einem gehörigen Bewußtsein unserer Verantwortung”:
Verantwortung für das, was in unserer, was in der europäischen Geschichte geschehen ist und niemals vergessen werden darf.
Damit hatte er das obligatorische Schuldbekenntnis abgelegt und bekräftigt, wer in dieser neuen “Freundschaft” die Hosen anhaben wird. Denn aus der “historischen Verantwortung” erwachse auch “eine Verantwortung, was daraus folgen muß: Ein Schulterschluß aller positiven Kräfte auf dem gemeinsamen Boden unseres Wertekanons”, auf deutsch ein Bündnis der rechtspopulistischen Parteien unter einem zionistischen Dach. “Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen”, zitierte er den Autor des Judenstaates:
Diese Worte stehen am Anfang eines Buches. Dieses Buch heißt “Altneuland”. Es stammt von Theodor Herzl, dem Begründer der Idee eines eigenen jüdischen Staates. Einem Zionisten, einem nationalen Juden aus Wien.
Dessen Utopie sei weitgehend in Erfüllung gegangen, nur eine wichtige Sache finde in Israel leider nicht statt, allerdings ohne seine Schuld:
Das friedliche Miteinander, die Versöhnung der Kulturen, sie findet nicht statt. Nicht, weil Israel es nicht versucht hätte, nein, ganz im Gegenteil. Sondern weil Israel von radikal-fundamentalen Islamisten als genau der Brückenkopf der freien Welt verstanden wird, weil Israel für diese Freiheit, für diese Offenheit gehaßt und angegriffen wird. Immer und immer wieder, unter dem einen Deckmantel oder unter einem anderen.
Das war schlicht eine Neuauflage der “Kampf der Kulturen”-Rhetorik der Post‑9/11-Bush-Ära: “They hate our freedoms!”, und nichts anderes als das altbekannte Hasbara-Neocon-Counterdschihad-Narrativ, das die wahren (nämlich ethnischen) Ursachen des israelisch-palästinensischen Konflikts verschleiern und zu einem “Kampf gegen Terror” beziehungsweise “den Islamismus” umdeuten soll. Diese Vorstellung soll den auf Islam-Themen fixierten europäischen Rechtspopulisten als Köder und Doktrin dienen und sie davon abhalten, den Pfad des “civic nationalism” nach US-Vorbild zu verlassen.
Die Junge Freiheit faßte es so zusammen:
Die Likud-Vertreter warnten, der Angriff habe sich nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen die christlich-jüdischen Grundlagen Europas gerichtet. Israel bilde deshalb ein Bollwerk gegen den Islamismus, während die Europäische Union den jüdischen Staat im Stich lasse. Auch Kickl zog eine Verbindung zwischen dem Terror in Israel und islamistischen Parallelgesellschaften in Europa.
Dieser Doktrin zufolge spielt Israel die Rolle eines heroischen „Bollwerks gegen den Islamismus“ und Verteidigers “christlich-jüdischer” Werte, ein schon rein faktisch unzutreffendes Framing.
Da europäischer Nationalismus aufgrund seiner historischen Verbindung mit dem Antisemitismus als proto-nazistisch gilt und von jüdischen Organisationen entsprechend hart bekämpft wird, ist der „Koscherstempel“ zu einem begehrten Gut für migrationskritische Parteien geworden.
Man erhofft sich vom israelischen Machtblock nicht nur finanzielle, kulturelle und politische Unterstützung, sondern vor allem moralische Unangreifbarkeit, da man ja nun mit „Juden“, die qua ihres ewigen Opferstatus als moralische höherstehende, numinose Wesen betrachtet werden, eine angeblich superdicke Allianz bildet.
Das Problem mit solchen Deals ist, daß sie niemals auf Augenhöhe stattfinden, sondern nur Nasenringe anlegen und unerreichbare Karotten vor die Nasen der rechtspopulistischen Esel hängen. Vor allem affirmieren sie die Unerschütterlichkeit der Prämissen des “Schuldkults”, wofür Kickls Straßburger Rede ein schlagendes Beispiel ist. Aron Pielka formulierte das Problem so:
Die Aufrechterhaltung des Schuldkults ist für Israel unverhandelbar (siehe Statement des Botschafters zu Sachsen-Anhalt). Für uns ist sein Ende unverhandelbar, weil er eine tragende Säule der Akzeptanz europäischer Völker für ihre Selbstabschaffung ist.
Mit “Schuldkult” kann es auf die Dauer keine identitäre Politik und auch keine Remigration geben. Außerstande, ihn direkt in Frage zu stellen, trachten die rechtspopulistischen Parteien danach, eine Art moralische Erlaubnis oder Sondergenehmigung zu bekommen, dennoch in diese Richtung agieren zu dürfen. Und sie haben in der Tat ein wenig Hoffnung, sie zumindest temporär zu bekommen, wenn sie sich auf die Feinde Israels, “Antisemiten”, vor allem also “den Islam” und muslimische Einwanderer konzentrieren, die passenderweise auch die größten Problembären unter den Migranten sind.
Damit begeben sich diese Parteien allerdings in eine fatale Abhängigkeit. Der Koscherstempel kann jederzeit widerrufen werden, und er ist eine äußerst relative Angelegenheit, denn man kann ihn sich von vielen verschiedenen jüdischen Fraktionen abholen, darunter auch israelkritischen. Die Frage bleibt stets, in welcher Blase sie gelten. Das führt zu dem ermüdenden Spielchen “meine Juden vs. deine Juden”, die ich etwa in diesem Artikel beschrieben habe.
Beispielhaft für diese illusorische Verirrung ist der absurd überschwengliche Jubel, mit dem Gerald Grosz Kickls Rede bedacht hat:
Eine Rede, die Geschichte schreibt. Was Jörg Haider mit Peter Sichrovsky in den Neunzigern versuchte, was Heinz-Christian Strache in Regierungsverantwortung probierte – Herbert Kickl hat es vollbracht: die Freiheitliche Partei Österreichs tritt aus dem Schatten der Vergangenheit und reicht der jüdischen Gemeinschaft in Europa die Hand.
Israel nennt diese Rede „bedeutend“. Nicht aus Opportunismus. Sondern weil hier Verantwortung übernommen, der Antisemitismus ohne Relativierung benannt und der 7. Oktober unmissverständlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde. Wer Freiheit will, muss jüdisches Leben schützen. Wer Europa bewahren will, muss Islamismus, linken wie rechten Radikalismus und jeden neuen Antisemitismus bekämpfen. Das ist kein taktischer Schwenk. Das ist eine Zäsur. Ein epochaler Meilenstein.
Das Problem ist, daß Kickl nicht “der jüdischen Gemeinschaft in Europa die Hand gereicht” hat, sondern lediglich ein paar Repräsentanten der Likud-Partei, die in Gaza massenweise Kinder tötet und verkrüppelt.
Denn in Ihrem Taumel, zum Preis der totalen Unterwürfigkeit endlich von “Juden” anerkannt und von der Erbsünde ihrer Holocaust-Schuld zumindest provisorisch freigesprochen zu werden, merken Kickl, Grosz und andere offenbar gar nicht, daß sie ihr Koscherzertifikat aus überaus schmutzigen Händen erhalten haben, die sich nicht erst seit 2023 moralisch kraß diskreditiert haben. Sie begreifen nicht, was in den USA im Laufe des letzten Jahres passiert ist, als sich MAGA-Bewegung entlang der Frage gespalten hat, ob Israel oder Amerika “first” kommt, ein Prozeß, der im Zuge das Gaza-Krieges rasant an Fahrt aufgenommen hat.
Auch weltweit ist Israel gerade dabei, rapide an Ansehen zu verlieren. Sein moralischer Kredit, geschöpft aus der politischen Indienstnahme des Holocaust (wie von Peter Novick und Norman Finkelstein beschrieben), ist beinahe völlig aufgebraucht. Es ist kein Zufall, daß einer der Punkte der IHRA-“Arbeitsdefinition” für Antisemitismus lautet: “Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten”, denn dieser Vergleich (den Israel auf seine eigenen Feinde routinemäßig anwendet) verfolgt diesen Staat schon seit Jahrzehnten und hat in den letzten drei Jahren in den Augen vieler ziemlich an Plausibilität gewonnen.
Persilscheine von Netanjahu sind nicht mehr viel wert. Van der Bellens Auftritt ist ein deutliches Symptom für diesen Trend. Kickl ist also, und dies ohne jegliche erkennbare Not, ziemlich late to party und besteigt ein sinkendes Schiff.
Auch Israel, das jährlich gewaltige Summen in die “Hasbara” investiert (Budget für 2026: 678 Milllionen Euro), kann nicht mehr so wählerisch wie in früheren Zeiten sein, und ist inzwischen sogar bereit, die FPÖ, die sich seit Jahrzehnten erfolglos einzuschleimen versucht, als “Freund” und “Partner” zu akzeptieren.
Einen etwas anderen Eindruck gewinnt man, wenn man Medien aus dem hiesigen rechten Spektrum wie Achse des Guten, Tichys Einblick, Nius, Exxpress, Apollo News, Junge Freiheit und etliche andere konsumiert, die tagtäglich predigen, wie ausgesprochen wichtig und unantastbar und heilig und vorrangig jüdische Interessen doch seien und daß sie am besten von der gloriosen Likud-Partei oder von rechten amerikanischen Juden vertreten werden, während andere Gruppen von Juden oder individuelle Juden nicht zählen oder pauschal als „Linke“ und „Selbsthasser“ abgefertigt werden.
Unfähig auch nur zu einem Fünkchen Dissens, geblendet von ihrer Anbetung Israels, sind viele unserer “Liberalkonservativen” ins Herz der Finsternis hinuntergestrudelt, wo sie die schlimmsten Verbrechen und Gewalttaten mit einem Achselzucken hinnehmen, während sie gleichzeitig lautstark beklagen, wie ethisch schändlich und böse “antisemitisch” es doch sei, die israelischen Interessen nicht zu teilen oder die Methoden zu ihrer Durchsetzung zu kritisieren.
In diesen Medien, von diesen Leuten, hört mal viel über das Opfertum “der Juden”, aber niemals etwas von den Opfern ihrer Interessensdurchsetzungen, über die man sich anderswo recht gründlich informieren kann. Stattdessen aber eine Menge Lügen, Verdrehungen, schiefe Rechtfertigungen, Nebelgranaten über die Situation in Gaza und die Geschichte Israels und des israelisch-palästinensischen Konflikts, Appelle an “unsere historische Verantwortung” sowie gehässige und ehrabschneidende Diffamierungen aller, die zu diesen Dingen auch nur ansatzweise eine andere Meinung haben.
Kickl hat sich nun genau auf diese Linie eingenordet. Er verkündete, die Konferenz sei “der Beginn eines Ausbaus an richtiger Verantwortung, die sich in Taten zeigt, der Beginn von Freundschaft, die auf Wahrheit gründet”.
Schauen wir uns mal, wie diese “Wahrheit” beschaffen ist, auf der Kickl seine “Freundschaft” gründen will. Er begann mit einer Fälschung des Gesamtbildes des Gazakriegs seit 2023. Er konzentrierte sich auf eine ausführliche Schilderung der Gräuel des 7. Oktober 2023, um den alleinigen Opferstatus Israels in diesem Krieg zu zementieren. “Die vorsätzliche Tötung von Zivilisten ist ein Kriegsverbrechen, da gibt es keine zwei Meinungen”, sagte Kickl, und er meinte damit ausschließlich die Opfer des Hamas-Angriffs.
Die zehntausenden Zivilisten, die in der Folge (wie auch schon in ähnlichen Operationen zuvor) durch israelische Bombardements getötet wurden, sind demgegenüber wohl nur völlig legitime und völlig legale Kollateralschäden, und wenn es nach Kickls Adressaten gehen würde, wären hierzu auch keine anderen Meinungen erlaubt.
Keine Verurteilung, nicht einmal ein zaghaftes Sterbenswörtchen der halblauten Kritik äußerte Kickl hingegen an Israels inzwischen mehr als nur exzessiver Vergeltungs- und Vertreibungspolitik. Kein Wunder, sind doch seine neuen Herren in dieser Hinsicht bekanntlich äußerst empfindlich.
Manche Leute sind nicht der Meinung, daß in Gaza Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen oder gar ein Genozid oder der Versuch der ethnischen Säuberung stattgefunden haben. Mal bestreiten sie es offen, mal greifen sie zu definitorischen Spitzfindigkeiten, mal behaupten sie, es wäre “Judenhass” oder eine um sich greifende “postkoloniale” linke Theorie, die alle Welt diese Verbrechen herbeihalluzinieren läßt. Anderen wiederum ist völlig egal, was in Gaza passiert, oder sie begrüßen es sogar noch. Auch, wenn sie es öffentlich nicht sagen, halten sie Juden für ein überlegenes, über jeglichem internationalem Recht stehendes Volk, und sie halten die Palästinenser für überflüssige, grundverdorbene Untermenschen, mit denen Israel legitimerweise anstellen kann, was es will.
Es gibt allerdings, gelinde gesagt, eine ganze Menge anderer Leute, die der Meinung sind, daß alle diese Dinge, Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen oder gar ein Genozid, tatsächlich stattgefunden haben, und sie meinen das aus, wie mich dünkt, sehr guten Gründen. Für einen Überblick siehe den umfangreichen deutschen Wikipedia-Artikel dazu hier, und den englischen hier.
Rekapitulieren wir kurz. Bis dato liegen folgende, weithin akzeptierte Schätzungen der Opfer auf palästinensischer Seite vor, die ich hier gerundet wiedergebe: Seit Oktober 2023 mindestens 73 000 Tote, davon 50–80% Zivilisten, über 175 900 Verletzte, darunter mehrere tausend verkrüppelte Kinder, von denen es in Gaza nur so wimmelt. Manchen Quellen geben bis zu 82 500 Tote auf palästinensischer Seite an, im Kontrast zu 2041 militärischen und zivilen Opfern auf israelischer Seite. Das alles hat ein quantitatives Level erreicht, auf dem ein paar hundert oder ein paar tausend mehr Tote im Ungefähr der Statistiken verschwinden und kaum mehr in die Waagschale fallen.
80–90% der Gebäude wurden zerstört, was 61 Millionen Tonnen Schutt hinterlassen hat. Große Teile des Gaza-Streifens sind verwüstet und unbewohnbar geworden.
Hinzu kommen zahllose mutmaßliche Kriegsverbrechen. Die unabhängige Untersuchungskommission der Vereinten Nationen und verschiedene Menschenrechtsorganisationen nennen unter anderem: Absichtliche Angriffe auf Zivilisten und zivile Objekte, Kollektivstrafen, Vertreibungen, Aushungerungsmaßnahmen, gezielte Tötung von Kindern, medizinischem Personal und Journalisten sowie die Vergewaltigung, Mißhandlung und Folter von Gefangenen.
Hinzu kommen die häufigen Übergriffe auf Christen und die Landbeschlagnahmungen, Hauszerstörungen und eskalierenden Gewalttaten der Siedler im völkerrechtswidrig okkupierten Westjordanland, über die mittlerweile jeder Normie Bescheid weiß und die inzwischen auch koschere Konservative wie Rod Dreher nervös machen.
Auf dieser Archivseite kann man sich eine Menge Dinge anschauen, die angeblich mit “unserem abendländischen Wertekanon” (Kickl) konform sind.
Und was die eher zwielichtigen, seit langem bekannten Umstände um den 7. Oktober herum angeht, so haben inzwischen auch Mainstream-Zeitungen in Österreich berichtet, daß nicht nur Netanjahu, sondern auch sämtliche Geheimdienste und die gesamte Armeeführung Warnungen vor dem Hamas-Angriff „ignoriert“ hätten, was auch immer das für Implikationen haben mag.
Wenn Kickl nun Sätze sagt wie “die Bekämpfung des Antisemitismus, der Kampf gegen Antizionismus wird Teil des Programms einer Bundesregierung sein, die ich anführen möchte”, dann meint er damit im Wesentlichen nichts anderes, daß er dafür sorgen will, daß über diese Dinge nicht mehr gesprochen wird, damit sie ungestört und mit der Deckung Österreichs weiter betrieben werden können.
Das wird ihm zwar kaum gelingen, aber wenn er mit diesem Programm ernst macht, müßte er auch Meinungen wie die meinige bekämpfen und die Partei von sämtlichen Leuten säubern, die sich kritisch in Richtung Israel äußern oder seinen Kurs nicht gutheißen.
Viele werden die Kröte schlucken und schweigend mitmachen, aus Sorge, die Partei unnötig zu spalten, in der Hoffnung, daß die Mehrheit der Wähler an diesen Dingen nicht besonders interessiert ist, und daß ein künftiger Kanzler Kickl, womöglich in Koalition mit einer neuen bürgerlichen Partei unter der Führung von Sebastian Kurz, eines Tages ihre Träume von Remigration umsetzen wird.
Wie im Falle Trump wird aber sehr wahrscheinlich das, was dann vielleicht eines Tages an die Macht kommt, nur mehr wenig Ähnlichkeit mit dem haben, was man sich gewünscht hat.
Da ich mit einer einigermaßen witzigen Tatsache begonnen habe, will ich auch mit einer solchen schließen.
Ebenfalls nicht kommen sah ich den Tag, an dem ich mit Hans Rauscher (Jahrgang 1944) vom linksliberalen Standard zumindest teilweise einer Meinung sein werde. Aufgrund seiner blinden, fanatischen Gehässigkeit gegenüber allem, was rechts ist, habe ich ihn auch schon mal als “wahrscheinlich dümmsten lebenden Menschen” bezeichnet.
Rauscher findet in einer Kolumne vom 19. September zwischen FPÖ und Likud nicht nur die Gemeinsamkeit, daß beide “rechtsextrem” sind, sondern auch die Verfolgung ähnlicher Ziele. Wie so viele “extreme Rechte” sei Kickl vermutlich “beeindruckt von der kriegerischen, vollkommen rücksichtslosen Vorgehensweise der Regierung Netanjahu”, und dies sind in der Tat Eigenschaften, die mir manche Leute in unserem Spektrum als “basiert” und bewunderungswürdig verkaufen wollen.
Rauscher fährt fort:
Gemeinsam ist der europäischen und der israelischen extremen Rechten die Auseinandersetzung mit dem Islam. Die einen wollen die arabischen Muslime aus Europa “remigrieren”, die anderen aus den besetzten Gebieten im Westjordanland, Gaza und wohl auch dem Südlibanon.
Israel unter Netanjahu betreibt eine kaum verhohlene ethnische Säuberung, vor allem, indem man die radikalen Siedler bei ihren Übergriffen gegen Palästinenser im Westjordanland gewähren lässt.
Wenn Netanjahu nach den nächsten Wahlen weiterhin an der Macht bleibe, ergäbe sich
das Potenzial einer ‘Achse der Rechtsextremen” von Israel über Europa bis zu den USA des Donald Trump.
Dann wird es richtig losgehen. Was Trump an Abschiebungen mit seiner ICE-Truppe bereits geleistet hat, könnte sich dann in Europa vervielfachen, in Österreich eben unter einer FPÖ-geführten Regierung mit einer “Kampf dem politischen Islam” vor sich hinmurmelnden ÖVP als Mehrheitsbeschafferin.
Das ist, etwas häßlicher und mit negativer Wertung ausgedrückt, im Kern tatsächlich, was sich viele in unserem Lager wünschen.
Rauscher gibt aber auch gleichsam seitenverkehrt wider, was die nach europäischen und amerikanischen Rechten angelnde zionistische Propaganda behauptet: Daß es dieselbe “westliche”, “zivilisatorische”, “jüdisch-christliche” usw. (inzwischen je nach Zielpublikum sogar “weiße”) Front gegen den “Islamismus” sei, die ebenso im Gazastreifen wie auch in Neukölln verlaufe (genauso formulierte es vor vielen Jahren mir gegenüber ein junger israelischer Zionist).
In Rauschers Augen ist beides “ethnische Säuberung”: Die Verdrängung der militärisch okkupierten Araber aus dem Westjordanland und die Abschiebung von Arabern aus Neukölln und anderswo.
Die Situationen sind allerdings genauer betrachtet diametral entgegengesetzt. Israelis in Gaza und Westjordanland sind tatsächlich Kolonisten, die eine ethnische Säuberung einer angestammten Bevölkerung vorantreiben; auf der anderen Seite sind es wachsende Zahlen von Arabern in Neukölln und anderswo, die den Austausch der angestammten Bevölkerung in Deutschland voran treiben.
Angeblich leben im nun muslimisch-links regierten Berlin zwischen 35,000 und 45,000 Palästinenser. Schwer vorstellbar ist, daß irgendjemand in Israel ein Interesse daran haben könnte, Millionen Araber (insbesondere Syrer, Libanesen, Palästinenser), die sich momentan in Europa aufhalten, wieder in seine Nachbarschaft zu „remigrieren“ und somit seine Sicherheitsbedürfnisse zu gefährden.
Israels Hauptproblem ist nicht “der Islam”, sondern die Demographie. Es ist kein Wunder, daß etliche israelische Politiker (siehe etwa hier, hier und hier) offen davon träumen, sich dieses Drucks auf Kosten anderer Länder, auch europäischer, zu entledigen. Ich bezweifle also auch deswegen stark, daß man in Jerusalem und Tel Aviv tatsächlich dieselben Ziele verfolgt, wie jene Österreicher, die sich einen Bundeskanzler Kickl wünschen.
Das alles sind Dinge, über die man sich keine Illusionen machen sollte. Eine “Remigrationsallianz” mit Israel ist eine Schimäre.



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Vieles an Israel ist problematisch. Trotzdem trübt Antisemitismus den Blick. Und ich sehe meine Ablehnung des Islam und Remigration völlig entkoppelt von der Israel-Frage.