Notizen über Israel (2): Die Versprechen des Daniel Pipes

Teil (1) dieser Artikelserie handelte von unter anderem den Freuden, die manchem Geknuteten das Schwingen einer ausgeliehenen "Antisemitismus-Keule" bereitet.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Hier­bei han­delt es sich oft um die­sel­ben Leu­te, die sich das Eti­kett des “Ras­sis­mus” und der “Isla­mo­pho­bie” nicht auf­pap­pen las­sen wol­len. Daß das Schlag­wort vom “Anti­se­mi­tis­mus” häu­fig struk­tu­rell ähn­lich benutzt wird, schei­nen sie nicht zu sehen: Es hat dann den Zweck, Kri­tik abzu­weh­ren, indem dem Kri­ti­ker ein ethi­scher, irra­tio­na­ler oder psy­cho­lo­gi­scher Defekt unter­stellt wird. Damit kann man sei­ne Argu­men­te igno­rie­ren und ihn per Äch­tung aus der Dis­kus­si­on ausschließen.

Der Vor­wurf des “Anti­se­mi­tis­mus” ist ohne Zwei­fel eine mäch­ti­ge “poli­ti­sche Waf­fe”, wie es Nor­man Fin­kel­stein in einer sei­ner ful­mi­nan­ten Streit­schrif­ten for­mu­lier­te. Und bei kei­nem ande­ren Begriff wird der­art ver­bis­sen um die Gren­zen des “Zuläs­si­gen” gerun­gen, wie hier (etwa bei der Fra­ge, wann – erlaub­te – “Israel­kri­tik” zu – ver­bo­te­nem – “Anti­se­mi­tis­mus” wird).

Die­se Gren­zen sind aller­dings schwam­mig und kön­nen je nach Belie­ben und Kon­text ver­scho­ben wer­den. Wenn etwa ein Mar­cus Erm­ler einen Hau­fen Zita­te danach abklap­pert, ob sie “pro-jüdisch” sei­en oder nicht, dann scheint ihm nicht ein­mal der Gedan­ke zu kom­men, daß er die­sen Begriff viel­leicht erst ein­mal defi­nie­ren sollte.

Wenn das Juden­tum aller­dings kein “mono­li­thi­scher Block” ist, wie die Bekämp­fer des Anti­se­mi­tis­mus ger­ne (und rich­tig) beto­nen, was ist dann die “rich­ti­ge” “pro-jüdi­sche” Hal­tung? Gera­de in Bezug auf Isra­el gibt es eine Viel­zahl von inner­jü­di­schen Posi­tio­nen, die von bedin­gungs­lo­ser Beja­hung über mode­ra­te Kri­tik bis hin zur radi­ka­len Ableh­nung reichen.

Das bedeu­tet auch, daß es nicht nur einen, son­dern meh­re­re jüdi­sche Schil­de gibt, hin­ter die man sich poten­zi­ell stel­len kann, um den Anti­se­mi­tis­mus-Knüp­pel zu schwin­gen. Und vor lau­ter Knüp­pel­schwin­gen ver­liert man Inhal­te und Tat­sa­chen aus den Augen, und auch die Not­wen­dig­keit, sich einen eige­nen Schild zu zimmern.

Hier wäre zu kon­sta­tie­ren, daß sich die epo­cha­le Spal­tung zwi­schen Glo­ba­lis­ten und Natio­na­lis­ten auch durch das Juden­tum zieht, wobei ich in Bezug auf die USA sogar von einer Art “jüdi­schem Bür­ger­krieg” spre­chen wür­de. Die­se Spal­tung ver­läuft aller­dings etwas kom­pli­zier­ter als bei Nicht­ju­den, und das hat mit der Beson­der­heit des Juden­tums als Dia­spora­volk zu tun, des­sen natio­na­le Ver­or­tung im Staat Isra­el noch recht jun­gen Datums ist (und auf­grund der Ter­ri­to­ri­al­kon­flik­te mit den Paläs­ti­nen­sern und ara­bi­schen Nach­barn ein noch lan­ge nicht abge­schlos­se­nes Projekt).

Die­sen inner­jü­di­schen Kon­flikt sprach auch der ame­ri­ka­nisch-jüdi­sche Publi­zist Dani­el Pipes an, der gute Kon­tak­te zu Tei­len der AfD pflegt, und eine Alli­anz zwi­schen euro­päi­schen “Rechts­po­pu­lis­ten” und israe­lisch-ame­ri­ka­ni­schen Rechts­zio­nis­ten zu schmie­den sucht.

Es han­delt sich hier um den Ver­such, eine “Inter­na­tio­na­le der Natio­na­len” zu begrün­den, in der Isra­el eine füh­ren­de oder min­des­tens stark akzen­tu­ier­te Rol­le spie­len soll – der selbst­er­klär­te “Chris­ti­an Zio­nist” Ste­ve Ban­non hat es erfolg­los ver­sucht, nun ist der israe­lisch-ame­ri­ka­ni­sche Vor­den­ker Yoram Hazo­ny, Autor des Buches The Vir­tue of Natio­na­lism (“Die Tugend des Natio­na­lis­mus”), mit sei­nem “Natio­nal Con­ser­va­tism”-Think­tank an der Reihe.

Wenn über­haupt, dann zeigt die­ser Arti­kel Pipes’ vom Janu­ar 2019 mit dem Titel “Euro­pas Juden gegen Isra­el”, daß dies eine eher frag­wür­di­ge Idee ist. Er ist auch auf Deutsch unter dem Titel “Euro­päi­sche Dia­spo­ra und Isra­el” in dem Sam­mel­band Was Juden zur AfD treibt erschie­nen (Haga­lil, das angeb­lich „größ­te jüdi­sche Online-Maga­zin in deut­scher Spra­che“ ließ es von unse­rem alten Freund Armin Pfahl-Trau­gh­ber ver­rei­ßen, der ein “zyni­sches Spiel” mit “Dis­kur­sen” wittert.)

Als Ein­stiegs­bei­spiel kon­tras­tiert Pipes das Lob von Pre­mier­mi­nis­ter Netan­ja­hu für Matteo Sal­vi­ni als “gro­ßen Freund Isra­els” mit den Angrif­fen, denen Sal­vi­ni sei­tens “links­li­be­ra­ler ita­lie­ni­scher Juden” aus­ge­setzt sei, die ihm “Ras­sis­mus gegen Aus­län­der und Ein­wan­de­rer” vorwerfen.

Das ist ein Mus­ter, das sich in so gut wie jedem west­eu­ro­päi­schen Land beob­ach­ten läßt: Das orga­ni­sier­te “Establishment-Judentum”(“Jewish estab­lish­ment” nennt es Pipes) ist in der Regel mul­ti­kul­tu­ra­lis­tisch-glo­ba­lis­tisch aus­ge­rich­tet und sieht in den Rechts­po­pu­lis­ten latent anti­se­mi­ti­sche Wie­der­gän­ger des Faschis­mus, die es erbit­tert bekämpft, wäh­rend die­se sich durch Bekennt­nis­se zu Isra­el als die wah­ren Juden­freun­de und bes­se­ren Anti-Anti­se­mi­ten zu prä­sen­tie­ren versuchen.

Die­se Front­li­nie ist ähn­lich (aber eben nur ähn­lich) in den USA zu beob­ach­ten. Pipes bemerkt:

Die­se euro­päi­schen Span­nun­gen besit­zen ein ame­ri­ka­ni­sches Pen­dant: die israe­li­sche Regie­rung hat wesent­lich bes­se­re Bezie­hun­gen zur Regie­rung Trump als das US-ame­ri­ka­ni­sche jüdi­sche Estab­lish­ment. Sym­bo­lisch dafür steht, dass die jüdi­sche Gemein­de in Pitts­burgh, als Donald Trump anreis­te, um die elf in der Syn­ago­ge ermor­de­ten Juden zu betrau­ern, gegen sei­ne Anwe­sen­heit pro­tes­tier­te und so dafür sorg­te, dass der israe­li­sche Bot­schaf­ter in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten den Prä­si­den­ten allei­ne will­kom­men hei­ßen musste.

In der Tat hat Trump eine “alter­na­ti­ve” jüdi­sche Eli­te an sei­ner Sei­te ver­sam­melt, was ihn der­art selbst­si­cher macht, daß er Juden, die für die Demo­kra­ten stim­men (und das sind in der Regel etwa 3/4 der jüdi­schen Wäh­ler), der “Illoya­li­tät” gegen­über – Isra­el bezich­tig­te. Damit hat er indi­rekt die Fra­ge in den Raum gestellt, wel­chem Staat gegen­über Juden durch ihr Juden­tum (und nicht ihre Staats­bür­ger­schaft) zur Loya­li­tät ver­pflich­tet sei­en, was ihm prompt den Vor­wurf ein­brach­te, “anti­se­mi­ti­sche Denk­mus­ter” zu bedienen.

An der über­wie­gen­den dia­spor­a­jü­di­schen Par­tei­nah­me für Glo­ba­lis­mus und Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus (die nicht not­wen­di­ger­wei­se mit einer Total­ver­wer­fung von Isra­el ein­her­ge­hen muß), ändern jeden­falls auch zuneh­men­de Angrif­fe auf Juden durch mus­li­mi­sche Ein­wan­de­rer wenig, so auch in Deutsch­land. Das jüdi­sche Estab­lish­ment – etwa der Zen­tral­rat der Juden – ist hier auf ein- und dem­sel­ben Kurs wie die Mer­kel-Regie­rung und das Par­tei­en­kar­tell der Bun­des­re­pu­blik. Zwar wird regel­mä­ßig eine all­ge­mei­ne Panik­stim­mung bezüg­lich des angeb­lich wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land aus­ge­ru­fen, ande­rer­seits wird größ­te Sorg­falt dar­auf gelegt, daß die­ser evo­zier­te Anti­se­mi­tis­mus nach links, rechts und “isla­mis­tisch” zer­stäubt wird und als eher dif­fu­ser Vor­wurf im Raum ste­hen bleibt.

Nach “rechts” bedeu­tet stets, die­sen Anti­se­mi­tis­mus “insi­nu­ie­rend” der AfD unter­zu­schie­ben (ähn­li­ches geschieht in den USA mit Trump, dem ver­ge­wor­fen wird, er schaf­fe ein “Kli­ma” des Has­ses, der Into­le­ranz usw. und sei dar­um auch am Anstieg des Anti­se­mi­tis­mus indi­rekt schuld). Die­se Ven­ti­la­ti­on ist die häu­figs­te, egal, woher der Wind kommt. Das hat den Vor­teil, daß die bewußt dif­fus gehal­te­ne Droh­ku­lis­se AfD wei­ter­hin auf­recht­erhal­ten wer­den kann, wäh­rend die Kol­la­te­ral­schä­den der “bun­ten Poli­tik” , an deren Berech­ti­gung und Alter­na­tiv­lo­sig­keit grund­sätz­lich nicht gerüt­telt wer­den darf, ver­tuscht werden.

Selbst jene weni­gen Juden, die offen Roß und Rei­ter nen­nen, was anti­se­mi­ti­sche Über­grif­fe angeht, wie etwa Micha­el Wolff­s­ohn, hüten sich davor, die Mit­ver­ant­wor­tung des jüdi­schen Estab­lish­ments an der Lage zu benen­nen, wobei er sich als glü­hen­der Unter­stüt­zer der Mer­kel-Poli­tik des Jah­res 2015 selbst ins Gebet neh­men müß­te (“Migra­ti­on ist ein Geschenk des Him­mels”).

Hin­zu kommt der Mecha­nis­mus der “Hier­ar­chie der Opfer”: Deut­sche Poli­ti­ker beteu­ern immer wie­der, kost­ba­res “jüdi­sches Leben” schüt­zen zu wol­len, wäh­rend Aus­län­der­ge­walt und ‑kri­mi­na­li­tät gegen Nicht­ju­den in Deutsch­land schon seit über einem Jahr­zehnt “bun­ter” All­tag sind (man erin­ne­re sich an das Buch Deut­sche Opfer, frem­de Täter von Götz Kubit­schek und Micha­el Paul­witz), ohne daß sich irgend­ein Poli­ti­ker dar­um kümmert.

Es gibt hier also von jüdi­scher Sei­te eine Men­ge Kla­gen über “Anti­se­mi­tis­mus”, aber kei­ne Spur der Selbst­kri­tik und kaum Empa­thie für die nicht­jü­di­schen Opfer des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, den man offen­bar als Pro­jekt zu schüt­zen ver­sucht, trotz des Pro­blems des mus­li­mi­schen Anti­se­mi­tis­mus. Das führt zu der para­do­xen Situa­ti­on, daß die größ­te Empö­rung über den mus­li­mi­schen Anti­se­mi­tis­mus aus Rich­tung AfD kommt, wäh­rend sich das jüdi­sche Estab­lish­ment in Deutsch­land beharr­lich weit­aus grö­ße­re Sor­gen um die AfD zu machen scheint und sie erbit­tert bekämpft.

Pipes erkennt an, daß es sich hier um ein typi­sches Mus­ter handelt:

Wenig über­ra­schend kon­zen­triert sich Isra­els Regie­rung auf die außen­po­li­ti­sche Aus­rich­tung die­ser [“rechts­po­pu­lis­ti­schen”] Par­tei­en und betrach­tet sie daher bei­na­he aus­nahms­los als ihre bes­ten Freun­de in Euro­pa, wäh­rend das jüdi­sche Estab­lish­ment in Euro­pa eben­so vor­her­seh­ba­rer­wei­se auf die innen­po­li­ti­sche Aus­rich­tung die­ser Par­tei­en hin­weist, indem es sie als unver­bes­ser­lich anti­se­mi­tisch dar­stellt und sogar die Rück­kehr der faschis­ti­schen Dik­ta­tu­ren des 20. Jahr­hun­derts prognostiziert.

Hier­für gibt es etli­che Beispiele.

Eri­ka Stein­bach, die nicht müde wird, sich zu Isra­el zu beken­nen, wur­de im Novem­ber 2019 von der deutsch-israe­li­schen Gesell­schaft aus­ge­la­den und zur “per­so­na non gra­ta” erklärt:

Die DIG hat in der jüngs­ten Sit­zung ihres Bun­des­prä­si­di­ums in Ber­lin beschlos­sen, Sie schrift­lich auf­zu­for­dern, Ihre poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen künf­tig nicht mehr mit Ihrer Mit­glied­schaft in der DIG zu unter­mau­ern oder zu begründen.

Alex­an­der Gau­land for­der­te (2017), daß deut­sche Sol­da­ten im Ernst­fall an der Sei­te Isra­els kämp­fen müß­ten, und die pro-israe­li­sche, pro-atlan­ti­sche BILD-Zei­tung dreh­te ihm das Wort um und unter­stell­te ihm “gefähr­li­che Sät­ze über das Exis­tenz­recht Isra­els”. Ein paar Mona­te spä­ter wie­der­hol­te Gau­land dies zuge­spitz­ter im Bundestag:

Der Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der AfD, Alex­an­der Gau­land, sag­te, “es war und ist rich­tig, die Exis­tenz Isra­els zu einem Teil unse­rer Staats­rä­son zu erklä­ren”. Das ent­hal­te jedoch die Ver­pflich­tung, im Ernst­fall an Isra­els Sei­te “zu kämp­fen und zu ster­ben”. Er sei nicht sicher, ob das Aus­maß die­ser Ver­pflich­tung über­all in Deutsch­land ver­stan­den wer­de. Die Exis­tenz­si­che­rung Isra­els begin­ne am Bran­den­bur­ger Tor, sag­te Gau­land. Wer den David­stern ver­bren­ne und Kip­pa­trä­ger angrei­fe, habe das Gast­recht in die­sem Land verwirkt.

Ange­sichts der Bun­des­tags­wah­len 2017 schrieb der israe­li­sche Prä­si­dent Rivlin:

Wir schät­zen Bun­des­kanz­le­rin Mer­kels kla­re Hal­tung gegen­über der AfD und im Kampf gegen den neo­fa­schis­ti­schen Trend, der in der gan­zen Welt sein Haupt erhebt. Die­se anti­se­mi­ti­schen und ras­sis­ti­schen Stim­men haben kei­nen Platz, weder auf deut­schem Boden noch irgend­wo anders.

Drei Jah­re scheint er sei­ne Mei­nung nicht geän­dert zu haben, wäh­rend die Pres­se allen Erns­tes skan­da­li­siert, daß Gau­land, offen­bar nicht zie­mend ehr­fürch­tig und betrof­fen genug, wäh­rend einer Holo­caust­ge­denk­re­de Riv­lins “minu­ten­lang in der­sel­ben Sitz­po­si­ti­on ver­harr­te: die Augen nach unten gerich­tet, den Kopf auf dem Arm aufgestützt.”

Ren­aud Camus, der Schöp­fer des Begriffs “der gro­ße Aus­tausch” und Freund des jüdi­schen Phi­lo­so­phen Alain Fin­kiel­kraut, hat sich mehr­fach pro-zio­nis­tisch und pro-israe­lisch posi­tio­niert. Und doch zähl­te eine jüdi­sche Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on wie die LICRA (das fran­zö­si­sche Pen­dant zur ADL) zu sei­nen erbit­terts­ten Fein­den. Die­ser (und einer ande­ren Orga­ni­sa­ti­on) muß er nun eine Geld­stra­fe von 1800 Euro bezah­len, weil er die Mas­sen­ein­wan­de­rung als “Inva­si­on” bezeich­net hat (zusätz­lich hat er zwei Mona­te Gefäng­nis­stra­fe auf Bewäh­rung ausgefaßt.)

Pipes nennt ein wei­te­res Beispiel:

Als her­aus­ra­gen­des Bei­spiel dafür ist Rab­bi Pin­chas Gold­schmidt zu betrach­ten, der Prä­si­dent der Euro­päi­schen Rab­bi­ner­kon­fe­renz. Er warnt äußerst sanft davor, dass ein Pre­mier­mi­nis­ter Jere­my Cor­byn Juden dazu ver­an­lie­ße, Groß­bri­tan­ni­en zu ver­las­sen, wäh­rend er Zivi­li­sa­tio­nis­ten [Pipes’ Begriff für “rechts­po­pu­lis­ti­sche” Par­tei­en und Poli­ti­ker] empha­tisch des­sen bezich­tigt, eine Rück­kehr zu „tota­ler Dik­ta­tur“ anzu­stre­ben, und ihre pro­is­rae­li­sche Hal­tung als ille­gi­ti­me Jagd nach einem aner­ken­nen­den „Koscherstem­pel“ denunziert.

Der­sel­be Rab­bi Gold­schmidt hat übri­gens – nach dem Anschlag auf “Char­lie Heb­do” – fol­gen­des geäußert:

Was die Fra­ge betrifft nach dem Zusam­men­stoß zwi­schen dem säku­la­ren, post-christ­li­chen Euro­pa und der neu­en Migra­ti­ons­wel­le, die im Kern reli­gi­ös ist, so fin­det hier in der Tat ein Zusam­men­stoß der Zivi­li­sa­tio­nen [“clash of civi­liz­a­ti­ons” nach Hun­ting­ton] statt. Und wir, die Juden, wir sind in der Mit­te die­ses Zusam­men­stos­ses. Auf der einen Sei­te ist das, was in Paris und Brüs­sel pas­siert, daß Kin­der, die auf der Stra­ße mit der Kip­pa her­um­lau­fen, atta­ckiert wer­den. Auf der ande­ren Sei­te haben wir die Gegen­re­ak­ti­on des alten Euro­pa. Wir haben Geset­ze, die die reli­giö­se Frei­heit ein­schrän­ken: in der Schweiz gegen Mina­ret­te, in Frank­reich gegen die Bur­ka, in Deutsch­land den Ver­such eines Geset­zes gegen Beschnei­dung, in Polen und Hol­land gegen Halal- und kosche­res Fleisch. Das ist also die Reak­ti­on des alten Euro­pa gegen die­se Wel­le reli­giö­sen Aus­drucks. Wir sehen uns im gemein­sa­men Kampf mit unse­ren mus­li­mi­schen Brü­dern, die ein frei­es, fried­li­ches Euro­pa wol­len, die sich inte­grie­ren wol­len, wie auch unse­re Vor­vä­ter sich vor 120 Jah­ren in West­eu­ro­pa inte­griert haben, und sie sind unse­re natür­li­chen Verbündeten.

Dies behaup­tet Rab­bi Gold­schmidt wohl­ge­merkt, nach­dem er berich­tet hat, daß etli­che fran­zö­si­sche Juden aus­wan­dern wol­len, weil sie in Frank­reich “kei­ne Zukunft für ihre Kin­der sehen”, und nur kurz nach den Anschlä­gen auf “Char­lie Heb­do”, in deren Fol­ge ein Isla­mist einen kosche­ren Super­markt über­fiel und dort Gei­seln nahm. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Min­der­heit, die gegen­über der Mehr­heit reli­giö­se Son­der­re­ge­lun­gen durch­set­zen will, wiegt stär­ker als alle ande­ren Beden­ken. Den mus­li­mi­schen Anti­se­mi­tis­mus scheint er nicht sehr ernst zu neh­men oder nicht für sehr gefähr­lich zu hal­ten. Man hat es hier offen­bar mit einer sehr ein­ge­fleisch­ten Men­ta­li­täts­fra­ge zu tun.

Gold­schmidt wur­de übri­gens mit der höchs­ten Aus­zeich­nung Frank­reichs, der Auf­nah­me in die Legi­on d’Hon­neur, geehrt: Man kann also getrost sagen, daß hier kei­ne Rand­fi­gur spricht, son­dern ein Mit­glied des Establishments.

Ihm gegen­über stün­de etwa ein Gil­les-Wil­liam Gold­na­del, der in Pipes Pro­fil der “Guten” paßt: ein mili­tan­ter rech­ter Zio­nist, der die Rede­frei­heit von Oria­na Fall­a­ci (islam­kri­tisch) ver­tei­digt und jene von Edgar Morin (israel­kri­tisch) bekämpft hat, Netan­ja­hu-Anhän­ger, israe­li­scher wie fran­zö­si­scher Staats­bür­ger, von Sar­ko­zy mit dem “Ord­re natio­nal du Méri­te” aus­ge­zeich­net, Autor in kon­ser­va­ti­ven Blät­tern wie Le Figa­ro und Val­eur Actu­el­les, Mit­glied der gaul­lis­ti­schen Par­tei “Die Repu­bli­ka­ner”. Gold­na­del ist der Ansicht, daß es kei­nen “mode­ra­ten Islam” gibt, allen­falls hin und wie­der mode­ra­te Muslime.

Auch ein Alain Fin­kiel­kraut und ein Eric Zémmour wür­den in die­ses Pro­fil pas­sen, wobei sie bei­de weni­ger als Zio­nis­ten, denn als fran­zö­si­sche Patrio­ten auf­tre­ten, ins­be­son­de­re der letz­te­re (und alle drei wer­den von dem glo­ba­lis­ti­schen jüdi­schen Phi­lo­so­phen Jac­ques Attali scharf wegen ihrer “Islam­feind­lich­keit” kri­ti­siert, eben­so wegen ihres “Sou­ve­rä­nis­mus”, den er für eine Form des Anti­se­mi­tis­mus hält, der die Juden und Mus­li­me, die sich gegen das “Phan­tom des Gro­ßen Aus­tauschs” ver­bün­den müs­sen, glei­cher­ma­ßen bedrohe.)

Die­ser inner­jü­di­sche Kampf habe, so Pipes, gro­ße Bedeu­tung für die Zukunft Europas:

Die­ser Umstand grün­det in der ein­zig­ar­ti­gen mora­li­schen Auto­ri­tät, die der Holo­caust den Juden zuteil­wer­den lässt in der Beur­tei­lung des­sen, wer ein Faschist ist und wer nicht. Anders, in der zurück­hal­ten­de­ren For­mu­lie­rung des Wall Street Jour­nal, aus­ge­drückt: “Wäh­rend jüdi­sche Wäh­ler in vie­len euro­päi­schen Län­dern einen rela­tiv klei­nen Teil der Wäh­ler­schaft reprä­sen­tie­ren, könn­te ihre Unter­stüt­zung zu gewin­nen dazu bei­tra­gen, das öffent­li­che Image der rechts­ex­tre­men Par­tei­en zu verbessern.”

Um die­se “far-right par­ties” mit Isra­el (wohl eher der Likud-Par­tei) in ein Boot zu set­zen, spannt Pipes einen Schirm­be­griff auf:

… es geht immer um die von der Pres­se als rechts­ex­trem, popu­lis­tisch, völ­kisch oder natio­na­lis­tisch bezeich­ne­ten Par­tei­en, — die ich selbst aber als zivi­li­sa­tio­nis­tisch bezeich­ne (da sie vor­nehm­lich bestrebt sind, die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on zu erhalten).

Die­ses “Framing” habe ich im ers­ten Teil die­ser Serie beschrie­ben: Isra­els Sache sei nicht bloß, dem jüdi­schen Volk eine natio­na­le Heim­statt zu schaf­fen, son­dern Isra­el sei ein Vor­pos­ten der “west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on”, der “Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te”, im Kampf gegen den “Isla­mis­mus” und so wei­ter. Wie ich bereits dar­stel­le, muß dies als Mythos zurück­ge­wie­sen wer­den. Isra­els innen- wie außen­po­li­ti­sche Pro­ble­me sind das Resul­tat sei­ner Grün­dung als eth­ni­scher Sied­ler- und Kolo­ni­al­staat auf besie­del­tem Gebiet; Euro­pas poli­ti­sches Pro­blem der Mas­sen­im­mi­gra­ti­on, die Köp­fe wie Ren­aud Camus und Guil­laume Faye als eine “Kolo­ni­sie­rung” deu­ten, ist dem fast dia­me­tral entgegengesetzt.

Pipes ver­spricht nun den “Zivi­li­sa­tio­nis­ten”(“Popu­lis­mus” lehnt er nach Begriff und Inhalt ab) das Heil aus Jeru­sa­lem, wenn die israe­li­schen Juden in die­sem Bür­ger­krieg siegen:

Falls sich Jeru­sa­lem durch­setzt, wer­den die Zivi­li­sa­tio­nis­ten ein­fa­cher und zügi­ger in den poli­ti­schen Main­stream Euro­pas ein­tre­ten, zu Ein­fluss gelan­gen und ihre Haupt­an­lie­gen, die Zuwan­de­rung zu kon­trol­lie­ren und die Isla­mi­sie­rung zu bekämp­fen, in Angriff neh­men. Falls sich das loka­le jüdi­sche Estab­lish­ment durch­setzt, wer­den die Zivi­li­sa­tio­nis­ten län­ger um Legi­ti­mi­tät kämp­fen müs­sen und daher lang­sa­mer zu Ein­fluss gelan­gen und ihre Zie­le nur weit­aus müh­se­li­ger erreichen.

Dabei ist er bemüht, die akti­ve Rol­le die­ses “loka­len jüdi­schen Estab­lish­ments” run­ter­zu­spie­len. Obwohl die größ­te Juden­feind­lich­keit nach­weis­lich von isla­mis­ti­scher und lin­ker Sei­te käme (in bei­den Fäl­len han­delt es sich wohl vor allem schlicht um anti­zio­nis­ti­sche und anti-israe­li­sche Aktivitäten),

… hofie­ren vie­le euro­päi­sche Juden — und ins­be­son­de­re ihre Anfüh­rer — in selbst­er­nied­ri­gen­der Wei­se das Estab­lish­ment — poli­ti­sche Par­tei­en, Medi­en, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen — und ver­fes­ti­gen damit die mora­li­sche Über­le­gen­heit aus­ge­rech­net jener Kräf­te, die ihr Leben rui­nie­ren. Sie haben, um Bat Ye’ors Wort­wahl zu ver­wen­den, das Ver­hal­ten von Dhim­mis über­nom­men (den his­to­ri­schen Sta­tus zwei­ter Klas­se für nicht­mus­li­mi­sche Mono­the­is­ten, die unter mus­li­mi­scher Herr­schaft leben).

In Wahr­heit ver­hält es sich eher umge­kehrt, daß die nicht-jüdi­schen Tei­le des Estab­lish­ments in Euro­pa (und den USA) unauf­hör­lich um Legi­ti­ma­ti­on von jüdi­scher Sei­te buh­len, kraft der von Pipes selbst geprie­se­nen “ein­zig­ar­ti­gen mora­li­schen Auto­ri­tät, die den Juden durch den Holo­caust ver­lie­hen ist”; von einem “Sta­tus zwei­ter Klas­se” inner­halb des Estab­lish­ments kann hier kei­ne Rede sein, und die ver­meint­li­chen “Dhim­mis” sind zum Teil äußerst aktiv an der Mul­ti­kul­tu­ra­li­sie­rungs­po­li­tik mit­be­tei­ligt, die angeb­lich “ihr Leben rui­niert” (ins­be­son­de­re in Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en). Sie glau­ben schlicht und ein­fach nicht, daß ein “Eura­bi­en” als anti­jü­di­sche Ver­schwö­rung droht, wie die zitier­te Bat Ye’Or.

Die Legi­ti­ma­tio­nen wer­den auch ziem­lich bereit­weil­lig ver­ge­ben. So erhielt Ange­la Mer­kel unter ande­rem den “Abra­ham Gei­ger-Preis”, den “Heinz Galin­ski-Preis”, den “Rab­bi-Lord-Jako­bo­vits-Preis des Euro­päi­schen Juden­tums“, ” Elie Wie­sel Award” des Holo­caust Memo­ri­al Muse­um (Washing­ton), die Ehren­dok­tor­wür­den der Uni­ver­si­tä­ten Hai­fa und Tel Aviv oder den “Theo­dor-Herzl-Preis” des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses (Hen­ryk Bro­der dazu: “Die spin­nen, die Juden. Und wie!”). Waren das alle­samt Akte der Selbst­er­nied­ri­gung von “Dhim­mis”?

End­gül­tig absurd wird es, wenn Pipes auch den israe­li­schen Prä­si­den­ten Reu­ven Riv­lin als “Dhim­mi” bezeich­net, weil die­ser die “Zivi­li­sa­tio­nis­ten” als gefähr­li­che “Neo­fa­schis­ten” bezeich­ne­te, obwohl er sich ihrer ent­schie­de­nen Unter­stüt­zung Isra­els bewußt sei. Dem­entspre­chend ver­wei­ger­te Riv­lin Sal­vi­ni ein Tref­fen. Die­se Epi­so­de erscheint nicht gera­de ermu­ti­gend, was das “Heil aus Jeru­sa­lem” und das zu erwar­ten­de Aus­maß der Gegen­lie­be angeht.

Unbe­frie­di­gend ist auch Pipes’ Konklusion:

Falls der Kampf hit­zi­ger wer­den soll­te, steht sein Aus­gang bereits jetzt schlech­ter­dings fest: die Staats­rä­son wird die israe­li­sche Regie­rung letzt­lich dazu brin­gen, sich über die Beden­ken der ört­li­chen jüdi­schen Gemein­den hin­weg­zu­set­zen und mit Zivi­li­sa­tio­nis­ten zusam­men­zu­ar­bei­ten, wäh­rend die euro­päi­schen Juden wei­ter­hin aus­wan­dern und ihren eige­nen Ein­fluss zuneh­mend ver­rin­gern wer­den. Die­se Ent­wick­lung ist begrü­ßens­wert, denn Zivi­li­sa­tio­nis­ten sind kei­ne Bedro­hung im Sti­le der 30er Jah­re, wie sie Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker und Main­stream-Medi­en an die Wand malen, son­dern viel­mehr eine gesun­de Ant­wort auf ein außer­or­dent­li­ches Pro­blem. Tat­säch­lich ver­hält es sich so: je schnel­ler die israe­li­sche Stim­me ton­an­ge­bend sein wird, des­to bes­ser für alle — Euro­pa, sei­ne jüdi­sche Bevöl­ke­rung und den Staat Isra­el. Die ein­zi­ge Fra­ge besteht dar­in, wie bald das gesche­hen wird.

Hier erträumt Pipes eine Win-win-Situa­ti­on für die zio­nis­ti­sche Sei­te: Durch eine mas­si­ve “Ali­ja” (weil die “Zivi­li­sa­tio­nis­ten” an der Macht sind? Soll­ten die­se umset­zen, was Pipes von ihnen will, gäbe es für die euro­päi­schen Juden doch kei­nen Grund mehr, aus­zu­wan­dern?) wür­de Isra­el demo­gra­phisch auf­ge­stockt wer­den, wäh­rend in Euro­pa Regie­run­gen herr­schen, die stramm pro-israe­lisch aus­ge­rich­tet sind und ihre mora­li­sche Legi­ti­ma­ti­on von den Ver­wal­tern des Holo­caust in Jeru­sa­lem emp­fan­gen haben. Der Staat Isra­el wird sozu­sa­gen, frei nach Jesa­ja 49,6, zum “Licht der Natio­na­lis­ten” erklärt. (Böse gefragt: Was unter­schei­det die sol­cher­art ein­ge­spann­ten “Zivi­li­sa­tio­nis­ten” denn dann von “Dhim­mis” für Isra­el, die stets an einer Holo­caust­lei­ne gehal­ten wer­den müssen?)

Letzt­lich hat die­ser Arti­kel den ein­zi­gen Zweck, euro­päi­schen Natio­na­lis­ten einen Per­sil­schein und poli­ti­sche Pro­tek­ti­on im Aus­tausch für außen­po­li­ti­sche Isra­el-Unter­stüt­zung (inklu­si­ve der Über­nah­me pro-ame­ri­ka­ni­scher, anti-ira­ni­scher, neo­kon­ser­va­ti­ver etc Posi­tio­nen) in Aus­sicht zu stel­len. Pipes sieht die “mora­li­sche Auto­ri­tät der Juden”, zu bestim­men, wer “Faschist” ist und wer nicht (also: wer auf der poli­ti­schen Büh­ne mit­spie­len darf und wer nicht) nicht nur als fak­tisch gege­ben, son­dern offen­bar auch als legi­tim an.

Aber sein Arti­kel the­ma­ti­siert indes selbst den Umstand, daß es “die” Juden als poli­ti­sche Ein­heit nicht gibt, son­dern viel­mehr sind riva­li­sie­ren­de Frak­tio­nen aus­zu­ma­chen, die sich gegen­sei­tig als Schmocks (und nicht sel­ten als “Anti­se­mi­ten” oder “selbst­has­sen­de Juden”) dis­kre­di­tie­ren und ihre Per­sil­schei­ne sehr unter­schied­lich ver­tei­len. Wie rea­lis­tisch ist sein Sze­na­rio also über­haupt? Und wer sagt, daß sich die “loka­len jüdi­schen Eli­ten” von Isra­el “über­stim­men” las­sen werden?

Da ist es dann auch schon (fast) egal, daß Pipes ein äußerst mili­tan­ter Interventions-“Falke” ist: nicht nur hat er den desas­trö­sen Irak-Krieg begrüßt, er hat auch 2010 in einem Arti­kel, der auch in der Online-Aus­ga­be der Welt erschie­nen ist, gefor­dert: “Barack Oba­ma soll­te den Iran bom­bar­die­ren” – um sei­ne mise­ra­blen Umfra­ge­wer­te zu ver­bes­sern (Lorenz Jäger nann­te Pipes dafür “Dr. Selt­sam”).

Es spricht nichts dage­gen, wenn die AfD oder eine sons­ti­ge natio­na­le Oppo­si­ti­on gute Bezie­hun­gen zu Isra­el pflegt. Sie darf aber nicht in die Fal­le tap­pen, sich einen außen­po­li­ti­schen Kurs auf­zwin­gen zu las­sen, der nicht in Deutsch­lands Inter­es­se sein kann, noch darf sie der Illu­si­on ver­fal­len, Isra­el wäre ein “Königs­ma­cher”, der ihr zu Macht und Gel­tung ver­hel­fen kann. Sie soll­te auch nicht danach trach­ten, im Rah­men der “Holo­caust-Reli­gi­on” Abso­lu­ti­on, Legi­ti­ma­ti­on oder eine mora­li­sche Auf­wer­tung anzu­stre­ben, da auf die­se Wei­se nur der “Schuld­kult”, von dem sich eine natio­na­le Alter­na­ti­ve unbe­dingt los­sa­gen muß, affir­miert und per­p­etu­iert würde.

Ein AfD-Poli­ti­ker, der die Pipes’sche Stra­te­gie befür­wor­tet, mein­te neu­lich zu mir, die­ser “Schuld­kult” müs­se unbe­dingt ein Ende haben, damit Juden und Deut­sche wie­der nor­ma­le Bezie­hun­gen auf Augen­hö­he haben kön­nen. Aber “Schuld­kult” ist eben der Kern die­ser angeb­li­chen “mora­li­schen Auto­ri­tät” (sprich: Macht), und ich fin­de es eini­ger­ma­ßen wider­sprüch­lich, die­sen abschaf­fen zu wol­len und gleich­zei­tig via Isra­el-Par­ti­sa­nen­tum nach Abso­lu­ti­on oder Anzü­gen zu stre­ben, mit denen man in den Klub gelas­sen wird. Ich den­ke, hier muß eine grund­sätz­lich ande­re Basis anstel­le die­ses schie­fen Fun­da­ments gelegt werden.

Was aber aus den USA her­über­ge­spül­te Gestal­ten wie Dani­el Pipes oder Ste­ve Ban­non betrifft, so sie locken mit Karot­ten, die sie nie­mals her­ge­ben wer­den, wahr­schein­lich nicht ein­mal besit­zen, und soll­ten daher als die Irr­lich­ter der Natio­na­lis­ten erkannt wer­den, die sie sind.

Buch­tipp: Was Juden zur AfD treibt. Neu­es Juden­tum und neu­er Kon­ser­va­tis­mus, hg. von Vera Koso­va, Wolf­gang Fuhl und Artur Abra­mo­vych. 170 Sei­ten, 14,80 Euro. Bespre­chung von Micha­el Klo­n­ovs­ky hier.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (17)

Maiordomus

19. Februar 2020 00:40

@Lichtmesz. Wenn Sie von "Holocaust"-Religion schreiben, versteht derjenige Analytiker Sie noch am relativ exaktesten, der in diesem Zusammenhang von den Grundwerten nach Max Scheler ausgeht. Es gibt andere, die diese Ihre Ausdrucksweise auf keinen Fall verstehen wollen, sondern "unter der Herrschaft des Verdachts" (Hermann Lübbe) Ihnen dies übelnehmen werden.

Grundwerte. Da gibt es einerseits "das Wahre": wie war es tatsächlich? Andererseits: "das Heilige", den unbedingten Respekt vor den Opfern. Die Ehrfurcht, die man ihnen schuldet. Etwas im Grunde Diskussionsloses. Diese beiden obersten transzendentalen Wertbegriffe werden regelmässig durcheinandergeschüttelt. Geht es um das Heilige, haben empirische Werte, Zahlen, Chemisches und dergleichen, nichts verloren. Dies war wohl mit ein Grund, weswegen es Jahrzehnte dauerte, bis die offizielle Opferzahl von Auschwitz auf eine immer noch fast unvorstellbare Million herabgesetzt wurde, und zwar von einer noch um ein um ein vielfaches höheren Zahl.

Mir schien es in diesem Sinne unangemessen, bei einem Mittagessen mit einem bedeutenden jüdischen Philosophen, der 16 nahe Verwandte in mehreren der über 500 Lager verloren hatte, über Zahlen zu debattieren. Noch respektloser wäre es gewesen, eine von mir selber für ein öffentliches Gespräch eingeladene jüdische Überlebende, die Sekretärin in Auschwitz gewesen war (und im Zusammenhang mit ihrem Überleben auf eine Art "Schindler" verwies), im Hinblick vielleicht auf denselben Fragen zu stellen. Es hätte, bei spürbar vorsichtigen Formulierungen, erst recht als unanständig gelten können. Die Veranstaltung in einem Saal einer Ordensgemeinschaft war eindrücklich. Die Frau, eine authentische Zeugin, war nicht zu verwechseln mit einem Historiker, der noch so viel Bücher studiert und von dort Zahlen und Fakten hätte aufzählen können.

Im Vergleich zu einem Schulgottesdienst und auch noch anderen Anlässen herrschte bei diesem Besuch eine Stimmung, auch Aufmerksamkeit, wie sie bei religiösen Feiern fast nur bei der Abdankung eines Mitschülers zu registrieren gewesen war. Wenn die Dame nicht noch über einen durchaus - wenn das hoffentlich nicht rassistisch ist! - typisch jüdischen Witz und Humor verfügt hätte! Auch verwahrte sich die Frau mit zwar schon hinfälliger Gesundheit gegenüber zu grosser Hilfsbereitschaft: Man solle sie nicht wie ein Baby behandeln usw. Witz und Humor wirkten entlastend.

Die präsentierte Wahrheit über Auschwitz war die Authentizität der Person. Der dominierende Grundwert blieb das Heilige. Es wäre daneben gewesen, den Gast im Stil eines amerikanischen Beschuldigtenanwalts auf vermutete Widersprüche der Erzählung behaften zu wollen. Oder Fragen zu stellen, die man auch einer heiligen Mutter Teresa nicht gestellt hätte.

Wenn Sie, Herr Lichtmesz, hier die Ausdrucksweise "Ausschwitz-Religion" verwenden, gewiss im Zusammenhang mit dem, was alles bis hin zum Jugoslawienkrieg damit "transzendental" legitimiert wurde, kann man dies rein intellektuell verstehen. Diejenigen aber, welche für Sie das nicht satisfaktionsfähige, durch die Meinungsfreiheit gedeckte Schimpfwort "Faschist" im Köcher haben, werden den Ausdruck "Auschwitz-Religion" anders deuten, und zwar so, dass die feindbildbezogene Meinungsverschiedenheit vielleicht bis nach Karlsruhe weitergezogen wird. Und mag Martin Walser seit seiner Wortschöpfung "Auschwitz-Keule", in Verbindung mit dem als Sohn geouteten Jakob Augstein, sich hundertfach gebessert haben: er wird diese "Keule" noch mal ins Grab nehmen. Dabei ist aber der Geist oder Ungeist, wie man sich auszudrücken pflegt, längst aus der Flasche entwichen.

Ratwolf

19. Februar 2020 01:07

Es heiß: "Geben und Nehmen"

Das sollte auch für die Beziehung zw Deutschland und Israel gelten. Daraus könnte sich ja Fruchtbares ergeben.

Derzeit sieht es aber so aus, als wenn der deutsche Steuerzahler bezahlt (wie z.B. beim U-Boot-Deal), und Israel nur die Oberen (also die Entscheider, die Merkels & Friede Springers) politisch unterstützt und ehrt.

Das ist von Seiten Israels etwas unfair, weil die Merkels & Friede Springers aus Sicht vieler Menschen hier dem deutschen Volk eher schaden und es sich nur selber gut ergehen lassen. Aber was sollen sie machen? Wenn Merkel sauer wird, dann gibt es keine Ersatzteile für die U-Boote oder Panzer mehr...

-------------------------
Die Graumanns, Schusters und Knoblochs sind wohlhabend genug, um problemlos nach Israel oder irgendwo in der Welt auszuwandern, wenn es in Deutschland zu heiß wird. Wie so etwas, zeigt Frankreich. Was sie über die Migrationspolitik bringen ist unfair.

Bei den nicht so wohlhabenden Juden in Deutschland ist es schwieriger. Es gibt Programme, aber man hört, dass viele Menschen, welche nach Israel übergesiedelt sind, bis jetzt nie wirklich glücklich dort geworden sind. Besonders, wenn man seine Tochter durch den Mord eines kurdischen Migranten verloren hat.

Die Zuhilfenahme der Antisemitismus-Keule von Seiten wer-auch-immer macht die Sache nicht besser, und wirft weitere Fragen auf.

MARCEL

19. Februar 2020 09:58

Kleine Bemerkungen am Rande: Die Neue Rechte wird kaum ohne Allianzen auskommen. Man muss den Staat Israel und seine Verästelungen in die USA hinein nicht mögen (und viele Ultra-Orthodoxe Haredim tun es ja auch nicht), doch überlassen wir eine Allianz mit den Palästinensern lieber der Linken. Es gibt einen kleinen, unbedeutenden (?) Teil im rechten (?) Spektrum (glaube, die nennen sich Patriotische Linke), der so starke Sympathien für die Palästinenser an den Tag legt, dass ich diesen Teil am Schluss offen auf arabischer Seite sehe, Konversion zum Islam inklusive.
Ja, ich weiß, auch Palästinensern geschah/geschieht Unrecht, doch hätten diese bei Gelegenheit keinerlei Probleme damit, uns unser Land wegzunehmen. Islam verpflichtet zur Ausbreitung - Judentum nicht.

tearjerker

19. Februar 2020 11:53

In allen westlichen Staaten und ganz besonders in der Bundesrepublik ist das jüdische Establishment Teil der Parteien, Verbände, Vereine und NGOs, die auf der Suche nach öffentlichen Mitteln und Versorgung mit den Wölfen heulen um in der Verlosung zu bleiben. Das Hemd ist halt näher als die Hose. Für die seit einigen Jahren entstehende neue Opposition innerhalb des Westens ist Israel attraktiv, weil es das Nationalstaatsprinzip lebt, während man sich umgekehrt relativ offen für neue Kräfte im Ausland zeigt um sich seine Optionen offen zu halten. Dazu kann man technisch-ökonomisch, militärisch und sozial etwas vorweisen und hat kein Problem damit, den Kampf zum Gegner zu tragen, wenn er sich zu weit aus dem Fenster lehnt. Es gibt also genug um positiv anzuknüpfen, auch wenn es gegenwärtig nur dazu reicht, der Linken ihren Anti-Semitismus unter die Nase zu reiben um sie damit auf die Palme zu bringen.

Lotta Vorbeck

19. Februar 2020 17:27

Die visuelle Bestätigung dessen, was Martin Lichtmesz ausführt - in Form eines kurzen Videos, zusammencompiliert mit im Staate Israel gefilmten Sequenzen, die den Aussagen an der Küste Griechenlands aktiver israelischer [sic!] Refugee-Welcome-Volunteers gegenübergestellt werden:

https://www.bitchute.com/video/grNhixOQV7gH/

TheBlackCat

19. Februar 2020 21:23

Pipes Versprechungen gehen von zwei – falschen – Grundannahmen aus:

1. Dass ein „Persilschein“ von jüdischer Seite allein tatsächlich das „das öffentliche Image“ der rechten Parteien irgendwie verbessern würde und diese Parteien dann „einfacher und zügiger in den politischen Mainstream Europas eintreten könnten.

2. Dass zwischen den politischen Eliten Israels und dem Pipes so genannten „lokalen jüdischem Establishment in Europa“ irgendein Dissens bestünde.

Zu 1.) Die öffentlich Wahrnehmung einer Partei ist maßgeblich von der Berichterstattung der Massen-Medien und den anderen, den Diskurs bestimmenden Eliten abhängig. Es ist offenkundig so, dass diese eine Dämonisierung-Strategie gegen die AfD betreiben. Und sofern eine israelische Parteinahme für die AfD und ähnliche europäische Parteien nichts an ihrer medialen Behandlung ändern würde, würde sich auch ihr Image nicht ändern.

Es ist naiv zu glauben, dass eine von israelischer Seite ausgestellte Unbedenklichkeitserklärung für die AFD allein auf magische Weise den Blick der Bevölkerung auf die AfD verbessern würde trotz anhaltender „Nazis“-, „Faschisten“-, „Extremisten“- Dämonisierungen durch die MSM und Altpartei-Politiker.

Zu 2.) Anders als von Pipes behauptet, betrachtet Israel die rechtspopulistischen Parteien eben nicht „ausnahmslos als ihre besten Freunde in Europa“.

Die AfD zählt Israel nach den Worten seines Botschafters ganz augenscheinlich nicht zu seinen „besten Freunden“. Genauso wenig wie die FPÖ, der Rassemblement National oder die PVV des betont israelfreundlichen Geert Wilders.

Wie Martin Lichtmesz im ersten Teil seines Artikels treffend beobachtet hat, ist „die Liebe der "Rechtspopulisten" zu Israel ist notorisch einseitig, es sei denn es handelt sich um einen "Rechtspopulisten" an der Macht, wie etwa Trump oder Orban.

Aber selbst ein Orban oder Trump wurden von israelischer Seite nie derart mit Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft wie eine Angela Merkel.

Die freundschaftlichen Beziehungen, welche die Regierung Israels zu den Rechts-Regierungen osteuropäischer Ländern pflegt, scheinen eher realpolitischen Motiven geschuldet zu sein als weltanschaulichen Gemeinsamkeiten oder echte Sympathien für die anti-globalistische, ethno-patriotische Politik der osteuropäischen Regierungen.

TheBlackCat

19. Februar 2020 21:58

@tearjerker

"Es gibt also genug um positiv anzuknüpfen, auch wenn es gegenwärtig nur dazu reicht, der Linken ihren Anti-Semitismus unter die Nase zu reiben um sie damit auf die Palme zu bringen."

Wo sehen sie einen Antisemitismus unter den Linken verwirklicht? Und was definieren sie überhaupt als Antisemitismus?!

Lumi

20. Februar 2020 00:18

Ein guter Aufsatz, der jene zum Denken anregen kann, die sich auf dem Wege der Anbiederung oder an seinem Ende, so es denn überhaupt in Sicht wäre, die Ausstellung von Persilscheinen erhoffen. Die sind einfach zu naiv für diese Welt.

Hallo @Maiordomus, Sie haben da ja sehr schön nicht nur die besagte "Religion" veranschaulicht, sondern auch wunderbar am eigenen Erleben ihren in der Tat religiösen Charakter beschrieben. Das ist doch eine fundamentale psychologische Erkenntnis, zu der man erst mal vorstoßen muß.

Es muß einem dann auch klar werden, daß diese "Religion" weder erbaulich ist noch sein will, sondern im Gegenteil den seelischen Aufbau ihrer Zielgruppe stören will, um dort manipulativ anzusetzen. Einen anderen Zweck hat sie nicht.

Sie gehören, da bin ich mir ziemlich sicher, zu jenen Zeitgenossen, die diese unheilige Psychomechanik zwar erkannt haben, aber dennoch apologetisch verherrlichen: Das Heilige, die Ehrfurcht, der unbedingte Respekt, die Schuld - diskussionslos. Das sind lauter getarnte Imperative, die Gehorsam fordern. Ach, und die Empirie hat hier natürlich nichts verloren. Ja freilich nicht - wo kämen wir denn da hin?!

Kannitverstan.

Um auch mal ein bißchen Bildung zu bringen (wobei ich wirklich nicht belesen bin): Wenn man La Rochefoucauld auf Sie losließe, dann würden Sie keine so gute Figur machen.

Wer sich schon vor Worten fürchtet, die andere absondern könnten, der wird sowieso keinen Blumentopf gewinnen. Das System beruht auf Angst und dem sich daraus ergebenden Verstummen.

Danke jedenfalls für den Hinweis auf Johann Peter Hebel. Meine Mutter hat uns das mehrmals vorgelesen, wie wir klein waren. Hatte die Geschichte ganz vergessen und wußte auch den Autor nicht. Wir stimmen darin überein, daß sie zu tiefen Einsichten anregt.

Laurenz

20. Februar 2020 10:37

Dem Artikel kann man so lange zustimmen, wie man die aktuelle jüdische Welt isoliert betrachtet, ohne uns sonstige "Weltbürger".

Um das verständlich zu machen, ist der historische Vergleich deutscher und französischer Politiker hilfreich. Deutsche Politiker sind Konservative, Kommunisten, Liberale und dahinter irgendwann mal vielleicht Deutsch. Französische Politiker sind vordergründig erstmal Franzosen und dann erst Konservative, Kommunisten, Liberale.
Natürlich existieren ebenso, wie im Beispiel der Franzosen, unterschiedliche Befindlichkeiten im Welt-Judentum. Aber spielen diese unterschiedlichen Befindlichkeiten von vielleicht 30 Mio. Juden weltweit noch eine Rolle im Umgang mit 7,3 Milliarden Nicht-Juden?
Zweifelhaft. Da hält man im Falle des Falles doch lieber zusammen und stellt unterschiedliche Haltungen hinten an.

Die überzogene Aufmerksamkeit, die Juden und Israel in weißen Gesellschaften genießen, stammt noch aus einer Zeit, in der der alte weiße Mann den Planeten dominierte. Die jüdische Einflußnahme, vor allem in Britannien, als Weltmacht Nummer 1, hatte hier, wenn, den größten Einfluß.
Auch die Verlagerung dieses weltweiten Schwerpunkts, mit Beginn 1913 (FED-Gründung) - 1944 (Bretton Woods) nach New York, hat mit der heutigen aktuellen geo-politischen Lage nichts mehr zu tun. Der Schwerpunkt letzterer wurde mit dem Sieg Maos, 1949, und der Machtergreifung Deng Xiapings, 1979, endgültig nach Ostasien verschoben.
Westliche mediale Versuche, wie dem chinesischen "Führer" auf Lebenszeit, Xi Jinping, im Zusammenhang mit einem Virus "Schwäche" zu unterstellen, sind nur Merkmale eines selbst-beweihräuchernden Rückzugs-Gefecht aus dem tatsächlichen Weltgeschehen. Was sind in China schon 1 Mio. Tote? In China sterben jedes Jahr ca. 17 Mio. Menschen, also ein viertel-fünftel der Bevölkerung Deutschlands im Vergleich.
Die ewige Verschissmus- und Anti-Semitismus-Debatte im Westen, also die Beschäftigung mit sich selbst, soll welches geo-politische Ergebnis bringen? Lächerlich. Dieses Theater lenkt nur vom tatsächlichen Zeitgeschehen ab.

Der im weißen Westen grassierende, weltoffene (also nicht ganz dichte) Links-Liberalismus, der nicht viel mehr als eine oligarchische Diktatur darstellt, auch unter Mithilfe der Diaspora-Juden, wie dem Zentralrat der Juden Deutschlands, bleibt Jahrzehnte hinter den tatsächlichen Ereignissen zurück. Die links-liberale Zerstörung der kulturellen Identität westlicher Nationen führt daher in die geo-politische Bedeutungslosigkeit. Der Glaube der US Demokraten und ihrer europäischen Vasallen, mit militärischem Druck und Interventions-Politik hier noch etwas aufhalten zu können, erinnert irgendwie fatal an das "Tausendjährige Reich".
Jüdische Interessens-Vertretungen, ob nun NGOs oder GOs, sollten anfangen, selbst zu hinterfragen, ob sie mit dem alten weißen Mann untergehen wollen, oder etwas an ihren "Befindlichkeiten" zu schrauben. Nur Völker und Nationen, die eine Identität besitzen, haben logischerweise einen Überlebenswillen. Einzig eine pro-semitische Identität wird zum Überleben des Westens, mangels Masse, nicht ausreichen.
Und diese pro-semitischen Befindlichkeiten interessieren in Ostasien kein Schwein, sie sind keiner medialen Bemerkung wert. Was sind angesichts historischer und politischer Katastrophen Asiens für Asiaten schon die Opfer 2er Weltkriege oder eines Holocausts nach 160 Jahren eines britischen Hongkongs wert? Im Grunde wälzen sich die Asiaten auf dem Boden und lachen sich fast tot, angesichts des westlichen Niedergangs.
Längst haben die Chinesen überall (nicht nur in der westlichen Hemisphäre) ein reverses NGO-Hongkong errichtet, und wir können trefflich darüber spekulieren, welche Ewigkeiten diese Bestand haben werden.

RMH

20. Februar 2020 10:52

"Wo sehen sie einen Antisemitismus unter den Linken verwirklicht?"

@TheBlackCat,

berechtigter Einwand. Einen rassisch-biologistisch basierten Antisemitismus, wie er im historischen Nationalsozialismus unbestreitbar eine der Hauptsäulen der Ideologie darstellte, wird man bei klassischen Linken ab/seit Marx wohl eher kaum bis gar nicht finden (wer weiß aber, was es dort alles für Sekten gibt - ist ja extrem amorph, die linke Szene).

Die Linke kann zudem so ziemlich alles, was israelkritisch, antisemitismus-verdächtig und pro-palästinensisch erscheint oder erscheinen mag, recht gut unter ihre allgemeinen Schienen Antikapitalismus bzw. Anti-Finanzkapitalismus, Antiimperialismus und Antinationalismus und Pro-International und Pro-Solidarisch unterbringen. Ferner werden es Linke vermutlich locker schaffen, pro Juden in der AfD mindestens 10 oder mehr Juden in ihren eigenen Reihen als Quasi-Zeugen ihrer Unverdächtigkeit zu liefern (will ob dieser postulierten Menge mit dieser These jetzt aber nicht das klassisch antisemitische Klischee vom jüdischen Bolschewismus bedienen ...).

Insofern ist es schon zutreffend, dass man dieses ewige "Antisemit"-Gekreische der Gegenseite jetzt nicht einfach spiegeln muss. Auf der anderen Seite macht gerade die Beliebigkeit, mit der heute irgendetwas als "antisemitisch" oder "rassistisch" bezeichnet wird (da hat ja das links-grüne Politestablishment aktuell die Definitionshoheit im Stile eines H. Göring inne - sprich, es ist darin komplett beliebig) es natürlich recht einfach, manche aktuelle linke Positionen als "antisemitisch" zu bezeichnen.

Aber twitter lässt eben nur 280 Zeichen zu und da kippt dann jede Differenzierung heutzutage ... ;)

Lumi

20. Februar 2020 11:31

Ich muß sagen, dieser Blog ist eine wahre Fundgrube tiefer Einblicke! Rabenfeder zitierte neulich "einen berühmten Erspürer der Archetypen":

» Wotan disappeared when his oaks fell and appeared again when the Christian God proved too weak to save Christendom from fratricidal slaughter. When the Holy Father at Rome could only impotently lament before God the fate of the grex segregatus, the one-eyed old hunter, on the edge of the German forest, laughed and saddled Sleipnir. «

Diese Worte haben mir wegen ihrer verdrehten Perfidie, gekonnt ins Bild gegossen, keine Ruhe gelassen. So mußte ich herausfinden, wer dieser Erspürer ist: Know thy enemy. Das hat mich zu einem sensationell guten Gastbeitrag geleitet, der direkt zum Kern der Misere führt:

C.G. Jung und die deutsche Seele - 1. Dezember 2015
https://sezession.de/57169/cg-jung-und-die-deutsche-seele

» Wie könnten wir uns von Jung die Heilung dessen, was wir in Ermangelung eines besseren Begriffs »Volksseele« nennen wollen, zurückholen, die uns das von ihm propagierte Kollektivschuld-Dogma bis heute verwehrt? Dank des von Jung hochgeschätzten Paracelsus, des Begründers der Giftkunde, wissen wir ja: ubi malum, ibi remedium. Das hatte er wahrscheinlich von den Kräuterhexen. Die kannten noch die wirklich wissenswerten Naturgesetze, zum Beispiel: daß man häufig neben der Giftpflanze im Wald auch gleich die das Gegengift enthaltende Heilpflanze antrifft. «

Falsche Geschichte, falsche Erziehung, falsche Gedanken, falsche Menschen. Traurig ist das.

Die Unfähigkeit zu trauern? Nicht gelesen. Nicht ganz unsymptomatisch, aber interessant:

Der versäumte Abschied von der Volksgemeinschaft. Psychoanalyse und „Vergangenheitsbewältigung“ - von Tobias Freimüller
https://docupedia.de/zg/Mitscherlich,_Unf%C3%A4higkeit_zu_trauern

Massenhafte Selbstaufklärung der Gesellschaft? (Oder der Gemeinschaft?) Anfälligkeit für Ideologien und Massenwahn? Verleugnung der Vergangenheit? Treffende Benennung eines in der Luft liegenden Problems?

Das ist einiges an gedanklichem Material, das man auch mal andersherum wenden kann.

Immunisierung der Gesellschaft gegen zukünftige Bedrohungen durch Stärkung der individuellen kritischen „Ich-Leistung”? Oder Zersetzung der Gemeinschaft zwecks zukünftiger Manipulation durch Vergiftung der gemeinsam gefühlten Identität - durch Vergiftung der Volksseele?

Der_Juergen

20. Februar 2020 11:53

Ich begreife ohne weiteres, dass der Staat Israel und die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden der AFD trotz ihrer peinlichen Anbiederung die kalte Schulter zeigen. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Es gibt keine Gewähr dafür, dass die Parteispitze, besonders im Fall grosser Wahlerfolge, ihren heutigen Kurs weiterführen wird. Im Gegenteil, es muss damit gerechnet werden, dass eine patriotische deutsche Partei das Siegernarrativ ^über den Zweiten Weltkrieg eines Tages nicht mehr respektieren wird.

@Marcel
Eine Allianz mit den Palästinensern verlangt von uns wohl niemand, so dass Sie hier offene Türen einrennen. Nichteinmischung in die nahöstlichen Konflikte, deren Verlauf wir ohnehin nicht zu beeinflussen vermögen, wäre das Gebot der Klugheit.

tearjerker

20. Februar 2020 13:29

Die Linke inklusive der Klemmbolschewisten bei Sozis oder Grünen bekämpft den Staat Israel, weil er jüdisch ist, nicht weil er zionistisch ist.

ML: Das höre ich immer wieder, aber welchen Beweis gibt es dafür?

Nahezu jedes der zahllosen Gespräche, dass ich mit Leuten dieser Fraktionen über Jahrzehnte zur Thematik führen konnte, förderte früher oder später die üblichen angestaubten Klischees zu Tage, die auf einer tiefen emotionalen Antipathie beruhen und von der diese Leute ganz und gar ergriffen sind, weshalb man früher oder später in der Israel-Debatte immer die Katze aus dem Sack lässt. Man kann einfach nicht anders. Während die jungen Jahrgänge in den 60igern und 70igern noch die antijüdische Position der Elterngeneration übernahmen, sind die in den 80igern Geborenen im linken Spektrum zumindest gelegentlich israelfreundlich, während bei jungen politisch Aktiven der Gegenwart ganz klar offene Ablehnung praktiziert wird, die über die Mehrheitsverhältnisse in diesen Jahrgängen durch die Vielfältigen ohne Vorbehalte ins Zentrum der Debatten geführt und festgezurrt wird. Kein Wunder also, dass sich die politischen Fraktionen von links noch mit jedem Staat und jeder Splittergruppe verbünden, wenn diese nur was gegen Israel vorbringen. Hier gibt es eine starke Identiifikation, egal wie oft irgendwelche Verlautbarungen das Gegenteil behaupten. Deshalb: Hart trollen, den Laden.

Laurenz

20. Februar 2020 13:57

@Lumi .... mutmaßlich ist Wotan, Wodan, Odin in der germanischen Mythologie jüngerer Natur und kam als Reiter vermutlich mit den Asen (Skytho-Sarmaten) aus dem Osten. Er wird, im Gegensatz zu den sonstigen im Licht erstrahlenden germanischen "Gottheiten", als dunkel und düster beschrieben. Er wird deshalb teils auch als Trugvater betitelt, um aufzuzeigen, daß Wotan/Odin als nicht zulässiger Aufsteiger angesehen wird. Im Englischen ist er noch einmal in der Woche gegenwärtig, und zwar am Wednesday, zu deutsch Wotanstag. Auch Wikinger-Gründungen, wie die Hauptstadt Schottlands "Edinburgh", erinnern fast deutsch an ihn, Odinsburg.

Laurenz

20. Februar 2020 14:39

@tearjerker .... Sie liegen hier falsch und ML richtig. Wenn Sie die von mir empfohlene Sendung Me, Myself & Media 55 https://youtu.be/aKJZem0Mv4I der KenFM-Redaktion anschauen, finden Sie exakt die linke Kritik an Israel. Ken Jebsen bezeichnet, "nicht zu Unrecht", Israel als Apartheids-Staat, was aus Sicht der alt-testamentarisch geprägten Buren, durchaus Sinn ergibt.
Völlig egal, welche Haltung man selbst einnimmt, zeigt sich der innere Widerspruch im Judentum, einerseits die Ethnokratie Israel, 3 Jahre nach der Vernichtung des III. Reichs militärisch gegründet, und andererseits die Verneinung von Ethnokratien durch das Diaspora-Judentum. Da man das auf Dauer keinem verkaufen kann, tut sich eben der Riß zwischen echten Linken und dem, nach Ken Jebsen!, pseudo-linken Establishment auf, welches, in seinen Augen, die AfD weit rechts überholt.

Der_Juergen

20. Februar 2020 14:42

@tearjerker

Mir scheint, Sie stellen die Fakten auf den Kopf. Abgesehen von kleinen Gruppen wie der um die "Rote Fahne", die zwar antizionistisch, nicht aber antijüdisch ist, ist die deutsche Linke stramm projüdisch und ganz überwiegend auch israelfreundlich. Der markanteste Ausdruck dieser Ideologie sind die Deutschenhasser, die, unter israelischen Flaggen marschierend, jeweils am 13. Februar in Dresden "Bomber Harris, do it again" skandieren.

Dass der eine oder andere Linke oder Grüne milde Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern übt, ändert nicht viel an diesem Bild. Es gibt ja auch viele Juden, welche diese Politik kritisieren.

Andreas Walter

21. Februar 2020 13:21

Das Verhältnis in den VSA ist mittlerweile 1/3 konservativ zu 2/3 links. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten stark nach rechts verschoben. In Israel ist es dagegen genau umgekehrt, steht es derzeit schon wieder 50:50. Dort bewegt es sich seit Gründung immer weiter nach links und damit in Richtung Untergang. Über das Verhältnis in Deutschland kann ich nichts sicher sagen, doch da könnte ich mir sogar 1 zu 5 oder 1 zu 6 vorstellen. Der Gruppendruck ist halt auch in der jüdischen Gemeinde enorm, weil klein. Jeder kennt sich, man trifft und sieht sich, hört und weiß voneinander.

Linke Juden sind halt genauso Träumer wie die nichtjüdischen Linken, auch hier geht Ideologie und Wunsch vor Erfahrung und Vorsicht. Wer nichts oder nur sehr wenig zu verlieren zu haben glaubt ist meist links. Konservativ (erhaltend) wird man im Normalfall erst mit zunehmenden Wohlstand. Hier macht sich darum auch der Mangel an Raum in Israel deutlich bemerkbar. Die Juden in den VSA sind im Durchschnitt vermögender und haben auch weniger Kinder als die in Israel. Deutschland ist ein Spezialfall, den will ich darum nicht erläutern. Eine deutliche Veränderung hat die jüdische Gemeinde in Deutschland erst durch die Russlanddeutschen erfahren. Von dort glaube ich kommt in Deutschland auch das meiste Verständnis für die AfD.