Sezession
8. Dezember 2009

Der Spiegel, 17. Februar 1960 (Fundstücke 6)

Martin Lichtmesz

MathildeStefan Scheil hat in einer interessanten Glosse für die Junge Freiheit an die "Kölner Hakenkreuzschmiereien" in Dezember 1959 und deren politische Folgen erinnert. Auch Armin Mohler sah in seinem Buch Der Nasenring in diesem Vorfall eine entscheidende Etappe in der Entwicklung der "Vergangenheitsbewältigung" (VB):

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Sie verschafften der VB nicht nur einen neuen Schwung, sondern auch eine andere Qualität: zur bisher unangefochten im Mittelpunkt stehenden Erinnerung an Nazi-Verbrechen im Krieg kam nun die Neonazi-Riecherei hinzu. Damit war die Bewältigung zu einer Stufenrakete geworden.

Wie Scheil geht auch Mohler von der hohen Wahrscheinlichkeit einer Geheimdienstaktion aus und nannte zwei Bücher, in denen ein ehemaliger Ost-Agent ausführlich über die gesteuerte Simulation von "neonazistischen Aktionen" im Westen berichtet: "Geheimwaffe D" (1973) und "Zum Tode verurteilt / Memoiren eines Spions" (1984) von Ladislav Bittman. Einen zeitlichen Zusammenhang sieht Mohler auch mit dem Treffen zwischen Chruschtschow und Eisenhower in Camp David 1959, bei dem ein "nie offen proklamiertes und nie vertraglich fixiertes amerikanisch-russischen Kondominium" ausgearbeitet wurde, das dem Kalten Krieg eine gewisse "Hegung" verschaffte (in diesen Zusammenhang gehört auch der von den Amerikanern geduldete Bau der Berliner Mauer 1961).

Nun zu meinem Fundstück aus einem Buchantiquariat: Der Spiegel vom 17. Februar 1960 gab der an Köln anschließenden Kampagne Zunder mit einer Titelstory über die "Antisemitin Mathilde Ludendorff", der Witwe des berühmten Generals und Vorsitzenden des "Bundes für Deutsche Gotterkenntnis", der 1937 gegründet wurde und erstaunlicherweise bis heute vereinzelt Anhänger findet (es sollen noch an die 250 sein).  Der recht merkwürdige Mix aus völkischer Esoterik, Rassenideologie, klassischem Bildungsgut und Naturwissenschaft bewegte sich allerdings trotz einer gewissen Blütezeit Mitte der Dreißiger Jahre stets eher im Narrensaum des Sektierertums und wurde auch von den Nationalsozialisten mehr geduldet als gefördert. Um 1960 waren sowohl der "Bund" als auch die 1877 geborene, also 83 Jahre alte Mathilde Ludendorff, kaum mehr als lebende Fossilien, deren Einfluß sich auf kleinste Kreise beschränkte.

Dennoch schien sich die Ludendorff als Fressen auf der Suche nach einem Sündenbock für Köln anzubieten. Der Spiegel knallte ihr Gesicht auf die Titelseite und rekapitulierte die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland seit dem Mittelalter in einem reich bebilderten Aufsatz über elf epische Seiten hinweg, wovon ganze acht (!) ausführlich (wenn auch tendenziös-selektiv) das Gedankengut der Ludendorffbewegung behandelten. Einzelne Bildunterschriften suggerieren eine direkte Verbindung zwischen Köln und der Bewegung.  Zusätzlich wurden Namen und Adressen von Anhängern genannt.  Ein Jahr später wurde der Verein als "verfassungsfeindliche Organisation" und „Keimgebiet antisemitischer Gruppengesinnung“ verboten. Das Verbot wurde 1977 wieder aufgehoben, aber die Überbleibsel des "Bundes" werden immer noch, wie es so schön heißt, "vom Verfassungsschutz beobachtet".

Vermutlich war hier der Präzedenzfall gegeben für ein typisches, bis heute gepflegtes Element der VB: die Dämonisierung von Gruppen und Personen aus dem rechten Lunatic Fringe, deren tatsächlicher Einfluß in keiner Relation zu der unterstellten "Gefährlichkeit" steht.  Der Grund, warum gerade die Ludendorffer als Schuldige aus der Versenkung gezerrt wurden, war wohl ganz einfach der, daß es sich hier um eine der wenigen Gruppen dieses Genres handelte, die 1960 noch aktiv waren. Außerdem hatte der Verein mit der steinalten Mathilde Ludendorff (Spiegel: "die Urgroßmutter des deutschen Antisemitismus") eine vorführbare Prominenz von Vorgestern aufzuweisen.

Und jetzt die Pointe: Geschrieben hat den Anti-Ludendorff-Artikel (man kann ihn auch hier nachlesen) laut Impressum kein Geringerer als Georg "Orje" Wolff , seines Zeichens ehemaliger "Hauptsturmführer" in der "schwarzen" SS und späterer Hauptverantwortlicher der Kampagne gegen Hellmut Diwald.

Es gibt noch andere interessante Dinge, die bei der Lektüre dieses alten Spiegel-Heftes auffallen, etwa in der Rubrik der Leserbriefe.  Ein Leser äußert sich zu Urteilen, die im Gefolge von ähnlichen Vorfällen wie in Köln gefällt wurden:

Ich sehe aus Ihrem Artikel, daß sich die Richter schon wieder beeilen, barbarische Strafen zu verhängen für harmlose politische Streiche. Mit der Zivilcourage der Richter scheint es nicht weit her zu sein, denn aus überzeugtem Herzen können diese hohen Strafen nicht verhängt worden sein, sonst würden nicht Totschlag, Vergewaltigung und schwere Kindesmißhandlung häufig milder beurteilt werden als die Hakenkreuzmalereien Betrunkener. Überhaupt erscheint mir das hektische Getue um die antisemitischen Vorfälle in der letzten Zeit lächerlich und beschämend. Keine Regierung in der ganzen Welt würde sich wegen solcher Lappalien derart demütigen.

Der Clou ist, daß der Spiegel selbst sich kritisch gegenüber den harten Strafen zeigte, wofür die Leserbriefschreiber die Redaktion lobten:

Sie allein sind wieder einmal die rühmliche Ausnahme, und ich beginne tatsächlich zu glauben, daß Ihnen die Festigung der deutschen Demokratie Herzenssache ist.

Der Richter ist frei, unabhängig und unantastbar! Er darf von niemandem beeinflußt werden! Nun aber kommt plötzlich die Regierung und "erwartet" Höchststrafen.

Die Abschreckungsjustiz ist pervertierte Gerechtigkeit.

Richter fällen Zweckmäßigkeitsurteile im Fließbandverfahren! Der deutsche Rechtsstaat sieht rosigen Zeiten entgegen!

Soviel Zivilcourage hat kein anderes Blatt aufgebracht!

Es sollte mich sehr wundern, wenn Sie nach der objektiven Berichterstattung über diesen Staats-Akt nicht selbst vor dem Richter eine Gastrolle erleben werden.

Es geht hier notabene um Delikte, die heute unter die Gerichtsbarkeit des § 130 fallen würden! Eine weitere Leserbriefspalte befaßt sich mit der damals frisch skandalisierten NSDAP-Mitgliedschaft Gerhard Schröders, ein anderer Artikel mit "NS-Richtern", die weiterhin "unbelästigt" im Amt seien. Hier ist der Tonfall wieder vertrauter: anprangernd, empört, "entlarvend".

Alles in allem ist es seltsam, in einer 50 Jahre alten Zeitschrift die Anfänge der "Bundesrepublik des Verfassungsschutzberichts" (Scheil) zu verfolgen. Es scheint, daß die Bundesrepublik in einer ewigen, nimmermüden Zeitschleife rotiert, zu deren Sinn, vor allem aber Unsinn Köpfe wie Armin Mohler bereits in den Sechziger Jahren das Nötige gesagt haben. Trotz der zeitlichen Distanz ist das Thema weiterhin ein Dauerbrenner, ist besagter Tonfall nicht nur gleich geblieben, sondern hat sich sogar noch verschärft. Inzwischen sitzen die allerletzten (?) 90jährigen auf den Anklagebänken, und selbst die Ankläger von Gestern müssen nun "bewältigt" werden. Wo kommt neues Futter her, wenn auch diese abgetreten sind?


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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