Der Spiegel, 17. Februar 1960 (Fundstücke 6)

Stefan Scheil hat in einer interessanten Glosse für die Junge Freiheit an die "Kölner Hakenkreuzschmiereien" in Dezember 1959 und deren politische Folgen erinnert.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Auch Armin Moh­ler sah in sei­nem Buch Der Nasen­ring in die­sem Vor­fall eine ent­schei­den­de Etap­pe in der Ent­wick­lung der “Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung” (VB):

Sie ver­schaff­ten der VB nicht nur einen neu­en Schwung, son­dern auch eine ande­re Qua­li­tät: zur bis­her unan­ge­foch­ten im Mit­tel­punkt ste­hen­den Erin­ne­rung an Nazi-Ver­bre­chen im Krieg kam nun die Neo­na­zi-Rie­che­rei hin­zu. Damit war die Bewäl­ti­gung zu einer Stu­fen­ra­ke­te geworden.

Wie Scheil geht auch Moh­ler von der hohen Wahr­schein­lich­keit einer Geheim­dienst­ak­ti­on aus und nann­te zwei Bücher, in denen ein ehe­ma­li­ger Ost-Agent aus­führ­lich über die gesteu­er­te Simu­la­ti­on von “neo­na­zis­ti­schen Aktio­nen” im Wes­ten berich­tet: “Geheim­waf­fe D” (1973) und “Zum Tode ver­ur­teilt / Memoi­ren eines Spi­ons” (1984) von Ladis­lav Bitt­man. Einen zeit­li­chen Zusam­men­hang sieht Moh­ler auch mit dem Tref­fen zwi­schen Chruscht­schow und Eisen­ho­wer in Camp David 1959, bei dem ein “nie offen pro­kla­mier­tes und nie ver­trag­lich fixier­tes ame­ri­ka­nisch-rus­si­schen Kon­do­mi­ni­um” aus­ge­ar­bei­tet wur­de, das dem Kal­ten Krieg eine gewis­se “Hegung” ver­schaff­te (in die­sen Zusam­men­hang gehört auch der von den Ame­ri­ka­nern gedul­de­te Bau der Ber­li­ner Mau­er 1961).

Nun zu mei­nem Fund­stück aus einem Buch­an­ti­qua­ri­at: Der Spie­gel vom 17. Febru­ar 1960 gab der an Köln anschlie­ßen­den Kam­pa­gne Zun­der mit einer Titel­sto­ry über die “Anti­se­mi­tin Mat­hil­de Luden­dorff”, der Wit­we des berühm­ten Gene­rals und Vor­sit­zen­den des “Bun­des für Deut­sche Gotterkennt­nis”, der 1937 gegrün­det wur­de und erstaun­li­cher­wei­se bis heu­te ver­ein­zelt Anhän­ger fin­det (es sol­len noch an die 250 sein).  Der recht merk­wür­di­ge Mix aus völ­ki­scher Eso­te­rik, Ras­sen­ideo­lo­gie, klas­si­schem Bil­dungs­gut und Natur­wis­sen­schaft beweg­te sich aller­dings trotz einer gewis­sen Blü­te­zeit Mit­te der Drei­ßi­ger Jah­re stets eher im Nar­ren­saum des Sek­tie­rer­tums und wur­de auch von den Natio­nal­so­zia­lis­ten mehr gedul­det als geför­dert. Um 1960 waren sowohl der “Bund” als auch die 1877 gebo­re­ne, also 83 Jah­re alte Mat­hil­de Luden­dorff, kaum mehr als leben­de Fos­si­li­en, deren Ein­fluß sich auf kleins­te Krei­se beschränkte.

Den­noch schien sich die Luden­dorff als Fres­sen auf der Suche nach einem Sün­den­bock für Köln anzu­bie­ten. Der Spie­gel knall­te ihr Gesicht auf die Titel­sei­te und reka­pi­tu­lier­te die Geschich­te des Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land seit dem Mit­tel­al­ter in einem reich bebil­der­ten Auf­satz über elf epi­sche Sei­ten hin­weg, wovon gan­ze acht (!) aus­führ­lich (wenn auch ten­den­zi­ös-selek­tiv) das Gedan­ken­gut der Luden­dorff­be­we­gung behan­del­ten. Ein­zel­ne Bild­un­ter­schrif­ten sug­ge­rie­ren eine direk­te Ver­bin­dung zwi­schen Köln und der Bewe­gung.  Zusätz­lich wur­den Namen und Adres­sen von Anhän­gern genannt.  Ein Jahr spä­ter wur­de der Ver­ein als “ver­fas­sungs­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on” und „Keim­ge­biet anti­se­mi­ti­scher Grup­pen­ge­sin­nung“ ver­bo­ten. Das Ver­bot wur­de 1977 wie­der auf­ge­ho­ben, aber die Über­bleib­sel des “Bun­des” wer­den immer noch, wie es so schön heißt, “vom Ver­fas­sungs­schutz beobachtet”.

Ver­mut­lich war hier der Prä­ze­denz­fall gege­ben für ein typi­sches, bis heu­te gepfleg­tes Ele­ment der VB: die Dämo­ni­sie­rung von Grup­pen und Per­so­nen aus dem rech­ten Lun­a­tic Frin­ge, deren tat­säch­li­cher Ein­fluß in kei­ner Rela­ti­on zu der unter­stell­ten “Gefähr­lich­keit” steht.  Der Grund, war­um gera­de die Luden­dorf­fer als Schul­di­ge aus der Ver­sen­kung gezerrt wur­den, war wohl ganz ein­fach der, daß es sich hier um eine der weni­gen Grup­pen die­ses Gen­res han­del­te, die 1960 noch aktiv waren. Außer­dem hat­te der Ver­ein mit der stein­al­ten Mat­hil­de Luden­dorff (Spie­gel: “die Urgroß­mutter des deut­schen Anti­se­mi­tis­mus”) eine vor­führ­ba­re Pro­mi­nenz von Vor­ges­tern aufzuweisen.

Und jetzt die Poin­te: Geschrie­ben hat den Anti-Luden­dorff-Arti­kel (man kann ihn auch hier nach­le­sen) laut Impres­sum kein Gerin­ge­rer als Georg “Orje” Wolff , sei­nes Zei­chens ehe­ma­li­ger “Haupt­sturm­füh­rer” in der “schwar­zen” SS und spä­te­rer Haupt­ver­ant­wort­li­cher der Kam­pa­gne gegen Hell­mut Diwald.

Es gibt noch ande­re inter­es­san­te Din­ge, die bei der Lek­tü­re die­ses alten Spie­gel-Hef­tes auf­fal­len, etwa in der Rubrik der Leser­brie­fe.  Ein Leser äußert sich zu Urtei­len, die im Gefol­ge von ähn­li­chen Vor­fäl­len wie in Köln gefällt wurden:

Ich sehe aus Ihrem Arti­kel, daß sich die Rich­ter schon wie­der beei­len, bar­ba­ri­sche Stra­fen zu ver­hän­gen für harm­lo­se poli­ti­sche Strei­che. Mit der Zivil­cou­ra­ge der Rich­ter scheint es nicht weit her zu sein, denn aus über­zeug­tem Her­zen kön­nen die­se hohen Stra­fen nicht ver­hängt wor­den sein, sonst wür­den nicht Tot­schlag, Ver­ge­wal­ti­gung und schwe­re Kin­des­miß­hand­lung häu­fig mil­der beur­teilt wer­den als die Haken­kreuz­ma­le­rei­en Betrun­ke­ner. Über­haupt erscheint mir das hek­ti­sche Getue um die anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­le in der letz­ten Zeit lächer­lich und beschä­mend. Kei­ne Regie­rung in der gan­zen Welt wür­de sich wegen sol­cher Lap­pa­li­en der­art demütigen.

Der Clou ist, daß der Spie­gel selbst sich kri­tisch gegen­über den har­ten Stra­fen zeig­te, wofür die Leser­brief­schrei­ber die Redak­ti­on lobten:

Sie allein sind wie­der ein­mal die rühm­li­che Aus­nah­me, und ich begin­ne tat­säch­lich zu glau­ben, daß Ihnen die Fes­ti­gung der deut­schen Demo­kra­tie Her­zens­sa­che ist.

Der Rich­ter ist frei, unab­hän­gig und unan­tast­bar! Er darf von nie­man­dem beein­flußt wer­den! Nun aber kommt plötz­lich die Regie­rung und “erwar­tet” Höchststrafen.

Die Abschre­ckungs­jus­tiz ist per­ver­tier­te Gerechtigkeit.

Rich­ter fäl­len Zweck­mä­ßig­keits­ur­tei­le im Fließ­band­ver­fah­ren! Der deut­sche Rechts­staat sieht rosi­gen Zei­ten entgegen!

Soviel Zivil­cou­ra­ge hat kein ande­res Blatt aufgebracht!

Es soll­te mich sehr wun­dern, wenn Sie nach der objek­ti­ven Bericht­erstat­tung über die­sen Staats-Akt nicht selbst vor dem Rich­ter eine Gast­rol­le erle­ben werden.

Es geht hier nota­be­ne um Delik­te, die heu­te unter die Gerichts­bar­keit des § 130 fal­len wür­den! Eine wei­te­re Leser­brief­spal­te befaßt sich mit der damals frisch skan­da­li­sier­ten NSDAP-Mit­glied­schaft Ger­hard Schrö­ders, ein ande­rer Arti­kel mit “NS-Rich­tern”, die wei­ter­hin “unbe­läs­tigt” im Amt sei­en. Hier ist der Ton­fall wie­der ver­trau­ter: anpran­gernd, empört, “ent­lar­vend”.

Alles in allem ist es selt­sam, in einer 50 Jah­re alten Zeit­schrift die Anfän­ge der “Bun­des­re­pu­blik des Ver­fas­sungs­schutz­be­richts” (Scheil) zu ver­fol­gen. Es scheint, daß die Bun­des­re­pu­blik in einer ewi­gen, nim­mer­mü­den Zeit­schlei­fe rotiert, zu deren Sinn, vor allem aber Unsinn Köp­fe wie Armin Moh­ler bereits in den Sech­zi­ger Jah­ren das Nöti­ge gesagt haben. Trotz der zeit­li­chen Distanz ist das The­ma wei­ter­hin ein Dau­er­bren­ner, ist besag­ter Ton­fall nicht nur gleich geblie­ben, son­dern hat sich sogar noch ver­schärft. Inzwi­schen sit­zen die aller­letz­ten (?) 90jährigen auf den Ankla­ge­bän­ken, und selbst die Anklä­ger von Ges­tern müs­sen nun “bewäl­tigt” wer­den. Wo kommt neu­es Fut­ter her, wenn auch die­se abge­tre­ten sind?

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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