Neoreaktion: Yarvin in Wien – Absturzprotokoll 08

Der Informatiker Curtis Yarvin, Gesicht der amerikanischen "Neoreaktion", ist momentan auf Einladung der ungarischen Zeitschrift The European Conservative in Wien.

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Wenn er am mor­gi­gen Sams­tag zusätz­lich in iden­ti­tä­rem Umfeld auf­tritt, wer­den die Erwar­tun­gen hoch sein. Die ein­la­den­de “Akti­on 451” hat ihn in den höchs­ten Tönen als geis­ti­gen Vor­rei­ter der gesam­ten rech­ten Poli­tik­land­schaft jen­seits des Gro­ßen Teichs vor­ge­stellt. Und im libe­ra­len Blät­ter­wald der öster­rei­chi­schen Haupt­stadt hat es schon ent­spre­chend gerauscht. Die­se Gele­gen­heit läßt sich der Feuil­le­ton, der Yar­vin ali­as “Men­ci­us Mold­bug” seit 15 Jah­ren immer mal wie­der als anti­de­mo­kra­ti­schen US-Gott­sei­bei­uns aus dem Hut zau­bert, natür­lich nicht entgehen.

Einen erns­ten Vor­trags­abend ist Yar­vin viel­leicht gar nicht (mehr) gewohnt. Zum Ende der ers­ten Prä­si­dent­schaft Trumps wur­de die “neo­re­ak­tio­nä­re” Blog­land­schaft der frü­hen 2010er Jah­re wie­der­ent­deckt und als Teil der auf­kom­men­den Kul­tur­in­dus­trie “dis­si­dent rech­ter” Medi­en­schaf­fen­der neu belebt. Und nicht erst seit­dem trifft man sich eher auf mon­dä­nen Insi­der­par­tys als in ver­schwö­re­ri­schen Videokonferenzen.

Erst vor einer Woche fand in den USA unter dem – zuge­ge­be­ner­ma­ßen ziem­lich lus­ti­gen – Titel “Nick Land Ack­now­led­ge­ment” eine Fei­er für die zwei­te Gali­ons­fi­gur der “Neo­re­ak­ti­on” statt: Nicho­las “Nick” Land, “Pate des Akze­le­ra­tio­nis­mus” und Urhe­ber des Begriffs der “Dunk­len Auf­klä­rung”, wur­de in San Fran­cis­co will­kom­men geheißen.

(Der an Mar­tin Heid­eg­ger und den von die­sem aus­ge­hen­den Post­struk­tu­ra­lis­ten wie Gil­les Deleu­ze geschul­te ehe­ma­li­ge bri­ti­sche Phi­lo­so­phie­do­zent lebt bereits seit fast 30 Jah­ren in Schang­hai und war mut­maß­lich zum ers­ten Mal in den Ver­ei­nig­ten Staaten.)

Und nicht irgend­wo in San Fran­cis­co: son­dern in der Vil­la von David Holz, dem Geschäfts­füh­rer der KI-Platt­form Mid­jour­ney, die auch bei Ver­tre­tern unse­res deutsch­spra­chi­gen Milieus zur Bil­der­stel­lung beliebt ist.

Aus­ge­rich­tet wur­de die Ver­an­stal­tung vom Grün­der des Online­ma­ga­zins Pal­la­di­um, das offi­zi­ell – iro­nisch? – mit dem Welt­wirt­schafts­fo­rum ver­part­nert ist und des­sen Her­aus­ge­ber­ge­sell­schaft Ame­ri­can Gover­nan­ce Foun­da­ti­on mit Geld von Peter Thiel gegrün­det wur­de. Da war es nur stan­des­ge­mäß, daß sich auf die­sem Schau­lau­fen der Cyber­bo­hè­me neben einer der diver­sen Exfrau­en von Elon Musk auch Cur­tis Yar­vin die Ehre gab.

Übri­gens das über­haupt ers­te rea­le Zusam­men­tref­fen der bei­den obers­ten “Neo­re­ak­tio­nä­re”, die online bereits seit fast 15 Jah­ren über- und mit­ein­an­der arbei­ten. Weni­ger stan­des­ge­mäß war indes, daß der für sei­ne nicht nur schrift­lich, son­dern auch münd­lich weit­läu­fig mäan­dern­den Aus­füh­run­gen berühmt-berüch­tig­te Yar­vin den für sei­ne radi­ka­len Ansich­ten außer­or­dent­lich zurück­hal­ten­den Land dort dann kaum zu Wort kom­men ließ. Aber in der “Neo­re­ak­ti­on” war und ist eben vie­les anders, auch daß der Phi­lo­soph rela­tiv kurz und prä­gnant for­mu­liert, wäh­rend der Inge­nieur gan­ze Bücher redet.

Nick Lands Rück­blick auf die “Neo­re­ak­ti­on”, wozu er dann doch zu Wort kam, hat Vice dan­kens­wer­ter­wei­se wiedergegeben:

Ich bin immer noch fest über­zeugt davon, daß [Yar­vins] Regie­rungs­mo­dell abso­lut unüber­treff­lich ist, und es wäre abso­lut phan­tas­tisch, wenn die­se Welt in einen Fli­cken­tep­pich von Mikro­staa­ten zer­schla­gen wür­de und sich neue Mög­lich­kei­ten des geo­po­li­ti­schen Expe­ri­men­tie­rens ergäben.

Sicher, Land ist immer ein Post­mar­xist geblie­ben und bis heu­te dem Kon­zept der “Deter­ri­to­ri­a­li­sie­rung” nach Deleu­ze und Guat­ta­ri ver­pflich­tet. Doch die gan­ze “Neo­re­ak­ti­on” des Cur­tis Yar­vin ist eben genau das: Idea­ler­wei­se sol­len “Staa­ten” wie Unter­neh­men orga­ni­siert sein – mit den Bür­gern als Anteils­eig­nern, die bei Unzu­frie­den­heit mit Geschäfts­füh­rer und Vor­stand jeder­zeit ein­fach den Laden wech­seln können.

So sol­len alle poli­ti­schen Bau­stel­len mit­tel- bis lang­fris­tig nach Markt­ge­setz­mä­ßig­kei­ten gere­gelt wer­den. (Yar­vin hat dazu Aber­hun­der­te Sei­ten Text ver­faßt, der Blick in sein “For­ma­lis­ti­sches Mani­fest” von 2007 ist aber völ­lig aus­rei­chend.) Das Gan­ze steht in der Tra­di­ti­on von Hans-Her­mann Hop­pe: paläo- oder rechts­li­ber­tär zwar, aber nichts­des­to­we­ni­ger libertär.

Von Volk und/oder Gemein­schaft ist dabei kei­ne Rede, ganz im Gegen­teil. “Reak­tio­när” (so man die­ses Attri­but denn posi­tiv aus­le­gen möch­te) ist dar­an also allen­falls die Form, nicht aber der Inhalt. Und iden­ti­tär – einer muß es ja mal aus­spre­chen – ist dar­an über­haupt nichts.

Dazu lie­ße sich noch viel wei­ter ins Detail gehen, ideen­ge­schicht­lich ist das Gan­ze tat­säch­lich inter­es­sant. Aber eben nicht anders: Die “Neo­re­ak­ti­on” von Cur­tis Yar­vin, Nick Land und zahl­rei­chen ande­ren Blog­gern ist seit 2014 Geschichte.

Was sich unter Trump I nach dem Zer­schel­len der Alter­na­ti­ve Right eta­blier­te, aus­ge­rech­net unter Biden in Blü­te stand und heu­te auf den Lor­bee­ren des inter­na­tio­na­len Feuil­le­tons ruht, ist kei­ne Ideo­lo­gie oder “Bewe­gung”, son­dern eine Ästhe­tik. Ein Vibe, könn­te man im der­zeit so belieb­ten Sprach­ge­brauch sagen. Doch damit ist noch nichts gewon­nen, auch wenn haupt­amt­li­che Kul­tur­kämp­fer und miß­ver­ste­hen­de “Meta­po­li­ti­ker” das nicht gern hören.

In den USA gibt es seit sechs Jah­ren eine wild­wüch­si­ge Nischen­sze­ne­rie aus Ver­la­gen und ande­ren Medi­en­pro­jek­ten, die zu fei­ern ver­steht und mit “Hes­tia” sogar eine wahn­sin­nig lus­tig benams­te eige­ne Ziga­ret­ten­mar­ke hat? Nett, aber unterm Strich auch nur eine Kon­sum­i­den­ti­tät (und über­dies durch­setzt von sexu­ell und sonst­wie Anders­ar­ti­gen). Teen­ager ver­ge­ben digi­ta­le Herz­chen für Pho­tos von alten Gemäu­ern, und der Ü50er Yar­vin insze­niert sich mit viel zu gro­ßer Motor­rad­ja­cke als jun­ger Wil­der? Unter­halt­sam, aber nicht revolutionär.

Wo mehr pas­sie­ren soll, als daß Unzu­frie­de­ne ein paar Dopa­min­schü­be ein­fah­ren, wäh­rend die Welt­ge­schich­te um sie her­um statt­fin­det, müß­te eine “Neo­re­ak­ti­on” schon ande­re Form anneh­men als “Reak­tio­nen” auf Bei­trä­ge in sozia­len Medien.

Apro­pos sozia­le Medi­en: Falls in Wien nach dem ange­kün­dig­ten Vor­trag noch eine Dis­kus­si­on statt­fin­den soll­te, wäre das der rich­ti­ge Auf­hän­ger. Denn eben­dort hat Yar­vin selbst – gemau­sert vom Trump-Ver­äch­ter zum Trump-Enthu­si­as­ten – die gesam­te his­to­ri­sche “Neo­re­ak­ti­on” rela­ti­viert und sich selbst in die­sem Zusam­men­hang als “libe­ra­ler Trot­tel und Feig­ling” bezeichnet.

Auch Nick Land konn­te rück­bli­ckend nur zutref­fend ana­ly­sie­ren: Bereits die ers­te, um so mehr die zwei­te Wahl Trumps zum US-Prä­si­den­ten habe die eli­tä­ren und anti­po­pu­lis­ti­schen The­sen der “Neo­re­ak­ti­on” eben gera­de wider­legt und nicht etwa bestätigt.

Das eröff­net eine Men­ge inter­es­san­ter Fra­gen nach dem Erbe und der Zukunft von Cur­tis Yar­vin und denen, die sich für ihn inter­es­sie­ren. Es steht zu hof­fen, daß mor­gen auch die­se Per­spek­ti­ve zur Spra­che kom­men wird. Die Erfah­rung zeigt, daß die­ser “Neo­re­ak­tio­när” erst dann rich­tig inter­es­sant wird, wenn man ihn von rechts angeht – meis­ter­lich vor­ex­er­ziert schon 2020 bei Hyper­pod­cas­tism.

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Nils Weg­ner hat über die Denk­schu­le der Neo­re­ak­ti­on, ihre Ver­tre­ter und deren Platz in der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten die ein­zi­ge deutsch­spra­chi­ge Ein­füh­rung ver­faßt: Neo­re­ak­ti­on und Dunk­le Auf­klä­rung. Die rechts­li­ber­tä­re Ver­su­chung. 2., erwei­ter­te Auf­la­ge, 140 Sei­ten, 14 € – hier bestel­len.

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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