Sezession
17. April 2010

Antirassistische Comics

Martin Lichtmesz

Wie aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, habe ich eine Schwäche für propagandistische Comics, die umso unterhaltsamer sind, je durchsichtiger ihr pädagogischer Gestus ausfällt. Leidlich unterhaltsam, allerdings eher im Bereich des Schwarzen Humors angesiedelt, ist auch das meiste, was täglich in den Nachrichten aus der kranken, wirklichkeitsfremden und absurden Welt des Antirassismus berichtet wird.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Besonders die USA und Großbritannien tun sich darin zum Teil auf groteske Weise hervor.  Wer die Entwicklungen in diesen Ländern verfolgt, kommt nicht an der Erkenntnis vorbei, daß das Anwachsen von "diversity" in einer Gesellschaft die Sensibilität für Unterschiede nicht zum Verschwinden bringt, sondern vielmehr zu einer gereizten Über-Bewußtheit steigert.

Das gilt besonders, wenn selbst die bloße Wahrnehmung und Benennung dieser Unterscheide zunehmend tabuisiert wird. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, der nach immer neuen Kujonierungen verlangt, um den Topf auf dem Deckel zu halten. Das Post-Racial America des Barack Obama etwa ist vielmehr zum Hyper-Racial-Awareness America geworden, in dem der "Antirassismus" neopuritanische Züge angenommen hat.

Daß der Begriff des "Puritanertums" hier mehr als nur eine Metapher ist, habe ich in diesem Blog darzulegen versucht. Damals schrieb ich:

Hier hat sich eine Form von modernem Puritanismus entwickelt, komplett mit den puritanischen Krankheiten des Pharisäertums, der Säuberungswut, der Fremdprojektion auf andere, und ja: der Intoleranz.  Henry Mencken sagte einmal, ein Puritaner sei ein Mensch, der in der quälenden Angst lebe, irgendjemand könnte irgendwo Spaß haben.  Man könnte das leicht auf unsere heutigen „Rassismus“-Besessenen umformulieren.  Ein Antirassist ist jemand, der in der quälenden Angst lebt, irgendwo könnte irgendwer irgendjemanden diskriminieren. Was in der viktorianischen Zeit oder in manchen Perioden des Mittelalters der Sex war, ist heute die „Rasse“ oder der „Rassismus“.

Um nun auf die Propaganda-Comics zurückzukommen: ein solches entdeckte ich zufällig beim Surfen auf der offiziellen Netzseite der Europäischen Union in der "Jugendlichen"-Sektion,  zum freien Herunterladen als PDF-Datei. "Ich, Rassist?" demonstriert ziemlich gut, was ich mit der These vom "Neopuritanismus" meine. Die Titelseite zeigt die multikulturell durchmischten Hauptfiguren, darunter ein Schwarzer, der lustigerweise ausgerechnet auf den Namen "Dieudonné" hört, hinter deren Rücken sich, unerkannt von ihnen selbst, lange dunkle Schatten bilden, die Schatten ihrer eigenen uneingestandenen "Vorurteile".

Diese aufzuzeigen, ist nun das Anliegen der kurzen, humorigen Episoden im Stil der "ligne claire". Dabei ist der Autor so gründlich vorgegangen, daß das ganze Anliegen der Broschüre mehr oder weniger nach hinten losgeht. Denn die Diskriminierung ist derart universell und allgegenwärtig, daß es kein Entrinnen gibt. Dieudonné im Hip-Hopper-Outfit kommt an einer Gruppe weißer Männer in Hemd und Krawatte vorbei, die sich über ihn lustig machen. Als er auf seine farbigen "Homies" trifft, die alle gekleidet sind wie er selbst, verhalten diese sich genauso herablassend gegenüber einem weiteren weißen Mann im Anzug.

In einer anderen Episode wird ein Ringelreihen der "Diskriminierungen" dargestellt: der fette, häßliche, hitlerbürstchentragende Rassist "Herr Xeno" (übrigens der einzige Charakter des Heftchens, der wirklich abstoßend gezeichnet und charakterisiert wird) pöbelt Dieudonné an, weil er schwarz ist. Dieser sieht ein paar weiße Männer vor dem Arbeitsamt und hält sie für faule "Drückeberger", die eigentlich nicht arbeiten wollen; die Männer pfeifen "sexistisch" einer Frau hinterher, die sich wiederum "homophob" vor zwei händchenhaltenden Schwulen ekelt; diese wiederum beäugen argwöhnisch eine muslimische Frau und ihr Kind  ("Die wollen sich doch gar nicht anpassen!"), und das Kind schließlich verhöhnt "Herrn Xeno" als "dicken Mann".



Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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