Antirassistische Comics

Wie aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, habe ich eine Schwäche für propagandistische Comics, die umso unterhaltsamer sind, je durchsichtiger ihr pädagogischer Gestus ausfällt. Leidlich unterhaltsam, allerdings eher im Bereich des Schwarzen Humors angesiedelt, ist auch das meiste, was täglich in den Nachrichten aus der kranken, wirklichkeitsfremden und absurden Welt des Antirassismus berichtet wird.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Beson­ders die USA und Groß­bri­tan­ni­en tun sich dar­in zum Teil auf gro­tes­ke Wei­se her­vor.  Wer die Ent­wick­lun­gen in die­sen Län­dern ver­folgt, kommt nicht an der Erkennt­nis vor­bei, daß das Anwach­sen von “diver­si­ty” in einer Gesell­schaft die Sen­si­bi­li­tät für Unter­schie­de nicht zum Ver­schwin­den bringt, son­dern viel­mehr zu einer gereiz­ten Über-Bewußt­heit steigert.

Das gilt beson­ders, wenn selbst die blo­ße Wahr­neh­mung und Benen­nung die­ser Unter­schei­de zuneh­mend tabui­siert wird. Dadurch ent­steht ein Teu­fels­kreis, der nach immer neu­en Kujo­nie­run­gen ver­langt, um den Topf auf dem Deckel zu hal­ten. Das Post-Racial Ame­ri­ca des Barack Oba­ma etwa ist viel­mehr zum Hyper-Racial-Awa­reness Ame­ri­ca gewor­den, in dem der “Anti­ras­sis­mus” neopu­ri­ta­ni­sche Züge ange­nom­men hat.

Daß der Begriff des “Puri­ta­ner­tums” hier mehr als nur eine Meta­pher ist, habe ich in die­sem Blog dar­zu­le­gen ver­sucht. Damals schrieb ich:

Hier hat sich eine Form von moder­nem Puri­ta­nis­mus ent­wi­ckelt, kom­plett mit den puri­ta­ni­schen Krank­hei­ten des Pha­ri­sä­er­tums, der Säu­be­rungs­wut, der Fremd­pro­jek­ti­on auf ande­re, und ja: der Into­le­ranz.  Hen­ry Mencken sag­te ein­mal, ein Puri­ta­ner sei ein Mensch, der in der quä­len­den Angst lebe, irgend­je­mand könn­te irgend­wo Spaß haben.  Man könn­te das leicht auf unse­re heu­ti­gen „Rassismus“-Besessenen umfor­mu­lie­ren.  Ein Anti­ras­sist ist jemand, der in der quä­len­den Angst lebt, irgend­wo könn­te irgend­wer irgend­je­man­den dis­kri­mi­nie­ren. Was in der vik­to­ria­ni­schen Zeit oder in man­chen Peri­oden des Mit­tel­al­ters der Sex war, ist heu­te die „Ras­se“ oder der „Ras­sis­mus“.

Um nun auf die Pro­pa­gan­da-Comics zurück­zu­kom­men: ein sol­ches ent­deck­te ich zufäl­lig beim Sur­fen auf der offi­zi­el­len Netz­sei­te der Euro­päi­schen Uni­on in der “Jugendlichen”-Sektion,  zum frei­en Her­un­ter­la­den als PDF-Datei. “Ich, Ras­sist?” demons­triert ziem­lich gut, was ich mit der The­se vom “Neopu­ri­ta­nis­mus” mei­ne. Die Titel­sei­te zeigt die mul­ti­kul­tu­rell durch­misch­ten Haupt­fi­gu­ren, dar­un­ter ein Schwar­zer, der lus­ti­ger­wei­se aus­ge­rech­net auf den Namen “Dieudon­né” hört, hin­ter deren Rücken sich, uner­kannt von ihnen selbst, lan­ge dunk­le Schat­ten bil­den, die Schat­ten ihrer eige­nen unein­ge­stan­de­nen “Vor­ur­tei­le”.

Die­se auf­zu­zei­gen, ist nun das Anlie­gen der kur­zen, humo­ri­gen Epi­so­den im Stil der “ligne clai­re”. Dabei ist der Autor so gründ­lich vor­ge­gan­gen, daß das gan­ze Anlie­gen der Bro­schü­re mehr oder weni­ger nach hin­ten los­geht. Denn die Dis­kri­mi­nie­rung ist der­art uni­ver­sell und all­ge­gen­wär­tig, daß es kein Ent­rin­nen gibt. Dieudon­né im Hip-Hop­per-Out­fit kommt an einer Grup­pe wei­ßer Män­ner in Hemd und Kra­wat­te vor­bei, die sich über ihn lus­tig machen. Als er auf sei­ne far­bi­gen “Homies” trifft, die alle geklei­det sind wie er selbst, ver­hal­ten die­se sich genau­so her­ab­las­send gegen­über einem wei­te­ren wei­ßen Mann im Anzug.

In einer ande­ren Epi­so­de wird ein Rin­gel­rei­hen der “Dis­kri­mi­nie­run­gen” dar­ge­stellt: der fet­te, häß­li­che, hit­ler­bürst­chen­tra­gen­de Ras­sist “Herr Xeno” (übri­gens der ein­zi­ge Cha­rak­ter des Heft­chens, der wirk­lich absto­ßend gezeich­net und cha­rak­te­ri­siert wird) pöbelt Dieudon­né an, weil er schwarz ist. Die­ser sieht ein paar wei­ße Män­ner vor dem Arbeits­amt und hält sie für fau­le “Drü­cke­ber­ger”, die eigent­lich nicht arbei­ten wol­len; die Män­ner pfei­fen “sexis­tisch” einer Frau hin­ter­her, die sich wie­der­um “homo­phob” vor zwei händ­chen­hal­ten­den Schwu­len ekelt; die­se wie­der­um beäu­gen arg­wöh­nisch eine mus­li­mi­sche Frau und ihr Kind  (“Die wol­len sich doch gar nicht anpas­sen!”), und das Kind schließ­lich ver­höhnt “Herrn Xeno” als “dicken Mann”.

 

Ein wei­te­re Epi­so­de zeigt nun, daß Herr Xeno so “xeno­phob” per se gar nicht ist, und die­se geht wohl am dicks­ten von allen nach hin­ten los. Bild 1 zeigt ihn “miß­mu­tig” inmit­ten sei­ner Hei­mat­stadt, die offen­bar dicht “mul­ti­kul­tu­rell” über­frem­det ist: “Die­ses Gewim­mel! Wie im Ori­ent! Die­ses fremd­län­di­sche Gedu­del! Man kommt sich vor wie auf dem Basar! Und dann lau­fen noch alle im Kaf­tan rum! Und die­ser Krach!… Ich werd noch wahnsinnig!”

Das nächs­te Bild nun zeigt ihn im Urlaub in einem ori­en­ta­li­schen Land, wo er nun von der “Fremd­heit” des Ambi­en­tes hell­auf begeis­tert ist: “Ah, die­se lan­des­ty­pi­sche Musik! Das geht rich­tig ins Blut! Die­se Gewän­der, die­se Far­ben und Gerü­che! Phantastisch!”

Nun, es leuch­tet wohl ein, daß es etwas ande­res ist, den Ori­ent tag­täg­lich vor der Haus­tür zu haben, als ihn auf begrenz­te Zeit als Gast zu besu­chen, und anschlie­ßend wie­der ins Ver­trau­te heim­keh­ren zu kön­nen. Aber der arme Herr Xeno hat, so scheint es, kein un-okku­pier­tes Eige­nes mehr, in das er sich zurück­zie­hen könn­te.  Sei­ne Frus­tra­ti­on und Gereizt­heit haben einen völ­lig nach­voll­zieh­ba­ren Grund. Die­se bei­den Bild­chen sind eine schla­gen­de “eth­nop­lu­ra­lis­ti­sche” Illus­tra­ti­on, auch wenn der Zeich­ner in einem nai­ven den­ke­ri­schen Kurz­schluß damit wohl bloß die “Vor­ur­tei­le” von Herrn Xeno ad absur­dum füh­ren wollte.

Auch die rest­li­chen Epi­so­den des Ban­des las­sen ihre Figu­ren stän­dig in neue “Vor­ur­tei­le” und “Dis­kri­mi­nie­run­gen” man­nig­fachs­ter Art stol­pern. Die­se wach­sen nach wie Hydra-Köp­fe und bil­den ein Netz, gegen das nie­mand gefeit ist und aus dem es kein Ent­rin­nen gibt. Das könn­te nun so ewig ad nau­seam wei­ter­ge­hen, wie in einer Erzäh­lung von Bor­ges oder Kaf­ka.  Die “Viel­falt” schließt sich zum klaus­tro­pho­bi­schen Alp­traum, in dem es kein Anders­wo mehr gibt – und nach dem Wunsch der ein­schlä­gi­gen Ideo­lo­gen auch nicht geben darf, denn das wür­de ja – huch! – nur prak­ti­zier­te “Aus­gren­zung” bedeuten.

All das muß der Autor die­ses Comics auch gespürt haben, denn das Heft­chen endet mit einer selt­sam zwei­späl­ti­gen Sze­ne. Noch ein­mal tau­chen die Figu­ren ein­zeln auf und ver­su­chen die Din­ge auf den Punkt zu brin­gen. Der Schwar­ze: “Irgend­wie ist jeder auf sei­ne Wei­se Ras­sist! Machen wir uns da nichts vor!” Ein Wei­ßer: “Ras­sist? Was heißt das schon? … War­um sind die Frau­en in der Wer­bung immer blond?” Die dun­kel­haa­ri­ge Frau: “Die Medi­en sind mit­ver­ant­wort­lich für die Ver­brei­tung fal­scher Ideen.” Der Tür­ke: “Die einen bemü­hen sich, die ande­ren het­zen zu Haß und Frem­den­feind­lich­keit auf! Sie haben aus der Geschich­te nichts gelernt!” Die blon­de Frau: “Jeder hat ein Recht auf poli­ti­sche Mei­nung, Reli­gi­on, Lebens­stil… Auf uns kommt es an, wir müs­sen die Welt verändern.”

Und dann ste­hen die Prot­ago­nis­ten schwei­gend, mit ver­quäl­ten Mie­nen, in einem Grup­pen­bild zusam­men, offen­bar erdrückt von der Last ihrer eige­nen unver­ein­ba­ren und unmo­bi­li­sier­ba­ren “diver­si­ty”. “Packen wir’s an!” sagt schließ­lich die blon­de Frau, aber die Grup­pe bleibt wei­ter­hin blei­ern, wie ange­wach­sen ste­hen, und nur ein leich­tes Zucken und Zäh­ne­zu­sam­men­bei­ßen geht durch ihre Mie­nen. E plu­ri­bus unum?

Ein sol­ches Maß an ver­zag­ter Infra­ge­stel­lung der eige­nen “Mes­sa­ge” in einer offi­ziö­sen Pro­pa­gan­da­bro­schü­re ist schon beacht­lich. Der beglei­ten­de Text indes­sen fährt klar die Linie der Pro­pa­gie­rung des “Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus” und des­sen Regu­lie­rung durch ein staat­lich gesteu­er­tes ( und not­ge­drun­gen immer ver­wi­ckel­ter wuchern­des) “diver­si­ty manage­ment”. All das sind wohl­ge­merkt offi­zi­el­le Leit­li­ni­en der EU-Politik.

Die hoff­nungs­lo­sen Apo­rien die­ses Unter­fan­gens lie­gen jedoch offen zuta­ge. Zitat aus dem Begleit­text zu dem Comic:

Zu den größ­ten gesell­schaft­li­chen Auf­ga­ben in Euro­pa gehört die Inte­gra­ti­on der ver­schie­de­nen Grup­pen unter­schied­li­cher kul­tu­rel­ler Prä­gung. Grund­la­ge der Poli­tik waren bis­her Kon­zep­te, Wer­te und Model­le, die von der vor­herr­schen­den Kul­tur vor­ge­ge­ben waren. Die Beto­nung von Ähn­lich­keit und Ein­heit­lich­keit grenzt jedoch die­je­ni­gen aus, die die­ser Defi­ni­ti­on nicht entsprechen.

Mit ande­ren Wor­ten: die Grund­la­gen der “vor­herr­schen­den”, sprich aut­hochtho­nen Kul­tur, die “bis­her” Gül­tig­keit hat­ten, müs­sen nun angepaßt und abge­baut wer­den, um bloß nur “Aus­gren­zung” der­je­ni­gen, die ande­re “Kon­zep­te, Wer­te und Model­le” als Grund­la­ge aner­ken­nen, zu ver­mei­den. Was aber nun, wenn die­se ihrer­seits nicht bereit sind, ihre eige­ne  “Beto­nung von Ähn­lich­keit und Ein­heit­lich­keit” auf­zu­ge­ben, sich also kei­nes­wegs “ein­gren­zen” las­sen? Es liegt klar auf der Hand, daß die­ses Kon­zept ein Ding der Unmög­lich­keit ist, so uner­füll­bar wie ein Zen-Koan.

Als nächs­ter Schritt müß­ten die reni­ten­ten Hir­ne selbst umge­polt wer­den, und hier beginnt die “puri­ta­ni­sche” Gewis­sens­prü­fung, die eng ver­wandt ist mit der berüch­tig­ten “sozia­lis­ti­schen Selbst­kri­tik” von Anno Stalin:

Die Bekämp­fung des Ras­sis­mus setzt eine Selbst­ana­ly­se vor­aus. Ras­sis­mus äußert sich nicht allein in aggres­si­vem Ver­hal­ten, son­dern viel­mehr in sub­ti­le­ren For­men der Ableh­nung des Anders­seins. Es han­delt sich dabei um die ver­schlei­er­te Aus­gren­zung der­je­ni­gen, die nicht zu einer Grup­pe gehören.

Die blei­er­ne Melan­cho­lie der Comic­s­hel­den am Ende der Geschich­te resul­tiert wohl aus der Ein­sicht, daß man ange­sichts die­ser tyran­ni­schen Defi­ni­ti­on gar nichts ande­res als ein “Ras­sist” sein kann. Man ist auf ewig in die Erb­sün­de der “Aus­gren­zung” und Prä­fe­renz des Eige­nen ver­strickt. Jeder Befä­hi­gung und Nei­gung zur posi­ti­ven “Dis­kri­mi­nie­rung”, die erfah­rungs­ge­mäß eben­so spon­tan und natür­lich auf­tritt, wie die ero­ti­sche Attrak­ti­on, folgt als unver­meid­ba­re Kehr­sei­te die nega­ti­ve “Dis­kri­mi­nie­rung”. Wer nicht mehr “dis­kri­mi­niert”, wört­lich: “unter­schei­det”, ist so gut wie tot.  Bald beginnt man, zum Bigot­ten und Heuch­ler zu wer­den, und an ande­ren zu ver­fol­gen, was man in sich selbst nicht unter­drü­cken kann. Am Ende bleibt wohl nur mehr die Ein­wei­sung der unver­bes­ser­li­chen “Dis­kri­mi­nie­rer” ins “Death Camp of Tole­ran­ce“aus der gleich­na­mi­gen Epi­so­de von South Park.

Dar­auf ant­wor­ten die mul­ti­kul­tu­rel­len Ideo­lo­gen, die prak­tisch sämt­li­che poli­ti­sche Schlüs­sel­po­si­tio­nen, an denen über die­se Fra­gen ent­schie­den wird, besetzt hal­ten, mit einer noch sen­ti­men­ta­le­ren, noch ein­fäl­ti­ge­ren Glo­ri­fi­zie­rung der “Viel­falt”, mit einem noch lau­te­ren Ruf nach noch mehr “diver­si­ty”, bis es kei­nen ein­zi­gen Ort mehr gibt, der nicht davon in Stü­cke zer­teilt ist – und natür­lich mit einer noch hys­te­ri­sche­ren Dif­fa­mie­rung der­je­ni­gen, die die­sem Wahn­sinn zu wider­spre­chen wagen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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